Nr. 31. 2. August 1868. Es gibt Menschen, denen das Geschick immer den Rosenkranz der Freude zeigt; und nähern sie sich, so drückt sie ihnen eine Dornenkrone aus das zu sehr schlagende Herz. Aber stark wird die Seele daun und muthig: und Muth ist fast so viel werth, als Glück. A. Lafontaine. Cleurentina. (Fortsetzung.) VII. Catalina war eines Abends mit ihren häuslichen Arbeiten beschäftigt, als Dominiks Frau bei ihr erschien. Guten Abend, Catalina. Gott schenke Dir ihn, Iuana. Sie sind so fleißig, wie immer. Was will man machen, meine Tochter! Mein Mann selig Pflegte zu sagen: wen» ich an der Arbeit schwitze, fehlt mir nicht des Himmels Stütze. Und wie hatte er Recht, der arme Ignatio! Sehen Sie, wie nun wir durch Fleiß und Arbeit vorwärts gekommen sind. Gelobt sei Gott! Es sind jetzt 10 Jahre her, da wußten wir kaum, wohin wir unsere Häupter legen sollten, und jetzt ernten wir für das ganze Jahr, haben ein eigenes Paar Ochsen, und Dominik geht schon damit um, sich eine kleine Heerde Schafe und eine gleiche von Ziegen anzuschaffen. Freilich, Ihnen verdanken wir Alles, denn Sie haben uns die hilfreiche Hand gereicht und . . . Still, still, Frau, und nie mehr in Deinem Leben rede mir davon. Und da ist es nun eben, wie das Sprichwort sagt: „Dem, der Dir die Hand reicht, gib dafür Dein Herz." Laß jetzt Deine Sprichwörter. Wir wollen von etwas Anderem reden. Ist Dein Mann schon zurückgekommen? Wie? — kam er heute Morgen nicht zu Ihnen, um zu fragen, ob Ihnen etwas gefällig sei? Er ist nach BilbLo gegangen. Eben darum frage ich. Er war bei mir und fragte, ob ich ihm einen Auftrag für Clementina mitzugeben hätte. Ja, er mußte eben auf irgend eine Weise einen Vorwand bekommen, um sie zu besuchen. Sie können sich nicht vorstellen, wie anhänglich er an das Mädchen ist. Aber wer im Dorfe ist es denn nicht? Sie können wahrhaftig sagen, daß Ihre Tochter nicht mit Gold kann ausgewogen werden. Mein liebes Kind! Wolle Gott, daß sie mir wieder gesund wird, um bald heim zu kommen. Denn ohne sie komme ich mir vor, wie ohne meinen Schatten, und ebenso geht es ihren Brüdern, namentlich Miguel. Ach, wenn Sie von Miguel sprechen! Es ist doch kaum zu glauben, was für ein arbeitsamer und grundbraver junger Mann er geworden ist! Wahrlich, das ist er, und man kann gar nicht genug davon sagen. Wenn sein Vater, den Gott selig habe, sein Haupt noch einmal erheben könnte, er würde gleich wieder sterben vor Freude, wenn er sehen könnte, wie alle seine Kinder seinem Namen Ehre machen und wie sie ihre Mutter beglücken durch ihre Zärtlichkeit, Tugend und Arbeitsamkeit. Gelobt seien Gott der Herr und die heiligste Jungfrau, die mir solche Gnade erwiesen haben. 242 Und Frcudenthränen füllte» Catalina's Augen. j Doch still, rief Juanna, indem sie auf ein Geräusch von Schritten horchte, welche sich auf der Stiege hören ließen; da muß ja Dominik um den Weg sein; ich kenne ihn au den Schritten, die er macht mit seinen langen Beinen, die ihm Gott gegeben hat. In der That war es Dominik, der so eben ankam. Es mußte ihm irgend etwas Uebles begegnet sein, denn sein Gesicht war verstört, was die beiden Krauen sofort bemerkten. ^ Nun, wie ist es Dir gegangen, Dominik? fragte Catalina hastig. Alles Mögliche hat es gegeben, wie in einer Apotheke, sagte Dominik mit betrübtem Lächeln. Was hat es gegeben? rief Juana ängstlich. Bist Du etwa vom Maulthier Herabgefallen? Wahrhaftig, ich wollte, so Etwas wäre mir begegnet, ehe ich nach Bilbäo kam; dann wäre ich umgekehrt, und