Nr. S L. 21. Juni 1868, Arrgsburger Gleich ist Alles versöhnt; Wer redlich ficht, wird gekrönt. Göthe. Sanct Jartheünä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Fortsetzung.) (Diese Erzählung ist Eigenthum des Litcrarischen Instituts von vr. M. Huttler und der Wiederabdruck nur nach vorausgegangenen! Einvernehmen mit demselben gestattet.) V. Sanct Barthelma. Das Grauen des Todes und der Schatten des Grabes lagerten auf der einsamen Felsenhöhle des Kaunstein. Prinz Dietwalt lehnte am Gestein der Wand regungslos, als wäre er ein Theil derselben: wie ein Todter ausgestreckt, stumm und starr, lag Markulf auf den Felsen des Bodens. In der ersten Zeit, als er die Unmöglichkeit des Entrinncns erkannt, war der junge kräftige Bauer in einen Sturm von Verzweiflung und Jammer ausgebrochcn, der die volle Leidenschaftlichkeit seines Gemüthes verrieth: es war, als hatte gewaltsam aufgestautes Wildwasser endlich alle Dämme und Schleusen zerrissen und ergieße sich nun in schrankenloser Wuth, Alles vor sich niederwerfend und mit sich fortreißend. Er zerraufte sich das Haar im Grimm, daß es einem solchen Weibe mit so leicht durchschau- baren Ränken gelungen, das Geheimniß seines Lebens zu errathen und ihn mit so grober List zu ihrem Zwecke zu mißbrauchen: er rang sich die Hände wund vor Verzweiflung, wenn das Bild des Vaters vor ihm erschien, dessen graues Haar er mit Schande überhäuft, dem er einen Verbrecher und Mordgcscllcii zum Sohne gegeben... seine Augen strömten über von Thränen der Wchmuth und des bittersten Schmerzes, wenn er, dem frühen furchtbaren Tode gegenüber, des eigenen jungen Lebens, seiner freventlich dahin geworfenen Kraft gedachte — wenn die Erinnerung jener Liebe vor ihm aufstieg, die z« erringen er sich in diesen Abgrund gestürzt, und der er dennoch auch jetzt nicht zu entsagen vermochte — unberührt von allem Groll stand Placida's reine Gestalt vor ihm und das verklärende Licht der Entsagung, das sie umgab, diente nur, ihm die Finsterniß noch greller zu zeigen, die über ihm zusammengeschlagen. Die Erschöpfung, das Uebermaß des Leidens hatte ihn zuletzt gebrochen und niedergeworfen. Aus seinen verwirrten Ausrufungen, aus den schmerzlich abgerissenen Selbstanklagen erfuhr der Prinz erst den völligen Zusammenhang und Verlauf der Ereignisse: er begriff jetzt, wie es ein wohl bedachter, lang ausgcsonncncr und mit kalter Ucberlegung ausgeführter Plan war, dem er zum Qpfcr gefallen. Darum erkannte er auch mit aller Bestimmtheit, daß es einem so klug vorbereiteten Ueberfalle gegenüber nutzlos war, auf einen zur Rettung offen gebliebenen Ausweg zu hoffen: daß es männlicher und gerathener war, rasch und bald jeden Gedanken des Entrinncns von sich zu werfen. Fühlte er auch seine Adern bei dieser Gewißheit von eisigen Schauern durchrieselt und sein Herz eingeklemmt wie unter einer zermalmenden Dergeslast, war er doch gelassener und gefaßter. 1V4 als bei seinem sonstigen leicht erregbaren Wesen zu erwarten war, und während Markulf ». gleich einem Rasenden wider die Felsen stieß und gegen den, die Eingangsspalte verschließenden Block tobte, bis er in lebloser Betäubung zusammenstürzte, brach der Prinz schweigend auf ein Felsstück zusammen, die beiden Hände vor's Angesicht schlagend: nur die Tropfen, welche einzeln sich zwischen den Fingern hervorstahlen, waren die ver- räthcrischcn Zeugen der Erregung, von der bei der völligen Ruhe des Aeußern sein ^ Gemüth ergriffen war. Nach einiger Zeit der Ruhe und Sammlung erhob er sich mit entschlossener Haltung und trat zu dem Genossen. „Steh' auf, Markulf," überlaste Dich nicht der Mutlosigkeit! Noch leben wir — laß' uns Männer sein, die ihr Leben zu schätzen und zu wahren wissen! Wir wollen uns nicht selbst aufgeben, ehe nicht das Aeußcrste versucht ist!" „Es ist nichts mehr zu versuchen, Herr," erwiderte Markulf düster, kaum