Nr. Ä4. 14. Juni 1868. Arsgsbnrger Der Großen Günstling sei nicht gern; Von Niedrigern sei nicht zu sern! Hoch steige, nicht um groß zu thun, Auf Gipfeln läßt sich schwerlich ruhn. Basedow. SancL Jarthelmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) In wildester Erregung, beinahe fliegend im Gefühl vollständig befriedigter Rache war Amalaswinth den Kaunstein hernieder gestürmt, kaum wissend und nicht beachtend, wie der 'mühevolle und keineswegs gefahrlose Pfad über ihrer Eile sich zu kürzen und zu ebnen schien: als sie in die ebene tannengrüne Fischunkel herab gekommen und den gegenüber liegenden Bcrgpfad entlang langsamer fortschreiten konnte — als es keine Hindernisse mehr zu beseitigen, keine Schwierigkeiten zu überwinden gab, ward mit ihrem Borschreitcn auch der Lauf ihres Blutes langsamer — dem Bergwafser ähnlich, das in gähem Falle tosend und schäumend über-den Felsen stürzt, und am Fuße desselben durch die minder gesenkte Flur so gelassen und ruhig dahin rinnt, als hätte es nie an Schäumen und Tosen gedacht. Der Augenblick des Vollbringend, auf den sie so lange geharrt, bis zu dessen Eintreten alle ihre Gemüthskräfte sich in fieberischer Anspannung befunden, hatte sie überwältigt: nun war es vollbracht — was sie gewollt, lag als ein Erreichtes hinter ihr und zum Erstenmale gewahrte sie vor sich nichts mehr — nichts, als eine düstere trostlose Leere, nur von einem fernen winzigen Glutkern erhellt, der nur des Hauches harrte, zur Flamme zu werden. Der süße Trank der Rache war ausgekostet, die Betäubung, mit der er sie umfangen, war verflogen, und sie fuhr erwachend aus ihr empor mit nüchternen Augen und verstörtem Sinn. Ohne es sich selbst zu gestehen, fühlte sie eine Ahnung dieses Zustandes in ihr aufdämmern, als sie die Ruhe in Placida's Antlitz, als sie den innern Frieden gewahrte, der über ihr ganzes Gebühren ausgegossen war — die arme Dirne, die ihre Liebe, das Glück ihres Lebens in sehnsüchtigen Schmerzen dahin gegeben, sie hatte Frieden: die glänzende mächtige Herrin, die in wollüstigem Entzücken das höchste Verlangen ihrer Seele an sich gerissen — sie fühlte sich unbefriedigt, verstört und arm. „Thorheit!" murmelte sie, die rothen Locken schüttelnd, in sich hinein, „das ist nicht der armseligen Dirne Werk, nicht ihr Verdienst! Stumpf ist sie, fühllos und kalt — hätte sie sonst vermocht, ihre Liebe dahin zu geben, um einen ungerechten Wahn zu schonen! Mag der Schwache im Staube sich glücklich preisen, daß der Blitz ihn nicht erreicht — der Starke fliegt ihm trotzig in den Himmel entgegen und wär' es der Untergang!" Der frühere Triumph kehrte in Blick und Haltung zurück und mit siegesstolzem Trotze wandte sie das Auge dem Horn und dem Geschröfe des Kaunsteins zu, an dessen steilster Wand in schwindelnder Höhe das Fenster der Felsenhöhle zu erkennen war —- aus solcher Entfernung nicht anders erscheinend, als in Form eines dunklen ununter- scheidbaren Flecks. 