Nr. 4S 18. Octbr. 1868, Augsbrrrger Mnn schilt dich rechts, man schilt dich links — So bleibe in der Mitten. Der bat nicht recht geschafft, gekämpst. Der nicht auch was gelitten. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. v. Ein Schmerz für's ganze Leben. Weh! weh! daß ich es sehen muß Du blickst so scheu! Verlegen machet dich mein Gruß, Du brächest die Treu? — Wer den Zustand eines Liebenden kennt, wird begreifen, mit welcher Sehnsucht und Ungeduld Olearius das Ziel seiner Reise, Langensalza, herbeiwünschte, auch dieser Wunsch erfüllte sich endlich und Olearius eilte mit schnellen Füßen dem Hause zu, wo sein theuerstes Erdengut weilte. Wie freudig gedachte er Lieschen zu überraschen! Wie freudig von ihr empfangen zu werden! Was hatte er für Sie und Agathen erduldet, gelitten, gewagt! Mußte sein Lohn nicht desto süßer werden? Die Linke in der Rocktasche, bei den Kammerscheinen und seinem eigenen kleinen Schatze, sowie zwei Paar goldenen Ohrringen, die er für die Mädchen in Berlin gekauft hatte, klinkte er die Stubenthüre des Parterres leise auf. Ha! da saß Lieschen am gewohnten Platze und liebreizender als je. Mit etwas größerem Feuer, als es einem ehrsamen Theologen eigentlich geziemte, stürzte Olearius auf die Jungfrau zu, umfing das höcklich betroffene Kind und wollte einen Kuß auf den rosigen Mund drücken. Allein Lieschen wendete rasch das Köpfchen bei Seite, streckte wie abwehrend die Hände aus und sprach erröthcnd und verlegen zugleich: „Ach, Herr Magister, wie haben Sie mich erschreckt!" Ueber diesen mehr als kühlen Empfang bestürzt, starrte Olearius seine Braut sprachlos an und gewahrte jetzt, wie zwei große goldene Ohrreifen mit köstlichen Perlen in deren Ohren funkelten, wie die Trauerkleider bald einer anlockenden, Putzreichen Kleidung Platz gemacht hatten. Eben öffnete er den Mund, nach der Ursache dieser unverhofften Verwandlung zu fragen, als die Thüre hastig aufgerissen wurde und durch dieselbe ein bildschöner Mann mit klirrenden Sporen hcrcineiltc, und ohne den Candidaten im Mindesten zu beachten, Lieschen umarmte Diese zwar wiederholte die vorige Pantomime des Sträubens, erröthete noch höher als vorhin, und begleitete ihre Abwehr mit den Worten: „Pfui doch, Herr Lieutenant!" Ein Menschenkenner jedoch würde den wahren Sinn dieser Rede, laut ihrer keineswegs unwilligen Betonung, also übersetzt haben: „Aber, liebster Lieutenant, nimm dich doch ein Bischen in Acht, siehst du denn nicht, daß noch ein unberufener Dritter uns beobachtet?" Wirklich verstand auch der Lieutenant den Wink sofort. Einen grimmigen Blick auf den versteinert dastehenden Störenfried werfend, hob er spöttisch zu Lieschen an: „Sage mir doch, mein süßes Lieb, was Du mit diesem Menschen hier anfangen willst?" Und abermals zwang Lieschen ihre Stirn in finstere Falten, und wiederholte: 330 „Pfui doch, gnädiger Herr! Es ist ja unser Hausgenosse, Herr Magister Olearius, der meiner Schwester Agathe in der Woche einigemal Unterricht ertheilt." „O er soll heute, morgen, die ganze Woche Ferien haben!" — lachte der Lieutenant — «gewiß wird er mir Dank dafür wissen." Diese Worte waren begleitet von einer Bewegung mit der Hand, welche den Can- didaten gehen hieß. Dieser aber schien plötzlich in eine Bildsäule verwandelt worden zu sein. Unbeweglich, mit dem Ausdrucke des tiefsten Entsetzens, starrte sein Auge auf Lieschen hin, welche, unfähig den Blick zu ertragen, sich auf ihre Arbeit niederbückte. „Hat der Herr mich verstanden?" fragte der Lieutenant ernst und trat auf die schwarze Bildsäule zu — „oder soll ich noch deutlicher reden?" Er zeigte auf die Thüre. Und vernichtet schlich Olearius durch dieselbe davon. Wohl war es ein gewaltiger