vermögend, sich etwas emporzurichten . . . „Wir sind lebendig begraben!" „Wenn wir mit meinem Gefolge nicht zusammentreffen," entgegnete Dietwalt, „wird man uns suchen..." „Suchen — ja, aber nicht finden!" rief Markulf jammernd. „O, daß ich Euch selbst allen Trost nehmen muß! Daß ich es nicht vermag, auch nur einen Strohhalm zu bieten, an den Eure Hoffnung sich klammern könnte! Wie sollten Eure Leute ahnen, daß wir uns hier befinden? Am Watzmann werden sie Euch suchen und wenn sie Euch dort nicht finden, uns für verunglückt halten und verloren geben... Fluch über meine Leichtgläubigkeit," fuhr er in neu ausbrcchendcm Schmerze empor, „Fluch über mich selbst und über jedes unwahre Wort, das meine Lippe sprach! Ich habe der Lüge die Hand gereicht — sie faßt mich daran und reißt mich unerbittlich mit sich in die Hölle — mich, den Treulosen, den Vcrräthcr zu gerechter Qual und Euch, meinen edlen Herrn... Euch, der mir ohne Arg' vertraut... Euch, den Schuldlosen, mit mir!" „Schuldlos?" erwiderte der Prinz leise und sah niit scheuen Blicken um sich. „Sprich das Wort nicht aus, Geselle... es taugt nicht an diesen Ort! Schweige, die Felsen könnten es hören... ich fürchte, sein Hall könnte sie aus ihrem lockeren Gefüge rütteln, daß sie übereinander stürzend uns erst wirklich in sich begraben! . . . Ich darf mich nicht schuldlos nennen — ich wage nicht, zu verdammen, was Du an mir gethan: Du warst nur das Schwert, das mich trifft, die Hand der rächenden Vergeltung ist'S, die es schwingt und lenkt! Ich habe mit Liebe und Vertrauen, mit Treuen und Glauben an die heiligsten Betheuerungen ein frevelhaftes Spiel gespielt . . . darum sind es das Vertrauen auf Dich, der Glaube an Deine Worte, die rasch gefaßte Zuneigung zu Dir, welche mich verderben und an mir zum Rächer werden! Darum komm, Genosse meiner Sühne, wie meiner Schuld und ermanne Dich! Ich ahne, wie Du, daß wir die Schwelle unseres Grabes überschritten haben — aber wenn die dunkle Pforte sich wieder für uns öffnen sollte, dann will ich dieser Höhle eingedenk sein und der Stunden, die ich in ihr vollbracht! Noch einmal, sammle Dich ... die Bosheit meiner Feindin hat uns mit Nahrungsmitteln versehen — wohlan, was sie gespendet, um tückisch unser Leiden zu verlängern, soll uns die Kraft geben, es zu enden! Du bist erschöpft, Markulf... iß und trink, damit Du wieder Stärke findest und Besonnenheit..." „Ich bedarf dessen noch nicht," rief Markulf aufspringend. . . „nehmt Wein und Brod für Euch, Herr... es ist wenig und ist lange verzehrt, eh' Jemand auf den Gc- j danken kommen wird, uns hier zu suchen!" i „Wir wollen rufen," sagte der Prinz, „durch den Felsenspalt wollen wir den ^ Suchenden, wenn sie in die Nähe kommen, zuwinken und ein Zeichen geben!" „Es ist unmöglich ... die Entfernung ist zu groß, die Höhe, in der wir uns befinden, zu riesig!" erwiderte Markulf, an die Oeffnung tretend. „Von hier dringt kein Ton zu den Lebenden hinunter oder er wird unverständlich, daß er unbeachtet bleibt unter ^ den Thierstimmen der Einöde... Kein Zeichen ist von hier aus zu sehen... es würde U 195 verschwinden, wie der Flügel eines vorbeihuschendcn Vogels... aber es sei, edler Herr! Ihr sollt mich nicht klcinmüthig finden! Ich bin es auch nicht — für mich allein bin ich wohl gefaßt, aber den Gedanken, daß es auch Euch treffen soll, vermag ich nicht zu ertragen! Ich will noch einmal versuchen, ob es nicht gelingt, irgendwo einen Ausweg zu erkunden ..., ich will mich hier über den Felsen-Erker hinausschwingcn und an der Steilwand hinunter klimmen... sie ist viel zerklüftet, daß Hand und Fuß wohl Platz findet, sich anzuhalten und aufzutreten..." Mit gewandtem Sprunge stand er bereits auf der Stcinbrüstung, den gefährlichen Weg auszuspähen, aber der Prinz hielt nnd zog ihn kräftigen Armes zurück. „Vergebens," rief er,, „es geht senkrecht hinab, wie