Nr. S8. 20. Septbr. 1868, Augsburger Wer will denn Alles gleich ergründen! Sobald der Schnee schmilzt, wird sich's finden! >ier hilft nun weiter kein Bemühn! -iuds Rosen, nun sie werden blühn. Göthe. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. Eine Erzählung in zwei Abtheilungen und neun Capiteln von Herübert Malten. (Wiederabdruck ist ohne Erlaubniß des Verfassers nicht gestattet.) Erste Abtheilung. I. Der Neujahrswunsch. Ob Noth, ob Kummer, ich ertrag' es gern, Leucht mir durch's Dunkel nur der Liebe treuer Stern. „Wenn Sie erlauben," sagte der Candidat Olearius höflich und zündete seinen Wachsstock an dem Flämmchen der zinnernen Oellampe an, welche mit ihrem spärlichen Lichte die Wohnstube der Victualienhändlerin Harnapp in Langensalza in Thüringen erhellte. Frau Harnapp im Lehnstuhl neben dem warmen Ofen sitzend und der Nutze pflegend, nickte bejahend mit dem Haupte und der Candidat seinen Wachsstock langsam zurückziehend, wandte sich an zwei junge Mädchen von ungefähr 19 und 14 Jahren, die beflissen waren, einen wahren Berg von Linsen, der vor ihnen auf dem Tische aufgehäuft war, rein zu lesen, mit der Frage: „Noch, immer so fleißig?" Es erfolgte jedoch keine Antwort; ja die fleißigen Leserinnen erhoben nicht einmal das Haupt von ihrer langweiligen Arbeit. Dessen ungeachtet hob Olearius wieder an: „Frau Nachbarin, Sie sollten sich solche Tauben anschaffen, wie die allbekannte Aschenbrödel zu Gehilfinnen hatte. Diese pickten in gar kurzer Zeit die schwarzen und angefressenen Linsen oder Erbsen aus einem großen Haufen heraus und ersparten so ihrer Herrin die Mühe." „Tauben?" versetzte die Alte mürrisch. „Ein Paar Gänse habe ich, die mir aber nicht die bösen, sondern die guten Erbsen und noch viele andere Dinge obendrein aufessen." Der betroffene Candidat sah, wie der schonungslose Vergleich der alten Base eine hohe Nöthe bis in den gebeugten Nacken der älteren Linsenlcscrin gleiten machte. Zugleich wischte diese mit einer Hand voll Linsen einen hellen Wassertropfen vom weiß gescheuerten Tische hinweg, welcher ihrem schönen Auge entfallen war. Olearius, dem es unendlich leid that, daß er durch seine gutgemeinten Worte die arge Kränkung verschuldet hatte, sagte begütigend: „Ei, ei, Frau Nachbarin, wie mögen Sie doch nur immer ihrem Mühmchen so großes Unrecht thun? Fleißige Bienchen sind die, die mit dem Hahnenschrei aufstehen und bis in die Nacht hinein arbeiten. Ich muß mich ordentlich schämen, wenn ich mich mit Jungfer Lischen vergleiche, und eine lernbegierigere Schülerin wie Agathe hatte ich nimmer." „Ja, ja, loben Sie nur immer das dumme Ding in's Gesicht" — eiferte die Alte — „damit sie noch eingebildeter wird, als sie schon ist. Ich wollte auch, daß„D» 298 Lieber das Zinn richtig scheuern lehrten, als Briefe schreiben und andere dergleichen Nichtsnutzige Dinge mehr. Was thun die Mädel damit? Liebesbriefe lesen und schreiben und nichts weiter. Aus diesem Grunde durfte ich bei meiner seligen Mutter blos Gedrucktes lesen lernen und das mit Recht. Wer weiß, ob die beiden Maulaffen da es so weit bringen werden mit ihren neumodischen Künsten, als wie ihre alte Base. Sie, Herr Oehlig, haben auch lauter überspannte Dinge im Kopfe — haben da ihren ehrlichen Familiennamen abgelegt und dafür einen andern angenommen, den der T — l aussprechcn mag, aber ich nicht — Ole — haar Pfui der Tausend noch einmal!" „Olearius!" verbesserte der Candidat und eine leichte Nöthe stieg in sein schmales, bleiches Antlitz. „Sehen Sie, Frau Nachbarin, in der Gelehrtensprache heißt Oehlig so viel, wie Olearius, und ganz andere Männer als ich, haben ihren Namen in's Lateinische oder Griechische übersetzt. Der Name