Nr. S8. 12. Juli 1868. Arrgsbirrger So»ntaas-BIat Nicht Alles ist an Eins gebunden, Seid nur nicht mit euch selbst im Streit! Mit Liebe endigt man, was man erfunden; Was mau gelernt, mit Sicherheit. Göth e. Clementina. III. Bor etwa zwölf Jahren war es, als einst die Todtcnglocke des Dorfes ertönte, und wie jetzt ein schwarzer Flor das Wappenschild des „großen Hauses" umhüllte. Während der größte Theil der Dorfbewohner eine Bahre begleiteten, welche sich bereits dem Fricdhof näherte, suchten die im großen Hause Zurückgebliebenen die arme Catalina zu trösten, sie, die Wittwe geworden war mit fünf Kindern, deren ältestes 13 Jahre, das jüngste ein paar Monden zählte. Heilige Mutter Gottes! rief Catalina unter Thränenströmcn aus, habe Erbarmen mit meinen armen Kindern, die auf der weiten Welt keinen Schutz mehr haben außer mir schwachem Weibe! Catalina, sagte eine der Nachbarinnen zu ihr, ängstige Dich um Gottes willen nicht so maßlos. Schutzlos und verlassen wird dein Haus nicht bleiben. Denn hast Du auch noch kleine Kinder, so wird Dein Miguel doch gar bald herangewachsen sein, und wenn er bis jetzt glcichgiltig und muthwillig war- so wird er von nun an arbeitsam und verständig sein, und Vaterstelle an seinen Geschwistern vertreten. Nein, nein, das wird er nicht, klagte Catalina, das war eben der schwerste Kummer, unter dem gestern mein armer Jgnatio seine Seele dem Herrn empfahl. Und Catalina, ihre Kinder und alle Anwesenden verdoppelten ihre Thränen und Klagen. Da erhob sich Plötzlich Miguel, der, in einem Winkel des Zimmers zusammengekauert, geweint hatte, mit der Gebcrde eines Menschen, der einen endgiltigen, festen und unumstößlichen Entschluß gefaßt hat, trocknete seine Thränen mit dem Rücken der Hand, trat vor seine Mutter und rief kraftvoll und feierlich: Mutter! meine Spiele und meine Sireiche sind zu Ende! Heute wird zum Mann, der gestern noch Knabe war. Meine Geschwister haben ihren Vater verloren, aber es ist noch ein Jemand da, so brav und arbeitsam und zärtlich, wie der Geschiedene. Jung bin ich noch, aber Gott wird mich stärken an Leib und Seele, um für Mutter und Geschwister Schutz und Trost zu sein. Mit diesen Worten trat Miguel zu dem Fenster, aus dem man nach der Anhöhe des Friedhvfs sah, über dessen Schwelle vielleicht in diesem Augenblick der Sarg seines Vaters getragen ward. Er breitete die Arme nach der Gegend des Friedhofs aus, und rief: Geliebter Vater, ruhe im Frieden im Schooßc Gottes, denn ich gelobe Dir bei dem Heile meiner Seele, daß ich Mutter und Geschwister lieben und schützen will, wie Du sie gesiedet und gcschützet hast! Catalina drückte ihren Sohn an das mütterliche Herz, und süße Thränen der Rührung mischten sich unter die herben des Schmerzes. Ich segne Dich, Herzcnssohn! rief sie aus. Möge Dir auch Gott seinen Segen 218 Heben und Dein Vater, die Beide vom Himmel Herabschauen, wie rühmlich Du Dich auf- -raffcst, um ein Hort Deiner Familie zu werden, und fleckenlos die Ehre Deines Hauses zu bewahren. Es war ein Bildniß der heiligen Jungfrau im Haus, zu dessen Schmuck Catalina bie schönsten Blumen der Flur zu verwenden Pflegte, und vor welchem beständig das reinste Wachs ihres Bienenstandes brannte. Vor diesem verehrten Bildniß warf sich jetzt Catalina auf ihre Kniee, und rief in Ler unendlichen Glaubensfülle, die sie im Herzen barg, andachtsvoll aus: Heiligste Mutter Gottes! Schenke mir noch zehn Lebensjahre, auf daß ich, ehe meine Augen sich zum letztenmal schließen, alle meine Kinder erzogen sehe. Und nach dieser Gnadenfrist, falls Du mir sie