eine Thurmwand: Du müßtest die Krallen des Thurmfalkcn haben, Dich anzuklammern... der erste Schritt stürzt Dich hinunter und zerschmettert Dich-... " „Und macht meinem Elend ein Ende!" stöhnte Markulf aus tiefster Brust: der Prinz aber legte ihm die Hand auf die Schultern und sagte leise: „... Und ließe mich allem in noch größerem Elend zurück!" „Ja, Ihr habt Recht, Herr," rief Markulf feurig. „Euch gehör' ich an — Euch allein! So ist kein anderer Gedanke mehr, als daß wir noch einmal versuchen, deu Block am Eingänge wegzubringen ... wohl hab' ich Schwert und Jagdspicß schon zerbrochen über der Arbeit: ich habe nichts als meinen Arm, aber der Stein soll hinweg oder meine Knochen sollen brechen! Stürmisch drang er wieder auf den Fclsblock ein und stemmte sich, von Dictwalt unterstützt, mit aller Gewalt gegen denselben; die Sehnen der Arme schwollen, daß sie zu reißen drohten und der Schweiß troff ihm von der Stirne — umsonst: unbeweglich lastete das Gestein, nach kurzer Anstrengung mußten sie athemlos und erschöpft innehalten, um wortlos, regungslos in die frühere stumme Trauer und Verzweiflung zurückzusinken. In der Höhle ward es noch düsterer, denn die Sonne hatte draußen die Mittagshöhe des Seethals und des Kaunstein überschritten und der Schatten breitete sich über dessen Gehänge... Stunden waren so dahin gebrochen... da fuhr Dictwalt plötzlich aus der Erstarrung auf . .. „Was ist das?" rief er mit erglühenden Wangen .. . „Horch auf, Markulf! Mir ist, als vernähm' ich in den: Gestein ein Knistern, ein leises Rollen..." Auch Markulf hätte aufgehorcht. „Es ist nichts," sagte er dann, „die Felsen des Kaunstein sind wie lebendig und geben allerlei Ton von sich... ich hab' es hundertmal gehört, wenn ich auf dem Waidgauge war. . . Es sind die Schwarzalfcn, die unsichtbar an dem Gestein hämmern ..." „Nein, nein," rief der Prinz aufspringend wieder, „das ist kein Geisterspnck! Höre nur, Gesell... das wiederhole sich! Es dauert fort... Ist es der nahende Tod, der mich mit Wahnsinn täuscht, oder sind das Schritte? ... Ewiger Gott, es ist, es ist! Es sind Stimmen — Laute aus Menschenbrust, was ich vernehme..." „Wahrlich," flüsterte Markulf, um über dem Laut der eigenen Worte nichts von dem Geräusche zu verlieren, das auch ihm nicht mehr entging, „das sind Mcuschen- stimmcn... Sind es unsere Verfolger, welche zurückkehren oder andere? ... Wer könnte sie hieher geleitet haben...?" Beide schwiegen und lauschten angehaltenen Athems... ferne, durch das Gestein gedämpft, ertönte es wie der langgezogene Ruf eines Jägcrhorns. . . Aufjubelnd riß der Prinz das Hüfthorn von der Seite und blies mit Macht hinein, daß das Gewölbe wiedcrhallend erdröhnte... Dann hielt er innc — einen Augenblick waltete drinnen wie draußen das Schweigen des Todes — dann antwortete von draußen das Jagdhorn immer lauter, immer näher und Markulf stürzte zu des Prinzen Füßen, indem er dessen beide Hände erfaßte 196 und unter wieder strömenden Thränen mit unzähligen Kassen bedeckte. „Sie sinds!" rief er außer sich. „Gott weiß allein, wie sie uns gefunden... aber eS ist Euer Gefolge, Herr, — es sind Eure Retter! Ihr seid befreit — geht denn, Herr, und kehrt zum Licht zurück, mich aber lasset hier, überlaßt mich dem Schicksal, das ich verdiene..." Der Prinz zog den Reuigen an seine Brust empor. „Erhebe — beruhige Dich," sagte er herzlich, „denke nicht mehr an das, was uns zusammengeführt: ich habe eS bereits vergessen und Niemand soll von mir Anderes erfahren, als daß es mein eigenes Verlangen gewesen, diese Höhle zu sehen, von der Du mir erzählt! Ich selbst habe Dir befohlen, mich einen anderen Weg als den auf den Watzmann zu führen: meine Schuld allein ist es, daß ich dadurch in die Fallstricke meiner Feindin gefallen... Erwidere mir nichts — ich habe Deine wahre Gesinnung erkannt und weiß nun, wenn ich einmal in