Nr. LS 27. Septbr. 1868. Wie sehr des Lebens rauher Sturmwind wüthe, Sei eichenstark ihm nicht zum Spiel. Doch weh'n die Frühlingsinste reiner Güte, Sei wie der Blume schwanker Stiel. Johannes Schrott. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. (Fortsetzung.) II. Der Tod kehrt ein. „Heute roth, morgen todt." Drei Monate waren seit oben geschildertem Abende verflossen, als Olcarius eines Morgens aus dem Hause des Stadlschreibcrs zu Langensalza trat, wo er so eben den beiden Söhnen desselben eine lateinische Sprachstunde ertheilt hatte. Er war fröhlich und guter Dinge, denn der Vater seiner Schüler hatte diesmal ungewöhnlich pünktlich das Honorar ihm ausgezählt. Er wickelte das Papicrchcu, welches das Geld in sich barg, von einander und, den blanken Gulden liebevoll beäugclnd, sprach er: „Eigentlich habe ich dich mit Sünden verdient, denn nicht für sechszchn Pfennige haben die Jungen in dem Monat gelernt. Ich habe es dem Vater off.u herausgesagt; wenn er nun aber darauf besteht, daß ich die Stunde» noch fortgeben soll, ist's dann meine Schuld? — Zichu Groschen für Hauszins und fünf Groschen für eine Kanne Butter, die ich der Frau. Harnapp schuldig bin, gehen ab, bleibt mir noch ein Groschen übrig. Reicht dieser zu einem Schürzcnbaude hin? Schwerlich! Nein, es ist nichts, wenn mau die Butter gleich im Ganzen anschafft. Man verthut nur mehr davon und besser ist's, blos Dreier- stückchen wieder zu holen. O Oheim! willst Du wirklich nichts von Deinem armen Neffen mehr wissen, nachdem ihm die Mutter gestorben ist? Wenigstens eine Antwort, wenn auch keinen Dukaten, hättest Du auf seinen Jahrwunsch ihm ertheilen können. Ach Gott! wie nöthig brauchte ich einen kleinen Zuschuß, denn wenn auch mein Magen gerne darben will, so sieht man doch auf den Kragen, der, wie der ganze Rock, nicht abgeschabter sein könnte. Weder Bier noch Tinte reicht mehr aus, die weißgewordeucn Nähte und Ränder zu schwärzen und schier als Erbsen sieb könnte ich den Frack gebrauchen, an welchem kein Stich mehr halten will." Unter diesem Selbstgespräch hatte der Caudibat sein Stübchcn erreicht, wo er sich anschickte, Noten für den Siadtmufikus abzuschreiben. Es war eine Partitur, die so unleserlich geschrieben war, daß wirklich eine Candidaten-Gcduld dazu gehörte, die Stimmen herauszuziehen. „Soll das lis oder cis heißen?" fragte er sich nach einer Weile rathlos. „Selbst auf dem Papier wird das Kreuz zum Elende!" Er probirte singend die Melodie. „Beides klingt schlecht!" — klagte er— „ich mag lis oder ois nehmen." „Herr Magister! Herr Magister!" rief es hier ängstlich draußen. Dieser wurde Von dem Rufe electrisirt, denn die Stimme klang wie diejenige Lieschens. „Das hat noch gefehlt!" sprach er aufspringend, indem er gewahrte, wie die ihm entfallende Schrcibfedcr einen ungeheuren Tintcnklex auf das Papier cpmacht hatte. — „Ach, Du bist's, Agathe," sagte er zu dem Mädchen, das ihm hastig entgegenstürzte „Was willst Du, Kind?" 306 „Geschwind, um Gottes willen, Herr Magister!" — keuchte Agathe — „unsere Frau Base will sterben!" „Will?" fragte Olcarius, indem er mit dem Mädchen davon sprang. „Sie bezeigte doch sonst eben keine Neigung zum Sterben, und das Wort Tod war ihr ein Gräuel." „Licscl ist zum Doktor gelaufen," fuhr Agathe fort, „und ich bin ganz allein mit der Base, die gräßliche Gesichter zieht und mit Händen und Füßen strampelt." „Nun, ich dächte, dies wäre eben nichts Neues an ihr," versetzte Olcarius. „O sehen Sie nur selbst, Herr