Nr. LL 16. August 1868. Augsburger Muß sich ein Mann in rechtem Worte zeigen Durchsichtig, klar, wie ein Krystall, So lern er auch verstehn das rechte Schweigen, Das ihn umgiebt gleich einem Wall. Johannes Schrott. Auch eine Crirnina!-Geschichte. (Fortsetzung.) II. Die Untersuchung. Die Vorgänge, welche wir im vorigen Kapitel in einer wohl etwas zu leichten Weise erzählt, waren indessen ernst genug, und wohl im Stande, die kleine Stadt L... in große, ungewöhnliche Aufregung zu versetzen. -k... war während vieler Jahrhunderte die Residenz eines Fürsten gewesen, besten Souveränität durch den Neichsdcputations-Hauptschluß vom Jahre 1803 ein Ende gefunden hatte; das war der erste harte Schlag, der T... betroffen. Einige Jahrzehnte später war denn auch noch der letzte Repräsentant der alten Herrscherfamilie gestorben und das stattliche und weitläufige Schloß und anderes Besitzthum an eine Seitenlinie gefallen. Nun verließen auch die letzten Beamten und Hofdicner die Stadt, welche dadurch ihre eigentliche Lebcnsbedingung schwinden sah. Der neue fürstliche Besitzer kümmerte sich wenig um den Ort, und so war denn T... zu einem kleinen, stillen Landstädtchen herab- gcsuuken, das nur durch seine wahrhaft schöne Lage irgend einen Pastanten zu intercssiren und auf kurze Zeit zu fesseln vermochte. Im vergangenen Sommer nun war Herr Laibel zum ersten Mal in T... gesehen worden. Er hatte sich mehrere Tage daselbst aufgehalten, denn der Ort und die Gegend schienen ihm zu gefallen. Eines der alten, großen und öden Häuser war zu verkaufen gewesen — sein letzter und einziger Besitzer und Bewohner, ein ehemaliger fürstlicher Amtmann war gestorben — und zur größten Verwunderung der Einwohner hatte Herr Laibel das Haus mit dem hübschen Garten gekauft. Während des Winters war Mancherlei in der Wohnung ausgebessert und hergestellt worden; nach und nach langten Fuhren mit Möbeln und anderem Hausrath an, und im folgenden Frühling — etwa vor einem halben Jahre — zog denn auch Herr Laibel mit seiner Familie, aus seiner Frau und zwei Kindern, einem Mädchen von etwa fünf, und einem Knaben von neun Jahren bestehend, in^sein stilles und hübsches, doch auch etwas düsteres Besitzthum ein. Der neue Einwohner von T... zeigte sich sofort als ein Sonderling. Er verkehrte fast niit keinem seiner Mitbürger, hielt sich meistens in seinem großen Hause auf, und wenn er ausging, so suchte er stille Wege, abgelegene Stellen auf, immer bemüht, den Leuten so viel als möglich auszuweichen. Seine Frau lebte fast eben so still für sich, ihr Hauswesen und ihre Kinder, und eine Magd, aus der Gegend daheim, vermittelte die Einkäufe in der Stadt und die etwaigen Geschäfte mit den Handwerksleutcn. Die Kinder sah man meistens im Hof und im Garten spielen, oder die Mutter führte sie spazieren, doch ohne Scheu vor öffentlichen Orten und den ihr etwa Begegnenden. Den Unterricht der Kinder mußte wohl der Vater besorgen — wenn sie überhaupt welchen erhielten. Die Bewohner von L... erfuhren nichts Näheres darüber, so große Mühe sie sich auch gaben, es in Erfahrung zu bringen. 258 Die Familie lebte in dieser Weise still und eingezogen, doch soll es oftmals heftige Auftritte zwischen Herrn Laibel und seiner Gattin gegeben haben, wie die Magd den Leuten, mit denen sie in Berührung kam, oft, doch ganz im Vertrauen erzählte. Wcß- chalb und worüber diese Zwistigkeiten entstanden, wußte die Dienerin nicht und überließ dadurch den Neugierigen ein weites Feld der Vermuthungen, welches denn auch von den ehrsamen Bürgern und Handwerkern in schönster Weise bebaut wurde — nur nicht zum Vortheil des Herrn Laibel. So viel hatte sich indessen im Laufe des halben Jahres über die Familie festgestellt, daß Herr Laibel ein düsterer, menschenfeindlicher und höchst jähzorniger