Nr. L4 23. August 1868. Augsburger Wenn von Genuß du hörst und von Vergnügen, Wozu die Welt sich festlich putzt, Hab' Acht, die abgenützten Worte lügen Und was sie meinen, ist bejchmutzt. Johannes Schrott. Auch eine Criminal-Geschichte. (Fortsetzung.) Der Richter war, wenn auch etwas ergriffen, doch äußerlich ruhig geblieben. Was er bis jetzt gehört, ließ allerdings an ein begangenes Verbrechen glauben, doch fehlte irgend ein überzeugender Beweis. So viel aber stand fest bei ihm, daß er den Thatbestand an Ort und Stelle untersuchen wolle. Es wurde dies nach dem Gehörten, und wie die Angelegenheit bis jetzt stand, unabweisbare Pflicht. Er wollte sich just in diesem Sinne aussprechcn, als am Eingang des Zimmers ein Geräusch entstand, der Ortsgerichtsdiener die Thüre weit öffnete und einen Mann in Uniform einließ. „Noch ein Zeuge, Herr Richter!" rief er überlaut und von seinem Eifer derart hingerissen, daß er Brauch und Herkommen, die Heiligkeit des Ortes, kurz Alles vergaß. „Es ist der Herr Bahn-Jnspcctor, der hat ihn gesehen, wie er sich davongemacht!" „Ruhe!" gebot der Richter dem Allzueifrigen und wiederholte dann den Ruf noch einmal und mit strengem Tone, da zugleich ein Murmeln neuen Staunens und neuer Erregung laut und immer lauter in dem Gemache ertönte. Doch es wurde ihm nicht leicht, die Aufregung seiner Umgebung zu beschwichtigen, besonders da die meisten der Anwesenden sich als Herren des Ortes dünkten, was sie in der That auch waren. So entstand denn aus dem Murmeln bald ein recht lautes Sprechen und gegenseitiges Austauschen der Meinungen, das den neuen Ankömmling bis zum Tische des Untersuchungs- Richters, auf den er zuschritt, begleitete. Es war ein Bediensteter der bei T... vorbeilaufenden Eisenbahn, der Vorstand der dortigen Station, ein noch junger, und wie er sich auf den ersten Blick darstellte, gewandter und thatkräftiger Mann. Nachdem die Ruhe einigermaßen wieder hergestellt war und Alles abermals gespannt auf den wettern Verlauf der so interessanten und ergreifenden Untersuchung horchte, erzählte der Bahninspector, von dem Richter nach wenigen Vorfragen dazu aufgefordert, etwa Folgendes: „In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag, gegen zwei Uhr Morgens und wenige Minuten bevor der Nacht- und Courierzug bei der hiesigen Station angelangt, sei der Laibel ganz athcmlos dahergelaufen gekommen. In der Hand habe er einen anscheinend schweren Reisesack gehabt und sein Aeußeres sei in auffallender Unordnung, wie er selbst in sichtlicher großer Aufregung gewesen. Laibel habe sich dann ein Billet gelöst und kaum noch Zeit gehabt, in den mittlerweile angelangten und nur wenige Augenblicke sich aufhaltenden Zug einzusteigen, worauf er in der Richtung nach V. . . weitergefahren. Die Erscheinung, das ganze Gebühren des Mannes sei ihm allerdings sehr aufgefallen, doch habe er nichts Arges dabei gedacht, bis ihm gestern das entsetzliche Gerücht zu Ohren gekommen, das sich dahier über sein — Laibels und dessen Familie Verschwinden verbreitet. Da habe er das auffallende Wesen des Mannes sich wohl erklären können, und damit keine Zeit verloren gehe, auch schon alle die Schritte gethan. 