Nr. 1S 10. Mai 1868. Mrgsburger Willig trägt der Esel jede Last, Treibt ihn nur die Peitsche ohne Rast. Willig weiß von Disteln er zu leben, — Wer wird dann wohl Ananas ihm geben? Ein Nichtaufgebesserter. Sanct Jarthelinä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) „Zu wild bin ich Dir?" fuhr sie grimmig fort. „Meine Leidenschaft tadelst Du — Elender, die Leidenschaft für Dich? Was suchst Du Dich hinter Ausflüchten zu verbergen? Falscher — tückischer Deutscher, Du bist zu feig, Dein wahres Gesicht zu zeigen, Deine wahre Gesinnung vor Dir selber zu bekennen! So will ich es für Dich thun! Tadle Dich selbst und Deinen Wankelmuth! Dein flatterhaftes Herz weiß nicht, was Liebe ist — im Sinnenrausche taumelt es von einer Blume zur andern . . . nicht wegen meines Ungestüms haft Du mich verlassen, nein, wegen Deines eigenen Unbe- standes! Nur der Augenblick ist es^ der Dich fesselt — was bannte sonst Deinen Fuß in nächtlicher Weile an diese Stelle? — Aber noch bin ich bereit, Alles zu vergessen! Unter dem Vorwande einer Wallfahrt bin ich, von wenigen Dienern geleitet, den Meinen entflohen — ich bin Dir nachgereist und habe Deine Spur bis hieher verfolgt, Dir das zu sagen! Gedenke Deiner Schwüre, Dictwalt, und kehre zu mir zurück! Ich liebe Dich noch — sei wieder mein, tilge die Schmach, die Du auf mich gehäuft — ich bin von edlem Stamme, das Bündniß mit mir entehrt Dich niasi... O kehre zurück! — Laß mich wieder Dein sein, mache, daß ich Dir verzeihen, daß ich die finsteren entsetzlichen Gedanken verscheuchen kann, die meinen Sinn umfloren, wie ein furchtbar heraufsteigendes Ungewitter . . . verschmähe, verstoße dieß Herz nicht von Dir, und ich will es bändigen, minder heiß zu schlagen: ich will es zwingen, bis es die Sanftmuth einer Taube gelernt..." Ferne Männerstimmen wurden hörbar und unterbrachen sie. „Man kommt..." rief Dictwalts Diener herbeistürzend. „Wenn Ihr nicht gesehen sein wollt, mein Prinz..." „Hinweg," rief dieser und schleuderte AmalaswinthcnS Arm von sich, „wir haben nichts mehr miteinander gemein auf Erden..." „Ist das Deine Antwort?" rief sie keuchend vor Ingrimm, während Dietwalt enteilte und im Dunkel verschwand; mit unsicherer zitternder Hand lastete sie am Gürtel herum, als suche sie den dort steckenden Dolch, um mit ihm dem Entflohenen nachzustürzen — dann besann sie sich und stand einen Augenblick schweigend, hochaufgerichtet, die geballte Rechte wie zu Schwur und Drohung erhoben. „Geh' hin," murmelte sie, sich in ihr Gewand hüllend, „meine Antwort auf diese Stunde werd' ich Dir nicht schuldig bleiben!" — Ueber den Fluß her verkündigte das Blasen der Jagdhörner, daß der Bajoaren- 146 Herzog Theodo vom Waidwerk zurückgekehrt sei, und daß Mahl und Herberge für ihn gerüstet werde. Der weite viereckige Platz, einst das Forum der Römerstadt, ließ vielfach gewahren, daß ordnende Hände bereits emsig begonnen hatten, ihn von den Trümmern zu befreien und zum Mittelpunkt eines neuen Lebens und Verkehrs zu machen — dennoch aber waren überall hin noch genug Spuren der Zerstörung und jahrhundertlanger Verödung zu erblicken. Noch lagen rings die Bruchstücke eingestürzter Giebelfelder, zerbrochene Säulen, zerschlagene Capitäle umher, von Strauch und Baum überwachsen und getrennt, und manche Wand, aus dem röthlichen Gestein des nahen Untcrsbergs gefügt, war, mürbe gemacht von Zeit und Wetter, in langen Nissen geborsten und neigte sich dem baldigen Falle entgegen. Im Mittelgrunde des Platzes führten die zerbröckelnden