Nr. SO. 17. Mai 1868. Augsburger Soniitaas-Blatt. Daß von diesem wilden Sehnen, Dieser reichen Saat von Thränen Himmelslust zu hoffen sei, Mache deine Seele frei! Göthe. Sanct Jarthelmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) III. In der Sonne, zieh' weiter! Hier glühst 'du vergebens — Nimmer crgrünen Die Tannen, es trotzen Gwig die Gletscher: Zieh' weiter zum schönsten Winkel der Erde! Roms - Au. Mit dir zieh' ich, Wo in Blüte» reifen Goldene Nepfel Umhegt von Lorbeer Die Tiber flutet Im schönsten, liebsten Winkel der Erde! So klang es nach eintönig lang gezogener schwermüthiger Weise aus einem Hause hernieder, das an der Sonnenseite des langgestreckten Romsaucr - Thales auf sonniger Halde lag, überragt von den schlanken Stämmen und mächtigen Wipfeln einiger Kirsch- bäume. Draußen im wärmeren Flachlande war die Zeit ihrer Blüte längst vorbei, hier aber begannen die weißen Knospen eben aufzubrechen, als hätten sie verschlafen, und müßten sich wie auf einen Traum erst darauf besinnen, was ihr Brauch gewesen im heißen heimatlichen Asien. Unten am Fuße des Hügels auf dem Saumpfade, der sich daran vorüberzog, kam ein Zug von Reitern heran, deren Einer in Wehr und Waffen in beträchtlicher Entfernung voraus trabte, um zu erkunden, wohin der Weg führe und ob er wirklich für ihre Thiere gangbar und für die Herrin des Zuges rathsam sein möge. Es war Amalaswinth, die schöne Langobardin, diesmal nicht in das Gewand einer Edelfrau, sondern in die Ncisctracht gehüllt, in welcher die Kaufleute damaliger Zeit ihr fahrendes Gewerbe zu treiben pflegten. Das Kleid war wie aus Einem Stück, aus dunklem Stoff geschnitten, der die hohe Gestalt mantelhaft umhüllte; nirgends war Zier, Schmuck oder kostbar Gcrüth zu erkennen, nur vorn dunklen Hute nickten ein paar Schwungfedern, aus Schwancnflaum kunstreich gebunden. Die Maulthicre, mit mancherlei Ballen und Gepäck beladen, waren nach Art des Südens mit rothem Trottelwerk und allerlei Glöckchen behängen, die begleitenden Reiter mit ihren stattlichen Rossen sahen sich an wie ein mannhaftes und wehrbcrcites Geleite. Die Schaar zog eilfertig des Weges und doch mit einer gewissen Aufmerksamkeit, welche sich nichts entgehen ließ, was nach irgend einer Seite zu entdecken war und auf den Gedanken bringen mochte, es gelte zu suchen und jeden Augenblick bereit zu sein. 154 die gefundene Spur nicht mehr aus den Augen zu verlieren. Eben kam der voraus- trabende Reisige zurück, der Herrin zu melden, wie der Weg zwar mühselig und voll Beschwerde, aber völlig gefahrlos sei, wie er nicht vermocht habe, irgendwo die Spur „n Pfcrdehuf oder Mannesfuß zu gewahren und wie eine kleine Strecke aufwärts an der Achc, welche ihnen aus dem Hintern Thale entgcgengesaust komme, eine ansehnliche Mühle zu erblicken sei, in welcher sich wohl eine Herberge für die Herrin und Unterkunft für die Thiere hoffen lasse. Die Reiterin vernahm nur halb die Meldung des Getreuen; sie hatte die Zügel angezogen, daß ihr Saumroß ruhig stand und sie besser den Tönen lauschen konnte, welche eben jetzt noch klarer und bestimmter den Hügel herab vernehmlich wurden. Die singende Stimme war schwach und hörte sich manchmal an, wie das Zittern einer vom Lusthauch schwach berührten Saite: dann aber wuchs sie wieder und erklang voll und mächtig, wie die Stimme des Schwans, welche der Sage nach nie schöner, nie voller ertönen soll, als wenn er sie mit der letzten schwindenden Kraft des Lebens erschallen läßt. „Sonderbarer Gesang," sagte