Nr. HO. 4. Octbr. 1868. Das größte will man nicht erreichen, Man beneidet nur seines Gleichen; Der schlimmste Neidhart ist in der Welt, Der Jeden für seines Gleichen hält. Göthe. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. m. Die verhängnißvollen Sechstel und das Testament. Wenn Unglück auch an Unglück sich will ketten, Vertrau' auf Gatt, er wird gewiß dich r.tt.n. Der Postwagen hielt am Thore zu Berlin. Die Accis - Beamten fielen über das Gepäck der Reisenden her. „Was enthält dieser Koffer?" fragte einer von ihnen barsch. „Colonialwaaren vielleicht? Kaffee, Zucker? Denn verteufelt schwer ist er zu heben." „O nichts, nichts von dem Allen, mein Herr!" versetzte sehr höflich der Besitzer dcS Koffers, der Candidat Olcarius — „es sind blos 400 Thaler in alten Sechsteln und etwas Wäsche darin." „Was? alte Sechstel!" wiederholte der Mauthbcamtc hastig. „Aufgeschlossen! — Schnell! schnell?" Olcarius gehorchte und sah mit Erstaunen, wie seine ehemaligen Grützcsäcke mit den Sechsteln herausgenommen und auf einen Hansen geworfen wurden. „Mit Verlaub, mein Herr!" sagte er betreten, „müssen denn die Sechstel versteuert werden?" „Das nicht! aber consiscirt sind sie!" „Con — fis — cirt?" „Ja! haben Sie denn nicht die Cabinets-Ordre Sr. Majestät des Königs gelesen, welche die alten Sechstel außer Cours setzt?" „Davon ist mir kein Sterbenswort bekannt," cntgcgncte der Candidat, „aber wenn die alten Sechstel in dem preußischen Land außer Cours gesetzt sind, so will ich sie wieder mit mir nach Langcnsalza nehmen, dort haben sie noch immer ihre volle Geltung." Der Accis-Beamtc lachte höhnisch. „Bekümmern sich der Herr nur nicht weiter um die Sechstel," meinte er. „Dieselben sind durch die königliche Verfügung den verbotenen Waaren gleichgestellt worden. Sie haben sie einzuschmuggeln versucht und daher werden sie mit vollem Rechte consiscirt." Olcarius ward bleich wie der Tod. „Aber mein lieber Herr —" sprach er mit zitternder Stimme — „die Sechstel sind ja nicht mein Eigenthum, sie gehören vielmehr zweien Waisen an, die außer ihrer Unschuld nichts weiter in der Welt besitzen. Ich bin der Neffe des kürzlich hier verstorbenen Gerichts - Assessors Zang und von Obrigkeit wegen aufgefordert worden,, der Publikation des Testaments beizuwohnen. Bei dieser Gelegenheit haben mich die Inhaberinnen der fraglichen Sechstel gebeten, ihnen dafür hier Kammerscheine einzukaufen. Sie sehen hieraus, daß ich demnach für das Geld verantwortlich bin und dafür zu hasten habe." »Ha, das kann der Erbe des steinreichen Gerichts-Assessors auch recht gut," lautete 314 die Antwort. «Die lumpigen paar alten Sechstel sind jedenfalls nur eine Bagatelle gegen das, was der Herr von hier mit fortnehmen wird. Gratulire recht sehr zu der Erbschaft." Der Mauthbcamte wendete dem Candidaten den Rücken zu und sing an, die Sechstel- stücke in das Wachthaus zu schaffen. Die ferneren Vorstellungen des Reisenden beantwortete er dadurch, daß er einen in der Nähe stehenden Lastträger herbeirief und demselben auftrug, das Gepäck des Candidaten in's Gasthaus zum «goldenen Schlüssel" zu bringen. „Sie werden mir," wendete er sich hierauf an Olearius — «für diese Empfehlung gewiß Dank wissen, denn der Gasthof ist gut und nicht zu theuer." Mechanisch folgte Olearius dem rüstig voranschreitenden Gepäckträger, eine stille Verzweiflung hatte sich seiner Seele bemächtigt. Wie Berlin aussah, welche Straßen und Plätze er betrat, gewahrte er nicht. Einmal nur erhob er Augen und Hände gen Himmel, laut seufzend: ,O Welt voller Ungerechtigkeit und Bosheit!" Das Kammergcricht war versammelt. Des Candidaten Papiere, Paß und Taufschein — wurden cxaminirt; er selbst und die anderen Vorgeladenen standen crwartungs- rll