266 die nöthig, um die Spur des Mannes, der eines so furchtbaren Verbrechens beschuldigt, zu verfolgen." Beifällig nickte der Herr Untcrsuchungs-Richter dem Herrn Jnspector zu, und die erregten Mienen der übrigen Anwesenden erhielten einen gewissen freudigen Ausdruck, denn es war bereits etwas in der Sache geschehen und durch einen der Ihrigen geschehen. „Ich erkundigte mich sogleich an der Kasse, wohin Laibel ein Billet genommen," so fuhr der Zeuge dann fort, „und da fand sich denn, daß er eines zweiter Classe bis V. . ., dem nächsten Kreuzungspunkte unserer Bahn gelöst. Wissend, daß der Herr Richter heute dahier anlangen würde, bin ich am Vormittag nach V . . . gefahren, um dort Erkundigungen über Laibel einzuziehen. Der Courierzug langte, von N . . . kommend, am vorigen Sonntag Morgen dort um drei Uhr an, um nach zehn Minuten Aufenthalt weiter zu fahren. Der von Süden kommende Zug war wie gewöhnlich eine Viertelstunde früher angekommen und fuhr um halb vier Uhr, genau nach dem Reglement, ab. Laibels Billet lautete nur bis V. . . Hier mußte er also ausgcstiegcn sein, entweder ein anderes Billet gelöst haben, oder zu Wagen oder zu Fuß weitergegangen sein. Mir hierüber Gewißheit zu verschaffen, war nun allerdings nicht leicht. Ich vertraute dem Director der Station die ganze Angelegenheit, und nüt seiner Hülfe wurde denn an der Kasse endlich, und so zu sagen unumstößlich festgestellt, daß damals eine Persönlichkeit auf die meine Beschreibung Laibels paßte, weder zu jener Stunde, noch später am Tage sich am Schalter gezeigt, um ein Billet nach einer der vier Richtungen zu kaufen. Nun wurden die übrigen Bediensteten der Station, die wenigen Fuhrleute und Kutscher ermittelt, welche um die betreffende Stunde sich in der Nähe der Bahn befunden. Das war bald gethan, denn viele Fiaker gibt es in V. . . nicht, und diese wenigen halten stets an der Station. Keiner von ihnen hatte einen Mann von dem Aussehen Laibels gefahren noch gesehen. Kein Schaffner oder Packknecht wollte etwas von ihm wissen. Trotz aller Mühe war keine Spur von dem Flüchtlinge aufzufinden, er schien förmlich in der Erde verschwunden zu sein. Zwar waren mehrere Reisende ausgcsticgen, doch waren dies meistens bekannte Personen, und der Verbleib der Uebrigen konnte sicher nachgewiesen werden. Einer der Leute meinte zwar, bemerkt zu haben, wie ein Mann, der den Zug verlassen, rasch in der Richtung nach den nahen Bergen davongeeilt und in der Dämmerung verschwunden sei. Doch paßte die Beschreibung nicht auf Laibel, und dann war der Zeuge auch zweifelhaft, ob er den Betreffenden nicht bald darauf wiedergesehen, der dann wohl mit demselben Zuge weitergefahren sein konnte. Nichts weiter war herauszubringen. Der Bahndirector aber, dem die Angelegenheit wichtig genug schien, hat sofort den Telegraph in Bewegung gesetzt und das Signalement Laibels, das ich ihni gegeben, nach allen Richtungen hingesandt. Sobald irgend eine Antwort anlangen, überhaupt sich etwas ergeben wird, das Auskunft über den Verbleib Laibels zu ertheilen vermag, will er hierher an mich, oder direct an das Ortsgcricht berichten." Also endete der Bahn-Jnspector seine Dcposition, und wenn sein Handeln auch kein günstigeres Resultat gehabt, so gab seine Mittheilung dem Verdacht doch einen weiteren Halt von nicht geringer Bedeutung. Der Untersuchungsrichter dankte dem Beamten für seine Aussage, seinen Eifer, und erklärte dann mit fester Stimme, daß Alles, was er bisher vernommen, den Verdacht eines begangenen Verbrechens wohl zu rechtfertigen vermöge, es demnach Pflicht der Behörde sei, das Haus, den Ort der That, zu untersuchen. Er fordere also den anwesenden Ortsvorstand auf, dafür zu sorgen, daß heute Nachmittag, nach Tisch, etwa um drei Uhr, ein Schlosser mit den nöthigen Werkzeugen bei dem Laibel'schen Hause zur Hand sei, um die Thüren im Namen des Gesetzes zu öffnen. Ferner lud er verschiedene der anwesenden Herren ein, solcher Untersuchung als Zeugen beizuwohnen, wie er auch sämmtliche Personen, welche bis jetzt etwas über die düstere Angelegenheit ausgesagt, aufforderte, zur angegebenen Stunde sich bei dem betreffenden Hause einzufindcn. 