Stufen einer breiten Marmortreppe in eine ebenfalls ruinenhafte Vorhalle hinauf, deren Säulen meist abgebrochen umher lagen, zum Theil aber noch in alter unversehrter Schönheit emporstiegen, geschützt durch das Steingebülk der Gesimse und Architraven, das sie zugleich überdachte und zusammen hielt. Aus dem Portikus führte die Hauptpforte des einstigen Temp-ls in einen großen viereckigen, noch vollkommen wohl erhaltenen Raum, der eben deßwegen, durch aufgestellte Feuerpfanncn erhellt, einen wohlthuenden und in Mitte der allgemeinen Zerstörung selbst unmuthigen Anblick gewährte. Irgend ein Zufall mochte die Decke vor dem Einstürze bewahrt haben und so hatte es nicht vieler Mühe bedurft, den Raum zu reinigen und zum Tafelsaal des Herzogs einzurichten. Die Wände, aus künstlichem grünen Stein getäfelt, waren mit breiten Säumen und Streifen von wechselnder Farbe eingefaßt: in der Mitte waren Bilder angebracht, kunstvoll aus bunten Stcinchcn zusammengesetzt, die Arbeiten des Herkules aus der altrömischcn Götterlehre darstellend: der Bilderschmuck zeigte, daß dieß einst die Cella, das innerste Heiligthum des Tempels gewesen, und daß dieser dem genannten Gölte gewidmet war. Ein halb umgestürztes Fußgcstell bezeichnete noch den Ort, wo einst dessen Bildsäule gestanden; sie selber lag unbeachtet in der Ecke, in Trümmern, zu denen sie im Sturze sich selbst zerschmettert und auch weit um sich her die zierlichen Linien und Zeichnungen des eingelegten bunten Steinbodens vernichtet hatte. Unweit davon stand jetzt eine lange Tafel gerüstet, mit manch' kostbarem und zierlichem Speise- und Trink-Geräthe bestellt, umgeben von Stühlen, Armsesseln und Sitzbänken, deren verschiedene Formen verriethen, daß das Bedürfniß des Abends sie von verschiedenen Orten zusammengeholt hatte. Der Saal war schon ansehnlich gefüllt; die Begleiter und Iagdgefährten des Herzogs, die bajuarischen Vornehmen, die Langobarden- Edelinge standen und schritten plaudernd hin und her; > ährend in der Ecke die wälschen Tonkünstler sich zurecht richteten, mit ihrer Kunst das Mahl zu würzen und den Sinn der Gäste zu erheitern. Verwundert standen die einheimischen Bläser, die sonst mit ihren Hift- und Harst-Hörnern das Vergnügen der Tafelmusik zu besorgen hatten, zur Seite, nicht ohne mißgünstige Geringschätzung die zierlichen Instrumente und deren noch zierlichere Meister betrachtend. Am Eingang, wo einige stämmige Bajoaren mit Bickel- Haube und Halsberg, Schild und Spieß, Wache hielten, standen die Jagdknechte und Falkner beisammen, diese noch mit ihren verkappten Thieren auf der Schulter, jene die Jagdbeute ordnend, die in buntem Gewirr hinter ihnen lag, bereit, sie zu zeigen und das Lob der Vögel und Hunde zu empfangen, wenn es dem einen oder andern Gaste gefiel, stehen bleibend, dies reiche Erträgniß der Jagd oder die waidgerechte Art zu rühmen, wie hier ein Reiher gerade recht am Halse gefaßt oder daß ein Füchslein mit sicherem Bolzen mitten in's Auge getroffen war. Unter ihnen standen auch einige Pfannemneistcr und Salzsicder, die, znr Begrüßung des Landesherrn und zum Empfang seiner Befehle aus den Verbergen hereingekommen waren, wo in der Ebene vor dem Staufen die reichen Salzquellen aus dem Gestein brachen und der neuen Ansiedelung den Namen gaben. 