da. Der Verstorbene begann, wie üblich, sein Testament im Namen des dreieinigen Gottes, welchem er seinen Geist befahl, den Leib wollte er Prunklos zwar, doch anständig zur Erde bestattet wissen, was auch bereits geschehen war. Seiner alten Wäscherin, die dem alten Hagestolzen seit langen Jahren die Wäsche besorgt hatte, vermachte er 12 Thaler, welche derselben in eben so vielen monatlichen Zahlungen verabfolgt werden sollten. Ein vicljähriger vertrauter Freund bekam ein Legat von 25 Thalern und die Charits zu Berlin als Universal-Erbe die ganze übrige Vcrlassenschast, welche allein an baarcm Gelde und ausgclichcnen Capitalien über 80,000 Thaler betrug. Die beiden Erstbcdachten machten ob der geringfügigen Erbschaft ellenlange Gesichter; die Administration der CharitS hingegen pries laut des Seligen frommen Sinn, und dem Candidaten, dessen Namen noch nicht im Testamente vorgekommen war, drohte die volle Brust zu zerspringen. „Endlich" — schloß der Erblasser in «einem Testamente — „soll dem Candidaten Gottfried Olearius in Langcnsalza der, mit seiner Adresse versehene und versiegelte Papiersack eingehändigt werden!" Der fragliche Sack wanderte aus einer Hand in die andere, bis er in diejenige des Candidaten gelangte, welcher die kleine Bürde vor Zittern kaum zu halten vermochte. „Ocffncn Sie" — gebot der Vorsitzende — „damit wir, im Falle, daß der Sack Wechselkurse oder StaatSpapicre enthielte, hinsichtlich des Erbstcmpels das Nöthige besorgen können." Das Siegel knackte unter Gottfrieds bebenden Fingern. Indem er den Sack ausschüttete, gedachte er unwillkürlich an den Sägcspähnkasten der alten Base und des darin gemachten reichen Fundes. Statt dessen aber kamen jetzt zwölf goldgerändcrtc, zierlich beschriebene Jahrwünsche zum Vorschein, welche Olearius von seinem vierzehnten Jahre bis zum lctztvcrgangencn Neujahre dem reichen Oheim gewidmet und zugesandt hatte. Eilf davon hatte der Verblichene ausgelöst mit eben so vielen Dukaten, der zwölfte dagegen war unter der Jüngerzahl gleichsam der Judas Zscharioth — denn wenigstens fühlte sich der arme Olearius jetzt wie verrathen und verkauft. Die Beisitzer des GcrichtS sahen theils betroffen sich unter einander an, theils bedauerten sie den Getäuschten, von dessen Angesicht jede Spur von Farbe gewichen war, dessen Augenpaar gebrochen und rrstarrt auf seinen nur zu wohlbekannten Schriftzügen haftete. Endlich raffte Olearius all' seinen Muth zusammen. Bevor er aber die Lippen zum Sprechen öffnete, mußte er erst durch mehrmaliges Schlucken, den ganz ausgedörrten Gaumen nässen. „Der Selige" — hob er leise und mit dem Ausdruck des tiefsten SrclcuschmerzrS sn, — „war meinrr Mutter einziger Bruder — und im Leben nie habe» wir lh» mit einem Worte beleidigt." „Lebt Ihre Frau Mutter noch?" fragte der Testaments-Vollstrecker. Olcarius schüttelte das gebeugte Haupt. „Dann ist das Testament gültig und kann in keiner Weise angefochten werden" — fuhr jener fort. „Der Herr da ist 'weder ^soenckont noch Desovnckunt von dem vusunato, und darum konnte der Letztere nach freiem Belieben mit seiner Verlassenschaft gebühren. Ueberdicß hat er dieselbe einer pin oau8a zugewendet und schon aus diese» Grunde ist das Testament rechtskräftig. Wir bedauern den Herrn, können ihm aber nicht helfen." „Lurban — wenn ich's opfere" — murmelte Olcarius mit des Heilands Worte» über die Pharisäer bitter in sich hinein. Als aber die andern Anwesenden Worte auf» richtigen Bedauerns an den Acrmsten richteten, erhob dieser etwas getrösteter das Auge gen Himmel und die gefalteten Hände mit dem wcrthlosen Vermächtnisse des Oheim» gegen die volle Brust gepreßt, sprach er in sanfter Ergebung: „Herr, dein Wille geschehe, Amen!" Dann wankte die gebeugte Gestalt