Nr. 41 . 11. Octbr. 1868, Augsburger Die Eitclkecit ist fehlcrbaft, Sobald du niä't aus ihr Durch wahre Bildung ziehst die bcssre Eigenschaft: Unmuthiger Ordnung schöne Zier. Johannes Schrott. Leberrsschicksale eines Candidaten der Theologie. IV. Beim alten Fritz. Da steh' ich jetzt mit Beben Ein armer Candidat, Und such' bei meinem König Trost, Hülfe, Recht und Gnad'. Niedergeschlagen schritt auf tiefsandigem Pfade durch schweigsames Kiefern-Dickicht Herr Gottfried Olcarius, seinen Paß, seine Testimonia, sein Magister-Diplom und eine Bittschrift an des Königs Majestät in der weiten Rocktasche. Sein Gemüthszustand harmonirte vollkommen mit der Außenwelt um ihn her, beide freuden- und hoffnungslos. Zuweilen überholte ihn eine Hofkutsche und hüllte den einsamen Wanderer in eine erstickende Staubwolke ein, welche die schwarze Kleidung allmählig in diejenige eines Müllers umwandelte. Staub und nichts als Staub trank der trockene Mund hinein und fast noch bei lebendigem Leibe hätte Olearius zu Staub werden können, was doch sonst den Menschenkindern erst nach ihrem Ableben zu widerfahren Pflegt. Vier Meilen weit reichte die unermeßliche Streusandbüchse, welche zwischen Berlin und Potzdam liegt und immer gebeugter ward die Haltung des Candidaten, bis mit dem Ende des Waldes auch, die Landschaft urplötzlich eine andere heitere Gestalt annahm. Olearius erhob das auf die Brust gesenkte Haupt und sah das Ziel seiner Reise — Potsdam — im Thale vor sich liegen. Aber er freute sich dessen nicht; vielmehr entglitt seiner bangen Brust ein schwerer Seufzer. Dann suchte er sich unter den letzten Bäumen des Waldes einen heraus, der in mäßiger Höhe einen kurzen Abstumpf besaß. An Letzterem hing er seinen Frack auf, band das weiße Halstuch ab und — „Was will der Herr da machen?" rief plötzlich eine rauhe Männerstimme und ein Jägersmann, die Büchse über die Schulter gehangen, trat aus dem nahen Dickicht hervor. „Ist der Herr etwa gesonnen, sich aufzuhängen, so wisse man, daß hier königlicher Forst und der Selbstmord bei langwieriger Zuchthausstrafe verboten ist." „Darf ich in diesem Anputze mich wohl vor des Königs Majestät zeigen?" versetzte Olearius trübe, indem er auf den reichlichen Staub in des Halstuches Falten und auf dem Rocke deutete. „Ah so, das ist etwas Anderes," erwiderte der Jäger beschämt, seinen ungerechten Verdacht wieder gut zu machen, begann er mit seinein hölzernen Ladestock dicnslbcflisscn den aufgehängten Frack auszuklopfen. Doch verließ er den Candidaten nicht eher, als bis derselbe den Forst eine ziemliche Strecke im Rücken gelassen hatte. „Aufhängen! Selbstmord!" murmelte Olcarius dumpf vor sich hin, als er wieder allein war, und tiefes Entsetzen durchbcbte seinen Körper. „Dieser vermeinte Jägersmann — war er vielleicht ein verkleideter Teufel, der mit den zwei Worten das bereit stehende Pulverfaß in Brand zu setzen gedenkt, im Falle, daß selbst bei dem Könige mir keine Gerechtigkeit zu Theil werden sollte? Aufhängen! Selbstmord! hat je der Gedanke daran nur im Entferntesten in meiner Seele gelegen? Und nun erfüllt er dieselbe plötzlich ganz gegen meinen Willen. O, mein Herr und Gott!" er blieb stehen und faltete seine Hände; „laß mich nicht über mein Vermögen versucht werden, sondern laß die Versuchung so ein Ende gewinnen, daß ich sie ertragen kann." Gefaßter wandelte er in Potsdam ein. Die reizenden Aussichten von der Havel- brücke aus waren für ihn nicht da; sein Blick haftete lediglich auf des nahen Schlaffes Zinnen, in welchem der Mann wohnte, von welchem er die Entscheidung über sein Schicksal erwartete. Vor Friedrich den Zweiten sollte er hintreten — vor den Helden, den König, den Sieger in drei blutigen Kriegen und über halb Europa, vor ihn, den großen