Nr. SS. 28 . Juni 1868 . » Augsburger Sonntags-BIatt. Mann mit zugeknöpften Taschen! Dir thut Niemand was zu lieb; Sanct Aarthelmä. Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit. (Schluß.) Des alten Waffenmeisters kräftiger Arm hielt die Fortstürmende zurück. „Bist Du von Sinnen, Herrin," sagte er, „daß Du Dich den Feinden selbst überliefern willst? Sie werden jetzt mit den Fahrzeugen an der Ebene landen, wo die tolle Dirne gehaust; sie werden dort eine Weile bleiben müssen, bis das Gefolge des Prinzen sich gesammelt hat, bis das Mädchen im Stande sein wird, ihnen Auskunft und Anschlag zu geben, dann wird es ihr Erstes sein, daß die Einen nach der Berghöhle eilen — Andere werden hichcr kommen, unsere Spur zu verfolgen. . . Dem müssen wir vorbeugen und ausweichen, Herrin ... in ihrem Rücken wollen wir uns auf die Höhen gegenüber zurück- schleichcn — die Höhle selbst soll uns für die ersten Tage zur Zuflucht dienen, denn dort — darauf kannst Du sicher bauen! — dort suchen sie uns sicher nicht und sollten sie es thun, so ist der Zugang dahin so schmal und beschwerlich, daß es ein Leichtes ist, ihn völlig unwegsam zu machen ... es gilt nur, ein paar tüchtige Blöcke loszumachen und hinabzurollen..." „Thu, was Du willst," erwiderte Amalaswinth, bei welcher die erste heftige Aufregung bereits einer nicht minder starken Abspannung und Theilnamlosigkcit zu weichen begann, „sorge für Dich, Alboin — ich bleibe hier, ich weiche nicht! Mögen sie mich fahnden . . . was kann mich Schlimmeres treffen, als der Tod! Ich habe mein Ziel Verfehlt, meine Hoffnung verloren/. . was liegt mir noch am Leben!" „Warum verloren?" fragte hastig der Alte hinwieder. „Was einmal mißglückt ist, kann ein andermal gelingen ... ist Deine Rache Dir wirklich ein so großes und wichtiges Geschäft, so zeig' es, Herrin, und rette Dich für sie!" „Recht," rief Amalaswinth aufathmend, „Du hast das rechte Wort gesprochen — das gibt mir das Leben wieder! Voran, Alboin, ich will Dir folgen... ich will mich für meine Rache erhalten! Mag er mir diesmal entrinnen — meine Hand rastet nicht, sie faßt ihn wieder und hat sie ihn erreicht, dann soll sie ihn desto sicherer, soll ihn unentrinnbar treffen!" Hastigen Schrittes folgte sie dem Alten, der behutsam spähend und mit Vorsicht jedes Geräusch vermeidend, an den unteren Bcrghängen des Watzmann dahin einen kaum für das flüchtige Wild gangbaren Pfad suchte, dann den Eisbach überschritt und sich wieder aufwärts wandte, vom Rücken her ansteigend die Sagercckcrwand zu erreichen. Die Ermüdung, welche bei Amalaswinth nach allem Erlebten zu Tage trat, hatte sie gezwungen, unter der Tanne Halt zu machen; dort erreichte sie der Ruf der mit den Geretteten fröhlich Zurückkehrenden; von dort lauschte Amalaswinth behutsam sich vorbeugend hernieder, und sah tief unter sich den Gehaßten mit seinem Gefolge r. 202 vorüberziehen ... »Geh' hin,- murmelte sie vor sich hin, „wenn nicht diese Berge mich decken, begegnest Du mir wieder..." Indeß sie nun in weitem Bogen dem Kaunstein zuschritten, kam zu demselben Ziele von anderer Seite ein anderer Wanderer gegangen; ses war der alte Chriembcrt, der in voller Waidmannsrüstung den wohlbekannten Pfad so eilend dahin schritt, als es die Beschaffenheit desselben und das tiefe Nachsinnen gestattete, in das er versunken war. Verschiedene widerstreitende Gedanken kreuzten sich unter dem schlichten weißen Haar und der sorgengesurchten Stirne: es wollte ihm nicht klar werden, was er von Allem zu denken habe und was die in solcher Hast befohlene Zagdfahrt zu bedeuten habe. Der Herzog hatte alle seine Mannen zu dem Waidgange aufgeboten, und besten eigentlichen Zweck gegen Jedermann verborgen, dennoch konnte es nicht fehlen, daß Andeutungen zu Gedanken wurden, daß aus verlorenen Worten Vermuthungen entstanden, daß das dunkle Gerücht ging, es gelte den Prinzen zu retten, der von einer großen Gefahr bedroht