aus dem Zimmer. Noch hatte OlcariuS besten Schwelle nicht überschritten, als aus den Papieren des Sackes etwas herunter fiel. Ein Aufwärter hob den dahin gerollten Gegenstand auf. Es war ein holländischer Dukaten, den jener, da der in sich versunkene Candidat auf die an ihn crgangene Aufforderung ihn nicht in Empfang nahm, demselben in die Westentasche steckte. Am Nachmittag desselben Tages stand Olcarius an dem frischen Grabe deS harte» Oheims. „Da liegt er," sprach er grollend. „Bald wird ein prächtiger Leichenstcin der Nachwelt verkünden, waS Großes und Rühmliches er der leidenden Menschheit bewiesen. Aber verschwiegen bleibt, daß der gepriesene Wohlthäter seine leibliche Schwester der bittersten Armuth preisgegeben, seinen einzigen Blutsverwandten verstoßen, enterbt — ja noch mehr, auf das Entsetzlichste verhöhnt und gemißhandelt hat Und wenn er mir nur wenigstens den zweihundcrtslcn Theil seines Reichthums vermacht hätte! Dann würde die Eharitä noch immer mehr als 80,000 Thaler erhalten haben, ich aber hätte den beiden armen Waisen die geraubten 400 Thaler wieder erstatten können." Der Schmerz übermannte ihn, und die Hände zum Himmel emporhebend, rief er aus: „O Mutter! Mutter! Auf welche Weise magst Du Deinen Bruder drüben in der Ewigkeit empfangen haben?" Nach einer stummen Pause, in der er etwas ruhiger geworden war, hob er wieder an: „Da hat mir mein wackerer Wirth den Rath ertheilt, einen Advokaten anzunehmen und mein Gesuch um Wiedcrhcrauögabc der geraubten Sechstel vor den Finanzminister zu bringen. Aber welcher Advokat wird sich eines Mittellosen annehmen wollen?" Er griff in die Westentasche und zog den Dukaten hervor, welcher aus dem letzt- geschricbencn Jahrwunsche gefallen war. „Ich wollte ihn dem Oheim in's Grab stecken" — sprach er — „wenn ich aber wüßte, daß er der Dietrich würde, um mir das Herz eines Advokaten zu erschließen, so wollte ich selbst für die kleine Gabe dem Verblichene» noch großen Dank wissen." Eist nach mehreren Tagen supplicirte Olcarius, einen Rcchtsbcistand zur Seite, vor dem mächtigen Finanzminister, und zwar der Candidat aus stumme Weise durch seine Jammergestalt, der Advokat dagegen in einer wohl überdachten Rede. Letztere beantwortete das Staats-Organ ziemlich barsch: „Will der Herr etwa" — sprach er hitzig — „das erst erlassene königliche Gesetz bereits wieder durchlöchern? Der Gerechtigkeit eine Nase drehen? Nichts damit! Die Sechstel sind und bleiben consiscirt. Dies mein erster und letzter Bescheid." Nach diesen Worten wendcle der Minister sich ab und zwang so die Bittsteller zum Rückzüge. Auf demselben begriffen, sprach der Advokat zu seinem Clienten: „Das Gewissen dieses Finanzministers ist vergriffen und abgenutzt wie einer Ihrer alten Sechstel. Ein Mittel 316 nur noch steht dem Herrn Supplicanten offen: Der brüte Weg an den König! Schlägt auch dieses fehl, so weiß ich ihm leinen Rath mehr, und hat eS dann bei dem Decima sein Bewenden." (Fortsetzung folgt.) Ueber das Erdbeben auf der Westküste von Südamerika liegen jetzt eine Menge Berichte von verschiedenen Punkten vor, die leider bestätigen, daß die ersten telegraphischen Mittheilungen nicht übertrieben waren. Das Erdbeben selbst hat sich, den vorliegenden Berichten nach zu schließen, auf Ecuador uud Peru beschränkt, allein die Zerstörungen, welche das aufgetriebene Meer verursachte, reichten bis über halb Chili, so daß man die Ausdehnung der furchtbaren Naturerscheinung von Nord nach Süd auf mindestens 46 — 48 Breitegrade veranschlagen kann. Nach Berichten aus Valparaiso vom 17. August wurde der blühende Hafenort Talcahuano am 14ten von drei Erdstößen berührt; bei dem zweiten wurde die See hoch emporgehoben und über die Stadt hinwcggetriebcn. Die