267 Nun hob er die Sitzung auf, um sich nach den gehabten Mühen durch ein gute? Mittagsessen an der Wirthstafel des ersten Gasthofes von X. . ., zum „grünen Baum" geheißen, zu stärken, wohin ihn ein großer Theil der Anwesenden begleitete, und allw» es am selben Mittag laut und erregt genug Erging, wozu übrigens auch hinlängliche Ursache und genügsamer Stoff vorhanden war. Daß in den übrigen Häusern der Stadt der tragische Vorfall und das, was man bis jetzt darüber in Erfahrung gebracht, in jeder möglichen Weise, mit allen nur erdenklichen Vermuthungen und Beurtheilungen nicht weniger aufgeregt besprochen und abgehandelt wurde, wird ein Jeder sich wohl zur Genüge vorstellen können. lll. Neue Aufklärungen. Der Mensch denkt und Gott lenkt! Der Herr Untersuchungs-Richter, sowie die übrigen Notabilitäten der guten Stadt T. . . saßen im grünen Baum, aßen und tranken gut und unterhielten sich noch bester, nicht anders vermeinend, als solches Vergnügen in aller Behaglichkeit bis drei Uhr, der Stunde der Eröffnung des Laibel'schen Hauses, genießen zu können. Just so, oder ähnlich stand es in den übrigen Bürgerhäusern der Stadt und auch beim Tischlermeister Andres. Doch dieses allgemeine, wenn auch ziemlich erregte Stillleben sollte eine Plötzliche, gewaltsame Unterbrechung erleiden, und zwar durch Meister Andres, der abermals eine Rolle in dem düstern Drama zu spielen berufen war. Das aber kam also. Als der ehrsame Tischlermeister daheim angelangt, von seiner in fieberhafter Aufregung sich befindenden Alten mit wahrer Sehnsucht erwartet, wollte sich der hartgeplagte und wirklich angegriffene Mann an den sauber gedeckten Tisch setzen und einen Löffel Suppe zur Stärknng seines Leibes genießen. Aber die Alte ließ besagten Löffel vorerst, nicht zu seinem,Munde kommen, denn Andres mußte erzählen, was sich auf dem OrtS- gericht begeben. Alles und haarklein. Nachdem er dieser Pflicht so vollständig und ausführlich als möglich genügt und endlich seine Mahlzeit beginnen wollte, da klopfte es ziemlich stark wider das Fenster der Stube, und als Andres erstaunt sich umwandte, erblickte er etwas, das ihm vor Ueberraschung den schon glücklich erhobenen Löffel abermals vorn Munde nahm und sogar aus der Hand gleiten ließ und ihn mit einem RuL von seinem Stuhle cmportrieb. Des Tischlers Haus lag am Ende der Stadt ! . . . und schon an der Landstraße, welche nach der Hauptstadt des Landes führte. Auf der Straße nun sah Andres eine etwas altfränkische Reisebirutsche, welche ziemlich nahe an die Fenster des Hauses hcran- gcfahren war, und in ihr einen alten Herrn mit grauem Kopf und freundlich lächelnder» Zügen, welcher von seinem Sitze aus und mit dem goldenen Knopfe seines langen spanischen Rohres zu wiederholten Malen wider die Scheiben klopfte. „Ist der Andres daheim?" rief nun der Fremde. „Herr Gott, der Baron!" schrie hierauf Meister Andres, von seinem Stuhle auffahrend und wie der Wind zur Hausthüre eilend. Draußen begrüßte der Fremde, der „Herr Baron," den Meister auf das herzlichste, desgleichen auch die Alte, welche ihrem Andres nach und zur Thüre geeilt war. Er stieg sogar aus der alten Birutsche, dem Kutscher die Weisung gebend, voraus in den „grünen Baum" zu fahren und ein Zimmer für ihn Herrichten zu lasten. Dann trat der Fremde, ein Mann von etwa sechzig Jahren, behäbiger Gestalt und mit frischen, vor Freude schier strahlenden Zügen, mit dem alten Ehepaare in die Stube. Der Herr Baron Görg von Freikamp und Meister Andres waren gute Freunde. Der Vater des Ersteren war der letzte Oberjägcrmeistcr des letzten Fürsten von T . . . 