Mann sei, der seine Frau quäle und tyrannisire, und ferner, daß über den Leuten ein Geheimniß schlucke, das nicht zu durchdringen sei und demnach etwas Unheimliches, Gefährliches bergen müsse. Am vergangenen Samstag nun hatte man die Familie zum letzten Male gesehen. Am Sonntag war das Haus verschlossen geblieben, was indessen keineswegs aufgefallen. Die Thüren und Fenster öffneten sich aber auch an den folgenden Tagen nicht, und nun begann man aufmerksam zu werden — wozu Gevatter Heubach, seines Zeichens ein Schlossermeister, nach seiner eigenen Aussage, nicht wenig beigetragen. Dann wurde leise allerlei gemunkelt und vermuthet, und bald schauten die Bewohner der Gasse mit scheuen Blicken auf das düstere Gebäude, in dem auf alle Fälle irgend etwas Ungewöhnliches passirt war, und das ganz gewiß ein Geheimniß barg. Noch blieb es beim Vermuthen, als aber am Mittwoch der Gerber Fritze seinem Freönde Heubach seine Beobachtungen mittheilte, von dem so verdächtig durch alle Räume des Hauses irrenden Lichte erzählte, so er in der Nacht von: Samstag auf den Sonntag gesehen, da endlich platzte die Bombe. Die ungeheuerlichsten Reden über das sonderbare und vollständige Verschwinden der Familie, von Heubach zuerst angestimmt, wurden Plötzlich laut und lauter, bis sie endlich ber Ortspolizei zu Ohren kamen, die denn auch pflichtschuldigst Notiz davon nehmen mußte. Und sie that dies gerne, sogar mit großem Eifer, denn die Herren der Polizei und des Gcmeinderaths waren ebenfalls Kinder der Stadt und nicht weniger neugierig, als ihre übrigen Mitbürger. Es war indessen auch ernste Pflicht der Behörden, nachzuforschen, denn der Vorfall war wirklich beunruhigend, wenn nicht verdächtig. Der Gerber Fritze wurde auf die Polizei und das Ortsgcricht befohlen, und mußte haarklein berichten, was er in jener Nacht gesehen. Seine Aussage wurde zu Protokoll genommen, und die Vorstände der Polizei und des Ortsgerichts, sowie die Väter der Stadt beschlossen endlich nach langer Debatte, am folgenden Tage ihre Anzeige beim Criminalgcricht der nahen Hauptstadt LU machen. Am Abend dieses Tages nun machte der Tischlermeister Andres die im vorigen Kapitel erzählte wahrhaft gravircnde Deposition, wodurch die Vermuthungen über irgend ein in dem alten Hause begangenes Verbrechen so zu sagen zur Gewißheit erhoben wurden. Welch' ein gewaltiges Aufsehen diese Aussage in der ewigen Lampe sowohl als in der ganzen Stadt erregte, in der sie noch am selben Abend von der hundcrtzüngigen Fania — vertreten durch die Stamm- und andere Gäste des Wirthshauses — verbreitet wurde, bedarf wohl keiner näheren Darlegung. Am folgenden Tage und schon am frühen Morgen wurde der Tischlermeister auf das Ortsgericht citirt und mußte hier, und sogar vor dem Herrn Bürgermeister und den Herren Gemeinderätheu Alles wiederholen, was er sicher schon mehr denn einmal erzählt und berichtet. Mit Ernst und Würde, der Wichtigkeit seiner Aussage vollständig bewußt, gab er das, was er gesehen, so ausführlich als möglich zu Protokoll, und nun wurden ^ die Akten, mit einem passenden Bericht versehen, auch sofort durch den Ortsgcrichtsdiencr an das Criminalamt abgesandt. 259 ^ Noch am selben Abend brachte der Bote in einem großmächtigen Schreiben die Nachricht, daß am andern Tage, am Freitag, einer der Herrn Richter nach -k .. kommen würde, um die Sache zu untersuchen und dann weiter zu thun, was Rechtens sei. Noch war von Seiten der Ortsbehörde nach der Magd Laibcls, die dieser an jenem verhängnißvollen Samstag so Plötzlich entlassen, geforscht worden, doch hatte man die Person nicht in ihrem Heimathsorte gefunden, indessen die Vorsorge getroffen, sie für den ^ nun kommenden wichtigen Tag in L... einzubringen. Somit hatte denn die Ortsbchörde Alles und so gut als