Schreck gewesen, als die Mauthbeamtcn die Sechstel- säcke in Beschlag genommen hatten. Wohl hatte ein tiefes Weh des Magisters Brust durchschnitten, als er vom Oheim sich enterbt und verhöhnt gesehen. Wohl hatte sein Herz in tausend Aengsten gepocht, als er in Potsdam die Bittschrift emporgehalten. Was war aber dies Alles gegen den namenlos unsäglichen Schmerz, der jetzt in seinem Innern wüthete, als er sich von der Heißgeliebten, für welche er freudig sein Leben hingegeben hätte, verleugnet sah? Das Herz drohte ihm unter den gewaltsamen Schlägen zu zerspringen. Vernichtet, fast von Sinnen, wankte er hinauf in sein stilles Kämmerlein. Zerschmettert sank er in seinen alten Lehnstuhl, sein Haupt, sein armes müdes Haupt barg er in die Hände, und nur der eine Gedanke stieg wie ein flehender Seufzer zum Himmel empor: „O Mutter, Mutter, nimm dein armes Kind zu dir!" Plötzlich fiel ein heißer Tropfen in seinen Nacken. Mechanisch wendete sich sein Antlitz um und Agathe, seine Schülerin, barg weinend das Ihrige an dem Seinen. Und sie weinte immer lauter und schmerzlicher ob der Schwester, der Verblendeten. Und ihre Thränen wirkten wie milder Thau auf die gebrochene Seele des Candidatcn, und die heißen Tropfen schmolzen die starre Rinde, die sein Herz umfangen gehalten. Unaufhaltsam brachen Ströme aus seinen brennenden Augen, erst bitter und schmerzlich, nach und nach aber lindernd und beruhigend. «Hier, Agathe," sprach Olearius, nachdem er sich wieder etwas gefaßt hatte, seine Taschen leerend — „hier hast Du, was ich Euch Beiden zugedacht. Diese verfaulten Kirschen — diese teigig gewordenen Birnen von der königlichen Tafel — wollten sie mir nicht voraus deuten, daß all' meine freudigen Hoffnungen gleich wie sie verderben würden? Da, nimm diese Kammerscheine! Die Häifte gehört Dir — hebe sie sorgfältig auf — Du wirst ihrer einst gar sehr bedürfen, wenn Deine Schwester aus ihrem Rosen- traume schrecklich erwacht sein wird. Aber sage mir, wer ist die buntschillernde Schlange, die sich zwischen mir und Lieschen eingcschlichen hat?" „Er ist ein preußischer Werbe-Offizier" — berichtete Agathe — „heißt Herr von Rosenthal und kam bald nach Ihrer Abreise hier an, wo er sich sofort an meine leichtgläubige Schwester andrängte, und ihr nun alle möglichen Luftschlösser vormacht, die eines Tages gewiß in ein elendes Nichts zerfließen werden. Ach, wie sehr habe ich sie schon gebeten, von dem schlechten Menschen abzulassen, der ein Spieler von Profession ist und schon viele Mädchen unglücklich gemacht haben soll. Aber tauben Ohren nur habe ich immer gepredigt. Lieschen ist verblendet und taumelt mit offenen Augen freudig in ihr Verderben." „Ja, ja," sagte Olearius gedankenvoll, „sie gleicht der Mücke, die Tausende ihrer Schwestern von den verzehrenden Flammen des Lichtes verbrannt und in Todeszuckungen liegen sieht, und sich nichts desto weniger in das verderbende Element hineinstürzt. Flehen wir zu Gott, daß er seine Engel sende, sie zu behüten, sonst ist sie rettungslos verloren." Nachdem Agathe ihren Lehrer wieder verlassen hatte, und der Abend mit seinem traurigen Dunkel hereingebrochen war, begann der Kampf von Neuem. Olearius ranz mit sich selbst, unterlag, weinte, betete, rang abermals, um immer wieder zu unterliegen. Lieschen wollte sich nicht aus seinem Herzen reißen lasten, obgleich sie dasselbe gebrochen hatte. Erst nachdem er in einem langen Briefe an Lieschen sein Herz ausgeschüttet, wurde er etwas ruhiger. Mit sanften, eindringlichen Worten hatte er sie auf all' die Gefahren aufmerksam gemacht, denen sie durch die vertraute Bekanntschaft entgegen gehe. Von seiner Neigung und seinen Hoffnungen schweigend, hatte er blos ihr Wohl in's