Nr. LV. 13. Septbr. 1868. Augsburger Die Welt ist nickt aus Brei und Mus geschaffen, Deswegen haltet euch nicht wie Schlaraffen; Harte Bissen gibt es zu kauen: Wir müssen erwürgen oder sie verdauen. ", Gvthe. Auch eine Crimirial-Geschichte. (Schluß.) Noch betrachtete der Untersuchungs-Richter sinnend das kleine Tuck,' als plötzlich Hanne, die Magd, aufschrie: „Das ist das Tuch des kleinen Karl! O, ich kenne es, er hat es an jenem Samstag noch getragen!" Es war kein Zweifel mehr, der Brunnen barg die Leichen der drei unglücklichen Opfer. Alle Anwesenden waren tief ergriffen. AuS einer Hand wanderte das kleine nasse Tuch zur andern. Als der alte Herr von Freikamp es von seinem treuen Andres erhielt, drückte er eS weinend an seine Lippen. Doch die Zeit verging. Fünf Uhr schlug es auf der alten Schloßuhr. Endlich kehrten die beiden Männer mit dem Feuerhaken — einer langen Stange mit einem spitzigen, stark gekrümmten Haken zurück. „Aufgepaßt!" rief Hcubach. Und abermals verschwand er in dem Brunnen, um vermittelst des langen Instrumentes die auf dem Boden ruhenden Leichname herauszufischen. Abermals entstand eine Pause banger — trauriger Erwartung. In der Tiefe stand der kühne Schlosserm'eister auf der letzten freien Sprosse der Leiter und durchfuhr mit dem Haken das Wasser des Brunnens nach allen Richtungen. Plötzlich ließ er einen neuen gellenden Schrei hören. „Da sind sie!" erklang es dumpf aus dem tiefen Schacht empor. Doch sonderbar! — So schwach der Ruf auch an die Ohren der im Hofe Anwesenden gedrungen, die auf der Gasse Versammelten mußten ihn auch gehört haben, denn dort rief eS ebenfalls: „Da sind sie! — da sind sie!" Aus der Tiefe stieg Hcubach langsam auf, einen anscheinend schweren Gegenstand an seinem Haken emporzichend. In diesem Augenblick ertönte ein furchtbarer, markdurchdringcndcr Schrei. Der alte Herr von Freikamp hatte ihn ausgestoßen. Und er hatte volle und gerechte Ursache dazu. Der Tumult auf der Straße war stärker geworden — wie ein Orkan war er angewachsen. Die Thorflügel waren weit aufgerissen worden und allerlei Personen, der Ortsgerichts-Diener und des Befehls des Herrn Untersuchungs-Richters nicht im Mindesten mehr achtend, eingedrungen. Unter der Thorhalle, am Eingang zum Hofe, stand eine Gruppe, bei deren Anblick Herr von Freikamp den furchtbaren Aufschrei ausgestoßen. Es war ein stattlicher Mann von dreißig und einigen Jahren und ernstem, etwas düsterem Aussehen. Auf dem Arme hielt er ein kleines Mädchen. Eine junge Frau stand neben ihm, welche einen Knaben von etwa neun Jahren an der Hand führte, «nd hinter ihnen zeigte sich das Antlitz einer älteren Dame. Jetzt hatte sich Herr von Freikanrp gefaßt und — „Dore! meine Dore! — Wallborn — meine Kinder!" schrie er noch lant auf, die , 290 Hände nach der Gruppe ausgestreckt, dann zuckte sein Körper zusammen, und besinnungslos, ohnmächtig, fiel der alte Mann in die Arme — der Seinen, die Herbeigesprunge« waren, um ihn zu umarmen, ihn nun glücklich auffingen und vor einem Sturze bewahrten. „Das war stark!" Zu stark war es für die im Hofe Versammelten, denn diese vermochten kein Wort, keinen Laut hervorzubringen, keine Bewegung zu machen. Selbst die Männer, welche daS Seil hielten, überhörten den Ruf Hcubach's, welcher dringend verlangte mit seinem Funde aus dem nichts weniger als angenehmen Aufenthalt hinaus befördert zu werden. Es war aber auch eine Ueberraschung! — eine größere, gewaltigere konnte es nicht geben. Da stand Herr Laibcl-Wallborn und seine Frau, seine beiden Kinder — die man in der Tiefe des Brunnens gesucht, schon so gut als Leichen gefunden, standen