147 Herzog Theodo selbst hatte am obern Ende des Saales auf einem Ruhebette Platz genommen, Pläne und Urkunden prüfend, die neben ihm ausgebreitet lagen. Er war ein Greis mit fast ganz kahlem Haupt und vollständig zu Silber gewordenen Barte, der bis zum Gürtel weich und wellig hcrniederhiug, Wangen und Antlitz aber waren frisch und rosig, wie die eines Jünglings; Haltung, Wort und Gebcrde lebhaft und markig gleich der eines rüstigen Mannes. Er mochte wohl bedacht haben, daß das Ziel seiner irdischen Laufbahn nicht mehr allzu ferne sein konnte: darum war es seinem Gemüthe ein frommes Bedürfen gewesen, nach Rom zu pilgern und am Grabe des heiligen Sendboten Petrus seiner Andacht zu genügen. Von dieser Romfahrt war er eben zurückgekehrt und erzählte davon den vor ihm stehenden und ehrerbietig lauschenden Mönchen, deren ernste Mienen ebenso wie ihre dunklen Gewänder sich feierlich abhoben von der bunten Farbenpracht der sie umgebenden lebensvollen Fröhlichkeit. Er erzählte, wie er die alte herrliche, allgemach aus dem Verfall wieder erstehende Capitolstadt durchwandert und geschaut, wie er Bischof Grcgorius begrüßt, der auf dem päpstlichen Stuhle sitzend, Rom eine zweite Weltherrschaft vorbereitete und schuf. Dann wandte er sich wieder zu den Zeichnungen und Entwürfen zurück und sprach seine Freude aus, wie rasch die neue Stadt aus den Ruinen der römischen Juvavia sich erhebe. Er ermunterte und lobte die Mönche und beklagte, daß Chrodbert, ihr Vorsteher und Bischof eben abwesend und an den Rhein gereist sei, neue Arbeiter zu rufen zu dem schweren, aber so herrlichen Werke. „Saget ihm, würdige Väter," schloß der Herzog, „daß es mir sehr leid thut, daß ich von hinnen muß, ohne seinen Segen empfangen zu haben — mahnet ihn, meiner im Gebete zu denken, wenn mein Stündlcin geschlagen haben wird, und gebt ihm dieß Pergament, das ich ausgefertigt mit meinem herzoglichen Namen und unter Zeugschaft meiner Edelsten als Urkunde, daß ich seinem Kloster und der Kirche, die Ihr erbauen werdet zu Sankt Peters Ehren, die alte Römerstadt Juvavia als Schankung verliehen habe, sammt der Beste und zwei Meilen weit von jedem Ufer der Salzach an» bis zu der großen Hagbuche, die mittagwärts im freien Felde steht..." Dankend schieden die Mönche; am Eingänge waren laute Stimmen, wie im Streite begriffen, vernehmlich geworden. Fragend näherte sich der Herzog; da drängte der alte Cbriembcrt, ihn gewahrend, die Krieger bei Seite, die mit gekreuzten Spießen ihm den Eingang verwehren wollten, und trat freimüthig vor ihn hin. „Mit Gunst, Herr Herzog," sagte er, „ich will zu Euch — sagt es diesen ungeschlachten Wächtern, daß sie einem freien Mann den Zutritt zu seinem Herzog und Fürsten nicht wehren dürfen!" „Das sollen sie auch nicht," erwiderte gütig der Greis, „aber der freie Mann wird dem Herzog nicht grollen, wenn er, der Geschäfte entleidet und heute von der Jagd ermüdet, sich auch ein ruhig Stündlcin heischt!" „Ich komm' auch nicht zu Geschäften," sagte der Alte, „ich komme nur, Euch zu begrüßen und Euch, weil Ihr doch wieder einmal in unsern Gau gekommen, ein Gast- Geschenk zu bringen... Ich Hause und Hofe nicht weit vom Wildsee, Ihr habt die Salmlingc, die drinn' wohnen, weiland immer gern auf Eurer Tafel geseh'n und oft aus weiter Entfernung Boten darum geschickt; darum hab' ich Euch in dem Büchlein hier ein paar Richten dieser Fischlcin mitgebracht, die schönsten und frischesten, die nur zu haben waren!" „Schön, mein wackerer Barschalk," entgcgncte der Herzog lächelnd, „solches Geschenk nehm' ich gerne an — hab' ich doch über andern Dingen fast darauf vergessen, daß wir so nahe an den Fclsschlüudcn sind, in denen der Wildsee liegt und denke wohl, wie trefflich immer die