Auge gefaßt und in diesem Sinne als bloßer Freund ermähnt und gewarnt. Dieses Schreiben ließ er am andern Morgen Lieschen durch ihre Schwester zukommen, mußte aber mit tiefem Schmerze erfahren, wie auch dieser wohlgemeinte Schritt keine Wirkung auf die Bethörte hervorbrachte, welche geflissentlich jedem Zusammentreffen mit ihrem vorigen Bräutigam auswich. Von nun an ward diesem das Haus, in welchem der Lieutenant mehr als in dem seinigen war, zur Hölle, welche er daher am frühen Morgen floh und die er erst am Spätabends wieder betrat. Agathe litt doppelt; sie trauerte über die Verblendung ihrer Schwester, wie über das Dahinsiechen ihres thenren Lehrers, der sich aufzureiben drohte. (Fortsetzung folgt.) Ueber die Zucht des japauesischen Seidenspinners (Domdvx-Xams-ms^u.) (Bamberg.) Wie allgemein bekannt, ist der Maulbeerspinner (komb^x mari) seit mehreren Jahren von einer Seuche heimgesucht, die abwechslungsweise mehr oder minder verheerend auftritt und das Ergebniß der Seidenzucht in neuerer Zeit sehr bedeutend beeinträchtigt. Die eigentliche Ursache dieser Krankheit konnte ungeachtet aller Bemühungen bis jetzt nicht ermittelt werden. Sie wurde theils in der Beschaffenheit des FuttcrS, theils in der Behandlung der Raupen, dann in dem ungeeigneten Zustande der Lokalitäten gesucht, welche zur Raupenzucht benutzt worden sind. Allein vielfache Erfahrungen haben gelehrt, daß keine der angeführten Ursachen der ausschließliche Grund der Raupcnseuche sein kann, weil bei anscheinend ganz gleichen Verhältnissen an einem Orte die Seuche geherrscht hat, während ein anderer Ort davon verschont geblieben ist. Der äußerst betrübende Einfluß, welchen diese Krankheit auf den Seidenbau ausübte, hat nun die Veranlassung gegeben, daß seit einigen Jahren auch mit anderen Seidenspinnern Zuchtversuche angestellt wurden. Unter diesen befand sich namentlich auch der Uomd^x-Vamu-mayu oder Vama-mni, welcher auf Eichen lebt und in Japan bereits seit längerer Zeit zur Seidengewinnung kultivirt wird. Von diesem Seidenspinner gelangten im Jahr 1861 nach Frankreich, im I. 1863 nach Holland und im I. 1864 nach Preußen und Oesterreich Eier aus Japan, mit denen an mehreren Orten Zuchtversuche mit theilweise glänzendem Erfolge angestellt wurden. Im I. 1865 gelang es dem Pros. Dr. Hoffmann (einem geb. Bayern) in Leyden, eine ansehnliche Quantität frischer Eier des Xama-ma^u direkt aus Japan zu erhalten, welche an verschiedene Interessenten in den Niederlanden und in Deutschland vertheilt wurden, und von denen durch Vermittlung des Naturalienkabinet-Jnspektors und Lyceal-Profestors I)r. Haupt in Bamberg auch eine Partie hieher kam. Auf Veranlassung eines von demselben im Gartenbau-Verein Bamberg gehaltenen Vortrages wurden noch im nämlichen Jahre Zuchtversuche angestellt, und ein Züchter hatte das Glück, seine Be- rnühungen von so günstigem Erfolge begleitet zu sehen, daß der im I. 1865 empfangene japanesische Same sich bereits in der vierten Generation fortpflanzte und die schönsten und kräftigsten Exemplare an Raupen und Cocons lieferte. Auf diese glücklichen Zuchtversuche in Bamberg ist bereits im Kreisamtsblatt für Obcrfrankcn Nr. 55 vom 27. Juni 1868 durch das landwirthschaftliche Kreiskomits, sowie in mehreren naturwissenschaftlichen Zeitschriften (u. a. im „Zoologischen Garten", Frankfurt Jahrg. 