thut oft gar viel zur Sache, und ich denke immer, daß der Magister Olearius eher zu einer Pfarre kommen soll, als der simple Gottfried Oehlig, und was der würdige Melanchton gethan hat, der ja auch eigentlich Schwarzerd hieß, darf wohl von einem niederen Theologen nachgeahmt werden." „Narren sind sie gewesen" — fiel Frau Harnapp ein — „dabei bleibe ich! Und wenn ich einen Sohn hätte, der sich seines ehrlichen Familiennamens schämte und ihn ««drechselte, er sollte nicht einen rothen Heller von der Erbschaft bekommen." Wir wissen nicht, ob der empfangene Ehrentitel oder das Wort „Erbschaft" den Candidatcn auf einen schnellen Rückzug bedacht werden ließ, aber er zündete seinen Wachsstock, den er während des Gesprächs aus Sparsamkeit verlöscht hatte, wieder an «nd entfernte sich unter dem Anwünschen einer guten Nacht, welche jedoch bloß von den beiden Linsenleserinnen dankbar zurückgegeben wurde. Olearius stieg, nachdem er die Thüre im Rücken hatte, auf einer ziemlich steilen Treppe nach seiner Wohnung hinauf, die dem dürftigen Einkommen eines Candidatcn angemessen war. Der große hohle Schlüssel öffnete, oben angekommen, ein umfangreiches deutsches Schloß und der Candidat trat in ein kleines Vorgemach, welches zugleich die Stelle der Küche vertrat. Das daran grenzende Stübchen war gerade geräumig genug, um ein Bett, ein Bücherbrett und einen Arbeitstisch in sich zu fasten. Das erstere stand unter der schrägen Wand, welche das Dach des Hauses bildete; das zweite enthielt in einer einzigen Reihe die ganze Bibliothek «nd der dritte die schriftlichen Werke des Candidatcn. Ein Stuhl mit hoher Rücklchne «nd arg verschossenem Ueberzuge, war der einzige seines Gleichen, hatte des Tags überfeinen Stand vor dem Tische, des Nachts hingegen am Bette des Junggesellen. Dieser zündete mittelst des Wachsstockes ein dünnes Talglicht auf einem Blechleuchtcr an und begann hierauf sich umzukleiden. Der wsllarme, schwarze Frack mit den langen Schößeln wanderte an den Nagel, ein anderer, minder guter herunter und auf den Leib des schmächtigen Candidatcn, welcher die Schößcl desselben als Stoff zum Ausbessern der übrigen Kleidungsstücke verwendet und ihn somit in einen Spencer umgeschastcn hatte. Temungeachtet zeigte das Hintertheil der schwarzen kurzen Beinkleider eine Scheibe von grauem Tuch, welche der Frack bisher verdeckt gehabt hatte. Nachdem Olearius noch eine blauleinene Schürze vorgebunden, begab er sich in das Zimmer zurück, wo er mit prüfendem Blicke die Häupter seiner Lieben — einige Stücke Stockholzes —- überzählte, und dann Feuer in den Ofen zu machen, Anstalt traf. Aus einem kleinen Küchenschranke nahm er ein Bündel schon bereit liegender Hvlzspänc, und in wenigen Secunden später fuhr die Ofengabel mit ihrer in Brand gesetzten Bürde in des Ofenloches schwarz gähnenden Schlund. Als das Feuer lustig prasselte, brachte die Ofengabel einen Topf mit Master in dessen Nähe und der Calfactor ward zur Köchin, welche die Abendmahlzeit bereitete. „Ein Kernmädchen, die Lieschen!" sprach der Candidat, indem er Schwarzbrod in eine Schüssel schnitt, „welch' ein Unterschied gegen die geschmückten, gepuderten und ge- Zierpuppen der höheren Stände!" Er warf Salz auf das Brod. „Wie 299 sittig, keusch und demüthig ist sie! Wie duldsam gegen die Kränkungen des böse« Weibes!" Hier wurde die Halbschied eines Drcierstückchens Butter in die Schüssel versetzt. „Der Mensch will auch einmal eine Abwechslung und der Magen eine Stärkung, haben." Unter diesen Worten langte Olcarius eine kleine Düte mit Kümmel aus der Westentasche, von welchem deutschen Gewürze er eine Prise der Suppe beifügte. „Neunmal glücklich der Mann, dem Lieschen einst