Nr. 23 . 7. Juni 1868. Augsbnrger O blicke, wenn den Sinn dir will die Welt verwirren. Zum ew'geu Himmel auf, wo nie die Sterne irren. Rückert. SancL Jarlhelmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) Das Rollen von kleinerem, durch Auftreten gelockertem Gestein vermischte sich in den Hall nahender Fußtritte; mit heiserem Gekreisch flog ein riesiger Lämmergeier auf und schwang sausend die mächtigen braungesprenkcltcn Fittige — in der Höhe hielt er sich schwebend wie zu Spähe und Abwehr, wenn durch den Kommenden seinem Horste Unbill oder Gefahr drohen sollte. Wenige Augenblicke später tauchte zwischen dem Gestein ein niederer Hut empor, mit der Schwancufeder geziert: unter dem Hute erschien Markulf's Antlitz, bleich und erregt, das Gclock wirr und fliegend von Anstrengung und Hast. Er spähte umher. „Herrin, bist Du bereit?" rief er, als er Amalaswinth gewahrt. Diese hielt beide Hände fest an die Brust gedrückt, die, gepreßt vom Augenblicke der Entscheidung, den Athem zu versagen schien. „Ich bin es..." stieß sie endlich hervor. „Doch wie — Du kommst allein?" „Nein," entgegnete Markulf, der inzwischen vollständig herauf geklettert war, „der Prinz hält weiter unten einen Augenblick Rast — ich bin voraus, als müßt' ich erst Weg und Steg erkunden..." „Und das Gefolge?" „Ist weit weg, auf ganz anderer Spur! Ich habe gesagt, ich wollte den Prinzen über die Eiskapelle hinan in die Scharte des Watzmann führen, . . . dann ließ ich sie einen andern Weg ziehen, als hätten wir sie verloren und beredete den Prinzen, mir hierher zu folgen, wo ich ihm ein seltsam Bergwunder zu zeigen vermeinte." „Gut so!" rief Amalaswinth sich erhebend, und strich das üppige gvldrothe Gelock über Stirne, Schläfen und Schultern zurück. „Führ' es hinaus, wackerer Gesell, wie Du begonnen. . . Aber was ist Dir?" fuhr sie nach kurzem Innehalten fort, während dessen sie den Jüngling genauer beobachtet und die Aufregung gewahrt hatte, in der er sich unverkennbar befand. „Du bist befangen? Du bist bleich? Thor, bist Du bang vor Erfüllung Deines Glücks?" „Nein," erwiderte Markulf, „aber ich weiß selbst nicht, wie mir zu Muthe ist. — Mir glüht es im Gebein und mein Eingeweide brennt sieberisch, als sollt' ich es nicht erleben, bis die dritte Sonne hinunter gegangen ist! Eine mir selbst unbegreifliche Angst quält mich, daß ich nicht Recht gethan, den Prinzen zu Dir zu führen! Nun, da es geschehen ist, dünkt mich Dein Begehren erst befremdlich und wunderbar . . . Sage mir, Herrin, beruhige mich . . . was soll er hier bei Dir?" „Was fragst Du, Gesell?" rief Amalaswinth auflodernd entgegen. „Vergissest Du, daß Du mir blinden Gehorsam gelobt? Nur wenn Du Deine Zusage getreulich erfüllst, vermag der Zauber zu wirken, den ich Dir verhieß!" 178 „Ich frage nicht mehr," sagte Markulf hastig, „ich baue auf Dein Wort, Herrin... aber ich weiß selbst nicht, wie es geschieht ... je näher der Augenblick heran kommt, desto dringender ruft es in mir und will mich warnen, als ob Du Arges im Sinne trügest!" „Schwachmüthiger Thor," entgegnete sie, indem sie näher zu ihm trat und sich so eng zu ihm niederbeugte, daß ihr glühender Athem ihm die Wange streifte. „Du weißt, was in Deinem eigenen Herzen vorgeht und vermagst nicht, ein anderes zu errathen? So wisse denn — was Du für jene Dirne empfindest, fühle ich für diesen Jüngling, der mich verschmäht! Ich kann nicht leben, kann nicht sterben ohne ihn: darum bin ich ihm von Pavia bis hiehcr gefolgt — darum habe ich ihn durch Dich hierher gelockt, in diese