Amalaswinth, „ich verstehe die Worte nicht und doch klingen sie mir nicht unbekannt, — es ist nicht die Sprache, die wir Langobarden reden, oder jene der Bajoaren ... es ist nicht Latein und doch hat es einen Anklang von allem Diesem..." „Kennst Du die Mundart nicht?" erwiderte der Anführer des Zugs. „Ich erinnere mich wohl, sie schon vernommen zu haben — es ist ein Gemisch aus den Sprachen, die Du genannt, o Domino und dort heimisch, wo römische Abkömmlinge Hausen, welche den Gebrauch der neuen Heimat nicht gelernt und den der alten nicht vergessen haben..." „Wer mag hier wohnen?" fragte Amalaswinth. „Höre nur, Alboin, die wunderbare Weise dieses Gesangs! Lautet sie doch beinahe wie feierlicher Kirchengesang im Dome Sankt Zcno zu Verona! Ich will hier bleiben: das Haus scheint räumlich genug, um Platz für mich zu haben — sucht Euch in der Wühle die Unterkunft, von der Du sprichst, dann komm zurück, Alboin, und bleibe in meiner Nähe!" Eben war sie im Begriffe, sich von Ihrem Thiere zu schwingen, als Placida den Höhenpfad herangewandclt kam, mit hochgeschürztem Gewand, eine schwere Korblast auf dem Rücken, einen starken Baumast in der Hand, der mit blanker Eisenspitze beschlagen zur unerläßlichen Stütze diente, bei der langen mühevollen Bergwanderung, von welcher sie eben zurückzukehren schien. „Sei gegrüßt, Herrin. . . hast Du ein Verlangen, weil Du an diesem Hause anhältst?" fragte sie freundlich, indem sie sich mit dem Rücken gegen den Zaun lehnte, daß ihre Last auf denselben zu ruhen kam, und trocknete zugleich Staub und Schweiß des mühseligen Weges von der klaren Stirn und den leicht überröthcten Wangen. Das Auge der Fremden ruhte forschend, aber mit unverkennbarem Ausdruck des Wohlgefallens auf der kräftig schlanken Gestalt und der ganzen anmuthvollen Erscheinung. „Bist Du die Frau des Hauses?" sagte sie dann. „Wer ist es, der hier wohnt?" „Das Haus ist des Herzogs," erwiderte Placida, „mein Vater, Angclus geheißen, ist sein Hausmaicr und wohnet hier." „Und ist darin Herberge und Imbiß zu finden für einen Gast und für eine Nacht?" fragte Amalaswinth. „Ich bin eines fahrenden Kaufmanns Weib, der vorangezogen ist, nach Regensburg, Bernstein einzutauschen, der vom Nordmeer kommt — ich zieh' ihm nach und führe ihm kostbare Geschmeide zu, Korallen und zierliche Kcttlein, woran auch Du wohl Gefallen haben wirst, wenn ich erst den Schatz vor Dir ausgebreitet..." „Laß' das, Herrin," entgegnete Placida bescheiden. „Schmuck und Geschmeide ist nicht für mich und für dies Haus — es ist nicht mein Vaters Eigen, sondern ihm geliehen vom Herzog — wir sind hörige Leute..." „Das will so viel sagen, als Sclaven?" rief Amalaswinth mit etwas befremdetem Bück. „Dein Wort und Wesen, Mädchen, ist nicht von Sclaven-Art... von welchem 155 Geschlechte bist Du? Was für ein fremdartiger Gesang in diesem Hause? Welch' enrr Spraye ist die dieses Gesanges?" „Die unserer Vorfahren," antwortete Placida, indem sie sich aufrichtete und ihre Last wieder auf sich nahm. „Sie haben die Sprache der Römer geredet, aber iu der fremden Umgebung, unter den Fremden, mit denen sie leben mußten, haben die Geschlechter, die seitdem dahin gegangen, die Sprache vergessen — bis auf einige Worte — bis auf einige Lieder, die wir zuweilen noch singen. . . Was Du vernimmst, Herrin, ist ein solches Lied! —- Doch komm' herein, wenn es Dir gefällt, Deinen Fuß über die Schwelle des unfreien Mannes zu setzen! Aufwärts an der Ache ist ein wohnlicher Platz mit Bäumen und einer Mühle — laß