Nr. S7. 5. Juli 1868. -tz ^ - fZ V » Wer genug hat, ist ein armer Mann, Reich ist, wer Andern geben kann. Paul H eyse. Clementina Eine spanische Dorfgeschichte. (Nach einer Novelle des Don Antonio de Trueba.) 1 . .^ei. Vor einigen Jahren durchstreifte ich die schönen Dörfer, welche zu beiden S Thale des Jbaizäbal auftauchen, und gleichsam mit unschuldiger, ländlicher Neues Landes, der edlen, schönen und reichen Stadt Bilbllo schauen, hin zu den ewig lacheikamcn Miguel und lebensvollen Gefilden von Abando und Deusto. tcn beneideten Es sei mir vergönnt, den Ort zu verschweigen, wo der größte Theil dncr Laufbahn sich zutrug, die ich erzählen will. Der Schmerz soll uns heilig fein, ar Schuld seine Mutter ist. «cfühl glaubten Die Nacht überraschte mich, ehe ich Bilbao erreichen konnte und ich Weisheit und nöthigt, mein Unterkommen in einem Dorfe zu suchen, das ich im unbestimmlldiescs Heiliglicht des Abends auf der Hähe eines mit Kastanien und Wallnußbäumer. Hügels schimmern sah. Am einen Ende eines schattenreichen Nußbaumwäldchens erhob sich der Kll zu ihrer des Dorfes. b wirklich Die Gebetglockc läutete, als ich in das Dorf trat, seine Bewohner beobach feierliches Schweigen, die Männer hielten ihre Mützen,in den Händen, Alles betete uSie segnete sich mit dem Zeichen des Kreuzes. Es schwiegen sogar die jungen Mädchen, die mit den Wasscreimern auf dem Kops'e von den Quellen im nahen Kastanicnhain kamen. Die Gcbetglocke ist Gottes Stimme, die zu den Gläubigen und Guten spricht, und nur der Gottheit Stimme vermag ein baskisches Mädchen in einem angefangenen Liedchen zu unterbrechen. Ich stand stille, nahm meinen Hut ab und betete mit den Dorfbewohnern. Zwanzig Jahre der Trennung von dem schönen, edlen Lande, das ich als Kind verlassen, schienen in diesem Augenblick spurlos an mir vorüber gegangen . . . Dann schritt ich durch den Nußbaumhain in das Dorf, freundlich begrüßt von Allen, die mir begegneten. 210 Ich fragte nach einer Herberge, wo ich die Nacht zubringen könnte. Es war kein ^ Wirthshaus im Dorf, allein man ließ mir nicht Zeit, mich darob zu grämen, denn es war kaum ein Landmann in dem Dörfchen, der sich nicht beeilt hätte, mir mit herzlicher und achtungsvoller Freundlichkeit einen Platz an seinem Hecrd, ein Lager in seinem Haus anzubieten. Unter denen, welche mich so gastlich einluden, ragte ein schöner Jüngling hervor, ^ welchen seine Lai dslente den Majoratsherrn nannten. Er war weniger dürftig gekleidet, als die Andern, gleichwohl war seine Tracht die eigenthümliche dcS BaSkcn-Landes, nur daß er statt einer blauen, weißen oder rothen Mütze eine dunkle, und um den Hals, atü Zeichen der Trauer, ein schwarzes Florband trug. Ich habe ein Recht darauf, sagte dieser Jüngling, Sie um den Borzug für mein Haus zu bitten, denn ist auch der gute Wille meiner Landsleutc so groß wie der meine, so bin ich doch in der Lage, Ihnen größere Bequemlichkeiten anzubieten. Dieß bestätigten die Andern und traten mit ihren Einladungen zurück. Ich nahm also die Gastfreundschaft Miguels des Majoratshcrrn an. Sein Haus war in der That ohne Vergleich das größte und stattlichste des Dorfes. Es erhob sich an dem der Kirche entgegengesetzten Ende des Nußbaumwäldchcns. Auf drei Seiten stieß es an einen mit Reblauben umzäunten Garten, welchen nach allen Richtungen lange Reihen früchtebeladener Bäume durchkreuzten. Die Hauptseitc des Gebäudes war dem Walde zugekehrt, über der Eingangsthüre befand sich ein geräumiger Balcon, . beschattet von zwei mächtigen Reblauben, und über dem Balcon ein steinernes Wappen, damals mit schwarzem Flor