bei ihm, frisch, lebendig und kerngesund! Es war, wie gesagt, zu stark! Den ohnmächtigen Schwiegervater noch immer im Arm, schaute Herr Laibcl, den wir nun bei seinem rechten Namen — von Wallborn nennen wollen, die Anwesenden der Reihe nach und mit beängstigendem Ernste an. „Was geht hier vor, in meinem Hause? — Wer hat Euch die Erlaubniß gegeben, hier einzudringen?" So fragte er mit einem Tone, der schon merklich unangenehm klang. Daß ihm vor der Hand keine, nicht die allerkleinste Antwort wurde, wird sich der Leser wohl denken können. Und sie hatten Ursache zu schweigen — und schwiegen. Nur im Brunnen ertönte die Stimme des Gevatters Heubach, welcher immer dringender verlangte, hinaufgezogen zu werden. Doch auch auf den armen — allzukühncn Mann wurde nicht gehört, er mußte noch eine Weile in seinem feuchten Gefängnisse bleiben. Endlich platzte Meister Andres los. „Gott sei gelobt und gepriesen! Er hat seine Frau und seine Kinder nicht umgebracht!" Und ein lautes Echo weckten diese merkwürdigen Worte im Hofe, unter der Thorhalle wie auf der Gaste, und allerwärts jubelten die guten Bewohner von T ... sie mit wahrhaft freudigem Herzen nach. „So zieht mich doch hinauf, um Gotteswillen, damit ich auch erfahre, was es gibt!" So jammerte Gevatter Hcubach, der einzige Nichtwistende, in einem fort und mit gar kläglich klingenden Tönen. Doch noch immer achtete man seiner nicht. Es war eben nicht möglich, die Leute hatten sich noch nicht gefaßt, konnten sich von der großen Ueberraschung noch nicht erholt haben. — Mit finsterm Blick schaute Herr von Wallborn den Tischlermeister an und wollte die sonderbare Rede mit einer gewiß nicht minder sonderbaren erwidern, als der alte Herr von Frcikamp die Augen wieder aufschlug. „Führe den Vater und die Kinder hinauf, Dore," sprach Herr von Wallborn, „ich will allein mit den Herren reden und werde schon erfahren, was sich hier zugetragen." Dieß geschah, und nach wenigen Augenblicken war Herr von Wallborn mit dem Untcrsuchungs-Richter, den Spitzen der Behörden und Zeugen, den eigentlichen Erfindern dieser entsetzlichen Criminalgeschichte, allein. Auch die Menge hatte sich verlaufen — natürlich nur, um die seltsame Mähr von dem Mörder, der kein Mörder war, von den Umgebrachten, die lebendigen Leibes, und sogar zu Wagen, wieder heimgekehrt, kurz, von dem furchtbaren Verbrechen, das nicht begangen worden war, allerwärts und so rasch als möglich zu verbreiten. „Darf ich nun bitten, Herr —" sprach nun so ernst als möglich Herr von Wall-- 291 born, sich an den Untcrsuchungs-Richter wendend, der ihm die Hauptperson dieses sondern baren Auftritts in seinem Hause zu sein schien. Und der Herr Untersuchungs-Nichter sprach, erzählte alles, was die guten Bewohner von L. . . angerichtet, geglaubt und gesehen, gedacht und ausgesagt, und was er selbst >— den Umständen Rechnung tragend — gethan. Herr von Wallborn schaute finster, fast ergrimmt darein. Doch dauerte dies glücklicher Weise nur wenige Augenblicke, dann hellten seine Züge sich wieder auf, und sogar ein Lächeln war auf seinem ausdrucksvollen Gesichte zu schauen. Er hörte gelassen die ganze Schauergeschichte mit an, dann sprach er unerwartet ruhig: „Es sind da allerdings manche Umstände zusammengetroffen, welche die Leute zu entschuldigen vermögen, ihnen auch wohl ein Recht gaben — besonders da sie mich nicht im Mindesten kannten — auf ähnliche Vermuthungen zu verfallen. Ich halte es daher für Pflicht, Ihnen die betreffenden Punkte, welche Sie als Vcrdachtsgründe betrachteten, aufzuklären." „Ich bitte darum — in Ihrem eigenen Interesse — Herr von Wallborn," sagte