Deine Leute dort Unterkunft suchen u«d komm herein..." Amalaswinth rief Albion noch einige Worte zu und folgte der Voranschrcitende« i« das Haus. Es war klein und dürftig, aber es erschien wohl erhalten und bot darum eiue» nicht unfreundlichen Anblick. Merklich abweichend von dem Gebrauch der umwohnende« freien Bajoarcn, welche ihre Gebäude innerhalb des Geheges nach Bedürfniß und Laune stellten, waren hier die verschiedenen Räume zur Wohnung und Wirthschaft aneinander gerückt, daß sie ein nach innen geöffnetes Viereck bildeten, an den Regeneinfall und das Atrium römischer Häuser erinnernd. Die Gebäude selbst waren ebenfalls zum grüßt« Theile aus Holz gezimmert, aber der rings laufende Unterbau bestand ans Feldstein« und Trümmern herabgerollter Feldstücke, durch einen harten Kalkvcrband zusammengehalten, der darauf hindeutete, daß in ihm sich ein Uebcrrest einer einst viel höher entwickelt gewesenen Kunst des Baues erhalten habe. Der Hofrauin war so gestellt, daß d« größten Theil des Tages hindurch ihn die Sonne zu bescheinen vermochte, und zu eine» angenehmen Aufenthalt gestaltete. Rings um die innern Gebäude, durch einen vorspringenden freien Fortsatz des Daches leicht gedeckt, zog sich ein breiter Gang mit festgeschla- genem Lehmboden; ein paar Stufen führten in den Mittelraum, iu dessen Morgenecke einiges Gewächs gezogen war, während die andere zur Aufstellung von allerei Geräth« schaften dienen mußte. Bei entsprechender Witterung war es möglich, sich hier d« ganzen Tag über aufzuhalten und die meisten häuslichen und wirtschaftlichen Arbeit« so zu sagen im Freien zu verrichten — wieder ein Anklang an das Leben des Südens, der die niedrigen dunklen Gemächer scheuend, so lange als möglich unter offenem Himmel weilt und wirkt. Auch hier machten die dumpfen Stuben, welche zu den Seiteu de» lichtlosen, das ganze Gebäude in zwei Hälften scheidenden Ganges sichtbar wurden, eine« keineswegs einladenden Eindruck, aber wenn man aus dem Hglbdunkel rückseits iu de offenen noch sonnenhellen Hofraum trat, ward das Auge von einem freundlichen Bild* behaglicher Ruhe überrascht und gefesselt: nirgends waren Spuren von Reichthum ödere auch nur Wohlhabenheit zu bemerken, aber überall bewährten sich Reinlichkeit und Sauber keit, ein stilles Trachten nach Ordnung, ein feiner Sinn für gefällige Form. „Tritt in den Hof," sagte Placida, „und laß Dir's gefallen, Herrin, zu warteq, bis ich meine Bürde abgelegt: ich habe Butter und Käse abgetragen von der Atmende, wo ich als Sennin wirthschafte . . . Der Vater ist nicht daheim, wie ich merke, uud wohl hinaus in den Wald, Holz zu fällen: es ist Niemand im Hause, als die alte ^ür- — die sitzt, wenn das Wetter es erlaubt, den ganzen Tag auf dem Hofgang. . .^richtet, Amalaswinth blieb auf der Schwelle stehen; gegenüber, in der nach Os-oerschaute Mittag gewendeten Seite, war grüner Eppich emporgezogen uud schlang ^ Großfürst Dach, daß es aussah, als sei eine bewegliche Wand vorgestellt, oder ein,"r grünes Tuch heruntergelassen. Dahinter wie in einer Laube saß oder kam'"- ^ss. Hoheit, thümliche Fraucngestalt, in ein graues, lang hinabwallendes Gewand gekle^"- esthnisch weißem überreichem Haar, das losgelöst und regellos über Kleid und Uhr, Boden herabhing. Das Gesicht war aschfahl und regungslos, die erlös, 156 grauer Decke überzogen, sahen starr vor sich hin in's Leere — die ganze Erscheinung in dem durch die Epheuranken gebrochenen Lichte war anzusehen wie ein lebloses Gebilde, aus grauem Sandstein