als Hausfrau das Essen bereiten darf." Er rückte den Wassertopf aus dem Ofen. „Nun, wie Gott will!" Patsch! glitt der Topf von der Ofcnbrücke und vergoß seinen kochenden Inhalt, so daß das Feuer zischend verlöschte. Die Ofengabel in der Hand schaute Olcarius trübe bald in das verhängnißvolle Ofenloch, bald auf die des Aufgusses harrende Schüssel. Am meisten schmerzte ihn das böse Omen, daß gerade in dem Augenblicke, wo er in frommer Ergebung, aber mit heißer Inbrunst an Lieschens Besitz gedacht, die Flamme im Ofen gewaltsam ausgelöscht worden war. Sollte das Feuer seiner heimlichen Liebe für Lieschen nicht ebenso durch einen Wassersturz des Schicksals erstickt werden? Nach einer Minute stillen Sinnens wiederholten die Lippen des Candidatcn abermals leise: „Wie Gott will!" — Die Schüssel mit ihrem Inhalt wanderte, um am nächsten Morgen benutzt zu werden, in den Küchcnschrank zurück. Olcarius sättigte sich mit Butterbrod und verfügte sich kauend in sein Stübchcn, dessen weiß gefrorene Fensterscheiben von der Lichtstamme wie Diamanten glitzerten. Die Stellung, welche der soupirende Candidat dicht vor dem Ofen einnahm, ließ errathen, auf welche Weise dessen Beinkleider zu der oben gedachten grauen Tuchscheibe gekommen waren. Heute hatten sie von dem nur wenig erhitzten Ofenkastcn ein Versengen nicht zu fürchten. „Warum," — hob der junge Mann an— „doch nur die Erdcngüter so gar ungleich vertheilt sind? Meine arme selige Mutter mußte bitter darben, indeß ihr kinderloser Bruder zum Erösus ward. Und er half der einzigen Schwester nicht, als sie auf einem langen Krankenlager schmachtete. Ja, selbst mein Brief, der ihm der Schwester seliges Ende verkündete, hat er bis jetzt unbeantwortet gelassen. Alle Jahre einen Dukaten für den ihm übcrschickten Neujahrswunsch war das Einzige, dessen wir uns von ihm zu erfreuen hatten. Nun, Gott Lob! weder ich noch meine gute Mutter sind deßwegen hungrig zu Bette gegangen. Der Vater im Himmel oben wird auch weiter für mich sorgen. Weiß ich doch nun einen recht eifrigen Fürsprecher bei ihm: meine Mutter. Diese Worte wurden des Kauens wegen in Unterbrechungen gesprochen. Nachdem Olcarius seine Mahlzeit stehend genossen hatte, setzte er sich an den Arbeitstisch, zog den Entwurf eines Neujahrs-Gedichts und einen Bogen feines Postpapicr hervor, um jenes darauf mit zierlichen Schriftzügcn versetzen. „Bekenn' es nur offen heraus, Gottfried," sprach Olcarius, indem er den goldenen Rand des Papiers betrachtete — „daß Du ein höchst eigennütziger Kerl bist. Dieses Gold — ist es nicht der Köder, um einen Dukaten zu crangeln. Die Wurst, welche Du nach der Speckseite zu werfen gedenkst? Geht Dir's von Herzen, wenn Du einem niegesehenen und daher ungeliebten Oheim alles Gute amvünschest? Die Gottheit um Verlängerung seines theuren Lebens auf dem Papier anflehst. Und doch muß ich es thun, trug es mir doch die Mutter noch auf, als sie schon auf dem Sterbebette lag. Ihr Wille sei mir heilig." Er spitzte die Feder und schrieb — nein, er malte die Buchstaben mit fast eigensinniger Hand auf das Papier hin. Eben hatte er die Schlußzeile fertig, als ein entferntes Geräusch durch die ihn umgebende lautlose Stille daher drang und ihn plötzlich vom Stuhle aufjagte. Auf den Zehen schlich er in das Vorgemach und mit zurückgehaltenem Athem lauschte er durch das Schlüsselloch der Thüre, vor welcher sich bald ei« Lichtschimmer zeigte. Die beiden Mädchen kamen heraufgestiegen, ihre Bodenkammer und das Bett aufzusuchen. „Nicht einmal ein Schürzenband kann ich mir kaufen!" hörte der horchende Can- didat Lieschen klagen, „man muß sich ja vor den Leuten im Hause schämen." — „D» 300 sollst es haben, Engelskind!" gelobte