verhüllt, zum Zeichen der Trauer der Familie. Kaum hatte ich das Haus betreten, als sämmtliche Familienmitglicdcr, gleichfalls in Trauer gekleidet, mich zu begrüßen eilten. Es waren außer Miguel, der etwa 25 Jahre ,, zählen mochte, noch ein junger Mann von 22, ein Mädchen von 18, ein Knabe von 15, und ein Töchterchen von 12 Jahren. : waren Alle Geschwister und Alle voll jugendlicher Kraft und Schönheit. Hier ^ Fußtritt,- in feiner vollen Reinheit den edlen und schönen Typus des Baskenstammcs, die s wähnen, r. den sanften und gedankenvollen Blick, die offene Stirn, die ovale Gcsichtsform es scheint, Zurücktretender unterer Hälfte, die Roscnblüthe der Wangen, den hohen stolzen Weise^bezeich'gbdrungene Kraft der Glieder. daß das Thigenthümlicher Zug der Wehmuth schien alle diese jungen Herzen zu beherrschen die Operativngling, der schon Haupt der Familie war, bis hinab zu dem zwölfjährigen Kinde. auer, welche sie Alle um ihre Mutter trugen, erklärte mir wohl theilweise Wesen; allein es war ein Etwas dabei, das meine Aufmerksamkeit in hohem ich zog, das ich aber nicht zu erklären vermochte. Es war dies ein Schmerz sch oder Ungeduld, aber tief, voll Ergebung, ruhig, aber unendlich, der sich nenen, Bewegungen und Worten des achtzehnjährigen Mädchens offenbarte, gleichsam um durch ihren Namen schon zur Sanftmuth im Leiden, zur Milde geben zu ermähnen, sich Clementina nannte. Es konnte kaum Alles, was ich sah, von dem Tode der Mutter herrühren. Es ist .-r, auch das härteste Herz weint um eine Mutter, aber wenn ihr Andenken unaus- jchlich ist, so sind doch die Thränen nicht unversiegbar, welche man um sie vergießt. Ich weiß nicht, ob ich hierin Andere nach mir beurtheilen darf. Aber ich glaube an Gott und weiß, daß meine Mutter in dem Herrn starb, daß sie nur der Natur einen Tribut entrichtete, dessen sich kein Sterblicher entschlagen kann. Darum ist zweierlei für ^ mich gewiß: daß meiner Mutter Blick noch auf mir ruht, und daß ich sie einst wiedersehen werde. Miguel und seine Geschwister lebten ohne allen Zweifel des nämlichen Glaubens.... Nein, nein, ihr Schmerz, und vor Allem jener der armen Clementina, konnte in ^ dem Verlust einer im Herrn entschlafenen Mutter nicht seine einzige Quelle haben. j 211 ii. Als ich die Gastfreundschaft der Bewohner des „großen Hauses", wie man es im Dorf nannte, annahm, gedachte ich, gleich des folgenden Tags meine Reise fortzusetzen. Allein man bat mich so dringend, einige Zeit zu bleiben, alle Bewohner des Dörfchens kamen mir mit solcher Herzlichkeit entgegen, kurz, es gefiel mir in jeder Beziehung so gut, daß ich noch am Ende einer Woche den gastlichen Ehrenplatz am Heerde des Majoratsherrn einnahm. Was mir besonders rührend auffiel, war die hingebendste Liebe, die zärtlichste Rücksichtnahme, deren Gegenstand Clementina für ihre Geschwister war. Es war für mich ein Schauspiel, das mich eben so tief bewegte, als erfreute, wenn ich diese kraftvollen jungen Männer sah, wie sie vor dem tiefen Schmerze ihrer Schwester so sanft wie Kinder wurden. Von Natur schwache und dem Schmerz nicht gewachsene Menschen sieht man der Schwäche und dem Schmerz Rücksicht tragen, ohne daran etwas Besonderes zu finden. Wenn aber ein Mann voll Körper- und Geisteskraft, rauh und unerschütterlich wie die Eichen, die das Thal umwalden, worin ich dieses schreibe, sein ganzes Wesen an die Schwachheit, an den Schmerz dahingibt, bloß um sie zu schützen, ihn zu trösten, so ist dieß ein Anblick, den wohl Niemand mit trockenen Augen zu schauen vermag. Um das Gesagte zu erläutern, will ich nur eines einzigen Vorfalles