Magister!" rief Agathe und zog den Candidaten in die Unterstube hinein. Derselbe sah und sprach: „Kreuz und Elend in dem Dachstübchen oben, und im Erdgeschosse der Tod!" „Sehen Sie doch, Herr Magister!" rief Agathe etwas erleichtert, „sie ist mit einem Male ruhig geworden." „Ja," — versetzte Olcarius, indem er seine Rechte betroffen von dem berührten Antlitz der Alten zurückzog, dessen Eiskälte ihm Alles gesagt hatte, „sie ist ruhig und stille — für immer! Mit einem Rucke hat die Parze ihr den Lebensfaden durchschnitten." „Die Parze?" fragte Agathe betroffen und erschrocken zugleich. „Welche Parze denn? Ich und Lieschen waren ganz allein bei der Frau Base, die uns wie gewöhnlich auskniff. Und da kam es ihr plötzlich." Olcarius schämte sich seiner Schülerin ein wenig. „Sollte ich Dir wirklich nichts von den Parzen erzählt haben?" fragte er kleinlaut. Lieschens rascher Eintritt verhinderte die Antwort. „Kein Doktor aufzutrcibcn?" klagte sie händeringend. „Hier könnte selbst Acsculap nicht helfen, geschweige einer seiner Schüler," versetzte Olcarius. „Die Base ist todt und wird auch todt bleiben, bis der Engel Posauncn- klänge sie einst zur Auferstehung wecken werden." „Todt?" riefen die Mädchen entsetzt. „So ganz unerwartet? Nicht möglich?" „Nasch tritt der Tod den Menschen an," antwortete Olcarius feierlich und mit hohlem Basse. „Ihrer Base Geist, Lieschen, steht in diesem Augenblicke schon vor dem Richtcrstuhle des Ewigen. Werden Sie ihr zürnen, weil sie Ihnen fast jede Lebensfreude verbitterte? oder ihr mit christlichem Sinne vergeben?" „Ach!" — weinte Lieschen in aufrichtiger Trauer — „meine liebe, herzensgute Base! Sie that mir nur nach Recht! Ich war ein faules, nichtsnutziges Ding, wie sie selbst immer sagte. O Gott, am Ende bin ich gar an ihrem schnellen Tode schuld. Ich hatte auf dem Markte eine Mandel Kuhkäsc eingekauft, welche ich nach ihrer Meinung zu theuer bezahlt hatte. Sie warf mir die Käse noch einzeln an den Kopf, und gleich darauf bekam sie die Verzückungen." „Ihre letzten Worte," schluchzte Agathe, „die sie zu mir sagte, als ich allein mit ihr war, und sie fragte, ob ich den Herrn Magister hcruntcrrufen sollte, waren: Schccr Dich zum Kukuk, Du gottloser Nickel!" „Sie blieb sich treu bis zum Tod, kann man von der Gestorbenen mit Recht sagen" — erwiderte Olcarius. „Doch Lieschen, Sie müssen einen raschen Entschluß fassen." Er überzählte flüchtig den mannigfachen Inhalt des Stübchens. „Werden Sie dir Erbschaft antreten, oder nicht?" fragte er. „Glauben Sie, daß der Werth dieser Bündel Mohnhüupter, Schwefelfadcn, Majorans und Thimians, dieser Zwiebelrcihen, all' jener Kästchen, Säckchcn, Büchsen, Töpfe mit ihren Vorrüthen die Begräbniskosten decken werden? Fast möchte ich dies bezweifeln. Oder glauben Sie, daß die Verblichene baarcs Geld hinterlassen habe?" „Und wer sollte denn die selige Base begraben lasten, wenn wir es nicht thäten?" afagte Lieschen. 307 »Die Obrigkeit," antwortete OleariuS — „welche auch die fehlenden Kosten dann zu tragen hätte."