meinem Leben eines treuen Mannes bedarf, wo ich ihn zu suchen habe. . . Komm, gereinigt und geläutert laß uns Beide aus unserem Grabe auferstehen..." Markulf vermochte nichts zu erwidern: das herannahende Stimmengewirr ließ ihm keine Zeit, die rechten Worte zu finden... „Hörst Du," rief der Prinz wieder, „sie sind schon am Eingänge... sie haben unsere Spur... sie arbeiten daran, den Block hinweg- zuwälzen... Er bewegt sich, er beginnt zu weichen..." Eine stumme athemlose Pause der Erwartung ... dann ein krachendes Gepalter — und ein Schrei des Entzückens begrüßte den Sonnenstrahl, der durch den Felsenspalt in die Höhle drang. In wenig Augenblicken waren die Geretteten emporgczogen und der Prinz ruhte in den Armen des greisen Herzogs, die ihn nur losließen, um sie mit denen seines Bruders und der fröhlichen Gefährten aus Pavia zu vertauschen. Markulf taumelte, von Licht und Lust wie betäubt den Versammelten entgegen: er fand keinen Laut zu Gruß oder Dank und sank zu den Füßen einer feinen Mädchengcstalt zusammen, in der seine ver- schwimmenden Augen Placida's unschuldsvolle Züge zu erkennen glaubten. Mit fliegenden Worten erzählte der Prinz was geschehen, und vernahm die wunderbare Weise, wie es geschehen, daß er so bald vermißt worden und der Weg zur Rettung so schnell gefunden war. Der Diener und Begleiter des Prinzen, der am Eigelhvfe das Gespräch mit der Longobardin vernommen, hatte darüber geschwiegen, bis er am andern Tage derselben in Verkleidung wieder begegnete. Dadurch aufmerksam gemacht, spähte er ihrem Treiben nach und gewahrte zu seiner Verwunderung, wie sie mit einem jungen Landmann sprach und flüchtige Zeichen eines Einverständnisses wechselte. Als er vollends am Morgen denselben Landmann in dem für den Prinzen erwählten Jagdführer erkannte, mochte er bei längerem Schweigen Gefahr für sich selber befürchten, und entdeckte dem Herzog, was er erkundet. Dieser beschloß alsbald, dem Prinzen nachzueilen, als wolle er selbst Theil nehmen an dem ungewohnten Waidwerk in den Bergen und sich den einsamen Wildsee wieder einmal beschauen. Auf rasch herbeigeschafften Fahrzeugen ging die Fahrt in das schweigende Gewässer hinein, der Atmende am Fuße des Watzmanns zu, denn auf diesem Berge sollte der Verabredung nach die Jagd auf Steinböcke statt haben... bis der Schwan von der Felswand herniedergcschwungen kam, in die unergründlichen Fluthcn stürzend, um daraus wieder aufzutauchen zu Warnung, Heil und Rettung, wie in den Mähren einer untergegangenen Vorwclt. „Nur durch dieß Mädchen," schloß der Herzog, „nur durch ihren Heldenmut!), der sie im Kampfe mit dem Unrecht selbst den Tod nicht scheuen und den entsetzlichen Sprung wagen hieß — nur durch sie ward es uns möglich. Dich aufzufinden, ehe Du in dem furchtbaren Gefängniß verschmachtet bist oder in der Verzweiflung Hand an Dich selber gelegt hattest. . . Wir hörten ihren Ruf hoch über uns, sahen ihre Verfolger hinter ihr und sahen, von Staunen und Entsetzen beinahe versteinert, wie sie vom Felsen sprang und in die Secfluth niederfchwebte gleich einem Geiste, von den flatternden Enden ihres Gewandes wie von weißen mächtigen Fittigen getragen . . . Wir bargen dies vom 197 Schrecken des Falls, wie vorn Ringen mit dem Waffer fast leblose Mädchen im Kahn und trieben die Kähne zu schneller Landung an der Wiesen-Almende; zu sich kommend, erzählte sie unö dort, was ihr begegnet war und lenkte unsern Weg nach dem Kaunstein, weil sie aus den Reden der Fremden entnommen, daß sie Dich dahin gelockt und einem entsetzlichen langsamen Tode bestimmt habe . . . Mein reichlichster Dank soll ihr dafür werden!" „Aber wo ist die kühne Magd?" fragte umherblickend der Prinz. „Mich drängt eS, sie zu kennen und ihr zu danken!" Alle folgten der Richtung seiner suchenden Blicke; auch Markulf, der zu sich gekommen, mit erglühenden Wangen zugehört