Einwohner hatten sich auf die benachbarten Hügel geflüchtet, sie fanden bei ihrer Rückkehr die halbe Stadt weggeschwemmt, die andere Hälfte von den Wellen unbrauchbar gemacht. Der Schaden wird auf 300,000 Dollars angeschlagen, 4 Menschen verloren das Leben. In Toms ereignete sich dasselbe; da aber dieser Ort höher liegt, so war der Schaden nicht so groß. Auch Valparaiso erfuhr eine übcrfluthcnde See, doch ohne wesentliche Zerstörung, dagegen litt der Hafen Con- stitucion sehr, alle Schiffe wurden an und auf die Küste getrieben, die Stadt selbst blieb leidlich verschont. Schreiben aus Lima vom 22. und 28. August bestätigen die Angaben der bisher mitgetheilten Berichte, vor Allem die furchtbare Mccrfluth, die auf der ganzen Westküste von Südamerika mehr Verwüstung angerichtet hat, als das Erdbeben selbst, denn alle Hafenorte in einer Küstcnausdehnung von 1200 geographischen Meilen sind mehr oder weniger zerstört oder unbrauchbar gemacht und, wie ein Briefsteller, allerdings in übermäßiger Entmuthigung, sagt, alle Kultur, die in dreihundert Jahren geschaffen, liegt für ein halbes Jahrtausend vernichtet. Das Entsetzen über diese Katastrophe wird vor neuer Anfiedlung eine Zeit lang zurückschrecken, aber der Mensch, den die Lavaströme des Vesuv und Aetna so wenig von der Fortsetzung des Anbaues abhielten, wie die Dammbrüche an den niederländischen und friesischen Küsten, wird sein Werk nicht aufgeben, und in Jahrzehnten zu ersetzen wissen, was in seinen Anfängen Jahrhunderte erforderte. — Die Flotte der Vereinigten Staaten notirt als verloren das Magazinschiff Fredonia mit 6 Kanonen; der Näderdampfer Wateree mit 14 Kanonen und die peruanische Dampf- Corvette „Amerika" wurden aus's Land geworfen; der amerikanische Kauffahrcr Rosa Rivera, das englische Schiff Chanarcillo und die französische Barke Eduards gingen im Hafen von Arica zu Grunde. Die Stadt Arequip a (40,000 Einwohner) ist nicht mehr, Arica, der bedeutsamste Hafenort von Peru, deßgleichen. Jenes, aus Granit und Lavablöcken gebaut, fiel unter den wiederholten Erdstößen, dieses wurde von den Mcerwogen hinwcggespült, die sich zu Bergeshöhe erhoben, und auf halbe Wegstunde dann über das Land der Küste hereinbrachen. Moqucgua, Jguiquc, Sama, Locumba, Nasca, Jlo, Chala, Mcxillones, Pisagua und eine Menge kleinerer Städte, zahlreiche Dörfer, Pflanzungen und Fabriken wurden in Ruinen gelegt, so daß alles, was nicht thatsächlich niedergeworfen ist, abgebrochen werden muß, um zu neuer Wohnung und neuem Betriebe zu dienen. Verschont blieben Cuzco und Puno und alle größeren Jndianerstätten. Der Verlust an Menschenleben läßt sich noch nicht genau feststellen, doch schätzt man denselben auf der ganze» Unglücksstälte über 30,000 Personen, und den Verlust und Schaden an Eigenthum auf 300 Millionen Dollars. Die eigentliche Quelle des Erdbebens ist noch nicht ermittelt, die Bewegung desselben war von Norden nach Süden. Von Jquique liegen nach der Angabe gcflüchtetcr Augenzeugen drei Viertel in Ruinen, viele Leben gingen verloren, Hunger und Durst droht die tleberlebenden aufzureiben. Der Schaden der deutschen Firma Gildemeister und Comp. allein wird auf 300,000 Dollars ange'chlagen Das Erdbeben dauerte daselbst beinahe 5 Minuten , die See drang drei Viertel englische Meilen in's Land. A rica, das 7000 Einwohner zählte, hat kein wohnbarcs Haus mehr; so furchtbar war der Drang der hereinbrechenden Mcerfluth, daß die Kanonen der Slrandbattericn weit in's Land geworfen wurden, wo sie jetzt im Sande begraben liegen. Der Dampfer Fredouia ging mit aller Mannschaft bis auf zwei unter, die Brigg Chanarcillo verlor acht, die Barke Amerika 42 Mann, während der auf den Strand geschleuderte Dampfer Watcrce nur ein Leben zu