äußerst höflich der Herr Untersuchungs-Richter. „So zieht mich doch hinauf!" jammerte abermals der im Brunnen Gefangene. „Ich muß doch auch sehen und hören, was geschehen und wie das Alles zusammenhängt." Und sie zogen den armen, kühnen Gevatter und Schlosscrmcister Hcubach endlich herauf — und noch dazu mit seinem Funde, der in nichts Wenigerem bestand, als in dem großen Schöpfeimer des Brunnens, den er aus dem Wasser gefischt und nun neben sich auf den Rand des Brunnens stellte. „Sie kennen bereits meinen rechten Namen, wie ich höre, und so werden Sie wohl auch durch meinen Schwiegervater Näheres über meine Verhältnisse erfahren haben," sprach Herr von Wallborn ruhig. '„Ich kann mich daher kurz fassen." „Ein Verwandter von mir, ein Schwager, befand sich in mißlichen Verhältnissen, die er indessen — ich darf dies wähl sagen — selbst verschuldet. Oftmals habe ich ihm, auf Kosten meiner eigenen Existenz und durch meine gute Frau dazu angehalten, geholfen, doch immer von Neuem belästigte er mich. In vergangener Woche traf er hier in der Nähe meines Wohnorts ein, auf dem Gute der Tante meiner Frau. Ich beschloß, seinem Drängen ein für allemal ein Ende zu machen — er hätte mich und die Mcinigcn noch vollständig ruinirt. Nach Amerika wollte ich ihn schaffen. Dies mag Ihnen die von meiner mehr als plauderhaftcn Magd aufgefangenen Worte erklären. „Meine Tante wollte zu gleicher Zeit eine Versöhnung zwischen meinem Schwiegervater und mir bewerkstelligen, ein Augenblick, den ich wohl herbeigewünscht, doch aus mancherlei Ursachen nicht selbst herbeiführen konnte, noch wollte. Am vergangenen Samstag sandte sie ihr Gefährt hierher, um meine Frau und die Kinder abzuholen. Diese gingen dem Wägelchen eine Strecke entgegen. Ich hatte noch Geschäfte unk blieb daheim." „Deßhalb hat man die Frau und die Kinder zum letzten Mal auf der Landstraße gesehen!" rief der noch auf dem Brunnenrand sitzende und noch immer gleich eifrige Gevatter Heubach. „So ist es! — Als ich meine Arbeit beendet, wollte ich mit dem Nachtzuge nach V. Das Gefährt der Tante sollte mich in der Frühe an der dortigen Station abholen. Daselbst angekommen, fand ich den Wagen nicht und ging ihm entgegen. Daher meine scheinbare Flucht, mein Verschwinden." „Doch das wandelnde Licht —?" „Die herausgerissenen Comode-Schubladen — das hcrabgezcrrtc Tischtuch?" So riefen fast zu gleicher Zeit die bisherigen Zeugen. „Auch das sollen Sie erfahren, meine Herren," sagte von Wallborn lächelnd, „denn eS liegt mir daran, jeden aufgetauchten Verdacht so vollständig als möglich zu beseitigen. 29Z „Meine Frau hatte vergessen, mir meine Vatermörder herauszugeben. Ich suchte sie überall, und kurz angebunden, ging ich etwas unsanft mit dem Inhalt der Schubladen um, ließ dann Alles liegen und stehen bis zur Wiederkehr. Bei diesem Thun zerrte ich auch das Tuch vom Tische und zerbrach die Flasche." „Er suchte seine Vatermörder?! —" „Und wir hielten ihn für einen KindeSm — !! — O, wir waren doch rechte —" So sprachen Gepatter Heubach und Gerbermcistcr Fritze leise zu einander, wobei Letzterer jedoch zweimal vergaß, seine Reden zu vollenden. „Dieß zu thun, überlasse ich getrost dem Leser, es dürfte ihm nicht allzuschwer werden." „Doch die Gestalt, die ich hier am Brunnen gesehen — der Schrei — das Blut?" fuhr nun Meister Andres heraus. „Gegen cilf Uhr blickte ich durch das Fenster und sah, daß meine Frau noch Wäsche im Hofe hängen hatte. Ich eilte hinab, nahm die wenigen Stücke fort und löste die Leinen, die ich hier, vor dem Brunnen niederwarf. „Ah! — A —hü" — „Ungeschickt in solchen Dingen, ließ ich dabei den Eimer in den Brunnen fallen — an der Welle war eine der Waschleinen befestigt — und ritzte mir nicht unbedeutend die Hand. Daher der Schrei — das Blut auf dem Brunnenrande. — Das kleine Tüchclchen, welches ich in Ihren Händen sehe, wird wohl auch bei der Gelegenheit in's Wasser gefallen sein." „A —h!