Nr. Iä. 30. August 1868. Mrgsburger Steile Höhen besucht die ernste forschende Weisheit, Sanft gebahnteren Weg wandelt die Liebe im Thal. Göthc. Auch eine Criminal-Geschichte. «Fortsetzung.) IV. AuS dem Leben des Verbrechers. Der Herr Untersuchungs - Richter, sowie die übrigen Herren der Polizei, des Ortsgerichts und des Gemcinderaths, die ihm gefolgt, saßen an der Vobis ck'kütes des grünen BaumS, soweit vergnügt und zufrieden, und waren just bei Salat und Braten, aus ein paar Pracht - Welschen bestehend, angelangt, als plötzlich und recht geräuschvoll Meister Andres in den Saal trat und einige Worte sprach, welche eine wahre zauberhafte Wirkung hervorbrachten. „Ich habe dem Herrn Richter anzuzeigen," so sprach er in erregter Hast, „daß so eben der Herr Baron von Freikamst angekommen ist und den Herrn Richter auf der Stelle zu sprechen verlangt. Der Herr Baron kennt den — Laibel leider nur zu gut. Und der Laibel heißt gar nicht Laibel, sondern von Wallborn, und ist der Schwiegersohn des Herrn Barons!" Wie sielen die schon erhobenen Gabeln auf die Teller nieder — just wie der Löffel des Meisters Andres kurze Zeit vorher! Wie blieben die Eßwerkzcugc — bereit, um den kostbaren Welsch des grünen Baums zu genießen, vor Staunen und Schreck immerfort und weit geöffnet, denn was man da gehört, war zu überraschend, zu seltsam und entsetzlich gewesen. Herr von Freikamp war eine bekannte Persönlichkeit; knüpfte sich doch an seinen Namen die goldene Zeit von L...! Zweimal mußte daher Meister Andres seine Mittheilung wiederholen, ehe die Anwesenden sich und das Gehörte zu fassen, Mund und Augen wieder in etwas zu bewegen und zu schließen vermochten. Dem Herrn Uutersuchungs-Richtcr war die Unterbrechung von wegen des einladenden Welsches, nicht allzu angenehm gewesen, doch mußte er der Aufforderung folgen und den kostbaren Braten mitsammt dem Salat im Stiche lasten, was er denn auch nach kurzem, doch gewiß schwerem Kampfe that. Er erhob sich, und die übrigen Herren auffordernd, sich in ihrem Mittagessen nicht stören zu lassen, hoffend, bald wieder bei ihnen zu sein und den Kaffee in ihrer Gesellschaft genießen zu können, empfahl er sich und schritt hinter Andres drein, der ihn auf ein Zimmer des ersten Stockwerks führte, allwo der Wirth den alten wohlbekannten und so angegriffen ausschauenden Herrn von Freikamst einlogirt. Die Zurückgebliebenen hätten gerne Welsch und Salat, Dessert und Kaffee im Stiche gelassen, um die gewiß höchst interessanten Mittheilungen des Herrn Barons mitanzu- hören, doch mußten sie sich gedulden, und das Beste wäre gewesen, nach Wunsch des Herrn Untersuchungs-Richters der Vsbls ci'IMes des grünen Baumes die ihr gebührende Ehre anzuthun. Doch sonderbar! Der Welsch schien keine Anziehungskraft mehr für sie zu haben. Einer nach dem Andern erhob sich; irgend ein Geschäft, einen nothwendigen Gang vorschützend, verließen sie den Gasthof — natürlich nur aus Mitgefühl für die Schwiegersohn. Seine Eltern waren schon todt, und mit seiner Frau zog er anfänglich in das elterliche Haus nach F. Das that mir in der Seele weh, denn Dore — die arme Dore! — war mein herzliebes Kind, mein Alles auf dieser Erde! Ich vermißte sie sehr und schwer in meinem Hause, in meiner Nähe. Der Zufall kam mir zu Hilfe. „Mein Schwiegersohn hatte durch seinen leichtsinnigen Schwager manche Unannehmlichkeiten in F., wodurch ihm der Aufenthalt daselbst recht verbittert wurde. Er hatte ferner sein Geld in Papieren angelegt, ohne dabei an Geschäfte und