sei. Wenn das Wahrheit war, welche Gefahr sollte das sein? Drohte sie Beiden, so stand auch für ihn das Werthvollste, das Leben des einzigen Sohnes auf dem Spiel, der ja als Begleiter und Führer mit ausgezogen . . . sollte sie dem Prinzen allein gelten, was war dann mit Markulf geschehen, der ihm zu Schutz und Schirm dienen sollte... wie der dunkle Wolkcnsaum eines am Horizont sich ansammelnden Gewitters stieg eine finstere unheilvolle Ahnung im Hintergründe seines offenen arglosen Gemüthes empor... Wies er auch jeden Gedanken, der eine Beschuldigung Markulf's enthalten konnte, mit ungläubiger Entrüstung schon im Entstehen zurück, weil er ja Sinn und Gemüth des Sohnes zu gut kannte, um nicht zu wissen, daß er trotz aller auflodernden Raschheit unfähig war zu jedem unedlen Thun — so kehrten ihm doch die Gedanken wie in verzaubertem Zirkel immer wieder zum gleichen Ausgangspunkte zurück, und er wußte selbst nicht, wie es geschah, daß ein unheimliches Frauenbild immer und immer wieder sich unter die ihm unklar vorschwebenden Gedanken drängte. War es die Gestalt der verhaßten Walchendirne, die das Herz des Sohnes an sich gekettet mit geheimnißvoller Macht? Oder war es eine andere unheimliche Erscheinung, ein gewaltiges reckenhaftes Frauenbild, das ihm vor wenigen Tagen auf einsamer Bergwanderung unerwartet, als wäre sie aus dem Boden gestiegen, in der Bergwildniß des Kaunstein in den Weg getreten war, und zuerst wieder die Erinnerung an das Walten und Schalten der Wal- kyren und Schwanenfrauen in ihm hervorgerufen hatte? Ging doch eine dunkle Sage, daß ein Weib den Prinzen bedrohe, ... das Weib war zwar, wie sie gekommen, verschwunden, als hätte sie sich in die Luft geschwungen, doch hatte der flüchtige Anblick genügt, ihn das Schwanengeficdcr um ihr Gewand erkennen zu lasten. . . sollte Markulf trotz seiner Warnung der Unheilvollen verfallen sein?... Also, schwankend zwischen Zweifel und Hoffnung, unstet bewegt von Beruhigung und Sorge, hatte der Alte eine Hochebene des Gotzcnbergs erreicht, welche weithin von wüstem pflanzenloscn Stcingeröll bedeckt, einem Göttcrbilde zum Standorte diente, das aus übereinander geschichteten Trümmern aufgebaut wüst und finster in die unwirthliche Oede empor ragte. Schon damals hatte das Götzenbild zu zerfallen begonnen: jetzt ist es längst bis auf die letzte Spur vernichtet und nur der Name des Bergrückens hat vielleicht eine schwache Erinnerung daran aufbewahrt. Am Kessel, wo der Bergbach sich sein Felsenbett gewählt hatte, war Chriembcrt gelandet; eine dunkle unerklärliche Ahnung trieb ihn, von dort hinan zu steigen, und so den übrigen entgegen zu kommen, welche, wie es hieß, bis zur Walchen-Almende schiffen und dann vom Watzmann an im Ring die Berge durchforschen sollten . . . dort, in jener Umgebung war ihm das Zauberweib begegnet, dort mußte sie Hausen, dort mußte es jedenfalls am Ersten gelingen, ihr nahe zu kommen und ihre Zauber zu vernichten. Wohl bekannt mit jedem Weg und Steg über den Götzen, die er so oft begangen, daß er sich's vermessen wollte, sie bei finsterer Nacht zu finden, hatte er des Pfades, den 203 er beschulten, über seinem Sinnen und Denken nicht mehr geachtet, als er Plötzlich um sich schauend zu seiner Verwunderung gewahrte, daß er dennoch vom rechten Steige abgekommen war: er stand in Mitte eines Felsenrings, der ihn nach allen Seiten umschloß und sogar den Ort nicht mehr erkennen ließ, durch welchen er in die Enge hereingekommen. „So geht es," brummte er in den Bart, „wenn man den Gedanken nicht Zügel anlegt und Zaum — sie kommen auf Abwege und führen die Füße mit! . . . Dort drüben," fuhr er fort, nachdem er zum Himmel empor geblickt und den Sonnenstand betrachtet hatte, „nach dem Morgen hin liegt der See, und hier schräg über, nach dem Untergänge zu muß der Kaunstein sein: wär' ich nicht zu nahe daran, ich müßte sein riesiges Krummhorn vor mir sehen... Ich