Nr. AS. 9. August 1868. Attgsburger Sonntaffs-Blatt. Der Moralist auf seinem Stuhle Verliert beim Wildfang sein Latein! Der Leichtsinn will gezüchtigt sein; Das Unglück ist die beste Schule. Pfesfel. Auch eine Criniinal-Geschichte.^) Von Ernst Pasque. I. Ein Verbrechen. „— Er stieg aus dem Sarge. —" „Hm! das klingt schauerlich, gefährlich, Alte!" sagte Meister Andres zu seiner Hälfte, die einen anscheinend starkgebrauchtcn, zcrlesenen Band vor sich liegen hatte und mit Hülse ihrer horncrnen Eulenbrille sich anschickte, eine der darin enthaltenen Erzählungen vorzulesen. „— Er stieg aus dem Sarge. — " „Ein kurioser Anfang! Was ist denn das eigentlich für eine Geschichte?" unterbrach der Meister, den die bedeutsamen Worte denn doch ein wenig zu unbehaglich berühren mochten, zum zweiten Male seine Vorleserin. „Der Schalten, eine schöne neue Erzählung, gedruckt in diesem Jahre, und von dem Autor, dessen Sachen uns so ausnehmend gut gefallen haben." „Hm! weiß schon! Es ist derselbe, der die „ewige Lampe" gemacht hat." „Das ewige Licht, willst Du wohl sagen!" verbesserte mit sanftem Vorwurf die mehr litcrarisch gebildete Alte ihren Andres. „Licht oder Lampe, das ist ganz einerlei! — das heißt „ewige Lampe" würde noch schöner klingen, heißt doch also unser Stammwirthshaus." Letztere Worte brummte der Meister indessen leiser vor sich hin. „So laß mich doch endlich einmal anfangen. Andres. Es geht auf Neun, und unsere Lampe wird auch nicht lange mehr vorhalten, sie hat schon eine Kohle angesetzt. — Er stieg —" „Dann bekommen wir noch einen Brief oder einen Besuch." „— Er stieg aus —" „Etwas Lustigeres wäre mir just heute und vor dem Schlafengehen lieber gewesen." „So warte es doch nur ab, die Geschichte endigt vielleicht heiter." „Das wäre ein Glück!" „Du hörst doch sonst die spannenden und unheimlichen Erzählungen und Criminal- Geschichten so gerne." „Gewiß, Alte, die sind meine Passion! Aber die heutige fängt mir zu gefährlich an — sie beginnt damit, womit, die anderen aufhören, und dann — dann ist es mir heute Abend so sonderbar um's Herz, ganz so, als ob noch etwas passiren würde — als ob ich noch in die ewige Lampe müßte." „Heute ist aber nicht Dein Wirthshaustag, sondern unser Lesckränzchcn." „Na, so winde Dein Kränzchen weiter und zu Ende, Alte," rief mit frischem Muthe Andres. *) Ein Wiederabdruck kann nur mit Bewilligung des Verfassers erfolgen. ' - 250 „— Er stieg aus dem Sarge. ." „Wie ist er denn eigentlich hineingekommen? - Denn hineingekommen muß er doch sein, sonst könnte er nicht — ganz richtig! — Das möchte ich doch gerne und ;u allererst wissen; daö muß erst interessant sein!" „Hab' doch mir Geduld, Andres! Ich bin seit einer Stunde so gespannt darauf, wie Du. Wir werden's schon und noch rechtzeitig erfahren, also merk' auf." „ — Er stieg —" Doch die gute, lcscbcdürstigc Alle sollte am heutigen Abend in ihrer Lectüre nicht weiter kommen, und ihr Andres, dem die Erzählung vor dem Schlafengehen doch nicht so recht geheuer sein mochte, glücklich davon befreit werden, denn mitten im Sahe öffnete sich die Thüre, und ein Mann trat ziemlich aufgeregt in die kleine bürgerliche Stube. '„Da ist der Besuch, unsere Lampe hat richtig prophezeit!" rief Meister Andres und erhob sich, um den späten Gast zu begrüßen. Die Alte klappte mit einem merklichen Mißvergnügen das Buch zu und