und zu seinem Befremden nicht Placidas holdes Antlitz über sich erblickte, sondern die derben gehärteten Züge des Freibauern vom Eigelhofe. „Die Dirn' ist lange fort," sagte Eigel, „wie der Felsen geöffnet ward, ist sie ihres Weges gegangen und gewiß zu ihrer Hcerde und Sennhütte zurückgekehrt ..." „So laßt uns eilen, ihr zu folgen," riefen Dietwalt und der Herzog, „sie soll sich unserem Dank und ihrem Lohne nicht entziehen!" Schnell war der Zug gesammelt und geordnet; begrüßt vom Zuruf der getreuen Waffenleute, vom Klirren der aneinander geschlagenen Wehren schritten die Fürsten den wüsten Bergpfad hinab. Beklommenen Gemüths folgte Markulf: „Sie also war es, die mich gerettet," grollte er, „aber sie ist fort, eh' ich wußte, was sie für mich gethan — sie verwirft meinen Dank, wie sie meine Liebe verschmäht!" Der Wiederhall in der Seeschlacht wachte auf und trug den Jubelruf gebrochen und vervielfacht an den steilen Bergwänden dahin — er dröhnte auch hinüber, wo die Sagereckerwand in den See abfüllt, zu der die riesige Wcttcrtanne, unter deren dichte, wie ein Zelt den Boden streifende Zweige Alboin und Amalaswintha sich geborgen hatten. Knirschend in ohnmächtiger Wuth hatte die Longvbardin gesehen, wie ihre Feindin, die Vcrrätherin ihres Thuns, in das Schiff aufgenommen wurde. „Er triumphirt!" rief sie und streckte die beschwörenden Arme wie herausfordernd gegen Himmel. „Kannst du das sehen, du Himmel, und blauest fort und schwärzest dich nicht mit dem Gewölk deS Donners, seinen Blitz hernieder zu senden? Schaut Ihr das mit an, Ihr Berge, und schüttelt nicht die Fclsenhäupter, sie über ihn herab zu stürzen? Aber er soll nicht! Ich will hinüber! Eh' sie zu ihm gelangen, will ich den alten Weg zurück und renne ihm den Dolch in's meineidige Herz! . . ." (Fortsetzung folgt.) Haifische in der Walfischhay. Die Walvisch- oder Walfischbai liegt an der Westküste von Süd-Afrika, etwa unter 220 57 / sMichxr Breite und hat sich, wie die meisten Buchten jenes Theils von Afrika, hauptsächlich dadurch gebildet, daß die vorherrschenden Südostwinde den lockern Sand deS Binnenlands von den vorspringenden Landzungen hinweggefegt haben, bis er Parallel der Küste Untiefen und Sandbänke gebildet hat und nun Lagunen und Buchten umschließt, welche Fahrzeugen von mäßigem Umfang zu allen Jahreszeiten einen sichern Ankergrund zu bieten vermögen. Verschiedene derartige Buchten und Lagunen sind nur von Schiffern bewohnt, welche von Kaufleuten in der Kapstadt beschäftigt und durch die gelegentlich hier anlegenden Schiffe, welche den Ertrag ihrer Arbeit abholen, mit den erforderlichen Lebensbedürfnissen versehen werden. Andere solche Buchten dagegen dienen als Ausgangspunkte für Händler und Reisende, welche sich in das Innere von Südwest-Afrika wagen wollen, und die Walsischbai insbesondere ist der Hafen, von wo aus die Hauptstraße durch die Länder der Damaras und Namaquas nach der Ovambogegend und den Landstrichen am Ngami- Sre und Zambesi-Strom ausgeht. Der Hauptgegcnstand der Fischerei an der Wallfischbai sind die Steinbrassen, der Snug und Cabaljao (nicht unser Kabeljau, sondern ein sehr großer, grobfaseriger Fisch, dessen Name wahrscheinlich von dem portugiesischen Wort eubullio, Pferd, herrührt) außerdem aber auch das kapische Meerschwein (Llioouenu cupensis), die Seekuh und andere Delphinarien, welche ihre Beute bis beinahe auf den Strand hinausjagen. Die vorzugsweise Aesung dieser großen Delphine besteht aus dem Gallcon und einigen anderen kleineren Fischen, welche, wenn sie von jenen Meeressäugethieren verfolgt werden, drei bis vier Meter hoch aus dem Wasser aufspringen wie der Lachs. Es kommt daher nicht selten vor, daß bei solchen verzweifelten Sprüngen der Fisch und der Delphin mit einander auf dem Sande stranden. Die Seekuh oder der kapische Delphin bildet immer ein verlockendes Ziel für