müßte jetzt nicht als Ucberbringcr schlimmer Botschaften dastehen. Heilige Jungfrau! sagte Catalina in fürchterlicher Seelenqual. Was ist meiner Tochter zugestoßen? Geht es ihr schlimmer? Ist sie wohl gar gestorben? Gestorben ist sie nicht; aber machen Sie sich gefaßt. . . Dominik, mach' ein Ende! Du bringst mich um mit Deinen Zögerungen. Aber, liebe Frau, antwortete Dominik beinahe weinend; sehen Sie denn nicht, daß «s ist, wie wenn ich einer Mutter die Pistole auf die Brust abdrücke, wenn ich ihr so glatt heraussage... Was? Was? Daß mein Herzenskind todt ist? Sag' es nur heraus. Meine Tochter war das Glück meines Lebens, aber ich werde mich in Gottes Willen ergeben, wie es uns die Religion gebietet. Ist meine Clementina todt? Dominik machte eine größere Anstrengung, um seiner schlimmen Botschaft los zu ^ werden. Nein, sie ist nicht todt; aber wer da weiß, was im „großen Hause" die Ehre gilt, der wird mit mir sagen, es wäre bester, wenn Clementina todt wäre, als daß sie sich von einem Schurken anführen ließ. Meine Tochter verführt, der Ehre beraubt? Das kann nicht sein, das glaube ich nicht! Dominik, Du verläumdest eine Familie, auf deren Ehre niemals der leiseste Schatten siel. 4 Aber ich sage kein Wort mehr, als Ihr eigener Schwager mir mitgetheilt hat. Was hat Dir mein Schwager gesagt? Du tödtest mich noch mit Deinen halben Redensarten. Ihr Schwager, der vor Kummer krank im Bett liegt, hat mir gesagt, die Kleine sei eines Morgens zur Messe nach Begonna gegangen und den ganzen Tag nicht wieder gekommen. Er fragte hier, er fragte dort, am End' aller Ende brachte er heraus, daß man sie in der Eilkutsche nach Vitoria hatte durch Zorcoza fahren sehen. Und mit wem, glauben Sie? Mit Juanito, dem Strolchen, der voriges Jahr beim St. Iacobsfest war. O Elender! Catalina machte eine äußerste Anstrengung, um sich zu beherrschen und ihren Schmerz zu mäßigen. Es gelang ihr; aber wir können ihr darum die Siegcspalme der Heldin noch nicht reichen; denn sie glaubte in der That nicht, was Dominik erzählte. Die Ehre war in ihrem Hause eine so hohe, erhabene, hoch verehrte Gottheit, daß Cata- > lina es nicht zu fasten vermochte, daß ein Glied ihrer Familie sie sollte entweihen können. Mancher denkt vielleicht Hiebei: „Arme Mutter! arme ländliche Frau I Du wußtest nicht, wie sehr bei gewissen Wesen die Naturanlage der Erziehung überlegen ist! Im gewöhnlichen Leben Pflegt man in Tadel oder Spott zu sagen, die oder jene Person sei 243 sehr verliebter Natur. Man bedenkt dabei nicht, daß solcher Spott und Tadel eben so ungerecht sind, wie wenn man einen Blinden tadeln wollte, weil ihm Gott das Augenlicht versagt hat.* Wir aber wollen diese Auffassung nicht theilen. Catalina's Söhne waren schon seit dem frühen Morgen im Walde, ziemlich weit vom Dorf, mit Kastanicnsammeln beschäftigt. Ihre Mutter entschloß sich, in Dominik's Begleitung, ohne allen Verzug nach BilbL» aufzubrechen. Der Juana schärfte.sie ein, hinsichtlich des Unglückes, welches diese plötzliche Reise nöthig machte, das strengste Schweigen zu beobachten. Miguel und seine Geschwister sollten dahin berichtet werden, daß der Oheim, schwer erkrankt, die Mutter habe rufen lasten. In vorgerückter Abendstunde kamen Catalina und Dominik nach Bilbäo. Wer begreift nicht die grausame Todesangst, mit welcher Catalina sich dem Hause ihres Schwagers näherte, wer nicht den endlosen Schmerz, als ihr kein Zweifel mehr blieb an der Schande, an dem Untergang ihres Kindes? Schmerzgefoltert