Nr. ÄS. 31. Mai 1868. Suche nicht »ergebne Heilung! Unsrer Krankheit schwer Geheimniß Schwankt Zwilchen Uebereilung Und zwischen Versäumniß. Göthe. Sanci JarLhelmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) Vom Watzmann kam eine finstere Wolkenwand herangezogen, und drängte sich vor den Mond — ein unheimliches Helldunkel flog durch die Nacht. Placida harrte einen Augenblick, bis sie Markulf's Schritte nicht mehr vernahm: unter Thränen, die sie jetzt nicht mehr zurück zu halten strebte, sank sie dann auf ihr reines Lager — sie nahm von der Wand das dort hängende kleine und unscheinbare Holzkreuz, preßte es in den gefalteten Händen fest an die schmerzlich pochende Brust, ergeben in alle Qual der Entsagung und des mit ihr verheißenen Friedens. So leise das Gespräch der Beiden geführt worden, war es doch nicht unbelauscht geblieben. Das Geflüster hatte Amalaswinthas wachendes Ohr erreicht: auch in ihrem Gemüthe ging der Sturm zu hoch, als daß die Wellen vermocht hätten, sich zum ruhenden Spiegel zu glätten — leise hatte sie das schlaflose Lager verlassen, und war aus dem leicht verschlossenen Hause getreten. Ihre Aufmerksamkeit wurde zur gespannten Neugier, als sie in dem Manne den jungen Jäger erkannte, der bestimmt war, Diet- walt's Waidführer zu sein. Mit immer zufriedenerem Lächeln hörte sie zu und flüsterte mit zustimmendem Nicken in sich hinein: „So bin ich doch nicht umsonst des Weges gefahren. . . hab' ich auch seine Spur nicht entdeckt, jetzt glaube ich zu wissen, wer mir mein Wild sicher in's Garn jagen soll!" Sie folgte Markulf zur kühlen Lagerstätte seines Gram«; er ward ihr Nahen nicht gewahr, bis sie aus dem rauschenden und nickenden Haselgestäude trat und dem überrascht empor Springenden die Hand auf die Schulter legte. Indeß ein flüchtiger Blick des Wohlgefallens die kräftige Schönheit des Jünglings überglitt, grüßte sie ihn mit denselben leise geflüsterten Worten, wie bei der ersten Begegnung des vorigen Tags. „Was sinnest Du so gramvoll, schöner Waidmann? Dir könnte wohl geholfen werden!" — „Du wieder hier?" entgegncte Markulf, sie anstarrend. „Was swillst Du von mir?" „Ich von Dir?" erwiderte Amalaswinth. „Nichts — oder doch so viel als nichts l Deinetwegen komm' ich . . . ich will Dir helfen!" „Mir vermag Niemand zu helfen!" „Doch — wer weiß es! Wenn Du wirklich Leib und Seele verschworen an das bleiche Gesicht mit dem kalten Herzen — wenn Du nicht siehst, wie nahe das Leben seine farbigsten glühendsten Blüthen vor Dir entfaltet..." „Ich bin gebannt," seufzte Markulf, „ich muß vergehm und schwiudeu ohne sie!" 170 „So gilt es, ihre Liebe zu gewinnen und ihr das eisige Herz zu schmelzen," rief Flmalaswinth, „ich vermag es und ich will es, wenn Du meinem Geheiß Dich fügen willst! Diene Du mir — dafür will ich Dir dienen ..." „Rede, was Du verlangst... Um diesen Preis bin ich zu Allem bereit. . ." Amalaswinth neigte sich zu ihm, damit auch die Aeste und Blätter um sie her die Worte nicht vernehmen sollten, die sie sprach. „Bist Du bereit?" fragte sie dann mit Nachdruck. „Ich bin es," erwiderte Markulf in fieberischer Hast . . . „und Du gelobst mir dafür..." „Die spröde Dirne soll Dein sein und in Liebe vor Deinen Füßen vergeh'» ..." „So befiehl' über mich," rief der Jüngling, „erfülle Dein Wort und der Himmel habe keine Stelle für mich, wenn ich das meine nicht halte!" „Welches Feuer!" murmelte die Langobardin halbleise mit eigenthümlichem Blick und Ton. „Und wie thöricht vergeudet! Nun denn, so habe was Du Dein Glück nennst," fuhr sie zu Markulf gewendet, fort. . . „Trage dieß Zeichen an Dir und am dritten Tage ist Deine