beklagen hatte. Eisenbahnschwellen und Wagen, Maschinen, Kanonen, Karren, Hausgeräth, Kindcrzeug, Kisten und Kasten, todtes Bich und verstümmelte Körper bedecken in wilder Unordnung die Straßen. In Tacna sieht es nicht besser aus. Zu dem Erdbeben gesellte sich die Fcucrsbrunst, die verzehrte, was jenes niedergeworfen. Eine wunderbare Rettung erfuhr der Dampfer Santiago von der Pacific - Dampf- schifffahrts - Gesellschaft, der sich am 13tcn in dem Hafen von Chala befand. „Wir ankerten sicher in der Bay," schreibt der Capitän, „als wir plötzlich einen Stoß fühlten, als ob wir auf einen Felsen getrieben wären. Bestürzt kamen die Passagiere zu mir, um nach der Ursache zu fragen; da spürten wir eine neue Erschütterung, die das ganze Schiff schwanken und beben machte, als wäre es aus Gummi, Alle verloren das Gleichgewicht und sielen auf das Deck. Ich wollte unserem Agenten ein Gläschen Brandy und Wasser mischen, um ihn zu stärken, da rissen unsere Ankerketten wie Zwirnfäden, das Wasser drängte seewärts und riß uns mit sich fort. Da wir noch Dampf hatten, so suchte ich denselben zu benutzen, um die hohe See zu gewinnen; aber im nächsten Augenblicke faßte uns eine unermeßliche Woge, schleuderte uns widerstandslos nach der Küste, trug uns über eine Klippe hinweg und setzte uns in den jenseitigen Kanal. Von hier aus gelang es uns, fortzukommen. Briefe aus Guayagnil vom 26. August bestätigen, daß ein Erdbeben am 16ten die Städte Jbara, Atuntaqui, Jmantad u. s. w in Trümmer legte. An der Stelle von Cotocachi ist jetzt ein See; die Bewohner dieser Stadt, sowie die von Jbara und Oto- vale sind fast ohne Ausnahme umgekommen. Quito ist ziemlich verschont, aber die benachbarten Orte Pcrncho, Puellaro und Cachiguanjo sind fast ganz vernichtet. Man schätzt die Zahl der Umgekommenen in dieser Gegend auf 20,000. Am 19len spürte man zu Quito abermals Erdstöße in Unterbrechung von einigen Stunden. Einige schrieben sie dem Vulkan Agualongo, andere dem Cayambe zu. Zu Guayaquil bemerkte mau die Erdstöße vom 13. bis 16. August. Ueber Kindergärten. * Wir haben in der Postzeitung wie wohl öfter doch bisher vergeblich die Bitte gestellt, man möchte uns von fach- und fachkundige Hand gütigst einen einläßlichen Bericht über diese moderne Einrichtung zukommen lassen; wir gestatten uns auf diesem Wege noch einmal darum zu bitten. Wir gestehen offen, daß die Hände in denen sich diese Einrichtung bisher befunden und von denen sie ausgegangen, nicht gerade Vertrauen einflößen und es liegt am Tage, daß diese Kindergärten wenigstens dazu benützt werden können, die heranwachsende Generation noch vor der Dressur in der Anociless nclio»! in dieselben Hände zu bekommen, aber ignorirt dürfen diese Einrichtungen durchaus nicht werden und etwaigen schädlichen Tendenzen, wird gewiß nur dadurch am 318 besten entgegengewirkt, daß man gewissen Kindergärten andere entgegensetzt. Wir gestatten uns daher in Nachstehendem eine fenilletonartige Schilderung, wie sie eben durch die Blätter läuft auch hiehcr zu setzen, woraus man Prinzip und Methode einigermassen ersehen kann. Es ist ein Auszug aus einem Aufsätze, den eine berühmte Kindergärtnerin in Kiel (Frau O. S — r.) veröffentlicht hat. „ — — Wir werden in unserm ganzen Benehmen gegenüber den Kindern, so schreibt dieselbe von dem Gedanken geleitet, daß nur gute Kräfte in dem Menschen niedergelegt sind, *) in deren richtigen und harmonischen Zusammenwirken seine Bestimmung ruht; daß die in die Erscheinung tretenden Fehler und Gebrechen nur die Folge einer einseitigen Entwicklung sind. So erkenne ich in der sogenannten Ungezogenheit, dem ausgetretenen Uebcrmuth, nur einen Ucberschuß Einer Kraft; schon das Wort bezeichnet es: Uebcrmuth. Die physische Kraft