unternahm sie am folgenden Morgen in der Frühe die Heimreise. Sie befürchtete, Clemcntina's Schande möchte bekannt werden, Miguel die Schuldigen aufsuchen, und das Blut der Verführten wie des Verführers vergießen. Sie selbst wollte ihren Söhnen die verhängnißvolle Nachricht mittheilen, um Miguel's Entrüstung und Rachewuth durch den Einfluß zu bändigen, den ihre Liebe und ihr mütterliches Ansehe» stets auf den edelmüthigen Jüngling auszuüben vermochte. Eine Hoffnung hegte die tiefbctrübte Mutter immer noch; sie glaubte, der Verführer ihrer Tochter werde nicht so ruchlos sein, daß er sich weigerte, ihr die geraubte Ehre so weit möglich wieder zu geben. Aber ach! auch dieser letzte schwache Hoffnungsschimmer dauerte nur gar kurze Zeit. Catalina und Dominik kamen auf ihrem Heimweg gerade durch die Ebene von Volantei, nahe bei der „Salve," als ein junges Weib mit von Zorn und Thränen geröthetem Angcsichte ihnen begegnete. Sie überhäufte Catalina mit Beleidigungen, nachdem sie ihr mitgetheilt hatte, daß sie die Ehegattin von Clementina's Entführer sei. Nach dieser Enthüllung hörte Catalina keine beleidigenden Worte mehr, oder gab sich nicht die Mühe, solche zurückzuweisen. Was konnten die Schmähungen eines armen, in seinem Stolz, in seinem Herzen verwundeten Weibes zu ihrer Schande, zu ihrer tödt- lichen Beschimpfung noch hinzufügen! Catalina und Dominik beendigten nun ihren Heimweg; sie mit trockenen Augen, aber tödtlich verwundetem Herzen. Aber Dominik konnte die Thränen nicht bemeistern, die sich immer von Neuem in seinen Augen sammelten. Sobald Catalina ihr Haus wieder gesehen hatte, enthüllte sie ihren zwei ältesten Söhnen den Jammer, der über das Haus gekommen war. Entsetzlich waren der Schmerz und die Entrüstung der beiden jungen Männer beim Empfang dieser Kunde. Aber in feierlichem Ton sagte ihnen die Mutter: Die Rache ist nur erlaubt der Gerechtigkeit Gottes und der Obrigkeit. Vergesset Eure Schwester; wenn sie aber eines Tages verlassen, mit Thränen der Reue, Eurer Thüre oder Eurem Herzen naht, dann umhüllet sie mit dem Mantel des Vergessen» und Vergebens, denn sie wird nicht uur Eure Schwester, sie wird ein gebrochenes, iur-- glückseliges Geschöpf sein. Mutter! antwortete Miguel; wir versprechen es, weil Gott und Du es gebieten; — und er senkte sein in Thränen gebadetes Gesicht zur Erde nieder. Catalina legte sich nieder, anscheinend voll Ruhe und Ergebung. Aber Miguel, der sie genau kannte, sagte zu seinem Bruder: Geh' schnell und rufe den Arzt. 244 Mache Dir darum keine Sorge, sagte der Jüngere; sie scheint gefaßt zu sein. Geh' um Gottes Willeu; ihre Ruhe scheint mir die Ruhe der Todten. Der Arzt kam alsbald und sagte, man möge nur gleich den Priester rufen. Am folgenden Morgen läuteten im Dorf die Sterbeglocken. Niemand war da, der nicht Catalina beweinte, der nicht ihre Seele Gott im Gebet empfohlen hätte. An diesem Tage ward der schwarze Flor angelegt, den ich über dem Wappenschild des „großen Hauses" sah. (Schluß folzt.) Zur Geschichte der Rose. (Schluß.) Bei einem Gastmahle, welches Kleopatra dem Antonius zu Ehren gab, war der Fußboden der Speisezimmer eine Elle hoch mit Rosen bedeckt, über welche man, um sicher gehen zu können, Netze ausgespannt hatte. Der berüchtigte Verres bediente sich einer Sänfte bei seinen Reisen, in welcher er auf einer mit Rosen ausgestopften Matratze lag; Rosenkränze umgaben seinen Kopf und Hals, und ein mit diesen Blumen gefüllter Netzbeutel diente ihm zum fleißigen Riechen. Bei