erwähnen, der sich eines Abends während meiner Anwesenheit in dem „großen Hause" zutrug. Der Tag war wunderschön gewesen. Miguel und seine Brüdcr hatten denselben in strenger ländlicher Arbeit mit ihren Knechten und einigen Taglöhnern zugebracht; ich hatte mit Büchse und Fernglas Wälder und Höhen durchstreift. Nach dem Gebetläuten fanden wir uns Alle in dem „großen Hause" zusammen. Herrschaft, Gesinde, Taglöhner und Gast genossen, wie immer, vereint ihr Abendbrod, und auch dem gewaltigen Krug voll kühlen, sprudelnden Landweins, welchen Miguel aus dem Keller heraufbefördert hatte, ward wacker zugesprochen. Nachdem wir, getreu der ehrwürdigen immer noch unerschüttcrten Sitte des Landes, Gott für die Gaben gedankt hatten, die seine Gnade uns zugewendet, so kamen Miguel und seine Brüder im Lauf des Abends auf Bücher zu sprechen. Die Guten beneideten den Beruf eines Schriftstellers, unbekannt mit den Dornen, die auf seiner Laufbahn wachsen, wenn er mit Ehre und Würde sie wandeln will. Sie verstanden nichts von Büchern, aber in ihrem edlen und zarten Gefühl glaubten sie zu ahnen, Bücher seien das Heiligthum, in welchem die Blüthe der Weisheit und sittlichen Schönheit verwahrt sei, so oft auch Unwissenheit und Leidenschaft dieses Heilig- thuyl entweihen. „Sie müssen gewiß reich an Büchern sein!" sagte Miguel zu mir. Ich erwiderte ihm, daß ich deren nicht viele besitze, weil mir die Mittel zu ihrer Anschaffung fehlen; dagegen glaube ich, daß diejenigen, welche ich besäße, auch wirklich gut seien. „Du lieber Gott! Und wie angenehme Stunden müßten Sie zubringen, indem Sie Ihre Bücher lesen!" „Gewiß," sagte ich, „vielleicht die angenehmsten meines Lebens. Aber pflegen Sie und die Ihrigen nicht zu lesen?" „So gut wie gar nicht," war die Antwort. „Denn die vier Bücher, die wir im Haus haben, wissen wir schon längst Alle auswendig." „Und was für Bücher sind dies?" „Das will ich Ihnen gern sagen: Das Leben des heiligen Ignatius von Lojola, die Abenteuer des Don Quixote, die Vorrechte des Baskenlandes und das befreite Can- tabrien; vielleicht noch zwei oder drei Lebensbeschreibungen von Heiligen. Es sind nur 212 wenige, aber mein Großvater selig Pflegte zu sagen, daß keine besseren in Spanien herausgekommen sind." Aus Achtung für des Baskenlandes Vorrechte, für Cantabriens Befreiung und für den Don Quixote suchte ich mich des Lächelns zu enthalten. „Wir Andern," fuhr Miguel lächelnd fort, „geben uns zwar überhaupt mit dem Lesen nicht ab, dagegen sperren wir Mund und Nase auf, wenn Clementina uns vorliest." Die Schwester erröthete bei diesem Lobe des Bruders. „Seit aber Ihr Großvater," bemerkte ich, „oder Ihr Urgroßvater die Bücher gekauft hat, deren Sie erwähnten, sind viele andere und darunter auch recht gute aus Licht gekommen, und ich bedaurc lebhaft, daß Sie keines derselben besitzen." „Wenn Sie uns einmal ein gutes Buch bringen wollten, so würden Sie wohl erleben, wie gut die Schwester es uns vorzulesen weiß." „Ich habe einige gute bei mir, und bitte Sie, dieselben von mir anzunehmen und an der Seite des Don Quixote aufzubewahren." „Wir nehmen Ihr Geschenk von ganzem Herzen an," rief Miguel aus, indem er mir herzlich die Hand drückte. Ich hatte in meiner Reisetasche eine vollständige Ausgabe von Fernan Caballero's Werken, welche ich dieser vortrefflichen Familie überließ, indem ich schon im Vorgefühle mich der edlen Empfindungen und des reinen Vergnügens erfreute, welche, wie überall, so auch hier, aus den Schöpfungen der großen Sittenmaler in der spanischen Nation erwachsen würden. Miguel bat voll Freude und Zärtlichkeit