gemeisselt. Neben der Alten am Boden lagen die Ueberreste eines SaitenspielS, einer römischen Lyra, aber beinahe unkenntlich durch Alter und Zerstörung: nichts war geblieben, als das aus Erz gesormte Gestell, von Steg oder Saiten war nichts mehr zu erblicken —> es war wie ein zerbrochenes Spielzeug, mit dem Kinder erst am meisten zu spielen freut, wenn es nur mehr ein Rest dessen ist, was es vorstellen soll. Für die Acchthcit seiner Abstammung bürgten die unweit davon an der Wand wie Trümmer einer Trophäe aufgehangenen Waffen, eine niedere Bickelhanbc und ein kurzes breites Schwert vom nämlichen Ursprung. Als Amalaswinth eingetreten, hatte die Greisin geschwiegen; jetzt, da Stimmen und Tritte wieder verhallt, hob sich wie horchend das regungslose Antlitz, ihre lichtloscn Augen wandten sich der Gegend zu, von wo Beide gekommen: dann tastete sie wieder neben sich, faßte die zertrümmerte Lyra und begann darauf zu spielen, als habe sie Saiten unter ihren Händen und hörte sie unter deren Berührung erklingen. Dazu sang sie einen Theil des Liedes wieder, das sie zuvor gesungen, aber so leise, als fürchte sie, darüber etwas von dem zu überhören, was sich ihr nahe, oder als wolle sie es sich selbst vorsingen, es vor dem Vergessen zu bewahren. Indessen war Placida wieder gekommen und hatte dem Gaste einen Stuhl gebracht, und vor denselben eine Decke auf den Boden gebreitet: auch hier mahnten das niedrige Gestell mit den übereinander geschwungenen Beinen, Farbe und Dauer des Gewebes a» die verschwundene Kunst und Pracht früherer Jahrhunderte. „Ruhe Dich aus, Herrin," sagte Placida dabei, „das kleine Mahl, das ich Dir bieten kann, wird bald gerüstet sein — laß Dich von der Urahne nicht irren," fuhr sie fort, da sie Amalaswinth's Blicke dahin gerichtet fand, „sie ist ruhig und thut Niemanden Leides..." „Sie scheint sehr alt zu sein," bemerkte die Langobardin, „ich entsinne mich nicht, jemals solche Gestalt gesehen zu haben . . ." „Wir kennen ihr Alter nicht," entgegnete Placida, „sie selber scheint es vergessen zu haben — mein Vater, der selbst schon hoch in Jahren, sagt, wie er noch ein Knabe gewesen und in der allerersten Zeit, an die er sich noch erinnern könne, sei sie schon ebenso alt und regungslos gewesen und sei da gesessen, wie heute, als ob die Zeit und der Tod sie vergessen hätten..." „Sie ist wie ein Steinbild," flüsterte Amalaswinth, „wie Eine der Sibyllen, von denen die Mythe kündet... fast könnte man ein Grauen empfinden bei ihrem Anblick..." „Nicht doch," entgegnete Placida lächelnd, „sie ist gut und sanft — laß Dich durch ihre Gegenwart nicht stören, Herrin — sie sieht Dich nicht, denn sie ist blind, sie wird Dein nicht gewahr, denn sie ist irren Geistes: sie merkt nicht, was um sie her geschieht und lebt nur in ihren Einbildungen oder den Erinnerungen längst vergangener Zeiten..." Ueberrascht hielt sie inne, denn mit feierlicher Würde hob sich die Greisin etwas empor und rief mit lauter voll tönender Stimme: „Meinst Du das. Du Kind der -tten Stunden? Glaubst Du, ich bedürfe der Augen, um zu sehen? Glaube lieber, mehr schaue, als Du mit Deinen jungen Augen von gestern! Ich kenne sie mit Dir gekommen ... es ist Vitcllia, die schöne Muhme aus Ostia ... ich nach un. ^ Stimme ... sie kommt endlich, uns den versprochenen Besuch abzu- "y ^Es ist lange, daß sie das versprochen: ich weiß nicht mehr wie lange — ^ von Ostia bis in die nord'schen Alpen ... Oh, so unendlich weit!" r "st ch trat näher, das Gemurmel der Alten besser zu verstehen, denn so laut. reyen vom Hcr,.