Einöde, wo nichts sich mehr eindrängen kann zwischen ihn und mich ... wo er meiner Gewalt nicht mehr widerstehen kaun: wo er mir gehören muß — mir für immer! Glaubst Du, wenn ich nicht am gleichen Siechthum krankte, ich wäre so leicht bereit gewesen, Deinen Schmerz zu heilen? . . . Geh' denn und vollende; die günstige Stunde wiukt für mich und Dich!" Ohne Erwiderung eilte Markulf hinweg und verschwand hinter dem Geklüft, aus dem er aufgetaucht war: Amalaswinth sah ihm mit siegblitzendcn Augen nach. „Verbirg Dich, mein Genosse," rief sie Alboin zu, „halte Dich bereit, zu vollbringen, was Du unausgesprochen weißt— Dein Lohn soll eines Königs würdig sein!" Sie stieg in die Höhle hinab, der Alte war kaum unter die Felsen geschlüpft, als Markulf wieder sichtbar wurde und die Hand zurückreichend, dem Prinzen auf die Höhe half, der, das Angesicht rothglühend von der Hitze und der Mühe des Stcigens, sich auf den letzten Zacken schwang. Dort stehend, lüftete er den Hut von dem wallenden lichtbrauncn Gclick und ließ den frischen Bergwind um die triefende Stirne spielen. „Thut das nicht, Herr," rief Markulf abwehrend, „drückt lieber den Hut noch tiefer in die Stirn — die Luft weht hier wie Eiseshauch, Ihr könnt den Tod davon haben! Kommt hier hinter die Felsen, sie halten den Luftzug ab — verkühlt Euch, eh' ich Euch in die versprochene Wundcrhöhle geleite, wo ich Euch ein Iägcrmahl von Genossen bereiten ließ." „Es wird mir hoch willkommen sein," sagte Dietwalt lachend, „so jung ich bin, hab' ich doch schon Manches ertragen im Waffeuspiel zn Schimpf und Ernst und im edlen Waidwerk — allein der Jägerei, wie sie in diesen Gebirgen heimisch ist, bin ich ungewohnt und muß bekennen, daß mich nach Erquickung verlangt und nach einiger Ruhe. . . Welch' ein Anblick!" fuhr er fort und schaute, sich umwendend in die ungeheure Fernsicht hinaus, die sich eben jetzt in vollster Klarheit ausbreitete: die steigende Sonne hatte die letzten Ncbelgewölke vernichtet und das riesige Gemälde, noch vom Glänze des Mittags nicht verhüllt, lag strahlend da in der hellen duftigen Morgenfrischc. — Das Auge unterschied weithin in verschwimmcnder Ferne das grünende Gelände, von dunklen Waldstreifen durchschallet, mit glänzenden Wasscrbreiten und schimmernden Strom- bändern wie mit kräftigen Lichtern besetzt. Zur Seite waren die Thore der Bcrgwelt weit aufgcthan, Fels'stieg an Fels, Berg an Berg, Eiskoloß an Eiskoloß unabsehbar empor, als wären es gewaltige Stufen, die nacheinander empor führen wollten zu einem Throne — dessen Baldachin der Himmel selber war. „Wie schaurig," rief der Prinz, „und doch wie schön! Das ist ein Anblick, mit dem man erst vertraut werden muß! Ich werde diese Berge öfter besteigen und meinen Vater bitten, daß er mir erlaubt, länger in ihnen zu weilen! . . . Was ist das?" unterbrach er sich selbst und zeigte nach rückwärts gewendet, auf einen sich breit hin ziehenden dunkelgraucn Streifen, der sich auf dem hcrübcrragcudeu Taucrn in wildem ununterscheidbarem Gewirrr dahin streckte. „Das ist das steinerne Meer," erwiderte Markulf, „eine schier unwegsame Felsen- 179 t wildniß! Vor Jahrhunderten ist dort ein Gipfel des Tunern eingestürzt, und hat die Schlucht ausgefüllt und Stunden weit Alles mit Trümmern überdeckt." »Der Name ist gut gewählt," sagte der Prinz und ließ den Blick sinnend auf der Steinwildniß ruhen. „Es sieht sich wirklich an, wie ein Meer ... wie ein im vollen Sturm und Aufruhr begriffenes Meer, das mitten in seinem Toben mit allen Wellen und Wogen erstarrte! Mir