diesem ungeheuren Verbrauch wurden denn auch zahllose Rosengärten in Italien, ja förmliche Plantagen von ungemefscner Ausdehnung unterhalten. Der Rosenduft in den Straßen Roms war betäubend. Mit Bezug auf diese Ueberfülle rief Martial aus: „Sendet uns Korn, ihr Egypter, wir wollen euch Rosen dafür geben!" Eine wichtige Rolle bei den Gastmälern spielte der Rosenpudding, über besten Zubereitung Apicius, dieser Kenner der Kochkunst, Folgendes anführt: „Man nimmt gereinigte Roscnblättcr, schneidet das Weiße am unteren Ende sorgfältig ab und zerstößt dann die Blätter in einem Mörser, unter fortwährendem Zugießen einer pikanten Sauce. Dann läßt man dieselbe durch ein Sieb laufen, nimmt das Gehirn von vier Kalbs» köpfen, dem die Haut abgezogen wird, streut ein Quentchen feingestoßenen Pfeffers darauf, zerstampft dies ebenfalls in einem Mörser und gießt fortwährend von dem oben genannten Safte hinzu. Herauf schlägt man 8 Eier aus, rührt sie mit anderthalb Gläsern Wein und einem Glase Sekt, fügt auch etwas Oel hinzu. Endlich bestreicht man die Form, in welche die Mäste gethan wird, mit Oel und läßt sie backen. Der so bereitete Pudding wird dann heiß aufgetragen." Die Kreuzzüge brachten verschiedene, bis dahin in Europa noch unbekannte Rosen» arten nach Deutschland und Frankreich. So kam unter anderen die Damascencr-Rose um das Jahr 1100 nach der Provence. In des Mittelalters finsterer Zeit aber ging die Roscnkultur gleich der aller anderen Blumen zu Grunde, wenn gleich Karl der Große den Franken die Anpflanzung und Pflege der Rosen durch eine Verordnung an's Herz gelegt. Erst in der zweiten Hälfte des 16ten Jahrhunderts regte sich für die Rose ein lebhafteres Interesse, namentlich waren es die Benediktiner-Mönche, welche sich um die Verbreitung derselben verdient gemacht; wo nur ein Kloster dieses Ordens entstand, da blühte auch sehr bald ein Rosengarten. Und nun nimmt die Rose eine wichtige Stelle in der Kirche wie in der Kunst ein. Es sei hier nur an diejenigen der heiligen Elisabeth von Thüringen und an die Todesrose im Stift zu Altenbcrg erinnert. Wer könnte zählen, wie viele tausend „Rosenkränze" täglich gebetet werden zu Ehren der heiligen Jungfrau! Am Rosensonntage, in der römischen Kirche ein Name für den dritten Sonntag vor Ostern, weihte der Papst eine goldene Rose, mit welcher er eine Kirche oder ein gekröntes Haupt beschenkte; wie beispielsweise noch im Jahre 1856 die Kaiserin Eugenie bei Gelegenheit der Taufe des „Kindes von Frankreich." Bei Taufen trug man früher in diesem Lande große mit Rosenwaster gefüllte 245 Krüge zur Kirche. Bei einer solchen Gelegenheit ließ eine Amme ihren Täufling zur Erde fallen, und die Frau, welche das übliche Rosenwasser trug, goß dasselbe in ihrem Schreck über den Knaben aus. Dieser Unfall wurde als eine glückliche Vorbedeutung für des Kindes Zukunft angesehen; und wirklich wurde dasselbe unter Heinrich II. der damals angesehene Dichter Honsard (-f 1585), dessen Poesien eben deshalb in einen guten Geruch kamen, obwohl er nur ein äußerst mittelmäßiges Talent gewesen. Das Rosenfest ist eine noch jetzt in einigen Gegenden Frankreichs und Deutschlands übliche Feier, deren Ursprung bis in das sechste Jahrhundert hinaufreichen soll. Die Sage nennt den heiligen Medardus von Salency als Stifter des Festes, an welchem in jedem Jahre (8. Juni) dem tugendhaftesten Mädchen des Ortes ein Preis von 25 Livrcs nebst einer Rosenkrone zu Theil wird. Damit diese Stiftung für ewige Zeiten bestehen