gewährst, gelobe ich mit meinen Kindern zu Deinem wundertätigen Heiligthum in Begona zu wallfahrten, und das Opfer unserer dankbaren Herzen zu Deinen Füßen zu legen. Die älteren ihrer Kinder, welche das Gelübde ihrer Mutter verstanden, knieten mit ihr vor dem heiligen Bildniß nieder, und vereinigten ihre Angelobungen mit denen Catalina's. Es war Sonntag, als Jgnatio zur Erde bestattet wurde. Kaum ließ sich des folgenden Tags das erste Läuten zur Messe hören, als sich die-Dorfbewohner bei der Kirche sammelten. Die Frauen, hier wie überall frommer als die Männer, traten, so wie sie kamen, in die Kirche, um den Rosenkranz nicht zu versäumen, der vor der Messe gebetet wurde. Die Männer dagegen standen beisammen unter den Eschen, welche den Kirchhof beschatteten, um hier auf das letzte Zeichen der Glocken zu warten. Sie schmauchten ihre Pfeifen, und besprachen die Angelegenheiten des Dorfs mit der Wichtigkeit, welche wir gleich sehen werden. „Da kommt der Herr Bürgermeister," hieß es „Es soll mich Wunder nehmen, wenn er nicht gleich eine Frcvelbuße ankündigt. Denn er kommt von den eingezäunten Landbezirken her, und dürfte gar leicht irgend einen Hag offen gefunden haben." In der That kam der Bürgermeister auf seinem Weg zur Kirche durch einen eingezäunten Bezirk von Aeckcrn und Wiesen, dessen schützender Hag nur durchkreuzt war mittelst zweier Bretter, die auf im Boden befestigten Stangen ruhten, so daß sie von innen und von außen eine Art Stiege zur Ucberschreitung des Hags bildeten. Der Bürgermeister war ein bejahrter Mann, der die ländliche Tracht und die harten schwieligen Hände mit allen Dorfbewohnern gemein hatte. Aber sein in der Regel freundlich lächelndes Gesicht sah diesmal ungemein ernst und finster aus. Schlimm genug! sagte ein gewisser Dominik. Der Bürgermeister hat alle Freundlichkeit innerhalb des Hags liegen gelassen. Guten Morgen, Herr Bürgermeister, grüßten nun alle Anwesenden, indem sie die Hand an die Mützen legten. Gott schenke Euch einen guten Morgen, erwiderte der Gegrüßte, ohne aus seiner ernsten Würde zu fallen. Dann aber wendete er sich zu Dominik, und, sagte weiter: Augenblicklich zahlst Du dem Gcrichtsdiener einen Gulden Strafe dafür, daß Du Deinen Hag im Wüstcrungsbezirk offen gelassen hast. Verzeihen Sie mir diesmal, Herr Bürgermeister! bat der niedergeschmetterte Dominik. Nicht die Rede vom Verzeihen, unterbrach der Ortsvorstehcr strenge den geängstigtcn Dominik, indem er seinen Stock gegen die Erde stieß. Nur so lernst Du auf Deinen Hag Obacht geben; und ich will nichr dulden, daß Deine Nachbarn unter Deiner Gleich- giltigkcit leid«r sollen. Wer sein Grundstück abgesondert für sich besitzt, der mag es nach Belieben offen stehen lassen, und kann es dann sich selbst zuschreiben, wenn ihm das Vieh seinen Mais abfrißt. Wer aber mit seinem Eigenthum zu einem der eingezäunten Land- Lezirke gehört, der soll nur seinen Theil am Hag fest und hübsch geschlossen halten, oder 219 Buße zahlen. So lang ich den Stab halte, habe ich noch keinen beigetrieben, aber jetzt ist mir die Geduld ausgegangen, denn ich sehe, daß cS auf andere Art mit Euch nicht besser geht. Aber Herr Bürgermeister, gerade in jenem eingezäunten Bezirk ist außer mir fast ^ Niemand bethciligt. Freilich, die zwei, sagte der Bürgermeister, indem er auf zwei Bürger Namens Cas- carabias und Aranna deutete. Glaubst Du, ihnen wird es auch recht sein, wenn ich dulde, daß Du den Haag offen lässest, und dann die Kühe und Schweine hineinkomme« und ihnen den Mais zerstampfen und auffressen? Nichts, nichts, eine» Gulden