ist, als kennte ich ein solches Meer... ein in der Leidenschaft zu Stein gewordenes Herz..." Es mochte eine schmerzliche Anwandlung sein, was durch die Seele des Prinzen ging, denn ein tiefer Athemzug, der fast wie ein Seufzer klang, drängte sich aus seiner jungen Brust: wie um sich selbst von diesen Bildern und Gedanken abzubringen, blickte er unter den naheliegenden Felsen herum und rief lachend: „Doch ich gewahre noch immer den Eingang zu der verheißenen Höhle nicht uud schäme mich nicht, zu sagen, daß es mich wieder dringlich an das Mahl erinnert, das sie bringen soll ... " Markulf trat zu dem Spalt, der in das Innere des Berges führte. „Hier ist der Eingang," sagte er. „Seid Ihr aber auch völlig verkühlt, Herr — es ist dumpf und schaurig in dem Stcingewölbe..." „Wie bist Du doch so sorglich, Gesell!" sagte Dietwalt. „Bist Du mir so zugethan?" „Ja, Herr," rief Markulf mit Wärme, „ich freue mich jetzt, daß der Herzog mich zu Eurem Führer machte! Ihr seid so freundlich, so leutselig — ich möchte wohl immer in Eurem Gefolge sein!" „Dazu kann Rath werden — auch Du gefällst mir und ich will es Dir gedenken» wie sorgsam Du mich geleitet hast und wie treu!" Wie ein Dolchstoß traf das Wort in Markulfs bewegtes Gemüth: er erröthete vor sich selbst, als der Prinz ihn ob seiner Treue rühmte, da er den Arglosen doch nach gehcimnißvoller Absicht einem unbekannten Ziele cntgcgenführtc, das ihm noch nie so unheimlich erschienen war, als gerade jetzt im Augenblicke der Entscheidung. Ohne selbst recht zu wissen, was er that, war er vor den Höhlenspalt getrcren und machte eine Ge- berde, als wollte er den Prinzen von dem Eintritt zurückhalten. Dieser aber drängte ihn mit heiterem Lachen bei Seite. „Was ist Dir doch, wunderlicher Geselle?" rief er. „Gehabst Du Dich doch, als stünde mir da drinnen ein Unheil bevor und nicht ein fröhliches Jägermahl! Oder glaubst Du, ich scheue mich vor dem dunklen Eingang, der in unbekannte Räume führt? Ich weiß nicht, was scheuen und sorgen heißt, mein junger Freund... ich habe immer fröhlich genossen, was mir die Stunde bot und habe nicht gefragt, was wohl die nächste bringt! Rasch hinein — ich kenne keine Sorge!" „Die sollt Ihr auch an meiner Seite nicht befahren!" rief Markulf herzlich. — „Steigt immer hinab in die Höhle, Herr — Euer treuer Führer ist bei Euch..." Prinz Dietwalt war während der letzten Worte bereits in den Fclseneingang hinabgestiegen ; rasch folgte Markulf — wenige Augenblicke später ward hart neben der Spalte, tief an den Boden hingedrückt, das graubärtigc Antlitz des alten Langobarden sichtbar, wie der Kopf eines in sicherem Versteck auf seine Beute lauernden Raubthiers. Staunend blickte der Prinz um sich und maß mit bewundernden Blicken das ungeheure Fclsengcbäude. „Du hast nicht zu viel gesagt, Gesell," rief er, „das ist eine Halle, die eines Königs nicht unwcrth wäre! Es ist kaum glaublich, daß solch' ein Werk entstanden ohne Menschcnhilfe!" „Mein Vater sagt, die Zwerge haben es gebaut," erwiderte Markulf, „der König der Schwarz-Alfcn hatte hier sein Reich, bis ihn die Christenpriester drüben in der Salzburg fortgebannt... Im Verborgenen aber Hausen sie noch immer hier und Mancher, der durch's Gebirge geht, hört es, wie sie hier schalten und rumoren, und mit ihre« .Hämmern an's Gestein schlagen. . ." „Der Ort ist wahrlich angethan, an solch' Heidcn-Mährlein zu gemahnen!" erwiderte Dietwalt, in dem Gewölbe hin und wieder schreitend. „Wäre die Mühsal nicht zu groß, ich würde meinen Vater bereden, mit herauf zu