denke, wenn ich gerade darauf los in die Felsen gehe, wird es wohl durchzukommen sein, und ich muß nicht weit vom Fuße des Hornes stehen. . ." Der Gedanke war so schnell ausgeführt, als gefaßt, aber ohne den erwarteten Erfolg, wenn es auch gelang, zwischen den Felsen, die wie ein Stein- geländer sich aufthürmten, sich hindurch zu zwängen. „Ha, die Aussicht öffnet sich schon," sagte Chriembert, durchschlüpfend — „da liegt der Eisriese schon vor mir und läßt die Zackcnkrone im Sonnenscheine funkeln! Sonderbar — diesen Weg bin ich nie gekommen, von dieser Seite habe ich den Kaunstein noch nie erblickt! Was für ein loses Geklüfte... es sieht sich an, als wär' es ein Haufen lockeren Gesteins, das man übereinander geschüttet... Beim Donner, sehe man unten, wie es mit dem alten Gesellen beschaffen ist, ein Jeder würde Dank-Runen an den Weg legen, der glücklich darunter weggekommen! . . . Aber wie komme ich von hier wieder weg und weiter?" fragte er sich selbst, indem er mit unruhigem Staunen umherblickte. „Ich will mich an diesem Zacken hinunter lassen... die Platte unten ist breit und bequem: dort, an der Schneide, bei dem Vorsprung, muß sich ein Pfad geben... Ich sehe die Spuren, daß hier Steinböcke heimsen... Hoho, wo der Langbart Platz findet, werde ich auch nicht zurück bleiben!" Rasch wurde der Stachelstock in die Tiefe auf die Felsplatte geschleudert; der Rückcnsack folgte nach— Bogen und Köcher, hoch in den Nacken geschoben, hinderten den Gewandten nicht, hinab zu klettern und von der letzten Felsritze aus in mächtigem Sprunge den Boden zu erreichen. Nasch trat er an den Abhang vor, aber so vertraut sein Auge mit dem Anblick von Schluchten und Abgründen war, trat er doch unwillkürlich wie schaudernd und schwindelnd zurück, ... wohl stieg der Kaunstein in seiner ganzen Furchtbarkeit vor ihm empor, aber zwischen demselben und seiner Platte öffnete sich ein Felsen- schlund, dessen Grund für das Auge unerreichbar war und aus dem das DonnergcbrauS eines unten herausstürmenden Wildbachs nur wie leises Rauschen herauf tönte -— die Wände desselben stürzten glatt und senkrecht ab, kein noch so gewagter Sprung trug über die entsetzliche Tiefe: nicht nach vorne, noch zur Seite gab es einen Ausweg, und die Wand, über welche er herabgeklcttcrt war, stieg nun im Rücken so unnahbar steil empor, daß es unbegreiflich war, wie ein Mensch vermocht hatte, sich daran herunter zu lasten, ohne auszugleitcn und zerschmettert zu werden. „So hast du dich auch einmal vollständig verstiegen und verirrt, alter Thor," rief Chriembert, „. . . Du bist in der Felsenwildniß eingeschlossen und abgesperrt von den Menschen und von der Welt..." Er sprach es mit einem Tone, der munter klingen sollte, und um seine bärtigen Lippen zuckte es wie ein Lächeln, aber an das starke Herz pochte doch zum erstenmal im Leben etwas, das nahe mit Besorgniß und Schrecken verwandt war. Der Eindruck steigerte sich und wuchs wie das dem Gewitter voranzichende Lüftchen, das erst zierlich mit den Wipfeln und Laubkronen spielt, schneller und schneller einher- sausend, bis es zum Sturme, zum Orkane geworden, der die Stämme bricht und die Wurzeln aus dem Grunde hebt. Zu dem noch unbestimmten Gefühl der eigenen schweren Gefahr gesellte sich die Sorge, daß einem andern, ihm theuren Leben schweres Unheil bereitet werde... die Sorge wurde zur Unruhe und die Unruhe zur Angst, welche jeden Tropfen im Blute gerinnen, jedes Haar auf dem Scheitel sich erheben macht. 