186 „Wir zögern, Domina," sagte Alboin, der ihr eine Weile zugesehen, „und wir haben doch keine Zeit zu verlieren . . . Wenn das Gefolge des jungen Fürsten, wenn andere Leute uns begegnen, und Auskunft heischen..." „Glaubst Du, ich würde ihnen ausweichen?" fragte Amalaswinth mit ihrer alten stolzen Kälte. „Glaubst Du, ich würde die Auskunft verweigern? Ich möchte lieber hintreten vor alle Welt und offen sagen, was ich gethan! Es ist mir allzu stumm, allzu todt in diesen Felsthälern — ich möchte mit meinem Worte ihre Stimme, den Wicderhall wach rufen, damit er es von Berg zu Berg schreie und hinaus in die Lande, ich habe mein Herz gesättigt und meine Rache mit! . . . Aber noch will, noch darf ich nicht gesehen sein, damit Niemand zu frühe erfahre, was geschah . . . damit meine Nähe keinen Verdacht errege, wo es geschehen und auf die Spur führe, so lauge noch eine Rettung möglich wäre..." „So laß uns eilen, aus dem Bereiche dieser Schluchten zu kommen," begann Alboin wieder. „Wenn das Gefolge ihn am Watzmann nicht findet, wird es sicher auf allen Wegen suchen und auch hichcr kommen! Dort liegt ein Nachen — die Dirne soll uns über den See hinausführen!" Ein Blitz fuhr aus Amalaswintha's Augen. „Ja, das soll sie!" rief sie aufjubelnd. „So vollend' ich meine Rache noch an dem Elenden, der mich verrathen wollte — sie selbst, die sich für den Geliebten geopfert — sie soll Diejenige rette», die ihn ihr ganz entrissen hat! Sie mag es bewähren, ob diese Entsagung wahrhaft ist . . . ob diese Ruhe Stand hält vor dem letzten, dem gewaltigsten Schlage!" Placida war mit dem Milchgeschirr an's Gestade hinabgegangen; zum Wasser niedergebückt, gewahrte sie Amalaswinth's Herankommen nicht eher, bis selbe mit dem finster blickenden Waffenmeister hart ihr zur Seite stand. Ueberrascht — betroffen sprang sie auf und starrte die unerwartete Erscheinung mit Blicken an, als ahne sie, welch' unheimliche Gewalt ihr genaht. „Du hier, Herrin?" fragte sie halblaut. „Was führt Dich in meine Einsamkeit?" „Was sonst," erwiderte Amalaswinth mit erzwungenem Lachen, „als die Lust am Waidwerk? Das Gefallen an diesen wilden Bergen und Wassern? Ich habe mit meinem Gefährten einen Gang über die Höhen gemacht und will nun zurück. Darum richte Deinen Kahn zurccht und rudere uns hinaus über den See..." „Du hier ..." wiederholte Placida vor sich hin und vermochte den Blick noch immer nicht abzuwenden von dem Antlitz der Longobardin, das trotz künstlicher Freundlichkeit wie mit Wetterwolken bedeckt schien. „Wie Du auch hieher kommst, Herrin, und was Dich hergeführt — ich kann Dich nicht fahren, ich bin allein und muß bei meiner Heerde bleiben. Gedulde Dich bis zum Mittag, bis dahin kommt wohl der Eine oder der Andere von den Holzfällern vorn Gebirg herunter ... ich will Einem den Kahn leihen, daß er Dich hinaus führt. . ." „So lange will die Domina nicht warten," siel aufbrausend Alboin ein, „mache keine Ausflüchte, Dirne — Deinem Vieh wird in den paar Stunden kein Leid gcschch'n! Also rüste Dich oder wenn Du nicht willst, nehm' ich den Nachen und fahre selbst . . . Ich werde wohl im Stande sein, mit diesem Bergsee fertig zu werden - ich habe mehr als einmal mit dem stürmenden Meere gckämpft!" Er sprang dem Nachen zu, aber Placida war noch schneller gewesen — schon stand sie vor dem Fahrzeug, hatte ein in demselben liegendes Beil ergriffen und schwang es zu Drohung und Abwehr über dem Haupte... Laut auf lachte der Alte. „Du willst Dich gegen mich zur Vertheidigung stellen, thörichte Dirne?" rief er, „Du Zärtling, die ich zermalme mit einem Druck meiner Hand? Hinweg, oder..." Er wollte nach ihr fassen, aber im selben Nu war auch der Beilhieb niedergesaust — 191 aus das wildromantische Altmühlthal so ziemlich übersehen