Speculationen zu denken, wie solche sein seliger Vater, der Banquier, betrieben und gewagt. Er brauchte es nicht, sein Vermögen war bedeutend genug, um von den Zinsen desselben recht anständig leben zu können. Da traf ihn ein schwerer Verlust. Eine unheilvolle Handelskrisis drückte den Cours der Papiere, die er besaß, in schrcckcnerregendcr Weise, und in wenigen Stunden hatte Wallborn mehr denn sein halbes Vermögen verloren. „Das war ein harter Schlag für meinen Schwiegersohn. Von Natur aus mißtrauisch, ängstlich und zu stillem Brüten geneigt, fühlte er sich unglücklich und sah die Zukunft in schwärzesten Farben, fürchtete für sich und seine Familie, die damals nur aus seinem Weibe und einem Knaben bestand. Doch was für ihn ein Unglück war, wurde mir ein Glück. Wallborn verkaufte sein elterliches Haus, raffte alles zusammen, was er hatte, und kam zu mir. Nun lebten wir wieder froh und zufrieden beieinander; ich hatte mein liebes Kiud wieder um mich, und dazu einen prächtigen Enkel. — Oft und lange überlegten wir, wo und wie wir das baare Geld meines Schwiegersohnes anlegen sollten. In meiner Gegend fing man damals an, den Bergbau stärker zu betreiben. Ein solches Unternehmen schien gewinnbringend zu werden, und ich beredete meinen Schwiegersohn, einen großen Theil seines Vermögens dabei anzulegen. Ich dachte alsa den Wallborn und die Seinen für immer an mein Haus zu fesseln. Ich selbst bethei- ligte mich an dem Geschäft mit einer nicht unbedeutenden Summe. Doch das Unglück verfolgte uns. Das Unternehmen gerieth in's Stocken; die Actionäre wurden ängstlich, wollten keine weitern Zuschüsse mehr machen, und in kurzer Zeit war Alles verloren. „Nun ging mein Leid an. Die bittersten Vorwürfe mußte ich vsn meinem Schwiegersöhne hören und das so oft und in einer Weise, daß ich endlich auch die Geduld verlor. Mit harten Worten verlangte er Ersatz von mir für den gehabten Verlust, den ich verschuldet, wie er mir vorwarf. Ich weigerte mich; hatte ich doch noch ein Kind, meinen Sohn Karl, der noch nicht sclbstständig war, und dem ich ein hinlängliches Vermögen, um leben zu können, hinterlassen mußte. Die Stimmung meines Schwiegersohnes wurde immer gereizter, unerträglicher, und so wurde denn endlich der Bruch vollständig. Er verließ mich, finster, trotzig, ohne Abschied, ohne mir zu sagen, wohin er mit den Seinen ging, wo er sich niederlassen wollte, und ich — ich ließ ihn in meinem Unmuth ziehen. Bald darauf aber hätte ich mit Freuden all' mein Hab und Gut hingegeben, wenn ich dadurch ihn und mein Kind wieder hätte zurückrufen können. Es war aber nicht mehr möglich! Ich wußte nicht, wohin er sich gewandt, nicht, was aus ihm geworden und alle Mühe, die ich mir gab es zu erfahren, war vergebens. Sie waren «ben verschollen und blieben es auch für mich. „Ich fühlte mich tief unglücklich, und, was das Schlimmste war, mußte mir sagen, daß ich mein Unglück mit verschuldet. Da traf mich ein zweiter harter Schlag. Mein hochbegabter Sohn Karl starb fern von mir, und nun stand ich ganz allein in der Welt, gebeugt von Kummer und dem mit Macht herangenahten Alter — unglücklich, einsam und mit einer unendlichen, fast nicht mehr zu bezwingenden Sehnsucht nach meinem Kinde — meiner armen — armen Dore!" — Der alte Herr mußte abbrechen, denn seine Thränen erstickten schier seine Stimme, und auch seine Zuhörer waren tief ergriffen, besonders Meister Andres, der mit seinem Jugendfreunde gleichsam um die Wette weinte. Endlich, nachdem Herr von Freikamst sich