204 Drüben, jenseits der Schlucht, am Fuße des Kaunsteinhornes, wurden Amalaswinth und Alboin sichtbar, und begannen sofort ihr geheimnißvolles Werk: verwundert, bebend vor Erregung sah Chriembert ihnen zu — unbekannt mit dem, was geschehen war, wie mit der bereits gelungenen Befreiung der Gesuchten, fehlte es ihm an jedem Anhalt, das sonderbare Beginnen zu erklären: doch dämmerte eine Ahnung der Wirklichkeit in ihm empor, hinreichend, ihn vom Wirbel bis zur Sohle mit Entsetzen zu fülleu... es mußte ihm scheinen, als sollte das, was bereits vereitelt war, erst in's Werk gesetzt werden. . . „Ist das nicht das fremde unheimliche Weib, von dem sie erzählen?" . . . rief er. „Es ist dieselbe, der ich in der Oedenei begegnet bin! Was schafft sie für elendes Neidings- werk mit ihrem Zaubergesellcn? . . . Dort, wo sie sich mühen, muß der Eingang in die Awergenhöhle sein... ich sehe den Wildpfad, der daneben vorbei in's Thal führt... Sie rollen Blöcke zusammen, als suchten sie den Weg zu verrammeln! . . . Oder wollen sie die Höhle schließen. Jemand gefangen zu halten für ewig? Gilt es wohl gar, einen Blutenden, einen Todten zu verbergen, daniit der Rächer seine Spur nicht finde? . .. Und ich kann nichts thun zur Rettung... auf diesen Felsen gebannt muß ich ohnmächtig sehen, was geschieht und kann eS nicht wehren! Ich fühle in der Brust den gewohnten Muth, die alte Kraft in der Faust... ich kann sie nicht gebrauchen, um zu helfen. . . hier, auf dem öden Felsen bin ich angeschmiedet, wie der Wolf an der Kette ... ich kann nur heulen, die Zähne fletschen und im Ingrimm in meine eigenen Bande beißen! . . . Aber ich will nicht!" schrie er mit einer Stimme, die oft im Gefecht den Feind schaudern gemacht. „Ich will hier nicht zu Grunde gehen, will nicht müßig zusehen, wie meinem Markulf, meinem Blut Unbill widerfährt... ich breche mir die Bahn hinab..." Sein Angesicht war tvdtenfahl geworden, aber das Blut trat ihm in die Augen und röthcte sie, seine Muskeln spannten sich an wie in willenlosem Krampf und mit der sinnlosen Wuth des Berserkers stürzte er sich auf einen der Felszacken am Rande, faßte ihn und rüttelte daran mit einer Gewalt, der er hätte weichen müssen, wäre er etwas Anderes gewesen, als festgcwachsenes Gestein. Er mußte ablassen, drückte in ohnmächtigem Grimm die Ballen der blutenden Hände an die flammenden Augen, dann drohte er mit der Faust in den Himmel empor. „Wo bist du, Donner, wenn du deinen Alten nicht hörst? Wirf deinen nutzlosen Hammer hinweg, wenn du die Macht nicht hast, ihn auf das Zaubervolk dort hinunter zu schleudern, daß er sie zerschmettert! Ich verlache dich, du ohnmächtiger Gott . . . hier bin ich und höhne dich in's Angesicht, triff mit deinem Blitze mich, wenn ich an dir frevle..." Außer sich stürmte er wieder dem Rande des Abgrundes entgegen — er sah die Beiden drüben noch immer mit dem geheimnißvollen Werke beschäftigt: er erhob sich, um aus voller Brust hinüber zu rufen, aber der Laut erstarb ihm in der Kehle — ein feines fernes Klingen wurde hörbar, feierlich und klar wie ernster in den Lüften ver- schwebcndcr Gesang ... „Die Glocke von der Walchen-Almend" — flüsterte er und horchte höher und höher auf, und die Schwingen des Abendwindes, welche das Läuten herauf trugen bis in die Wolkenheimath, fächelten ihm die glühende, von Angsttropfen überrieselte Stirne . . . Ein Empfinden überkam ihn, das er noch nie geahnt: wie mit einem Zauberschlage war Alles um ihn her verändert; er sah die Felsen nicht mehr und die Steinwusterei, in der er sich befand — das Bild des Abends umgab ihn, wo vor dem Eigelhofe an der brausenden Salzach der Christenpriester vor ihn getreten, die Macht seines Gottes preisend, der ein milder Gott sei denen, die sich ihm willig beugen, den trotzigen Sinn aber zu brechen wisse, der ihm widerstrebe ... wo er aufrecht gegenüber gestanden und den Nacken frei emporgehoben im Gefühle der eigenen Kraft, die des fremden Helfers nicht bedürfe: Es war ihm, als sähe er das ernste Antlitz des Mönches aus der zertrümmerten Römerstadt vor sich, als fühlte er den durchdringenden Blick dieser Feueraugen auf seinem Angesicht hasten, als vernehme er die feierlich mahnenden Worte von der 205 weithin über den Erdball reichenden Hand des Gewaltigen... er fühlte, die Stunde war für ihn gekommen, wo ihm die eigene innere Kraft