ist der geistigen überwachsen; man gebe ihr eine gute Richtung und Gedanken. Zugleich rufe ich gerne eine entwickelte gute Eigenschaft in dem Kinde mir zu Hülfe auf gegen seine Fehler, vorzüglich aber den eigenen Willen indem ich das Gute lebendig in ihm mache. So gelang es mir in Kurzem, einen äußerst wilden, unbändigen Knaben, dem eine ruhige Beschäftigung oder ein geordnetes Spiel eine Unmöglichkeit schien zu bändigen. Sein treues, leicht sich färbendes Gesicht verrieth mir bald ein zu weckendes Rechts- und Ehrgefühl in ihm. Ich stellte ihn an, mir zu helfen Recht und Ordnung herzustellen, indem ich ihm zeigte, wie ihre Abwesenheit das Ganze störe; ich ließ ihn die im Garten sich verfliegenden Kinder herbeiholen, oder mit Sorge tragen, daß sie an ihren Plätzen blieben, vorzüglich durch eigenes gutes Beispiel; daß die Beschäftigungsmittcl eingehalten und gut aus- und eingepackt wurden; ich ließ ihn beim Kommen uud beim Fortgehen vorausgehen, mit dem Auftrage, als Vorbild guten Betragens zu dienen, und e.r war wahrhaft wunderbar, wie Plötzlich das ganze Wesen dieses Knaben gczügclt war. Mit wahrhafter Begeisterung hielt er sich im Zaume und diese Begeisterung übertrug er zugleich auf mich; meinen Augen lauschte er wirklich ab, was ich von ihm wünschte. Ich bin öfters gefragt worden, welcher Zauber die Kinder so rasch an mich fcßle und sie zum Gehorsam zwinge, ohne daß ich sie in Furcht und Strenge hal c? Mein unerschütterlicher Glaube an das Gute in ihnen ist es! und indem ich es ihnen zum eigenen Gefühl und zur Erscheinung bringe, werden sie mir dankbar und liebreich." „Ein einziger Knabe machte mir wirklich einen Monat Sorge: er schien wirklich Freude daran zu finden, andere Kinder zu quälen; er stach und kniff sie heimlich, wenn sie ganz ruhig und unbekümmert dasaßen. Dabei war ihm wie ein böses Gewissen in'S Gesicht geschrieben und mir ging er möglichst aus dem Wege. Natürlich konnte ich solche Uebclthatcn an andern Kindern nicht ohne Vorwürfe hingehen lassen, ich wußte aber wohl, daß diese nur die andern Kinder beschützten, aber den häßlichen Trieb in ihm nicht aufhoben, nur sein verstecktes Wesen noch begünstigten. Ich suchte mir baldigst über die Ursache seines Wesens klar zu werden. Ich bemerkte, daß er für sein Alter sehr unentwickelt, geistig ganz zurückgeblieben war; die Körperkraft hatte sich auch einseitig entwickelt und wirkte nun ohne Gemüth und ohne Verstand; die Strafen aber, die sein Wesen ihm zuzogen, hatten ihn nur Hinterlist gelehrt. Meine Aufgabe war nun, sein Gemüth zu erwärmen und Verstand in ihm zu erwecken; ich zog ihn in meine Nähe, ich heftete,mein Auge auf ihn, wenn ich etwas erklärte, wenn ich Bilder hcrumzeigte, wies ich sie ihm zuerst, ich fragte ihn zuerst bei den Bewegungsspielen, ob er mit unter den Darstellenden sein wolle; das gab ihm, der wahrscheinlich schon lange an Strafen und Zurücksetzungen gewöhnt war, den Eindruck einer Bevorzugung von meiner Seite und frischte zugleich immer seine Aufmerksamkeit an. Es währte nicht lange, daß er mich nicht mehr mied, sondern mich innigst liebte uud, indem sein Gemüth warm wurde und zugleich Interesse in ihm rege. hörten von selbst jene kleine Bosheiten auf. Sein Gesicht klärte sich förmlich auf." *) Schon mit diesem Principe werden wir uns Iisiuement nicht verständigen können. D. R. 31S »Ich hatte noch ein kleines Mädchen mit einem häßlichen Ausdruck im Gcsichtchcn; eS war der einer entschieden rohen Sinnlichkeit; dabei war sie heftig, leidenschaftlich in allen Aeußerungen und zeigte für jeden Gegenstand entweder eine ungcbändigte Neigung oder Abneigung. Auf das Essen hatte sie eine wahrhaft wilde Gier; wenn ihr das Frühstück einfiel und es wurde ihr verweigert, wollte