! „Da sei Gott vor!" rief Lieschen eifrig. „Dann würde die Base wie ein Hund eingescharrt — ohne Sang und Klang — in einem Kasten, blos mit gelber .Farbe angestrichen." „Und was schadet dies?" fragte OleariuS. „Nur die schändliche Habsucht derjenigen Leute, welche von den Begräbnissen ihren Gewinn ziehen, hat die Pracht der Leichenbegängnisse zu einer Sache der Pietät und zu einem Wärmegradmesser gemacht, nach welchem man die Liebe zu dem Verblichenen abwägen will." „Und sollten wir nicht einen Schwefelnden im ganzen Hause mehr behalten," ri^ Lieschen, „wir lasten die Base ehrlich begraben." „Auch trauern wir tief um sie," sprach Agathe, „in Krepp und Schneppe." OleariuS schüttelte mit dem Kopfe und ging still vor sich hinlächclnd davon, nachdem er sich erboten hatte, den Verlassenen mit Rath und That zur Hand zu sein, und diese Hilfe mit dem lebhaftesten Danke angenommen worden war Es war am Abend desselben Tages, als er von seinen Berufs - Geschäften wieder heimkehrte. Er fand die beiden Verwüsteten trostlos und in Thränen zerfließend. „Wir haben die Erbschaft angetreten," sprach Lieschen, „aber die Leichenfrau will nicht eher Hand an die selige Base legen, der Tischler keinen Sarg fertigen und der Schneider keine Traucrklcider machen, als bis wir Geld geschafft haben. Nur einige zwanzig Groschen baares Geld haben wir vorgefunden, und nichts weiter." „Das ist denn doch nicht möglich!" meinte der Candidat. „Die Base, die so geizig war, hat das Uebrige gewiß versteckt, Sie haben gewiß noch nicht recht nachgesucht!" — Er selbst begann nun alle Küsten, Säcke und Winkel zu durchstöbern, aber Alles war vergeblich, es fand sich nirgend mehr ein Pfennig vor. Schon war er mißmuthig und wollte seine nutzlosen Nachforschungen einstellen, als «r in einem Winkel einen alten großen Holzkasten erblickte, der zum Aufbewahren der Sägspähne gedient hatte. Als er auch diesen zu durchstöbern begann, konnte sich Lieschen nicht enthalten, vorwurfsvoll auszurufen: „Aber, Herr Magister! was machen Sie denn nur, Sie kehren ja alles oberste zu unterst!" „Lasten Sie mich, Lieschen!" entgegnete eifrig OleariuS, „und helfen Sie mir lieber ein wenig das Ding da aus dem Winkel zu rücken, es ist entsetzlich schwer." Plötzlich stieß er einen lauten Schrei aus, seine Hand, die in den Sägcspähnen herumgewühlt hatte einen harten Gegenstand getroffen. Mühsam zog er ihn heraus, und erstarrt blickt er, wie die nicht minder betroffenen Mädchen, mit weit aufgerissenen Augen auf eine» langen wollenen Strumpf, dessen schweres Gewicht seinen kostbaren Inhalt verrieth. „Hurrah, wir haben sie, wir haben sie!" jubelte der Candidat, in diesem Augenblick ganz vergessend, daß nur drei Schritte von ihm die Todte lag. — „Hurrah! w» Der ist, da sind auch noch Andere." Don Neuem fuhr er nun mit seinen langen Armen in dem Sägespähnkasten herum und brachte richtig nach kurzer Zeit noch fünf Strümpfe zum Vorschein, welche an Gewicht dem erst getroffenen nichts nachgaben. Agathe, deren scharfes Auge den befremdlichen Fund gemustert hatte, bekam zuerst ihre Fassung wieder. „Das ist ja mein Strumpf," — rief sie aus, indem sie einen der letzt sich präsentirenden Fündlinge emporhob — „mein Strumpf, von dem die selige Base immer behauptete, ich hätte ihn anf der Bleiche verloren. Ja, ja, er ist'S, ich kenne ihn hier an dem Zwickel. — Geld!" jauchzte sie dann, denselben emporhebend, „fünfund» stebenzig Thaler, hier stcht's mit Tinte darauf geschrieben." Nun griffen auch Lieschen und der Candidat zu, und unbeschadet der Trauer über 308 die todte Tante, tanzten sie jauchzend und frohlockend in dem Stäbchen herum, je eine» gefüllten Strumpf in den Händen tragend. „Solche Strümpfe," meinte Olcarius lachend, „vermögen einem Menschenkind schon auf die Beine zu helfen. Doch laßt uns einmal nachschauen, wie viel beträgt den» das Ganze?" Es waren in runder Summe 600 Thaler in verschiedenen Münzsorten, die sie zusammen zähllcn. Den Hanptbcslandtheil