268 gewesen und Andres in seinem Hause erzogen worden. Die Freundschaft, welche den adeligen Knaben und den armen bürgerlichen Jungen verbunden, hatte sich nie verläugnet, < und durch sein ganzes Leben hindurch hatte Andres an dem Herrn Baron eine tüchtige Stütze gehabt. Deßhalb wäre er auch für den Görg durch's Feuer gelaufen. Nachdem der letzte Fürst von X. . . gestorben, hatte sich Herr von Freikamst auf eine Besitzung, etwa zehn Stunden von ! . . . gelegen, zurückgezogen und war Oekonom geworden. Selten kam er nach T. . ., geschah es aber, dann wurde zuerst beim Andres vorge- ^ sprachen. Frohe Jugend-Erinnerungen wirkten noch immer mächtig bei dem alten Herrn. „Bin lange nicht bei Dir gewesen, Andres! Komme aber heute in eigenthümlicher Angelegenheit nach X. . . und mit frohem Herzen," so sagte der Herr Baron im Eintreten, und nachdem er dem alten Paare recht herzlich die Hände gedrückt. „Der Herr Baron kommt aber auch zu guter Stunde, denn was X... heute erlebt, hat es noch nicht erlebt und wird es hoffentlich nicht mehr erleben," so sprach Andres. „Hab' auch etwas erlebt. Andres! und will sogar noch mehr erleben, und Frohes dazu, alter Junge! — Euch geht es doch gut?" „Danke! — Es ist eine schreckliche Geschichte, Herr Baron. Ein Vater hat seine Kinder —" „Wiedergefunden?" scherzte der alte Herr, der in bester Laune zu sein schien. —- „Dann ist es ihm gerade gegangen, wie es mir gehen soll. Denn siehe. Andres, ich soll heute und hier am Orte meine Kinder, mein liebes Mädel, die Dore, die ich so lange habe misten müssen, wiederfinden und an's Herz drücken dürfen." „Ach nein, so ist es nicht, Herr Baron! Der Barbar hat seine eigenen Kinder — umgebracht, und sein Weib dazu. Ich hab's gesehen und gehört!" Heraus war's endlich. „Das ist ja entsetzlich!" entgcgnete Herr von Freikamst, den Andres und die Alte ziemlich ungläubig anschauend. „Es ist leider so," rief der ehrliche Tischlermeister mit rechtem Eifer. „Die Magd hat am Morgen gehört, wie er ihnen den Tod geschworen und ich hab' am Abend ge- - sehen, wie er eines der Kinder — es kann nur ein Kind gewesen sein,, die Frau war zu schwer dazu! — hoch empor hob und in — den Ziehbrunnen warf. Auch den entsetzlichen Schrei, den das arme kleine Geschöpf dabei ausgestoßen, hab' ich gehört, und werde ich ihn zeitlebens nicht vergessen." „Das ist ja eine schreckliche Geschichte! Und gerade mir und meiner Freude muß sie in die Quere kommen! — Hat man denn den Kerl gefangen?" „Er ist durchgebrannt, doch ist man auf seiner Spur. Der Telegraph arbeitet nach allen Weltgegenden hin." „Das ist Recht! er darf seinem Richter nicht entfliehen, muß seine Strafe empfangen. Aber lassen wir das. Andres, viel Zeit bleibt mir nicht, denn ich muß in den „grünen Baum" und dann weiter. Ich will dem alten Freunde noch sagen, was mich eigentlich hergeführt, und dann sollst Du mir noch einige Fragen beantworten." „Sprecht, Herr Baron!" „Du wirst wissen, daß ich mein Mädel, die Dore, verheirathct habe. Es war eine gute Partie, der Mann war ordentlich, brav und recht gut situirt, und die beiden Leutchen hatten sich gerne, und das war die Hauptsache. Wir lebten zufrieden und glücklich zusammen, doch nach einigen Jahren überwarf ich mich mit meinem Schwiegersohn und dieser verließ mich mit seiner Frau. Von der Zeit an waren wir Feinde. Ich — ich muß es nur gestehen, war nicht ohne Schuld an dem Zerwürfniß. Als der ^ Aeltere, hätte ich auch der Vernünftigere sein und nachgeben müssen, dann wäre wohl Alles wieder auszugleichen gewesen. — Sie verließen die Gegend, und ich war allein. Nicht wußte ich, wohin sie sich gewendet. Hab' viel Kummer