konnte. Um das Jahr 767 gründete er die ehemalige Bcncdictincrabtci Solnhofen, von welcher er der erste Abt war. Die umwohnenden Heiden wurden bald auf ihn aufmerksam wegen der Wunder, die er wirkte, und ließen sich von ihm taufen. Nach seinem Tode, 794 am 3. December, wurde die Stiftung beträchtlich erweitert und eine Kirche dazu gebaut, welche Bischof Altuin von Eichstärt 819 feierlich einweihte. Die ersten Schirmvögtc (Advokaten) waren die Grafen von Truhcndingen und nach deren Aussterben 1460 die Burggrafen zu Nürnberg. Um das Kloster sammelten sich immer mehr Menschen und bauten sich ihre Häuser daselbst; so entstand allmählig ein Dorf, welches nach dem Kloster Solnhofen — Solenhofcn genannt wurde, und jetzt über 600 Einwohner hat. Als der letzte Probst Wilibald Zelter im Jahre 1534 die Angsburgcr Confession annahm, wurde die Abtei alsbald säcularifirt und die Kirche für den Protestantismus eingerichtet. Der Ort gehörte schon eine Zeit lang der preußischen Krone, 1797 zu Pappenheim und 1804 kam es an Kurbahern, und ist jetzt dem Landgerichte Pappenheim zugetheilt. Der Entdecker des berühmten Schiefers soll eick Knabe sein, welcher die Gcisen des Dorfes auf den Bergen hütete, und zwar zu der Zeit, als die Dcnedictiner daselbst noch waren. Die Steine sind also bereits 400 Jahre bekannt; das Hauptaugenmerk und den jetzigen Ruf aber erhielten sie erst durch die Erfindung der Lithographie von Alois Scnnefelder in München. Sie wandern in die fernsten Länder der Erde, so, daß der Name Svln- hofen weit und breit bekannt ist und immer mehr wird. Man fertigt auS ihnen: Grabsteine, Fcnstergesimsc, Tischplatten, Ofensteine, Fußboden- und Dachplatten; letztere besonders haben einen unermeßlichen Abgang; nur die feinsten werden zur Lithographie verwendet. Der größte Bruch wurde im Jahre 1738 eröffnet, ist aber jetzt ganz ausgebeutet; dagegen ist die ganze Strecke vom Dorfe Mühlhcim bis unterhalb Eichstätt hinab, eine Länge von 7 bis 8 und einer wechselnden Breite von 1 bis 3 Stunden, mit mehr als hundert neuen, theils größeren, theils kleineren Brüchen besetzt. Die senkrecht abfallenden Schuttwälle gleichen einer großen Festung. Der große Bruch war früher Gemeinde-Eigenthum und die damals Markgräflich Ansbachische Regierung vertheilte den Platz an die 64 Gemeinde-Berechtigten bcS Dorfes so, daß jeder eine Breite von 12 Fuß erhielt, innerhalb deren er in die Tiefe und vorwärts, so weit die Formation sich erstreckte, arbeiten durfte. Eine eigene Bcrgordnnng wurde vorgeschrieben, und ein eigenes Bcrggcricht niedergesetzt. Die Hütten, welche jeder Besitzer auf seinen Antheil baute, um die gehobenen Steine zu schleifen und zu bearbeiten, geben dem Bruche ein dorfähnliches Ansehen. Die Schichten des Schiefers liegen zuerst nach der Höhe des Berges aufsteigend, dann aber vollkommen horizontal; zuletzt fallen sie aber nach der entgegengesetzten Richtung ab und lassen das Ende der Formation erkennen. Der Marmorschiefcr ist entweder blaßgelb, grau, blau oder weiß gefärbt. Er bricht von der Dicke eines Karten- blattes, bis zu der von 6 bis 8 Zollen. Täglich sind in sämmtlichen Brüchen über 3000 Menschen thätig, welche über 1500 Ccutner Steine aller Art formen. Der Absatz wird jetzt ein viel bedeutender werden, da durch die bereits begonnene Eisenbahn der Verkehr ein sicherer und wohlfeilerer