Liebesglut gestillt..." Sie nahm eine der Schwanfedern vorn Haupt und steckte sie auf Markulf's Hut: eh' er sich besinnen konnte, war sie verschwunden. „Weh' mir — die Walkyre — ich bin in ihrer Gewalt!" rief er schaudernd und wollte, eingedenk der Worte des Vaters, die Feder vom Hute reißen — im nämlichen Augenblick sank ihm die Hand zurück. „Nein," murmelte er grimmig, „ich kehre nicht zurück... ich bin verloren, ich weiß es, aber Placida wird mein!" IV. Das Schwanenhernd. Wie eine zweite luftige Flut lag undurchdringlicher Nebel über dem Gewässer des Wildsee's, und ferne hinaus, so weit das Auge zu dringen vermochte: es war ein graues, hie und da von Silber durchblitztes Meer, in welchem hie und da die höchsten Gipfel des Gebirgs oder Stellen des Flachlandes mit schroffansteigenden Spitzen oder breit hingestreckten Ebenen inselartig schwammen: der Kaunstein allein, von welchem man das Nebclgcwoge übersah, hob sein Alles überragendes Eishorn blau schimmernd und doch goldglänzend scharf und hell in das sonnendurchlodertc Blau hinein, das wolkenlos darüber sich erhöhte und breitete. Die aber auf dem Gebirge standen, gewahrten nicht das wundersame Bild, das in Ferne und Nähe sich glänzend vor ihnen aufthat: sie waren nur mit dem Gestein und den wunderbar gestalteten Felsformen des Kaunstcins beschäftigt, der über der kleinen trümmerbedeckten Hochebene wie eine ungeheure Pyramide furchterregend emporstieg, denn die Felsen ragten und lagen übereinander bis zu einer Höhe, daß das Auge die schwindelnde Spitze kaum zu erreichen vermochte. Das ward fast nur dadurch möglich, daß die Pyramide wie ein riesiges Horn sich krümmend gegen den See zu überhing — zum Falle bereit wie sich zerbröckelndes Thurmgemäuer, dem sie auch darin glich, daß sie das Ansehen hatte, als wäre sie aus riesigen, übereinander gelegten Quadern aufgeschichtet. Jahrtausenden hatte das gewaltige Stcingcbilde trotzig widerstanden, aber es trug die Wunden und Narben des nie rastenden Kampfes überall zur Schau. Der Sonnenbrand hatte Wände und Schrofen angeglüht und gedehnt, der Frost hatte sie wieder zusammengezogen und gekeilt, bis es gelungen war, die vermürbenden Masten zu sprengen und den strömenden Ergüssen der Wolken den Weg zu bahnen, auf daß sie, die Riste auswaschcnd und allmählig zu Klüften und Schluchten erweiternd, das Werk der Zerstörung vollends zu Ende bringen sollten. Kein Pfad führte zu dem Gipfel der regellos übereinander ge- thürmten Blöcke; am Fuße des Kegels lagen deren viele wie angesammelt und aufgestaut, gleichsam ein künstliches Bollwerk, das überstiegen werden mußte, wollte man in die 171 Schlucht eines Bergquells gelangen, der gegen das Landthaler-Thal abstürzte. Wer dr hinüber kletterte, den mochte wohl wider Willen der Gedanke und mit ihm ein stille» Grausen beschleichen, daß es vielleicht nur eines einzigen SteinchenS bedürfe, welches sich lockere, — um dadurch den nächsten Felsen und ihm nach die ganze Steinmasse stürze« zu lassen, der es bis jetzt zur unscheinbaren letzten Stütze gedient. In dem Gellüfte der übereinander geschobenen Blöcke hat sich eine mächtige Höhle gebildet; eine ungeheure, vom Tage nur durch einen Spalt seltsam beleuchtete Halle, die sich ansah, als habe die Natur darauf gesonnen, sich selbst eine Art von Tempel und Heiligthum zu errichten. Nicht geordnet wie Säulen eines künstlich abgemessenen Baues, sondern wie Urbäume eines gigantischen Waldes stiegen Pfeiler in derselben empor, bald massiv wie zum Tragen bestimmt, bald schlank emporspringend, wie zu gefälliger Zier ersonnen. Die Wände waren nicht eben, nicht geglättet, doch war auch hier