-A —- hü!" — „Doch die Eile, die Aufregung bei Ihrer Abfahrt?" konnte der UntersuchungS-- Richter sich nicht enthalten, noch zu fragen. „Ich schlief einige Augenblicke, und als ich erwachte, war es höchste Zeit, zur Eisenbahn zu eilen. — Sind Sie nun genugsam abgeklärt, meine Herren?" „Vollständig!" „So bitte ich — mich entfernen zu dürfen. Meine Frau und meine Kleinen, so wie mein guter Schwiegervater, den ich so lange nicht gesehen, verlangen nach mir, wie Sie sich wohl denken können. Ein andermal wird es mir sehr angenehm sein, Sie zu empfangen und Ihnen alle nur möglichen weiteren Aufschlüsse geben zu dürfen, — wenn Sie deren etwa noch verlangen sollten." Eine bezeichnende Geberde erfolgte, und sämmtliche Anwesenden verließen mit mehr oder minder verlegenen Verbeugungen den Hof und das Haus, dessen Eingangsthor Herr von Wallborn, ein Weniges fluchend, doch auch wieder unwillkührlich lächelnd, schloß. Dann eilte er in die Wohnstube, um die Versöhnung mit seinem alten Schwiegervater zu bewerkstelligen und zu feiern. Meister Andres kam in eigenthümlicher Stimmung daheim an. Es war sechs Uhr. Die Suppe stand noch immer unangerührt auf dem Tische, aber kalt war sie geworden — desto wärmer aber war seine Alte. Er erzählte, wie sich Alles so wunderbar und besonders glücklich für den guten /Herrn Baron gefügt, wie er sich umsonst geängstigt und wahrhaft froh sei, daß Alles überstanden. Die Alte war zwar recht enttäuscht, doch freute sie sich recht herzlich über das gute und glückliche Ende der sonst so überaus traurigen Geschichte. „— Solche Geschichten hab' ich gerne!" sprach sie mit einem Blick auf ihre geliebten Bücher. „Ich will sie auch lieber gedruckt lesen, als noch einmal erleben!" ergänzte Meister Andres. Dem Herrn Untersuchungs-Richter wurde auf der Station und durch den dortigen Herrn Bahuhof-Jnspector eine zweite Depesche überreicht, worinncn der Polizei-Dircctor der bewußten großen Seestadt meldete, daß das verhaftete Individuum nicht.Laibcl, 293 sondern Schrodtmann heiße, auch nicht in T..., sondern hundert Meilen davon, in Z. seßhaft gewesen, auch kein Verbrecher, sondern ein ehrsamer Bäckergeselle sei, wie solches durch die in schönster Ordnung sich befindenden Papiere und glaubwürdigste Zeugen unumstößlich festgestellt, wcßhalb besagter Schrodtmann denn auch augenblicklich auf freien Fuß gesetzt worden wäre, und besagter Laibel anderwärts zu suchen sein dürfte. Recht ärgerlich steckte der Beamte die Epistel in die Tasche zu den nunmehr un- nöthig gewordenen Protokollen und brummte im Abfahren: „Da habe ich mir einmal umsonst Mühe gegeben! Der Teufel soll die Narren von L. . . holen! — Aber es stimmte auch Alles so Prächtig zusammen, daß es eine wahre Lust gewesen wäre, weiter zu inquiriren!" Aehnlich drückten sich die Bewohner von T. . ., besonders die Gäste des Stammwirthshauses zur „ewigen Lampe" aus, und an ihrer Spitze Gevatter Heubach. „Da haben wir uns einmal umsonst aufgeregt und geängstigt!" sagten sie. Die Leser werden hoffentlich dasselbe sagen. — Weiter hatte meine Erzählung keinen Zweck, und somit — Gott befohlen allerseits! Die Wanderungen einer Raupe durch Asien und Europa. Seit Jahrtausenden der Obsorge der Frauen und Mädchen anvertraut, wandert eine zierliche Raupe, als Pionier der feinen Sitte, durch Asien und