sie sich oder ein anderes Kind beißen. Ihr Wesen war durch eine sehr lebendige und ungezügelte Phantasie veranlaßt, und es galt, diese in eine angemessene Bahn zu lenken, indem künstlerische Elemente in ihr geweckt wurden; ich fand und regte besonders Lust und Talent zum Bauen in ihr an, wie zu ähnlichen kleinen Beschäftigungen; sie wird später mit Geschick zeichnen. Vorzüglich suchte ich sie zu eigenen Erfindungen aufzumuntern, indem ich zugleich den Schönheitssinn in ihr erregte. So wurde ihre Phantasie gebildet und gefesselt, indem sie doch zugleich den Raum gewann, sich frisch auszuleben. Die Entwicklung der geordneten Produktionskraft und des ästhetischen Gefühls ist der Weg zum moralischen Menschen. Das kleine Mädchen wurde gesitteter in ihrem ganzen Wesen und auch ihre Züge gewannen einen edleren Ausdruck. Auch bei einem Knaben habe ich Rohhcit, wenn auch in anderer Form, durch künstlerische Einwirkung bezwungen. Er fand nur Vergnügen im Schreien und Toben; ich bemühte mich, auch in ihm das ästhetische Gefühl zu wecken durch Gesang, durch Bauen, symetrische Figuren u. s. w., indem ich ihn überall auf das Schöne aufmcrtsam machte, und so währte es nicht lange, daß ihm das Schreien und alles rohe Durcheinander zuwider wurde. Und zur Anregung der einen Kinder dienen die Darstellungen der andern: das von einem Kinde geleistete wirkt am lebendigsten wieder auf ein Kind. So gelingt es mir.immer mehr, bei einem sehr gedankenlosen Knaben, indem ich bei allen Beschäftigungen seine Aufmersamkcit auf die phantasiereichsten Kinder lenke, Phantasie in ihm selbst zu wecken. Zugleich litt er an Vertrauen zu sich selbst; aber das Beispiel au andern Kindern, daß sie etwas leisten können, gibt ihm mehr Muth und Willenskraft," „Es haben nur ein paar Falle stattgefunden, wo ich mit wirklicher Strenge verfahren bin. Ein noch ziemlich kleiner Knabe, energisch in seinen Formen wie in allen Bcwcg- ungcn, ging immerfort seinen eigenen Weg im Kindergarten, keine unserer Beschäftigungen rührte ihn; ich richtete aber auch keine unmittelbare Aufforderung an ihn, bis er Zeit gehabt halte sich zu gewöhnen und sein Widerstand Eigensinn wurde. Da hielt ich ihn einmal bei einer besonderen Widersetzlichkeit so lange in einer Ecke gefangen, bis er sich bereit erklärte, zu thuu was ich von ihm verlangte, was erst nach unzähligen abschlägigen Antworten geschah. Von diesem Augenblicke an hat dieser Knabe nie wieder eine Spur von Ungehorsam gezeigt; er ist der eifrigste von allen und noch dazu liebt er mich unbeschreiblich seit jener Scene. Solche Charakter gewinnt man nur, indem man sich stärker, zeigt, als sie selbst sind; aber man hüte sich, zu früh, wenn ihr Widerstand noch in ihrer ursprünglichen Natur begründet ist, mit Strenge einzuschreiten; dann wird man nie einen wohlthätigen Einfluß auf sie üben, denn sie haben den Eindruck einer Ungerechtigkeit empfangen. Ein anderer Fall, wo ich Strenge anwenden mußte, war bei einem Knaben ganz entgegengesetzter Art; es war eine entschiedene Künstlernatur, der es so schwer wird, mit ihrer reichen Phantasie sich an Gesetz und Ordnung zu knüpfen. Ich überließ ihn erst einige Zeit seinen eigenen Ideen, und cS war wirklich reizend, ihn in seiner ganzen Unmittclbarkcir anzuschauen: er nimmt gerne an Spielen Theil, die irgend eine künstlerische Form haben, aber unwillkührlich trifft er überall Abänderungen, es ist ihm gar nicht möglich, sich ganz in fremden Gedanken zu bewegen, er muß überall eigene hinzufügen, die fremden dienen ihm nur zur Unterhaltung, nur zur Anregung eigener. Hier laste ich ihn stets gewähren: doch seine Freiheit muß genau ihre Grenzen haben, da nämlich, wo den Gehorsam nicht Gedanken ersetzen, sondern Laune und