aber machten alte Sechstel. Eine Abendmahlzeit, so gut sie die Berlassenschaft der seligen Base darbieten konnte, vereinigte später daS frohe Kleeblatt und die dabei getrunkenen zwei Kannen Bier ermuthigten den sonst so zurückhaltenden Candidaten dergestalt, daß er seine heimliche Neigung zu Lieschen uuver- holen an den Tag legte, ja sogar auf die Zeit anzuspielen wagte, wo er sie vcrhoffre, als Frau Pfarrcrin begrüßen zu können. Lieschen errölhete zwar über die verfänglichen Reden, doch widersprach sie nicht. Spät am Abend erst trennten sich die Glücklichen, und Olcarius stieg übcrsclig i» sein Kämmerlcin hinauf, den Schlaf zu suchen, der ihn aber noch lange floh. (Fortsetzung folgt.) Pflanzen Ungeheuer. DaS größte Aufsehen hat in jüngster Zeit eine Wasserpflanze gemacht, die in Nord- Amerika heimisch und dort von Canada bis zu den Südslaatcii der Union, westlich aber bis zu dem Missisippi verbreitet ist. Dieser Fremdling wurde zuerst diesseits dcS Atlantischen Oceans im Jahre 1836 bei Waringlon in der englischen Grafschaft Lan- caster bei den« Auspflanzen ausländischer Wasserpflanzen bemerkt, und hat sich seitdem durch ganz England und bis zu uns verbreitet. Die Llockua cunucknnsis, so heißt die Pflanze, besitzt eine grenzenlose Zähigkeit der Lebenskraft, verbunden mit überreicher Sprosscnbildung, ihre spröden Stengel sind zerbrechlich wie Glas und besitzen die Fähigkeit, auch in ihren kleinsten Bruchstücken Wurzel zu schlagen und sich zu felbstständigen Einzelwesen zu entwickeln. So bildet sie dann wegen des unerhört schnellen Wachsthums, und da die Pflanze eine der geselligsten ist, überall, wo sie einmal Fuß gefaßt hat, in kürzester Zeit dunkelgrüne Dickichte. So ist, wie die neuesten Nachrichten aus Hamburg melden, das dortige Alstcr- Bassin dermaßen von der Elodea durchwandert, daß man dasselbe nur mit der größte» Anstrengung schiffbar erhalten kann. Ascherson erzählt in seiner „Flora", daß die Elodea auch aus einem Teiche deS Berliner botanischen Gartens an zwei Stellen verpflanzt worden, von wo aus sie sich wahrscheinlich in dieser Gegend einbürgern werde; nämlich seit 1859 in Sanssouci und seit 1860 beim alten Wafserfall. — Seine Bermuthung war leider nur zu sehr begründet. Die Havel, der schöne, sceartige Ltrom, in dessen blauem Wasser sich die märkischen Landschaftsbildcr wicdcrspiegeln, dessen oft romantische Ufer schwankende Biusen- und Rohrdickichle umkränzen, gehört jetzt der Elodea an. Ein fremdes Element ist init der abenteuerlichen Pflanze in den Strom gekommen — ein Element, das anschwoll uud sich reckte, als wolle es sich hier völlig heimisch machen. Gegenwärtig ist diese Pflanze in der Havel auf einer Strecke von mindestens 17 deutschen Meilen, vom Tegelcr-See an bis Havelberg als vollständig naiuralisirt anzusehen, und steht nunmehr im Begriff, auch in die Elbe einzutreten. Noch schwimmt sie freilich namenlos in der Havel; der Volksmund hat ihr noch keine populäre Benennung gegeben. Nur einzelne Stimmen haben den schauerlichen Vorwurf „Wasserpest" auf das früher salonfähige Gewächs geschleudert, während in England die triviale Bezeichnung „Wasserthymian" (lVitlartlizmi) für das pflanzengcographische Phänomen gebräuchlich geworden ist. 309 Auch an andern Orten Deutschlands hat man die Elodca bereits argetriffei; so bei Leipzig und in einem Teiche bei Trier; jedoch nicht in der Masteuhaftigkeit, wie in der Havel. Bon der Einführung eines gleichen Pflanzen - Ungeheuers in England gibt der