in etwas gefaßt, fuhr er fort: 276 „So vergingen sechs lange Jahre, da erhielt ich vor ungefähr vierzehn Tagen einen Brief von meiner Schwester, die da unten auf dem Nußdorfcr Gute wohnt, nicht weit von V . . ., der mich fast überglücklich machte. Wallborn hatte den Bitten seiner Frau nachgegeben, und war wieder in meine Nähe gezogen, doch hatte er seit der Zeit, da er von mir gegangen, seinen Namen abgelegt und einen andern, bürgerlichen angenommen. Wie er nun heiße, wo er eigentlich sich aufhalte, sagte mir die Schwester nicht, wohl aber, daß ich in wenigen Tagen nicht allein Alles erfahren, sondern auch mein Kind, meine Lieben wiedersehen sollte. Das war Balsam für mein altes, krankes Herz, und neu lebte ich wieder auf, wurde wieder der frühere lebensfrohe, zufriedene Mensch. Mit Schmerzen sah ich weiteren Nachrichten entgegen, die denn auch am vergangenen Freitag, just heute vor acht Tagen, eintrafen. „Nun schrieb mir meine Schwester ausführlicher: Wallborn hatte seit Jahren den Namen Laibel angenommen und wohnte in meiner Nähe, in T. . ., und das schon seit mehreren Monaten. — Und ich hatte nichts davon gewußt, es nicht einmal geahnt! — Er lebe still für sich, und mit wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt, wodurch er sein Vermögen, das gerade noch hinreiche zu einem bescheidenen Unterhalt seiner Familie, zu vergrößern trachte. Den Bitten seiner Frau hatte er endlich, doch nach langem Widerstreben, nachgegeben und war wiederum in unser Land gezogen, doch hatte das arme Weib ihm fest geloben müssen, weder mir — dem Vater! ihren jetzigen Aufenthalt mitzutheilen, noch etwa Schritte zu thun, mich wiederzusehen, widrigenfalls er für nichts stehe. Eine solche Drohung habe er mehr denn einmal ausgestoßen, so theilte mir meine Schwester mit. Doch schrieb sie mir auch, daß sie mit Dore correspondire und diese, sowie auch Wallborn zu sehen, und in der ersten Unterredung Alles wieder in's rechte Geleise zu bringen hoffe. Das Nöthige dazu sei bereits zwischen ihr und meinem Kinde verabredet; ich solle mich nur noch kurze Zeit gedulden und in acht Tagen — also heute — nach L. . . fahren und direct zu Laibel in's Hans gehen. Ich würde sie — meine Schwester — dort finden und ganz gewiß mit offenen Armen empfangen werden. „Das schrieb mir die gute, treue Seele, und nun, da ich am bestimmten Tage komme — um mein Kind — mein einziges, armes Kind — an's Herz zu drücken — empfängt mich eine solche entsetzliche Nachricht — die ich kaum fasten — kaum glauben kann — die, wenn wahr — mich alten Mann auch tödten — unter die Erde bringen wird! —" Auf's Neue brach Herr von Freikamp in Thränen aus, und der alte treue Andres eilte auf ihn zu, ergriff seine Hände, wollte versuchen ihn zu trösten, obgleich er selbst des Trostes zu bedürfen schien und in seiner furchtbaren Aufregung kein Wörtchen hervorzubringen vermochte. Stille und in sich gekehrt, saß der Richter da. Was er vernommen, konnte nur den Verdacht, daß ein furchtbares Verbrechen begangen worden war, bestätigen. Der Mann, von Hause aus ein Hypochonder, war durch die vielen Verluste nur finsterer, menschenscheuer geworden. Die hinter seinem Rücken und gegen seinen bestimmten Willen angezettelten Intriguen zwischen seiner Frau und der Schwester des Herrn von Freikamp, um den Vater zu sehen, eine Versöhnung, die der menschenfeindliche, verbissene Mann nicht wollte, herbeizuführen, mußte er entdeckt und, so unschuldig und verzeihlich sie auch waren, als verbrecherisch betrachtet