könne, opferte er eigens dafür zwölf Hufen Landes. Das erste Rosenmädchen soll die Schwester des Heiligen selbst gewesen sein. Ein Gemälde in der Kirche zu Salency behandelt diesen Gegenstand; doch ist es wahrscheinlicher, daß das Fest erst zur Zeit Ludwig's XIH. gestiftet, und nur deßhalb mit dem Heiligen in Verbindung gebracht worden ist, weil die Feier seines Festes in die blumenreichste Zeit des Jahres fällt. — Wenigstens rührt die silberne Schnalle, welche als Befestigung und Schmuck des Rosenkranzes dient, von diesem Könige her. Die Bedeutung der Rose in der mittelalterlichen Kunst, namentlich in der Architektur der germanischen Dome und Gerichtssäle, ist bekannt. In einigen Gegenden der Schweiz durfte der von einem Verbrechen Freigesprochene sich mit der „Unschulds-Rose" schmücken. Ebenso scheint der Gebrauch der Freimaurer, am Johannistage sich mit Rosen zu schmücken, aus den Bauhütten des Mittelalters herzurühren. Merkwürdiger Weise trugen die Bürger von Solothurn ebenfalls am Johannistage, an welchem sie sich zur Wahl ihres ersten Magistrats - Mitgliedes versammelten, einen Rosenstrauß, wovon diese Zusammenkunft den Namen „Rosengarten" erhielt. Als Sinnbild findet die Rose sich ferner in vielen alten Wappen vor; auch Martin Luther führte eine Rose im Siegel. Die blutigen Kämpfe der weißen und rothen Rose (1399 bis 1486), welchen die Häupter Hork und Lancaster um den Thron von England führten, hatten ihren Namen bekanntlich deßhalb, weil jenes eine weiße, dieses eine rothe Rose im Schilde führte. Auch auf den Beilen der Vchme befand sich das Bildniß eines Ritters mit einem Rosensträuße in der Hand, und so oft ein Mitglied dieses furchtbaren Bundes eine Rose erblickte, mußte es sie küssen. Der Ausdruck, Jemanden etwas „sub rosa^ sagen, rührt von dem Gebrauche der alten Griechen und auch unserer Vorfahren her, welche bei ihren Gastmählern, wie bei ernsten Berathungen über das Wohl der Gemeinde oder des Landes mitten über der Tafel an der Zimmerdecke einen Kranz aufhingen, in dessen Mitte eine natürliche oder künstliche Rose schwebte, die als Zeichen der Verschwiegenheit galt. Geheim sollte bleiben, was unter Freunden beim frohen Mahle gesprochen wurde. — „Sie vertrauen mir unter den Rosen der Freundschaft ein Werk ihrer Einbildungskraft und ihres Herzens an." Wieland. Von den verschiedenen Orden und Geheimbünden, die im sicbenzehnten und achtzehnten Jahrhundert entstanden, und ihren Namen, so wie ihre Symbole von der Rose hernahmen, stehen die „Rosenkreuzer" oben an. Dieser von Andrea gestiftete Orden, der sich aus der Freimaurerei entwickelte, strebte angebliche Verbesserungen in Kirche unt> Staat an; er hatte ein Andreaskreuz nebst einer von Dornen umgebenen Rose mit der Inschrift: „Lrux Oliristi oorona oiiristianorum^ zum Zeichen. Der von dem Herzoge von Chartres im Jahre 1780 gestiftete Rosen-Orden war dagegen ein Sammelpunkt aller Pariser Wüstlinge und Courtisanen, wogegen in der Pariser Gesellschaft „Rosati" Niemand Aufnahme fand, der nicht ein Gedicht zum Lobe i- 246 der Rose gemacht hatte. Erwähnung verdient noch der von einem Herrn v. Grosfinger ( im Jahre 1784 gestiftete deutsche, und der von Brasiliens erstem Kaiser Dom Pedro l., gegründete Roscn-Orden, der zu den anmuthigsten der Welt gehört. Ueberhaupt fand man, als Kolumbus Amerika entdeckte, die Rose dort stchon vor. Die Kaiser von Mexiko schmückten ihre Gärten damit, und in Peru erschienen die „Söhne der Sonne" bei gewissen öffentlichen Ceremonien