Europa über den Ocean nach Amerika. In den prunkvollen Gemächern einer chinesischen Kaiserin, 2600 Jahre vor Christi Geburt, finden wir zum erstenmale die Seidenraupe als zahmes Thier von kaiserlichen und adeligen feinen Händen gepflegt. Si-ling-ki hieß die hohe Dame, welche befahl, daß, nach ihrem Beispiele, alle Frauen in China, von ihrer Gescll- schaftsfrau bis zur letzten Magd im Reiche, die Seidenzucht treiben sollen; ihr Name wird als Schutz-Patronin jährlich am Tage des Beginnens der Seidencampagne von Millionen fleißiger Arbeiterinnen angerufen. Kaiserliche zarte Finger waren es, die 255 Jahre später aus dem goldenen Netze der zierlichen Nanpe den ersten goldene» Faden abhaspelten, kaiserliche zarte Finger waren es, die daraus den ersten goldenen Schleier webten. Von China wanderte die Raupe nach Japan uiH Kolchis, ihren Faden und ihren Schleier nachziehend, der nach andern 83 Jahren als ersehnte Beute der Expedition der Argonauten dienen sollte. Diese eroberten, der Sage nach von listiger Wciberliebc unterstützt, den Schleier, hißten ihn auch bei ihrer Rückkehr in's Vaterland auf die Spitze des MastbaumeS ihres Schiffes als erobertes Panier, aber seinen Ursprung kannten sie nicht, denn die Raupe hielt durch lange Zeit Stillstand in ihrer Wanderung, und ihre in Strähnen geflochtenen Fäden, die in Babylon mit so viel Gold, als sie schwer waren, ausgewogen wurden, hielt man für das Produkt einer rätselhaften Pflanze. Erst nachdem der Bcsieger Asiens, der große Alexander, seinem Lehrer Aristoteles zum Studium der Natur die Produkte der eroberten Länder zur Verfügung stellte, ahnte man in Europa, daß die Seide von keiner Pflanze, sondern von einem Insekt erzeugt werde. Dieses Erzeugniß wurde aber bald das Zeichen der höchsten Vervollkommnung des Luxus der Männer, die eleganteste Zierde der Frauen, und zwar so sehr, daß 16 Jahre nach Christi Geburt den Männern in Rom das Tragen seidener Kleider verboten wurde; daß Kaiser Aurelian seiner eigenen Frau ein Seidenkleid verweigerte, weil er es zu theuer zahlen sollte, und Kaiser Markus Aurellus im Jahre 160 eine eigene Commission nach China schickte, um in direkten Verkehr mit diesem Lande zum Behufe des Seidenhandels zu treten. Diese Abgesandten fanden aber, daß die chinesischen Seidenhändlcr stumm und blos durch Zeichen ihre Kontrakte schloffen, daß derjenige mit Todesstrafe bedroht war, der die Seidenraupe oder deren Eier aus dem Lande tragen würde, und daß selbst die Seide nur den nachbarfreundlicheu Völkern zu verkaufen er» laubt war. Diese strengen Gesetze verhinderten bis zmn Jahre 552 die weiteren Wanderungen der Seidenraupe. Im Jahre 533 kehrten aus einer Mission in China zwei Mönche vom Orden des heiligen Basilius nach Konstantinopel zurück, welche dem Kaiser Justinian erzählten, daß sie das scidcspinnende Insekt und die Kunst kennten, aus demselben die Seide zu gewinnen. Nach vielen Jahren erst gelang es dem Kaiser, diese Mönche zu bestimmen, abermals eine Reise nach China zu unternehmen und sowohl die Seidenraupe, als die dieselbe ernährende Pflanze nach Konstantinopcl zu übertragen. Erst im Jahre 552 wanderten sowohl die Seidenraupe als der Maulbeerbaum, in embryonaler Gestalt in den Knöpfen der Wanderstöcke der zwei Mönche eingeschlossen, aus China über Tibet, Persien und Kleinasien über den Bosporus nach Konstantinopel, wo der Saame des Baumes, der Erde anvertraut, Laub erzeugte und die Eier des Seidenspinners, durch die Wärme eines Misthaufens bebrütet, Raupen entwickelten, die nach vier Wochen zum erstenmale auf europäischem Boden zwischen den Besten der wilden