feinen Fischlein gemundet. Der Koch soll sie sogleich noch znrecht machen, daß auch unsere werthen Gäste davon kosten und mir wirst Du gestatten, Alter, daß ich Dir ein Gegengeschenk mache . . . Doch, doch," fuhr er fort, als Chricmbcrt eine abweisende und gekränkte Gebcrde machte, „Du wirst! Mein Gegengeschenk besteht 148 darin, daß Du hier bleibst und als mein Gast Deine Gabe mit mir verzehrst ... Ist mir's doch ohnehin, als wär' eS heute nicht das erstemal, daß wir uns gegenüber steh'n!" „Sicher nicht!" rief Chriembert in hastiger Freude. „Denkt Herzog Diet wirklich noch daran?" „Freilich wohl — je mehr ich Dich betrachte, je bekannter ist mir das männlich trotzige Angesicht . . . Warst Du nicht dabei, als wir gegen die Avarcn ausgezogen, die in die karuntischen Berge eingedrungen? . . ." „Recht, Herzog," unterbrach ihn der Alte, „damals war es! An der Brücke war es über die Drau! Die Avarcn hatten sie abgeworfen, und hatten sich an ihre Katzen von Pferden angehängt und waren durchgeschwommen! Ich sehe sie noch vor mir die kleinen Gesellen mit den schwarzgelbcn Gesichtern und den schiefgeschlitzten Augen! Sie meinten, wir könnten ihnen nicht nach — wir aber waren nicht faul. . . wir sprangen ihnen nach in's Wasser, als wär' das Schwimmen unser Leben wie meinen Salmlingcn im Wildsee: trotz ihrer Pfeile und ihrer Kolbcnschlägc kletterten wir an dem Gestade hinauf, fielen sie an und kamen ihnen in den Rücken, und nun war's an uns! Nun drängten wir sie in den wilden Strom, daß sie übereinander fielen wie die Mücken, und wenn Einer davon gekommen ist vor dem Ersaufen, . . . beim Donar, unsere Schuld ist's nicht gewesen!" „Es war ein heißer Tag, Alter," erwiderte der Herzog und klopfte ihm lächelnd auf die Schulter, „aber wir haben Beide redlich unsere Arbeit dabei gethan — darum dürfen wir uns auch die Ruhe behagen lasten und die Kühle des Abends!" An der Thüre entstand abermals ein Aufenthalt und Gcdräng; ein Diener meldete, ein junger Bajoar sei draußen mit eilfertigem Gesuch an den Herzog, und wolle sich durchaus nicht verzögern lasten. „So wollen wir ihn denn noch hören," sagte Thcodo, „vielleicht ist sein Anliegen für ihn drängender, und kann weniger warten als unsere Schüsseln und Becher..." Der Jüngling ward herbeigeführt — es war Markulf. Dem Vater wie dem Sohne entschlüpfte ein Ausruf der Verwunderung, als sie so unerwartet sich gegenüber standen. „Das fügt sich in besonderer Weise," sagte der Herzog, der es wahrgenommen, nachdem er Alles erfahren hatte, . . . „mag denn der Sohn sein Begehren sagen, ich bin ihm schon im Voraus geneigt, um des Vaters willen!" Markulf, obwohl Anfangs betroffen, hatte sich bald wieder gefaßt. „Mag ich es doch wohl bekennen, was mich hichcr geführt" — sagte er, „es ist nichts Unrühmliches! Ich bin es müde, auf der Bärenhaut zu liegen oder hinterm Pfluge herzugehen, ich will hinaus, will auch erproben, daß ich gelernt habe, Schwert und Schild zu führen . . . und Ihr, Herr Herzog, sollt mich in Euren Bann nehmen und mich dahin schicken, wo Kampf und Fehde ist. . . " „Tollkopf!" unterbrach ihn Chriembert, besten aufwallender Zorn die Anwesenheit des Fürsten nur wenig zu mäßigen vermochte. „Wie erkühnst Du Dich, Haus und Hof, die ich Dir anvertraut, zu verlassen? Meinst Du, ich durchschaue nicht, was Dir so Plötzlich die Kriegslust einflößt und Dich auf Fahrten und Abenteuer hinaus treibt! — Thut ihm den Willen nicht, Herzog — noch ist er nicht mündig und ist in Vaters Gewalt! Weist ihn zum Vater