1867, Heft 12, S. 481; in der „HstlsoIirM voor LntomoioAie v. I. IX. 1866; im „Lotos", Prag 1367, 332 S. 179; in der „Gaea", Köln und Leipzig LL68, 4. Heft; im „Jahresberichte des Mannheimer Vereins für Naturkunde" 1868; in den Mittheilungen der Bernischen natur- forschcndcn Gesellschaft 1868; in den „Verhandlungen der k. k. zoologischen Gesellschaft zu Wien" 1867; in den „Mittheilungen der k. k. Mährisch-Schlesischen Gesellschaft zur Beförderung des Ackerbaues, der Natur- und Länderkunde in Brunn" 1867, S. 368 u. s. w.) hingewiesen worden. Nach diesem Erfolge kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß sich der japanesische Eichenspinner Hmu-mazm auch in Europa und namentlich in Deutschland vollkommen akklimatisiren und mit dem günstigsten Resultate züchten lasse- Wenn nun erwogen wird, welche große Summe Geldes für Seide aus dem ZollvcreinS- gcbiete in's Ausland geht, und wenn man in Betracht zieht, in welcher Kraft und Fülle das Futter bei uns vorhanden ist, welches dem 1'umu-mazm zur Nahrung dient, so liegt hierin gewiß die dringendste Aufforderung, der Zucht dieses Seidenspinners allen möglichen Vorschub zu leisten und dessen Verbreitung mit allen Mitteln um so mehr anzustreben, als dieselbe von einem unberechenbaren volkswirthschaftlichcn Nutzen sein würde; denn durch das Urtheil von compctentcn Sachverständigen ist bereits erwiesen, daß die iu Bamberg gezogenen Cocons des luma-mazm sehr seidenreich sind und eine Seide*) enthalten, welche dem Gespinnste des Ikomllvx mori an Glanz, Weichheit, Elasticität und Festigkeit durchaus nicht nachsteht und dasselbe in der Stärke sogar übertrifft, indem zum Abhaspeln der Seide des Uma-ma^u 2 Cocons genügen, während bei dem Maulbecrspinner drei Cocons genommen werden müssen. Behufs allmählicher Ausbreitung der Zucht des Eichenspinncrs wäre vor allem nöthig, auf Erzeugung einer möglichst großen Anzahl von Eiern Bedacht zu nehmen. Zu diesem Zwecke sollten namentlich von Seite der Seidenbau-, landwirthschaftlichen und industriellen Vereine Eier in größeren Quantitäten acquirirt und je nach dem Umfange der Räumlichkeiten, welche zu den Zuchtversuchen benützt werden könnten, in größeren oder kleineren Partien an die Mitglieder, welche zu den Zuchtversuchen sich bereit erklären oder an sonstige Zuchtlicbhaber vertheilt werden. Sodann müßten solche Zuchtlicbhaber, welchen bereits günstige Erfolge zur Seite stehen und von denen daher eine gründliche Beobachtung und sichere Behandlung mit Grund erwartet werden kann, veranlaßt und in den Stand gesetzt werden, mehrfache Zuchtversuche in größerem Maßstabe zu unternehmen, um nicht bloß das Einfachste und zuverlässigste Verfahren für die Binnenzucht zu ermitteln und zu erproben, sondern auch die Bedingungen festzustellen unter welchen die Freizucht sicher durchzuführen ist. Wir möchten hiermit nicht blos die gedachten Vereine und sonstige Interessenten, sondern auch die Regierungen auf einen Gegenstand aufmerksam gemacht haben, welcher in unserer au Noth nicht minder als an Luxus reichen Zeit besonders bcachtenswerth scheint, und verweisen deshalb Alle, welche sich über die Natur und Behandlung des Eichenspinncrs näher unterrichten wollen, auf die jüngst erschienene Schrift des oben erwähnten erprobten Züchters. Inhalts derselben können Eier bester Qualität von akklimatistrtcn Raupen im Preise von 4 Gulden zu 100 Stück durch den Gartenbauverein in Bamberg bezogen werden. Das Südamerikanische Erdbeben l Neuerer Bericht aus New-Dork.) Das schreckliche Erdbeben in Süd-Amerika scheint sich von Fort Conception an der südlichen Küste von Chili bis nach Quito, der Hauptstadt Ecuadors, welche direkt unter dem Acquator liegt, erstreckt zu haben. Man schätzt die Länge der Küste, welche von dem Erdbeben heimgesucht worden war, auf ungefähr 2000 Meilen. Es ist noch nicht bekannt, wie weit sich die Erderschüttcrungen in's Innere des Landes erstrecken, man nimmt aber an, daß dieselben bis an den Fuß der Cordilleren reichten. Peru, Ecuador *) Der Bamberger Gartenbauverein hatte bei der Weltausstellung zu Paris Proben hievou ausgestellt, welche die vollste Anerkennung von Sachverständigen fanden. 