nur möglich, vorbereitet, um auf eine baldige Aufklärung des rätselhaften Vorfalls hoffen zu dürfen, sowie irr erfolgreicher Weise den Alp zu bekämpfen und zu bannen, der auf der ganzen Bevölkerung von L .. . nun einmal lastete. So war denn der Freitag herangekommen. i Auf der Ortsgerichtsstube saß der Beamte, welcher vom Criminalamt gesandt worden war, die Untersuchung der eigenthümlichen Angelegenheit zu leiten, und ihm zur Seite standen die Vorstände der Polizei und des örtlichen Gerichts, sowie die Mitglieder des Gcmcindcrathcs nütsammt dem Bürgermeister, so viel ihrer der nicht allzugroße Raum nur fassen konnte. Gerber Fritze hatte seine Aussage von dem wandelnden Lichte noch einmal wiederholt, Meister Andres nochmals berichtet, wie er in der Nacht um eilf Uhr den Laibel bei dem Ziehbrunnen gesehen und wie dieser einen Gegenstand —ganz gewiß eines seiner armen Kinder, in den Brunnen geworfen, wobei zu gleicher Zeit der laute Aufschrei erklungen, den er jetzt noch zu hören vermeine, und der ihm noch immer durch Mark und Bein gehe. Der Untcrsuchungs-Nichter, ein ernster Mann gesetzten Alters, hörte die Deposition der beiden Zeugen ruhig mit an und begann dann noch allerlei Fragen zu stellen, welche indessen kein weiteres Resultat ergaben. Da meldete der Ortsgerichtsdiencr die Ankunft der Magd Laibels. Auf einen Wink des Richters wurde diese sofort vorgeführt. ' ES war eine Bauerndirne, die über die erste Jugend hinaus zu sein schien. Fest und bestimmt trat sie auf, und ihre Züge waren erregt, wie der Blick, mit dem sie die versammelten Herren der Reihe nach anschaute. Die Vorfragen ergaben, daß sie Hanne heiße, in einem Dorfe etwa vier Stunden ^ von T... daheim sei und seit etwa fünf Monaten im Dienste der Laibelfchen Familie gewesen, bis ihr Dienstherr sie am vergangenen Samstag plötzlich entlassen habe, ohne daß sie wisse, warum. Auf dem Wege hierher nach T... habe sie erfahren, was da vorgefallen sein sollte, und wolle sie reden, ohne Scheu, und könne sie auch etwas sagen, das sicher von größter Wichtigkeit sei. . Doch der Beamte, in gegründeter Vorsicht und der Gewißheit, dennoch Alles zu erfahren, was die Person wisse, oder zu wissen vermeine, forderte sie auf, zuerst über ihren früheren Dienstherrn und dessen Verhältniß zu seiner Familie zu berichten, wobei er die Magd noch mit eindringlichen Worten ermähnte, ja bei der Wahrheit zu bleiben, nv»° das zu sagen, was sie zu verantworten, nöthigenfallS mit einem Eide zu bckräsligcn im Stande sei, indem ein allzurasch gesprochenes, oder gar unwahres Wort größtes Unheil anrichten könne, sie selbst schwerster Verantwortung aussetze. Diese Worte schienen auf die Magd keinen Eindruck zu machen, und ohne daß irgend eine merkliche Veränderung in ihr vorging, erzählte sie in rascher, redseliger Weise, daß Herr Laibel ein häßlicher, finsterer und böser Mann sei, mit dem man nicht habe leben können, und es ihr immer unbegreiflich geschienen, daß seine arme Frau ^— die sonst ganz leidlich gewesen — es so lange bei ihm ausgehalten. Oftmals habe es zwischen Mann und Frau schlimme Auftritte gegeben, doch stets hinter verschlossenen Thüren. Dann sei er aufgefahren, habe sogar geschrieen, und das Wort „Geld" habe ^ sie bei solchen Anlässen mehrfach vernommen, doch wenig mehr. Aber am vergangenen 260 Samstag habe sie etwas gehört, was sie damals kaum beachtet, nunmehr aber ganz gut verstehe, und das den schlechten Menschen als — Mörder seiner eigenen Familie entlarve. Die Zeugin, welche immer eifriger gesprochen und den Augenblick kaum erwarten zu können schien, wo sie an den Hauptpunkt ihrer Aussage angelangt, wurde nun von dem Richter unterbrochen und nochmals aufgefordert, der Wichtigkeit ihrer nunmehrigen Depo- sition eingedenk zu sein und nur die