zurück — er ist toll, um einer Dirne willen!" „Ist es das?" sagte der Herzog, und ließ den milden Blick mit thcilnehmendem Wohlgefallen auf dem hübschen Jüngling ruhen. „Warum freist Du ihm dann die Dirne nicht, Alter? Gib ihm Dein Gehöft — auch ich bin eben daran, Krone und Land unter meine drei Söhne zu theilen. . . Zur Ruh', alter Kriegsgenosse... zur Ruh', denn es will Abend werden!" „Er kann sie nicht freien," grollte Chriembert, „sie ist eine Hörige, eine Fremde aus dem Walchendorfe, drüben in der Roms-Au..." „So schlag' sie Dir aus dem Sinne, mein Sohn!" entgegnete der Herzog. „Du 149 wirst nicht freien, wie Dir nicht geziemt, wirst nicht der ärgern Hand folgen, sondern bei Deinem Vater bleiben und auf Deinem Heim..." „Er ist ein Tollkopf, sag' ich," rief Chriembert wieder, „aber ich weiß doch wohl ein Mittel, das ihn heilt! Schlag' sie Dir aus dem Sinne, Markulf. . . willst Du eine Dirne freien, die nichts von Dir wissen will?" Markulf's Augen flammten, er wollte auffahren, aber er schwieg vor dem Herzog und zerkaute sich grimmig die Unterlippe. „Die nichts von Dir wissen will!" wiederholte Chriembert. „Ich sag' es Dir noch einmal, — ich bringe Dir die LiebeSbotschaft: ich habe selbst den Werber für Dich machen wollen . . . aber sie blieb dabei, daß Du ihr nicht mehr bist, als jeder andere Waidmann oder Bergfahrer, der zu der Walchen - Atmende zu Rast und Erholung einspricht..." „Du wirst Dich fügen, mein Sohn," schloß der Herzog, indem er sich der bereits mit den Speisen besetzten Tafel zuwendete. „Lerne Geduld — auch für Dich wird einst, ... ich besorge, nur zu bald! ... die Zeit kommen, die Dich zu den Waffen ruft und Dir Gelegenheit gibt, Herz und Arm zu bewähren, wie sie Dein Vater bewährt hat an der Draubrückc ... bis dahin bleibe bei ihm und übe Sohnes-Pflicht! Du gefällst mir und so lang ich in diesen Bergen weile, sollst Du in meiner Nähe sein. Mein Sohn Diet- walt ist ein leidenschaftlicher Freund des Waidwcrks und möchte gern die Gemse jagen und den Stcinbock, hinten in den Schrofen und Schlünden des Watzmans und der Berge am Wildsee. . . Wer könnte ihm bester den rechten Stand und die Fährten zeigen und lehren? . . . Bleibe hier. Du sollst sein Führer sein!" Der Herzog setzte sich; unter den Gästen, nicht fern von ihm erhielt auch Chriembert seinen Platz. Um den Fürsten waren die älteren Männer gereiht; am Ende der Tafel hatte sich die Jugend um die fröhlichen Longobarden geschaart. Die wälschen Künstler begannen ihre heiteren Künste zu zeigen. Markulf war unbeachtet in's Freie geeilt; und an einer Säule lehnend, starrte er finster und schweigend in die finster schweigende Nacht hinaus, in seinem Herzen rang der Grimm, zum Bleiben und Ausharren gezwungen zu sein, mit dem wüthenden Schmerz, sich von der Geliebten verschmäht zu misten. Eine weiche Hand legte sich ihm sanft auf die Schulter: wie er auffahrend sich umwandte, stand die gehcimnißvolle Longobardin hinter ihm. „Was sinnst Du so und grämst Dich, junger Waidgcscll?" fragte sie, „Dir kann wohl geholfen werden . . ." Verwundert schaute er die Frauengcstalt, schwankend vernahm er ihr Wort, da siel Fackelschein , auf sie und zeigte ihm unter dem Mantel das duukclrothc Gewand, ringsum mit Schwanenflaum besetzt. „Die Walkyre!" rief er schaudernd und entfloh durch die Nacht! (Fortsetzung folgt.) Ueber die Lebensdauer verschiedener Stände. Dr. Escherich ist in seinen „hygienisch-statistischen Studien über die Lebensdauer in verschiedenen Ständen" auf Grund von 15,730 nach den Geburtsjahren registrirten, gleichzeitig lebenden öffentlichen Beamten zu nachstehenden Resultaten gelangt: 1) Greise von 80 Jahren und darüber kommen auf 1085 über 30 Jahre alte protestantische Geistliche: 2,82 Procent. Die protestantische Geistlichkeit zählt die meisten Greise unter allen Ständen, mehr als doppelt so viel, als die katholische Geistlichkeit. 