die Büchse irgend eines Jägers oder Reisenden, welcher gezwungen in der Bucht warten muß, bis man ihm seine Zugthiere von den entlegenen Weiden im Innern geholt hat. Zuweilen werden solche Delphine so nahe am Lande tödtlich getroffen, daß die nächste Woge sie vollends auf den Sand hereinträgt und halb stranden macht; gewöhnlich aber wird man ihrer nur habhaft, wenn der Schuß tödtlich war, denn so lange sie noch nach dem tiefern Wasser entkommen, ist ohne eine Harpune mit starker Leine nicht daran zu denken, daß man sie erlange. Die Gewässer der Walsischbai beherbergen verschiedene Arten von Haifischen. Der flache Sandkriccher, auch Geige oder Engelfisch genannt, Lciuatinu an^sius, ein 7—8 Fuß langer, gefräßiger und äußerst häßlicher Hai, schwimmt bis zum Wasserrande heran, huscht aber flink davon und läßt ein trübes Kielwasser hinter sich, wenn man an ihm vorüber kommt. Andere Haie, von 3 — 4 Fuß Länge, kommen so nahe heran, daß Personen, welche bis um die Kniee im Master waten, sie mit einer Harpune spießen können; ja zuweilen zeigen Haie von größeren Dimensionen ihre schausclförmigcn Schnauzen sogar zwischen dem Strande und dem unvorsichtigen, im seichten Master watenden Fischer, der nicht aufmerksam genug oder nur darauf erpicht ist, sich eine genügende Anzahl Schollen oder andere Plattfische für sein Mittagbrod zu harpuniren. Bei ruhiger See an windstillen Tagen sieht man häufig die dreieckige Rückenflosse der größeren Haifischarten über der Wasserfläche erscheinen, gefolgt von einem beinahe ähnlichen dreieckigen Theile des obern Flügels der Schwanzflosse; beide durchschneiden dann behend den ruhigen, blauen Spiegel des Meeres, während der Eigenthümer dieser Flossen unter demselben hingleitet. Die Fischer ziehen dann mit Haken und Leine aus und bald sind die Boote mit einer Anzahl Exemplare des blauen oder plattnasigen Hai, des stachclrückigen oder Alligatorhai, dcS Specrhai oder Menschenfressers, einer gemeinen Art von Hai, welcher viele Aehnlichkcit mit dem Hundc-Hai (Hczstliuin rnoluslomum) der britischen Küsten hat, und mit kleineren Arten von Haien gefüllt. Das Fleisch aller dieser Arten ist zwar eßbar, aber es ist hier nicht üblich, sie zu verspeisen, und man begnügt sich daher damit, ihnen die Lebern herauszuschneiden, welche einen vorzüglichen Thran geben, und etwa auch Stücke von dem weichen Bauch hcrrauszutrennen, deren man sich als Köder beim Fischen bedient. Eines TagcS sah ich ein Fischerboot von einem Ausflug nach der Pelikanspitze zurückkehren, plötzlich aber aus halbem Wege die Segel einziehen und die Mannschaft sich auf einen Kampf mit einem dieser Mcercsungehcucr einlassen, welches mehr als halb so lang war, wie das Boot. Einige zogen die^ Leine der Harpune ein, womit der Hai angespießt war, und das biegsame Eisen derselben schwankte und zitterte wie ein Draht. Der Hai Peitschte in seinen krampfhaften Versuchen, sich zu befreien, das Meer in kar- moisinrothcn Schaum, aber der Bootssührcr wußte ihm bei jeder Gelegenheit durch Stoß und Stich üiit seinem langen Kappmcsscr Wunden beizubringen, welche so tief waren, daß sie den Hai widcrstandSunfähig machten. Nachdem die Fischer den Hai an den Strand gezogen, ruderte das Boot noch einmal hinaus, erlegte noch einen Hai von beinahe derselben Größe und würde wahrscheinlich noch einige weiter gefangen haben. wenn sich nicht der Wind erhoben, den Meeresspiegel gekräuselt und hicdurch die Bedingungen für glückliche Verfolgung erschwert hätte. Diese beiden Haie wurden von den Fischern Knochenhai genannt, weil die Knochen noch so weich und knorpelartig sind, daß man mit einem scharfen Messer die Rückenwirbel rein durchschneiden kann; sie waren auf dem Rücken und an den Seiten dunkelgrau oder schieferfarben, am Bauche aber wie gewöhnlich weiß. Die auffallendste Eigenthümlichkeit aber, welche ich niemals zuvor an