steigen und das Wunderwerk auch zu beschauen! Es ist, als wär' es der Saal in der Burg eines riesigen Nordland» surften aus heiligen Bautasteinen gefügt . . . hier an der Säule könnte der Thron gestanden haben und dort durch die Felsenöffnung sah er wie von einem Söller hinunter in sein fabelhaftes Reich . . . Und hier," fuhr er fort, indem er an einen tischartig geformten Block trat, „hier ist uns noch etwas von seinem Königsmahle übrig geblieben!" Auf dem Steine stand ein Krug nebst Becher, daneben lag Brod und zierlich geschichtet Stücke Wildflcisch. „Oder," rief der Prinz wieder, „ist dieß vielleicht der Palast, in dem eine Wal- kyre haust? Oder eine der Nornen, die den Faden spinnen zu des Menschen Leben und Geschick?" Er hatte den Becher gefüllt und erhob ihn . . . „Diesen Willkomm- Trunk dem Gebieter des Hauses! Traun, ich möchte wohl wissen, wer mein Wirth und Gastfrcund ist. . „Ich!" antwortete es dumpf von dem Eingang der Höhle her, und eine dunkle Gestalt erschien vor demselben. „Amalaswinth..." stammelte Dietwalt erbleichend und unberührt entglitt der Becher seiner bebenden Hand. „Du hast Recht geahnt!" rief die Longobardin. „Du hast Dich bei der Walkhre zu Gaste geladen — bei der Norne, die den Faden spinnt zu des Menschen Leben und Geschick... der Deine ist abgesponnen und reißt entzwei!" „Ha, Schändliche," rief der Prinz und erglühte in Unmuth, wie er zuvor vor Ueberraschuug erblichen war, „so bin ich durch Dich in einen Hinterhalt gelockt? Und Du, Markulf, treuloser Schalk, hast mich hergeführt? Du bist im Bunde mit meiner grimmigsten Feindin?" „Feindin?" stieß Markulf hervor, der mit fliegendem Athem und brennenden Blicken, einem stoßbereitcu Geier gleich, jedes Wort. jede Bewegung belauscht hatte. „Was sagst Du, Herr? Sie, die Dich zu lieben schwur. Deine Feindin?" „Die mich geliebt und doch meine Feindin geworden! Die durch meinen Tod sich rächen will für die verschmähte Liebe!" „Lüge nicht in Deiner letzten Stunde," rief Amalaswinth feierlich — „nicht die verschmähte Liebe will ich rächen, wohl aber die verrathene! Nicht ich bin es, nicht fremde Treulosigkeit — der eigene Verrath ist's, der Dich in's Verderben stürzt!" „Wie?" unterbrach sie Markulf, aus einer Art Betäubung erwachend, „so hast Du Dein Spiel mit mir getrieben, furchtbares Weib? Hast'mich betrogen und zum Werkzeug Deines Haffes und Deiner Rache zu Deinem Mordgesellen gemacht? Fahre hin, Verrätherin, ich zerreiffc die Genossenschaft mit Dir — und ist meine Liebe der Preis, den es mich kostet, mich von Dir zu befreien — nimm das Zeichen meines Gelöbnisses, nimm Deinen Zauber zurück... ich verschmähe ihn! Gib den Weg frei, Mörderin, oder mein Dolch bricht uns die Bahn..." Mit kräftigem Griff hatte er die Schwanenfedcrn vom Hute gerissen und weggeworfen; das breite Gürtelmesser in hoch erhobener Hand stürzte er auf Amalaswinthe zu; diese aber hatte den Vorsprung benützt, sich rasch emporgeschwungen und stand bereits in der Eingangsspakte — der Block, der zum Antritt gedient, kollerte, von ihrem Fußstoß geschleudert, zur Seite... wer nachklettern wollte, mußte Zeit und Mühe aufwenden, bis es möglich war, die Oeffnung zu erreichen. . . „Glaubst Du," rief die Longobardin zurück, „für derlei wäre nicht vorgesorgt? — Versuch' es, mich zu treffen — ich lache Deiner, Du Thor! Ich hatt' es gut mit Dir im Sinn — aber wenn Du Dich von mir lossagst, so habe was Du begehrt und Heile das Geschick Deines Herrn! Du aber, meineidiger Verräther, überlege und bereue. 