Nr. SL 24. Mai 1863. Augsburgs? Die angebornen Bande knüpfe fest. Ans Vaterland, ans theure, schließ' dich au, Das halte fest mit deinem ganzen Herzen/ Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft. Schiller, Dell, II. Aufzug, Scene 1. Sanct JarLhetmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) ' „Aber die Tage der alten Götter und ihre Herrlichkeit gingen dahin!" rief die Greisin in ergreifendem Klageton, „das Volk siel ab von ihnen und wandte sich zu dem neuen gekreuzigten Gatte — da wandten sich auch die alten Götter von ihm und das Verderben kam über das Volk, wie wenn der Sommer den Schnee schmilzt, die wüthenden Bergbäche anS den Schluchten hernieder stürzen in das dem Verderben geweihte Thal!' Wohl hatte Einer der Priester dcS neuen Heilands aus weiter Fern einen Boten und Warner gesendet, cS zogen wilde unzählbare Völker heran, die Alles vor sich niederwerfen und tödten, was lebt und was aufrecht steht — aber der Prüfest der Stadt glaubte der Warnung nicht. Er hatte die römischen Zcichcndcnter gerufen, die hatten aus dem Vogelfluge verkündet, es sei keine Gefahr zu befürchten, und sie jubelten in thörichter Sicherheit, und als die Nacht kam, lagen sie rathlos und betäubt von der Freude des Festes, das sie gefeiert. . . Aber mit der Nacht kamen die Völkerhorden herbei, zahllos wie der Sand, Plötzlich wie der Wind, schrecklich wie der Blitz . . . Ueber die unbewachten Mauern drangen sie in die Stadt, und bald rauchte und dampfte sie vom Blute der erschlagenen Bewohner, von der Glut der über ihren Todten zusammenstürzenden Häuser-. . . Niemand vermochte zu entrinnen . . . aber in des Kaufmanns Haus, wo der Garten an den Juvavus stieß, war noch eine schwache Hoffnung auf Rettung gegeben .. . Lucia und ihr Vater trugen Florus, der schwer verwundet am Hause niedergesunken, in den Nachen und unbeachtet von den plündernden Barbaren glitt das Fahrzeug bald über die sausenden Wellen dahin, in welche das Blut herabsickerte und die Funken niedersprühten... Es gelang den Flüchtigen, die Berge zu erreichen und sich in ein rauhes, darum wenig bekanntes und fast unzugängliches Thal zu verbergen. . . Nach Monaten, als die Hochflut des Völkcrsturms verronnen sein mochte, wagte der Vater sich auf Kundschaft hinaus: trostlos kam er wieder — er hatte von Juvavia nur Schutt und Trümmer gefunden: was einst in ihnen gelebt, war todt oder fortgeschleppt in die Gefangenschaft..." „Und FloruS?" fragte Amalaswinth, da die Erzählerin aufathmend innc hielt. „Florus," begann die Greisin wieder und es ward bemerklich, daß die Erregung und Anspannung, die über sie gekommen war, wieder nachzulassen und der frühern Erstarrung zn weichen begann, „Florus blieb in der Verborgenheit, bis er genesen war... Die Schranken, die ihn von Lucia getrennt, bestanden nicht mehr, sie gehörten einander an und schwuren beim Acheron, daß es ewig so sein sollte! Als es wieder einmal Früh. ling geworden, da faßte ihu das Verlangen, sich durch die Berge nnd Lande hindurch zu 162 schleichen bis nach Rom... zu sehen, ob auch die ewige Stadt vor den Barbaren gefallen und uns die Kunde zu bringen, oder wieder zu kommen um Vater und Tochter, denen er das Leben dankte, mit sich zu führen in die gemeinsame südliche Heimat..." „Und er ist nicht wieder gekommen?" rief Amalaswinth mit kaum verhehltem Spott. „Und Lucia wartet noch?" „Lucia wartet," flüsterte die Alte, und suchte wieder nach der Lyra. „Er wird kommen — er hat es geschworen. . . Ach, es ist so weit von Rom bis in die norischen Alpen. . . ach, so unsäglich weit!" Amalaswinth lachte auf. „Du glaubst nicht an Wort und Schwur, Herrin?" fragte Placida, deren Blick befremdet nnd wie erschreckt auf der kühnen Langobardin ruhte. „Ich glaube — doch nicht an Wort und Schwur eines Mannes, dem Weibe gegenüber.. . Und auch Du, Mädchen, glaube nicht: nimm als erstes Gastgeschenk den Rath von mir — Deiner Ruhe willen, Deinem Glücke zu lieb, glaube nicht! Wer eS thut, wird zur kindischen