Wahrheit, die volle Wahrheit zu sprechen. „Ihr könnt deßhalb ganz ruhig sein, Herr Richter," cutgegnetc die Magd. „Ich will Euch nur erzählen, was am vergangenen Samstag in dem Hause vorgefallen ist — so viel ich nämlich davon weiß — und was ich gehört und kein Wort weniger, noch mehr. Das ist Alles überflüssig, denn was ich gehört, ist genug, um den — Mörder an den Galgen zu bringen! — Herr, du mein Gott, die arme Frau! — die armen Kinder!" Lautlose Stille herrschte in dem Raume, und der Richter war nicht weniger gespannt -auf die inhaltschweren Aussagen der Magd, wie die übrigen Anwesenden. Doch am gespanntesten von Allen war wohl Meister Andres, dessen Augen förmlich funkelten und -dessen Lippen sichtbar vor Aufregung zitterten. Zum Reden aufgefordert, sprach dann Hanne. „Am Samstag in der Frühe war wieder Spektakel zwischen Mann und Frau, und es drehte sich wieder um Geld, das konnte ich in der Küche hören, und auch daß die arme Frau weinte und schluchzte. Immer wüthender wurde der schlechte Mensch, bis endlich auch die armen Kinder zu weinen anfingen. Ich spürte einen gehörigen Zorn fn mir und war schon entschlossen, den Dienst zu kündigen und heimzugehen, denn das mochte ich nicht mehr mitanhören noch ansehen. Ich rumorte in meinem Aergcr in der Küche mit Töpfen und Kasserolen, bis der Laibcl oben die Thüre aufmachte und mit wüthender Stimme mir zuschrie: ich solle mich aus der Küche und zum Teufel scheeren, worauf der Spektakel in der Stube wieder von Neuem losging. Ich that denn auch, was er mir geheißen, denn ich wollte nicht weiter horchen, ich mochte es nicht; die Händel der Beiden gingen mich nichts an, und ich hätte mich auch noch mehr geärgert, wenn ich gehört, wie der Mann das arme Weib maltraitirte. Ich ging also aus der Küche fort und in die Schlafkammcr, um diese in Ordnung zu bringen. Da hantirte ich denn eine Weile; die Betten hatte ich gemacht, gelüftet und abgestäubt, als ich plötzlich Geräusch in der Stube vernahm. Ich stand in einer Ecke und in der Nähe eines Bettes; wie ich aufschaue, sehe ich den Herrn, der mittlerweile eingetreten, wie er mit feuerrothem Gesicht, glühenden Augen in.der Stube auf- und abgeht, leise vor sich hinspricht und dabei mit den Händen in der Luft hcrumflankirt. Ich ducke mich erschrocken hinter die Bettlade und verhalte mich mäuschenstill, denn er sah gerade aus, als ob er mich hätte umbringen können, wenn ich ihm jetzt in den Weg gekommen wäre. Das dauerte eine kleine Weile, dann wurden seine Reden lauter und er sagte! — Ja, Ihr Herren, was er da gesagt, das habe ich deutlich mit diesen meinen Ohren gehört und kann eS mit hundert und tausend Eiden beschwören." Dabei blickte die Sprecherin mit triumphirender Miene den Richter an, der dem Bericht mit steigendem Interesse gefolgt und sich sagen mußte, daß er hier — abgesehen von dem Widerwillen, den die Person schon längere Zeit gegen ihren Herrn hegen mochte — nur Wahrheit höre. Er war so gespannt auf das, was nun folgen würde, daß er ganz vergaß, die Magd zum Weiterreden aufzufordern, und so fuhr denn diese nach einer kleinen Pause, welche die Erwartung der klebrigen auf's Höchste steigerte, fort: „Laut und mit seiner bösen, wüthenden Stimme — ich hab' die Worte nicht vergessen, und höre sie noch" — sagte er: — „Ich muß ein Ende machen — heute noch — sie ruiniren mich! Ich muß sie mir vom Halse schaffen, auf eine oder die andere Weise. — Der Satan mag sie holen!" — Das klang mir damals schon schrecklich, ohne daß ich wußte, was es eigentlich zu bedeuten habe — heute aber! — O du mein Gott! ich 261 möchte weinen, verzweifeln, daß ich es nicht gleich angezeigt! — Welch' ein Unglück hätte ich verhüten können! Ach, der liebe Gott wird es mir armen Person nicht zu schwer anrechnen; ich hab's ja nicht gewußt, wem es gegolten! — Die armen — armen Kinder!