Buße, und ich will sehen, ob Du Dir die Lehre merkst. Aber, Herr Bürgermeister, wie kann ich einen Gulden zahlen, wenn ich nicht eine« Groschen baaren Geldes besitze? Du wirst schon noch einen übrigen Kessel haben, den Dir der Gerichtsdiener pfänden kann. Dominik war nahe daran, zu weinen. Kommen Sie, Herr Bürgermeister, sagte der betheiligte CaScarabiaS, schenken Sie dem armen Dominik für diesmal noch Verzeihung. Auch ich bitte darum, fügte Aranna bei. Alles, auch die Nachsicht, zu seiner Zeit; strafe ich ihn einmal, spare ich ihm hundert Bußen. Aber wir zwei sind ja die Einzigen, denen Dominiks Nachlässigkeit Schaden bringe« kann, und wenn nun wir Beide für ihn bitten. Wohlan denn, sagte der endlich Erweichte, für dieses einzige Mal sei eS vergebe«. Aber Euch, die Ihr die Honigsüßen spielt, geschieht es recht, wenn die Mucken an. Euch kommen. Der Bürgermeister wendete sich zu einer andern Gruppe, bei welcher die übrige» » Mitglieder der Gemeindebehörde sich befanden, nachdem er von Dominik und seinen zwei Fürbittern wiederholte Dankcsbezeugungen empfangen hatte. In diesem Augenblick kam Catalina mit ihrem Sohn Miguel, den Schmerz der Trauer im Antlitz wie im Anzug ausgedrückt, auf ihrem Kirchwcge vorüber. Ein paar Buben spielten um Nüsse. Miguel war immer ein so herzhafter Spieler gewesen, daß er das Spiel nicht aufgab, bis er entweder selbst alle seine Nüsse verloren, oder seinen Mitspielern alle abgewonnen hatte. Die Buben meinten wohl, Zerstreuung sei das beste Mittel gegen Betrübniß, und riefen ihrem Kameraden zu: Komm Miguel, mach' auch Eines mit! Spielet nur Ihr, die Ihr noch Knaben seid, sagte Miguel ernst, und verschwand, mit seiner Mutter in der Kirchenthüre. Wenige Augenblicke nachher ertönte das Zusammenläuten, und Alles trat in die Kirche. Das Dorf war wie ausgestorben, denn Alles war in der Kirche mit Ausnahme von höchstens einem Dutzend Frauen, die schon vor Sonnenaufgang zur Frühmesse in ein anderes nahegelegenes Dorf gegangen waren und jetzt in ihren Häusern das Essen bereiteten. Diesen Umstand wollten ein paar Kühe nicht unbenützt lassen, welche bisher aus einer nahen Anhöhe geweidet hatten. Sobald die Leute in der Kirche waren, sagten sie bei sich: „jetzt sind wir Meister", kamen gemüthlich nach der Ebene herab, schlichen durch den von Dominik offen gelassenen Hag in den eingezäunten Raum, und machten sich » hinter den Mais des Cascarabias und Aranna, so daß bald wenig mehr davon z« sehen war. Das Gebühren dieser Thiere hatte Dominik zu verantworten, denn ihm hatte sie ein wohlhabender Nachbar aus halben Gewinn in Verstellung gegeben, und sie dachten wohl, ihr jetziger Besitzer werde den Hag eigens für sie offen gelassen haben. „Fressen j, wir ihm den Mais, so kommt ihm unsere Wohlgenährtheit zu Statten, und wenn erv uns dann zum St. Michaelsmarkte nach Zolla führt, tragen wir ihm schau ein paar. Dublönchcn mehr ein." Wer nicht glaubt,- daß Dominiks Kühe also dachten, der wird mir doch auch nicht beweisen können, daß dies nicht die Logik der Thiere ist. Die Sonne sing an, hübsch warm zu machen, als auf einmal Dominiks Kühe, von Bremsen gequält, sich aufmachten und in vollem Galopp dem Dorfe zueilten, aber bei Leibe nicht durch die Oeffnung, mittelst welcher sie in die Umzäunung hinein gekommen waren, sondern sie suchten nach der entgegengesetzten Richtung am Wege abzuschneiden, und zertrampelten nun, was ihre Zähne vom Mais übrig gelassen hatten. Wer mag auch Umwege gehen, wenn ihn Bremsen stechen! Die Kühe sprangen, um aus dem eingezäunten Bezirk herauszukommen, gerade