eine gewisse Ordnung, ein sicheres Ebenmaß zu erkennen, denn der Natur ist eS unmöglich, selbst da, wo sie in ihrer ganzen Furchtbarkeit als Zerstörerin auftritt, anders zu wirken als großartig und schön. Die Decke bestand aus zwei Blöcken, welche, gegeneinander gestemmt, sich gegenseitig in dem sonst unvermeidlichen Sturze aufhielten; davon hingen Zacken hernieder von abenteuerlichen Formen, längere mit kürzeren wechselnd, als ob auch hier eine sinnvoll ordnende Hand gewaltet und sie gefestet habe. Die Pracht der Halle ward aber vollendet durch einen großen Spalt im Gestein, der sich nach der freien in den Wildsee abstürzenden Bergwand hin wie ein Fenster oder eine Art steinernen Balkons öffnete, etwas Licht einließ und auf den obern Theil des Sees und seine Bergwände einen überraschenden Blick gestattete . . . schräg über lag der Watzmann, zu seinen Füßen, wie ein an den greisen Vater sich anschmiegendes Kind, grünte die kleine Walchen- Almend — davor in schwindelnder Abgrundstiefe schlang sich das Wasser des Wildsee's hin. Der Boden der Halle war natürlich rauh; es gab fast keine Stelle, wo der Fuß sich feststellen konnte — nur gegen das Fenster zu waren die Blöcke so günstig gelagert, daß es möglich schien, auf ihnen wie auf Ruhebänken sich niederzulassen und auf einem andern ein vom Augenblick bereitetes flüchtiges Jägermahl einzunehmen. Die den Eingang der Höhle bildende Kluft war im Verhältniß sehr niedrig und eng; sie glich mehr einem von oben durch's Gestein gehenden Riß — das Tageslicht vermochte nur seltsam gebrochen einzudringen und stoß mit dem Hellern Scheine, der durch das Fenster kam, zu einer grüngrauen zauberhaften Dämmerung zusammen, welche die Halle noch mehr als einen Hort des Wunders und des Geheimnisses erscheinen ließ. Jetzt klomm aus der Höhlcnspalte Alboin, Amalaswinthens Begleiter hervor; er reichte die Hand zurück, um der Herrin ebenfalls heraus zu helfen, aber das kühne Weib bedurfte der Stütze nicht: sie schwang sich selbst empor, unbekümmert darum, daß der innen liegende Block, der ihr zum Tritte diente, nicht festlag, sondern bedrohlich hin- und wieder schwankte. Draußen, vor dem Eingänge, auf dem etwas gesenkten Boden, hart neben dem Spalt lag ein großes Felsstück in so sturzdrohender Stellung, daß es unbegreiflich schien, warum dasselbe nicht herunter rollte: wäre es geschehen, so wäre es unmittelbar vor den Spalt zu liegen gekommen und Hütte diesen und mit ihm den Eingang zur Höhle für immer verschlossen. Der Alte schien solche Gedanken zu haben, denn er betrachtete das Felsstück mit genau prüfendem Blick und faßte besonders einen kleinen Stein in's Auge, der wie eine absichtliche Unterlage und Stütze darunter gelegt schien. „Sonderbares Geklüfte das!" rief er und schien die Sonnenstrahlen, welche ihm scharf auf den Leib sielen, mit Behagen zu empfinden. „Es geschieht wohl, daß Einem manchmal in einem bösen Traumgesicht eine rechte Wüste vorkommt, aus der man sich nicht mehr hinaus zu finden weiß . . . aber eine so furchtbare Ocdnei, wie diese, mag wohl keinem Menschen auch nur im Traum erscheinen! Und wie die Luft hier weht! Schneidig kalt, daß sie durch Gewand und Pelz dringt! In der Höhle unten war es schaurig und dumpf, hier außen ist's wohb « l 172 Hell und frisch . . . aber die Luft verräth, daß wir nur wenige Schritte von uns das Eis haben, das niemals schmilzt! Ich will dem Himmel danken, wenn ich die warme Ebene von Pavia wieder vor mir sehe ... ich habe eine ordentliche Sehnsucht, den Ticino wieder rauschen zu hören, und die Oelbäume und Pinien an seinem Ufer!" „Das sollst Du bald," erwiderte Amalaswinth, welche