Geist, welchem gegenüber ganz andere Männer, als er, gezittert hatten! Aber das Glück schien den Candidaten begünstigen zu wollen. Vor dem Schlosse angelangt, sah er den Monarchen sofort, welcher seine Soldaten exercieren ließ. Es war um die Mittagsstunde. Der König wurde von einem Schwärme hoher Offiziere umringt, in deren Kreis der Candidat um keinen Preis sich gewagt hätte. Aber doch sah er auf's Neue die Wahrheit bestätigt, daß die Furcht vor einem Dinge oft das Schlimmste sei. Denn der gcfürchtete, große König sah aus, wie jeder andere Mensch, ja er ging sogar einfacher gekleidet und weniger besternt als seine Generale neben ihm. Seine Stimme hallte nicht wie Posaunenton, und nicht erzitterte die Erde unter seinen Tritten. Aber, aber die Macht, die in der kleinen Hand dieses einzelnen Menschen lag! Dieser Gedanke war es, welcher den Supplicantcn abhielt, sich dem Monarchen selbst dann zu nähern, nachdem dieser seine Soldaten entlasten und sich in den angrenzenden Lustgarten begeben hatte. Olearius, in größter Unentschloffenheit, warf seine Papiere aus einer Hand in die andere. Dies und die Leidensgcstalt des Aermsten gewahrten bald vier Offiziere, welche noch auf dem Schloßplätze zurückgeblieben waren. Bekannt ist's, daß in den damaligen Zeiten der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, der Soldatcnstand gar zu gern auf Unkosten des Priestcrstandes sich lustig machte, welcher dafür nicht ermangelte, die Spötter gehörig abzukanzeln. Wohl mochte es nicht die Nächstenliebe sein, welche die Offiziere nach des Candidaten Anliegen forschen ließ, als sie aber den Thatbestand erfahren hatten, gedachten sie mit einem Schlage zwei Fliegen zugleich zu treffen; sich einen köstlichen Spaß, dem Supplicantcn dagegen sein Recht zu verschaffen. Unter dem Vorgeben, daß der große König heute absonderlich bei gnädiger Laune sei, ermunterten die Offiziere den Candidaten, in den Garten zu treten und daselbst den König aufzusuchen. Und als Olearius zauderte, diesem Vorschlage Folge zu leisten, ergriffen zwei Herren ihn bei den Armen und führten ihn fast gewaltsam in den Garten hinein. Sie fanden den König über der Betrachtung einer Pflanze, und von einigen Gärtnern umgeben. Die Offiziere geboten Olearius, im Garten stehen zu bleiben, und daselbst den König zu erwarten, welcher ihnen den Rücken zukehrte. Hierauf kommandirten sie mit halblauter Summe den bangenden Supplicantcn: „Den Hut herunter, unter den linken Arm! Den rechten Fuß vor! Den Kopf in die Höhe! Die Briefe aus der Tasche «nd mit der rechten Hand hochgehalten! So steht!" Der arme Candidat gehorchte willenlos, obgleich er dunkel begriff, daß man seinen Spott mit ihm treibe. Aber die Furcht vor den mit Orden und Sternen besäeteu Offizieren ließ keinen Versuch der Widersetzlichkeit emporkeimen. Nachdem Olearius also, einer Vogelscheuche gleich, seine Stellung genommen, entfernten sich die Herren unter mühsam verbissenem Lachen, sich öfters umsehend, ob ihr «euer Rekrute seinen Platz auch standhaft behauptet, dieser aber sah nichts, d enn er hielt Las Auge starr in die Wolken gerichtet. 323 Mit klopfendem Herzen mochte Olcarius einige Sekunden in dieser himmelstürmende« Situation verharrt haben, als er plötzlich Tritte knistern hörte und ein Gärtner auf ihn zutrat, der vom Könige — der die lebendige Bildsäule lächelnd erblickt hatte — abgesandt worden war, um die Papiere, die der Candidat so herausfordernd nach oben hielt, i« Empfang zu nehmen. Mit denselben begab sich der Monarch in einen andern Gang des Gartens, indem der Magister festgebannt stehen blieb. Nach einer Weile kehrte der König zurück und winkte den Bittsteller zu sich heran. Als schreite er über Eier hinweg, näherte sich Olearius dem