auf den der Kirche gegenüberliegenden Hag zu, und setzten, wie wenn es der Teufel so haben müßte, just in dem Augenblick lustig hinüber, als die Leute aus der Kirche kamen. Die Thiere mit gefüllten Bäuchen aus der Einzäunung hervorbrechen sehen, und an ihren sicherlich abgeweideten und zertretenen Mais denken, das war für Aranna und CaS- carabias Sache eines Augenblicks. Sich die Haare zerraufend, und Schlangen und Kröten herabfluchend, eilten sie hin, um sich von der vollkommenen Nichtigkeit ihrer Muthmaßung zu überzeugen, während der arme Dominik in einer Gemüthsverfassung zurückblieb, in welcher er alles Mögliche hätte über sich ergehen lassen, und der Herr Bürgermeister eine kleine Rede darüber hielt, wie schädlich es für Alle und Jeden sei, wenn die regierenden Personen zu mild und nachsichtig auftreten. Waren Aranna und Cascarabias schon in Verzweiflung nach ihren Grundstücken geeilt, so kamen sie in noch größerer Verzweiflung zurück, denn Dominik war mit Allem, was er hatte, nicht so viel werth, als der Mais, den feine Kühe gefressen und verdorben hatten. Nicht mit hundert Gulden, riefen sie aus, bezahlt uns Dominik den Schaden, den seine Kühe angerichtet haben. Gerechtigkeit, Herr Bürgermeister, Gerechtigkeit! Wißt Ihr, antwortete der Vorgesetzte, was ich Euch jetzt für einen Spruch geben sollte? Ich sollte sagen, wie es im Liede heißt: „Anders wolltet Jhr's nicht haben, Freut Euch Eures Willens nun." Aber das ist nur so meine Privatmeinung, dagegen die Meinung der Gerechtigkeit läuft darauf hinaus, daß Dominik schuldig ist, den von seinem Vieh angerichteten Schaden bis auf den letzten Heller zu vergüten. Aber Herr Bürgermeister, erwiderte Dominik im größten Entsetzen, ich bin ja so arm, daß ich kaum eine Bahre aufbringe, um mich todt darauf hinzustrecken. Wir werden Dir abpfändeiz, was Du hast, bis aufs Letzte. Und wenn Ihr mich, mein Weib und meine Kinder und alles, was ich im Hause habe, Pfändet, so werdet Ihr nicht die Hälfte von dem erlösen, was meine Kühe an Schaden verursacht haben sollen. Wenn Deine Nachbarn an Dir Verlust leiden, so werden sie künftig den Mund nicht austhun für Leute, die eS nicht verdienen. O ich armer Teufel! fing Dominik an zu weinen, wie wenn der Himmel über ihn einfallen wollte, wie wird es mir in diesem Unglück gehen! O daß auch Gott seinen Jgnatio zu sich nehmen mußte, der mir sonst immer in meinen Verlegenheiten geholfen hat! O, wenn nur Jgnatio noch lebte! Jgnatio lebt noch für die Armen! sagte Miguel, der vom Portal der Kirche aus mit angehört hatte, was vorging; dann trat er zu Dominik heran und sagte: Bitte den Bürgermeister, daß er Sachverständige aufstelle, um den Schaden abzuschätzen, den Deine Kühe angerichtet haben. Dann komm zu mir nach Hause und hole das Geld, das Du zahlen mußt. Kannst Du es uns dereinst heimzahlen, gut; wo nicht, so bist Du selbst am meisten zu beklagen. Trotz des feierlichen Ernstes, mit dem Miguel sprach, wußten alle Anwesenden, selbst Dominik, nicht recht, ob sie des Knaben Rede für Scherz oder Ernst nehmen sollten. Aber ihr Zweifel dauerte nicht lange, denn Catalina schloß ihren Sohn unter Thränen der Rührung und Freude in ihre Arme, indem sie ausrief: Herzenskind, so möge Dich Gottes Segen geleiten, wie Du dem Beispiel Deines Vaters folgst! Und, zu Dominik gewendet, fügte sie hinzu: Ja, Jgnatio ist nicht todt, noch lebt er in seinem Sohne. Betrachte Miguels Anerbieten als von Jgnatio ausgegangen, und zweifle nicht, daß Catalina es erfüllen wird. Thränen des Dankes und der Freude waren es, die Dominik