Naturforscher Nr. Otto Uhle in Halle in seiner „Natur" eine treffliche Humor stische Schilderung, die aber leider nicht dazu angethan ist, die Besorgnisse vor jenem andern Pflanzen-Ungeheuer, das sich auch beim sogenannten Katzcngraben in der Spree (bei Köpcnick) angesiedelt haben soll, zu verscheuchen. Ein englischer Vikar und Botaniker, Mr. Topper zu Stickton, hatte ein besonderes Steckenpferd an Wasserpflanzen, die er in den Sümpfen, Canälen und Teichen, an denen die Umgegend seines Wohnortes reich ist, mit Behagen studiren und Pflegen konnte. Er trat mit dem ägyptischen Professor Redschid Fellah in Alcxandrien in Corrcspondenz und erhielt von dort viele Lotosnymphcn des heiligen Nilstromcs. Eines Tages — es war im Jahre 1856 — sandte ihm der Freund, mit einem Begleitschreiben, in einem kleinen, starken und luftdichten Stcingcfäß die Wurzel der damals in Europa noch gänzlich unbekannten Wasserpflanze 6rovv1'ori;vra uguuiUis. Als das versiegelte Gefäß geöffnet wurde, sprang, wie aus einem sogenannten Bexirkästchen, eine üppige Masse von pcitschenstielartigen Stengeln und Blättern heraus, nicht von einer Wurzel, sondern von Hunderten, die sich mit großer Hartnäckigkeit au den inneren Wänden des Stcinkruges festgesogen hatten. Letzterer mußte mit einer Axt zerschlagen werden, um die Pflanze herauszuziehen. Sie ward in den kleinen Fischteich neben die- Lotosnymphe gesetzt, die sich schon nach einigen Minuten fest und zärtlich von der Landsmännin umarmt fand. Nach einer halben Stunde lag sie auf der Wasserfläche —- ein zerdrückter Leichnam. Den übrigen Pflanzen aing es bald nicht bester; die tHroevlorövru nahm nach mehreren Stunden den ganzen großen Teich ein und machte Miene, den grünen Platz im Sturm zu erobern. Am andern Tage erhielt Mr. Topper ein Schreiben von dem Director der botanischen Gesellschaft in London, welcher von der Ankunft der seltsamen Pflanze erfahre» hatte. Er erklärte, daß dieselbe-der größte Fluch in dem Reich: der Vegetation sei. — Ihr fabelhaft schneller Wuchs, ihre unglaubliche Vcrinehrungskraft und ihre Lebens- zähigkeit vereinigen sich, sie überall, wo sie einmal Wurzel gefaßt, unvertilgbar zu machen. Unter - Äegypten sei von ihr auf Hunderte von englischen Meilen verwüstet worden; der Nil werde nur durch die Menge von Krokodilen schiffbar gehalten, weil sie gerade diese Pflanze leidenschaftlich gern fressen und ebenso schnell verzehren, wie sie wächst. „Bergesten Sie nicht," lautete die Warnung an Mr. Topper, vor allen Dingen die Elsenröhre, durch welche Ihr Teich mit Master versorgt wird, fest zu schließen." Doch die Warnung kam zu spät. Gleich nach Empfang der Schreckens - Nachricht meldete sich ein Schiffer, der die seltene Pflanze bereits im Eanale gefunden. Mit der Verzweiflung eines Selbstmörders eilte Mr. Topper an den Fischteich — doch ertränken hätte er sich nicht können — derselbe war von der entsetzlichen Pflanze ganz und gar angefüllt. Er arbeitete mit der Hand hinunter nach der Eisenröhre — sie war von hundert Wurzelsprosten verstopft und ausgefüllt. — „Aber sie kann doch nicht in einer Nacht bis in den Canal selbst geschaffen sein!" dachte er mit noch einiger Hoffnung,, und eilte mit einem tüchtigen Stopfer nach der entgegengesetzten Oeffnung der Röhre im Canal. Entsetzlicher Anblick! Das Ungeheuer war nicht nur durchgeschossen, sondern streckte seine Wurzelarme auch bereits nach allen Seiten aus. Tausende derselben hallen sich schon am Ufer entlang festgesogen. Er schnitt die Hauptwurzel am Eingänge der Röhre zwar ab, aber die Sprößlinge besaßen überall schon selbstständige Lebenskraft, wie sich bald zum allgemeinen Schrecken der ganzen Umgegend erwies. Mit der Zeit wurde der ganze Stickton-Canal von der furchtbaren Pflanze so durchwuchcrt, daß kein Kahn mehr fahren konnte; Wassermühlen und Schifffahrt ständen meilenweit still. 