seine Schwester Clementina, gleich Etwas aus diesen Büchern vorzulesen. Clementina, deren Trauer selbst durch ihr Lächeln sichtbar war, lächelte freundlich und beeilte sich, ihrem Bruder gefällig zu sein, oder vielmehr uns Allen, da wir Alle unsre Bitten mit den seinigcn vereinten. In dem Buche, aus welchem Clementina las, malt Fernan Caballero mit allem Zauber ihres bewunderungswürdigen Pinsels das gute, edle, tugendhafte Weib, als Jungfrau und Mutter, als Tochter und Gattin. Je > eiter Clementina las, desto mehr füllten sich ihre Augen mit Thränen, und eine tödtliche Blässe überzog ihr trauerndes Angesicht. Ihre Bruder bemerkten es und wurden unruhig, ja Miguel machte eine Handbewegung, wie um ihr anzudeuten, sie möge das Lesen unterbrechen. Da aber Clementina gleichwohl weiter las, so näherte Miguel sich ihr, indem er abwechslungsweisc sein Auge bald auf das Gesicht des Mädchens, bald auf die nächstfolgende Seite des Buches heftete. Ich suchte mir dies Alles zu erklären und sagte bei mir: „Dieses Buch, so rein und schön in jeder Hinsicht, bewegt die arme Clementina bis zu Thränen, weil sie, ähnlich meiner geliebten Lebensgefährtin, die mich in der Heimath erwartet, wahrscheinlich eine besondere Neigung hat, in den Büchern, welche sie liest, den Ausdruck ihrer eigenen Schmerzen und Freuden zu erblicken. Ihre Brüder verstehen sie wohl, mögen sie aber nicht unterbrechen, weil sie hoffen, daß der Inhalt des Buches eine andere Wendung nehmen wird; in dieser Hoffnung sucht wohl Miguel immer die nächstfolgende Seite im Voraus zu prüfen. Das Mädchen in Caballero's Schilderung war im Begriff, Gattin zu werden, unschuldig und rein, wie sie von der Mutter Brust gekommen war, vergöttert von den Jünglingen, der Stolz und das Glück ihrer Eltern und Brüder. In diesem Augenblick entsank der armen Clementina das Buch, und sie selbst wäre ihm zum Boden nachgefolgt, Hütte nicht Miguel die von einer todtähnlichen Ohnmacht Ergriffene in seinen Armen festgehalten. Groß war die Bestürzung, welche dieser Vorfall im Hause hervorrief. Während der Arzt des Dorfes gerufen wurde, brachte Miguel in seinen kräftigen Armen die Schwester zu ihrem Lager, und er, wie alle Geschwister, widmeten ihr unter Thränen der zärtlichsten Theilnahme alle Pflege und Tröstung, die nur die liebevollste und besorgteste Mutter au ihr Kind verschwenden kann. Kaum hatte sich die Nachricht im Dorf verbreitet, Clementina sei schwer erkrankt, als die Dorfbewohner zum „großen Hause" herbeieilten, begierig, Trost oder Hilfe bringen zu können. Clementina war nach kurzer Zeit wieder zu sich gekommen, und hatte ihrem Herzen in einem Strom von Thränen Luft gemacht. Ihre Geschwister wachten die ganze Nacht an ihrem Bette. „Wenn der Schmerz, der dieses junge Mädchen ängstigt, — so mußte ich mir sagen — der Schmerz um den Verlust der Mutter ist, so hat er keinen vollen Grund, denn wer bei Allen, die ihn umgeben, Mutterliebe und Muttersorge in solchem Maße findet, sollte die Mutter kaum also vermissen können!" Am folgenden Tag befand Clementina sich besser, die Bestürzung der Geschwister und Nachbarn hatte der Beruhigung Raum gegeben. Ich aber begriff, daß in diesem Hause ein Geheimniß walte, um dessen willen die Anwesenheit eines Fremden, dem man es zu verbergen genöthigt war, nur lästig sein konnte. Ich maaste mich reisefertig und reiste auch wirklich ab, so sehr Miguel und seine Geschwister, Clementina selbst nicht ausgenommen, meinem Vorhaben entgegentraten. Miguel ließ es sich aber nicht nehmen, mir bis an den Fuß der Anhöhe, auf welcher das Dorf liegt, das Geleit zu