schickte sich ebenfalls zu einem Gruß an, als der Andere sie schon mit einer Fluth von Worten anredete. „Guten Abend, Gevatter, guten Abend! Das sind Geschichten, schlimmer, als die, welche Ihr da leset! Wer hätte das gedacht, wer geglaubt, daß unsere ruhige friedliebende Stadt so etwas erleben würde?! Es ist entsetzlich, die Haut schaudert mir immer fürchterlicher, je länger ich daran denke." „Was gibt's, Gevatter Hcubach?" rief die Alte, durch diese wirklich vielversprechenden Worte in etwas mit der unliebsamen Unterbrechung ihres Lcsekränzcheus ausgesöhnt, während Meister Andres murmelte: „Hat mir's doch geahnt, daß heute Abend noch etwas Besonderes passiren würde. Nun komme ich auch noch in die ewige Lampe." „Hört nur, Leutchen, hört! Es ist die merkwürdigste Geschichte, die sich allhier zugetragen, seit Menschcngcdenkcn — und noch dazu in meiner Straße ist sie Passirt. Und ich bin eine Hauptperson - dabei, das heißt, habe sie an den Tag gebracht —.so weit sie nämlich bis jetzt an den Tag zn bringen gewesen; hab' die Orlspolizci daraus aufmerksam gemacht, gleichsam mit der Nase darauf gestoßen. Ja, schaut mich nur groß an, so ist es! Ihr lcs't Criminal - Geschichten, und ich erlebe sie, das ist noch viel interessanter." „Was ist es denn für eine Geschichte? So erzähle doch Hcubach!" Also unter- brach Meister Andres den Redestrom des Gevatters, dabei seine Alte ein wenig zweifelnd anblickend. „Will sie Euch erzählen — so viel ich nämlich davon weiß. Das ist freilich nicht allzuviel, aber doch schon mehr als genug für einen ehrlichen Menschen. Der furchtbare Fäll ist noch in ein, wie man zu sagen pflegt, gcheimnißvolles Dunkel gehüllt, welches das Criminalgericht und gewiß schon morgen am Tage aufklären wird." „Aber so schieß' doch los!" rief Meister Andres, und nunmehr schon mit sichtlicher Ungeduld und Spannung. „Das klingt ja ganz merkwürdig interessant," konnte die Alte, deren Aeuglcin förmlich leuchteten, sich nicht enthalten zu rufen. „Aber so setzt Euch doch, Heubach, trinkt einen Schluck und erzählt!" Und Gevatter Hcubach setzte sich, trank aber keinen Schluck, weil das Bier ihm nur im WirthShause schmecke, wie er bemerkte, dafür aber erzählte er das Folgende und genau in der Manier, kurz und bündig, ohne Umschweife, wie es die nach spannenden, gcheim- nißvollcn und schauerlichen Geschichten so lüsterne Frau des ehrsamen Tischlermeisters Andres liebte. „Der Laibel ist mit seiner ganzen Familie spurlos verschwunden! —" »Ach» — was Ihr sagt?!" machten die beiden Zuhörer mit wcitgeöffneten Schund Sprachwerkzengen. „Am vergangenen Samstag hat man ihn noch und zum letzten Mal gesehen, 251 * Sonntag waren Hans, Thüre» und Fensterläden verschlossen, und heule, Mittwoch, sind sie es noch, und keine Seele ist in dein Gebäude zu spüren." „Ah! — nicht möglich?!" „Anfangs hat man in unserer stillen Straße nicht daraus geachtet, dann aber wurde die Sache mir und meinem Nachbar, dem Gerber Fritze, bedenklich. Ta hab' ich'ö denn ^ heule früh dem Polizciamt mitgetheilt und auch, was ich und der Fritze dachten und vermutheten, wie es eben unsere Bürgerpflicht war. Nach darauf erfolgten langen Debatten zwischen der Polizei und dem Ortsgcricht, an denen sich sogar der Gemcindcrath bethciligte, ist man denn §u dem sehr vernünftigen Resultat gelangt, bis morgen zu warten und dann eine