333 und Chili scheinen, so weit man erfahren hat, am meisten durch die Katastrophe gelitten zu haben. Von Bolivia und der Argentinischen Republik sind noch keine Nachrichten eingelaufen und Seeleute, welche in Peruvianischen Häfen eingelaufen sind, berichten von ungeheuren unterseeischen Wallungen, von welchen ihre Schiffe auf hoher See umhergc- schleudert wurden. In der Nacht vom 12. August hörten die Bewohner von Talcahuano ein unheimliches Acchzen, vom Süden herkommend. Die Erde zitterte ein wenig, aber bald war Alles wieder ruhig. Der nächste Tag verging, ohne daß ein weiteres Zittern verspürt oder Acchzen vernommen wurde. Früh am Abend des 14ten wiederholten sich die Erscheinungen vom vorherigen Tag und hörten wieder auf wie vorher. Endlich um neun Uhr Abends erhob sich das Getöse von Neuem und nahm aber jetzt einen viel strengeren Charakter an. Das Acchzen vom vorhergehenden Tag war nun zu einem donnerähnlichen Rollen angewachsen, welches im Innern der Erde sich von Süden nach Norden hin zu ziehen schien. In diesem Augenblick erschütterte ein Erdstoß die Gebäude, daß Holz- und Mauer- werk herabstürzten und die Bewohner schreiend und klagend auf die Straßen liefen. Während sich die ganze Einwohnerschaft in die Vorstädte flüchtete, und den Bergen zulief, trat die See durch das sich hebende Land getrieben zurück, und stand für einen Augenblick wie eine Waflermauer in die Höhe, um in der nächsten Sekunde zurückzukehren und das Land mit seinen Fluthen zu überschwemmen. Die halbe Stadt wurde hinweggerisscn und die andere Hälfte fast unbewohnbar gemacht. Vier Menschenleben waren dabei zu beklagen, und für 300,000 fl. Werth-Eigenthum wurde zerstört. Tome, eine andere Stadt, wurde auf ähnliche Weise heimgesucht, aber wahrscheinlich ihrer höheren Lage wegen nicht so stark beschädigt, wie Talcahuano. Der Ha^n von Constitutiou erlitt nur wenig Schaden. Es wurden einige Schiffe an das Ufer geschleudert, die jedoch kein erhebliches Unheil an Häusern anrichteten. Eine hohe See tobte gegen Valpareiso, aber ohne Schaden zu thun. Die unterirdischen Erschütterungen, welche am 12ten Chili erschreckten, aber dieses Land am folgenden Tage verschont hatten, erhoben sich am Nachmittag des Dreizehnten und erschütterten die Grundfesten von Peru. Um fünf Uhr Nachmittags wurde dasselbe ahnungsvolle Tosen, welches die Ohren der Einwohner von Talcahuano betäubt hatte, von den Bewohnern Jqnigucs, einer Stadt am südlichen Seeufer von Peru, vernommen; von da eilte es nördlich und brachte in einigen Minuten die ganze Bevölkerung des westlichen Peru auf die Beine. Die Bürger, welche einsahen, was zu erwarten stand, verließen ihre Häuser unmittelbar bevor der Boden unter ihnen zu wanken anfing. Dann als der Stoß an Heftigkeit zunahm, erhoben sich herzzerreißende Schreie und Hülferufe. Die Wände von Gebäuden krachten schwer, das Pflaster borst auf den Straßen und die Steine flogen hoch in die Lüfte. Kamine stürzten ein und Thürme fielen zusammen; niedrige Gebäude, welche nicht fest genug waren, den Stößen zu widerstehen, kamen krachend auf die Erde. Das Getöse der fallende» Steine und das Gejammer der Menschen übertönte selbst das Rollen des unterirdischen Donners. „Kinder jammern, .Mütter irren, Thiere wimmern unter Trümmern Alles rennet, rettet, flüchtet rc. ec/ Staubwolken erblindeten und erstickten die verwirrte Beenge, welche vergebens nach einem Ausweg suchte. Das zeitweilige Acchzen derer, die unter den Trümmern eingestürzter Häuser lagen, gab kund, daß nicht Alle gerettet worden waren, sondern daß der Tod in allen Ecken auf seine Opfer lauere. Das