geben Wir sprachen unterwegs von Clementina, und mehr als einmal bemerkte ich, wie Miguels Auge thränenfeucht wurde, wenn ich von der Theilnahme sprach, die ich für seine trauernde Schwester empfinde. „Ihre Schwester," sagte ich, „welche bei Allen, die sie kennen, so viel Liebe und Theilnahme erweckt, muß gewiß ein herzensgutes. . . ." „O gar so unglücklich ist sie," erwiderte mir Miguel ticfbekümmert. „Sie haben Recht," erwiderte ich, „Unglück und Seelengüte geben gleichen Anspruch auf die Liebe und Theilnahme edler Seelen." Indem Miguel diese Worte hörte, welche nur eine tiefe, auf mein ganzes Leben gegründete Ueberzeugung meiner Seele aussprachen, schien er zu verstehen, daß in meinem Herzen ähnliche Empfindungen wogten, wie in dem seinigen, wenn auch ihm nur ein unvollkommener Ausdruck der seinigen gegeben war. Von Neuem wurden seine Augen feucht, und seine Hand suchte die meinige, um sie zu drücken. „Ich kann mich nicht von Ihnen, vielleicht für immer trennen, mit dem HerzenSvor- wurf, einem Mann, der so mit mir fühlt, etwas verheimlicht zu haben. Hören Sie die Leidensgeschichte an, von der Sie in meinem Haus sicher etwas geahnt haben." „Ja Miguel," sagte ich, „ich habe wohl geahnt, daß tiefe Schmerzen bei Euch wohnen, wenn ich auch ihren Grund nicht zu ahnen vermochte. Möge aber ihre Ursache wie immer sein, ich werde sie achten und mit Euch betrauern, wohin mich auch mein Lebensweg führen mag." Und während wir durch die lachenden Thäler und Hügel hinwandclten, wo nur die unumstößlichste Erfahrung uns überzeugen kann, daß auch hier der Schmerz noch wohnt, erzählte mir Miguel die Geschichte der Seinigen. Es sei mir erlaubt, die Sprache deö ungebildeten, aber edlen Landmanns in die unsrige zu übertragen. Wollte doch Miguel nur, daß ein Mann ihn verstehe, während ich schreibe, auf daß mich nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen verstehen, ja selbst das jüngere Geschlecht. (Fortsetzung folgt.) 214 Ueber Berbrechen und deren Entdeckung. Die Leser einer Zeitung können nicht Alle ehrliche Leute sein. Die ungeheure Mehrzahl sind es gewiß, denn sonst würden wir mit einer Grobheit debutiren und wir haben nicht die Absicht, grob zu sein. Diese Zeilen sind berechnet für den voraussichtlich sehr kleinen Leserkreis dieses Blattes, welcher aus Mördern, Räubern und Dieben, oder Solchen, die es werden wollen, besteht, um ihnen mit aller Licenz, die dem Feuilleton!- ^ stcn zu Gebote steht, zu sagen, daß sie- Dummköpfe sind, und daß das schlechteste Geschäft, welches der Mensch ergreifen kann, das einer gesetzlich verbotenen Hallunkenschaft ist. Man thut unter zehn Fällen sicher einmal unseren Kriminalisten Unrecht, wenn man ihrer aparten Schlauheit Weihrauch streut. Zu einem guten Kriminalisten gehört Kenntniß der menschlichen Natur und Verständniß des menschlichen Interesses, und wenn die Herren Verbrecher eine Ahnung davon hätten, daß sie fast immer selber es sind, welche der Gerechtigkeit in's Netz laufen, die Verbrechen würden seltener werden. Der ärgste Feind eines jeden Verbrechers ist der Standpunkt, auf den er sich durch das Verbrechen selbst stellt. Er wird Mitglied einer isolirten, außergewöhnlichen Minorität in der Gesellschaft, und das Auge der Gesellschaft muß auf ihn fallen. Der alte^ Satz: Ist ein Verbrechen begangen, so frage, wer den Nutzen davon hat und du entdeckst den Thäter; dieser alte Satz ist richtig. Aber der „Nutzen" ist es eben, der nicht immer leicht zu entdecken ist. Zum Glück ist der Verbrecher mit Nothwendigkeit gezwungen, der Gerechtigkeit selbst entgegenzulaufen. Der Spitzbube