einem Hai bemerkt hatte, war, daß der Hintere Theil des Körpers sich nicht wie gewöhnlich rasch verjüngte, sondern sich mehr in die Breite ausdehnte, dagegen an Dicke verhältnißmäßig abnahm. Der Schwanz war einen vollen Fuß breit und nur vier Zoll dick, — eine ganz vortreffliche Anordnung, um dem Schwanz die größtmögliche Kraft zur Austheilung eines Schlages nach der Seite zu geben, ohne daß das Wasser demselben erheblichen Widerstand entgegensetzte. Ich habe nur beim Delphin und Meerschwein eine ähnliche Anordnung bemerkt; aber bei diesen Mecressäugcthicren sind die beiden Flügel der Schwanzflosse horizontal angebracht, der Schlag daher vertikal und die Dicke des Körpers am Schwänze weit größer als die Breite. Die Fischer zeigten mir auch eine merkwürdige Erscheinung beim Hai: wenn man ihn nämlich auf der Seite unter der Bauchflofse berührt, so wird dadurch eine krampfhafte Bewegung derselben hervorgebracht, selbst wenn das Leben in dem Hai schon so weit erloschen ist, daß keine noch so rohe Behandlung an irgend einem andern Theil des Körpers noch das geringste Lebenszeichen hervorruft. Der größte Hai, welcher damals gefangen wurde, maß zwölf Fuß und drei Zoll in der Länge, der andere blieb nur um einige Zolle hinter jenem zurück, und später ward noch ein größerer gctödtet, dessen Maßverhältnisse ich jedoch vergessen habe. Der aus den Haifischlcbern gewonnene Thran wird mit 30 Pfd. Stcrl. per Tonne bezahlt, und die Fischer erklärten, der Fang der Haie verlohne sich weit besser als die regelrechte Fischerei. Die Leber des einen Hai füllte einen großen Korb, und zwei sehr stämmige Namagnas vermochten ihn kaum fortzuschleppen. Der Magen enthielt einen Steinbrasscn von 3 — 4 Fuß Länge, der nur ein einziges Mal in der Mitte entzwei gebissen war. Die Haut desselben war schon theilwcise verdaut; aber der Fisch selbst erschien noch ganz frisch, als ich ihn a ifschnitt. Ich nahm eine Anzahl Schmarotzerthiere vom flachen Theil des Körpers nahe beim Schwänze hinweg, da, wo die eigene breite, abgeplattete Gestalt jener Kruster sie in den Stand setzte, sich fest an den Hai anzusetzen, ohne Gefahr zu laufen, wieder weggespült zu werden. Als ich im November 1864 in dem Barkschiff „Gute Hoffnung" auf der Heimfahrt begriffen war und wir in der felsichten Bucht von Angra Pequena lagen, beobachtete man in geringer Entfernung von nnS einen Hai von derselben Art. Der Maat sprang so gleich mit einigen Freiwilligen in's Boot, sie verfolgten und harpunirten den Hai, waren aber in Ermangelung von andern Waffen außer Stande, denselben umzubringen oder das gewaltig zuckende und um sich schlagende Geschöpf zu sichern, welches bei den gewaltigen, heftigen Anstrengungen, welche es machte, um sich loszureißen, sowohl die Sicherheit des Bootes als das Leben der an Bord desselben Befindlichen in hohem Grade gefährdete. Kapitän Scheel ließ sogleich das Quarterboot aussetzen und ruderte dem andern zu Hisse, und nach mehreren vergeblichen Versuchen gelang es endlich dem Oberfischcr Lodewhk Dante dem Hai eine zweite Harpune in den Unterkiefer zu schleudern, während der Maat der Crcatur gleichzeitig eine Tauschlinge um den Schwanz warf. Das Mecresungcthüm erschien, nun, an drei Stellen seines Körpers festgemacht, ganz hilflos; wir streckten es zwischen den beiden Booten aus und zogen eS im Schlepptau nach dem Schiffe hin, während es mit ohnmächtiger Wuth zu uns heraufglotzte, seine milchweißen Kinnladen aufriß und uns in denselben fünf Reihen kleiner, scharfer, sägcnartig gestellter Zähne wies. Schon beim Anblick des Hai durchrieselte es mich eiskalt, als ich ihn auf kaum anderthalb Fuß Entfernung an dem kurzen Eisen der Harpune hielt, die wir ihm in die Kinnlade geworfen 200 hatten, während die Leine der Harpune gleichzeitig als weiteres Sicherungsmittel einige Male um einen Koveinnagel 0 geschlungen war. Die