zerbrach, wie Schilf, auf das er sich gestützt, wo er es bekennen mußte, daß er in sich kein Heil mehr habe und keinen Stab. Unwillkürlich, wie dem Drucke eines unsichtbaren Arms gehorchend, sank er langsam in die Kniee und flüsterte mit bewegter Stimme: „.:.Sie nennen Dich gewaltig und doch gnädig, Gott der Christen... fei es auch mir! Zeige auch mir Deine Gnade, wie Deine Gewalt... Sie sagen: ich gehöre schon zu den Deinen: ich will es auch, ich will mich Dir beugen... ich bin nichts mehr vor Dir, als ein zerbrochener Stab ..." Er verstummte, aber durch seine erwachende Seele wehte der Frühliugshauch des .^ersten Gebets: aus der Grabescrde der eigenen Nichtigkeit war die unvergängliche Blüthe gekeimt — er fühlte das Band um sich geschlungen, das liebend alles Endliche anknüpft an den Unendlichen, auf daß es nicht verstäube in trostloser Verlorenheit... . . . Dumpfes Getöse weckte ihn auS seiner frommen Vcrsunkenheit. „Was geht hier vor?" rief er aufspringend und starrte nach dem Kaunstein hinüber... „Die Wahnsinnigen! Sie ruhen nicht, bis sie ihr eigenes Verderben^bereitet ... sie haben den Felsenbau des Berges gelockert und seine letzte Stütze los geschlagen. . . Die Masse des Gebirgs gerüth in's Weichen . . . entsetzliches Schicksal, das Horn des Kaun- steins beginnt sich zu senken ... er stürzt ein... " Dröhnende Schläge, unter denen das Gebirge weithin erbebte, schüllcrten durch die Luft; donnerähnliches Rollen und das Prasseln zerschmetterten sGestcins folgte Schlag aus Schlag — wolkcngleich stieg aufgewühlte Erde und zerriebenes Geröll in die verfinsterte Luft: die unterste Stcinlage war zuerst gewichen — langsam, wuchtig drängten die obern nach, immer höhere, immer größere nach sich ziehend, die erst allmählig sammt Gesträuch und Wald sich fortschoben, bis die Bewegung mit der steigenden Geschwindigkeit des Falls immer schneller ward, bis der Fall zum Sturze wurde und fortgerissen, gcschleu- de t, geschnellt, Felsen, Bäume im Wirbel der Vernichtung durcheinander sausten, stürzten und nach allen Seiten hernieder donnerten. . . Selbst zu einem Steinbild erstarrt, stand der erschütterte Greis dem furchtbaren Schauspiel gegenüber: er fühlte nicht, wie die Platte unter ihm erzitterte, wie die Trümmer um ihn niederschlugen — er sah nur die beiden Menschen am Fuße des einstürzenden Berges. Der Mm,n war in's Knie gesunken und verbarg das Antlitz in den Händen: er vermochte nicht den Schrecken deS Todes in'S Angesicht zu sehen — das Weib sah er hochaufgerichtet steh'n: kühn und wie herausfordernd hielt sie die Arme den stürzenden Trümmern entgegengebreitet, bis sie von ihnen im rasenden Schwünge ereilt und hin» weggerissen war. . . Auch Chriembert kniete wieder, gesenkten Haupts: kurze Zeit nur hatte das entsetzliche Getöse des Einsturzes gewährt. . . Grab und Tod sind nicht stiller, als es dann um ihn her sich lagerte. Lange wagte er nicht mehr, den Blick zu erheben — als er eS that, entrang sich ein Frcudrnruf der geängsteten Brust. . . die Kluft vor ihm war zum Theil von dem eingestürzten Gestein ausgefüllt: ein ungeheurer Fclsblock mit einem Stück Waldes lag darinnen und die Tannen senkten ihm die riesigen Wipfel entgegen, als wollten sie sich selber zur Brücke anbieten, die ihn wieder hinüber trage in das Reich der Lebenden ... Darüber hinaus aber, nicht mehr gehemmt durch den Koloß des Kaunstcins, öffnete sich der weite Ausblick auf die gegenüberliegende Sagcreckcrwand, auf den gewaltigen Watzmann, der unerschüttcrt den Fall des Jugcndgcnossen mit angeschaut und auf den grünen Rasenfleck zu seinen Füßen ... Auf diesem aber drängte sich eine bunte Schaar durcheinander — das Falkcnaugc des Greises unterschied den Herzog und seine Söhne . . . er glaubte auch Markulf darunter zu erblicken, und als sich wieder die Glocke regte, zu Dank und Preis für den, der sie Alle gerettet hatte, vor der Bosheit der Menschen und der Gewalt der Natur ... da brach der letzte starre EiSring seiner Seele und tropfte geschmolzen in schweren Thränen von den greisen, noch nie benetzten Wimpern.