2) Die F o r st b e a m t e n haben die nächstgünstige Verhältnißzahl mit 1,41 Proccnt aller ihrer Standesgenosten, welche das 80. Lebensjahr erreichen. Der regelmäßige Aufenthalt 150 in freier Luft, der Wechsel ihrer Beschäftigung, die geselligen Freuden des Forstlebens, ferner daß die verzehrenden Leidenschaften deS Ehrgeizes, der Selbstsucht, der Verweichlichung weniger veranlaßt sind, erklärt wohl dieses günstige Resultat. Z) Die Schullehrer stehen im Grade ihrer Lebenshoffnungcn den beiden vorhergegangenen Ständen am nächsten. Sie treten ein in das Greisenaltcr von 80 Jahren mit 1,13 Procent ihrer Standesgcnosscn. Bei den Vorbereitungen zum Dienst sind keine besondern Schädlichkeiten, in der Berufsbildung keine Strapazen, keine Gefahren durch Wittcrungscinflüssc, ein Wechsel und freudige Anregungen im Tagesleben, bei spärlicher Besoldung und Faniilicnsorgcn die stete Nöthigung zur Thätigkeit und eine Abhängigkeit und Disciplin, welche die egoistischen Bestrebungen des Wohllebens, des Ehrgeizes und der Habsucht nicdcrhält. 4) Die Justizbcamten erreichen nur mit 0,77 Procent das hohe Alter. Sie haben im mittleren Alter keine ungewöhnliche Sterblichkeit, aber mit dem 60. Lebensjahre vermehrt sich ungewöhnlich ihre Sterblichkeit. Ihr Stand ist ausgezeichnet durch bureaumäßigc Geschäftsübung; sie können meist eine geregelte Tagesordnung einhalten. Dieser Stand entbehrt aber mehr als alle andern der freudigen Momente in der Berufs- übung und ist mehr gedrückt, als andere Stände, durch die fortdauernde Begierde nach höherer Gunst und Stellung. Solche Gemüthsstimmungen lähmen aber bei ihrer Fortdauer Körper- und Geisteskraft. 5) Die katholischen Geistlichen haben eine alle genannten Stände überbietende Sterblichkeit im mittleren Lebensalter vom 45. bis 66. Lebensjahre. Die große Mehrzahl derselben, 95 Proccnt, sind Kuratgcistlichc, welche in der äußern Seelsorge als Pfarrer, Caplänc, Coopcratorcn meist strapaziös beschäftigt sind. 6) Die Aerzte haben die wenigste Hoffnung eines langeu Lebens und die größte Sterblichkeit in allen Altersklassen, unter allen Stünden; die extremste Sterblichkeit ist im frühesten Alter — ^ unterliegen schon vor dem 50. Lebcsjahre und vor dem 60. Lebensjahre. Dem ärztlichen Berufe müssen in seiner Allgemeinheit Gefahren angehören, welche sich bei keinem Stande in solcher Größe wiederfinden. Schon die Vorbereitungen zum Berufe sind länger dauernd, anstrengender und die Gesundheit gefährdend. Der Beruf selbst aber ist von Anfang bis zum Ende ein ruheloses Treiben, ein steter Kampf mit den organischen und socialen Feinden des Wohlseins Anderer, und mit den Gefahren für die eigene Geltung. Körper und Geist werden gleichzeitig und oft bis zur äußersten Grenze angestrengt; viele unterliegen der Ansteckung bei Krankheiten, mehrere noch den Anstrengungen und Witterungseinslüssen im Tagesbcrufe und alle werden in der Sorge niedergehalten um die Gefahren des eigenen Rufes und der ökonomischen Existenz. Es gibt keine Sinecuren, keine äußere Ehre, keine Unabhängigkeit in diesem Berufe, kein Verdienst, keine Sicherung der ökonomischen Existenz