haben. Diese, wie vielleicht auch Nahrungssorgcn, die sich wohl immer stärker fühlbar machten, hatten den Mann in eine Stimmung versetzt, die den Gedanken an ein Verbrechen, um sich aus all' diesen vermeintlichen Sorgen, Lasten und Aergernissen zn befreien, wohl aufkommen lasten konnte. Die That war dann, etwa in einem Augenblicke, wo solches Denken die Aufregung bis zum Wahnsinn gesteigert oder wohl auch im Jähzorn, durch Widerspruch der Frau hervorgerufen und genährt, vollbracht worden, worauf dann die hastige Flucht erfolgt war. So weit war der Herr Untersuchungs-Richter mit seinen Gedanken gekommen, als die Schloßuhr laut und vernehmlich die dritte Stunde des Nachmittags verkündete. „Nach seinem Hause!" rief der Beamte sich erhebend. „Dort allein haben wir die Beweise dcS Verbrechens zu suchen und werden sie finden — woran ich leider nicht mehr zweifle!" Und er verließ das Zimmer. Wankenden Schrittes folgte ihm der arme Herr von Freikamp, von seinem treuen Andres mitleidig gestützt und geführt. (Fortsetzung folgt.) Lagerlied der päpstlichen Zuaven ^) Wem Christenblut durch die Adern sprüht, Von fremder Mackel rein Und wem ein Herz für PiuS glüht, Der stimme mit uns ein: Aus freier Brust mit vollem Klang, Uns gleichen Sinns gesellt. Erheb' er frommen Ehrensang Dem Fricdens-Herrn der Welt! O Gott, der Du vom Himmelsthrou Stark waltest und gerecht. Wir bitten Dich durch Deinen Sohn, Schirm' Unschuld, Treu' und Recht! Uns bangt nicht, wenn die Kngcl droht. Uns schreck: nicht blanker Stahl, Wir gehen freudig in den Tod; Für Pius gilt die Wahl! ES siege Wahrheit, Recht und Treu', Und fällt der letzte Mann; Herrscht Vater Pius wieder frei, Dieß Herz erst ruhen kann! Für ihn verließen wir dich, Strand, Entrungen Meer und Fluth, Für ihn, o süßes Hcimathland, Verspritzet unser Blut! Wir schwören Treu, auf Pctri Grab, Dem großen Pins Treu', Und Treu dem Fels, den Jesus gab Zum Grunde dem Gebäu; Um's Kreuzpanier kniet uns're Wehr, Gott schaut vom Himmel drein, Und Kraft strömt Pius' Segen hehr Den Friesenherzen ein. O Herr, Du Lenker aller Welt, Leih unö auch Deine Hand, Wenn's, guter Gott, Dir so gefällt, Für's liebe Vaterland! Den thcu'rstcn Eid uns wahre doch. Und müssen fallen wir. Laß, brich das Herz, uns rufen noch: Heil PiuS, Vater, Dir! Göthe als Föderalist. Da man sich in der letzten Zeit öfters auf Göthc's politische Meinungen berufen und dieselben besonders mit unseren gegenwärtigen Verhältnissen zusammengestellt hat, so wird es gewiß nicht ohne Interesse sein, auf eine Stelle hinzuweisen, wo man seine Ansichten über Fragen, die die Gegenwart lebhaft bewegen, im Zusammenhang ausgedrückt findet. Dieselbe steht in dem, im Jahre 1848 erschienen dritten Theil der Eckc» mann'schcn Gespräche mit Göthe, Seite 270 unter dem Datum: „Donnerstag, den 28. Oktober 1828." Eckcrmaun erzählt: Wir sprachen sodann über die Einheit Deutschlands, und in welchem Sinne sie möglich und wünschenswcrth. „Mir ist nicht bange," sagte Göthe, „daß Deutschland nicht Eins werde; unsere Chausseen und künftigen Eisenbahnen werden schon das Ihrige thun. Vor allem aber sei es Eins in Liebe unter einander! und immer sei es Eins gegen den auswärtige« *) Die Zuavenlieder sind aus dem Holländischen selbst uud nach den Nythmen der Originale übersetzt. Als Dichter derselben wird der kürzlich verstorbene Pater Koets genannt- 278 Feind. ES sei Eins, daß der deutsche Thaler und Groschen im ganzen Reiche gleichen e Werth habe; Eins, daß mein Reisekoffer durch alle