- 206 — Nicht lange nachher bot die Walchen-Almende wieder ein Bild der Freude und -es Friedens, wie zuvor, wenn auch nicht so farblos und einfach, als es gewesen. — Nach den Mühen und Schrecken des Tages galt es, für den Herzog Mahl und Nachtlager zu rüsten, denn ergriffen von dm wunderbaren Ereignissen, die an ihm vorübergegangen, wollte er den Schauplatz derselben nicht so bald verlassen, und gedachte, die Heimfahrt über den See bis zum kommenden Morgen zu verschieben. Das Bedürfniß machte erfinderisch, aus Manteln und Decken wurden leichte Zelte über Spießen aufgehangen und ein einfaches Mahl, zu dem Wald und Wasser schnell Beisteuer gegeben, war der Vollendung nahe. Da trat der greise Herzog in die Mitte der Seinen und führte Placida hervor, ihr nochmals Alles zu danken, was sie gethan. Sittsam und bescheiden stand sie da und wagte nicht, die Augen aufzuschlagen: sie mochte fürchten, dem brennenden Blicke Mar- kglf's zu begegnen, der gegenüber stand, noch immer des Augenblicks harrend, der es ihm möglich machen würde, sie zu sprechen und die letzte Frage an sie zu richten. „Der Herr ist gnädig mit uns gewesen," sagte der Herzog, „er ist in seiner ganzen Furchtbarkeit an uns vorübergezogen, aber wie ein Verderben drohendes Gewitter hat er uns nur Segen zurückgelassen. . . Wir wollen deß eingedenk sein und ihm hier eine Andachtsstätte erbauen, die allen Nachkommen ein Zeuge und Zeichen unseres Dankes sei... Dich aber, wackere Jungfrau, deren reiner, hcldenmüthigcr Sinn uns nächst Gott auS dem Wirrsal geführt, in das wir gerathen waren . . . Dich will ich belohnen, daß der Edelste meines Landes sich geehrt fühlen soll, wenn Du ihm Deine Hand als Gattin reichen willst . . . Kraft meines herzoglichen Amtes nehme ich dm Makel Deiner unfreien Abstammung von Dir und mache Dich und Deine Sippe zu freien Leuten, wie die Freiestcn ini Lande ... Du sollst ein schönes Gut zur Mitgift von mir erhalten ..." „Nicht also, edler Herr," unterbrach ihn Placida mit bescheidener Festigkeit; „ich nehme die Freiheit dankend an für mich und die Mcinigeu. . . der Aussteuer und Mitgift bedarf ich nicht. Ich will eine arme Magd bleiben, die frommen Jungfrauen in der Salzburg werden auf Euer Fürwort eine solche aufnehmen, die ihnen dienen und die Glocke zur Hora läuten kann..." Bewegung entstand im Kreise der Versammlung; Markulf wollte vortreten, der Herzog erwidern; ehe sie dazu kamen, war der alte Chriembcrt, der inzwischen herbeigekommen und Alles erfahren hatte, schon neben Placida getreten und hatte ihre Hand erfaßt: „Ich habe Dir Unrecht gethan, Mädchen," sagte er, „ich habe Dich verkannt und geschmäht, weil ich glaubte, meinen Sohn vor Dir wahren zu müssen ... ich sage es Dir jetzt offen vor Allen nnd bitte Dich, daß Du mir verzeihst ... Ich habe Dich als meine Schwieger verschmäht, jetzt aber komme ich, selber um Dich zu freien, und wenn Du es in Deinem Gemüthe finden kannst, wie ich es geglaubt, so sage Ja und ich will zu Deinem Vater gehen und wie eS Brauch ist, um die Walchendirne für meinen Markuls werben..." Sie schwieg; das glühende Antlitz gesenkt. „Sie schweigt, Vater," rief Markulf, der vorgeeilt war, „sie hat keine Antwort für Dich und mich!" „Welch' eine Antwort begehrst Du noch, Du thörichter Gesell!" entgegnete der Herzog. „Traun, gälte dieß liebliche Erröthen mir, ich wüßte wohl, es zu deuten!" „Ist es wirklich, Placida? rief Markulf, und faßte ihre Hand. „Dürft' ich es glauben? So wäre doch nicht wahr gewesen, was Du meinem Vater gesagt?" Sie hob das Auge etwas empor: ihre Blicke begegneten sich. „Es war," flüsterte sie — „aber es ist nicht mehr! Ich liebe Dich, Markulf, und will die Deine sein!" „Und ich segne Euren Bund," ,rief der Herzog, „mit einer Freude und