Unglück brach gerade um die Stunde herein, wo die meisten Leute von ihrer Arbeit heimgekehrt waren. Sobald die Anzeichen eines Erdbebens verspürt wurden, entstand ein allgemeiner Andrang, in's Freie zu gelangen, was Einige auch unversehrt 334 erreichten,' aber Manche auch nicht. Die Straßen boten ein schreckliches Schauspiel dar. Alle Gebäude der Stadt zitterten wie vom Fiebcrschütteln Befallene. Dann hoben und senkten sie sich und einige brachen mit lautem Getöse zusammen. Die Erde öffnete sich stellenweise in langen, fast gleichen Streifen; mit Oeffnungen von drei bis vier Zoll Breite. Das Gefühl war gerade wie von einem unter der Erde hinrollenden Gegenstände. Aus den Oeffnungen drang trockener Staub, gefolgt von erstickendem Gase. Bald bedeckte eine dicke Staubwolke die Stadt, das Tageslicht ausschließend, zwischen der Staubwolke und der Erde war nur das erstickende Gas, welches Alle erstickt haben würde, wenn es länger angedauert hätte. Die Erschütterungen waren drei an der Zahl, wovon eine immer stärker war als die vorhergehende. Sobald als die Erschütterungen aufhörten, verzog sich der Staub und das Gas, und es wurde wieder helle. Darauf folgten kurz aufeinander Stöße, welche von unterirdischen Explosionen herzurühren schienen. Aus allen Theilen der Stadt flüchteten sich die Bewohner nach den Bergen; hinweg von der gefahrdrohenden Nähe der Häuser, welche jeden Augenblick zusammenfallen konnten. Die Menschen taumelten wie Betrunkene von einer Seite auf die andere, während einige von den fallenden Trümmern erschlagen oder verletzt wurden. Biete hatten Kinder auf den Armen. Andere schleppten Wertsachen mit, und Viele, die sie umgebenden Schrecken vergessend, benutzten die Confusion, sich durch Wegtragen von Kostbarkeiten rc. zu bereichern. Draußen auf der See thürmten sich die Wasser zu einem Anlauf, der vollständige Zerstörung der Stadt herbeiführen sollte. Aufgehoben durch die fürchterlichen Convulsionen, zeigten sich dieselben als eine ungeheure Welle von 40 bis 50 Fuß Höhe und stürmten gegen die Bucht. Der Anblick war zugleich grauenhaft und erhaben. Als sie gegen das Ufer donnerte, riß sie Schiffe aus ihren Ankergründen, indem sie dieselben abriß, als wären eS Papicrschnüre. Mit zwanzig bis dreißig Kriegs- und Kaufsartheischiffen auf ihrem Gipfel stürzte sich diese mächtige Woge auf das Festland. Halb Arica nebst Vorstädten wurde darunter begraben. Was noch gestanden hatte, wurde von diesem Element verschlungen; so daß auch nicht die Spur eines Hauses als ein Erinnerungszeichen zurückblieb. Fünfhundert Menschen fanden den Tod in den Trümmern der eingestürzten Gebäude und den Fluthen der erregten See. Unter den öffentlichen Gebäuden war das Zollhaus mit einem Waaren-Vorrath im Werthe von 4,000,000 Dollars. Das Vorrathsschiff der Vereinigten Staaten („Fre- donia") ging mit 1,800,000 st. Werth-Waaren unter und verlor seine ganze Mannschaft von 30 Personen. Der BundcSdampfcr „Wateree" wurde, ohne große Beschädigungen zu erleiden, eine halbe Meile weit aus's Land geschleudert; und ist nicht mehr flott zu machen. Andere Schiffe aller Nationen sind auf ähnliche und andere Art zerstört worden. Das Steigen des See zu Jquique kostete 600 Menschen das Leben und zerstörte die Stadt. Eine deutsche Firma verlor 400,000 fl. Fünfzehn bis zwanzig Städte und Ortschaften wurden mehr oder weniger verheert. Die Bürger von Jquique haben kein Trinkwasser, da sie auf den Gebrauch von destillir- tem Master beschränkt waren und ihre Destillationswerke nun zerstört sind. In Chala wurde der meiste Schaden durch das Master angerichtet. Viele Gebäude waren beschädigt aber keines eingefallen. Die Woge riß beim Zurücktreten das Zollhaus und viele