Monarchen, vor dem er in demüthigster Stellung mit angsterfüllter Seele stehen blieb. „Mein lieber Magister," sprach der König huldvoll, „man hat ihm Unrecht gethan, wie ich aus seiner Supplik ersehe. Man hätte die Säcke mit den alten Sechsteln blos versiegeln und ihm bedeuten sollen, dieselben wieder mit heim zu nehmen. Sei er aber ruhig, er soll seine Sechstel mit Interessen wieder bekommen. Was wird er denn in Berlin anfangen? Um eine Prcdigcrstclle sich bewerben oder sich mit Jnformire« beschäftigen?" Diese Worte, die wie Sphärengcsang in den Ohren des Candidateu klangen, verwirrten denselben so, daß er vor freudiger Bestürzung kaum die Fragen beantworten uud seinen tiefgefühltesten untcrthänigsten Dank stammeln konnte. Der König unterhielt sich nun noch eine Zeit lang mit ihm, fragte, wo und was er studirt habe und schloß dann mit den Worten: „Doch nun muß ich fort, denn sie warten mit dem Essen —" und ging in's Schloß hinein. Ganz überwältigt von dem Eindruck, den die Leutseligkeit und Huld des großen Monarchen auf ihn gemacht, verharrte Olcarius, nachdem der König schon längst verschwunden war, noch immer auf derselben Stelle, mit sich selbst nicht im Klaren, ob das Alles, was er so eben vernommen, Traum oder Wirklichkeit sei. Nach und nach aber kehrte sein klares Bewußtsein wieder und nun fielen ihm auch des KönigS Abschiedsworte wieder ein: sie warten mit dem Essen. Essen! Dieser Gedanke erinnerte den armen Supplicanten daran, daß er ja auch einen Magen besitze und nun schon seit 24 Stunden so gut wie nichts zu sich ge» nommen habe. Keinen Dreier mehr in der Tasche und einen Weg von vier Meilen vor sich, bis die Möglichkeit vorhanden war, wieder zu einem Imbiß zu gelangen, das war eine sehr niederschlagende Aussicht. Verlangend sah er sich nach dem Naben um, welcher ihm, wie vor Zeiten dem Propheten Elias, Brod zutragen sollte, aber es wollte keiner kommen. Ergeben in sei« Geschick zog er seinen Leibriemen ein paar Zoll enger zu und war eben im Begriff, seine müde Körpermaschine in Bewegung zu setzen, als plötzlich ganz in seiner Nähe eine Stimme laut fragte: „Wo ist der Mann, welcher mit dem Könige gesprochen?" „Hier!" meldete sich Olearius und folgte dem Kammerdiener in's Schloß nach, w» für ihn in einem Prächtigen Zimmer ein Tisch gedeckt und mit delikatesten Speisen, dcrc« Mehrzahl er nicht einmal mit Namen hätte nennen können, besetzt war. Daß er de« köstlichen Gerichten alle Ehre anthat, braucht wohl nicht erwähnt zu werden, und auch den Wein verschmähte er nicht, den ihm der Kammerdiener fleißig einschenkte, und noch fleißiger nöthigte, Bescheid zu thun. „Ach, wenn Lieschen und Agathe jetzt bei mir wären," — dachte er im Stillen — „genug hätten wir alle Drei, und sie hätten dann doch auch einmal bei einem Könige gespeist." Nachdem er sich gesättigt hatte, brachte der Kammerdiener noch einen Tellev mit Gebackenem, mit Aepfcln und Birnen. Olcarius packte die ganze Geschichte in ei« Papier und schob es in eine seiner ungeheuern Rocktaschen. Kanin war er hiemit z« Ende, so trat avch schon ein Sekretär deS Königs zu ihm, welcher ihm sein Diplom, 324 sein Sittcnzeugniß, den Paß, ein Billet an die Beamten der Mauth in Berlin und 5 Friedrichsd'or einhändigte. Dann führte er den Beschenkten vor das Schloß, wo ei» sechsspänniger Proviantwagcn hielt, und gebot dessen Führer, den Candidaten nach Berlin zu bringen, aber ja kein Trinkgeld von ihm anzunehmen. In der Hauptstadt angelangt, begab sich Olcarius sofort auf die Mauth, wo das königliche Handbillet sehr lange Gesichter hervorbrachte und die Veranlassung wurde, daß der Candidat für die confiscirten Sechstel 400 Thaler in guten vollgültigen Münzsorten ausbezahlt erhielt, für welche er sich sofort Kammerscheine