Zuversicht, wie sie mir selten zu Theil geworden! Ihr werdet einander ganz angehören, denn Ihr habt einander erworben: Ihr werdet glücklich sein, denn Ihr habt in den Stunden der 207 » Prüfung bestanden! Der Bund des freien Bajoarcn mit der Enkelin des Geschlechts, das einst in diesen Gauen geherrscht, soll Euch und dem Gau zum Segen werden — mit ihm schwinde der letzte Rest der Zwietracht, welche die Stämme getrennt: die alte Zeit des Haffes sinke hinunter, und eine neue beginne, eine Zeit der Eintracht und der gläubigen Liebe!" „Gewähret auch mir, dem alten Kriegs-Gefährten, eine Gunst," begann Chricmbert, während der Herzog die Hände des glücklichen Paares vereinigte. „Ich will meinen Hof in der Schönau meinem Markulf abtreten und seinem jungen Weibe, falls Ihr ihn für mündig wollt gelten lassen ... ich selbst will hier bleiben in den Bergen, in denen ich so Viel, so Gewaltiges erlebt: ich will bei dem frommen Vater in der Salzburg lernen, ein Christ zu werden und will der erste Siedler sein an dem Kirchlein, das Ihr hier gründen wollt! ..." Der Herzog gewährte die Bitte, er verhieß sogar, bis zur Hochzeit zu bleiben, und selbe durch seine eigene Gegenwart zu verherrlichen. Auf viele Stunden im Lande war es ein Fest, als der Freihofbauer von der Schönau sich mit dem schimmernden Gefolge von Bauern, Reisigen und Edlen aufmachte nach der einsamen Namsau, um die Walchcnbraut heimzuführen. Von ferne schon erscholl der Gesang und die Musik der longobardischen Künstler, als sie durch die Engadcin heranzogen; im Hause des Romanen saß die alte, blinde Urahnin wie sonst unter den Säulen des Jnncnhofs, und vernahm die Töne, die fern und doch wohl unterscheidbar an den Höhen widerklangen... „Und mein Gedanke „glücktet zum schönsten „Winkel der Erde..." klang es eben in die erträumten Saiten der Lyra von ihren Lippen — da drangen die weichen südlichen Weisen an ihr Ohr . . . sie horchte hoch auf, indeß das Instrument den nachlassenden Fingern entglitt und ein Lächeln des seligsten Glücks schwebte wie ein Lichtstrahl über das seit Menschenaltern verstcinte Gesicht... „Er ist es . . . er kommt! Ich habe es wohl gewußt, wenn sie zweifelten... ich habe gewußt, Florus hat uns nicht vergessen — Florus wird kommen, seine Lucia zu holen... O diese Töne... wie sie mich grüßen! Wie sie so bekannt an meine Seele dringen ... Es ist weit in die schöne südliche Heimath — ach, so unsäglich weit, aber die Liebe findet den Weg. . . Er kommt! Er führt uns Alle dahin... o mein Florus..7" Das lächelnde Angesicht neigte sich zur Brust herab, die entzückten Augen brachen — mit Thränen in den ihrigen drückte Placida, schon mit der Brautkrone geschmückt, sie der Todten zu und eilte dem schönen Leben entgegen, in Markulf's Arme, die sich ihr von der Schwelle entgegen breiteten. Das Leben der Vereinigten war ein freudiges, die Vorhcrsagung des edlen Herzogs ging reichlich an ihm in Erfüllung. Chricmbert wurde der erste Siedler an dem einsamen Bcthause, das bald statt der Sennhütte in der Walchcn-Almende sich erhob; er hatte den Namen Bartholomäus gewählt, des Heiligen, dem auch das kleine Kirchlein geweiht worden. Lange Jahre stiller Beschauung und frommer Betrachtung waren ihm noch vergönnt und die Kunde seines Lebens war unter den Menschen außerhalb der Berge schon verschollen, als vorüberziehende Jäger, durch das Verstummen der Glocke aufmerksam gemacht, den frommen Bruder Bartholomäus dahin geschieden fanden. Von dem Einstürze des Kaunstcins weiß kaum mehr die Sage zu berichten; besser vermag es der Felsendamm, der den See in zwei Theile geschieden hat und den Obersee vom Königssee trennt. Die Glocke war Jahrhunderte lang eine merkwürdige Seltenheit, ein altertümlicher Schatz der kleinen Probst«, die später an der Stelle des ersten Kirchleins entstanden s» war... seit der Umwandlung in ein Jagdschlößchen ist sie nicht mehr aufzufinden gewesen: 208 aber auch