Olearius im Stillen, „sobald der Goldfisch des Oheims eingegangen sein wird." Die Tritte der beiden Linsenlcserinnen waren schon geraume Zeit verklungen, als der Candidat zum Schreibtische zurückkehrte, um den Titel des Jahrwunsches noch zu schreiben. Auch diese Arbeit war endlich vollbracht und zufriedeuen Sinnes überlas Olearius den zierlichen Bogen mit halblauter Stimme: „Meinem theuren, heißgeliebten, hochgeehrten-" Er stockte — rieb sich die etwas schläfrigen Augen — las nochmals und erstarrte! Nicht dem theuren, heißgeliebten, hochgeehrten Oheim, sondern dem heißgeliebten Lieschen hatte er den Wunsch zum neuen Jahre gewidmet! Verloren war die verwendete Zeit und Mühe, verloren der Groschen für den theuren Bogen! Er zürnte mit sich selbst und gleichwohl hätte er sich um keinen Preis entschließen können, das verfehlte Machwerk zu vernichten oder wenigstens das Wort „Lieschen" wegzuradiren. Vielmehr hob er das Blatt in dem geheimsten Fache des Arbeitstisches auf. Dann trug er die Claviatur eines ehemaligen Claviers herbei, verpflanzte solche vor sich auf den Tisch und begann mit ziemlich frostverklommcnen Fingern eine stille Musik aufzuspielen, deren Noten er vor dem Klavier-Sierrogate gegen ein dickes lateinisches Lexikon gestützt hatte. Nach Beendigung der Sonate verfiel Olearius in ein kurzes Vorspiel, auf welches er einen Choral folgen ließ. Mit großer Andacht und einer recht reumüthigen Stimme sang er zu den klanglosen Fingergriffen: „Mit meinem Gott geh' ich zur Ruh', und thu' in Fried' meine Augen zu." — Dies war das Abendgebet des frommen Candidaten, welcher nach drei abgesungenen Versen mit dem Lichte zu dem an der Wand Hangenden Schattenriffe seiner Mutter trat, dem er einen langen Blick voll dankbarer Liebe widmete. „llsvo pia rmima!^ sprach er innig, löschte die Kerze und begab sich zur Ruhe, welche, wie bei allen Inhabern eines ruhigen Gewissens, eine sanfte war. (Fortsetzung folgt.) Die Katakomben in Paris. „Wollen Sie mit uns die Katakomben sehen? Ich habe die Eintrittskarten für morgen," so lautete die Einladung eines Freundes, die anzunehmen ich bereit war. Das große geheimnißvolle Wort „Katakomben." In Rom kostet es uns das Hinabsteigen weniger Stufen unter die Erde, und wir versetzen uns, so oft wir wollen, um bald zweitausend Jahre zurück, um immer wieder von diesem ehrwürdigen Ausgangspunkt die Elemente aller Jahrhunderte, wie sie die ewige Stadt nachbarlich birgt, auf die unbe- gränzte Einbildungskraft wirken zu lasten — wer weiß, was Paris da unten zu uns spricht? Um in Paris alle solchen Sehenswürdigkeiten zu besuchen, die zu gewissen Stunden besonders geöffnet werden, wendet man sich brieflich an die Präfectur. Man wird auf die Liste geschrieben, und bekommt per Post zu seiner Zeit die Eintrittskarten zugestellt für das bestimmte Mal. Am Eingang in die Unterwelt war ein buntes Leben. Die flachen Hüte und schwarzen Talare der Priester waren in großer Zahl am Platze. — Frauen verkauften aus großen Körben Lichter und Scbeiben, aus Pappendeckel geschnitten, um das Tröpfeln aufzufangen, und machten in aller Eile ein gutes Geschäft. Ausgerüstet schloß man sich dann der Queue an, deren Spitze sich langsam gegen die Eingangsthür hin zergliederte; denn da saß in voller Würde der kaiserliche Beamte, umgeben von Polizeimannschaft, und musterte die Karten, ganz wie die Pässe an der Gränze — unumgängliches Joch officicllcr Vormundschaft, durch das der Franzose zu allen Freuden schreiten muß. Der Deutsche und der Engländer, schlucken eine Pille des Unmuths, und das beruhigt sie zur Genüge. Der Franzose kommt nicht auf solche Gedanken; er ist 301 ja in gedrängter Gesellschaft, abenteuerlich