Anzeige beim Criminalgericht. zu machen." „Und davon hab' ich nichts gewußt, bis jetzt nichts erfahren?" schrie Meister Andres förmlich aus. „Das kommt daher, Alter, weil Du die ewige Lampe vernachlässigst, daheim sitzest und Dir schauerliche Geschichten vorlesen läßt, während die allerschönsten und schrecklichsten vor Deiner Nase und in Wirklichkeit passiven." „Hast Recht, Hcnbach," rief wieder der Meister, indem er zugleich mit ziemlicher Energie auf den Tisch schlug. „Wer das hätte denken können!" „So haben wir auch gerufen in unserer Gasse. — ES ist etwa ein halbes Jahr- her, seit der Laibel in unsere Stadt und i» das alte Hans gezogen, das er gekauft. Mit seiner Frau und den zwei Kindern lebte er soweit still und ruhig für sich. Um Niemand kümmerte er sich; die Frau sah man selten, und die Kinder gingen nicht einmal in die Schule. Wenn er sie nicht selbst unterrichtet, so ließ er sie wild heranwachsen. Und warum auch die armen Würmchen mit Schule und Lernen plagen" — platzte der Gevatter endlich heraus — „wenn daS Ungeheuer — sie doch auS der Wett zu schaffen > gedachte!" „A — ah! —" * „Er soll die Kinder — wirklich-?" „Und seine arme Frau dazu! Ich hab's dem Manne gleich angesehen, er machte einem Jeden, der sich ihm nähern wollte, ein so finsteres Gesicht. Es mußte so kommen, es war fast vorauszusehen." „Und am vergangene» Samstag soll es geschehen sein?" fragte Andres mit eigenthümlichem Tone. ' „An jenem Tage hat man die Frau mit den zwei Kindern noch in der Gasse gesehen; sie gingen spazieren, nach der Landstraße hin, die »ach V... führt. Durch den kleinen Pfad, der hinter den Gärten herläuft, werden sie wohl, und wie schon sä oft, heimgekehrt sein. Er — der Laibel, benutzte nur den schmalen Weg, um auszugehen. Die Magd hat er am Morgen fortgejagt — sie wohnt drei Stunden von hier und ist bereits für morgen anhcr und auf das Ortsgcricht citirt worden. Eine Frau unserer Gasse, die ihr begegnet und von der Person erfahren, daß der Laibel sie Knall und Fall und ohne Ursache fortgeschickt, hat dies angezeigt. — Seit der Zeit nun sind Alle, er, die Frau und die Kinder spurlos verschwunden." „Nicht möglich! — Entsetzlich!" hauchte die Alte in kleinen Pansen, während Meister Andres in stummer, doch nicht geringer Spannung dasaß und kein Auge von dem Sprecher abwandte und ihn gleichsam aufzufordern schien, weiter zu berichten. > „Der Fritze, der am selben Abend etwas spät aus der ewigen Lampe heimkehrte und durch unsere ganze Gaffe mußte, hat nun etwas Sonderbares, Verdächtiges in dem alten Hause gesehen, und das hat uns denn — besonders mich, auf den Gedanken gebracht, darin bestärkt, daß etwas Außergewöhnliches, Schlimmes — Schreckliches in der Wohnung passirt sein müsse." „Was hat er gesehen, Heubach? Erzählt! Macht es doch nicht, wie so viele 252 unserer Schriftsteller, die einen förmlich auf die Folter spannen!" So rief die Alte, schier vor Erregung zitternd. „Hört, Kinder! Als der Fritze an Laibels Hause vorbeikam, sah er in einem Zimmer des zweiten Stockwerks Licht. WaS konnte der Mann so spät noch zu thun haben, wo jeder anständige, ordentliche Bürger schon längst zu Bette lag? So dachte Fritze, der sonst ganz und gar nicht neugierig ist, und blieb stehen. Plötzlich bewegte sich das Licht, und zu seinem gelinden Schrecken sah er, daß es aus einem Zimmer in das andere