Maulbeersträuche ihre goldenen Cocons einspannen. Konstantinopel war also die erste Etappe in der Wanderung unserer Raupe aus Asien nach Europa. In der Burg des byzantinischen Kaisers unter der Leitung der zwei Basiliancr-Mönche gezüchtet, gaben durch zahlreiche Jahre hindurch viele Millionen von Seidenraupen ihre seidenen Galetteu, die, in einer kaiserlichen Fabrik von aus Tyrus und Beirut besonders dazu berufenen Webern abgesponnen, in glänzende Seidenstoffe verwandelt, das Produkt einer Kunst bildeten, die auszuüben uur dem kaiserlichen Hofe erlaubt war. In Konstantinopel blieb die Seidenraupe abermals Jahrhunderte lang stationär, und nur nachdem ihr Borläufer, nämlich der Maulbeerbaum, ihr den Weg gebahnt hatte, konnte sie ihre Wanderung auf dem europäischen Continent fortsetzen. Denn obwohl im Verlaufe der sechs darauffolgenden Jahrhunderte die Scidenzucht in Griechenland derart gang und gäbe wurde, daß dieses Länd von dem Maulbeerbaum (llorus albs) den Namen Morea erhielt, so lehrt uns doch die Geschichte, daß Kaiser Karl der Große bei feierlichen Gelegenheiten höchstens eine Schärpe von Seide um die Hüften trug. In der ersten Hälfte dcS zwölften Jahrhunderts, als Ruggcro II., König von Sizilien, nach Bcsicgung Griechenlands griechische Gefangene in sein Vaterland schleppte, wanderte mit diesen die Seidenraupe nach Sizilikn, um sich daselbst einzubürgern und neue Kolonien in Kalabricn zu gründen. Im übrigen Europa vermochten selbst die großen Privilegien, die Herzog Leopold von Oesterreich im Jahre 1200 der Stadt Wien, als dem Mittelpunkte des europäischen SeidenhandelS, verlieh, die Seidcnzucht nicht zu verbreiten. Denn erst unter dem alten Dandolo (120t) wanderte die Seidenraupe aus Konstantinopel in das Vcnetianische und auf genuesischen Kriegsschiffen (1306) über das tyrrhenische Meer, um sich in Mo- dcna anzusiedeln und von da über den Apennin nach Florenz zu pilgern, wo sie in wenigen Jahren Tausenden von Arbeitern Lebensunterhalt verschaffte. Dennoch blieb die Seide in Europa noch lange eine seltene Waare. Karl VI. von Frankreich trug, um seine königliche Pracht zu entfalten, selbst im Sommer einen Schnür- leib von Seidensammt und Karl VII. bei seinem Einzug in Roucn (1449) einen mit Sammt aufgeputzten Filzhut als den kostbarsten Hut seiner königlichen Garderobe. Die Seidenraupe hielt indessen in ihren Wanderungen durch Europa zum fünften Male Stillstand, während der Scidenbaum ihr die Bahn fortcbuen sollte. Unter Karl XI. pflanzte Tronchet im Jahre 1564 die ersten Maulbeerbäume bei Nimes, und Heinrich IV. ließ durch Olivicr de Serres im Jahre 1600 die Maulbeerbäume von Fontaincblcau pflanzen und aus Italien 14,000 Maulbeerbäume und große Quantitäten von Maulbcersamen kommen, die er unter seine Unterthanen vertheilte. Nun wanderte, trotz der Opposition des allmächtigen Sully, die Seidenraupe über die Alpen nach Frankreich, und dieses 295 Frankreich, das früher um 4,000,000 Franks Seide einführte, führte in wenigen Jahre« eben so viel aus, und besaß schon im Jahre 1806 über 400,000 Maulbecrbäume. Während in Frankreich die Seidenraupe unter dem mächtigen Schutze des Regenten ihren Einzug hielt, sollte sie an der Hand einer edlen Prinzessin nach Deutschland wandern. Magdalena Elisabeth, Tochter Joachiin's II., Kurfürsten von Brandenburg, züchtete im Jahre 1595 die ersten Seidenraupen in Deutschland, und Friedrich Wilhelm I. von Preußen befahl, viele Maulbecrbäume in seinem Staate zu pflanzen; zwei Gesellschaften aber, die in Württemberg die Seidenzucht treiben wollten, gingen in kurzer Zeit zu Grunde. Gleiches Unglück verfolgte die