erkaufte und dann am nächste» Morgen, von heißer Sehnsucht nach der Geliebten gequält, mit der Post abzureisen beschloß. Als der Magister am folgenden Tage nach seiner Rechnung im Hotel frug, erhielt er den Bescheid, es wäre schon Alles berichtigt. Wohl ahnend, wer auch da seine offene Hand im Spiele gehabt, dankte unser Candidat im Stillen Gott und dem Könige für ihre Güte und Gnade, und verließ dann eine Stadt, wo ihn im Anfang das Unglück zu vernichten gedroht, und wo nun zum Schlüsse sich doch noch Alles zu seinem Besten gelenkt hatte. (Fortsetzung folgt.) Die Spektralanalyse und ihre Anwendung auf das Sonnenlicht. Zu den kürzlich mitgetheilten Nachrichten über die Schicksale der deutschen Expedition zur Beobachtung der Sonnenfinstcrniß am 18. August fügen wir als Ergänzung hinzu, waS ein Artikel der Elberf. Ztg. über den wissenschaftlichen Zweck und das muthmaßliche Ergebniß jener Beobachtung beibringt. Der Artikel beginnt mit einer Belehrung über die sogenannte Spektralanalyse. Jedermann weiß, daß, wenn man farbloses Lichte z. B. das Tageslicht, durch ein Glasstück gehen läßt, welches gegen einander geneigt, Flächen hat, Farben sichtbar werden, und zwar die sogenannten Negenbogenfarbcn. Vermittelst eines optischen Apparats, den man Spektroskop nennt, ist es möglich, einen einfachen farblosen Lichtstrahl in eine Skala der sämmtlichen Regenbogenfarben zu zerlegen. Man gewahrt alsdann in dem Apparat einen farbigen Streif, der in derselben Reihenfolge wie der Regenbogen die Farben Roth, Orangegelb, Grün, Hellblau, Dunkelblau, Violett zeigt, und den man Spektrum nennt. Außer den Farben sehen wir aber in dem Spektroskop noch eine andere Erscheinung. Wir bemerken nämlich, daß das Spektrum von schwarzen senkrechten Linien durchbrochen ist Schon Wollaston hatte im Jahre 1802 zwei der stärksten dieser Linien beoachtet. Später zeigte Fraunhofer, daß 600 vorhanden seien; nach ihm nennt man die Linien noch jetzt die Fraunhofer'schen L inien. Mit unsern jetzigen Mitteln hat man deren bereits 3000 gezählt. Die Frauenhofcr'schen Linien gehören znr Natur des Sonnenlichtes, während sie in dem Spektrum einer andern weißen Lichtquelle nicht zu finden sind. Jeder irdische, weißglühende, feste oder flüssige Körper gibt ein Licht, welches, in einem Spektroskop zerlegt, ein sogenanntes kontinuirlicheS Spektrum zeigt, das alle Farben von Roth bis Violett ohne die geringste Unterbrechung oder Qucrlinie enthält. Anders verhalten sich dagegen die leuchtenden gasförmigen Körper, d. h. die Flammen. Läßt man z. B. in einer Alkoholflammc etwas Kochsalz verbrennen und betrachtet dann das Spektrum dieser Kochsalzflamme durch ein Spektroskop, so bemerkt man keine kontinuirliche Reihenfolge von Farben, sondern nur zwei senkrechte, dicht bei einanderliegende gelbe Linien (durch ein schwächeres Spektroskop nur eine Linie). Nimmt man statt des Kochsalzes ein anderes Salz, z. B. ein Strontiansalz, so sieht man mehrere Linien, und zwar hauptsächlich rothe und noch einige schwächere in anderen Farben. Enthält die^Strontianflamme auch noch Kochsalz, so bemerkt man außer den Linien des StrontianS auch noch an ihrer ganz bestimmten Stelle die beiden Linien des Kochsalzes. Ebenso hat jedes andere Salz, in einer Flamme verbrannt, sein bestimmtes, auS Farbenlinicn bestehendes Spektrum; so geben z. B. Kalkverbindungen verschiedene orangefarbene, grüne 325 und rothe Linien, Kupfer eine große Menge Heller Linien in allen Farben über das ganze Spektrum vertheilt. Alle diese Linien treten immer an ganz bestimmten Stellen und i« denselben Distanzen von einander auf. Sind verschiedene Salze in der Flamme, so sind auch ihre verschiedenen Spektren gleichzeitig sichtbar, und zwar jedes vollständig in seinen