ohne ihren Ton fühlt sich Jeder, der die grüne Einsamkeit besucht hat und im Zortrudern darauf zurückblickt, von einem Hauche der Anmuth umweht und von dem Geiste des Friedens begrüßt, der nirgends so heimisch ist, als auf dem grünen Eiland von Sanct Barthclmä! (Ein gelehrter Fähnrich.) Es war bereits im Jahre 1721 an einem Sommernachmittage, da saßen zu London im Buttonschen Kaffeehause drei Gelehrte und deliberirten über den Sinn eines lateinischen Verses. Sie führten das Gespräch so, daß wohl mit Fug und Recht ein Zuhörer beichetden sich hätte einmischen können. Dieß geichah auch von Seiten eines Gardefähnrichs, eines blutjungen Menschen, der erröthend das Wort nahm. — Gentlemen, sagte er, mir scheint, daß der Sinn dieses Verses wohl deutlich sein möchte, wenn man am Schlüsse anstatt des Punctes ein Fragezeichen setzt. Es fand sich, daß der junge Mann Recht hatte. Die drei Gelehrten bissen sich auf die Lippen und schämten sich, aus so unschuldigem Munde Belehrung erhalten zu haben. Aber einer von ihnen, es war der berühmte Dichter und Uebersetzer Pope (die andern Congreve und Parnal), fand sich am empfindlichsten getroffen, denn er war trotz seiner verwachsenen Gestalt, oder vielleicht iu Folge derselben, übertrieben eitel und arrogant. Nun mein geehrter Herr, sagte er verächtlich zu dem jungen Fähnrich, wissen Sie denn überhaupt schon, was ein Fähnrich ist? Nun. ich hoffe wohl, antwortete der junge Krieger und warf einen bedeutsamen Blick auf Pope's Höcker, es ist ein kleines krummes Ding, das Fragen auswirft! (Beefsteaks aus lebenden Ochsen.) Ein Correspondent des ^„Standard" lieferte dem genannten Blatte nachstehende etwas schwer zu glaubende Geschichte: „Drei Officiere des vierten englischen Regiments sahen in Fokado (Abessinien) die Operation des Ausschneidens eines FleischstUckes aus dem Leibe eines lebendigen Ochsen. Sie trafen die Einge- bornen, als diese gerade damit beschäftigt waren. Der unglückliche Ochs ward niedergeworfen und seine vier Beine wurden zusammengebunden. Der Operateur machte hierauf einen Enschnitt in die Haut, nahe dem Rückgrat, gerade hinter dem Hüftengeleuke, blies in denselben hinein, um die Haut vom Fleische zu trennen, machte dann zwei andere Einschnitte in rechten Winkeln nach dem ersten hin und hob hierauf ein Stück Haut von vier oder fünf Geviertzoll in die Höhe Aus diesem schnitt er eincnKlumpeu Fleisch heraus, indem er mit dem Messer unter der Haut hcndurchfubr, so daß die herausgenommene Fleischmasse größer war, als der unbedeckte Theil. Dann füllte der Operateur die offene Stelle mit Kuhdüngcr, legte das Hautstück wieder darüber, bepflasterte es mit Lehm, band die Füße des armen Thieres los, welches während der Operation ein dumpfes Schmerzgefühl geäußert hatte, gab ihm einen Fußtritt, um es zum Aufstehen zu bringen — und Alles war vorbei. Noch muß ich erwähnen, daß der Operateur zwei oder drei Schnitte in der Nähe der Wunde machte, wie es scheint, als ein Zeichen, daß das Thier an diesem Theile operirt worden war. Die Officiere bemerkten, daß mehrere andere Stücke Vieh der nämlichen Hecrdc in ganz ähnlicher Weise bezeichnet waren. Sie kehrten in ungefähr einer halben Stunde zurück und sahen, daß das Thier umherging und ruhig weidete. Ich habe nicht erwähnt, daß es, als man die Operation an ihm vornahm, nur sehr wenig blutete." Charade. (DreisiMo.) I. Geheimnisse mir anvertraut Auch ohne den geringsten Laut Ich schnell an Ort und Stelle bringe. II. Das erste und noch and're Dinge, Die werth man schätzt und hoch anschlägt, In mir man ein- und nieder legt. III. Wer mich Verlorne wieder findet, Erachtet's für ein großes Glück, Wer ehrlich ist, gibt mich zurück, Weil oben Ehrlichkeit ihn bindet, — Die ach mit jedem Augenblick' Vom Erdkreis mehr und mehr verschwindet. Auflösung der Charade in Nr. 24: „Zuckcrhut." Druck, Lerlaa und Reduktion de« Merarischen Instituts von vr. M. Huitter.