^ gesprochen, sanken doch die folgenden immer mehr zum Gestufter und Blick Dein Selbstgespräch herab. ^ ^ unsäglich weit," begann die Alte wieder und nickte mit traurigem 157 Lächeln. . . „aber auch schön... oh, so unsäglich schön! Ich seh' ihn noch, den immer wolkenlosen, tief blauen Himmel — ich fühle sie, die warme weiche wonnige Lust . . . es ist hart, sich von dem Himmel zu trennen und von dieser Luft — und hier ist es so kalt, so schaurig bis in'S tiefste Herz hinein. . ." Wie um ihren verwirrten Gedanken zur Ordnung zu verhelfen, glitt sie mit der Hand über die Stirn und fuhr weiter. „Komm' immer näher, schöne Base Vitellia ... ich bin Lucia. . ., erkennst Du mich nicht wieder? Wundere Dich nicht, daß Du mich hier in der armseligen Hütte findest... das schöne fröhliche Haus in Juvavia ist verbrannt: wir haben uns hier verbergen müssen, bis er kommt, uns zu Holm..." „Wer?" fragte Amalaswinth, die, mit der Alten wieder allein gelassen, den erste» befremdlichen Eindruck rasch überwunden hatte und nichts mehr empfand, als ein fast höhnisches Bedürfniß, sich zu unterhalten. „Frage nicht," erwiderte die Greisin geheimnißvoll, „er will unvermuthet kommen und will uns überraschen — er hat es so oft gethan! Wenn er seinen Namen ausgesprochen hörte, könnte es ihn wieder verscheuchen ... er hat es nie geliebt, bei seinem Namen genannt zu sein... Aber er kommt, er hat es bei der unterirdischen Hekate geschworen! Er muß kommen, muß uns heimführen aus dem eisigen in das schöne warme Land . . . drüben, jenseits dieser schaurigen Berge... O sage, Vitellia, blaut er noch d'rübcn, der Himmel von Italien? Komm näher — noch näher," fuhr sie dann nach kleiner Pause fort, und streckte die lange magere Hand nach der Richtung, wo sie die Fremde vermuthete, „in Deiner Rede klingt etwas wieder von den verklungenen Tönen der Heimat. . . Sie glauben mir nicht, der Mann und das Mädchen, — sie sind hier im Lande des Winters geboren und groß gewachsen: sie halten mich für wahnwitzig, wenn ich vom Süden rede und von dem, was einst gewesen... O es ist so schön . . . und auch in Juvavia war es schön — wenn die Sonne darüber hing, konnte man wohl träumen, in Hespericns Gärten versetzt zu sein. . . Und am Strome, am sausenden Juvavus da stand ein schönes Haus, eines Kaufmanns Haus, der war des Handels wegen dahin gezogen und war reich geworden, und der Garten des Hauses stieß an den Strom ... da schwammen die reich beladenen Flöße und Schiffe heran bis an die Schwelle und leerten ihre Schätze an Oel und Würze und Wein . . . und Abends, wenn es ringsum stille geworden, und die Augen des Tages schliefen, da wandelte unter den Bäumen ein glücklich Paar ... Lucia des Kaufherrn Tochter und ein Jüngling, der sich aus dem Palaste gegenüber in den Garten schwang, weil er es nicht wagen durfte, offen das Haus zu betreten ... es war FlornS, des Präfcctcn Sohn ... ein junger ritterlicher Mann, edel wie Apollo und herrlich..." „Stören wir sie nicht," flüsterte Placida, welche mit dem Abendmahle, in Brod, Eiern und einem Becher Wein bestehend, herantrat, „es ist wunderbar, was sie bewegt — in solchem Zusammenhange hat sie uns nie erzählt!" (Fortsetzung folgt.) (Kvl uk8 — levl kaks.) Als der Großfürst-Thronfolger vor Kurzem nach Nizza reiste, berührte er unter Anderem ein kleines Städtchen in Esthland. Der Bürgermeister des Ortes, von der Ankunft des hohen Reisenden im Voraus unterrichtet, hatte den Eingang zum Städtchen trotz Kälte und Frost dekoriren lasten und überschaute schmunzelnd sein Werk, als die Reisenden ankamen. Ucberrascht blieb der Großfürst stehen und rief aus: „yuol luxe!