als im Gelingen der persönlichen Geltung und Vorzüge. Von 100 in diesen Stand Eingetretenen erreichen nur 26 das 50. Lebensjahr. Gegenüber diesen Erfahrungen gehört wahrlich Muth dazu, in diesen Stand einzutreten, und mehr Anerkennung sollte ihnen in dem kurzen Leben werden. Im Großen und Ganzen werden von keinem Stande größere und unbelohnte Wohlthaten und Dienste der Menschheit täglich geleistet, als von Aerzten. Sie lernen sich den Menschen und Verhältnissen am meisten accommodiren, und sind im Prinzipe und in der Praxis die humansten, erfahrensten und deßhalb nachsichtigsten Beurtheiln aller menschlichen Verhältnisse. 151 Frühling außen, Frühling innen. Viel tausendmal sei mir gegrüßt, Du jugendlicher Held! So rufst du, wenn der Lenz dich küßt, Der Liebling aller Welt! Zerstäubt ist ja das Leichentuch Des Winters, blaß und fahl, Dahin des Sterbens Pestgeruch, Nur Leben überall! Wie stärket sich das Auge jetzt Am neuen frischen Grün, Den Blümlein dann, die sich gesetzt Auf diesen Teppich hin! Aus düstrer Stube treibt's dich fort Hinaus auf Flur und Wald; Denn Lerchen, Amseln wollen dort Nicht singen unbezahlt! Wer sollte auch nicht freudenvoll Sie loben ob der Müh', Mit der sie wcih'n als Ehrenzoll Dem Schöpfer Harmonie! In ihren Sang nun stimme ein O theures Menschenherz, Erschwinge mit den Vögelein Dich munter himmelwärts! Doch ach; wie traurig fällt's mich an So plötzlich — und warum? Wiewohl jetzt alles jubeln kann. Möcht' ich fast werden stumm! Du Menschenherz, du bist's allein, Das mich zur Trauer stimmt! Bei dir will's oft nicht Frühling sein, Wic's auch für dich geziemt! Der Sünde harte Kruste deckt Dich zu, wie festes Eis, Der Reue Thräne nicht erweckt Das kleinste Tugendreis! Den heil'gen Engeln ist's verwehrt, Zu schauen rein und klar Des Herzens Büchlein unbekehrt Ist's frostig und ganz starr! Der Gnade Sonne scheint gar heiß Schon lang anf selbes hin! O laß doch schmelzen dieses Eis Und ändre deinen Sinn! Der Buße blaues- Veilchen blüh' Auf thränenfeuchtem Grund; Denn ohne Buße wirst du nie Vom Herzen aus gesund! Zu diesem Blümchen werden sich Gesellen andre bald, So daß, wenn nur die Sünde wich. Entsteht ein Blümchenwald. Dahin der Herr dann Engel schickt Hinweg von seinem Thron, Damit ein jeder Blumen pflückt Für deine Hiinmelskron! Welch' Freude für die Engel doch Ein solches Herz mag sein, Wo weggeräumt des Winters Joch Erwacht der Frühling rein! Erstanden ist der holde Mai, Er blüht auf Feld und Flur Es ist geworden alles neu Im Kreise der Natur! Doch unser Herz eS fei're mit, Es bleibe nicht zurück! Ja das, was innerlich erblüh't, Es bringt erhabner's Glück! Zum ew'gen Frühling klärt sich ja Der Seele inn'rer Glanz Und leuchtet einst, ob fern, ob nah Als goldner Himmelskranz I s. InLausanne besteht, neben der Lehranstalt für Blinde und dem Hospital für Augen» kranke, seit 1856 auch eine Druckerei von Werken für Blinde. Diese Druckerei hat im letzten Jahre ein großes Unternehmen zu Ende geführt, nämlich den Druck sämmtlicher kanonischen Schriften des alten und neuen Testamcn tes in französischer Sprache. Die Anstalt hat auch Bücher in deutscher Sprache, z. B. das Evangelium nach Johannes und das Sprachbüchlcin von TH.Schcrer in je 300 Exemplaren geliefert. Die Blinden lesen bekanntlich mit den Fingerspitzen, und damit Dieß möglich sei, müssen ihnen die Schriften erhaben und ziemlich groß vorgelegt werden. Daraus folgt, daß man das Papier nur 152 auf einer Seite bedrucken kann, und daß ein Buch für Blinde ungleich voluminöser wird als ein gewöhnliches. So Vernehmen wir aus dem kürzlich von Herrn Direktor H. Hirzel erstatteten Bericht, daß die Blindenbibcl aus 32 Bänden besteht, wovon 24 die alttesta- mentlichcn, 8 die neutestamentüchcn Schriften enthalten. Es sind im Ganzen 4595 Blätter. Eingebunden wiegt ein Exemplar 114 Pfd. hält ungefähr Kubikfuß und kostet Fr. 52. 