jetzt vergoß. Cascarabias und Aranna hörten schweigend zu. Aranna, rief plötzlich Cascarabias aus, indem seine Augen feucht wurden, eia Knabe wie Miguel, soll mich wahrhaftig nicht an Edelmuth übertreffen. Ich für mein Theil mache keinen Anspruch au Dominik wegen des Schadens, den seine Kühe angerichtet haben. Zum Henker, kleiner Miguel, sagte nun seinerseits Aranna, was Edelmuth betrifft, mag ich weder hinter Dir, noch hinter irgend Einem der da lebt, zurückbleiben. Auch ich verzichte auf jeden Schadcnsanspruch. (Fortsetzung folgt.) Schiller über das Papstthum. Schiller hat sich in einem seiner Aufsätze (Universalhistorische Uebersicht der merkwürdigsten Staatsbcgebcnhciten zu den Zeiten Friedrichs I.) auf eine so denkwürdige Weise über den Geist des Papstthums und die Charakterfestigkeit der Päpste ausgesprochen, daß es von Interesse ist, diese Stelle unsern Lesern vorzuführen. Sie lautet: „Mau sah Kaiser und Könige, erleuchtete Staatsmänner und unbeugsame Krieger im Drang der Umstände Rechte aufopfern, ihren Grundsätzen untreu werden und der Nothwendigkeit weichen; so etwas begegnete selten oder nie einem Papste. Auch wenn er im Elend umherirrte, in Italien keinen Fuß breit Landes, keine ihm holde Seele besaß und von der Barmherzigkeit der Fremdlinge lebte, hielt er standhaft über den Vorrechten seines Stuhls und der Kirche. Wenn jede andere politische Gemeinheit durch die persönlichen Eigenschaften derer, welchen ihre Verwaltung übertragen ist, zu gewissen Zeiten etwas gelitten hat und leidet, so war dies kaum jemals der Fall bei der Kirche und ihrem Oberhaupt. So ungleich sich auch die Päpste in Temperament, Denkart und Fähigkeit sein mochten, so standhaft, so gleichförmig, so unveränderlich war ihre Politik. Ihre Fähigkeit, ihr Temperament, ihre Denkart schien in ihr Amt gar nicht cinzuflicßcn; ihre Persönlichkeit, möchte man sagen, verfloß in ihrer Würde und die Leidenschaft erlosch unter der dreifachen Krone. Obgleich mit jedem hinscheidenden Papste die Kette der Thronfolge abriß und mit jedem neuen Papste wieder frisch gekämpft wurde — obgleich kein Thron in der Welt so oft seinen Herrn veränderte, so stürmisch besetzt und so stürmisch verlassen wurde, so war dieses doch der einzige Thron in der christlichen Welt, der seinen Besitzer nie zn verändern schien, weil nur die Päpste starben, aber der Geist, der sie belebte, unsterblich war." In Belgien cxistirt ein Ort Namens Gheel, dessen Einwohner seit den frühesten Zeiten des Mittelaltcrs Geisteskranke in ihre Häuser aufnehmen und Pflegen. Man gewöhnte sich dort nach und nach vollkommen an dieselben; war in ungezwungener Weise gut und sanft gegen sie und öffnete ihnen den Schooß der Familie; sie speisten 222 an demselben Tische und wurden behandelt, als ob sie zum Hause gehörten. Man gebrauchte sie auch gern zu Feldarbeiten. Es setzten sich gewisse Ueberlieferungen fest, dir Gewohnheit, die Alles mildert, milderte auch und verwischte endlich ganz den Schrecken und Widerwillen, welche die Wahnsinnige» immer den Weibern und Kindern, manchmal auch den Männern einflößen. Die besten Methoden, diese Unglücklichen zu leiten, zu pflegen und zu regieren, überlieferten sich von Geschlecht zu Geschlecht und gingen so gewissermaßen in's Blut über. Man versteht es eben, sie zu leiten und zu lenken. Ein Arzt sprach sich eines Tages zu einem Manne aus der Gegend besorgt über die Folgen aus, welche die Wuthanfälle, denen die Wahnsinnigen unterworfen sind, manchmal haben könnten. „Sie wissen nicht," antwortete der Bauer, „wie es sich mit diesen