braucht für das gestohlene Gut sehr häufig einen „Hehler". Das gestohlene Gut, welches dem individuellen Besitzer entschwindet, vertauscht den Winkel des Zimmers mit einer Art von Markt. Der Dieb hat einen vielköpfigen Zufallsvcrräthcr gegen sich entfesselt in dem- , selben Augenblick, als er für die gestohlene Uhr das Geld empfängt. Sein gestohlenes A Objekt ist das Werkzeug der Spekulation geworden. Er hört auf, Herr seiner eigenen That, Herr seines eigenen Geheimnisses zu sein. Seine Vorsicht, die er beim Stehlen, beim Einbrechen beobachten konnte, ist schutzlos geworden, sobald er sich von dem entwendeten Objekt trennt, und das, was man den „Zufall" nennt, der zur Entdeckung führt, ist in Wahrheit Nichts als das letzte Glied in der Kette von logischen Nothwendigkeiten. In den Zeiten des Jack Sheppard hat ein excentrischer Engländer einmal eine Belohnung von 1000 Pfd. St. ausgesetzt für Denjenigen, der ihm einen Spitzbuben nachweisen könne, welcher, ohne mit den Behörden in Conflict gekommen zu sein, die Früchte seiner Diebstähle bis an sein Ende, eventuell auch nur 10 Jahre lang genossen hätte. Es hat Niemand diese 1000 Pfund Sterling verdienen können! — Der Dieb, welcher eine Gelegenheit zum Stehlen gefunden hat, schafft selbst hundert, oft tausend Gelegenheiten gegen sich, um entdeckt zu werden, und eine hochlöbliche Polizei müßte dümmer als dumm sein, wenn sie die dicbesfcindlichen Gelegenheiten nicht fest hielte. Der Verbrecher in der Gesellschaft ist ein Ausnahmsmensch derselben, eine Existenz, welche sich selbst isolirt hat, und das Jsolirte zieht die Aufmerksamkeit in einer oder der andern Weise immer an. Doch halten wir uns bei der Kategorie der gewöhnlichen Spitzbuben nicht auf. Betrachten wir die großen Verbrechen, jene Handlungen, zu denen ein gewaltiger Effekt oder eine gewaltige Willenskraft nothwendig ist. Nach entdeckter That schüttelt die Welt so oft den Kopf und fragt erstaunt: „Wie konnte der Mensch nur so dumm handeln? Er » „mußte ja entdeckt werden!" Wir sind überhaupt immer sehr klug, wenn wir „vorn Rathhause kommen." Diese scheinbaren „Dummheiten" sind eben stets mit dem Verbrechen im Zusammenhang stehende, logische Conscquenzen desselben. !- Es ist ein Mord geschehen, gleichviel ob prämeditirt oder mit Affect. Die Spuren der That werden verwischt, oder die That wird so begangen, daß ihre Verdeckung als 215 solche nicht nöthig erachtet wird, daß man sie räthselhaft erscheinen läßt, oder die Spur von dem wirklichen Thäter abzulenken sucht. Nun wohl, und dennoch sind die Jndicien, welche auf den wirklichen Thäter zurückführen, unvermeidlich, sie sind eine nothwendige Consequenz des Verbrechens. Der Mord ist eine That, zu welcher die höchste Anspannung der menschlichen individuellen Natur des Mörders gehört. Seine Gedanken concentrircn sich auf ein Ziel, ihre höchste Kraft findet Ausdruck in einem Moment der That. Das die Gedanken zusammenhaltende Object dcS Mörders hört auf zu existircn und in die verbrecherische Gedanken- sphäre tritt eine Art von „Anarchie" ein. Er ist nach dem Verbrechen ein „anderer Mensch" geworden, als er vor demselben war, die vollkommene Selbstbewußtheit, die er der Absicht, den Mord zu begehen, verdankt, hält nur so lange vor, als ihre Ursache existirte. Mit dem Gemordeten treten andere Ursachen, andere Affccte, andere Wirkungen ein. Die überangespannte Gedankenthätigkcit vor der That verlangt nach derselben einen Moment der Ruhe, die Kraft der Gedanken und mit ihr die nothwendige Vorsicht verläßt den Mörder und er, der vielleicht mit der raffinirtestcn