sechsunddreißig Staaten ungeöffnet Jassiren könne. Es sei Eins. daß der städtische Reisepaß eines weimar'fchen Bürgers von dem Grenzbeamten eines großen Nachbarstaates nicht für unzulänglicher gehalten werde, als der Paß eines Ausländers. Es sei von Jnnland und Ausland unter deutschen Staaten überall keine Rede mehr. Deutschland sei ferner Eins in Maß und ^ Gewicht, in Handel und Wandel, und hundert ähnlichen Dingeu, die ich nicht alle nennen taun und mag. Wenn man aber denkt, die Einheit Deutschlands bestehe darin, daß das große Reich eine einzige große Residenz habe, und daß diese eine große Residenz, wie zum Wohl der Entwicklung einzelner großer Talente, so auch zum Wohl der großen Masse des Volks gereiche, so ist man im Irrthum. Man hat einen Staat wohl einem lebendigen Körper mit vielen Gliedern verglichen «nd so ließe sich wohl die Residenz eines Staates dem Herzen vergleichen, von welchem aus Leben und Wohlsein in die einzelnen nahen und fernen Glieder strömt. Sind aber die Glieder sehr ferne vom Herzen, so wird das zuströmende Leben schwach und immer schwächer empfunden werden. Ein geistreicher Franzose, ich glaube Dupin, hat eine Karte über den Culturzustand Frankreichs entworfen, und die größere oder geringere Aufklärung der verschiedenen Departements mit helleren oder dunkleren Farben zur Anschauung gebracht. Da finden sich nun, besonders im südlichen, einzelne Departements die in ganz schwarzen Farben daliegen, als Zeichen einer dort herrschenden großen Finsterniß. Würde das aber wohl sein, wenn das schöne Frankreich statt des einen großen Mittelpunktes, zehn Mittelpunkte hätte, von denen Licht und Leben ausginge? Wodurch anders ist Deutschland groß als durch eine bewundernswürdige Volks-Cultur, die alle Theile des Reiches gleichmäßig durchdrungen hat? Sind es aber nicht die einzelnen Fürstensitze, von denen sie ausgeht, und welche ihre Träger und Pfleger sind? » Gesetzt, wir hätten in Deutschland seit Jahrhunderten nur die beiden Residenzstädte Wien und Berlin, oder gar nur eine, da möchte ich doch sehen, wie es um die deutsche Gultur stünde! ja auch um einen überall verbreiteten Wohlstand, der mit der Cultur Hand in Hand geht! Deutschland hat über zwanzig im ganzen Reiche vertheilte Universitäten, und über hundert ebenso verbreitete öffentliche Bibliotheken, an Kunstsammlungen und Sammlungen von Gegenständen aller Naturreiche gleichfalls eine große Zahl; denn jeder Fürst hat dafür gesorgt, dergleichen Schönes und Gutes in seine Nähe heranzuziehen. Gymnasien und Schulen für Technik und Industrie sind im Uebcrfluß da. Ja, eS ist kaum ein deutsches Dorf, das nicht seine Schule hätte. Wie steht es aber um diesen letzten Punkt in Frankreich! Und wiederum die Menge deutscher Theater, deren Zahl über siebenzig hinausgeht und die doch als Träger und Beförderer höherer Volksbildung keineswegs zu verachten. Der Sinn für Musik und Gesang und ihre Ausübung ist in keinem Lande so verbreitet, wie in Deutschland, und das ist auch Etwas. Nun denken Sie aber an Städte wie Dresden, München, Stuttgart, Kassel, Braunschweig, Hannover und ähnliche; denken Sie an die großen LebmS-Elemcnte, die diese Städte in sich selber trugen; denken Sie an die Wirkungen, die von ihnen auf die benachbarten Provinzen ausgehen, und fragen Sie sich, ob das Alles sein würde, wenn * sie nicht seit langen Zeiten die Sitze von Fürsten gewesen? Frankfurt, Bremen, Hamburg Lübeck sind groß und glänzend, ihre Wirkungen auf den Wohlstand von Deutschland gar