Thörin und kann mit dieser auf den Retter warten!" „Sie wartet noch," entgegnetc Placida sanft, „weil sie nicht mehr zu denken vermag: es ist ihr entschwunden, daß er längst todt sein muß, daß er wohl den Barbaren in die Hände gefallen und verunglückt ist — daß er nicht mehr kommen kann!" „Und daß er nicht kommen wollte, so lang er es noch gekonnt!" rief Amalaswinth bitter. „Sag' es nur heraus — andere Bande haben ihn dort gefesselt und festgehalten... er hat im glühenden Rom vergessen, was er im eisigen Norden geschworen?" „Ich weiß es nicht," sagte Placida, „die Urahne hat es nie gesagt... sie wird über sein Ausbleiben getrauert haben, bis die Trauer zur Schwermuth geworden und die Schwermuth zum Irrsinn . . . dennoch ist diese Hoffnung ihr einziges Glück . . „DaS nennst Du Glück, Närrin? Du bist wohl auch wie diese gesinnt, und würdest warten, wie Lucia?" „Hätte ich geschworen, ich würde halten, was ich gelobt. .. darum glaube ich auch, daß mir gehalten würde, was mir geschworen wäre. . . Glaubst Du das nicht auch, Herrin? Würdest Du nicht auch handeln, wie Lucia?" „Ich?" rief Amalaswinth mit blitzfunkelnden Augen. „Ich wäre nicht ruhig gesessen und hätte gewartet. . . und wenn ich mich als Magd verdingen müßte, und müßte als Bettlerin durch die Lande fahren, ich wäre auf und hinaus! Ich wäre seiner Spur gefolgt, und hätte nicht gerastet, bis ich ihn gefunden, ihn herausgerissen aus seinem verbrecherischen Glück, und in seiner Verzweiflung, seinem Tode vollauf meine Rache gesättigt ..." „Herrin," rief Placida erbleichend, „ich bin eine Christin... Du nicht auch?" „Zweifelst Du daran?" rief Amalaswinth entgegen. „Weil ich mich rächen will? „Wenn Rache Sünde ist — ich will sie gut machen, will bereuen . . ., ich will sogar verzeihen und für den Verlorenen beten — aber erst muß mein Haß an ihm gekühlt, erst muß das Maß der Vergeltung voll für ihn gerüttelt sein . . . Meine ganze Zukunft, mein Leben, jede Stunde in ihm soll Gott und seinem Dienste gewidmet sein z aber diesen Einen Augenblick muß er mir lasten, diese Sekunde nur muß mir gehören!" Die Greisin hatte inzwischen, ihrer nicht bewußt wie vorher, auf den eingebildeten Saiten der Lyra gespielt: sie war wieder das Kind, das sie zuvor gewesen. Jetzt erhob sie sich und schritt, an der Wand fort tastend, in eine der Kammern des Hauses. „Lucia sucht ihr Lager auf," sagte Placida, welche Amalaswinth mit steigendem Befremden betrachtet hatte, „wäre sie noch ihrer Sinne Herr, sie würde Dir für den Eifer danken, womit Du Ihres Geschickes Dich angenommen. — Es scheint, der Vater will nicht mehr «ach Hause kommen . . . erlaube, daß ich des morgigen Tags und seiner Müheu gedenkend, auch Dir die Ruhestätte anweise..." Sie geleitete die wortlos folgende Fremde in ein kleines, nicht unfreundliches Ge- 163 mach, dessen Lager mit Wilddecken und Tüchern zu angenehmer Ruhe recht wirthlich bereitet war. In einer Wandnische brannte eine kleine Lampe, aus Erz geformt, eine Schale darstellend-, um deren Fuß sich eine Schlange wand, so daß der Schweif den Handgriff bildete, während aus dem vorgestreckten Rachen die kleine Flamme spielte. Die Langobardin ließ den frommen Nachtgruß der Wirthin unerwiedert — auch deren Schritt verhallte bald in der allgemeinen Nachtstille, die groß und feierlich über den riesigen Bergen und dem winzigen Hause zu ihren Füßen sich ausbreitete. Draußen kam groß und voll der Mond durch das blaue Luftmeer geschwommen — nur hie und da von leichtem Aufrauschen der Bäume auf der einsamen Fahrt begrüßt oder angerufen von dem Schrei eines wilden Gethiers in der fernen Bergwildniß. Die Sterne waren noch nicht weit vorgerückt, als ein Mann behutsam und doch eilfertigen Schritts den mühsamen Hochpfad einher kam, welcher, meist zum Viehtrieb benützt, sich längs der Halde in nicht unbeträchtlicher Höhe dahinzog. Oberhalb des Walchenhauses angekommen, lenkte er von dem Pfade und kam vorsichtig quer durch das thauende Gras, das sich geräuschlos