310 Nun erschienen eine Menge gerichtlicher Vorladungen auf Klagen der Mühlen- Associationen, der Canal - Compagnie rc. Mr. Trapper wurde zwar freigesprochen, weil ' für diesen bestimmten Fall kein Gesetz vorhanden war. „Aber," setzte der Richter hinzu, .„Ihr Name, Mr. Topper, wird ewig geschändet bleiben, weil sich daran ein entsetzliches Beispiel knüpft, daß alle Uebel, welche aus Unwissenheit oder Brutalität entstehen, von den Thaten und Bestrebungen eines übertriebenen Dilletantismus übertroffen werde» können. Die entsetzliche Schlange, welche bereits Hunderte von Menschen brodlos gemacht, hat sich binnen acht Wochen über 70 (englische) Meilen durch den Canal und Fluß Stickton ausgedehnt." Jetzt fährt und fließt es zwar wieder in Stickton, aber nur unter fortwährendem Kampfe mächtiger Dampfbagger-Maschinen, die beständig den Kanal und Fluß durchziehen, um mit Riesenkraft die Köpfe und Hälse des Pflauzen-Ungehcucrs abzureißen. — Die Einführung von Krokodilen schlug fehl; eine Sendung fraß sich unterwegs selbst auf, eine zweite kam während des Winters um. Mr. Topper wurde zwar, wie gesagt, freigesprochen, aber von der botanischen Gesellschaft auf ewig damit bestraft, daß sie für krcnvkoravru gyUittilis der Pflanze dc» «fstciellen Namen „Popperonis p68tii6ru^ beilegte. Einem deutschen Aestdichter. Pfui, schäme dich in deine matte Seele, Don alberner Begcist'rung aufgebläht! Du hast im Angesicht der Nationen Dein Vaterland geschmäht. Nicht eher schien es dir der Achtung würdig, Als bis ein Deutscher Bruderblut vergoß, Bis zwischen uns und dem vcrrath'nen Oesterreich Ein blut'ger Grcnzstrom floß? Was wir an Richelieu und am vierzehnten , Französischen Ludwig Haffen, Preisest du, Weil's nun der cig'ne Bruder that am Bruder? Hannover knirscht dazu. *) Emanucl Geibel hat nämlich dem König von Preußen bei seiner Anwesenkelt ln >äbeck zum Kaffee ein Gedicht überreichen lasten, in welchem sich folgende, aller historischen Wahrheit. Hohn sprechende Stelle befindet: „Im engen Bett schlich unser Leben Vereinzelt, wie der Bach im Sand: Da hast Du, was gebrach, gegeben, Der Glauben an ein Vaterland. Das schöne Recht, uns selbst zu achten. Das uns des Auslands Hohn verschlang, Hast Du im Donner Deiner Schlachten Uns hcimgckauft, — o habe Dank!" dem Schluß: „Und sci's als letzter Wunsch gesprochen, Daß noch dereinst Dein Aug' es sieht. Wie über's Reich ununterbrochen Vom Fels zum Meer Dein Adler zieht." macht der „N. k." folgende treffende Bemerkung: „Würde der zuletzt ausgesproebcne Wunsch in Erfüllung gehen, und es dann eine bayerische Labinets - Lasse nickt mehr geben, «uS der unseres Wissens Herr Geibel noch Pension bezieht, dann hat er sich jedenfalls Anspruch darauf erworben, daß sie ihm der König von Preußen zahlt." 