nicht zu berechnen. Würden sie aber wohl bleiben, rvaS sie sind, wenn sie ihre eigene Souveränetät verlieren und irgend einem großen -rutschen Reiche als Provinzialstädte einverleibt werden sollten? Ich habe Ursache, dara« zu zweifeln." Vergangen. Versunken in Erinnerung Saß ich im Buchen-Walde; Der lenzesduftig, frisch und jung. Von Liedern rings erschallte. Ich dachte meiner Jugendzeit Mit leicht erglüh'nden Wangen, Da tönt's durch all' die Herrlichkeit: Vergangen! Ein Vöglein-Paar im grünen Raum, Neckt' sich mit süßem Triebe, Und weckte mir den schönen Traum Von längst entschlaf'ner Liebe; Mit neuer Sehnsucht dacht' ich Ihr, Mit innigem Verlangen, Und welche Antwort wurde mir? „Vergangen!" Es schmiegt', der sanften Treue Bild, Sich Buch' an Buche, theilend Die Freude, die dein Lenz entquillt, So rasch vorübereilend. Und einsl'ger Freunde kleiner Kreis Nahm mir den Sinn gefangen. Da wieder tönt' die Stimme leis: Vergangen! Dem Lichte halb erschlossen nickt' Im Wind die Waldesrose, Sie träumt von künft'gcr Pracht entzückt Und neidenswerthem Loosc; Indeß die Schwestern welk, verdorrt, Am Strauche nicderhangen; Gleich mir still lauschend auf das Wort „Vergangen." So, was mein sinnend Aug' erschaut' Inmitten Lcnzesrauschen, Mußt' meine Seele an den Laut „Dahin, dahin," vertauschen. Wonach trotz feindlichem Geschick All' meine Kräfte rangen. Bis auf der Hoffnung letzten Blick — Vergangen! Da überkam mein thöricht Herz Ein tief wehmüthig Sehnen, Dann leise, leise himmelwärts Hob sich mein Blick durch Thräneu; Und schnell war Hoffnung, Trost erwacht, Die himmlisch mich umklangcn: „Geduld, bald ist der Täuschung Nacht Vergangen!" Al. Appel. oo»Der Sultan und die barmherzigen Schwestern. Die Schwestern der Caritas zu Konstantinopcl hatten in Bebeck (Konstantinopcl) den Bau eines Waisenhauses unternommen, allein längst vor der Vollendung desselben, fehlte es schon am hiezu noch nöthigen Gelde. Nach langer Dclibcration unternahmen es zwei Schwestern sich dem Sultane, als er eben zur Moschee ging, vorzustellen, und ihm eine Bittschrift zu überreichen, welche äußerst freundliche Aufnahme fand; es vergingen aber ziemlich viele Tage, ohne daß eine Antwort erfolgte. Die muthigste der Schwestern unternahm es hierauf, sich dem Sultane, als er eben auf seinem Kaik aus dem Bosporus fuhr, in einem Kaik zu nähern, und ihm eine zweite Bittschrift zu überreichen. Dieser zeigte sich verwundert und unzufrieden, indem er, wie er sagte, bereits seine Befehle in diesen Sache gegeben habe, und versprach, sich dieses zweiten Gesuches gewiß bald zu erinnern. In der That kamen auch den folgenden Tag schon den barmherzigen Schwestern 80,000 Piaster (10,000 fl.) zur Vollendung ihres Waisenhauses zugeschickt. So in der Türkei, und im fortschrittlichen Augsburg?! (Zur deutschen Aussprache.) In einem Kränzchen war von Löwen^ Tiger» rc. die Rede. — „Warum nennt man diese nur reißende Thiere?" fragte eine junge Dame. — Schnell antwortete eine andere, die sehr gelehrt sein wollte: „Ei nun^ weil sie in Menagerien ihr ganzes Leben auf Reisen zubringen." 