Schlauheit 99 Spuren vernichtet, läßt die Nächstliegende Spur bestehen, die sich so häufig gerade als die aller- handgreiflichste erweist. Denn wenn es z. B. wahr ist, daß Julie v. Ebergenyi die Thür der Gräfin Chorinsky von Außen verschlossen, den Zimmerschlüssel mit genommen und aufbewahrt hat, so wird uns jeder ehrliche Mann und jeder Verbrecher Recht geben, daß dies eine grenzenlose Stupidität war, welche schon von München aus, als man den Schlüssel vermißte, den Gedanken an Selbstmord ausschließen und die Spur auf die Ebergenyi leiten mußte. Der Mörder selbst ist zur geistig und gemüthlich völlig isolirten Existenz in der Gesellschaft geworden! die Selbstcontrole seiner Handlungen, seines Wachens und Schlafens ist ihm ein Vertheidigungsmittel; er lebt von dem Augenblick seiner That in einem permanenten geheimen Krieg gegen die Gesellschaft, er, der Einzelne, gegen Millionen! Er ist buchstäblich der Sclave jedes Zufalls geworden. Die physischen Kräfte eines Menschen halten dies nicht aus; er wird „mürbe" und bekennt vielleicht, ja sehr häufig gerade bei den Jndicien, bei denen er am wenigsten Ursache hätte, zu bekennen. Jahr und Tag hatte jener Holstciner, Timm-Thode, geleugnet, Vater, Mutter und sämmtliche Geschwister erschlagen, und den einsamen Hof in Brand gesteckt zu haben. Keine einzige Jndicie lag gegen den Mörder vor Er ging frei umher, und Diejenigen, welche es wagten, an seiner Unschuld zu zweifeln, wurden gar scheel angesehen. Und was führte zur Entdeckung? Der Mörder äußerte die ganz natürlich scheinender Absicht, den Ort, an welchen sich für ihn so herzzerreißende Erinnerungen knüpften, zu verlassen und nach Amerika auszuwandern. Dieser Moment war in der Presse den Richtern bereits seit Monden prognosticirt. Timm-Thode's Wunsch wurde mit einer plötzlichen abermaligen Verhaftung beantwortet. Der Rückschlag auf seine geistige Jdividualität war momentan so stark, daß er gestand. Der Mörder blieb bis zum Tode der Böscwicht ohne Reue, voller Frechheit, der er stets war. Was bei diesem angegebenen Fall noch räthselhaft erscheint, ist, daß der Verbrecher acht Menschen unter Umständen, die seiner That entschieden ungünstig waren, ohne Mithilfe Anderer tödtcn konnte wie er behauptet. Wir unsererseits sind noch heute überzeugt, daß irgend ein Helfershelfer dabei mitwirkte, der sich bereits nach Amerika geflüchtet haben und seinen Theil an der Beute in irgend einer Weise erhalten haben mag. Dieser Zustand einer Besinnungskraft, welche jeder Mörder nach vollbrachtem Morde nur bis zu einem gewissen, aber nicht in dem Grade besitzt, wie er Unschuldigen eigenthümlich ist, erzeugt also nothwcndigerweise Jndicien. Man darf dreist behaupten, jede verbrecherische That trägt den Keim ihrer Entdeckung in sich. Wie ein fremdes Klima auf den Organismus des Menschen wirkt, so ist das Verbrechen eine plötzliche Versetzung des Individuums in ein anderes sociales Klima; der Verbrecher muß der Natur seinen 216 Zoll entrichten, er mag wollen oder nicht. Er muß bei der That, oder vor oder nach derselben, einen Fehler begehen mit derselben Unvermeidlichkeit, wie er transportiren muß, wenn er den Wendekreis passirt, und hat das Auge des Kriminalisten eine, auch die allerunbedeutendste Spur entdeckt, so ist das solide Glied einer Kette gefunden, die man nur ohne Exaltation und gliedweise zu verfolgen braucht, um den Verbrecher zu erkennen. Die Schlauheit, das Raffinement der Verbrecher kann Andern schaden; ihnen selbst aber nützt sie nicht vor schließlicher Entdeckung. Wir müssen gestehen, wir glauben nicht recht daran, daß — plötzliche