unter seinen Tritten beugte. Etwas gebückt schlich er dann an der Wand des Hauses hin, bis unter ein Fenster, das sich thalabwärts gegen die aneinander rückenden Berge öffnete, über deren Einschnitt der hohe Göll wie ein nordischer Eisriese in bleicher Majestät das eisgekrönte Steinhaupt emporhob. Das Fenster war noch nicht geschloffen. Placida hatte ihr Nachtgebet verrichtet, aber der Schlaf, der sie sonst immer gleich mit den letzten Worten und Gedanken desselben zu umarmen Pflegte, wollte trotz der ermüdenden Bergwanderung nicht auf sie her- niedersinken: war es die Begegnung mit der fremden so wildgemuthen Langobardin — war es die Erzählung der Urahne oder die Erinnerung dessen, was sie in den letzten Tagen selbst erlebt — die Ruhe kehrte nicht ein in dem kleinen Kämmcrchen und der Bewohnerin war nichts übrig geblieben, als an's Fenster zu treten und zu versuchen, ob ein Blick in die stille ruhige Klarheit, die draußen waltete — ein Athemzug von ihr den Frieden nicht auch zu ihr herein tragen werde. Sie lehnte an der Fensternische, von außen nicht sichtbar.wohl aber vermögend. Alles zu sehen und zu hören, was dort geschah. Sie vernahm den leisen Tritt, der schleichend näher kam. „Sollte der Vater Hoch noch heim kommen," dachte sie, gab aber den Gedanken eben so schnell auf, denn der Vater würde nicht von der Seite, nicht heimlich, sondern offen zum Eingänge kommen; sie wollte eben vortreten, wollte anrufen und fragen, als ein Seitenblick ihr die Gestalt des neben dem Fenster sich Aufrichtenden zeigte und der Ausruf „Markulf" halblaut den überraschten Lippen entschlüpfte. „Ja — ich bin es, Placida," sagte der Jüngling, indem er unter das Fenster an das Gemäuer trat, „erschrick nicht vor mir und zürne nicht, daß ich mich erdreiste. Deine Nachtruhe zu stören. . . aber ich konnte nicht anders, ich muß mit Dir reden...» „Und darum kommst Du bei Nacht?" fragte Placida scharf entgegen. „Wenn Du mit mir reden mußt, so finde bei Tag den Weg! Wa^Du mir heimlich, bei Nacht, einherschleichend wie ein Räuber, zu sagen denkst, begehr' ich nicht zu erfahren!" „Zürne nicht," flüsterte Markulf, „ich konnte nicht anders — ich vermochte nicht früher zu kommen, ich würde auch morgen bei Tage nicht kommen können — vielleicht auch den folgenden Tag noch nicht ... das hätte ich nicht zu ertragen vermocht; den» ich muß Gewißheit haben, eh' ich einen Fuß weiter setze! Ohne im Laufe anzuhalten, komm' ich von der Salzburg herüber — ich soll des Herzogs Sohn, Prinz Dietwalt, morgen auf den Kaunstein geleiten und sein Führer sein auf der Steinbock - Jagd . . . Du siehst also, ich konnte nicht bei Tage kommen und vorgestern weißt Du wohl, daß es mir unmöglich war, bei der Almende zu landen — der Vater hatt' es mir verboten.. „Was entschuldigst Du Dich?" rief Placida, sich selbst zu künstlichem Unmuth erregend: sie wußte das, denn sie fühlte nur zu wohl, welche Gewalt seine heißen drängenden Worte über sie zu üben begannen. „Hast Du Dich zu verantworten vor mir — 164 der Sohn des freien hochmüthigen Barschalken vor der hörigen Tochter des verachteten RömlingS? Hab' ich begehrt, daß Du bei mir landen sollst? Ich habe nichts mit Dir zu verkehren — darum geh' und komm am hellen Tage wieder, wo Bein Vater cS sehen kann und Deine freien Genossen, daß Du ;u der Leibeigenen kommst..." „Sei nicht so ungestüm mit mir," bat der Jüngling entgegen mit dem einschmeichelndsten Tone, den er der rauhen.Zunge abzugewinnen vermochte, „sei nicht so hart — ich scheue mich ja nicht: ich will zu Dir kommen, offen, bei scheinender Sonne und vor siebenmal sieben Zeugen. . . antworte mir nur auf meine einzige Frage!" „Es gibt keine Frage, auf die ich Dir zu antworten hätte — geh ... " „Verstelle Dich nicht, Placida — mache Herz und Zunge nicht rauher, als sie sind... Du mußt es längst wissen, daß es mich zu Dir zieht, wie den Hirsch zum Walde — daß ich Dich liebe und nicht mehr von Dir lassen kann, nicht mehr als mit dem Leben! Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht und Du wußtest es auch und schienst nicht zu grollen, wenn ich kam, an Deiner Sennhütte zu pochen ... Du schienst mir auch gewogen zu sein..." „Kann ich dafür, wenn Du solche Dinge träumst?" rief Placida erwärmend. „Wie soll ich Dir gewogen sein? Die Hausfrau für den Hof in der Schönau suchst Du nicht in dem unfreien Hause des Walchcn . . . denkst Du, die hörige Dirne soll Dir zur Kurzweil sein?" „Höre mich, Placida," unterbrach sie Markulf mit feurigem Eifer, „ich will meines Vaters Erbe nicht, wenn ich es nicht mit Dir theilen kann! Ich will den Hof in der Schönau eh' mit dem Rücken ansehen und in's Elend ziehen, eh' ich darin Hause niit einem andern Weibe! Ich will fort! Will als Kricgsmann ausziehen auf Fahrten und Abenteuer — dann, wenn ich genug der Schätze erworben, genug an Ruhm und rothem Gold — dann will ich wieder kommen, will Dich frei machen und heimführen von Deinem Vater und Deinen: Herrn als mein liebes Weib, als meine wahre freie Hausfrau!" Das Mädchen schwieg einen Augenblick; mit jedem Augenblicke wurde der Kampf der mühsam zurückgehaltenen Neigung mit dem beherrschenden Verstände heftiger, mit jedem Herzschlage begann die Herrschaft des Lctztern mehr und mehr zu schwanken — die Nachricht von seinem Vorhaben, die dringende Innigkeit seiner Worte ergriffen sie mächtig und ließen den Athem in ihrem Busen stocken. „Du schweigst? Zweifelst Du, weil Du nichts entgegnest?" begann Markulf wieder. „Sieh', ich komme so eben vom Herzog — ich war seit gestern bei ihm und habe ihn gebeten, mich als Kriegsmann in seine Gefolgschaft aufzunehmen: mein Vater, der auch dahin gekommen, hat es hintertrieben. .. Der Herzog will, daß ich bleiben soll! Aber ich bleibe dennoch nicht — ich ertrag' es nicht, hier zu leben, in Deiner Nähe und doch ohne Dich... ich gehe heimlich von dünnen, will ausführen, was ich mir gelobt und will Dich mir erobern . . . noch diese Nacht fahr' ich von hinnen: sage mir nur ein einziges Wort der Ermuthigung, Placida: sage, daß es nicht wahr ist, was mein Vater mir von TÄ berichtet hat!" „Und was hat Dein Vater berichtet?" fragte sie mit beklommenem Tone. „Daß Du mir abgeneigt bist!" erwidcric Markulf fliegenden Athems. „Daß Du keinen Theil habest an mir. . . daß ich Dir nicht mehr bin, als jeder andere Waidmann und Bergfahrer, der als Gast in Deine Hütte tritt. . . Nicht wahr, Placida, das hast Du nicht gesagt?" Placida kämpfte noch immer, noch schmerzlicher mit sich selbst: die volle Schwere des Augenblicks lastete auf ihr, sein Gewicht machte die Schale ihres ganzen Lebens zur Entscheidung sinken oder steigen. . . sie schwankte noch eines Pulses Dauer, dann hatte sie sich zusammengerafft und, sagte mit gelassenem Tone: . . . „Ich hab' es gesagt . . ." „Aber cS war nicht Dein Ernst!" rief Markulf auflodernd. „Es kann Dein Ernst nicht gewesen sein... ich kenne meines Vaters trotzig Gebühren, er wird Dich bedrängt 165 und gescholten haben: Du sprachst nur im gerechten Anmuth, ihn von Dir zu weisen! Sieh, Placida, ich weiß ja, es kann Dein Ernst nicht gewesen sein! Wohl haben wir bis zur Stunde nie von dem geredet, was uns zu einander führte — ick habe Dir niemals gesagt, wie sehr ich Dich liebe und weiß doch, es ist Dir nicht verborgen geblieben ... So weiß auch ich, obwohl Du es nie bekannt. . . mein eigenes Herz sagt mir, daß das Deine mir nicht abgeneigt ist. . . Deine freundliche Stimme, Dein holdes Auge, Dein ganzes liebevolles Wesen hat es mir verrathen ... O sage, es war nicht Dein Ernst, als Du jene bitteren Worte sprachst?" „Warum nicht?" cntgegncte das Mädchen, die aus dem Gefühl der Nothwendigkeit die Kraft zu immer kälterem Trotze gewann. „Ich wüßte nicht, Dir je dergleichen verrathen zu haben... soll ich für das einstehen, was Deine Einbildung zu sehen meint..." „Placida..." stammelte Markulf, wie außer sich. „Warum sollst Du mir mehr sein, als ein anderer Gast?" fuhr sie noch bitterer fort. „Geh' zur Freierei, wo es