311 Noch hadern wir so grimmig wie nur jemals; (Wann einte wohl dir Herzen List und Raub?) ' Ob einem Trugbild nur von Einheit ziehst du Die Leier durch den Staub. Du stammst von Deutschen nicht! Ein Deutscher spräche: Soll deutsche Treu nicht länger mehr bestch'n Und Ehrlichkeit, dann soll auch deutsche Einheit Zum Teufel geh n! Im September 1868 . ^nima Lavsricg. Ein Haus aus Citronenschalen. Es ist noch nicht lange her, daß man in Paris damit angefangen, die massenhaft weggeworfenen Citronenschalen zu sammeln und auf industrielle Weise zu verwerthen. Eine Frau ist es, die damit den Anfang machte und dadurch ein bedeutendes Vermögen erwarb. Ihr Gatte war Destillateur und arbeitete für Conditoren und Parfümisteu. Seine junge Gattin sah ihn oft an der Retorte, und da sie viel Intelligenz besitzt, eignete sie sich schnell manche Kunstgriffe an und lernte auch auf die praktischeste Weise die Elemente der Chemie, so daß sie zuweilen ihren Gatten am Dcstillirkolbcn ersetzen konnte. Da starb ihr Mann plötzlich und ließ die zwanzigjährige Wittwe in bedrängter Lage zurück. Indem nun die junge Frau darüber Nachdachte, auf welche Art sie ein Stück Brod redlich verdienen könnte, fiel ihr ein, daß ihr Gatte einst, als er sie an einem Sonntag in einer Restauration mit Austern regalirte und dieselben mit dem Safte der Citronen würzte, gesagt hatte: „Ein intelligenter Mensch könnte mit den Citronenschalen, die täglich aus den Mist geworfen werden, sich ein Vermögen erwerben." Ihr Entschluß war schnell gefaßt. Sie nahm einen Korb und ging nach der Nuc Montorgcnil, einer Straße, wo die meisten Austern verspeist und folglich die meisten Citronen consumirt werden. Die Kellner der Restaurationen und Kaffeehäuser, welche jeden Morgen die junge hübsche Frau im Kehricht wühlen sahen, versprachen ihr, als sie die Ursache ihrer Morgenbcsuche erfuhren, den Borralh der Schalen sorgfältig aufzubewahren. Das gleiche Versprechen gaben ihr die Theaterkehrer in Bezug auf Orangenschalen, und nach kurzer Zeit war die tägliche Ernte so reich, daß die Wittwe mehrere Sammler und Saunn- lerinncn von Citronen- und Orangenschalen in Die-'st nehmen mußte. Kurz, ehe drei Jahre vergingen, hatte sie ein großes Atelier, wo über zwanzig Mädchen mit dem Zubereiten, Trocknen, Verpacken und Versenden der Schalen beschäftigt waren, und ein Jahr später hatte sie sich in einer der belebtesten Straßen von Paris ein großes, mehr als hundert Parteien beherbergendes Zinshaus erworben, von welchem die mit den Verhältnissen der Frau bekannten Nachbarn sagten: „sie habe sich dasselbe aus Citroncn- schalen erbaut." Gegenwärtig hat sie sich von ihrem Geschäfte zurückgezogen und lebt ausschließlich nur von dem Erträgnisse ihres Hauses und ihren Renten. Außer diesem in Paris nunmehr von Hunderten von Personen ausgeübten Gewerbe gibt es aber auch noch viele andere, oft noch geringfügiger scheinende Beschäftigungen, und nichts desto weniger fristen Tausende von Familien damit ihr Leben, ja, kommen dadurch gleich der obcngcnanntcn Frau zu Reichthum und Ansehen. Da gibt es Leute, welche dafür sorgen, daß kein .-(igarrenstunipf, kein abgenagter Knochen, keine Austerschale auf die Straße geworfen werde, ohne aufgerafft und verwendet zu werden. Einige lesen die Stauiolplättchen aus dem Kehricht auf, die als Umhüllung von Lyoncr Würsten, Brctagner Kuchen und Chokoladetafeln oder als Kappen zu Chainpagncrflaschen gedient. Sobald eine beträchtliche Mäste dieser Plättchcn aufgctricben ist, wird sie an einen Fabrikanten verkauft, der sie uinschmelzcn und malzen läßt und wieder zu den eben genannten Zwecken an den Mann bringt. Der Flaschcustöpselfang bildet ebenfalls einen nicht un- 312 beträchtlichen ErwcrbSzweig. Die Flascheustöpselfänger gehen nach dem eine Stunde unterhalb der Seine gelegenen ASniercS, wo die große Kloake der Weltstadt