ausgestanden während 269 dieser Zeit, große Sehnsucht nach meiner Dore und dem Kindchen gehabt, und das dauert nun schon über sechs Jahre!" „Weiß es, Herr Baron, habt es mir das letzte Mal gesagt und geklagt, als Ihr hier wäret. Euer Herr Schwiegersohn muß ein böser, harter Mann sein." „Es scheint so. Andres, doch im Grunde ist er so schlimm nicht. Bin auch hart gewesen, und das war ein Fehler, ohne ihn wäre mir Vieles erspart geblieben." Also sprach er stiller vor sich hin, doch gleich wieder mit früherer Heiterkeit: „Aber jetzt ist's vorbei, Alles ist überstanden. Heute werde ich sie wiedersehen, mich mit dem Wallborn aussöhnen, und nie werden wir mehr voneinander gehen." „Er kommt also hiehcr, der Herr von Wallborn?" „Er ist hier, er wohnt ja in T . . ." „Nicht möglich! Ich kenne doch alle Leute, die in unserer Stadt wohnen und habe bis jetzt nichts von einem Herrn von Wallborn gehört." „Und dennoch wohnt er hier, seit etwa einem halben Jahre, mit seiner Frau und seinen beiden Kindern, denn zu dem kleinen Buben, den ich so oft auf meinen Knieen geschaukelt und der jetzt neun Jahre alt sein muß, ist noch ein Mädchen gekommen, das der Jahre fünf zählen soll. O, ich weiß Alles, wenn ich sie auch in Ewigkeit nicht gesehen habe! — Doch jetzt muß ich eine Frage an Dich richten, Andres." Dabei schaute der alte Herr auf und hielt erschrocken inne in seinem frohen Plaudern, denn vor ihm saß Meister Andres bleich wie eine Leiche und starrte ihn mit entsetztem Ausdruck seiner Angen an, und die Alte schien nicht minder erschrocken und erregt. „Was habt Ihr Beide?" konnte Herr von Freikamst sich nicht enthalten zu fragen. „Das ist ja gerade wie bei dem Laibcl," stotterte Andres endlich hervor. „Ganz recht," cntgcgnete der alte Herr unbefangen. „Unter dem Namen Laibel lebt ja mein Schwiegersohn hier in T. . ." Andres stieß einen Schrei aus, der wahrhaft schreckcrregend klang, zugleich begann er derart am ganzen Körper zu zittern, daß er nur einige unartikulirte Laute hervorbringen konnte als Antwort auf die erschrockenen, fragenden Blicke des Herrn von Freikamp. Er wollte, konnte das letzte entscheidende Wort vielleicht auch nicht aussprcchcn, hatte keine Kraft, keinen Muth dazu. Seine Alte aber, obgleich nicht minder entsetzt, mußte reden; sie konnte es nicht länger mehr zurückhalten, und mit wahrer Verzweiflung rief sie aus: „Der ist's ja, Herr Baron, der seine Frau und seine Kinder umgebracht hat!" — Die ganze Gestalt des alten Herrn zuckte zusammen, um im nächsten Augenblick in eine Regungslosigkeit zu verfallen. Auch sein Gesicht war marmorbleich geworden, und fragend starrte er die beiden ihm gegenübersitzenden alten Leute an. „Der Laibel hätte — ?" so hauchte er endlich und fast tonlos. „Ja, er hat's gethan!" sagte nun Andres, der seinerseits auch zu Wort kommen wollte. „Er hat es leider gethan; es ist nicht mehr daran zu zweifeln." Und nun erzählte er, nach und nach all' seine Geisteskräfte, seine Sprachgeläufigkeit wiederfindend, seinem Freunde, dem Herrn Baron, was sich Schreckliches begeben, und wie weit solches durch die bereits vernommenen Zeugen festgestellt worden war. Je lebhafter Meister Andres wurde, je stiller, hinfälliger wurde der alte Herr, und endlich saß er da, geknickt, ein wahres Bild des Jammers. Seine Augen waren naß, schwere Schweißtropfen perlten auf seiner hohen kahlen Stirne und rieselten endlich langsam und im Verein mit seinen Thränen über die bleichen, vor wenigen Augenblicken noch so strahlenden Züge. „Es ist nicht möglich — nicht glaublich! — Der Wallborn hätte das gethan! ? — Meine arme Dore — die armen, armen Kleinen!" so murmelte er mit