ging, rasch — immer rascher, dann verschwand, endlich wieder zum Vorschein kam, hastig, unruhig und ängstlich. Das dauerte eine ganze Weile, dann verschwand es vollends. Fritze war nicht von der Stelle zu bringen; es war ihm, als muffe er noch etwas erleben in der stillen Gaffe, in der Alles schlief, und in dem düstern Hause. Ungewöhnlich und verdächtig war auf alle Fälle, was er gesehen. Er wartete noch eine ganze Weile, bis die alte Schloßuhr Eilf schlug, dann wurde es ihm wahrhaft unheimlich zu Muthe, wie er sagte, und er eilte heim." In diesem Augenblick ertönte in der kleinen Stube ein wahrhaft furchtbarer Schrei, der dem Erzähler und der mit äußerster Spannung horchenden Alten durch Mark und Bein ging, und als sie erschrocken aufschauten, hätten sie bald ähnliche Schreie ausge- stoßen ob dem, was sie erblickten. Meister Andres hatte sich erhoben — er war es gewesen, der den lauten, so schrecklich klingenden Schrei ausgestoßen. Sein Gesicht war kreideweiß und seine Augen starrten die Beiden förmlich an. Die eine Faust hatte er aus den Tisch gestemmt, wahrscheinlich um seinem vor Aufregung zitternden Körper einen Halt zu geben. „Du hast die Wahrheit gesprochen, Hcubach!" rief er mit fester Stimme seinen mehr und mehr erschreckenden Zuhörern zn. „Der Laibel hat sie — umgebracht! — Ich hab's gesehen und — gehört!" Nach diesen allerdings merkwürdigen und inhaltreichen Worten war es vorbei mit der künstlichen Energie des ehrlichen Tischlermeisters. Er siel förmlich in seinen Stuhl zurück, während nun die beiden Andern von ihren Sitzen gleichsam emporschnellten, und zu gleicher Zeit und mit begreiflicher Aufregung auf ihn einstürmteu, ihn aufforderten, um Gottcswillen zu erzählen, was er denn von der schrecklichen Geschichte gesehen und gehört. ES dauerte eine geraume Weile, bis Meister Andres sich gefaßt und im Stande war, diesem Verlangen nachzukommen. Und was er nun erzählte, war in der That merkwürdig und mehr als genug, um die allgemeine Aufregung auf's Höchste zu steigern, die düstere Geschichte in etwas, doch in schrecklicher Weise aufzuhellen. „Ich war am vergangenen Samstag Abend auch in der ewigen Lampe, wie Du Dich erinnern wirst, Hcubach," so sagte endlich Meister Andres. ,Es war mein Tag, und da ich nur selten komme, so blieb ich dafür ein wenig länger sitzen, und das war em Glück, wie Ihr gleich sehen werdet. Ein kleines halbes Stündchen nach Fritze brach ich auf, und um schneller nach Hause zu kommen, benutzte ich den kleinen Gartenpsad, der hinter Laibels Hof und Garten hinläuft. Es war mir ein wenig unheimlich zu Muthe, und das hatte seine gerechte Ursache, wie ich jetzt genugsam weiß. Als ich an dem Hofraum des alten Hauses vorbeikam, mußte ich — es ist merkwürdig — gerade wie der Fritze Halt machen und durch die Lattenwand in den Hof und auf das düstere Gebäude schauen. Ihr wißt, daß mitten im Hofe der große Ziehbrunnen steht. Nun, bei diesem glaubte ich etwas Ungewöhnliches zu sehen. Es war eine dunkle Gestalt — ein Mann, und kein Anderer, als der Laibel. Die Arme hatte er hoch erhoben, und hielt er etwas, das ich nicht erkennen konnte, doch ganz sicher und deutlich gesehen habe. Da hörte ich plötzlich einen scharf und schrecklich klingenden Aufschrei, dann sanken die Arme herab, und die Gestalt — der Laibel — warf etwas in den Brunnen, das nicht von geringem