Eigenwille eintritt. Äch wartete aber wohl ab, bis ich der Liebe dieses Kindes ganz sicher war, ehe ich mit Strenge gegen seine Launen einschritt: indem er mich aber liebte, war er auch von meiner Liebe noch durch die Strenge überzeugt, und so fühlte er dabei keine rauhe Hand." 320 „Ich führe die Kinder auch selbst, so weit ihre Einsicht reicht, mit ein in das Verständniß eines für das andere, ich zeige ihnen die Schwäche des einen und laste sie in ihrem Gefühle Milde mit mir üben und zeige ihnen die Kräfte anderer, und laste sie meine Ansprüche mit erkennen. Auch wehre ich ihnen nicht, wie es in Schulen gewöhnlich der Fall ist, daß eins das andere unterstütze, sondern fordere sie dazu auf; die ganze Welt besteht ja aus den Unterstützungen, die Einer dem Andern leistet; sie fordern sich aber selbst auf, auf eigenen Füßen zu stehen, und nehmen gegenseitig Antheil an ihren Leistungen. So regen sie sich zur Thätigkeit an. Indem fast alles gemeinschaftliche Angelegenheit wird, verbreitet sich über den Kindergarten immer mehr Gemüthlichkeit und sie ist größtentheils mit der Zauber, den er über die Kinder übt. Es ist wunderbar zu schauen, welche Veränderung in das freie Spiel der Kinder tritt. Im Anfang, in ihrer freien Zeit toben sie nur wüst und vereinzelt umher, jedes eigener Laune folgend; bald aber kommen Gedanken in ihre Spiele und sie vereinigen sich, sie geben den Egoismus auf, um zu einem Ganzen zu gelangen. Wie der Egoismus den Kindern überhaupt bei dieser Gemeinsamkeit verschwindet, davon habe ich schöne Beispiele erlebt, wie denn von von Tag zu Tag mehr sittliches Streben in ihnen rege wird. So gibt es auch keine Verheimlichung eines Vergehens bei uns, indem keine Furcht die Kleinen mir fern hält; sie kommen und klagen mir es gleichsam, wenn sie etwas begangen, damit ihnen das Herz wieder leicht werde, indem ich es ihnen verzeihe und ihnen Muth zu sich selbst zurückgebe, indem ich für die Zukunft an ihren guten Willen appellire. Es ist wirklich rührend, wie schon nach wenigen Tagen die Kinder mir am Morgen mit der freudigen Versicherung entgegenkommen: sie wollen gut sein. Alle Talente, alle Bildung gelten mir nirgends als Zweck, sondern als Mittel zur Sittlichkeit. Dieses Gefühl athmet auch in meinen Kindern." An Cmanuel Geibel Als Frauendicbter unbezwungen Hast du manch' schönes Li d vollbracht, Dock was zu Lübeck du Ä sungen, Das hast du nimmer ernst bedacht. Und jetzt? — dem da so hochentzückt Dein Geist ein Morgenlied ersann, Dem du die Krone aufgedrückt. Ich frage, kanntest du den Mann? Du konntest Männer einst verführen Mit dichterischem Sehnsuchtslaut lach einem Helden, heimzuführen Germania, die hohe Braut. Hast jenen Märztag du vergessen, Und Badens Boden blut'groth, Den Hohn, zu dem man sich vermesse«, , Ob eines Volkes Zorn und Noth? Und unter einem Eichenbaum, Da schlumm're leise sie und leiser Und träume einen Morgentraum, Von ihrem Heiland, Herrn und Kaiser. Was er der Freiheit zugefügt. Er, deines Reiches Auferbaucr, O sieb, wie sie geschlagen liegt Wehklagend in der tiefsten Trauer. Ha, welch' ein Traumbild! Auserwählt, Weil er als Bester sich erwiesen, Umdrängt äst' Volk ibn ungezählt Um seinen Retter zu begrüßen. Nickt weiter mehr! Es ist bewahrt, Und unvcrgcßbar ist's geblieben! Doch dir, du Dichter neuer Art Sei noch ein Dcnkspruch aufgeschrieben: Und daß die Freiheit dann errungen, Daß Haß und Knechtschaft dann entweiche, So hast prophetisch du gesungen Manch hohes Lied vom deutschen Reiche. Schon mancher Schwächling, schlecht und recht, Hat sich zum Sklaven dienst vermiet hct, Doch jener ist der schlimmste Knecht, Der seine Ketten selber schmiedet. V-r. Drus, Derlaa und Redattto» de- literarischen Jnstitnts von Dr. M. Huttler.