bestimmten, ihm ungehörigen Linien. Man sieht also leicht ein, daß man auf diese Erscheinungen ein Verfahren gründen kann, um sofort die Bestandtheile einer Verbindung angeben zu können, die fähig sind, ein solches Linienspektrum zu liefern. Dieses Verfahren, von Bunsen und Kirchhofs erfunden und von ihnen Spektral-Analyse genannt, besitzt eine außerordentliche Empfindlichkeit. Man kann dadurch noch Quantitäten eines Stoffes nachweisen, die so gering sind, daß keine chemische Analyse sie je gefunden haben würde. So läßt sich z. B. noch der fünfzchnmillionste Theil eines Lothes Kochsalz nachweisen. Wenn man etwas Kochsalz in einem Zimmer verpufft, so zeigt jede Flamme in dem Zimmer in ihrem Spektrum die charakteristischen gelben Linien. Man fand auch durch die Spektral-Analyse, daß Lithium, ein Alkali'Metall, welches man für äußerst selten hielt, fast allgemein auf der Erde verbreitet ist, wenn es auch in so kleinen Quantitäten vorkommt, daß es bisher der chemischen Untersuchung entging, z. B. in der Cigarrenasche. Ja, Bunsen entdeckte durch dieses Verfahren zwei neue Elemente, Cäsum und Rubidium, deren Dasein man vorher wegen ihres äußerst geringen Vorkommens nicht ahnte. Die Flamme gab von ihrem Dasein Kenntniß, und es gelang dann auch, sie aus Mineralwasser, und zwar aus einer sehr großen Menge desselben, in geringer Quantität darzustellen. Ebenso bat man das Thallium auf diese Weise entdeckt. Wie hängen nun diese Entdeckungen mit den Frauenhofcr'schen Linien im Sonnenspektrum zusammen? Betrachten wir das Spektrum eines mit Flammen brennenden Körpers, z. B. von Kochsalz für sich, ohne Hinzulaffung eines andern Lichts in dem Spektralapparat, so sehen wir, wie bemerkt, zwei dicke gelbe Linien. Lassen wir nun Sonnenlicht hinzutreten, so verschwinden die gelben Linien, aber genau an ihrer Stelle treten in dem gelben Theil des Sonncnspcktrums zwei Frauenhofer'sche Linien dunkler als sonst hervor. Bei den Spektren vieler anderen Salze sehen wir dieselbe Erscheinung; ihren sämmtlichen farbigen Linien entsprechen im Sonnenspektrum genau an denselben Stellen Frauenhofer'sche Linien, die, wenn beide Spektra, das der Sonne und das des betreffenden Salzes, zusammen betrachtet werden, schärfer hervortreten. Machen wir ferner folgenden Versuch: wir bringen einen irdischen festen Körper, z. B. ein Stück Kreide, in einem sogenannten Knallgasgebläse in heftiges Glühen, so erhalten wir eines der stärksten künstlich darstellbaren Lichter. Dieses Licht, durch das Prisma zerlegt, zeigt uns ein Farbenspektrum ohne Linien. Setzen wir aber diesem Lichte ehe es ins Prisma fällt, eine Flamme, in welcher Kochsalz enthalten ist, in den Weg, so können wir, genau an derselben Stelle, wo im Sonnenspektrum sich zwei dunkle Linien befinden würden, dieselben dunklen Linien an diesem vorher linienloscn Spektrum bemerken. Dasselbe geschieht, wenn wir irgend ein anderes Salz in einer Flamme dem Lichte deS Knallgasgcbläses in den Weg setzen. Wir sehen dann immer auf dem vorher linienloscn Farbenspektrum, genau an den Stellen, wo daS Spektrum der betreffenden Flamme farbige Linien zeigen würde, jetzt dunkle Linien. Und so müssen denn auch Frauenhofer'sche Linien in dem Sonnenspektrum entstanden sein. Wir stellen uns demnach die Sonne als einen weißglühenden, festen oder flüssigen Körper vor, umgeben von einer Atmosphäre, die bei der überaus hohen Temperatur der Sonne Stoffe in Gasform enthält, welche auf unserer Erde in gewöhnlichem Zustande nur fest oder flüssig vorkommen. Diese gasförmigen Körper sind glühend, also flanuncnförmig, würden also für sich auS farbigen Linien bestehende Spektra erzeugen. Hinter diesen linienartigen Spektren befindet sich aber das kontinuirliche Sonnenspektrum, und deshalb