zitternden Lippeir 270 leise vor sich hin. Doch endlich schien er den letzten Rest von Energie, der ihm geblieben, zusammenzuraffen, und den Kopf hebend, sprach er mit ziemlich fester Stimme: „Komm, Andres, bring mich zu dem Untersuchungs-Richter; ich muß ihn sprechen, auf der Stelle!" Einige Augenblicke später schritten die beiden Männer durch die stillen Gaffen der Stadt, dem „grünen Baum" zu, Meister Andres gewiß auf's Tiefste ergriffen, doch auch wieder in etwas gehoben durch den Gedanken an die Wichtigkeit, die seine Person in dieser traurigen, doch so merkwürdigen Angelegenheit erlangt — und jetzt erst recht erlangt, der alte Herr aber, der so froh und glücklich in T . . . eingefahren, mit schwankendem Gange, wie gebrochen an Körper und Geist. Unangerührt war die Suppe auf dem Tische stehen geblieben — wie hätte Meister Andres auch in solchem Augenblick noch an Essen und Trinken denken können?! Auch seine Alte verspürte keinen Appetit mehr. Allein blieb sie in der Stube und in erregtester Stimmung zurück. Diesmal aber griff sie nicht nach ihren Büchern. Es war nicht nothwendig, denn was sie jetzt erlebt hatte, war noch weit schrecklicher, ergreifender als Alles, was sie bisher gelesen. Stille saß die gute Alte da und weinte bittere Thränen über das traurige Schicksal des armen Kindes und der Enkel des guten Herrn von Freikamp, des alten Freundes ihres Mannes und Hauses. (Fortsetzung folgt.) Pastor Knak und Domherr Copernikus. Kürzlich war unter den Protestanten, hauptsächlich Preußens, ein großer Lärm, weil Pastor Knak einem andern Pastor, Namens Lisko, gegenüber behauptet hatte, die Erde stehe still und die Sonne bewege sich um dieselbe, also das kopcrnikanische System und zwar auf Grund der heiligen Schrift verwarf. Sofort traten Knokianer und Liskojaner auf, und als Dritter mischte sich der politische Fortschritt ein. Die Breslauer Hausblättcr schreiben über diesen Streit: Der Pastor Knak hat durch seine Behauptung der Unbeweglichkeit unserer Erde die protestantische Welt in eine Art Exaltation gesetzt. Unseren Lesern theilen wir zur Orientirung in dem Streit mit, daß im Alterthum und namentlich seit Aristoteles, dem berühmten Philosophen, die Meinung ziemlich allgemein war: die Erde befinde sich in der Mitte des Weltalls in Unbeweglichkeit. Claudius aus Ptolemais (161 n. Chr. Geb. in Alexandrien gestorben) suchte von diesem Standpunkt aus die planctarischen Bewegungen zu erklären. Diese Ansicht blieb auch in der christlichen Zeit die herrschende, zumal man für sie einen Anhalt im alten Testament zu finden glaubte. Es war der katholische Domherr in Fraucnburg (Ostpreußen, Nikolaus Copernikus, geboren in Thorn 1473, der sich früher schon in Rom als Lehrer der Mathematik hervorgethan, welcher die Bewegung der Erde um die Sonne wissenschaftlich dadurch zu erweisen suchte, daß er zeigte, wie bei dieser Annahme die früher unlösbaren Probleme sich lösen ließen. Er ließ sein dem Papst Paul IV. gewidmetes Werk zu Nürnberg 1543 drucken, starb jedoch vor Beendigung des Druckes im Mai desselben Jahres. Nach ihm steht die Sonne im Centrum des Weltalls. Um sie bewegen sich in Kreisbahnen Merkur, Erde, Venus, Mars, Jupiter, Saturn. Die Erde bewegt sieb in einem Tage um ihre Axe, in einem Jahre um die Sonne. Der Mond bewegt sich um die Erde und mit ihr um die Sonne. Mit Hilfe des Fernrohrs machte Galileo Galilei astronomische Entdeckungen, welche ihn ebenfalls zum Anhänger des kopcrnikanischcn Systems machten. Da er mit weniger Behutsamkeit als Copernikus verfuhr und mit der Schrift im Widerspruch zu lehren schien, wurde er von der Congregation des Index verurtheilt. Daß