sich für Dich geziemt — mich laß mein Loos tragen, als hörige Magd... ich gebe Dich los! Dein Vater soll erkennen, ob ich Dich an mich gebunden mit Zauber und Neidingswerk. . . Geh' . . . was ich Deinem Vater auch gesagt... so wahr ich hier vor Dir stehe... es war mir Ernst damit!" „Mädchen. . rief Markulf im Ausbruchc des wildesten Leids, „wiederhole das Wort nicht... es macht mich unglücklich und meinen Vater mit und kann Dir selber nimmermehr Glück bringen! Stoße solch' treues Lieben nicht so feindselig von Dir! Ich will ja nicht, daß Du mir Liebe bekennen oder geloben sollst — sage mir nur, daß ich Dir nicht wie jeder Andere, daß ich Dir nicht glcichgiltig bin: das nur sage mir und ich will nicht ruhen und rasten, bis ich jedes Hinderniß besiegt, bis ich jede Kluft, die zwischen uns liegt, ausgefüllt und Dich darüber hinweg geführt habe in meiner Vorfahren Gehöft, a!s mein freies, gclicbrcS Weib ..." So dringend Wort und Ton des Jünglings waren, sie wären noch dringender geworden, Hütte er vermocht, Placida zu erblicken, welche im Dunkel der Fensternische verborgen, die letzten schwersten Zuckungen des widerstrebenden Herzens niederkämpfte. Wie gern hätte sie der schmeichelnden Lockung des Jünglings nachgegeben, der ihr so theuer war, als sie selbst nie gewußt, als sie erst jetzt im Augenblick des Verlustes erkannte ... Er bat so herzlich und was er bat, war ihr eigenes, ihr crschntestes Glück: sie durfte nur die Hand ausstrecken, so siel ihr die reife Goldfrncht beseligend entgegen — dann aber sah sie wieder den alten trotzigen Barschalken vor sich stehen, hörte sich mit Droh- wortcn und Schmähungen überhäuft und fühlte den Blick der Verachtung, den er im Uebcrmuthe auf ihr ruhen ließ ... Ihr Blut wallte auf, ihr Sinn stemmte sich dagegen! Sie sollte nicht als Lügnerin vor ihm stehen, er sollte sich vor ihr beugen müssen und die verschmähte Walchendirne achten lernen... Mühsam fand sie Athem, noch mühsamer Worte .. . „Dein Vater hat ganz recht gesagt," stieß sie heraus, „cS war mein völliger Ernst!" „Nun denn, so hast Du zu verantworten/ was geschieht," rief hinwcgstürzcnd Markulf mit dumpfem Tone und war im Nn hinter den nächsten Büschen verborgen. Er gelangte aber nicht weit: unter einem der Kirschbäumc zog seines Schmerzes Ucber- gcwicht den Erschöpften nieder in das feuchte, mit abfallenden Blüthcnblättern bestreute Gras. — (Fortsetzung folgt.) Das Schloß von Lndwigsburg. Das Schloß von Ludwigsburg gehört mit zu den größten und — wenn man einmal diesen Zopf- und Nococcostil gelten läßt — auch mit zu den schönsten, jedenfalls mit zu den großartigsten Fürstcnschlössern Deutschlands. Man ist erstaunt über diese große Ausdehnung, nicht minder über die Pracht der Ausstattung im Einzelnen, obwohl 166 »on dieser schon viel zu Grunde gegangen und zu Grunde gerichtet worden. Schön, wirklich schön nach den Regeln eines edlen Geschmackes kann man diese Schöpfung des 18. Jahrhunderts weder im Einzelnen noch im Ganzen nennen, aber Alles zusammengenommen, die Größe und Mannichfaltigkeit des Baues, der ungeheure Reichthum der Ausschmückung macht in ihrer Gesammtheit einen wahrhaft großartigen Eindruck. Obwohl heute unzählige Wandgemälde übertüncht, viele Skulpturen vernichtet und mancher bewegliche Schmuck aus dem Schlöffe entfernt worden, bedürfte es doch vieler Tage, wenn man Alles in Augenschein nehmen wollte. Die zwei Hauptgebäude, die sogenannten Oorps cko 1>o§68, sind durch 16 Nebengebäude zu einer Hauptmasse verbunden, auf diese Weise entstehen mehrere Höfe, und von diesen Höfen ist einer beinahe 600 Fuß lang und über 200 Fuß breit. Und in diesem gewaltigen Gebäude entfaltet sich ein so bunter Reichthum an Gemächern jeder Art, Sälen, Galerien, Gängen, Treppenhäusern, Kabineten, Kapellen :c., daß man nicht einen einzigen, sondern eine ganze Reihe von Palästen zu durchwandern glaubt, eine ganze Welt voll Pracht und Verschwendung. Und das Interessante an dieser Welt ist, daß sie nicht die