mit Lichtern bewaffnet — das facht das Feuer seiner Unterhaltung an, und leicht sprühen die Funken umher, um schnell zu verlöschen. Es geht eine steile, hochstufige Wendeltreppe tief hinab. Der Gedanke: wenn einer einen Fehltritt thäte, seine Vorderen mit sich fortrisse, die brennenden Lichter Frauenkleidcr iu Brand steckten, erregt unwillkürlich ein Gruseln; aber das ist nach den Umständen ein wahres Glück, denn es ist die einzige Gelegenheit zu Schaucrgefühlen, die sich bietet, und die einem doch zu solcher Stunde so erwünscht sind. Sagen wir kurz dem, der es noch nicht weiß, was es für eine Bcwandtniß hat mit diesen unterirdischen Räumen. Es sind alte Steinbrüche, in dem Maß umfangreich, als sie Material für eine so große Stadt geliefert haben. Obige Steinbrüche nun waren seit langen Zeiten verlassen und überbaut. In dem Stadtviertel aber, welches sich über sie hin erstreckte, verbreitete sich mit der Zeit ein dumpfes Gefühl von drohender Gefahr des Einsturzes, das endlich gerechtfertigt wurde durch vorkommende Fälle. Gleichzeitig überfüllten sich mehrere große Kirchhöfe, die vermöge der Erweiterung der Stadt, in deren Inneres versetzt waren. Die zu Rathe gezogenen Ingenieure schlugen vor, die Gebeine dieser Kirchhöfe dort hinabzuführen, und zugleich das Ganze durch gehörige Unterbauten zu sichern. Aus der Ausführung dieses Planes sind die Pariser Katakomben hervorgegangen. Uebrigens war die lange Reihe der Besucher der Katakomben selbst das Schönste an der Sache. Man sah oft weit vor sich hin die dunkeln Silhouetten in gemessenem Schritte sich zwischen rohen Säulen längs der Schüdelwände Hinwinden, fliegende Schatten an die feuchte Decke werfend, im röthlichcn Fackelschein. Indessen die Stufen aufwärts wurden einem recht leicht, und das Tageslicht, „weil es noch glüht," war unaussprechlich willkommen. — Wo aber waren wir? Selbst die Pariser hatten keine Ahnung davon. In einer kleinen Gaste standen wir, nirgends ein Merkmal. Um 1 Uhr waren wir angetreten; es war 2>/j Uhr. Aus der Kinderstube eines Prinzen. Pädagogische Skizze. Der Prinz von Wales, der Sohn der Königin von England, war in seiner Knabcnzcit das, was wir „einen schlimmen Buben" zu nennen Pflegen. Wenn der zehnte Theil dessen, was man sich in den Jockey-Clubs Londons von dem dercinstigeu Erben der Krone Großbritanniens erzählt, wahr ist, so trifft das Sprichwort zu: „Was Essig werden soll, das wird bald sauer." Schon als „kleiner Baby" verrieth der Erstgeborene Viktoria's viel Essig. Prinz Albert, der Vater, war ein Mann von großer Intelligenz; er verband einen durchdringenden geistigen Blick mit dem Ernst eines Philosophen, und indem er die Erziehung und intellektuelle Entwicklung seines Sohnes überwachte, war er sich bewußt, daß vor dem Gelingen oder Mißlingen seines Werkes das Wohl und Wehe einer ganzen Generation abhängig sei. Auch in constitutioncll entwickelten Staaten hängt von der Person des Kroncnträgers sehr viel ab, und es ist nicht gleichbedeutend, ob auf dem Thron ein wahnwitziger Georg oder eine weltkluge Viktoria sitzt. Die schlimmen Neigungen und zeitweiligen Unarten feines Sohnes machten dem strengen Vater oftmals schwere Sorgen, und er strengte alle seine Kräfte an, um dieselben zu unterdrücken, was einem Kinde gegenüber, das Prinz von Wales in der Wiege schon heißt, allerdings eine schwere Aufgabe war. Ein Prinz von Wales ist in der Wiege schon ein gewaltiger Machthaber, die Größe seiner Zukunft tritt ihm allüberall entgegen, er ist ein Chics Lord selbst seinen Eltern gegenüber, seine Geschwister sehen in ihm nicht nur den Erstgeborenen, der mit jeder Stunde ihr Lord und Gebieter zu werden bestimmt