Umfang war, denn stark plätscherte es gleich darauf unten in dem Wasser — ich hörte es nur zu gut! Das Alles war mir recht auffallend, doch dachte ich nichts« Arges. Ich sah dann noch, wie die Gestalt sich von dem Brunnen entfernte und in das Haus zurücktrat. — So ist es! — Das habe ich gesehen und gehört, und will es mit allen Eiden beschwören!" Unmöglich ist eS, den Eindruck zu beschreiben, welchen dieser Bericht auf die beiden Zuhörer machte. Auf ihre Sitze sanken sie und starrten einander eine ganze Weile sprachlos an. Endlich flüsterte Gevatter Heubach: „Nun ist kein Zweifel mehr! Er hat — sie ermordet — Alle, Frau und Kinder — dann in den Brunnen geworfen und sich schließlich selbst das Leben genommen, oder durch Flucht dem Gericht entzogen. So ist es! — Es kann nicht anders sein!" „So ist es! — Es kann nicht anders sein!" wiederholte mit tiefem Tone Meister Andres. „Entsetzlich!" hauchte die Alte, am ganzen Körper zusammenschauernd. Dann entstand abermals eine lange Pause, in der man jeden Athemzug der Drei hören konnte, die sich wiederum einander und mit wahrhaft entsetzten Mienen anschauten. Doch nun erhob sich Gevatter Heubach mit gewaltsamer Energie. „In die ewige Lampe," so rief er mit fast befehlender Stimme. „Zieh den Rock an, Andres, mir müssen hin! Ehre, dem Ehre gebührt! Du selbst sollst der Gesellschaft die merkwürdige, entsetzliche Neuigkeit mittheilen." Die Alte sagte kein Wort, als ob der Aussprnch des Gevatters unantastbar wäre. Doch hätte sie es auch gethan, so würde es nichts genutzt haben, denn Meister Andres hatte schon den Rock vom Nagel genommen. „Ich wußte es wohl, daß ich heute Abend noch in die ewige Lampe kommen würde," murmelte er, als er in die weiten Acrmel seines Habits schlüpfte, mit einem gemischten Gefühl von Grausen und Behaglichkeit über die Bedeutung, welche seine Person nunmehr in der schrecklichen, doch so interessanten Sache erlangen würde. Einige Augenblicke später befanden die beiden Männer sich auf dem Wege nach dem oftgenannten Stammwirthshausc, allwo ihr Erscheinen, ihre Berichte, wie vorauszusehen, die größte und gerechteste Aufregung hervorrufen mußten. Die Alte blieb allein in ihrer Stube. Auch sie spürte ein nicht geringes Grausen, doch war es mit einer gewissen Behaglichkeit gepaart Die Lampe brannte noch immer hell, und vor ihr lag das Buch. „Das ist die rechte Stimmung, in der man eine so schöne Geschichte lesen muß," flüsterte sie nach einer Weile mit leuchtenden Aeuglein und von Erregung geröthcten Wangen. Dann stellte sie sich das Licht zurecht, rückte den alten Lcderstuhl wieder näher zum Tische, klappte die dunkle, farblose Decke der geliebten Zeitschrift auf, und nachdem sie noch die Enlenbrille fest und an richtiger Stelle auf die Nase geklemmt, begann sie zu lesen: „— Er stieg aus dem Sarge" — Alles klebrige erstarb in einem Murmeln, dem man die innere Behaglichkeit der Leserin wohl anzuhören vermochte, und das nur hervorgerufen werden konnte durch eine solche Lectürc, bewerkstelligt in ähnlicher Stimmung. (Fortsetzung folgt.) Clementina. (Schluß.) VIII. Ein Monat war vergangen seit dem Tode der armen Catalina. In einem elenden Dachkämmerchen von Bayonne weinte und nähete ein junges, weibliches Wesen, das dem Schatten der frühern Clementina ähnlich sah. 254 Plötzlich schauderte sie zusammen, und fuhr von