finster und doch in unverkennbarer Erregung sich aus's Gestein niedergelassen hatte. . . „Mir gefällt diese Wild- niß, in ihrer Einsamkeit wie in ihren Schrecken, es ist etwas darinnen, was zu meinem Gemüthe stimmt! Du aber magst nun gehen — warte meiner am bestimmten Ort. . . bin ich am Abend deS dritten Tages noch nicht eingetroffen, so kehre allein zurück nach Pavia — grüße mir den Ticino und seine Pinien..." Alboin zögerte. „Domina," sagte er dann, sie mit festem Blick betrachtend, „laß mich immerhin noch bei Dir bleiben — es ist nicht geheuer in dem Geklüfte.. . Wenn Dir ein Wolf aufstieße oder ein Bär..." „Glaubst Du, daß ich vor Bestien zittere?" erwiderte sie'geringschätzig, während ihr Auge nach der Stelle streifte, wo Bogen, Köcher und Iagdspieß unter Alprosenstauden in den langen zähen Grashalmen lagen, welche mit mattem Grün zwischen dem Gestein hervorgekeimt waren. „Geh' — ich bedarf Deiner nicht!" „Laß mich dennoch bleiben, Domina!" begann der Alte wieder. „Muthe mir nicht zu, Dich hier allein zu lasten und fern von Dir ruhig zuzuwarten, ob und wann Du wieder kommen werdest. . . Laß mich bleiben, denn — um Dir offen die Wahrheit zu sagen, wenn Du auch darauf beharren und mich von Dir weisen wolltest, ich würde Dir nicht gehorchen! Ich bin nicht umsonst Dein Schirr- und Waffenmeister ... wo Du bist, gehör' ich auch hin!" „Wie?" rief Amalaswinth flammenden Blicks. „Du verweigerst mir den Gehorsam?" „Ja, Domina," entgegncte er fest, „denn indem ich das thue, diene ich Dir bester, als wenn ich Dir gehorchen wollte! Laß mich bleiben — Du hast nicht nöthig, etwas vor dem alten Alboin zu verbergen ..." Er trat näher und sprach leiser, als wäre sogar in der Wildniß Verrath zu fürchten . . . „Ich weiß, was Dich hicher geführt, Domina..." „Unmöglich! Du hättest mein Geheimniß errathen?" „Weßhalb unmöglich? Das Auge des treuen Dieners erräth mehr, als es verräth... Zürne nicht, aber Alboin weiß, Westen Nachen allnächtlich den Ticino herabgeglitten und un Cyprestcnschatten des Gartens angelegt ... ich weiß, wer am Geländer der Terasto «uporklctterte. . . " Amalaswinth war aufgesprungen und stand drohend vor dem Alten; in der Hand über seinem Haupte funkelte ihr Dolch. „Schändlicher," rief sie zürnend, „Du hast es gewagt, mich zu belauschen?" „Nein, Domina — aber ich habe Dein Geheimniß bewahrt und bewacht, nachdem der Zufall mich zum Mitwisser gemacht . . . darum weiß ich auch, was das Ziel der Betfahrt war, hinter der Du den Deinen diese Reise verborgen: ich weiß, warum Du als das Weib eines Kaufherrn Dich vor Spähern sichern wolltest . . . und weiß, wen Du hier erwartest..." Die Longobardin ließ die Waffe sinken. „Es ist gleichviel," sagte sie dann, „magst Du es immerhin wissen, verrathen wirst Du mich nicht, dessen bin ich sicher. . . Aber geh' dcmungcachtct und hindere mich nicht!" „Und kennst Du mich so wenig, Domina," rief Alboin näher tretend, daß Du glauben kannst, ich werde Dich hindern in Deinem Werke? . . . Frage Dich selbst, ob Dn bis in Deine Kindertage zurück, Dich auf eine Zeit besinnen kannst, in welcher Alboin nicht bei Dir gewesen? Ich war Dir ergeben, seitdem Du die Augen dem Licht der Welt geöffnet hast — ich hab' es Deinem Vater, der mir einst trotz schwerer Vcrschul- , düng das Leben geschenkt, zugeschworen, ich wollte dieses Leben, das er mir geschenkt. 