181 was Du mir gethan... Du hast Zeit dazu, bis Hunger und Verzweiflung Dich zwingen, Dein falsches Gehirn an diesen Felsen zu zerschmettern! Du hast, als ich im größten Schmerze zu Dir gefleht, keine Antwort für mich gehabt: ich habe Dir gelobt, daß ich Dir das vergelten will. . . Wohlan, das ist Amalaswinthcns Antwort!" Sie verschwand vom Eingänge, das nach ihr von Markulf geworfene Dolchmesser prallte am Gestein zurück — mit donnerähnlichem Gepolter wälzte eine finstere Masse sich heran — der Block vor dem Thore legte sich dicht vor dasselbe und versperrte den Weg für immer ... das Licht fand keinen Raum mehr, von dieser Seite einzudringen und das schauervolle Halbdunkcl einer Gruft legte sich wie ein Todtentuch über die lebend Begrabenen.- -Zur selben Zeit, als auf dem Gipfel des Gebirges Wuth, Schrecken und Entsetzen hausten, waltete unten im Thale, auf dem kleinen grünen Seegelände der tiefste, heimlichste Frieden: es war eine kleine schuldlose Welt, ohne Ahnung, wie nahe, wie furchtbar die Schuld bis an ihre Nmgränzung vorgedrungen. Von keinem Hauche geschwellt, spiegelgleich, lag das Wasser da und nahm freudig den Himmel in seinem Busen auf, den es eine lange Nacht entbehrt und der nun in erhabener Ruhe hernieder- schaute, während an den Bergwänden die letzten Trauerstrcifen des Nebelschleiers zcr- flatterten. Auf dem grünen Plan der Walchen-Almendc wanderte das Weidevieh gemächlich durch das Gras, oder lag wiederkäuend in behaglicher Ruhe. Von Zeit zu Zeit ward Placida an der Thüre der Sennhütte sichtbar, eine der Kühe herauszulassen, wenn sie von ihrem Milchreichthum befreit war. Das Mädchen war zur Arbeit rüstig angerichtet; das weiße, hochaufgcbundcne Gewand schürzte sich kaum bis unter's Knie und reichte an den Armen nur wenig über die Schultern herab — um Leib und Brust waren die weitern Theile des Kleides, besonders die Aermcl, übereinander gcncstelr, die freie Bewegung nicht zu stören. In gewohnter Weise ging sie der gewohnten Arbeit nach, ruhig und gleichmäßig, ohne Unruhe, ohne Hast — nur bei schärferer Beobachtung wäre nicht zu verkennen gewesen, daß die feine Blässe ihres Angesichts vielleicht noch um einen Ton tiefer verblichen war, daß die dunklen Augen nicht ganz so frei blickten, wie einst, sondern wie durch einen trüben darüber gebreiteten Flor. Manchmal auch stand sie mitten in ihrem Wege still und führte die Hand an's Herz, als töne darinnen noch ein Nachhall des Gewitters fort, das vor wenig Tagen durch dasselbe getobt und wie Hagelschlag Blüten und Blätter niedergeschlagen, und das junge Bäumchen selbst in seiner Lebenskraft getroffen, vielleicht um sich nie wieder zu erholen. Das waren aber nur Augenblicke; schnell besann sie sich wieder und richtete das schöne, noch eben thränenfeuchte Auge getrocknet und getröstet zum Himmel auf. Am Strande des See's lag noch der Kahn, in dem sie Abends zuvor wieder herein- gerudert — aus der einsamen Romsan zur noch einsamern Walchen-Almend. Es bot einen scharfen Gegensatz, als jetzt Amalaswinth denselben Bergpfad herankam, auf welchem wenige Tage vorher der alte Chriembcrt gewandelt war. An derselben Stelle, wo der Alte die verhaßte Walchendirne belauscht hatte, stand sie jetzt und blickte finsteren Auges auf das arglose Mädchen, das sie so freundlich beherbergt, in dessen Brust sie einen so tiefen geheimen Blick gethan und in dessen Geschick sie so achtlos eingegriffen mit frevelnder Hand. Das lichte Bild vor ihr warf einen düsteren Schatten in ihre Seele; es regte sich leise etwas in ihr, wie das erste fast unmerklich keimende Samenkorn einer spät, aber gewiß reifenden Neue. (Fortsetzung folgt.) 