ihrem Platze auf. Sie hatte die Stimme ihres Bruders Miguel gehört, welcher au der Thüre des Hauses ihren Namen aussprach. Miguel trat ein. Clemeutiua, davon niedergeschmettert, senkte die Stirn zu Boden. Sie wagte nicht, ihn anzublicken; sie glaubte, daß er komme, um mit ihrem Blut den Flecken abznwaschen, der durch sie aus die reine Ehre der Familie gekommen war. Clementina! Hcrzensschwestcr! rief Miguel auS, indem er sie mit thräuennmwölkten, Augen in seine Arme zog. Bei dieser zärtlichen Stimme, in dieser liebevollen Umarmung, und als sie seine warmen Thränen auf ihrem Gesichte suhlte, wagte Clementina erst die Äugen zu ihrem Bruder aufzuschlagen; nnd nun gewahrte sie, daß er Trauer trug. Sie wollte den Bruder fragen, welches neue Unheil die Familie betroffen habe; aber er kam ihrer Frage zuvor mit den Worten: Clementina! Unser Hans hat keine Herrin mehr, die es leite nnd lenke. Komm, komm, und nimm Du den Platz ein, welchen die Mutter leer gelassen hat, als sie zum Himmel ging. Bei dieser Nachricht stürzte Clementina wie todt zu Boden. Ihr Schmerz war so grausam, tief und furchtbar, daß er gewiß genügte, ihre Schuld zu sühnen, wenn sie noch nicht gesühnt war durch Alles das, was das arme Mädchen gelitten, seit ihr Verführer sie verließ. Sie kam, Dank der liebevollen Sorge Miguels, bald wieder zu sich, und am folgenden Tag kehrten die zwei Geschwister nach dem heimathlichen Dorfe zurück. Mit welchem Schmerz, mit welcher tödtlichen Angst, mit welcher unendlichen Beschämung kehrte die beklagenswerthe Clementina zu dem Dorfe wieder, das sie verlassen hatte, geehrt wie ihre Mutter, rein wie die Blumen der heimischen Thäler! Miguel war so zartfühlend, seiner Schwester den Weg über Bilbäo zu ersparen, um ihr die Schande und den Schmerz nicht aufzubürden, welche sie auf dem Schauplatz ihrer Lerirrung Hütte empfinden müssen. Sie machten die Reise quer über die Gebirgskette, welche im Norden die „unbesiegte" Stadt beherrscht, und deren Pfade ihnen Beiden wohl bekannt waren. Der Tag war schön; Leben und Freude herrschten da unten im Thäte des Jbaizabal. Glocken tönten am Fuße des Berges, über dessen Gipfel Miguel und Clementina dahin schritten. Es waren die Glocken vom Heiligthum zu Bcgonna. Was Clementina beim Klang dieser Glocken empfand, das läßt sich vielleicht nachempfinden, aber nicht in Worten ausdrücken. Die Glocken von Begonna klangen nicht traurig für die, welche ein frohes Herz halten oder in ihrem Geläute die Mahnung an den Himmel fanden; aber für Clemcn- tina klangen sie so düster und ernst, wie Sterbeglocken. O wer einen schweren, dunklen Vorwnrf im Busen trügt, für den verwandelt sich der frohe Sanct Johannis-Morgen in den düstern Allerseelenabend Traurig verfolgten die Geschwister ihren Weg, bis sie von der Anhöhe aus, jenseits eines tiefen Thales voll Eichen und Kastanien, auf einer gegenüberliegenden Höhe zwischen üppigen Bäumen, welche dieselbe krönten, einen Kirchthurm emporsteigen sahen, an dessen Fuß einige Häuser durch die Zweige schimmerten. Das war ihr friedliches, schönes, ihr geliebtes Heimathödorf. Clemcntina's Schmerz, der bei der Abreise von Bayonne sich einigermaßen gemildert, seither aber und namentlich seit sie das Thal des Jbaizabal überblickten, sich immer mehr verschärft hatte, erreichte seinen Höhepunkt, als sie den Kirchthurm ihres Geburts- Ortes