mit einer Krone von Rosen. Die Peruaner nennen den Rosenstrauch den „Strauch der Sonne." Das kostbare Rosenöl, welches echt nur aus dem Morgenlande kommt, wird von den Moschusrosen gewonnen, deren Blätter man in einem Gefäße den Sonnenstrahlen aussetzt. Die öligen Theile, welche oben schwimmen, werden mit einer Baumwolle gesammelt und sogleich wieder in kleine Fläschchen ausgedrückt, die hermetisch verschlossen bleiben. Das beste Oel ist citronengelb, fast durchsichtig und von einem Gehalte, daß, wenn man eine Nadelspitze hincintaucht und ein Taschentuch damit berührt, dasselbe Monate lang den stärksten Wohlgeruch behält. Dieses Oel bildet einen der wichtigsten Handelsartikel an den Küsten Syriens, Persiens und der Berberei, wo es, dem Gewichte nach, theurer als Gold ausgewogen wird. Kaschmir liefert das köstlichste, dann kommt das persische und endlich das syrische Rosenöl. Auch die in der Bibel erwähnte Narde scheint mit diesem Oele verwandt zu sein, denn die Rose heißt auf arabisch Nard. Gegenwärtig kennt die Wissenschaft gegen 3000 Arten und Abarten von Rosen. Unter den vielen prächtigen Rosengärten in Deutschland nehmen die in Witzlcben bei Charlottenburg und das prächtige Rosarium auf der Pfaueninsel bei Potsdam (um welches sich der verstorbene Hofgärtncr Fintelmann so verdient gemacht) eine hervorragende Stelle ein. Als der älteste bekannte wird der an der östlichen Wand des Doms in Hildesheim befindliche Roscnstock bezeichnet. Sein in der Krypte unter der Chornische wurzelnder Stamm mißt beinahe einen Fuß im Durchmesser, während ein halbes Dutzend Zweige sich in einer Höhe von etwa fünfzehn Fuß an der grauen Mauer ausbreiten und Hun- ^ derte von Blumen treiben. Der Bischof Hezilo ließ diesen Strauch, besten Alter auf ein Tausend Jahre angegeben wird, mit seiner jetzigen Ueberdachung versehen. Der größte Roscnstock dagegen, den die Welt kennt, ist die weiße Banksrose im Mariengarten zu Toulon. Diese Rose, zu Ehren der l!ady Banks so genannt, weicht von den gewöhnlichen Rosen ab, denn ihre Blumen gleichen mehr denen der gefüllten Kirsche. Kaum ein halbes Jahrhundert alt, bedecken seine sechs Aeste, unter denen der stärkste 14 Zoll im Umfange mißt, eine Mauer von 75 Fuß Breite und 18 Fuß Höhe; der Stamm hat am unteren Ende 2 Fuß 8 Zoll im Umfange. Die Banksrosc blüht von Mitte April bis Mitte Mai und soll dann mit mehr als 50,000 Blumen auf einmal geschmückt sein. Zauberisch wird der Anblick geschildert, den diese herrliche Pflanze gewährt, und mit Recht gebührt ihr wohl der Preis, die „Rosenkönigin" genannt zu werden! Wenden wir uns schließlich den Dichtern der Rose zu, von Confucius und Anakreo« an, der sie iu seiner 51sten Ode gefeiert: Nebst dem kronzgeschmücktcn Lenze Sing ich dich, o holde Rose rc„ so gebührt der Preis einem deutschen Sänger, Ernst Schulze, der die „Königin der Blumen" in unerreichbarer Weise verherrlicht hat in seiner „bezaubcrten Rose." (Ein Heiliger wider Willen.) Bei den Pescherähs, den Bewohnern der Inseln an der südlichen Spitze Amerika's, herrscht die eigenthümliche Sitte, daß, sobald der Mann stirbt, die Frau ihm in's Grab folgen muß und umgekehrt. Dieses Schicksal traf im vorigen Jahre einen Spanier, der sich von einem gescheiterten Schiff auf die 247 Insel rettete. Er wurde von den Einwohnern gefangen genommen, mußte feine Kleidung mit einem Robbenfelle vertauschen, erhielt eine Keule und wurde „durch Beschluß der Nation" nolens volens als Häuptling proklamier. Als solcher mußte