182 Die sterbende Mutter Vou Schaufert. Wenn Du am Bett der Mutter kniest, Ihr in's erlosch'ne Auge siehst, Die Hand, die einst Dich treu gewiegt, Schon kälter in der Deinen liegt; Wenn vor der blaffen Dulderin Dein Herz in Thränen schmilzt dahin, Und Dich's gemahnet wehmuthsvsll An manchen Trotz, an manchen Groll, Und leise fleh'st in bitt'rer Reu': Ach, gute Mutter, ach, verzeih', Und sie, der längst die Rede schwand, Noch spricht mit mattem Druck der Hand. Dann magst Du fühlen tiefbewegt, Daß nichts die weite Erde hegt Dem frommen Mutterherzen gleich, So voll Geduld, so gnadenreich. Ob glücklich, wenn es in Dir spricht, Dies graue Haar verklagt mich nicht. Wenn nicht der Furchen Leidenschrift Dein Herz,mit scharfer Geißel trifft. Wohl Dir, wenn in der letzten Stund Ein Lächeln um den stillen Mund Vou einem guten Herbst erzählt, Dem nicht der Liebe Frucht gefehlt. Wenn es Dir sagt: „Du guter Sohn, Ich künde Dir des Himmels Lohn, Du hast mein Alter froh gemacht. Und fröhlich sag' ich gute Nacht." Oh dreimal selig ist das Kind, Das solchen Segen sich gewinnt. Er baut auf Felsen ihm das Haus, Schmückt es zu Gottes Tempel aus. Er lacht ihn an vom Himmelsblau Und aus des Frühlings goldner Au'. Er schwebt um ihn wie Sternenblick, Scheucht jeden bösen Geist zurück; Weht seinem Schweiße Kühlung zn Und seinem Leiden Himmelsruh': Er steht im Sterben ihm zur Seit', Eiu Eugel licht im lichten Kleid. Er schließt ihm auf des Himmels Thor, Er grüßt ihn aus der Sel'gen Chor: „Geh' ein, geh' ein, du guter Sohn, Geh' ein, die Mutter wartet schon." Er hat «och nicht Truthahn zu mir gesagt Amerikcmisckeö Sprichwort. Besonders in den westlichen Staaten der Union hört der Neueinwandcrude eine Masse englischer, oder vielmehr echt amerikanischer Redensarten und Sprichwörter, die er wohl vergeblich in einem Dictionär suchen möchte, ja über die ihm viele Amerikaner selbst keine Auskunft-geben können. Am räthselhaftcsten war immer die Rede: ^Iio nover suick turkö^ lo mo!^ oder im Deutschen: „er hat zu mir nicht ein einziges Mal Truthahn gesagt," worunter sie etwa verstehen, daß Jemand ihnen irgend etwas nicht angeboten oder gegeben habe, was sie ihrer Meinung nach verdient hätten. In Arkansas jagte ich längere Zeit mit einem alten Backwoodsmann, Namens Meiers. Den fragte ich schon in den ersten Tagen, als ich mit ihm zusammenkam, nach der Bedeutung des Worts und er erzählte: Oben in Missouri jagten auch dann und wann Weiße mit den Eingebornen, und wenn diese sich auch eben nicht viel aus den Bleichgesichtern machten, duldeten sie dieselben doch zwischen sich. Durch diesen Umgang lernten die Rothhäutc aber auch ein wenig englisch, wenn sie es auch gebrochen sprachen, und konnten sich doch wenigstens einem andern Christcumenschen verständlich machen. Dort jagten auch einmal ein Weißer und ein Eingeborncr mit einander, und da die Letzter» den weißen Eindringlingen schon nichts Gutes zutrauen, und die Weißen ebenfalls von deck Indianern behaupten, daß es diebisches nichtsnutziges Gesinde! wäre. 183 so machten sie vorher einen festen Contract miteinander, daß sie, was sie hellte anf der Jagd erlegten, redlich und gleichmäßig mit einander theilen wollten. Als sie am Abend wieder zusammen kamen, hatte der Indianer einen Truthahn, der Weiße aber nur ein Rebhuhn geschossen, und wie sie ihre Beute abgeworfen und sie betrachtend daneben standen, sagte der Eingeborne endlich kopfschüttelnd: „Hm! — böse Sache — schlecht theilen — wie machen?" „„Wie machen/'" sagte der Weiße, ,,„ci, das ist verdammt einfach, mein braver Junge. Die beiden Stücke lasten sich nur auf zwei verschiedene Arten theilen, entweder bekomme ich den Truthahn und Du nimmst das Rebhuhn, oder Du nimmst das Rebhuhn und ich bekomme den Truthahn."" Der Indianer sah den Weißen erst eine Zeit lang an, und überlegte sich vorsichtig, wie Jener gesagt; der sah so ernsthaft dabei aus, daß er selber irre wurde. „Wie war das?" fragte er endlich nach langer Pause — und wollte es noch einmal hören. — „„Wie das war?"" erwiderte der weiße Jäger, die Stirne kraus ziehend, und mit ernsthaftem Gesicht, — „„nun, Du bekommst das Rebhuhn und ich den Truthahn, oder ich nehme den Truthahn und Du bekommst das Rebhuhn."" „Wehe, wehe!" rief da der Wilde schmerzlich aus, „Du hast ja nicht ein einziges Mal Truthahn zu mir gesagt." (Die Entstehung des Mutterkornes.) Ueber die Entstehung des für die Gesundheit so gefährlichen Mutterkornes sind die Ansichten noch sehr getheilt. Darum dürfte folgende Mittheilung, die mir vor einigen Tagen ein mir befreundeter Naturforscher schriftlich machte, für das laudwirthschaftliche Publikum nicht ohne Interesse sein. Derselbe sagt: „Im vorigen Sommer erzog ich mir auf künstlichem Wege sehr viel Mutterkorn. Bei meinem Sammeln kryptogamischer Gewächse war es mir auffallend, daß ich in der Nähe des parasitischen Pilzes Lluvicops purpureu, der sich am Gestein und auch an Wiesenpflanzcn bildet, immer sehr häufig an den angrenzenden Feldern so viel Mutterkorn entdeckte. Dies veranlaßte mich zu dem Versuche, die Keime dieses Pilzes in eben sich öffnende Noggenblüthcn zu bringen. Die Keimfädcn des Pilzes umspannen als ein feines weißliches Gewebe den Fruchtknoten, drangen selbst hinein und zerstörten ihn ganz oder auch nur theilwcisc. Dann begannen sich die Fäden bauchig zu erweitern und bildeten in diesem Zustande einen schmierig - schleimigen, die Spelzen oft überragenden Körper, der von unten auf zum eigentlichen Mutterkorn sich verdichtete und verhärtete. Auf diesem künstlichen Wege erzog ich im vorigen Sommer Mutterkorn vou 1 Zoll Länge und darüber. Es waren oft 5 bis 6 Körner in einer Aehre. Daraus geht nun klar hervor, daß das Mutterkorn nicht durch den Biß eines Insektes oder Wurmes, nicht durch eine besondere Säftekrankheit des Getreides sich erzeugt, sondern lediglich durch die Entwicklung jenes parasitischen Pilzes entstehe. Uebrigcns ist wohl möglich, daß Käfer und Würmer die Veranlassung zur Entstehung des Mutterkornes dadurch geben, daß sie von Blüthe zu Blüthe fliegen oder kriechen, und so die Keime des Pilzes, welche mit ihrer schmierigen Substanz an ihren Beinen haften bleiben, auf die Blüthen des Roggens übertragen." Zwei Knaben spielten miteinander und renommirten dazu. Der Eine sagte: »Mem Vater läßt eine Altane vor das Haus machen, das wird schon, das thut der Deine nicht." Der Zweite setzte sofort einen Trumpf darauf, indem er sagte: „Ja und mein Vater läßt eine Hypothek auf unser Haus machen, das wird noch viel schöner." Frage: Was für ein Baum war der höchste im Paradies? Antwort: -zvh znvh/l.kßnvu, uarguv iig asgn ,u(x 184 Die „Owl" gibt einen interessanten authentischen Bericht über die Hinrichtung eines japanesischen Officiers in Hiogo. Derselbe hatte einen französischen Soldaten, weil er sich geweigert, dem Gefolge des japanesischen Prinzen Bizen aus dem Wege zu gehen, mit seinem Säbel verwundet. Die französischen Behörden forderten Genugthuung und der Officicr wurde