Seidenraupe auf ihrer Wanderung nach England unter Jakob I. (1608—1610), während dagegen ihr Vorläufer, der Maulbcer- Baum, unter Peter dem Großen vom Jahre 1682— 1725 bis zum 54sten, und im Jahre 1739 bis Stockholm, d. h. bis zum 59stcn Grade nördlicher Breite vorgedrungen war, wo er in diesem Jahre der strengsten Kälte des Jahrhunderts widerstand. Jene kleinen ungünstigen Erfolge waren aber nicht im Stande, unsere Raupe auf ihrer Pilgerschaft als Vorbote der feinen Sitte aufzuhalten. Sie wanderte unter Ludwig XV. selbst nach dem Norden Frankreichs; im Jahre 1749 pflanzten zwei Italiener, Cremcri und Locatelli, die ersten Maulbcerbüume zu Prag und führten die Seidenzucht daselbst ein, wo diese über ein Jahrhundert kümmerlich ihr Dasein fristen sollte, um in unserer Zeit sich zu einem lebensfähigen Kulturzwcig in Böhmen emporzuschwingen. Der Maul- becrbaum gedieh unter Alexander I. und Paul I. an den Ufern des Terck und an den Mündungen der Wolga und des Don, und entwickelte sich zu Wäldern in Kankasien; im Jahre 1770 wanderte die Seidenraupe, in der Reisetasche Benjamin Franklin's verwahrt, über den Atlantischen Ocean nach Nordamerika. In Frankreich und Italien aber wurde die Seidenraupe der Liebling des schöneren Geschlechts, dessen zarte Hände so viele Milliarden von Seidenspinnern anferzogen, daß Frankreich im Jahre 1826 an reinem Gewinne von der Seidenzucht 23,560,000 Franks erzielte und Norditalicu im Jahre 1834 für 107,560,000 Franks Cocons erzeugte. Um das letztere Produkt zu erhalten, brauchte man 35,250,000 Kilogramme Cocons und auf jedes Kilogramm 400 Galcttcn im Durchschnitt gerechnet, 13,100,000,000 Raupen, die zum größten Theil von Frauenhäudcn gezüchtet wurden und einen Seidcnfadcn von der Länge von 6,550,000,000 geographischen Meilen herstellen. Wie aber entstand das Wunder? Einige zarte Maulbcerbüume, die kaum fedcrkicldick in der Umgebung von Mailand im Jahre 1761 mehr der Neugierde halber gepflanzt worden waren, gaben neun Jahre darauf 60 Kilogramm Laub, und nach anderen eils Jahren 525 Kilogramm per Baum. Liese Ueppigkeit der Betäubung erregte Erstaunen, die Liebe der Frauen zur netten Raupe steigerte ihre Aufopferungskraft, und die kleine Lombardei züchtete schon im Jahre 1803 Cocons für den Werth von 400,000 Franks. Graf Vinccnz Dandolo aus Varese, Statthalter des ersten Napoleon in Dalmatien, widmete, als er in Folge von politischen Umwälzungen in sein Vaterland sich zurückzog, fein thatenrciches Leben der Zucht der Seidenraupe. Von ihm stammen die ersten wissenschaftlich verfaßten statistischen Tabellen, über Auslagen und Erträgniß der Seidenzucht; er baute die erste kolossale Magnaneric, die als Modell für tausend und abermals tausend andere, welche als Monumente des Reichthums italienischer Großgrundbesitzer später entstanden, dienen sollte. Nie wirkten noch todte Ziffern so zündend auf die Gemüther, als die Zahlen-Kolonnen Dandolo's; nie war die Dankbarkeit eines Volkes so aufrichtig gcge» einen Wohlthäter als diesmal. Im Jahre 1803 erzeugten die Lombarden für vier Millionen Franks Cocons; vom Jahre 1807 bis 1810 producirte das kleine Gebiet des damaligen Königreiches Italien Galetten für den Werth von 327,631,241 Franks, und das Volk widmete dem Dandolo Tausende von Denkmälern, da es jedes zum Zwecke der Seidenzucht errichtete kolossale Gebäude Dandoliera benannte. Was konnte ferner die Wanderung unserer Raupe hindern? In den Fünfziger- L96 Jahren wanderte sie zum Zwcitcnmale über den atlantischen Ocean nach Chile und Quito, wo sie selbst ihre Natur modificiren sollte, indem ihre Eier daselbst anstatt Eines