armen Leuten verhält. Ich bin nicht stark, aber mit dem Wildesten werde ich leicht fertig." Wenn die Wahnsinnigen ihre Anfälle haben, überwältigt sie der Hausvater, von den Nachbarn unterstützt, mit Leichtigkeit. Es leben in der Gemeinde Gheel und in den mit ihr zusammenhängenden Weilern, an die Familien vertheilt, nahe an tausend Irrsinnige. Ein Frcnider, dem dies unbekannt wäre, könnte sich selbst lange hin und her ergehen, ohne zu merken, daß er sich in der Hauptstadt deS Wahnsinns befinde. Es geht hier scheinbar Alles so zu, wie in andern Dörfern; durchgehcnds herrscht hier die Einförmigkeit und Ruhe des Dorfes, daß ein Vorübergehender mit Grüßen und Lächeln überaus verschwenderisch wäre, daß ein'Spaziergänger in Gedanken vertieft einherwandclte rc. rc. Aber diese Menschen mit den ungewöhnlichen Manieren haben nichts in ihrer Kleidung, Mas die besondere Aufmerksamkeit auf sich zöge; sie gleichen äußerlich ganz den übrigen Bewohnern des Dorfes. So hat ein merkwürdiges Zusammentreffen von Umständen eine Colonie geschaffen, welche ohne eigentliches Bewußtsein seit undenklichen Zeiten die wahren Principien der Heilkunst für Geisteskranke anwendet. Jene Principien sind als bewußte Entdeckung noch neu und machen den Namen Pinel unsterblich, der anf den uns heute so einfach erscheinenden Gedanken kam, daß es, um kranke Phantasieen zu heilen, vielleicht nicht das beste Mittel sei, die Kranken fortwährend an ihre Krankheit zu erinnern, das Gefühl der Krankheit Tag und Nacht durch den Anblick grober Wächter, durch den Lärm der Ketten und Riegel zu verdoppeln; daß eine Behandlung, die einen gesunden und ganz vernünftigen Menschen wahnsinnig machen müßte, offenbar nicht geeignet sei, einen wirklich Wahnsinnigen zu heilen. Er befreite daher die seiner Pflege anvertrauten Geisteskranken von allen Beschränkungen und ging daran, sie von der größern Zwangsjacke von Stein, d. i. von den einschließenden Mauern zu befreien. Der Streit zwischen den Anhängern der geschlossenen Irrenhäuser und des Systems von Gheel steht gerade jetzt in voller Blüthe. (Ein origineller Schwindel.) Folgender interessanter Schwindel wurde vor einigen Tagen in Paris verübt. Bei einem Goldarbeitcr V. in Faubourg St. Germain fuhr eines Tages ein elegant gekleideter junger Mann, in elegantem Wagen und von einem Diener begleitet, vor. Er hätte, sagte er, einige Gcburtstags-Geschenke zu machen. „Bedienen Sie mich gut und gewissenhaft," bemerkte er, „denn ich werde Ihr Nachbar merden. Ich bin erst vor einigen Tagen mit meiner Familie hier angekommen; wir bleiben in Paris; ich verheirathe mich nächstens und werde also ein guter Kunde von Ihnen sein!" Der Juwelier breitete Schmuckgegenstände aller Art aus; der junge Herr prüfte sie, verhandelte den Preis und traf seine Wahl. Auf sein Verlangen wurde die Rechnung geschrieben, die sich auf 3500 Francs belicf, und die ihm mit den Sachen zugeschickt werden sollte. Darauf wollte er sich empfehlen, sich besinnend, bemerkte er jedoch: „Apropos, ich brauche auch noch eine Stutzuhr für meine Mutter!" Er wählte solche aus und sagte dann im Fortgehen: „Ich erwarte Sie in einer Stunde!" — Herr V., von einem Commis begleitet, begibt sich zur bestimmten Zeit nach der bezeichneten Wohnung; sie befindet sich iu der Bel-Etage eines vornehmen Hauses. Beide treten ein und 223 finden den jungen Herrn im Borzimmer, das er zu vermessen scheint. Er schien verlegen, daß man ihn dabei überraschte, schalt über die Nachlässigkeit der Dienerschaft und bat den Goldarbeiter, einen Augenblick zu warten, während