er bei dem Wider- 271 ruf nach dcr Abschwörung gesagt habe: „Und sie bewegt sich doch," nämlich die Erde, ist eine müßige Erfindung, um die Sache tendenzmäßig auszuputzen. Der erste Lutheraner, welcher entgegen dem Mclanchthon, auf dessen Autorität hin die lutherische Fakultät zu Tübingen sich ebenfalls gegen Copcrnikus und Galilei erklärte, das neue System wissenschaftlich zu begründen und festzustellen suchte, war der Magister Johann Keppler und mit Newton war dasselbe so ziemlich das herrschende. Der Knak'sche Widerspruch dagegen hat übrigens eine Agitation hervorgerufen, die denselben für ganz andere Zwecke auszubeuten sucht, als für den Schutz der gefährdeten astronomischen Wissenschaft. Man will mit Herrn Knak zugleich den kirchlichen Einfluß aus der Schule hinauswerfen. Die tendenzmäßig - absichtliche Verguickung von zwei ganz verschiedenen Dingen und das Bestreben, in dem Pastor Knak zugleich die Kirchcn- Gemeinschaft zu schlagen, verräth zu sehr den Bvcksfuß in dieser Agitation, als daß sie nicht gerade deßwegen sehr bald als Parteimanöver in Verruf kommen sollte. Es ist auch gar zu dumm die Motivirüng: „Weil dcr Pastor Knak besagte astronomische Sonderansicht hegt, so muß man die Kirche aus der Schule werfen." Die Logik ließe man sich allenfalls von einem „dummen Teufel" für „dumme Teufel" gefallen! (Eine Ente, aber nur eine kleine.) Ein in Stettin in Garnison stehender Lieutenant — so erzählt ein Provinzblatt — wollte verreisen; vorher gab er seinem Burschen, einem Polen, genaue Anweisung, wie es mit der Reinigung seiner Zimmer u. s. w. gehalten werden sollte. Besonders band er ihm aber auf die Seele, einen Kanarienvogel, der ihm sehr lieb war, regelmäßig zu füttern. Der Bursche versprach dies auch treuherzig und der Lieutenant reiste beruhigt ab. So lange das vorräthigc Vogelfutter reichte, ging die Sache auch sehr gut, der Vogel erhielt sein Fressen und befand sich behaglich. Das änderte sich aber bald, das Futter ging zu Ende und der Pole, der sich bei seinem Kommisbrod ganz wohl fühlte, glaubte, dem Vogel würde diese kräftige Kost auch ganz gut anschlagen. Es gab also von nun an statt des Vogclsamens Kommis- brod. Zuerst ließ es dcr Vogel liegen, dann trieb ihn der Hunger zum Fressen; doch bekam ihm das Genossene schlecht, er starb an einer Indigestion. Als der Pole den Vogel todt im Käsig liegen sah, schob er die Mütze schief und kratzte sich hinter den Ohren. „Was thun? spricht Zeus." Unser Mann wußte Rath: er verschaffte sich ein Güsselchen (junge Ente), denn — Vogel ist Vogel, und sperrte es in den Käfig. Nun gings zur Noth mit dem Kommisbrod. Der Lieutenant blieb aus und der Vogel wuchs, so daß er bald den ganzen Käfig füllte und d'rin saß, wie der eingewachscue Frosch im Baumstamm. Endlich kam dcr Officier, der Bursche empfing ihn, die Hand an der Hosennath. „Hast Du meinen Vogel besorgt?" — „Zu Befehl, Herr Lieutenant." Der Lieutenant trat au das Bauer. „Aber Mensch, was ist das? was ist das für ein Biest?" — „Gut gefüttert, Herr Lieutenant; gewachsen, sehr gewachsen," versicherte der Bursche. Das Ende kaun man sich denken; Bursche und Vogel wurden hinausgeworfen, letzterer aber nicht ohne Mühe, denn es mußte vorher dcr Käfig zertrümmert werden, da dcr Vogel aus dcr Thür natürlich nicht hinausging. (Die verkehrte Welt) Man schreibt aus London, 23. Juii: Gestern fand im Garten des Buckingham-Palastes, wo eigene prächtige Zelte errichtet waren, das „Frühstück" statt, zu welchem die Königin ungefähr 400 Herren und Damen eingeladen, und wozu Ihre Maj. mit ihrer Familie von Windsor hereingekommen war. Das Gabelfrühstück wurde Nachmittags halb 5 Uhr servirt, und währte bis halb 8 Uhr Abends, und so ist es kein Wunder, daß es in dcr Einladung hieß: die Herren hätten in Abend- Röcken mit Morgen-Pantalons zu erscheinen! Das freie England steht eben noch recht unter der Ruthe des Ceremouicnmcisters, und die Verwechselung dcr Tageszeiten in der Vornehmen Welt gränzt nahe an Tollheit. 