er eines der schönsten Mädchen als seine Frau anerkennen, welches Unglück ihm sein spanisches Blut ziemlich leicht ertragen ließ. Nachdem er sieben Jahre ganz glücklich gelebt hatte, starb seine Pescheräsc, und er mußte das gleiche Loos der Eingeborenen theilen, seine Selige in die allgemeine Begräbnißhöhle begleiten und letztere hinter sich schließen sehen. Bald war das mitgegebene Brod und Wasser verbraucht. Leichenduft verpestete die Luft, und Ratten und anderes Gethier fanden sich ein. Durch den Besuch dieser unliebenswürdigen Gäste hatte der Spanier eine Oeffnung gefunden, die er mit aller Kraft der Verzweiflung erweiterte, und durch sie in's Freie gelangte. Er eilte auf eine Anhöhe, sah ein Schiff, zündete ein Feuer von Reisig an, und wurde auch vom Schiffe aus bemerkt, welches ein Boot aussetzte. Doch auch die Pescherähs hatten das Feuer gesehen, sie eilten herbei und — sielen dem Spanier zu Füßen, der ihnen jetzt als Gottheit erschien, da noch nie ein lebendig Begrabener wieder zum Vorschein gekommen war. Frohen Muthes eilte der Gerettete ungehindert zum gelandeten Boot, während die Wilden zur Ebene zurückkehrten, um den übrigen Glaubensgenossen das „Wunder" mitzutheilen. Bahnwärterloos O Freund, werd' ja kein Wärter An einer Eisenbahn, Denn dieses Loos ist härter Als jeder and're Plan. Ein solcher steht da draußen Und wartet früh und spat Und hört er etwas sausen, So stellt er sich gerat»'. Viel bester geht's dem Schürer, Der wärmt sich doch die Hand, Am besten hat's der Führer Bei seinem hohen Stand. Nun ja, man kann's erwarten! Das Glück kommt nach und nach. Für jetzt blüht mir ein Garten, Kein Fleckchen liegt mir brach. Man kann von ihm wohl sagen Er geh' nur auf den Pfiff, Er salutirt die Wagen Und hat die Hand am Griff. Da pfleg' ich manche Stunde Zu meinem Zeitvertreib Die Blumen der Rotunde, Ich und mein junges Weib. Er muß telegraphiren Und unter Eis und Schnee Im Winter schier erfrieren Beim Schaufeln auf der Höh'. Und ich denk: Mein Wechsel zieht so viel Als einer an der Themse, Wir kommen all' an's Ziel. Da Pflanz' ich meine Rüben, Und Mancher fährt vorbei, Und denkt sich, der da drüben Versteht doch Mancherlei. He Du, bremse! Hermann Lingg. (Witzige Rache.) Von dem unlängst in Warschau verstorbenen praktischen Arzte Dr. Le» weiß man in Krakau folgende Anekdote zu erzählen: I)r. Leo, der trotz ungeheurer Praxis kein Vermögen zusammenbringen konnte, leistete gegen entsprechendes Honorar einem der reichsten Warschauer Bankiers Gesellschaft auf einer Reise in's Aus- land. In jedem Hotel schrieb der auf seinen Reichthum stolze Gcldmann in's Melde- Buch: „Der Bankier T. aus Warschau mit seinem Arzte llr. Leo." Leo merkte dies einige Male, schwieg, kam jedoch bei der nächsten Station dem Banquier zuvor, und schrieb in's Buch: „Dr. Leo aus Warschau mit seinem Bankier T." 248 (Die Strickmaschine.) Die neue Welt, welche uns bereits die Nähmaschine erfand, bereitet ein neues Geschenk für uns vor in Gestalt der Strickmaschine. Bis jetzt hat man nur solche Strickmaschinen gekannt, wclcke ein ganz gleichmäßiges, röhrenförmiges Gewebe zu liefern vermochten. Die neue amerikanische Strickmaschine von Lambs dagegen ist nicht rund, sondern langgestreckt und arbeitet auf beiden Seiten. Bei der vollen Breite enthält sie auf einer Seite 50 Nadeln; aus beiden Seiten zusammen können also durch jede Kurbelumdrehung 100 Schlingen gemacht werden. Rechnet man auf jede Kurbelumdrehung eine Secunde, so ergibtdi es für eine