* Die Thränen traten ihr in die Augen und ihre Stimme drohte in einem Schluchzen zu ersticken, und manchen Anwesenden ging es ebenso. Meister Andres, Gevatter Heubach und auch der derbe Gerber Fritze zitterten vor Erregung mit der Hanne förmlich um die Wette, und die übrigen amts- und gcmeindcräthlichen Personen waren nicht bester daran. Nur der UntcrsuchungS-Richter war diesmal kalt geblieben, und mit größter Ruhe, strengem Ernste forderte er die Magd auf, ihre Zeugenaussage zu Ende zu bringen. Hanne sprach dann weiter: „Das hat er gesagt, so wahr mir Gott helfe! — Es wurde mir, wie gesagt, Angst und bange, ohne recht zu wissen, warum, und ich konnte einen leisen Schrei nicht unterdrücken. Das war mein Unglück. Den Schrei hören, sich umwenden, mich sehen und auf mich losstürzen, war Eins. Ich glaubte, nun ginge es mir an's Leben, denn ein Paar geladene Pistolen hingen über seinem Bette, hinter dem ich mich niedergeduckt. Doch er that mir nichts; nur fuhr er mich wie ein Wüthender an. Was ich da mache, was ich wolle? und so weiter. — Er ließ mich gar nicht zur Antwort kommen.* — Ich habe ihn belauschen, verrathen wollen, so schrie er, das solle mir theuer zu stehen kommen und ich mich zuni Teufel scheercn, gleich auf der Stelle. — Lieber heute wie morgen! hätte ich dem Wütherich gerne zugerufen, und noch mehr dazu, aber ich verschluckte, was ich auf dem Herzen und schon auf der Zunge hatte, und machte, daß ich aus der Kammer kam. Am Mittag zahlte mir die Frau mit rorhgewcinten Augen meinen vollen Lohn aus — ein braves Weib war sie, die arme Person, das muß man ihr lasten! Unser Herrgott habe sie selig! — Ich schnürte mein Bündel und nach dem Esten verließ ich das Unglückshans und ging heim. Ihn hab' ich nicht mehr wiedergesehen, und sie auch nicht — und die armen Kinderchen auch nicht! — O, du mein Gott, die arnien Würmchen! So früh haben sie sterben müssen und durch den eigenen Batcr! — Es ist schändlich — himmelschreiend!" — Und in ein bitteres Weinen und Schluchzen brach die arme Person aus, das einen Stein Hütte erweichen können, und in das verschiedene Anwesende mehr oder minder verschämt und ohne es zu wollen — unwiderstehlich mit einstimmen mußten. (Fortsetzung folgt.) Wie ein christlicher Held stirbt. „Die letzte Blume des blutgcdrängten Feldes Mentana ist entblättert, der letzte der schwerverwundeten Helden der päpstlichen Zuavcn hat ausgelittten, der Sergeant Leo Brake aus Laerne, in der Nähe von Gent. Er starb den schönsten, ruhigsten, heiligsten Tod, den ich je gesehen" — sagte die Oberin zum hl. Geist in Rom, die ihn gepflegt hatte. Sein Hingang ist nicht nur äußerst erbaulich, sondern auch von besonderem Interesse für Diejenigen, welche sich, wie ich, oft die Fragen vorlegten, ob nicht die Seelen, die scheinbar sanft hinüber schlummern, doch innerlich immerhin ihren harten Todeskampf durchzukämpfen haben? Nun wie es Leute gibt, die laut denken, so kann man sagen, Leo Brake ist laut gestorben, wir können also von ihm uns erbauen und belehren lasten. Wenn man den Patienten fragte: „Wie geht's Brake?" antwortete er stets: „Nicht allzu schlimm." Am Morgen seines Sterbetages erwiederte er: „Nicht sehr gut." I» der That hatten seine Kräfte plöfflich sehr abgenommen, so daß man den Hospitals - geistlichen, Hcn. Paeps, davon in Kenntniß setzte. „Nun wie gch'ts heute?" fragte dieser. „Nicht sehr gut, Herr Pastor!" „Wollt Ihr nicht die heiligen Sakramente zur Stärkung empfangen, lieber Freund?" „Gewiß, sehr gern, herzlich gern." ES war 7 Uhr Morgens. Brake empfing die Sterbesakramente mit rührender Andacht: er antwortete selbst mit großer Inbrunst auf die Sterbegebete. „Glauben Sie, daß ich heute sterben werde?" fragte er