zwei Jahre zu ihrer Entwicklung brauchen. Hat nun die Seidenraupe das Ziel ihrer Wanderungen erreicht? Gott bewahre! In Steicrmark, Oesterreich, Mähren, Schlesien, in Böhmen und in der Bukowina bahnt ihr schon ihr Vorläufer, der Maulbcerbaum, den Weg, und sie wartet nur auf einen Dandolo, der sie in diese Länder einführe und sie der hohen Gunst edler Frauen daselbst anempfehle. _ Professor I)r. Molin. (Tabakspfeifen aus Eis.) Der durch seine Reisen in Asien bekannte Gelehrte Schlaginweit erzählt, daß die Karawanen-Reisenden in Turkhestan sich manchmal den eigenthümlichen Genuß verschaffen, ihren Tabak aus einer „Eispfeife" zu rauchen. Beim Uebcrschreitcn der turkestanischen Gebirge wird der Ruheplatz in der Nähe eines Gletschers gewählt; dorthin begeben sich die Muselmänner, wenn das Lager aufgeschlagen ist, und jeder bohrt sich ein Loch von der Größe eines Pfeifenkopfs in das Eis, qjwas entfernt davon ein kleineres als Mundstück, und beide werden durch einen Kanal verbunden. Jetzt ist die Pfeife fertig; der Türke stopft sie, legt sich auf den Bauch, zündet an und sangt an dem Mundstück, wobei er sich durch ein Tuch gegen unmittelbare Berührung des Eises mit den Lippen schützt. Die Hitze des brennenden Tabaks schmelzt allerdings ein wenig von dem Rande des Loches ab, aber da das Gletschereis außerordentlich hart und fest ist, geht das Schmelzen nur langsani vor sich; die wenigen Tropfen reichen gerade hin, um die dem echt türkischen Tabak nöthige Feuchtigkeit zu liefern. Das Rauchen selbst gewährt einen besondern Genuß, da der Rauch cisigkalt in den Mund gelangt, nachdem er den Kanal passirt hat. Die Asiaten lieben diese Kühlung des Rauches, wie sie dieselbe in schwächerem Maße auch durch die Narghiles (Wasserpfeifen) herstellen, und die Turkhcstanen versäumen es nie, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, eine Eispfeifc zu rauchen. Es gewährt, wie Schlagintweit versichert, einen seltsamen Anblick, ganze Reihen von schweigsamen Gläubigen auf dem Bauche liegen zu sehen, durch Decken und Pelze gegen die Kälte des Eisbodens geschützt, welchem sie mächtig qualmende Rauchwolken entziehen; besonders auf den ersten Blick staunt der europäische Reisende, der die Procedur noch nicht kennt und sich nicht entrüthseln kann, woher der Rauch kommt. _ (Fang- und Achselschnüre.) Unsere Damen lieben es, ihre Roben mit militärischen Achselschnürcn zu verzieren, wahrscheinlich ohne zu ahnen, welche eigenthümliche geschichtliche Bcwandtniß es mit denselben hat. — Der Ursprung der Achsclschnüre aber war folgender: Als im Jahre 1566 der blutdürstige Herzog Alba die Niederlande mit Feuer und Schwert verheerte, ward hierüber ein unter ihm stehendes Wallouen-Regiment so empört, daß es sammt und sonders bis auf den letzten Mann zum Feinde überging. Der Herzog erließ hierauf an den gleichfalls übergegangenen Commandeur dieses Regiments die Drohung, daß er jeden Mann, wenn er gefangen würde, aufhängen lassen werde. Der Commandeur erwiderte hierauf, daß jeder seiner Soldaten, damit das Aufhängen nicht große Umstände mache, von Stund an einen Strick und einen Nagel an der Schulter tragen werde. Die tapferen Wallonen jubelten über diese Antwort und hefteten begeistert Strick und Nagel an die Schulter. So den Henkertod vor Augen verrichteten sie Wunder der Tapferkeit, und nach Beendigung des Krieges war das' Regiment so stolz auf den Strick geworden, daß eS denselben als ehrende Auszeichnung auf der Achsel beibehielt. Frage: WaS für Ähnlichkeit hat London mit Paffa«? Antwort: -uotzss opiq rhrj oai '-nvhazgo m, uogvh Rttl«» »LH »,« Jiftitüt« »»» W. H»UUr>