Minute 6000 Scklingen. Dadurch wird es begreiflich, daß man mit dieser Maschine an einem Tag 36 Paar Strümpfe anfertigen kann, während die Haudstrickerin, wenn sie noch so fleißig und noch so geübt ist, täglich nicht zwei Paare fertig bringt. Außerdem kann man je nach Bedarf fest oder locker stricken. Die Maschine nimmt wenig Raum ein und wird an den Tisch angeschraubt. Man kann mit der Maschine ab- und zunehmen, den Keil, die Ferse, das Bein, den Rand des Strumpfes machen. Ebenso lasten sich gerippte, wolkige und durchbrochene Gewebe jeder Art mit der Maschine herstellen und auf diese Weise Shawls, Decken, Besätze, Kinderkleider, Handschuhe und Anderes mit Leichtigkeit anfertigen. Während des letzten Breslauer Maschinenmarktes arbeitete die Maschine eine Menge derartiger Gegenstände zu großer Freude und Bewunderung der Damen, welche in der Regel dicht gedrängt um diese unscheinbare Maschine standen und den reichsten Beifall spendeten. Die L am b s'sche Strickmaschine kostet 160 fl. Silber, bei Baarbezahlung IILV^fl. Die hiesige Unternehmungslust wird sich gewiß die Gelegenheit nicht entgehen lasten, dem Augsburger Publikum diese interessante Maschine bald vorzuführen. (Vielfache Verwendbarkeit des Petroleums.) Das Petroleum, mit dem man Jahrhunderte lang, als es noch unter dem Namen Steinöl oder Naphta in den Haudel kam, nichts Rechtes anzufangen wußte, gewinnt immer größere Wichtigkeit, und zwar schätzt man es nicht nur als Brennmaterial, sondern auch in der übrigen Hauswirthschaft, in der Landwirthschaft und selbst in der Heilkunde spielt es seine Rolle. Den umfassendsten Gebrauch macht man jetzt von seiner eminenten Wirksamkeit gegen alles kleine Ungeziefer, das durch directe Berührung mit der Flüssigkeit immer sofort, durch die bloße Ausdünstung theilweise ebenfalls getödtet, andernfalls doch vertrieben wird. Gärtner, Thier- züchter und Thierärzte verwenden das Patrolenm schon häufig zur Vertilgung pflanzlicher und thierischer Schmarotzer; gegen das häßliche Uebel, das von einer in der menschlichen Haut nistenden Milbe herrührt, die Krätze, steht es allen anderen Mitteln voran. Hierauf fußend, hat die ärztliche Praxis jetzt auch begonnen, den Stoff gegen innere Quälgeister, Eingeweidewürmer nämlich, in Anwendung zu bringen, und zwar ebenfalls mit gutem und raschem Erfolg. Man gibt zu diesem Zweck Klystiere mit einer Evulsion von Petroleum, einen halben Eßlöffel voll, einem Eigelb und warmem Wasser; die Behandlung wird ohne Beschwerde ver- tragen. Wahrscheinlich wird nun das Mittel, um im Verdanuugskanal gründlich, z. B. auch mit dem Bandwurm aufzuräumen, bald auch innerlich gegeben werden. Pariser Aerzte haben sich der Probe unterzogen und gefunden, daß der Stoff für den Körper unschädlich und nur durch seinen Geschmack widerwärtig ist. Dem läßt sich aber abhelfen, indem mau ihu in bekannter Weise in Gelatinekapsel eingeschlossen verordnet. Charade. (Aus einem Paar zwcifilbiger Wörtern.) Ist auch das Erste streng verpönt, So wirds doch unverschämt getrieben Von Solchen, die daran gewöhnt, Gerade dieß am meisten lieben. Ist noch so weise und gerecht Das Zweite, und sohin zu schätzen, So wird es doch erbärmlich schlecht, Sobald wir's hin zum Ersten setzen. Denn seh'n wir's diesem beigesetzt, So kann es Ekel nnr erregen, Weil voll chicmit ein Mensch uns schwätzt, Der sich auf's Erste muß verlegen. Auflösung der Charade in Nro. 30: Weinstein. Druck, Derlaa und Skedaltion drS Ittnartstheu Institut« von vr. M. Huttlrr,