nachher. „Wahrscheinlich, mein Lieber." „Ach wie gut, ach wie gut!" Nach einer kleinen Pause hob er wieder an: „Soll ich wohl noch den ganzen Tag zu leiden haben?" Die barmherzige Schwester antwortete: „Das zählt ja statt des Fcgfeucrs." „Ja, Sie haben Recht." Darauf begann er zu schlummern; man glaubte, es sei für immer, aber er schlug wieder die Augen auf und sagte: „Der liebe Gott will mich noch nicht, meine Seele mag noch nicht fort." Wiederum siel er in sanften Schlaf; ein seliges Lächeln umspielte seine Lippen, ein Widerschein des ewigen Friedens leuchtete auf seinem Antlitz; wiederholt machte er das hl. Kreuzzeichen. „Was habt Ihr, Bracke, was macht Ihr?" fragte die Schwester. „Ach Schwester, ich meinte, ich sei im Himmel; laßt mich doch, daß ich schneller hinkomme!" Der Geistliche trat nun zu ihm hin: „Bracke, hört mich einmal an. Man sagt, die letzte Stunde sei voll des Schreckens und der Angst im Angesichte der Ewigkeit, empfindet Ihr so etwas?" „O nein, Herr Pastor, ich bin sehr ruhig, sehr glücklich, ich habe gar keine Furcht, ich verlange nach dem Tode." Nun gaben ihm die Umstehenden allerlei Auftrüge für den Himmel. „Ihr vergeht uns nicht beim lieben Gott, nicht?" „Nein, Schwester." „Ihr bittet mir eine Gnade aus bei der hl. Mutter Gottes?" „Ja, Schwester." So hatte der Eine dieses, der Andere jenes, einem Jeden antwortete er mit der größten Freundlichkeit. Gegen 11 Uhr schien der letzte Augenblick gekommen, er gab kein Lebenszeichen mehr. Der Krankenwärter Bechet legte sich über ihn und rief mehrmals: „Bracke, Leo!" Endlich schlug er die Augen auf und sagte: „Bechet, Bechet, was hast Du gethan? Ich war am Sterben, ich war auf dem Weg zum Himmel, und Du hast mich aufgehalten!" Oefters wiederholte er noch die Worte: „Ach, Herr Pastor, macht, daß ich fort komme in den Himmel, meine Seele will nicht fort; und dann wandte er sich wieder zum Krankenwärter und sagte wehmüthig: „Bechet, Bechet, Du hast mich aufgehalten." „Ihr verzeiht ihm?" fragte der Geistliche. „O ja, von ganzem Herzen." Das waren die letzten Worte. Ein Zuavenlieutenant, der am Bette stand, küßte den Sterbenden auf die Stirne; er sah ihn mit einem so leuchtenden Blick und so himmlischen Lächeln an, daß den Augen des Offiziers die Thränen entstürzten. Das waren die letzten Lebenszeichen. Um 1'/^ Uhr schlummerte er Hinübel: ohne die geringste Zuckung. Es war eine Stimme unter den Anwesenden: Bracke ist im Himmel. Die Schwestern, die Krankenwärter, die Umstehenden, Alle weinten Freudenthräncn. Jeder wünschte an seiner Stelle zu sein. So starb der christliche Streiter, der zur Anerkennung für sein echt soldatisches Wesen und zum Lohn für seine Tapferkeit erst jüngst war befördert worden, getroffen von der mörderischen Kugel eines Garibaldianers. Wenn Garibaldi ebenfalls auf dem Schlachtfelde von Mentana den Tod gefunden hätte, mit wem — ohne dem Gerichte Gottes vorgreifen zu wollen — mit wem hättest Du hinübergehen mögen, mit dem frommen Vertheidiger oder dem räuberischen Feinde des heiligen Vaters, mit dem simplen Zuavcnunteroffizier oder dem berühmten Räubcrgencral? Das nationale Frachtgut. (Eine Humoreske aus Czechien.) Pan Jiri Srp, zu deutsch Herr Georg Sichel, zählte sich mit Stolz zur Nation der Czechoslavcn. Klebte ihm auch theilweise der Schandfleck deutscher Abstammung an, denn sein Vater, Kanzleidiener des k. k. Steueramtes zu A. nannte und schrieb sich kurzwcg Sichel — so hatte doch der Sohn den Offenbarungen des czcchischen Dreigestirnes Palacky, Brauner und Rieger gelauscht, trug stolz Czamara und Ziskastock, und nannte 263 sich selbstbewußt Pan Iiri Srp. Von jeher hatte es das Schicksal auf große Männer abgesehen. Auch Pan Srp sollte die Wahrheit dieses Spruches an sich erfahren. Oder war es etwa nicht blutige Ironie