80, bei welchem Preis überdieß nicht einmal alle Herstellungskosten strikte gerechnet sind. Im Durchschnitt wurden 264 Exemplare von jedem Buch abgezogen, im Ganzen 8441 Bünde, deren Herstellung Fr. 26,745. 70 gekostet hat; 3291 Bünde sind verkauft, 5150 noch auf Lager. Die meisten Exemplare gingen ab vom Evangelium nach Johannes und von der Apostelgeschichte, 176 und 171, die wenigsten von Obadjah und Maleachi, nämlich nur 42. Die erhaben punktirte, aber farblose Blindenschrift ist für das Auge sehr ermüdend, so daß eine Arbeitslehrerin, welche gewöhnlich die Korrektur besorgte, zwei Mai von einer gefährlichen Augenkrankheit (Jritis) heimgesucht wurde; die Blinden lesen aber mit den Fingern bald mit großer Leichtigkeit. Ein blindes Mädchen las z. B. das Evangelium nach Marcus (89 Folio- seiten) in 2 Stunden 20 Minuten, ohne irgend eine Ermüdung zu spüren, ein Knabe dasselbe gar in nur 1 Stunde 45 Minuten, war aber am Ende im Ellenbogen etwas steif geworden. Es ist auch vorgekommen, daß eine Blinde, welche zufällig wegen Frostbeulen baumwollene Handschuhe trug, trozdem ganz geläufig las. (Wie das Wetter gemacht wird.) Vor einigen Jahren gab ein Komorner Buchdrucker einen Kalender heraus, in welchem, wie dies bei Vvlkskalcndern üblich, für jeden Tag des Jahres die Witterung angegeben war. Beim 13. Februar war jedoch im Manuscript die Angabe vergessen worden, und der Setzer schickte daher den Setzer- jungen zum Herrn hinauf, der eben Tarock spielte, um ihn zu fragen, was er hinsetzen solle. Der Herr, welcher Pagat Ultimo angesagt hatte, überhört im Eifer des Spieles die Frage und stößt, da ihm der Pagat abgestochen wird, ein grimmiges „Donnerwetter!" heraus, das vom Setzerjungen als die vermeintliche Antwort in die Druckerei und vom Setzer pflichtschuldigst in den Satz befördert wird. Der Kalender erscheint mit dieser kühnen Wrtterungs - Prophezeiung und der Herausgeber wird weidlich aufgezogen. Aber siehe da, der Zufall will, daß gerade an diesem 13. Februar das seltene Phänomen eines Wintcrgcwitters sich ereignet, und seit jener Zeit schwört der Schüttler Bauer nicht höher, als auf den Komorner Kalender, von dem jedesmal die ganze Auflage vergriffen wird. Der Mensch lehrte die Zeit (durch den Glockenschlag) reden, damit sie nicht ohne Abschied entfliehe; seitdem gab jede Stunde eine Marke bei uns ab. Der Besuch ist gemacht, und wohl dem, der zu Hause war, sie mit Achtung empfing und ihre Gegenwart benutzte: sie eilen unwiederbringlich von uns und erwarten als Zeugen unserer Handlungen uns dort, wo Rechenschaft zu geben unser Aller Loos sein wird. (Wer?) In einem Provinzialblatt ward kürzlich über ein stattgehabtes Duell mit den Worten berichtet: Der eine der beiden Gegner ward tödtlich in die Brust getrostem, der andere schoß in die Luft. — Frage: Wer war sonach der Urheber der Verwundung? „So häßlich Sie sind," versicherte Jemand einer Dame, „ich gehe dennoch mit Ihnen um, als wären Sie die Schönste!" — „Und ich mit Ihnen, so dumm Sie sind, als wären Sie der Verständigste!" gab Jene zur Antwort. Druck, Brrlau und Ridalttoa des Nlirartschrn JnstilUtS von vr. M. HuiUer.