erschaute, als sie die Baumgrnppen und Hügel wiedersah, wo sie mit ruhiger Seele und freier Stirn mit den Gespielinnen ihrer Kindheit sich getummelt hatte, vor denen sie jetzt in Scham und Schande den Blick zu Boden senken mußte. Ein Strom von 255 Thränen brach aus ihren Augen, und sie mußte sich auf ihren edlen, großmüthigen Bruder stützen, um nicht erdrückt von dem Gewichte ihrer Qual, zu Boden zu stürzen. Langsam setzten sie hierauf ihre Wanderung fort, während Clementina in Thränen zerfloß, Miguel dagegen alle Schätze der Bruderliebe, die sein weiches Herz bewahrte, getreulich anwendete, um die Schwester zu trösten. Es war Sonntag. Der Pfarrer des Dorfes, welcher die Uebung hatte, seinen Beichtkindern vor dem Meßopfer eine Stelle der heiligen Schrift vorzulesen und zu erklären, hatte heute die evangelische Erzählung von der Ehebrecherin gelesen. Wer unter Euch von Sünde rein ist, der werfe den ersten Stein auf sie! hatte der Priester mit Jesu Worte» gesagt. Tausend edle Sclbstvorwürfc und großmüthige Vorsätze erwachten bei diesen Worten in den Herzen seiner Zuhörer; Vorwürfe, daß man nicht vergeben habe, Vorsätze, daß man vergeben wolle. Miguel und seine Schwester beschleunigten ihre Schritte, als sie sich dem Dorfe näherten, um dieses noch zu durchwandet», so lange es wie ausgestorben war, das heißt, bevor die Leute anS der Kirche kämen. Sie betraten den Kirchplatz; in der That war noch Alles öde und still. Aber da öffnete sich plötzlich die Kirchenthürc, und fast die gesammlc Einwohnerschaft bevölkerte den Platz. War Clemcntina's Schuld groß gewesen, so war auch die Sühne schwer, welche in diesem Augenblick über sie erging. Denn wir würden ob ihrem Scclenschmcrz erschrecken, wenn es uns vergönnt wäre, in die Tiefen ihres zerrissenen Herzens zu schauen. Ein Jubelruf und keine Schmähung empfing den gefallenen und in der Schule des Unglücks wieder aufgerichteten Engel. Nur Mitleiden und Liebe fand Clementina bei den Bewohnern ihres Dorfes. Alles dachte, daß sie sehr unglücklich, Niemand dachte, daß sie schuldig war; und auch dem Gerechtesten fiel es nicht ein, den ersten Stein auf sie zu werfen. Selig sind, die da weinen, selig, die vergeben. P e t r o l e o,n a n i e. Mit Wachslicht, Sonncnkcrzcn, Mit all' dem ist's herum, Es brennen alle Herzen Nur für's Petroleum. Das Kett des Ungeheuers Ist nichts mehr, und dahin Die Poesie des Feuers Am traulichen Kamin. Sie, die auch uns're Glieder Mit ihrer Kohle wärmt, Die Erde hat uns wieder: Für Erdöl wird geschwärmt. In jedem Magazine Sicht Alles sich nur um Nach Lampen für Camphinc Und für Petroleum. Denn aus derselben Grube, Drin sie das Gold bewahrt, Wo sonst, vom Mohn befeuchtet, Die Lampe still gebrannt. Wird jetzt die Nacht erleuchtet Von Pluto's cig'ner Hand. Schenkt sie das Licht der Stube, Wo man den Kreuzer spart. Die groß und kleinen Kinder Erfreut der neue Stern, Nur leider die Cylinder Zerbricht es gar so gern. Hermann Lingg. 