280 (Die Sonne als Feindin.) Ein französischer Militär, der sich in einer Colonie am Senegal in Afrika befindet, schreibt von dort: In diesen heißen Ländern gibt es etwas, das man im Norden zu lieben und zu verehren gelernt hat, gegen das man hier aber bald eine unüberwindliche Abneigung fühlt, — die Sonne. Ach, ihr Dichter, die ihr in Eueren Versen allen Preis über die Sonne der Tropen ausschüttet, während ihr die heimathliche ein bleiches Gestirn nennt, wenn Euch das Schicksal doch vcrurtheilte, nur eine Mittagsstunde unter den Strahlen der Sonne des Senegal zu verbringen! Die Begeisterung würde in Strömen von Schweiß von Euch weichen; Ihr würdet einsehen, welche wahre Poesie in einem wolkengrauen Himmel und in einer Sonne liegt, in deren Strahlen Salat und Blondinen gedeihen. Am Senegal ist die Sonne der allgemeine Feind und die Aerzte erklären sie außerhalb des Gesetzes als den Ursprung und die Quelle aller Krankheiten. Sobald sie erscheint, schließt sich der Weiße in seiner dicht verschlossenen Wohnung ein, um dieselbe erst gegen Abend zu verlassen, und wenn ihn eine dringende Nothwendigkeit zwingt, auszugehen, so entzieht er seine Augen der Helle der Sonnenstrahlen durch dunkle grüne Brillengläser und seinen Rücken ihrer Glut unter dem Schatten eines großen Schirmes. Man muß den Glutofcn des Senegal aus eigener Erfahrung kennen gelernt haben, um die Bedeutung der Worte würdigen zu können, die auf den meisten Thermometern stehen: Wärme am Senegal. Wenn man durch diese „Wärme" erschöpft auf seinem Lager liegt, jeder Bewegung unfähig, selbst unfähig zu schlafen, dann erscheint Einem das ferne Vaterland wie ein glänzender Traum und man denkt an eine andere Welt, wo man Freunde hat, die so glücklich sind, Schnee- stocken vor ihren Fenstern tanzen zu sehen; wo es Leute gibt, die, um sich nicht zu erkälten, Nenn Ausgehen wattirtc Ucberröckr anziehen müssen. Ach, wie oft habe ich geseufzt, wenn ich doch nur einmal frieren könnte, ich wollte dann gern sterben. (Hartes Obst zu beliebiger Zeit reifen zu lassen.) Es gibt nicht selten kleine Handgriffe, die, obwohl anscheinend unbedeutend oder alltäglich, doch thatsächlich so nützlich und wichtig sind, daß sie eine größere, ja möglichst allgemeine Verbreitung verdienen. Zu diesen darf jedenfalls das Nachstehende gezählt werden. Zu der Monatsschrift für Pomologie theilt Jemand die zufällige Beobachtung mit, daß sehr harte Kolmarbirnen, welche für gewöhnlich „erst nach Neujahr bis Ostern genießbar sind," durch Einwickeln in Papier und Verpacken in Papierschnizel bereits nach 14 Tagen völlig ausgereift, mürbe und wohlschmeckend geworden. Er knüpft hieran den durch fernere Versuche bestätigten Hinweis, daß man durch dies Verfahren jederlei Obst in beliebiger Frist zur wohlschmeckenden Reife bringen könne. Es wurden Pfirsiche und St. Germain- Birnen, die vollkommen ausgewachsen, aber noch sehr hart waren, von je 14 zu 14 Tagen abgenommen, jede einzelne in weiches Papier gewickelt und in eine Commodc gepackt, und in der Frist von 10 —14 Tagen waren sie stets reif, weich und wohlschmeckender, als die später vom Baum genommenen. Durch dies Verfahren kann man vom Beginn der ersten Obstrcife bis zu Ostern hin stets frisches reifes Obst essen und der Vortheil ist um so größer, da das Dauerobst hier nach Belieben allmählig zum Genuß gebracht werden kann, während es sonst doch gewöhnlich im Zeitraum von kaum drei Wochen alles auf einmal reif wird und meistens sehr schnell verzehrt werden muß, vorher aber gewiß gar nicht zugänglich ist. Praktische Hausfrauen werden den Vortheil bald zu schätzen wissen. Ein Schuljunge mußte seinem Vater aus der Zeitung vorlesen. Da kam er an die Worte: Frankfurt a. M. Das letztere Anhängsel machte ihn stutzig; er wußte nicht, was das heiße. Er besann sich aber nicht lange und las: „Frankfurt aus Mitleid." Druck, verlas und Redaktion deS literarijcheu Institut- von Dr. M. Huttler.