zum Tode verurtheilt. Die Hinrichtung fand in imposanter Weise des Abends zehn Uhr in einem zu diesem Behufe prächtig erleuchteten Göttertempel statt. Der Officier war ein Edelmann und bekleidete in der Armee des Prinzen Bizen den Rang eines Obersten. Der japanesischen Etiquette gemäß durften bei der Hinrichtung nur Officiere, die mit dem Verurtheilten in gleichem militärischen Range standen, gegenwärtig sein. Es wurden aber auch Ausländer zugelassen und zwar von jeder fremden Lcgation ein Mitglied. Der Delinquent kniete vor einem kleinen runden Tisch, auf welchem das Familienschwert lag, nieder und hielt eine lange Rede, in welcher er seine Unschuld auf das Lebhafteste betheuerte uud vorgab, nur in Gemäßheit des japanesischen Gesetzes und der Landessilten gehandelt zu haben, als er den fremden Soldaten wegen dessen ungebührlichen Benehmens gegen die Suite des Prinzen bestrafte. Hierauf wendete er sich nach allen Seiten des Tempels und begann ein inbrünstiges Gebet, während welchem die ihn umgebenden Japanesen mit ihrem Gesicht auf den Fußboden lagen. Nur die Ausländer blieben ausrecht stehen. Dann erhob sich der Verurtheilte, ^ ergriff das vor ihm liegende Schwert uud stieß es sich mit einem lebhaften Ausrufe — halb Freuden-, halb Angstruf — iu den Leib, zu gleicher Zeit seinen Hals ausstreckend, um den Tod zu beschleunigen, der auch sofort eintrat. In demselben Augenblick trennte ein hinter ihm stehender Freund, ebenfalls ein japanesischcr Oberst, mit einem Schlage das Haupt vom Rumpfe, welches zu seinen Füßen rollte. Die anwesenden Beamten legten das Haupt auf einen goldenen Teller und prä,entirten es den Ausländern zur Jnspection, gleichsam die Frage au dieselben richtend, „ob sie nunmehr zufrieden gestellt seien." (Der König der Aale.) Der Engländer John Jackson, der einige Jahre unter den Fidschi-Insulanern lebte, befand sich eine Zeit laug auf der Insel Van na Leon. Er sah sich das interessante Land nach allen Richtungen hin an, wobei er keinen Ausflug machte, ohne ein Abenteuer zu erleben. Als er einst Aal aß, fragten ihn die Insulaner, ob in England die Aale auch einen König hätten? Als Jackson dies verneinte, führte mau ibn zu einem kleinen Teich, an dessen Mer ein Tempel erbaut war. In dem Wasser sah er einen ungeheueren Aal mit großem Kopf, wohl so dick wie ein Schenkel und, den Aussagen der Eingeborenen zufolge, zwei Klafter lang. Der Aal war ein „Geist". Um zu sehen, in welcher Verehrung er der den Insulanern stehe, legte Jackson seine Flinte auf ihn an; sie aber baten ihn inständig, von jeder Beleidigung des Thieres abzustehen, und fütterten es mit gekochten Brodfrüchten. Der Aal war sehr alt und bereits verschiedene Male mit den* Kindern Gefangener gefüttert worden. Ans den Hütte«. Der Mond beleuchtet mit bleichem Licht Die rauchgeschwärzten Wände Und über das bleiche verhärmte Gesicht Hält die Mutter die mageren Hände. Und darunter dem matten Aug' entquillt Des Kummers bitt're Zäbrc, — Das Auge der Seele Spiegelbild, Entsiegelt des Jammers Schwere. Des Jammers, der in der Armuth Kleid Umfängt des Raumes Ocde, Wo des Winters düstere Schrcckcnszcit Der Freude Spuren verwehte. Das Weib, es murmelt vor sich hin In unverständlicher Weise, Doch klar wird der Worte geheimer Sinn: Es regt sich im Winkel leise. Dort schlafen die Kleinen, die Kinder der Noth — „Allvater im Himmel, wo bliebe, „Wenn Du nicht hilfst, für Morgen ihr Brot!' So b'etct und weinet die Liebe I. Arend. Dru<1, Berlaa und Redaktion des lituarischen Instituts von v,. W. Huttier.