173 seinem Kinde weihen und ob er auch nie davon erfahren: ob Du es nie geahnt — vor mir selber habe ich meinen Schwur gehalten und werde ihn halten! Ich habe Dich auf den Armen getragen, habe mit dem Kinde gespielt, das Mädchen hab' ich gelehrt, was ich lehren konnte — die Jungfrau hab' ich beschirmt, so weit ich sie zu beschirmen vermocht! Du bist das Einzige, was ich im Leben geliebt — ich lebte nur in der Freude an Dir, in dem Wohlgefallen an Deiner immer herrlicher erblühenden Schönheit: Deine Lust war mein Glück, Dein Leid meine Verzweiflung . . . Glaube mir, Domina . . . hätt' ich ein leiblich Kind und ihm wäre geschehen wie Dir... und es wollte hier stehen wie Du... ich würde es nicht abhalten! Ich würde es begleiten, wie ich Dich begle-i tet habe, und wenn seine Hand erzittern sollte — würde ich sagen, hier ist meine Hand — sie ist stärker!" „. . . So bleibe denn," flüsterte Amalaswinth, und drückte bewegt dem Alten die Hand. „Als mein Genosse magst Du bleiben . . . mein Diener zu sein, hast Du von diesem Augenblicke an aufgehört. . . Horch! Mir ist, als hört' ich Schritte nahen . . . der Augenblick der Erfüllung rückt heran..." (Fortsetzung folgt.) Vater Hermann. Zu Laguercs in Südfrankreich befindet sich ein Karmclitcrkloster, an dessen Gründung sich für uns Deutsche ein ganz besonderes Interesse knüpft. Das Kloster daselbst ist 1856 errichtet worden, und diese Gründung wird als das Werk eines Mönchs angesehen, des Pere Augustin Marie du tres samt Sacrament in dem Sinne, daß das Interesse, welches sich an seine Person knüpfte, das Zustandekommen der bedeutenden, zum Baue erforderlichen Fonds ermöglichte, und daß namhafte Künstler, wie Horacc Vernet, der Bildhauer Bonassteu und die Orgelbauer Cavaille und Coll, aus demselben Grunde mit ihrer Hände Werk die schöne, Klosterkirche geschmückt haben. Dieser Mensch ist kein anderer, als der frühere Pianist Hermann Cohn aus Hamburg, ein geborener Israelit und Schüler Liszts, dessen Bekehrung (1847) und späterer Eintritt in den Orden der Karmeliter seiner Zeit viel Aufsehen erregte. Der Vater Hermann, wie er jetzt noch allgemein genannt wird, ist aber außerdem eine in ganz Frankreich bekannte und volksthümliche Figur geworden, seine Geschichte, sein früherer Lebenswandel, seine spätere Buße, sein glänzendes Orgelspiel, die vielen Kantaten, die er komponirt, und die Glaubeusbegeisterung, die aus allen seinen Worten und Thaten lodert, haben ihn überall eingeführt und mit einem besonders hohen Grade von Verehrung umgeben. Er ist im I. 1821 in Hamburg von reichen jüdischen Eltern geboren und entwickelte frühzeitig ein großes musikalisches Talent. Vcrmögcnsverluste veranlaßten die Mutter, mit dem Knaben zur Ausbildung seiner Anlagen nach Paris (1834) zu gehen, nachdem man ihn als Wunderkind in Deutschland öffentlich hatte auftreten lasten, wo ihm überall, und zumal am Mecklenburg-Schwerin'schen Hofe, eine besondere Aufmerksamkeit zu Theil wurde, worauf er wiederholt in seinen späteren Briefen zurückkommt. In Paris machte er Bekanntschaft mit Liszt, der ihn weiter ausbildete und dem er auf eine Zeit lang nach Genf folgte, als jener sich dorthin zur Gründung eines Conservatoriums begab. — Cohns Talent erregte überall das größte Aufsehen. Er gerieth aber bald auf lasterhafte Wege, die auch seinen Vater von ihm abwandten, wovon er selber sagt: 1'4tui8 lu prois c!