gewöhnliche Pracht zur Schau trägt, der man immer wieder und wieder in den Königsschlöffern begegnet, und welche den Besuch derselben geradezu langweilig machen — daß sie im Gegentheil ihren eigenen Stempel und Charakter trägt, der unverwischbar scheint. Indessen gibt es auch hier Hauptstationen und einzelne Gegenstände, die sich besonders hervorheben und den Besucher vor Allem interessiren müssen. Nach langer Wanderung durch unendliche Gemächer und an unzähligen mythologischen und historischen Gesichtern vorbei traten wir in eines der reizendsten Schlafgemächer, das die Phantasie nur ersinnen kann. Die Fenster blicken hinab in das tiefe Thal, das hier der Park bildet, und hinaus gegen Marbach zu, auf den malerischesten Theil der Umgebung von Ludwigsburg. Das Schlafgemach selbst ist von unten bis oben und an der Decke mit unzähligen Spiegeln und Spiegelchen ausgelegt, zwischen welchen sich Holzschnitzereien wie Ranken hinschlingen in der malerischesten Unregelmäßigkeit. Der Herzog, wenn er hier im Bette lag, sah seine theure Persönlichkeit sowohl wie die schöne Natur, die zum Fenster hereiublickte, tausendfach vervielfältigt. Nur ein tausendfacher Narcissus seiner Person wie seiner Freuden konnte sich ein solches Schlafgemach erfinden; xs athmet nur Lust und Selbstgenngen. Und gerade dieses reizendste Gemach ist das unheimlichste des ganzen Schlosses. Hier starb Herzog Karl Alexander an einer ähnlichen Halskrankheit, wie Kaiser Paul von Rußland. Es steht in wenigen offiziellen würtcmbergischen Geschichtsbüchern, es ist aber darum nicht minder gewiß, daß die treue Landschaft ihn hat erdrosseln lassen — wenn wir nicht irren, im Jahre 1736 — aus Bcsorgniß für den evangelischen Glauben, da Herzog Karl Alexander katholisch geworden und es hieß, daß er auch sein Land der alleinseligmachenden Kirche zuführen wollte. In den alten Rechnungsbüchern der Landschaft findet sich unter den Ausgaben höchst gewissenhaft der Posten verzeichnet: an dem Henker für dem Staate treulich geleistete Dienste 50 Gulden. Wie billig! Der Henker verließ des Abends Stuttgart, und am folgenden Morgen wußte man zu Ludwigsburg, daß der Herzog plötzlich gestorben. Der Kammerdiener, der neben dem Spiegelgcmache schlafen sollte, war zufällig abwesend; eben so fehlte zufällig die Wache unten an der Treppe, die sonst jede Nacht da zu sein Pflegte. Denkt man sich eine Lampe oder das Morgenlicht in das Schlafgcmach, wird die That um so unheimlicher. Tausendfach mußte der Herzog seinen Mörder sehen, umgekehrt wie jener Vatermörder, von dem man erzählt, daß ihn die Inquisitoren von Venedig mit der Leiche seines Vaters in einen Speiscsaal eingeschlossen. Wie sehr haben sich seit Herzog Karl Alexander die Zeiten geändert! In unsern Tagen gingen zwei würtembergische Prinzen zum Katholizismus über, und es krähte kein Hahn danach, und im Landesausschuß hätte Moriz Mohl gewiß dagegen protestirt, wenn man, auch nur «m diesen Uebertritt zu verhüten, bloß 25 Gulden aus der Tasche des Volkes hätte verschwenden wollen. Einer anderen tragischen Geschichte — jedes echte Königsgeschlecht 167 muß ja mehr oder weniger ein Atridengeschlecht seyn — begegnet man in der Familien» Galerie. In diesem langen Saale rechts und links hängen die Bildnisse der würtember- gischen Regenten von Eberhard im Bart angefangen bis auf den vor 3 Jahren verstorbenen König Wilhelm und diejenigen Fürstinnen, welche dem Lande einen Thronfolger gegeben. Es rst zwar interessant, einem Herzog Ulrich, dem Mörder seines Freundes, einem Herzog Christoph, dem Befestiger der Reformation, und andern iu's Gesicht zu sehen, aber von Schönheit und auffallender Bedeutsamkeit ist weder bei den Regenten noch bei ihren Frauen die Rede. Unter den Ersteren zeichnen sich mehrere sogar durch ausgezeichnete Häßlichkeit aus. Nur am Ende der Galerie fesselt ein weibliches Porträt voll Milde und Anmuth Schritt und Blick des Besuchers — und gerade diese einzige Persönlichkeit, die hier Sympathie einflößt, hatte