^- (Welche Pracht!) Der Bürgermeister hielt diese« Ausruf für esthnisch, trat gravitätisch vor und sprach also: „Verzeihen Ew. kais. Hoheit, kel kaks!" Zum Glück befand sich im Gefolge des Prinzen ein Mann, der esthnisch verstand, und dieser konnte das unbezahlbare Wortspiel erklären, nämlich: kol — Uhr, üks — eins und kuki, — zwei. 158 Irühlingskunde ans Jeuische Wtk. Zu Speycr am rauschenden deutschen Strom Verkündet die zwölfte Stunde Der Walpurgsnacht die Glocke vorn Dom Dem trauernden deutschen Bunde. Da thun sich im Dome die Gräber auf Der deutschen Kaiser der alten; Es kommen in ihrem Ornat herauf Sich grüßend die hehren Gestalten. Sie schreiten Paar für Paar heraus Im fahlen Mondenscheine, Durch düstere Straßen zum Strand hinaus Und steigen zu Schiff am Rheine. Ein schwarzer Adler als Herold fleugt, >Das Rcichspanier weht so finster; Vor Köln ans Land ihr Zug entsteigt Und schreitet nach dem Münster. Der Adler weiter nach Aachen zieht Und pochet an Karols Grabe, Der steigt hervor mit Geisterschritt, Mit Krone und Herrscherstabe. Und wandelt nach Köllen, den Aar voran Der setzt sich aus Thurmeszinken, Der Kaiser schreitet zum Dom hinan — Da flimmert gespenstiges Blinken. Der Dom ragt hell wie in Feuerschein, Beleuchtet die Stadt und die Runde; Viel öde Burgen funkeln am Rhein In mitternächtlicher Stunde. Durchs weiland heilige röm'sche Reich In allen Marken und Gauen Unzählige Lichtlein, den Seelen gleich, Erglühen und sprühen zum Grauen. Die Kaiser sich neigen im Dome drin Dem hohen Ahnen zum Gruße, Und beten mit ihm im Chor aus den Knie'n Dem Hochaltare zu Fuße. „Herr Gott, du Schirmer vom deutschen Land, Der Völker und Herrscher lenket! Schwer schlägt das Volk deine starke Hand, Das deiner nimmer gedenket! » Zwietracht zerreißet sein Eingeweid, Seit es mit Listen und Lügen Von deiner Lehre Einigkeit, Von Vätersitte gewichen. So sende doch deinen Kämpen bald Mit deinem geweihten Schwerte, Der wieder in Glauben und Kaisergewalt Dir einigt die deutsche Erde!" Und wie sie geendigt ihr laut Gebet, Die Riescnglocke sich schwinget. Zu künden dem Reich was die Kaiser gefleht. Daß Nord und Süd es durchginget. Und Kaiser Karol der zieht fürbaß. Von allen ernstlich begrüßet. Nach Aachen und steigt ins Gruftgelaß, Das ihm sich wieder umschließet. Die Anderen wollen hinaus zum Strand Und fahren flüchtig von hinnen — Die Lichter erlöschen im deutschen Land, Es dunkeln Burgen und Zinnen. Zu Spener voni Dome die Glocke ruft DcS MaimoudS erste Stunde, Da steigen die Kaiser in ihre Gruft, Sich grüßend mit stummem Munde. — O Deutschland, heiliges römisches Reich, Dein Mai auch nahet sich wieder; Du schläfst wohl lange schon todtengleich. Doch Gott schaut auf dich hernieder! Seit Kaiserhand legte den ersten Stein Zum heiligen Dom von Köllen 2) Hat dich gestürzct in Schmach und Pein Die finstere Macht der Hollen. Drum wallfahren in der Walpurgisnacht Zum Dom die Kaiser und flehen — So hoffe den Lenz, da mit Gottes Macht Ein Netter wird erstehen! Den letzten Stein von des Kaisers Hand Dem deutschen Dome vereinigt, Dann stehst du gewaltig, o Vaterland In Glauben und Liebe geeinigt! kiuäohcki Hoeckvr. ') Diese Glocke wurde »nno 1447 aufgehängt und wiegt 22400 Pfund. -) Am 14. August 1248 wurde der Grundstein zu diesem Wunderbaue gelegt von Erzbischof Konrad von Hochsteden, Kaiser Wilhelm von Holland und dem päpstlichen Legate». Der erste Werkmeister und muthmaßliche Urheber des noch vorhandenen Plans, nach welche« immer fortgebaut wird, hieß Gerhard. 