wird. Etwas Merkwürdiges sind besonders noch die Versteinerungen. Nach dem Urtheile Sachverständiger sind sie von höchst eigenthümlicher Art und meist verschieden von denen der andern Gebirgsformationcn Europa's. Wenn man eine umfassendere Sammlung so vieler origineller Fossilien, wie sie z B. Herr Gcrichtsarzt Doctor Reden- bacher zu Pappenheim hat, sieht, so läßt sich auf eine höchst auffallende Jsolirtheit dieser jedenfalls zur obersten Juragruppe gehörigen Gebilde, so daß dieselben als der eigenthümliche Niederschlug eines vereinzelten großen Salzwaffcrbeckens zu betrachten sind, schließen. 192 Vor vielen Jahren muß hier die Wasserbedeckung sehr hoch und jede äußere Einwirkung ausgeschlossen gewesen sein, da der Kalk, womit die Flüssigkeit geschwängert war, nur bei vollkommener Ruhe in so reichem Maße sich niederschlagen und so regelmäßig schichten konnte. Die Thiere sanken hinab, wurden von dem schlammigen Kalke umgeben und durchdrungen, und mit ihrer der Verwesung trotzenden Hülle im Laufe von Jahrtausenden zu Stein. Man findet Insekten, Reptilien, Saurier und Schildkröten, vielerlei Arten von Fischen und Krustcnthicrcn; das Pflanzenreich liefert mehrerlei hauptsächlich dem Algacitengeschlechte ungehörige Arten. Von Säugethicren und Vögeln wird Nichts entdeckt, noch weniger Knochen von Menschen. Jedenfalls aber ist noch Manches unter den Schichten verborgen, das erst im Laufe der Zeit ausgegrabcn und bekannt wird. (Ein schuldloser Dieb.) Henry Gibbs ist angeklagt, einem Krämer in Moorgate-Street (London) eine Hose gestohlen zu haben. Der Richter findet die vorgebrachten Zeugenbcweise ungenügend und spricht den Angeschuldigten frei. Es wird ihm dies angekündigt und ihm gesagt, daß er frei fortgehen könne, er aber rührt sich nicht von der Stelle. Sein Advokat wiederholt ihm, daß er frei ist, dennoch bleibt er. Der Zuschauerraum hat sich fast geleert, aber er wartet immer noch, bis endlich der Advokat ihn ungeduldig fragt, weßhalb er denn noch zögere. — Weil ich nicht gern früher gehen will, als bis die Zeugen fort sind. — Und aus welchem Grunde? — „Ich habe die Hosen gerade an, welche ich gestohlen habe!" (In vino vsritss.) Im angetrunkenen Zustande tanzt der Franzose, der Spanier spielt Hazard, der Süddeutsche lacht, der Norddeutsche singt wehmüthige Lieder, der Engländer ißt oder schläft, der Italiener renommirt, der Russe wird zärtlich, der Amerikaner hält eine Rede und der Jrländcr fängt Prügelei an. Ein Advocat machte auf seinem Krankenbette ein Testament, und verschrieb sein ganzes Vermögen lauter Narren, „denn," sagte er, „von solchen habe ich es bekommen, und solchen will ich es auch wiedergeben!" Frage: Welcher Unterschied ist zwischen einer Kruppe'schen Gußstahlkanone und einer rothen Nase? Antwort: 'uszuiaZ moa ZvU ohM sig ^mijZ uaa imuioz zuoiwH Charade (AwcistU'ig.^ Zwei Silben sind es, die uns geben Das Wort, w nennt ein Fabrikat, Das Zwar nichts Bittres an sich hat, Doch leicht verbittert dem das Leben, Der nicht befolgt der Weisen Rath. Nur Einer Silbe sich erfreut Das zweite Wort, mit dem wir nennen Ein Möbel, das wir zchiual und breit, Und hoch und niedrig haben können. Wer sich das Erst' bestellt Im Kauf' das ganze dann erhält. Auflösung der Charade in Nr. 22: „Schuldschein." Druck, Derlaa und Redaktion des »terarischen Instituts von 0r. M. Huttler.