272 (Kräh enr ach e.) Vor einigen Tagen, erzählt Pfarrer in L. P., fand ich bei einem Spaziergange im Walde auf einer ungefähr 2Vr Klafter hohen Föhre ein Vogelnest. Eine kindische Neugierdc, welche selbst den reiferen Mann selten verläßt, trieb mich an, nachzusehen, ob und was in diesem Volgelneste enthalten ist. Ich hing meinen neuen, um baare zwei Gulden gekauften Strohhut auf eine nahe Eichcnstaude und kletterte die Föhre hinan. Kaum war ich zur Hälfte auf dem Baum, als mit einem garstigen Gekrächze zwei Krähen angeflogen kamen und so schnell wie der Blitz um die Föhre kreisten. Die Krähen schloffen ihren Kreis immer enger, und als ich bemerkte, daß sie Miene machten, mir an den Kopf zu fliegen, brach ich einen kleinen Ast ab und setzte mich in Vertheidigungszustand. Nun stießen beide Krähen auf meinen Strohhut unten auf der Staude. Nachdem ich nun unangefochten das Vogelnest, in welchem zwei junge Krähen in „Wolle" lagen, besichtigt und meine Neugierde deßhalb gestillt hatte, stieg ich, oder sprang vielmehr mit einem Satze vom Baume herunter auf die Erde, welcher jähe Sprung die alten Krähen von meinem Hute. verscheuchte. Sie flogen hoch auf und kreisten über die Krone der Föhre wieder weiter. Jetzt besah ich meinen Hut und — o Schrecken! Im Deckel waren drei respektable Löcher eingehauen, und auf der Krämpe lag — — doch das Letztere läßt sich nicht leicht beschreiben-es lag etwas Aehn- liches auf der Hutkrämpe, wie es seinerseits dem Tobias in die Augen fiel, nur mehr mag es nach meiner Ansicht gewesen sein. Ich machte — wie soll ich mich nur geschwind ausdrücken? — ich machte ein traurig-dummes oder ein dumm-trauriges Gesicht! Zwei Gulden waren dahin! Moral: Laß' die armen Vögcl in Ruhe. (I n st i n k t oder Klugheit?) Einer meiner Freunde machte folgende Beobachtung: Die Ameisen fraßen ihm die Früchte seines Kirschbaumes weg. Um sie abzuhalten, beschmierte er den Stamm ringsum in der Breite eines Zolles mit dem Tabaksschmirgel, den er zu diesem Behufe gesammelt hatte. Die Ameisen, welche in Schaaren den Baum hinaufzogen, kehrten an dem übelriechenden, klebrigen Dinge um; die, welche von dem Baume zurückkehren wollten, wagten nicht, den Ring zu überschreiten, sondern kletterten wieder hinauf, und ließen sich von den Aesten zur Erde fallen. Der Baum war bafd von den zudringlichen Gästen befreit. Nach kurzer Zeit aber mar- schirten die Ameisen in Schaaren an dem Stamm hinauf. Jede trug in ihren Kiefern ein Stückchen Erde, und mit äußerster Vorsicht wurde ein Bällchen neben das andere auf den Tabaksschmirgel gelegt und so nach und nach eine wahrhaft gepflasterte Straße hergestellt, welche die Thierchen mit großer Emsigkeit befestigten und verbreiteten, bis ihr Durchmesser etwa einen halben Zoll betrug. Nun konnte ihre Colonne auf's Neue mit Sicherheit den Baum besteigen, der bald mit Näschern bevölkert war. Wo ist nun, gegenüber solchen Beobachtungen, die Grenze des Instinktes? Frage: Was ist das Freieste am Menschen? snv hwq Antwort: «zhzh savvH zig "fli pascissbuis hmv uvm uusai uusq "savvH Charade. (Zweisilbig ) Mein Erstes ist Täuschung, o halte es fern Vom Zweiten, das Ganze umfängt es sonst gern. Auflösung der Charade in Nr. 32: „Wildfang." Druck, lSerlau und Rrdatttou LiS literarischeu Instituts von vr. M. Huttlrr.