des Fatums, daß er, der Vollblutczeche, seine Dienste einem deutschen Handlungshause widmen mußte? Herr Großmichel, so hieß der Chef Pan Srp's, war Besitzer einer Glashütte zu F. Daß ein Mensch, der Großmichel heißt, nur ein Deutscher sein kann , bedarf keiner Erwähnung. Die Wahrheit zu sagen, huldigte indessen Herr Großmichel in nationaler Beziehung dem vollständigsten Utraguismus, d. h. er nahm Geld ohne Unterschied von Deutschen und Czcchcn, fluchte mit seinem Personal bald „Heiligdonnerwetter", bald „/.utrsoen^" und belegte alle nationalen Bestrebungen, gleichviel von welcher Seite sie kamen, kurzweg mit dem Namen „Eseleien". Insoweit hätte Pan Srp also mit seiner Stellung zufrieden sein »können. Was ihn aber wurmte, war, daß alle Briefe des Hauses deutsch geschrieben werden mußten, so daß er, des lieben Brodes wegen, sich gezwungen sah, auch seine Hand zu diesem nationalen Frevel herzugeben. Zu den besonderen Obliegenheiten Pan Srp's gehörte es, die Waarenkisten mit den betreffenden Aufschriften zu versehen. Es gab ihm jedesmal einen Stich ins Herz, wenn er die Worte Micht stürzen", „Vorsicht" u. s. w. auf eine solche Kiste schreiben und damit fremden Nationen das demüthigende Geständniß machen mußte, das Land der heiligen Wenzelskrone befinde sich noch immer in den Händen der „deutschen Henker". * Eines Abends hatte Pan Srp im Wirthshause einen schwungvollen Artikel in seinem Lieblingsblatte, den „Narodni Listy", gelesen, worin jeder echte „viastönöo", d. h. Patriot, beim Andenken Libussa's, Przcmysl's und König Wenzels, durstigen Andenkens, beschworen ward, nur in der „alleräußersten Nothwendigkeit" deutsch zu sprechen, und gerade an diesem Tage hatte Pan Srp wieder ein Dutzend Kisten mit deutschen Aufschriften versehen müssen! Zu schmcrmüthiges Sinnen über das Geschick seines geknechteten Volkes versunken, kehrte er im Mondscheine nach Hause zurück. Im Hofe standen die zur Absenkung bereiteten Collis. Bon jeder Kiste grinste ihm das Wort „Vorsicht" entgegen. Nur die letzte und größte trug noch keine Aufschrift, wahrscheinlich, Weib die Leute sie erst nach Schluß der Komptoir-Stunden herbeigeschafft hatten, aber schon standen Farbentopf und Pinsel, zum schnöden Werke bereit, daneben. Da zuckte die Idee einer großen nationalen That durch Pan Srp's Gehirn. Er war allein; nur der Mond, der Verschwiegene, sah ihm zu. Rasch faßte er den Pinsel, schrieb mit markigen Lettern auf den Deckel der Kiste das Wort „I'oxor!" und stieg dann stolz hinauf nach seinem Schlafgcmache. Niemand hatte die kühne That gesehen und eine Entdeckung brauchte er nicht zu befürchten, denn die Kisten wurden ja früh Morgens unter seiner Aufsicht nach dem Bahnhöfe geschafft. Alles ging nach Wunsch. Pan Srp begleitete am andern Tage die Collis zur Eisenbahn und kehrte hierauf, sich vergnügt die Hände über seinen, den, „deutschen Henkern" gespielten Schabernack reibend, nach dem Komptoir zurück. Die Collis aber traten noch an demselben Abende ihre Wanderung nach Hermannstadt im fernen Siebenbürgen an. Der Zufall wollte es, daß der Bahnbcamtc zu Brüun, welcher die Anmeldung der Collis leitete, ein Gesinnungsgenosse Pan Srp's war. Da auch er sich der nationalen That freute, so ward auf seinen Befehl dem „nationalen Colli" die rücksichtsvollste Behandlung zu Theil. Aber schon in Wien änderte sich die Sache. Der Bodenmeister der Nordbahn, ein Lcrchcnfelder, besah sich eine Weile kopfschüttelnd'den Ankömmling aus Czcchicn. „Kruzitürken!" rief er endlich, „was ist denn das für eine verfluchte Aufschrift! Da kommt's her, Männer! Wißt's Ihr vielleicht, was das verfluchte Wort bedeutet?" Unter den aufgerufenen Packern, die sich gleichfalls kopfschüttelnd um das Colli versammelten, befand sich zum Glücke ein Abkömmling