ist, sondern sie muffen auch daran gewöhnt werden, in ihm den Bevor- 302 zugten der Gottheit zu erblicken. Einem derartig bevorzugten Kinde gegenüber ist, das wird man wohl einräumen müssen, das Erziehungswerk schwer, um so schwerer, da selbst der väterlichen Gewalt diesem gegenüber sehr enge Schranken gezogen worden sind. Viktoria und Albert liebten den Erstgeborenen abgöttisch; wie ihr beiderseitiges eheliches Leben ein reines und musterhaftes war, und kein Mißton dasselbe störte, so waren sie auch im Punkte der Erziehung ihres Kindes einig geworden. Viktoria, die königliche Mutter, so ward bestimmt, sollte den Unterricht des Knaben überwachen und sich Raths einholen bei allen Vorkommnissen bei dem Vater des Kindes, welcher als oberste inappellable Instanz entscheiden sollte. Die Lehrer des Prinzen beklagten sich darüber, daß derselbe gar keinen Sinn für Musik habe. Man versuchte es vergebens mit allen Instrumenten. „Ich bin der Prinz von Wales, und ich mag kein Musikant werden," sagte der Knabe stolz; es war vergebene Mühe. So oft er zur Musiklektion sollte, rief er ungestüm aus: „Bin ich denn ein Musikant?" Prinz Albert übernahm es, den halsstarrigen Knaben zu bekehren. In den Abendstunden, nach vollbrachtem Tagwerke, wenn die weiten, stolzen Prunksäle von Buckingham- Palace geöffnet wurden und die Elite der englischen Gesellschaft durch dieselbe sich bewegte, wenn die edelsten und stolzesten Männer und Frauen Großbritanniens ehrfurchtsvoll vor der angebeteten jugendlichen Königin dcsilirtc, und Jeder sich glücklich schätzte, dem nur ein huldvoller Wink Ihrer most ^raoious Nnjost^ zu Theil wurde, wenn dann die Kinder dieser Königin innig beglückt zu der erhabenen Mutter emporblickten, die eine Gottheit Allen schien, die aus den Wolken hernieder gestiegen, dann erhob sich Viktoria von ihrem goldenen Stuhle, geleitet von ihrem Gatten; sie setzten sich Beide an das Klavier und begannen zu spielen. Die Gäste lauschten und wußten sich das Ereigniß nicht zu erklären. Wie da gewaltig die Töne durch die Hallen brausten, die Bcethoven'chen Symphonien die Herzen durchzittertcn, wie die Königin die Tasten schlug, weich, sanft, milde, wie Mondesschein leuchtete cS nieder, während dazwischen die Donner des jüngsten Gerichtes, der heulende Sturmwind, der Angstschrei des gepeinigten Gewissens heulten, die Albert den Saiten entlockte. Man klatscht keinen Beifall der auf- und niedcrstcigendcn Sonne, nicht dem Regenbogen, der in majestätischen Farben jene Diamantdrücke über Meere wölbt. „Viktoria, mein Leben," sagte nach einer solchen Scene Prinz Albert zu seiner Gattin, während der Prinz von Wales mit seinen lang herabrollenden Kastanienlockcn und großen nußbraunen Augen, tief ergriffen von dem Zauber des Spieles, wie versteinert am Klavier stand, „Niemand klatscht uns Beifall." ävarlinß-," sagte Viktoria, „das kommt daher, weil wir, weder ich noch Sie, bezahlte Musikanten sind." Der Knabe merkte sich diese Lektion, sein Musikmeister hatte sich nicht mehr über ihn zu beklagen. Was die Königin und ihren Gemahl so herrlich kleidet, das kann einem Prinzen von Wales nicht schlecht stehen, ein Wort zur rechten Zeit hat jenen starren Sinn gebrochen. Aber Miß Jeanette, die französische Sprachmeisterin, hatte sich noch fort zu beklagen über die Ungelehrigkeit ihres Schülers. Als der Prinz eines Tages über sein zerstreutes Wesen während der Sprachstunde von der Miß einen Verweis erhielt, sagte er kurz und kategorisch: „Miß, ich bin geboren zum König von England, und ich bin gesonnen, es dereinst mit den Franzosen so zu halten wie Prinz Henry, diese sollen mit mir englisch sprechen, und wenn sie's nicht können, so sollen sie