ein räthselhaft trauriges Schicksal. Es ist das die Mutter des verstorbenen Königs, Maria Karolina von Braunschweig, über deren Lebensende selbst ihr Sohn, der König, wie man sagt, sich niemals Gewißheit zu verschaffen vermochte. An den, brutalen und unnatürlichen Lastern hingegebener» Prinzen Friedrich, den nachmaligen ersten König von Würtcmbcrg, verheirathct, soll sie sich, wie die Sage erzählt, als ihr Gemahl noch Gouverneur von Finnland war, unter den Schutz ihrer mütterlichen Freundin, der Kaiserin von Rußland, gerettet und diese sie dem widerwärtigen Gatten mit Gewalt entzogen haben. Man erzählt ferner, daß sie sich später unter anderem Namen an einen russischen Großen verheirathct und in der Zurückgezogenhcit ein glückliches Leben geführt habe. Wieder andere behaupten, daß sie in einem russischen Kloster endete. In Würtcmbcrg selbst bringt man ihre Geschichte mit jener gcheimnißvollen in Verbindung, nach welcher der Stlaßburger Scharfrichter mit Gewalt aus seinem Hause entführt und nach mehreren Tagereisen in ein unterirdisches Gemach gebracht worden, wo man ihn zwang, einer schönen Frau den Kopf abzuschlagen. Thatsache ist, daß die schöne und liebenswürdige Prinzessin spurlos verschwand und daß ihre Geschichte, wie man versichert, trotz aller Anstrengung, sie aufzuhellen, bis auf den heutigen Tag in tiefstes Dunkel gehüllt ist. Was uns in dieser Fanülien-Galerie ferner auffiel, ist der Umstand, daß nur noch für ein einziges Porträt Raum da ist, was uns nothwendig ominös erscheinen und an den Römer in Frankfurt, wie an den Dogensaal in Venedig erinnern mußte, wo mit dem Raum für die Kaiser und für die Dogen auch die Zeit für die Dogen-und Kaiserherrlichkeit zu Ende ging. Aber auch unsere Zeit spielte noch kleine Stückchen Geschichte in Ludwigsburg ab. Im Jahre 1848 flüchtete sich auch König Wilhelm, um seiner illoyalen Residenz Stuttgart eine. Lektion zn geben in diesen „Schmollwinkel" der wüctembergischen Regenten, und hier war es in dem großen Fcstsaalc, wo er alle seinen hohen Offiziere versammelte und in einer Rede bei ihnen anfragte, was er — es war schon im Jahre 1649 — von ihrer Loyalität dem revolutionären Volk! und der Ncichsverfassung gegenüber zu erwarten hätte? Sie ant- warteten mit dem Rufe: „Es lebe der König und die Reichsverfassung!" Daralif wendete ihnen der König den Rücken und verließ den Saal. Die Folge dieser Scene war die ossicielle Anerkennung der Reichsverfassung. In diesen selben kritischen Tagen soll, wie man erzählt, König Wilhelm den Aspcrg hinauf gestiegen sein, um sich bei dem berüchtigten Journalisten Elsncr, den er gekauft hatte, Raths zu erholen. Ob ihm da, als er das steile Schwitzgäßchen hinaufstieg, nicht schlimmer zu Muthe war, als einige Wochen später den Demokraten, die er nach besiegter Revolution denselben Weg hinauf- transportircn ließ? So sind wir mit großen Sprüngen in unserer Zeit angelangt, die in Ludwigsburg, da es zu einem bloßen Wittwensitz geworden, aufhört, interessant zn sein. Mit einem gleich großen Sprunge begeben wir uns in die Anlagen rings herum, uur um überall Verfall und Ruin zu konstatiren. Der See versumpft, die Treppen verschieben sich, die Geländer sind zerbrochen, die Katarakte träufeln, die Grotte Pansi- lippo ist ein dumpfes, feuchtes Kellerloch, und iu der Emichsburg, der künstlichen Raine, wimmern die Acolsharfen — wir wisse» nicht, ob über diesen Verfall oder als Nachklänge 168 der Seufzer, die einst das Würtemberger Land, damals um die Hälfte kleiner, als jetzt, über diese ganze Schöpfung, über diese ganze Lust und Pracht seiner Herzoge ausgestoßen. Die Ausstellung des Leichentuches Christi in der Domkirchezn Turin hat schon ihrer großen Seltenheit wegen das Herbeiströmen einer nach vielen Tausenden zählenden Volksmenge zur Folge gehabt. Diese heil. Reliquie wird in einem kostbaren Schrein in der der Mctropolitankirche von St. Giovanni angebauten Kapelle des hl. Schwcißtuches aufbewahrt. Scchsundzwanzig Jahre