erscheinen uns die Linien nicht mehr farbig, sondern dunkel, als Frauenhofer'sche Linien. Die Stoffe also, deren Flammen uns Spektra in farbigen Linien zeigen, denen im Sonnenspektrum Frauenhofer'sche Linien ganz genau entsprechen, müssen in der Sonncn-Atmosphäre enthalte« 326 sein. Man könnte glauben, eS sei bei Vergleichung der farbigen Linien der Flammenspektra mit den Fraunhofer'schen Linien des Sonnenspektrums, bei deren großer Anzahl, manche Täuschung möglich; aber die Fraunhofer'schen Linien haben so charakteristische Stellungen zu einander, deren Distanz genau gemessen werden kann, und unterscheiden sich selbst von einander so sehr durch ihre Dicke, daß bei jener Vergleichung eine Täuschung nicht wohl möglich ist. Die große Anzahl der Linien erklärt sich daraus, daß manche Spektra aus sehr vielen Linien, z. B. das des Eisens aus 60 , zusammengesetzt sind, die mit 60 Frauen- hofer'schen Linien vollkommen korrcspondiren. Aber auch viele unbekannte Stoffe müsse» in der Sonne enthalten sein, deren Spektra wir nicht kennen. Es steht fest, daß Eisen, Zink, Kupfer, Barium, Natrium, Magnesium, Calcium und mehrere andere in der Sonne enthalten sind. Andere Körper, wie Silicium, Lithium, Arsen, Strontium, Antimon, Blei, Zinn, Gold, Silber, sind nicht darin enthalten. So wahrscheinlich nun aber auch diese ganze von Kirchhofs aufgestellte Theorie war, so blieb sie dennoch bisher nur Hypothese. Denn zur Feststellung naturwissenschaftlicher Wahrheiten gehört der direkte Beweis durch das Experiment. Ein solcher konnte nur dann geliefert werden, wenn eS mögljch wurde, das Licht der Sonncn-Almosphäre ohne Hinzutritt des Lichtes des festen Sonnenkörpers zu beobachten, und deshalb wartete man mit Sehnsucht auf die totale Sonncnsinsterniß vom 18 . August d. I. Bei einer totalen Verfinsterung der Sonne ist die Sonnenscheibe ganz bedeckt und nur die nächste Umgebung derselben dem Auge sichtbar. Liefert diese oder auch nur ein Theil derselben ein aus hellen Linien bestehendes Spektrum, so hörte die Anschauung von Kirchhofs auf, bloße Hypothese zu fein. Hr. Herschel hat nun telc- graphirt daß er wirklich helle Linien in dem Spektrum einer Protuberanz (einer glühenden Hervorragung) beobachtet und somit den direkten Beweis erhalten hat, daß wenigstens die Protubcranzen gasförmig und in ihren Bestandtheilen bestimmbare Körper sind. Bestätigt sich Dieß, so ist damit einer der größten Fortschritte auf dem Gebiete der Naturwisscn- schaft gemacht worden. Die öffentliche Meinung. Ich bin der mächtigste Regent Auf weitem Erdenrunde. Denn Alles ist mir Unterthan Und hängt an meinem Munde. Ich bin auch Papst, unfehlbar ist, WaS ich der Welt verkünde. An mir zu Intel», mich zu schmäh'n Gilt für die größte Sünde; Mein Urtheil gilt als Richterspruch Dem Thoren wie dem Weisen; Auf mich beruft sich Jeder, der Zu schwach ist zum Beweisen. Ich bin Gott selbst, um meine Gunst Sich Könige bemühen, Anbetend liegt die ganze Welt Stets vor mir auf den Knieen. Doch merk'S, ich bin auch ein Tyrann, Und knechte streng die Geister, Ich dulde keinen Widerspruch, Auch nicht vom größten Meister. Und Millionen Häupter sich Vor mir respektvoll senken. Die willig meine Sklaven sind. Nicht fähig, selbst zu denken. Valentin Niedel. (Die Trappisten als Opernsänger.) Der „Salut Public" von Lyo» berichtet einen unmuthigen Zug klösterlichen Stilllebens. Unter einer größeren Reise- Gesellschaft, welche eines Tages die Gastfreundschaft der Grande-Chartreuse in den weiten Räumen deS Kloster - Refectoriums in Anspruch nahm, befand sich auch der Baritonist Meric von der großen Oper. Leider regnete es in Strömen, und man braucht, wie Manche es erfahren haben, noch kein Feinschmecker zu sein, um den Küchenzettel von La Trapp