sich zum Teufel schecren. Ich aber werde Ihnen zu Liebe nicht in diesen langweiligen Nasenlauten mich üben. Verstanden?" Sagt's, und schleudert das französische Buch der Miß an den Kopf mit den Worten: „Ich bin der-Prinz von Wales!" „Ja wohl, mein Prinz," sagte gefaßt Miß Jeanette, „Sie werden eS daher nicht 303 Lbel nehmen, wenn ich Eure Hoheit zu bitten wage, mir zu gestatten, daß ich Jhr^ Majestät die Königin von diesem Vorfalle alsogleich in Kenntniß setze." „Ich werde in Gegenwart meiner Mutter die Worte wiederholen, die ich Ihnen gegenüber ausgesprochen habe, Sie können sich darauf verlassen. Aber das sage ich Ihnen ein für allemal, ich mag und werde kein Französisch lernen." „Eure Hoheit haben zu befehlen, doch hier nicht; Ihre erhabene Majestät möge darüber entscheiden." Nachdem die Königin, welche von Miß Jeanette herbcigcbeten worden war. Alles von derselben vernommen hatte, sagte sie mit Würde zu der Lehrerin: „Miß Jeanette, Sie kennen die Wünsche und Befehle Seiner Hoheit! Ich ersuche Sie demnach, sich von hier zu entfernen, und die weiteren Befehle des Prinzen von Wales abzuwarten." Die Worte wurden in einem scharfen, schneidenden Tone von der Königin vorgebracht, der kleine Prinz stand wie versteinert, er zupfte an seiner Hemdkrause, blickte verwirrt zur Erde und vergaß sich so weit, sich niederzubücken, um das Buch, das er zuvor zur Erde geschleudert hatte, aufzuheben. „Lassen Sie das, mein Sohn," sagte die Königin, „dazu sind Ihre Diener da. Sie haben Recht, mein Sohn, keinen Augenblick daran zu vergessen, daß Sie der Prinz von Wales sind, ja ich, Ihre Mutter, ich bitte Sie darum; Sie thun recht daran, auf die große Gnade Gottes stolz zu sein, der Sie auf dem Throne Großbritanniens geboren werden ließ. Also spricht die Königin von England zu Ihrem Sohne, der, so Gottes Vorsehung es zuläßt, einst König von England werden soll." „Doch nunmehr ein Wort zu Dir, mein Sohn, als Deine Mutter, als Mutter- sage ich Dir, Knabe, daß Du ein mißrathener Knabe mit bösem Herzen bist, daß Du, irregeleitet von Deinem Hochmuthe, dem Verfalle nahe bist, einem solchen Kinde gegenüber hat die Mutter keine Macht, keine Gewalt, da ist cS die Pflicht des Vaters, seinen Sohn aus den rechten Pfad zu bringen. Ich habe den Prinzen Albert, Deinen Vater, Herbeibitten lassen, da ist er schon, möge er entscheiden, ich als Mutter verhülle meine Augen und weine." „Sie haben Recht, meine theure Königin und Gemahlin," sagte Prinz Albert, nachdem er angehört hatte, was vorgefallen war, „doch in Einem thaten Sie Unrecht, Miß Jeanette, welche von meinem Sohne beleidigt worden ist, Hütte nicht entfernt werden sollen." „Höre, mein Sohn," sagte der Vater mit sanfter Stimme, welche vor Bewegung zitterte, „Du bist der Prinz von Wales, Du bist die Hoffnung und die Freude der freien Briten. Wir, Deine Eltern, sind vor Gott und der Geschichte dafür verantwortlich, daß diese Hoffnung einer großen Nation dereinst nicht bitter getäuscht werde. Gott, der Herr, hat uns da eine schwere Bürde ausgelastet. Sein Name sei immerdar gelobt. Ich, Dein Vater, theurer Sohn, will nicht, daß kommende Geschlechter unserem Andenken fluchen; meine, des Vaters Pflicht ist es, Dich auf den Pfad der Tugend und des Rechtes zu geleiten. Nehme, mein Sohn, diese Bibel, das heilige Buch zur Hand — so mein Sohn — jetzt nunmehr lese mir mit lauter Stimme in Gegenwart Deiner Mutter, Ihrer erhabenen Majestät, diese Worte Jischa's vor, des Propheten, der da spricht im Namen des Herrn." Die Königin richtete sich hoch auf, sie blickte majestätisch auf ihren Sohn herab, wie eine Königin blickt, die einen Hochverräther entlarvt hat. Der Prinz von Wales blickte scheu