ö toutss >68 inl6mp6runee8, -68 «is lu jeun 6880 . Er kam in Verbindung mit allen socialen und religiösen Neuerern, Atheisten, u. s. w., deren eifrigster Zögling er ward. Die Umwandlung ging plötzlich in ihm vor, im Jahre 1846, mitten im Strudel des ausschweifendsten Lebens, in dem er täglich verkehrte. In einer Kirche, wo er die Leitung eines Chores übernommen hatte, und später in Eins während einer Messe, war es, wie 174 er erzählt, wo die Gnade Gottes sich auf ihn herabließ, und es ihm wie Schuppen von den Augen siel. — Schon im nächsten Jahre zog er das Mönchsgewand an. Die Malvivenza. Der französischen Regierung ist es bekanntlich durch konsequente Strenge gelungen, die Pendezza in Corstka fast gänzlich auszurotten. Ein Seitenstück zu dieser korsischen Vendezza bildet die Blutrache und die mit ihr Hand in Hand gehende Malvivenza, welche unter dem zum österreichischen Kaiserstaate gehörigen dalmatischen Gebirgsvolke der Morlakkcn herrscht. Die österreichische Regierung geht gegenwärtig daran, diese barbarische Sitte, welche alle Sicherheit des Landes untergräbt und neben der heillosen schon von den Venezianern ausgeübten Forstverwüstung dieß Land, das sonst ein gesegnetes sein könten, dem Fluche der Unfruchtbarkeit und Verödung überliefert hat, energisch auszurotten. Wir finden deßhalb im Budget des österreichischen Ministeriums des Innern einen beträchtlichen Posten angesetzt für „Ausrottung der Malvivenza." Die Erhebung des von der österreichischen Regierung eigens zu diesem Zwecke nach Dalmatien gesendeten Ministerialsekretärs Or. Loren; setzen uns in den Stand, Näheres hierüber mitzutheilen. Es liegt im Charakter des morlakkischen Volkes, nur den Starken oder Verschlagenen zu ehren. Wer die meisten Gewaltthätigkeiten ungcrächt und ungestraft ausgeübt hat, steht im höchsten Ansehen. Es ist das ein Erbe aus der Türkenzeit; die rohe Thatkraft, die verrätherische List, womit ehedem der osmanische Todfeind bekriegt ward, richtete sich später gegen den Stammesgenofsen und so entstanden und entstehen eine Menge innerer Fehden, welche häufig einen tödtlichen, immer einen verderblichen Ausgang nehmen. Häufig kommt es vor, daß ein Mann ohne starke Familie oder Anhang um eines geringen Grundes willen oder ganz ohne solchen von einem Mächtigern überfallen und von Haus und Hof getrieben wird. Und in den meisten Fällen läßt sich das der Beraubte auch ohne Widerstand gefallen, denn er weiß, daß sein Leben verwirkt ist, wenn er klagt. Trotzt er der Gefahr, wendet er sich an die Gerichte, so ist er ebenso übel berathen, denn er findet keinen Zeugen. Diese alle fürchten die Rache der Mächtigen. ES kommt selbst vor, daß wenn bei cclatanten Fällen die Behörden ohne Anrufen einschreiten, der Beklagte diese um Gotteswillen bittet, alle Schritte zu seinem Rechte zu unterlassen oder erklärt, daß er mit der Besitzergreifung vollkommen einverstanden sei. Mit dieser Blutrache ist die Malvivenza innig verbunden. Es ist eine Art Stegreifthum, Vogelfreihcit, Buschkleppern. Doch gewähren diese Worte nicht den vollen Begriff. Der Rächer oder Held, der einen Gegner erschlagen, eine ganze Familie in ihrem Hause verbrannt oder dergleichen gethan, weiß zwar recht gut, daß ihm vor Gericht nichts bewiesen werden kann, allein er scheut die Untersuchungshaft. Deßhalb und um der nun drohenden Rache der Gegenpartei auszuweichen, nimmt er eines Tages die Flinte über die Schulter, Pistolen und Jatagau in den Gürtel, rafft so viel Munition und Schuhwerk zusammen als er kann, und zieht sich in die wildesten Schluchten des Gebirges zurück. Dort findet er immer zahlreiche Gesellen, mit welchen vereint er nunmehr die Umgegend brandschatzt. Allein diese Malviventi sind keine gewöhnlichen Räuber, wollen es auch nicht sein. Sie nehmen nur, was sie nothwendig brauchen, vorzugsweise Lcbensmittel, seltener Kleider, Geld nur, wenn sie Munition bedürfen und dann am liebsten von Fremden. Höflich gegen Reisende, galant gegen das schöne Geschlecht gleichen sie den britischen Highwaymen und den edeln Räubern der Romane. Dieß umgibt sie in den Augen des Volkes mit einer Glorie und verschafft ihnen stets Hilfe