etwas mager zu finden. Um die solchen Umständen angemessene Stimmung in etwas zu heben, machte man dem Gesangskünstler den Vorschlag, etwas zum Besten z« 327 geben. Derselbe war wohl damit einverstanden, doch forderte eS der Anstand, die Zu» stimmung der Gastfreunde zu erhalten. Hr. Meric wandte sich an den Pater Speise- meister, der die Verantwortung ablehnte. Man appellirte an den Pater Provincial mit gleichem Erfolg. Vom Pater Provincial abgewiesen, ließ sich Hr. Meric zum Pater Coadjutvr führen, doch auch da fanden seine Bitten taube Ohren. Es blieb nur noch die höchste Instanz, der Pater General übrig. Nun wohlan, sagte Meric, so führe man mich zum Pater General. Dieser vernahm das sonderbare Begehren mit lächelnder Miene. „Sie sind also Opernsänger," erwiederte er ihm. „Ja, Ew. Hochwürden." „Auch wir sind hier Opernsänger. Opera heißt die Werke. Alle Nächte von 12 bis 3 Uhr versammeln wir uns im Chor, um die Opera Gottes zu singen, d. h. die Werke seiner Größe und seiner Barmherzigkeit. Wir haben auch unser Orchester: der Wind, der im Walde stürmt, das Brausen des Stromes, den Donner der Lawinen. Auch an Zuhörern fehlt es nicht, es sind die Engel, die unser Gebet zum Throne Gottes empor- tragen. Gehen Sie, mein Sohn, singen Sie nur zu, ich gestatte es Ihnen, ich kenne keinen Punkt unserer Regel, der es verböte." (Das niesende Standbild.) Von dem kürzlich in einem Irrenhause verstorbenen Schauspieler Dotter, der sowohl in Wiener und Berliner Thcatcrkreisen, als auch in Stuttgart sehr bekannt war und Reminiszenzen aus seinem Leben meisterhaft zu erzählen wußte, erzählt man sich einen ergötzlichen Schabernack, den er einem Collegen spielte, in nachfolgender Weise: Er war mit einem gegenwärtig in Magdeburg als Weinhändler lebenden ehemaligen Bassisten engagirt, und eines Abends spielte dieser den Komthur im „Don Juan." Nun ist aber der genannte Bassist ein leidenschaftlicher Schimpfer, und aus diese Leidenschaft hatte Dotter einen schwarzen Plan gebaut In der Kirchhofsscene, wo der Komthur, hoch zu Roß, den Marschallsslab in der Hand als „steinernes Gebilde" erscheint, kam der Plan zur Ausführung. Dotter, eine Dose mit Nieswurz in der Hand, stellte sich da auf, wo sein Kunstcollege vorüber mußte, um sein steinernes Roß zu besteigen; als Letzterer nun den mit größtem Behagen eine Prise zur Nase führenden Dotter erblickte, griff er ebenfalls in dessen Dose, versorgte seine Nase reichlich und nahm dann seinen Platz ein. Jetzt erscheint Lcporello, wendet sich mit seiner Einladung an das Steinbild, stutzt aber nicht wenig, als er im krampfhaft verzerrten Gesichte dessen Kampf mit den Wirkungen der Nieswurz wahrnimmt. Der Reiz wird immer größer, die Anstrengungen, einen Ausbruch zurückzuhalten, immer verzweifelter, endlich aber ist die Wirkung des Reizmittels so überwältigend, daß das Steinbild zum anfänglichen Erstaunen, späteren hohen Gaudium des Publikums in ein ununterbrochenes „Hatschis! Hatschi!" ausbricht. Der Vorhang muß unter unauslöschlichem Gelächter der Zuschauer fallen. Der Director versucht umsonst den wüthenden Komthur wegen des Vorfalles zur Rede zu stellen; einzelne Flüche, von fortwährenden „Hatschis" unterbrochen, sind die ganze Antwort, die er erhält. Inzwischen hat Dotter den Inhalt seiner Dose fortgcfchüttet und mit unschuldigem Tabak vertauscht, der denn auch, auf die Anklage des wüthenden Bassisten von der Direction und Sachverständigen untersucht, als unfähig, ein solches Niesen zu erzeugen, befunden wird. Erst lange Zeit später hat Dotter diesen von ihm gern erzählten Streich seinem Collcgcn offenbart und dessen Verzeihung erhalten. Dieser gerieth aber noch nach Jahren in Wuth, wenn ihm ein College „Helf Gott!" zurief. (Heidelberg. — Geld herbei!) Ein unglücklicher Vater, welcher seinem in Heidelberg studierenden Sohne nie genug Geld schicken konnte, fand es schließlich begreiflich, daß Heidelberg ein theures Pflaster sei, da, die Buchstaben versetzt, Heidelberg nicht» Anderes heißt, als: „Geld herbei!' 