nieder auf das Buch, Prinz Albert veränderte seine Miene nicht. „Lese, mein Sohn, was der Prophet spricht." Der Prinz las: „Höret, Ihr Fürstensöhne, so spricht der Herr, in Euere Hand legte ich die Macht über die Völker, damit sie Euch dienen und Unterthan seien, damit sie Euch gehorchen und Euch folgen auf den Wegen, auf denen Ihr sie geleiten werdet. Wehe den Nationen, so da sich nicht beugen vor meinen Auserwählten. Doch, Ihr Söhne der Fürsten, so Ihr nicht wandeln werdet die Pfade, die ich Euch gezeigt habe. 304 so Ihr nicht frühzeitig gehorchen lernt den heiligen Geboten, so Ihr nicht Eueren stolzen Nacken beugen werdet unter meinem Gesetze, so will ich Euch verderben, Euch und Eucre Kinder und Kindeskindcr, daß Ihr sollt werden ein Jammerbild im Thale Dheschurums, es soll das Elend über Euch hereinbrechen, wie die Heuschrecken, und die Plage wie ein Windhauch —" Der Prinz war so tief erschüttert von dem Inhalt dieser Worte, daß er das Buch zur Erde fallen ließ, das in seinen Händen gezittert hatte. „Hast Du das Wort Gottes gehört und verstanden, mein Sohn?" rief tief bewegt der Vater. „Verzeihung, Verzeihung! mein Vater!" „Königin von England!" sagte stolz der Prinz-Gemahl, „geruhen Sie sich zu entfernen. Nicht Ihnen, der angebeteten Mutter dieses großen Reiches geziemt es, diesem unwürdigen Knaben in Ihrer Hoheit gegenüber zu stehen, ich habe eine schwere Pflicht zu erfüllen, meine Vaterflicht gebietet mir, diesen Unwürdigen zu züchtigen." Die Königin entfernte sich rasch mit thränenden Augen. Prinz Albert ließ eine Ruthe herbeiholen — er züchtigte seinen Sohn, doch kein Mensch war Zeuge dieser Schmach. Merkwürdig! Der Prinz von Wales spricht das Französische so schön und geläufig, daß er sogar in französischen Vaudevilles erste Liebhaberrollen mit Erfolg spielt. (Die Verschiebung von Häusern) ist kürzlich in Sän Francisco wiederum in großartigem Maßstabe geübt worden. Die rasch aufblühende Hauptstadt Californicns wird nämlich regulirt, was bei ihrer ersten willkürlichen, fast zufälligen Errichtungswciso sehr nothwendig sein mag. Zur Erweiterung einer Hauptstraße wurden Millionen aufgewendet, um eine ganze Häuserreihe wegzuschaffen, zurückzuschieben oder abzubrechen, welche dann durch sehr stattliche Gebäude ersetzt wurde. Bei einem der größten Häuser wendete man die hydraulische Kraft an, um dasselbe 30 Fuß zurückzuschieben und einige Fuß zum neuen Niveau der Straße zu heben. Bei solchen Riesenarbeiten zeigen sich die Amerikaner in ihrem Element; die Anwendung der hydraulischen Kraft bei solchen Arbeiten ist eine hiesige Erfindung, die denn auch nirgends mehr als hier (in Sän Francisco) und in Chicago ausgebeutet wird. Zwei mäßige Räder werden von vier Männern gedreht, um durch zolldickc eiserne Röhren den dünnen Wasserstrahl gegen die Straßen zu drücken, was so unscheinbar und doch mit solcher Gewalt geschieht, daß die mehrere Millionen Pfund wiegende Stcinmasse einen Fuß per Stunde fortbewegt wird, ohne daß sich die Bewohner des Hauses in ihren Beschäftigungen stören lasten, in welchem Alles an seinem Platze bleibt. (?) Charade. (Viersilbig.) Die erste Silbe nennet dir den Rand Des Baches oder Waldes, nennet dir Die Arbeit, welche die geschäftige Hand Der Frau vollbringt, zum Nutzen und zur Zier. Die andern drei verkünden höbe Lust, Die Wonne, welche jenseits füllt die Brust, Von sterblichen nur selten hier genossen. Das ganze zögert, wenn es Gutes schafft; Die Blume welkt, sie ward zu spät begossen; Der Arme siecht, dahin ist seine Kraft Die wilde Gabe ist zu spät geflossen. Auflösung der Charade in Nr. 34: „Wahnsinn." Druck, Lerl», und Ledaltto» d«s Itterarsichen Instituts »»s vr. W. Huttln.