und Schlupfwinkel. So kommt es, daß viele junge Taugenichtse ohne alle weitere Veranlassung in die Berge ziehen und sich den Malviventen anschließen, welche eine wahre Landplage sind. Das ist die sogenannte 175 Malvivenza, eine Erscheinung, welche man im heutigen Europa kaum mehr für möglich halten sollte. (Die Gesellschaft der Verzweifelten.) In der Wochenschrift „Daheim* wird von einem Algier - Reisenden Folgendes erzählt: Als ich zum ersten Male in die Hallucinationen des Haschisch eingeweiht wurde, geschah es durch einen Europäer, welcher zu der anziehenden Klasse der Verzweifelten gehörte. Er ist seitdem an dem Mißbrauch des Kif gestorben. Dieser Verzweifelnde hatte sich ein poetisches Nest mitten in einem afrikanischen Walde gebaut, tief in einer Schlucht. Sein Schlafgemach mit den runden Fensteröffnungen, die nie geschloffen wurden, war mit Schwalbennestern angefüllt, deren Bewohner beständig aus- und Anflogen. In dieser Zelle sah er nur des Himmels Blau, das ferne Meer und.die immergrünen Eichen des Waldes, athmete nur den Dust der Blumen, die er vor seiner Hütte gepflanzt hatte, hörte nur das Summen der Insekten, den Vogelgesang und das Gcmurmel des Baches, der über die Granitfclsen zu seinen Füßen plätscherte. Des Nachts gab es andere Musik: Schakals, Panther und Löwen mischen ihr Geheul in das Rauschen des Waldes. Wenn er durch das Gebrüll unk Miauen im Schlafe gestört wurde, griff er nach seiner Büchse und verfolgte im Mondschein das wilde Gethier. Alle Haschischraucher sind Freunde der Jagd, und Wildschweine und Igel ihr bevorzugtes Wild. Als ich meinen Kifraucher in seiner Wohnung aufsuchte, begriff ich, daß ich es mit einem wahren Poeten zu thun hatte, mit einem besiegten Titanen, einem Manne, übersättigt von der Civilisation, einem Freunde des Lebens in der Wildniß. Er vertraute mir die Ursache seiner Auswanderung an. Nachdem er mir alle seine Andenken an seine Braut vor Augen gelegt hatte, ihren Kranz von Orange- Blüthen, ihren Blumenstrauß, sorgfältig in einem Cedernholzkistchen aufbewahrt, sagte er mir, daß seine junge Frau am Tage nach der Hochzeit gestorben sei. In dem Wahnsinn seiner Verzweiflung war er über's Meer gegangen und hatte sich dem Haschisch ergeben. Dank den Bczaubcrungcn der dadurch hervorgebrachten Träume sah er jedesmal seine Frau so jung, so schön wieder, wie an ihrem Hochzeitstage; ihre Stimme klang an sein Ohr mit Verheißungen des Wiedersehens in einer andern Welt. „Es ist die Stunde unserer Zusammenkunft," rief der Unglückliche, indem er seine seltsame Erzählung beendete. Ich folgte ihm nach dem maurischen Kaffeehause, er führte mich in den Saal der Raucher ein. Diese erwarteten uus auf einem Teppiche, die Pfeife am Munde. Der Clubb nannte sich die „Gesellschaft der Verzweifelten." Und wahrlich, in ihren wilden Blicken, den zerstörten, tief gegrabenen Zügen ihrer Gesichter, offenbarte sich der Entschluß systematischen Selbstmordes. Sie glichen Alle meinem Freunde, es war ein Verein von unglücklich Liebenden, Ehrgeizigen ohne Aussicht und verarmten Krösusscn. Friedrich der Große und seine Hunde. Das Verhältniß dieses Fürsten zu den Hunden ist merkwürdig und seltsam. An seinem Hofe genossen die Hunde Rechte, deren sich der höchste Beamte nicht rühmen durfte. Sie umgaben stets den König im Schloß, auf Reisen, im Krieg. Sie lagen auf kostbaren Kanapees, auf Stühlen uiit Atlas überzogen. In allen Zimmern waren lederne Bälle zum Spielen für die Hunde. Zur Bedienung hatten sie Lakaycn. Auf Reisen fuhren sie in sechsspänniger Kutsche. — Biche, die Favorithüudin des Königs, schlief jede Nacht in seinem Bette. Als der König bei einer Abreise zur Revue in Schlesien einen Hund krank zurückließ, mußte täglich eine Staffelte über sein Befinden nachgeschickt werden. Als eine Depesche den Tod meldete, mußte der Todte in einem Sarge bis zur Rückkehr im Bibliothekzimmer aufgestellt werden. Der hcimgekehrte Monarch betrachtete den Todten stundenlang, weinte bitterlich 3 Tage hindurch und ließ ihn feierlich beim Schloß begraben. Zehn Doktoren waren beschieden worden. 