328 (Wetterpropheten.) Billiger, wie alle künstlichen Wetteranzeigcr, gibt der Blutegel einen trefflichen Barometer ab, wie dies Jedermann prüfen kann. Man wirst einen oder mehrere dieser Thiere in eine gläserne mit Wasser gefüllte Flasche und wird finden, daß der Egel bei Veränderung der Atmossphärc seine Lage verändert. Bei heilerem, schönen Wetter bleibt er auf dem Boden der Flasche ohne Bewegung und in einer Schncckenlinic gekrümmt liegen. Wenn es regnen will, steigt er einige Stunden vorher bis zur Oberfläche des Wassers in die Höhe und bleibt daselbst so lange liegen, bis sich das Wetter anläßt, wieder schön zu werden. Wenn es windig werden will, durchläuft er das Gefäß mit großer Geschwindigkeit und hört nicht eher auf, bis der Wind zu wehen angefangen hat. — Wenn ein Donnerwetter einfallen will, so befindet sich der Blutegel mehrere Tage hindurch beständig außer dem Wasser, ist unruhig, und erleidet heftige Convulsionen und Zuckungen. Den Winter hindurch bleibt er beständig auf dem Grunde der Flasche in einer Schneckcnlinie gekrümmt. Bei Regen und Schnee nimmt er seinen Sitz an der Mündung der Flasche. — Diesen nur der Wettcranzcige wegen eingesperrten Egeln darf man im Sommer wöchentlich nur einmal frisches Wasser geben. Im Winter bedürfen sie alle 14 Tage einer Veränderung des Wassers. (Zur Geschichte der Wurst.) Schon bei den alten Griechen nnd Römern ist die Wurst eine beliebte Speise gewesen. Aus der griechischen Benennung der Wurst, welches Wort an nllium, Knoblauch, erinnert, scheint hervorzugehen, daß die Alten Knoblauchwürste fabricirt haben. Auch bei den Römern erzählt Martial und Seneca vom I><>l»Iiii'iii8 oder Wursthändlcr. Die Blutwurst scheint zuerst zur Zeit des morgen- ländischen Kaisers Leo IV. (886 — 911) das Licht der Welt erblickt zu haben. Genannter Kaiser eriuß nämlich gegen dieses harmlose Fabrikat folgenden, wahrhaft blutmürstigen Erlaß: „Wir haben in Erfahrung gebracht, daß die Menschen geradezu so toll geworden sind, theils des Gewinnes, theils der Leckerei wegen, Blut in eßbare Speisen zu verwandeln! Es ist uns zu Ohren gekommen, daß man Blut in Eingeweide, wie in Säcke, einpackt, und so als ein gewöhnliches Gericht dem Magen zuschickt. Wir können nicht länger ausstehen und zugeben, daß die Ehre unseres Staates durch eine so frevelhafte Erfindung blos aus Schlemmerei sreßlnstigcr Menschen geschändet werde. Wer Blut zur Speise umschafft, er mag nun dergleichen kaufen oder verkaufen, der werde hart gegeißelt und zum Zeichen der Ehrlosigkeit bis auf die Haut geschoren. Auch die Obrigkeit der Städte sind wir nicht gesonnen, frei ausgehen zu lassen; denn hätten sie ihr Amt mit mehr Wachsamkeit geführt, so wäre eine solche Unthat nie begangen worden. Sie sollen (jetzt kommt die Moral) ihre Nachlässigkeit mit 10 Pfund Goldes büßen." — Da noch heute die Blutwurst nicht ausgcstorben ist, scheint doch dieses furchtbare Edikt den allcrunterthänigsten Unterthanen sehr — „Wurscht" gewesen zu sein! Charade. (Dreisilbig.) Durchsichtig sind die Ersten, wie das Zweite, Und dennoch von einander so verschieden; Die beiden Ersten biet' ich dir im Zweiten, Als Labsal sind sie uns von Gott bcschiedcn. Doch wenn das Zweite leichten Schaden nahm. Das dir wohl gar von lieben Händen kam, So magst du ohne Zaudern und Verweilen, Ihn mit dem Ganzen wieder sorglich heilen. Auflösung der Charade in Nr. 38: „Saumseligkeit." Druck, »«lau »üb Rebalttoa be« Itterarischeu Institut« von vr. M. Huttl».