159 Kirchliche «nd Civiltrauung. Lieblich in der Bräute Locke» Spielt der jungfräuliche Kran;, Wenn die hellen Kirchenglocken Laden zu des Festes Glanz. Schiller. Der 30. Mai (1837) war zum Tag der Vermählung (des Herzogs von Orleans -mit Helene Louisc, Prinzessin von Mecklenburg-Schwerin) bestimmt, welcher Vermählung nach der Sitte des Landes zuerst die Civiltrauung in der Gallerie Heinrich II. (zu Fon- tainebleau) voran ging. Um halb neun Uhr erschien der König (Louis Philipp) mit der Prinzessin Helene am Arme, gefolgt von der ganzen Familie, so wie von ihrer zahlreichen Umgebung. Die Minister, Marschälle, Pairs und Deputirten, die Municipalität, die Generale und viele Eingeladene waren versammelt; das Brautpaar hatte seine bestimmten Zeugen, namentlich die Prinzeß den Herrn von Rantzau, Hofmarschall ihrer Frau Mutter der Erbgroßhcrzogin, Herrn von Brcsson, den französischen Gesandten in Berlin, welcher die Heirathsuntcrhandlungen gepflogen und den Herzog von Broglio, der sie auf deutschem Boden abgeholt hatte. Der Kanzler, Herzog des Caseslas, nahm während einer erwartungsvollen Stille, mit feierlichem Tone den Civilalt vor, worauf er den Herzog von Orleans fragte, ob er gesonnen sei, Helene Louise Elisabeth von Mecklenburg zur Gemahlin zu nehmen. Der Prinz wandte sich ehrerbietig zu seinem Vater und auf dessen zustimmende Bewegung erwiderte er dem Kanzler mit fester Stimme: „Ja mein Herr." Auf die ähnliche Frage an die Braut wandte auch diese sich zu ihrer Frau Mutter und sprach nach erhaltener Einwilligung von dieser ihr ;,Ja, mein Herr" mit bewegter Stimme. Hierauf wurden die Aktenstücke in gebräuchlicher Form unterschrieben und hicmit war der Civilakt der bürgerlichen Ehcverbindung geschlossen. Nicht ohne Ursache haben wir seinen ganzen Verlauf beschrieben, hier wo er auch durch eine warme Theilnahme der höchst gestellten Persönlichkeiten einen besondern Glanz erhielt, um von den Gefühlen einer Seele zu reden, welche gleichwie hinter den Coulissen ein thcilnchmcndcr Zeuge der ganzen Feierlichkeit dieses Tages war. „Ich bin nie ein Freund jener Theaterstücke gewesen, in denen ein biblicher Gegenstand, ein Heiliges auf die Bühne gebracht wird, vielleicht vor die Augen der Bewohner einer Stadt, welche durch Carncvalsbclustigungcn noch umnebelt sind. — Von den Arien solcher Theaterstücke kenne ich weder den Text noch die Melodie, mein Inneres kann deßhalb nicht in den Gesang einstimmen, so gerne nnd so leicht ich in jeder Dorfkirche in den Ton der Gesänge und lauten Gebete einstimme." Das Gefühl von der Heiligkeit, Unauflöslichkcit des rechten, Gott geweihten Ehebundes kaun in der Seele keiner anderen Braut lebendiger und mächtiger gewesen sein, als in der jungen Fürstin, welche hier auf eine Führung ihres Lebens zurückblickte, die nicht von Mcnschenmacht und -Willen sondern von Gottes Gnade und wunderbarem Rath geleitet war. Ihre Ehe war im Himmel geschlossen und daß sie dieses sei, das sollte Mund und Herz lant und öffentlich vor Gott und Menschen bezeugen. Aus der Galerie Heinrich II., darin der Civilakt der Trauung vollzogen worden, begab sich die hohe Versammlung in die große Kapelle Heinrich IV. Der Bischof von Mcaux in pricstcrlichcr Würde hielt eine sehr ergreifende Rede und verrichtete die heilige Handlung der Weihe des Ehebandes in christlichem Geiste. Die