176 Eine komische Vergiftungsgeschichte ereignete sich dieser Tage auf der Mieden in der Paniglgasse (Wien). Eine Frau aus dem mittleren Stande wollte den Namenstag ihres Gatten in festlicher Weise begehen. Sie kaufte zu dem Zwecke unter Anderen einen schönen theuren Fisch und eiue Ente. Den Fisch briet sie heimlich und stellte ihn abseits auf's Marmorpflaster der Küche, indem sie zu den Dienstboten sagte, es wäre der Fisch durch und durch mit Arsenik vergiftet, um die Mäuse zu todten, die ihr Unwesen in der Küche treiben. Am kommende» Tage eilte sie früh Morgens fort, um Verschiedenes zu besorgen und hieß Dienstboten und Amme die Ente braten und Herrichten. Alles ging gut, so lange der Duft der gebratenen Ente nicht in die Nase stach. Da aber zupften und kosteten Dienstbote und Amme so lange, bis die Haut dahin war und mit ihr noch viel Anderes. Dies war nun arg. Der Zorn der Frau war zu befürchten und in ihrer Angst entschlossen sich Beide das Leben zu nehmen. Aber wie! — Jetzt kam ihnen ein lichter Gedanke, der Fisch! das ist die mindest blutige Art. Sie machten sich also darüber und thaten genug, ihres Lebens gewiß ledig zu werden. Dann legten sie sich in eine Ecke und erwarteten ruhig den Tod. Als die Frau nach Hause kam, war in der ganzen Wohnung eine Grabesstille. Sie wollte eben rufen, als sie in einem Winkel stöhnen und klagen hörte. „Was fehlt Euch?" rief sie den Dienstboten zu und dachte an nichts weniger als an einen Raubmord. „Wir sind vergiftet," stöhnten diese. „Wie, was?" „Wir haben die Ente halb aufgegessen und da haben wir uns aus Furcht mit dem Fisch vergiftet." Die Frau schlug die Hände über den Kopf zusammen und die Gesellschaft bekam Abends statt der beiden Braten diese Erzählung zum Besten. Ein eigenthümlicher Vorname und seine Entstehungsgeschichte. Kreuzwendedich ist nicht blos ein männlicher Vorname, namentlich der Familie v. Borne, sondern cxistirt auch als weiblicher Vorname. Es lebt heute noch eine Dame aus altadeliger Familie, die diesen Namen trägt, dessen Beilegung nachstehenden Zusammenhang hat. Die Eltern dieser Dame, denen in ihrer Ehe sieben Kinder geschenkt worden waren, hatten sie sämmtliche bald nach der Geburt verloren. Als das achte Kind, ein Mädchen, geboren wurde, so wurde diesem auf Rath einer alten Frau der Name „Kreuzwendedich" gegeben. Nicht blos diese, sondern eine nachgeborene Tochter blieben am Leben und leben heute beide noch in Brieg, und so hatte sich das Kreuz, das der Familie vom Schicksal aufgelegt worden war, gewendet und keine weiteren Opfer aus dieser Familie verlangt. (Die guten Handlungen.) Lehrer: „Seligsohn! Kannst Du mir nennen eine Reihe „guter" Handlungen — ?" — Seligsohn: „James Rothschild, Abraham Oppenheim und Comp., Carl Heine." Charade. (Zweisilbig.) Das Erste oft fast zentnerschwer Just dem, der's trägt am Herzen liegt. Das Zweite leider häufig sehr Die Menschenkinder täuscht und trügt. Das Ganze schließlich jener kriegt, Der lieh zuvor T Gulden her — Vielleicht au einen, der vergnügt Bald sprach: Nun Herz, was willst du mehr? Auflösung der Charade in Nr. 20: „Wurmstich." Druck, »erl-- »»» »,b-Itt»a litn-rtsche» Jujttwt» »«» vr. M. HuMer.