Todesfälle oder gelungene Eutweichungen über See abgerechnet — ein Mörder oder ein Dieb bis an sein Lebeusend sich unentdeckt erhalten kann. Führt ein und dasselbe Verbrechen nicht zur Entdeckung, so wird es durch ein folgendes aus Tageslicht gebracht. Äst z. B. Ebcrgcnyi schuldig und der Indicienbeweis nicht ausreichend, wird sie selbst von der Instanz entbunden, so kann das muthmaßlichc Motiv ihrer That, den Grafen Chorinsky zu besitzen, nicht befriedigt werden, ohne beiden Theilen durch das Urtheil der Welt eine Höllenexistenz zu bereiten. In einer solchen Existenz schärft sich jeder eheliche Conflict von selbst; es sind zwei Existenzen durch ein Verbrechen an einander gebunden und dieses Band macht dieZusammenexistirung unerträglich so daß ein neues Verbrechen Luft und Freiheit schaffen muß. Tritt der Fall einer solchen Verbindung nicht ein, so wäre die ganze That eine rcsultatlose und dann ist der Psychische Zustand der Thäterin oder der Thäter noch unerbittlicher der Zersetzung verfallen und das Leben, welches man alsdann führt, ist schlimmer als der Tod, und das zerstörte Ich würde dennoch sich verrathen muffen, weil es — von der Gesellschaft moralisch zurückgestoßen — sich als Feind der Gesellschaft betrachten und als solcher zu irgend einer neuen verbrecherischen That gedrängt werden müßte. Die Feindschaft intelligenter Menschen gegen die Gesellschaft ist unversöhnlich. Das Verbrechen hat ihrer Rückkehr zur Versöhnung dic Brücke abgebrochen. Die Geschichte der La Voisin wiederholt sich häufiger, als man es im Gedächtniß behält. Die Incul- paten vergessen in diesem Kamps und in dem Irrwahn, sich .mr gegen einen Kriminalisten wehren zu müssen, daß sie eine Aufgabe zu lösen haben, welche darin besteht, eine über alle Maßen glänzende Freisprechung zu erlangen. Die geistige und physische Kraft, einen solchen Kampf durchzuführen, kann nur das Selbstbewußtsein völliger Unschuld, welches die tigcnen Nerven calmirt, geben; eine Ruhe, dic im Stande ist, den irrenden Richter zu bemitleiden. Jeder Vereitlungsversuch der Entdeckung eines Verbrechens gleicht einem Kartenhaus, das ein Kranker aufbaut. Es sind nichtnormale Anstrengungen, in einem nichlnormalen Zustand begangen. Der menschliche richterliche Verstand hilft nur noch, wo ein Naturgesetz etwas Gegebenes bereits hingestellt hat. Das Gesetz der Gravitation wirkt bei der Entdeckung so gut mit, wie überall im Leben. Stehle ein Semmel, und du kannst nicht zehn Jahre der einzige Wifscr deines Diebstahls bleiben. Morde einen Menschen und bedenke, wo man Holz haut, fliegen Spähne, und Du mordest nicht mit dem Mikroskop vor den Augen! Die Mikroskopie steht aber der Untersuchung zu Gebote; Du verfällst der Mechanik und dem Organismus der Gesellschaft. Glaubst Du Dich dennoch zu retten, guter Freund, so ist das eine optische Täuschung Deinerseits! Studire den ganzen Pitaval; suche Dir aus allen Bcrbrccherkniffen und Listen die Quintessenz heraus; ein Floh, der Dich sticht im Moment deiner That, kann Dein ganzes Gebäude umstoßen, ein einziger Pulsschlag, der den hundertsten Theil einer Secunde schneller oder langsamer einsetzt, zwingt Dich, ein Indicium zu schaffen und gestehst Du nur ein, daß Du nicht in derselben Stimmung einen Mord begehst, wie Du ein Butterbrod issest, so hast Du uns auch eingestanden, daß Du selbst Dich der verdienten Strafe ausgeliefert hast, noch ehe Du hinter Schloß und Riegel sitzest. Wir haben die Ehre, uns ehrlichen Leuten und Verbrechern bestens zu empfehlen. Druil, Nerlaa und Redaktion des literarilchen Jnstnuls von l)r. M. Huttler.