Brustwehr der Fallreepstrcppc wurde auSgehobcn, ein starkes Tau als Winde- leine von der obersten Mastspitzc herunter gelassen, und ein Dutzend stämmig er Matrosen hißten ihn an Bord. Die Leber ward wie gewöhnlich herausgetrennt und zu Thran ausgcschmolzen. Man hat mich versichert, daß man schon oft 130 Gall onen Thran von einem einzigen Hai gewonnen habe. Wir kosteten das Fleisch, welches wie grobfaseriges Ochsenflcisch aussah, aber ungefähr den Geschmack von Schildkröten fleisch hatte, welches man nach Art der Wilden roh auf der Kohlcnglnth geröstet. Die än ßerste Länge des Hai betrug 18 Fuß und 1 Zoll, der größte Durchmesser 6 Fuß 4 Zoll, die Höhe des obern Flügels der Schwanzflosse 3 Fuß 7 Zoll, die Höhe des untern Flügels 2 Fuß. Weitere Beobachtungen vermochte ich kaum zu machen, weil der Maat in seinem Eifer, das Verdeck frei zu machen, den Cadavcr bald hatte über Bord werfe» lassen. Man hat übrigens noch größere Haisische gefangen; einer, welchen die Mannschaft der „St. Helena" in der Tafelbai erlegte, soll volle 27 Fuß, und ein anderer, welchen Fischer vor einigen Jahren in derselben Bucht harpunirten und am Strande zeigten, soll nahezu 30 Fuß in der Länge gehabl haben. Ich erinnere mich noch, daß eines Tages im Meerbusen von Capcntaria, an der Nordküste von Australien, während einer Nacht einer unserer stärksten Haken, den wir hatten über Bord hängen lassen in der Hoffnung, Gruudhaie zu fangen, gerade gebogen und abgebrochen worden war. An einem windstillen Tage arbeitete ich gerade an einer Zeichnung auf dem Verdeck, als ich durch ein Geschrei aufgeschreckt wurde. Die Leute sprangen in's Takclwerk hinauf und als ich der Richtung ihrer Blicke folgte, erblickte ich ein solch gewaltiges, monströses Geschöpf, daß ich es anfangs für einen echten Walfisch hielt, bis seine vertical stehende Schwanzflosse und sein allgemeines Aussehen mich überzeugten, daß es ein Hai war. Seine breite flache Nase, beinahe derjenigen einer Barbe ähnlich, mußte eine Breite von mindestens 6—7 Fuß, seine ganze Länge weit mehr als 20 Fuß betragen haben, und sein wirklicher gewaltiger Umfang erschien noch größer durch den Umstand, daß um ihn her ganze Schwärme kleinerer Haie, von acht Fuß und mehr, sowie ganze Schaarcn von Rcmoren oder Saugfischcn von mehr als drei Fuß Länge und von unzähligen Lootscnfischcn lustig hcrumtummelten. Alsbald wurden unsere größten und stärksten Haken bcködcrt und über Bord geworfen, unsere Büchsen geladen und schußfcrtig gemacht, um auf die Haie zu feuern, sobald sie angebissen haben würden; allein das riesige Mecresungcthüm schwamm gemächlich von unserm Stern hinweg und wir verloren es binnen Kurzem aus dem Gesichte. An einem kleinern Hai von etwa 10 Fuß Länge, welcher in der Walfischbai gefangen worden war, hatte ich Gelegenheit, das Maul und Gebiß genau zu untersuchen und mir namentlich die fünf Reihen dicht beisammen stehender scharfer und sägenartig angeordneter Zähne zu betrachten, die auf einer knorpeligen, beweglichen Leiste stehen, welche der Hai nach Belieben aufrichten oder umklappen kann, als ob sie in einem Charnier liefe. Diese Zahnrcihcn sind gewöhnlich umgelegt und nach rückwärts gekehrt, richten sich aber in dem Augenblicke auf, wo der Hai seine Beute ergreift. Ich habe das Spiel dieser Zahnleistcn, ihr willkürliches Auf- und Zurückklappcn ganz deutlich an jenem verendenden Hai beobachtet, welchen wir in der Bucht von Angra Pegncna gefangen hatten, wie ich oben erzählt. Es sah förmlich aus, als ob die Zahnleistcn seines Gebisses sich gleichzeitig mit seinem Athem und unter dem Druck seines Schnaubend vorwärts und zurück bewegten, während aus dem starren Fischauge ein düsterer Ingrimm glotzte. 0 Koveinnägel heißen die Zapfen, Waran das laufende Takclwerk befestigt wird. Druck, Aerlaa und Redaktion deS ttierarische« JastnulS von vr. M. Huttler.