er seine Ankunft der Mutter melden werde, der er zuerst die Uhr zeigen wolle. Er nahm letztere und trat in den Salon ein, dessen Thüre er halb offen ließ, wie auch die eines zweiten Zimmers. „Hier ist Deine Uhr, liebe Mutter, einfach, aber geschmackvoll, wie Du sie gewünscht hast!" — „Die ist noch viel zu schön," antwortete eine Frauenstimme, „hast Du nichts für Deine Schwester gekauft?" — „Ja wohl, Mutter, Du magst Dein Urtheil darüber sagen, ich werde es Dir mit der Rechnung zeigen!" — «Sehr schön, ich sehe wohl, Du Schelm, daß ich einen guten Theil derselben zahlen soll." Der junge Mann kam mit der Uhr zum Goldarbcitcr zurück, der das ganze Gespräch angehört hatte. „Meine Mutter ist sehr gut gelaunt, << sagte er, „ich wünsche nur, daß sie meine Wahl genehmigt und besonders, daß sie selber bezahlt." Es werden ihm die Schmucksachcn übergeben, und er geht zur Mutter zurück, die Thür immer halb geöffnet lassend. Die Mutter fand Alles sehr schön. „Indessen," bemerkte sie, „wollen wir doch auch den Geschmack Deiner Schwester hören; rufe sie!" — „Aber, liebe Mama, ich wollte ihr ja eine Uebcrraschung bereiten." — „Nein, nein, rufe sie nur!" verlangte die Frauenstimme. Zum zweite» Male herauskommend, sagte der junge Mann zum Goldarbcitcr: „Das ist die Laune einer alten Frau, ich muß meine Schwester rufen." Darauf ging er zum Vorzimmer hinaus. Eine halbe Stunde vergeht, er kommt nicht zurück; die beiden Goldarbeiter werden ungeduldig und machen Geräusch, um die Aufmerksamkeit der Mutter auf sich zu ziehen; Alles bleibt still. Endlich treten sie in den Salon, den sie ohne Möbel finden, sie gehen durch alle Zimmer, sehen aber keinen Menschen; und doch ist kein Ausgang vorhanden, aus dem die Mutter hätte fortgehen können. Vom Portier erfahren sie darauf, daß der junge Herr soeben fortgegangen sei, die Wohnung habe er noch nicht fest gemiethet, weil er sich erst überzeugen wollte, ob er alle seine Möbel nach Wunsch werde placiren können; darum sei er seit zwei Tagen beschäftigt, alle Räume zu vermessen. Die beiden Goldarbcitcr hatte der Portier für Tapezierer gehalten, die der junge Mann angeblich erwartete Der Geniestreich des schlauen Gauners war gelungen, der Goldarbeiter um seine Schmucksachen betrogen. Was aber war aus der Person geworden, welche die Rolle der Mutter gespielt hat? Das Räthsel ist leicht gelöst, der Gauner verstand die Bauchrcdckunst und hatte vortrefflich die Stimme der alten Dame nachgemacht, welche V. und sein Commis gehört hatten. Ueber die eigenthümliche leim- oder vielmehr hornühnliche Masse, aus welcher die eßbaren Nester der indischen S al angan-Schw albe oder Collocalia bestehen, herrschten bisher verschiedene Ansichten. Dr. Bernstein hat nun durch seine anatomischen Untersuchungen nachgewiesen, daß die Speicheldrüsen der Salanganen, besonders die Slimckulnv iuiIiIinKunloü, zur Zeit des Nestbaues eine enorme Entwickelung zeigen, und dargcthan, daß das Sccret dieser Drüsen einzig und allein den Stoff zum Nestbau liefert, wenn auch die verschiedenen Collocalia-Spccies, unter denen 0. nickitivn und sucipka^n die verbreitetstcn sind, in etwas abweichender Weise verfahren. Er sagt hierüber: „Wenn man zur Zeit des Nestbaues den Schnabel des Vogels öffnet, so erscheinen die Speicheldrüsen als zwei große, zur Seite der Zunge liegende Wülste. Sie scheiden in reichlicher Menge einen dicken, zähen Schleim ab, der sich im vorderen Theile des Mundes, in der Nähe der Ausführungs-Gänge der genannten Drüsen, unterhalb der Zunge ansammelt. Dieser Schleim, oder eigentlich Speichel, hat