waren verflossen, seitdem dieselbe nicht mehr aus ihrer dreifach verschlossenen Krypta hervorgeholt worden war, nämlich seit dem Jahre 1842, als Viktor Emanuel sich mit der österreichischen Erzherzogin Abelaide vermählte. Bei der am 24. v. M. geschehenen Eröffnung waren zugegen der König, daS kronprinzliche Paar, die Königin von Portugal, die Herzogin von Genua, die Herzogin von Aosta, die Prinzessin Klotildc, Prinz Amadeus, Prinz Thomas und Prinz Carignan. Das Tuch ist ein sehr langes und nicht breites Linnentuch, da die alten Juden den Leichnam nicht in dasselbe einhüllten, sondern nur darauf legten und am Kopfende überschlugen und dasselbe wieder bis zu den Füßen gehen ließen, so daß auf der Reliquie der vordere und der Hintere Theil des Leichnams abgedruckt erscheinen, welche am Scheitel in einander verlaufen. Die Eröffnung scbst geschah durch den Erzbischof von Turin, Grasen Nicardi di Nctr), unter Kontrole des Ministers dcS k. Hauses, Marchcse Gualterio, und des mit der Bewachung der Kapelle beauftragten Domherrn. Nachdem die Reliquie von dem Könige und den andern hohen Herrschaften geküßt worden war, wurde dieselbe am Hochaltar der Mctropolitankirche der Verehrung der Gläubigen ausgesetzt. In Rußland bat in letzter Zeit ein siebenfacher Mord ungeheures Aufsehen gemacht. Der Mörder der Fanutce Shemarin in Tambvm, Gymnasiast Gerski, hat nun feine That eingestanden. Nicht uninteressant auch für weitere Kreise sind die einzelnen Umstände dieses siebenfachen Mordes, welche der Verbrecher schriftlich dargelegt hat. Danach hat der Kaufmann Shemarin sieben Tage vor Verübung des Verbrechens 3000 R. empfangen und dieselben seiner Frau zur Verwahrung übergeben. Diese ließ darauf die Summe durch die Kinder überzählen und bat den im Hause anwesenden Gorski, darauf zu sehen, daß die Kinder richtig zählten. Gorski erfuhr vei dieser Gelegenheit, daß binnen Kurzem noch mehr Gelder eintreffen sollten. Seit der Zeit verfolgte er den Plan des Mordes, zu dessen Verübung er sich einen Revolver kaufte und einen Todsichläger bestellte, den er als ein zu gymnastischen Uebungen zu verwendendes Instrument darstellte. Um die Hausbewohner an plötzliche Detonationen zu gewöhnen und so bei der Verübung der That durch die ersten Schüsse nicht gleich einen uuzeitigen Lärm zu veranlassen, ;choß Gor ki im Laufe von fünf Tagen wieder-« holentlich aus dem Revolver, wozu er natürlich Zündhütchen ohne Kugeln benutzte. Die Kinder interessirten sich lebhaft für diese Belustigung, Shemarin selbst ermuthigte die Spielenden, und die Zimmer des Hauses ertönten nicht selten von diesen Schüssen. Um dieser Belustigung vollends den Anstrich eines reinen Scherzes zu geben, wählte Gorski gewöhnlich den Augenblick, wo eines der Familien-Mitglieder etwas nachdenklich war; er schlich sich dann heran und feuerte vor dem Ohre des Zerstreuten das Zündhütchen ab, was gewöhnlich -ein allgemeines Gelächter und allerlei Scherze über den Erschrockenen hervorrief. Von dieser Seite sichergestellt, erwartete Gorski den günstigen Augenblick zur Verübung der That. Am 13. März schritt GorLki während der Abwesenheit des Herrn und der Frau vorn Hause und des Stubenmädchens zum Morde. Das erste Opfer war der älteste Sohn Shemarins, dann kam die alte Mutter au die Reihe. Den Hausdiener erschoß GorSki, als er gerade mit der Köchin Thee trank. Als diese den Schuß hörte, lachte sie, da sie ihn für einen einfachen Schreckschuß hielt; es war dieß ihr letztes Lachen, denn ein folgender Schuß streckte sie todt zu Boden. Nachdem Gorski die im Hause befindlichen Personen ermordet, wollte er die nach Hause zurückkehrende Frau Shemarin gleich im ersten Zimmer erschießen, der Schuß versagte jedoch. Die unglückliche Frau, welche glaubte, daß Gorski wieder Scherz treibe, bat diesen aufzuhören, da sie diese Schüsse fürchte, aber gleich darauf sank sie von einem neuen Schusse getroffen, todt zu Boden. Dru4, verlas »nd Redaktion de< ttterarijcheu JnstirstS vsa vr. V. Huttler.