256 (Man muß sich zu helfen wissen.) Nach Uebernahme des Commandos eines Infanterie-Regimentes des norddeutschen Bundeshecres durch einen Preußischen Oberst hielt derselbe eine Jnspizirung über das ihm anvertraute Regiment ab. Der Oberst hatte einen Zug als Schützen ausschwärmen lassen, und fragte nun den Führer des Zuges, einen Seconde-Lieutenant, was er wohl anfangen würde, wenn er plötzlich von feindlicher Kavallerie bedroht würde. Der Lieutenant gab die Antwort, er würde durch den Hornisten das Signal zum Carrö-Foriuircn blasen lassen. „Was würden Sie aber thun, wenn Ihnen der Hornist weggeschossen ist?" fragte der Oberst weiter. Der Offizier stutzte. Der Oberst, die Verlegenheit des Lieutenants gewahrend, nahm dem neben ihm stehenden Hornisten das Horn aus der Hand und sagte: „Dann bläst man selbst," und blies nun zur Verwunderung des ganzen Regiments mit großer Fertigkeit alle Signale vor. (Wie das Skalpiren thut). William T h o mp s o n, ein Telegraphist an der Pacific-Eisenbahnlinie, hat ein romantisches Abenteuer gehabt. Er ist von Indianern skalpirt worden und lebt noch, um es erzählen zu können. Er verlor seinen Skalp kurz vor der Wegnahme des Zuges an Plum Creek Station, die neulich gemeldet wurde, und Folgendes ist die Geschichte, die er den staunenden Bürgern von Omaha, wo ersetzt ist, erzählt: „Dienstag Abends ungefähr 9 Uhr verließ ich und fünf Andere Plum Creek Station, und fuhren wir die Strecke hinauf auf einem Handkarren, um nachzusuchen, wo der Bruch im Telegraphen sei. Als wir an der Bruchstelle ankamen, sahe» wir eine Menge Ziegel auf der Strecke aufgeschichtet, aber in demselben Moment sprangen ringsherum Indianer vom Gras auf und feuerten auf uns. Wir feuerten zur Erwiderung zwei bis drei Schüsse ab, aber da wir sahen, daß die Indianer auf uns eindrangen, liefen wir fort. Eiu Indianer auf einem Ponny suchte mich heraus und sprengte an zu mir. In einer Entfernung von 10 Fuß feuerte er auf mich, bei welcher Gelegenheit eine Kugel in meinen rechten Arm drang: da er mich noch laufen sah, drehte er sein Gewehr um und schlug mich mit dem Kolben nieder. Dann nahm er sein Messer heraus, stach mich in den Hals, wickelte das Haar um seinen Finger und begann dann mit Sägen und Hacken meinen Skalp abzuziehen. Obgleich der Schmerz grauenhaft war, und ich Schwindel und Unwohlsein fühlte, so wußte ich doch recht gut, daß ich mich ruhig verhalten mußte. Nach ungefähr einer halben Stunde that er den letzten Schnitt am linkenSchlaf, und da der Skalp noch ein wenig hing, so gab er einen Ruck. Da dachte ich, ich müßte mein Leben aushauchen. Ich kann es Ihnen nicht beschreiben. Ich fühlte gerade, als ob der ganze Kopf weg wäre. Darauf schwang sich der Indianer in den Sattel und galoppirte davon. Aber wie er wegging, ließ er meinen Skalp wenige Fuß von mir entfernt fallen, welchen ich nun glücklich erlangte und verbarg. Die Indianer waren dicht in der Nachbarschaft, sonst hätte ich meine Flucht bewerkstelligen können. Während ich so dalag, konnte ich die Indianer umherlaufen, miteinander flüstern und dann kurz darauf Hindernisse auf die Strecke legen boren. Nachdem ich so ungefähr anderthalb Stunden dagelegen hatte, hörte ich das tiefe Rumpeln des Zuges, wie er dahcrgebraust kam, und ich wäre wohl im Stande gewesen, ein Zeichen zu geben, wenn ich es gewagt hätte." Frage: Was ist ein Beamter, der auf einen Orden wartet? Antwort: -zpvauiizzZ, zuiD Charade. (Zweisilbig.) Mein Erstes birgt der grüne Wald, Wenn froh dein Horn darin erschallt, So wünsch ich dir ein gutes Zweites Doch würdest du bei Groß und Klein Wohl unbeliebt als Ganzes sein. Auflösung der Charade in Nro. 31: Bettel-Sprüche. Druck, »erlaa und Nedaltton bk» »tcrartschen Institut« von vr. M. Huttler.