Libussa's. „Pozor" heißt Vorsicht, Pane Bodenmeistcr!" sagte Frantischck, wird sein Glas in Kiste." „Na," rief der. Bodenmeistcr unmuthig, „das 264 fehlt unS gerade noch, daß wir anch noch böhmisch lernen sollen, hier bei der Eisenbahn! Paßt'S auf, Leute, daß Ihr mir Nichts zerbrecht!" In Pest wiederholte sich die Szene des allgemeinen Kopfschüttelnd „^riebbgckls," fluchte der lange Gabor, der Bodciimcistcr, ein Vollblutmagyar vom reinsten Wasser. „Was ist das verfluchtes Wort, was kann der Mensch nit lesen!" Der Zufall wollte, daß auch hier ein Przemyslidc zur Hand war, welcher über die räthselhafte Inschrift Aufschluß gab. Die Entdeckung, daß das Wort böhmisch sei, war aber für den langen Gabor zu viel. Die Zornesader auf seiner Stirne schwoll, kdbnckla böhmisches Schwab!" fluckte er. „Warum schreibt nicht verfluchtes böhmisches Schwab magyarisch, wenn nicht will schreiben deutsch! Da, schwuppi." Bei dem Worte „Schwupp" gab er dem Colli einen Tritt, daß .es Unterst zu obcrst über den Perron hinabkollerte. Ein langgehaltener Klageton aus dem Innern der Kiste war die Antwort auf die schnöde Behandlung. Der lange Gabor und seine Genossen aber brachen in ein lautes Gelächter aus, in welches der entartete Bürger des czechischcn Reiches gleichfalls einstimmte. Davon, wie es dem „nationalen Colli" in Temesvar und weiter hinab bis zum Orte seiner Bestimmung, unter den Wallachen, Szlklern und Sachsen ergangen, schweigt die Geschichte, Herr Großmichel aber erhielt etwa vier Wochen nach Pan Srp'S nationaler That folgenden Bries von seinem Geschäftsfreunde aus Hcrmaunstadt: „Die uns mit Ihrem Werthen vom . . . fakturirten Colli Nr. 1 bis 11 sind uns heute bestens zugegangen. .Wir bedauern indessen, Ihnen die unangenehme Mittheilung machen zu müssen, daß Colli Nr. 12, obwohl äußerlich unbeschädigt, nur gänzlich zerbrochene Waare enthielt. Wie bei der^sonst guten Verpackung dieses Malheur sich ereignen konnte, ist uns unbegreiflich. Wahrscheinlich ist es dem Umstände bcizumcssen, daß die Kiste statt der allgemein gebräuchlichen Aufschrift „Vorsicht" das gänzlich unverständliche Wort „Pozor" zeigt. Da wir keine Schuld an dem Unglücke tragen, so versteht cS sich, daß wir die Kiste zu Ihrer Disposition stellen müssen. Wir bitten Sie also den fakturirten Betrag rc." Welches Gesicht Herr Großmichel beim Lesen dieses Schreibens machte, kann sich der freundliche Leser denken, ohne seiner Phantasie Zwang anzuthun. „Das hat kein anderer Mensch gethan, als der Srp!" schrie er wüthend von seinem Sitze aufspringend und zur Thüre seines Kabinets eilend. „Srp! Srp! Kommen Sie einmal herein!" Nichts Gutes ahnend, näherte sich der Gerufene. „Hier, lesen Sie!" rief Herr Großmichel, indem er seinem Gehilfen den verhängnisvollen Brief unter die Nase hielt. Leichcnblässe überzog Pan Srp's Gesicht. Er versuchte etwas von „nationaler Gleichberechtigung" zu stammeln. „Hören Sie, Herr, oder wenn Sie lieber wollen, Pan Srp!" sagte Herr Großmichel. „Sie wissen, daß ich mich um Euren nationalen Schwindel nicht kümmere. Meinetwegen können Sie zwei Czamaras übereinander anziehen und mit drei Ziskastöckcn herumlaufen! Wenn aber das Geschäft unter Ihren Verrücktheiten leidet, dann geht das Ding. über den Spaß! Ich könnte mich wegen des Schadens an Sie halten; da ich aber weiß, daß. Sie nichts haben, so schenke ich Ihnen den Ersatz. Sie vcrlaßen jedoch von diesem Augenblick an mein Kompioir! Ich empfehle mich Ihnen ! I'oroucimsL!" Pan Iiri Srp wankte stumm hinaus, und Groß-Czcchicn zählte einen nationalen Märtyrer mehr. Frage: Was für Ähnlichkeit hat der 30jährige Krieg mit dem von 1866 ? 'UZU»MM 08 jnv Antwort: oasguH asg 'sahvH 08 jnv suiZ aoE 'snvmh 08 jnv usöuib sqiZA Druck, Verlas »nd Redaktion des literartlcheu Instituts von vr. M. Huttler.