viele Achnlichkcit mit einer concentrirten Lösung von arabischem Gummi und ist, gleich, diesem, so zähe, daß man ihn in ziemlich langen Fäden aus dem Munde herausziehen kann. An der Luft trocknet er bald em und ist dann in nichts von jenem eigenthümlichen Neststoff verschieden. Auch unter dem Mikroskop verhält er sich wie dieser. Wenn nun die Vögel mit der Anlage ihres Nestes beginnen wollen, so fliegen sie wiederholt gegen die hierzu gewählte Stelle an und drücken hierbei mit der Spitze der Zunge ihren Speichel an das Gestein. Dies thuen sie oft 10 — 20 Mal hinter einander, ohne sich inzwischen mehr als einige Ellen zu entfernen. Mithin holen sie den Baustoff nicht jedesmal erst herbei, sondern haben ihn in größerer, sich schnell wieder sammelnder Menge bei sich. Die Anfangs dickflüssige Masse verdunstet und verhärtet bald, und bildet so eine feste Grundlage für das weiter zu bauende Nest. Oollooaliu lueipltassu bedient sich hierzu verschiedener Pflanzentheile, Grashalme, Blattstengel, Flechten (vsncm plicatn), die sie mehr oder weniger mit ihrem Speichel überzieht und verbindet; tolloeslia nickilica dagegen führt mit dem Auftragen des Speichels allein fort. Sie klammert sich dann, je mehr der Nestbau fortschreitet, an dasselbe an, und indem sie unter abwechselnden Seitwärtsbewegungen des Kopfes den Speichel auf den Rand des schon bestehenden und verhärteten Nesttheiles aufträgt, entstehen jene wellenförmigen Querstreifen, die dem Neste das Aussehen geben, als wäre es aus Algenfäden oder Tangstrcifen zusammengesetzt. (Stud entcn-Aug en.) Dr. Kohn, Augenarzt in Breslau, bekannt als Verfasser der Schrift: „Untersucyungen der Augen von 10,060 Schulkindern :c., Leipzig 1867," veröffentlicht nun eine Untersuchung der Augen von 410 Breslauer Univcrsitäts- Studenten, welche höchst werthvolle Beiträge zur statistischen Kenntniß des Gesundhcits- Zustandcs sogenannter gesunder, jugendlicher Augen enthält. — Am zahlreichsten ließen sich die katholischen Theologen, am spärlichsten die Juristen untersuchen; im Ganzen 42,ü Perccnt aller Breslauer Univcrsitäts-Studenten, deren 964 immatriculirt sind. Das Resultat der vorgenommenen Untersuchung zeigt, daß fast zwei Drittel der Untersuchten kurzsichtig und kaum ein Drittel normalsichtig waren. — Kurzsichtigkeit ist also weitaus das häufigste Angcnübcl unter den Studenten. — Eine interessante Tabelle Kohn's lehrt, „wie viele Brillen von den Studenten unrichtig gewählt werden," so daß sie durch dieselben ihren Augen geradezu schaden. Als Mittel, der enormen Verbreitung der Kurzsichtigkeit unter der studirenden Jugend Einhalt zu thun, bringt der Verfasser in Erinnerung: verständige Schulhygiene in den Volks- und Mittelschulen, dann unter den Universitäts - Einrichtungen: große Fenster zur Linken der Studirenden: bequeme und kvrpcrgcrcchte Subsellien und eine gute Gasbeleuchtung für die Abendvorlesungen (Eylin- derbrenner mit Glocken und Schirmen); endlich in jedem Semester populäre Vorlesungen Aber die Diätetik der Augen für alle Studenten. Charade. sAuS zwei einsilbigen Wörtern.) Tief unterm Ersten steht Fast überall das Zweite, Worauf bald früh bald spät, Oft reich' oft arme Lenk, Die wieder unterm Ersten steh'«, In Ruf und Arbeit sind zu seh'n, — Nah' unterm Ersten steht Das Ganze, das ich meine, Das keinen Schritt uns geht, Weil leblos gleich dem Steine; Das wie das Zweite nicht sich regt, lind ricsenstark das Erste trägt. Auflösung der Charade in Nro. 26: Brieftasche. Druck, Derlva und ReLLkticu deö litcrarischen InsiuutS von Vr. M. Hvrtler.