mündet. Ein Netz vor der Mündung dieser Kloake fängt die Stöpsel auf, die 14 Sons das Hundert, oder 7 Franks das Tausend verkauft weiden. Da diese Pfropfen mehr oder minder abgenutzt sind, oder in Folge der Schwimmparlhie, die sie gemacht, just nicht durch Reinheit glänzen, werden sie wieder frisch zugestutzt und häufigen Waschungen ausgesetzt. Wie die Stöpsel, so erleben auch die Waschschmämme in Paris ihre Metamorphosen. Wer einen Gang durch Paris macht, wird in allen Stadtlhcilen junge Mädchen sehen, die unter den Hofthüren in geflochtenen Körben Schwämme feil bieten, und zwar zu >incm spotlwohlfcilcn Preise. Woher kommt es nun, daß diese jungen Krämerincn so wohlfeil die Waare verkaufen können, die sehr hübsch aussieht und so stark nach Chlor riecht, als wäre sie eben aus dein Meeresgrunde geholt worden? Es kommt ganz einfach davon her, daß diese schwämme zuweilen „schier dreißig Jahre alt sind und manchen Sturm erlebt haben," daß sie, nachdem sie ini Dienste der Reinlichkeit sich abgenutzt, zerschnitten, sorgfältig gesäubert und geputzt worden und durch einen im Kern verborgenen feinen Bindfaden wieder die Bccherform erhalte» haben. Der unerfahrene Käufer wird durch den billigen Preis angelockt; kaum aber hat er sich einige Male bedient, so reißt der Faden und der Schwamm fallt auseinander. Der letztere Fall ist zwar nicht ehrlich, und kann daher nicht zur Nachahmung empfohlen werden. Im Ganzen aber wird dadurch bewiesen, daß keine Sache so geringfügig ist, um nicht zu irgend etwas zu dienen oder aber, sich damit auf ehrliche Weise das Dasein zu fristen. (Was ein Vogelnest werth ist.) Der Thüringische Thierschutz-Verein bringt folgende Ansprache: „Lieber Landmann! dein Junge nimmt aus Langeweile ein Vogelnest, Grasmücken-, Spazen-, Nothschwauznest oder ein anderes, gleichviel, von welchem der obengeiiaunten Vögclchcn, sei es mit Eiern oder mit Zungen aus Es sollen davon 5 im Neste sei». Jedes dieser Jungen braucht täglich im Durchschnitt etwa 50 Stück Raupen und anderes Geschmeiß zur Aezung, die ihm die alten aus der Nachbarschaft zutragen Macht täglich 250 Stück. Die Aezung däuert durchschnittlich 4—5 Wochen, wir wollen sagen 30 Tage, thut für die Aezung 7500 Stück. Jedes Stück Raupe frißt täglich sein eigenes Gewicht au Blättern und Blüthen. Gesetzt, sie braucht bis sie aus- gcfrcssen hat, auch 30 Tage, und frißt täglich nur eine Blüthe, die eine Frucht abgegeben hatte, so frißt sie in 30 Tagen 30 Dbstfrüchte in der Blüthe, und die 7500 Raupen in Compagnie 225,000 Stück solcher Blüthen. Hute dein Junge das Vogelnest in Ruhe gelassen, so hättest du und deine Nachbarn um 225.000 Stück Acpsel, Birnen, Pflaumen, Kirschen u. s. w. mehr gcerntet. Wenn jedoch die Raupe, wie sie es manchmal aus Liebhaberei thut, 10, 20, 30 Blüthen des Tages frißt, oder wenn wegen des abgefressenen Laubes die Blüthen keine Nahrung mehr haben und welk abfallen, so beziffert sich dein und deiner Nachbarn Verlust noch viel höher, du kannst dann leicht berechnen, was ein Vogelnest für einen Werth hat. „Wie, Faullcnzer, du schläfst noch und die Sonne steht schon zwei Stunden lang am Himmel," rief ein Vater seinem Siebenschläfer von einem Sohne zu. „Ach," rief der erwachende Junge, indem er sich die Augen rieb, „was kann ich dafür, wenn die Sonne aufgeht, ehe es noch Tag ist!" Frage: Wer ist der beste Clavierstimmer? Antwort: ihzstjnv miivA MÜ yv.wgy ar zu« ^uorzociM Druck, Verlag und Redaktion deS literarischen JustitutS von Dr. M. HuMer.