Namen des hohen Paares wurden in das Kirchenregistcr eingetragen. Etwas neues in den Gebräuchen des französischen Königshauses geschah jetzt noch. Die hohe Versammlung wurde in einen Saal geführt, der als Louis Philipps-Saal benannt war. Hier fand sich ein Altar, mit rothen Sammctdecken behängen, ein Crucifix stand zwischen vier brennenden Kerzen nnd vor ihm lag die aufgeschlagene Bibel; der Vielen 160 Hon uns thcure lutherische Pastor Cuvier stand in seinem einfarbig schwarzen Priesterrock vor dem Altar, bereit auch im Namen seiner lutherischen Kirche, den Ehebund zu weihen. Mit milder, aber fester Stimme sprachen seine ermahnenden Worte, welche als Worte von Gott voll himmlisch-tröstend er Kraft waren. Diese Kraft und der Blick auf das seltene Paar, das hier vor ihm stand und dessen innere wie äußere Führung er kannte, gab seinem Munde die Weihe zu seiner eltcnen Beredsamkeit des Herzens. Nachdem er die nämlichen Fragen wie zuvor der Kanzler an die beiden Liebenden gethan und die bejahenden Antworten vernommen hatte, legte er die Hände segnend auf ihre Häupter und beschloß die Feier mit den Worten: „Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht trennen." Hierauf folgte noch das eigenhändige Eintragen der Namen der Neuvermählten und ihrer Zeugen in das Kirchenbuch. — Als Napoleon I. im Jahre 1804 den frommen Papst Pius Vll. zu seiner Krönung nach Paris gezogen hatte, da wollte man die Feier des Festes durch eine außerordentliche Kirchenmusik erhöhen. DaS Orchester in der Kirche war mit achtzig Harfen besetzt; die Wirkung der harmonischen Laute eines solchen achtzigfachen davidischen Saitenspiclcs auf die Sinne der Zuhörer mußte, so erwartete man, eine ganz gewaltige seyn. Die Feierlichkeit begann, die achtzig Harfen tönten, mit Winken und zuflüsternden Worten drückte sich die Menge der anwesenden Gebildeten aus der großen Stadt ihr Entzücken aus. Jetzt nahte sich der Papst dem Altar. Statt der Töne der Harfenspieler hörte man die Sänger seiner Kapelle aus Rom, welche das alte Lied der Kirche 'l'u l'etrus anstimmten. Da war Las Gelispel, das Entzücken der Menge in dem Gefühle eines Staunens verstummt, das in vielen Seelen eine Erhebung der Andacht weckte. (Aus den „Erinnerungen aus dem Leben Ihrer kgl. Hoheit Helene Louise, Herzogin von Orleans :c.", von Dr- Gotthilf Heinrich von Schubert. >l>. Aufi.) Nicht überall wird die Lynchjustiz so rücksichtslos geübt, wie in Nordamerika. Die Ungarn scheinen sogar mit einigem Humor dabei zu Werke zu gehen. Äm Pcsthcr- Theatcrgebäudc ist ein Bierhaus, zur „Stadt Alt-Ofen" genannt, das eines der am stärksten besuchten Lokale dieser Art ist. Bei der Nebcrfüllung kommt es leicht vor, daß ein Gast davon schleicht, ohne zu bezahlen. Wird aber ein solcher Ausreißer erwischt, so folgt ihm die Strafe gleich auf dem Fuße. Er wird in den Keller des Hauses eingesperrt und nicht eher freigelassen, als bis er ein bis drei Wurzeln Meerrettig (nach Verhältniß der Seidel, die er unbezahlt getrunken) gerieben hat, wobei es nicht ausbleiben kaun, daß er Thränen seiner Schuld und Strafe vergießt. Charade. l Zweisilbig.) Ob Beide sind auch winzig klein, So können sie doch schädlich sein; Das Ganze ist es immerdar, Wie man am Holze nimmt gewahr Das ganz besonders, wenn es alt, Dem Ersten dient zum Aufenthalt'; Und das von diesem wird verletzt, Obwvhl's das Zweit' ihm nicht versetzt. Auflösung der Charade in Nr. 18: „Wermuth." rzDrock, »erloo »«» RevoMou b«e Ninorisch«» JoftiwIS rc» ve. M. Hoitler.