andere Gebäude mit sich und ließ ihre Spur auf einer Strecke von über 1000 Fuß hinter der Linie des gewöhnlichen Wasterstandes zurück. Arequipa, eine Stadt von 119,000 Einwohner, ist gänzlich zerstört. Die Stadt ist schon 300 Jahre alt, und war eine der schönsten Peru's. Es wird behauptet, daß 500 Jahre die Stadt nicht wieder so herstellen könnten, wie sie vor der Katastrophe war. 335 In Lima war der Schaden vergleichsweise gering und kamen die Einwohner meistens mit dem Schrecken davon. Der ganze Verlust an Menschenleben durch diese Erdbeben vom 13ten bis zum 17ten wurde auf 30 — 60 Tausend geschätzt. Der ganze Verlust an Eigenthum war auf 300,000,000 fl. veranschlagt. Ueber 400,000 Menschen sind obdachlos. Fünfzig große Städte und über 200 Dörfer und kleinere Ortschaften sind irr Schutt verwandelt. Die ausgedehnten Mineral-Regionen von Huancavelica, Peru, sind gänzlich verheert; und der Ackerbau zerstört. Fabrik- und andere Produktions-Geschäfte haben einen noch nie dagewesenen Stoß erlitten. Tausende von Tausenden Werth an Waaren sind fortgeschwemmt und sonst zerstört und die meisten Kaufleute sind bankerott. Miseelleri. Ein Haydn'sches Quartett hat viel Ähnlichkeit mit einem Gespräch von vier Personen, erzählte kürzlich ein alter Junggeselle und leidenschaftlicher Verehrer des großen Meisters. Die erste Violine klingt wie die Worte eines beredten geistreichen Mannes in seinen besten Jahren, der ein Thema aus's Tapet gebracht hat und sich darüber gründlich ausspricht. Die zweite Violine ist ein Freund des ersteren, und gibt sich die größte Mühe, durch Zustimmen die Worte des Freundes zu unterstützen, denkt niemals an seine eigene Meinung aus Selbstaufopferung, und fördert ebenso wenig eine Idee zu Tage. Der Alto ist ein würdiger, gebildeter, alter Herr. Er macht die Rede der ersten Violine durch lrcffende lakonische Bemerkungen pikant, ohne je die Harmonie zu stören. Der Baß aber ist eine ehrbare alte Dame, die viel Neigung zum Schnattern verräth, niemals etwas von Wichtigkeit sagt, aber jeden Moment benutzt, ein Wort mitzureden; nichts desto weniger erhöht sie den Reiz der Unterhaltung, denn während sie ihrer Zunge freien Lauf läßt, haben die Anderen Zeit, Athem für künftige Bemerkungen zu schöpfen. (Griseldis.) Dieses Halm'sche Drama wurde an einem Stadttheatcr zum ersten Male gegeben. Ein etwas zerstreuter Schauspieler hatte dem nahenden Timarchen ent- gegenzurufen: „Hier naht der Timarch mit den Tectosagen!" — Bei der Aufführung verließ den Unglücklichen in der Mitte dieses kurzen Satzes das Gedächtniß. Den Todesschweiß auf der Stirne, nahte er rückwärts dem Souffleurkasten, nachdem er die ersten paar Worte: „Hier naht der Timarch" — mit großem Pathos herausgestoßen hatte. Der Souffleur schrie fast, um das Ohr des Schauspielers zu erreichen, wiederholt: „mit den Tectosagen! mit den Tectosagen!" — so faßt sich denn der Schauspieler, setzt noch- mal zum ganzen Satze an und brüllt unerschrocken in das Publikum hinunter: „Hier naht der Timarch mit Respekt zu sagen!" (Scheibenschießen.) Ein Hauptmann, welcher seine Compagnie nach der Scheibe schießen ließ und — in Feindes Lande — zu diesem Zwecke die Scheibe an ein altes Scheunthor hatte befestigen lasten, wurde über einen seiner Leute sehr entrüstet, weil er stets nicht nur die Scheibe, sondern sogar das Scheunthor fehlte. Nachdem alle Anweisungen und Mühen verschwendet waren, und der Rekrut immer wieder das Scheunthor fehlte, bedrohte ihn der Capitain mit harter Strafe. Der Rekrut, ein Wende, darüber sehr betreten, sagte darauf: „Sei nur nich' böse, mei Herr Hauptmann, komm' sich doch Feinde nich' alle zu Scheunthor 'raus, komm sich o welche hintenrum, die trefft ich!" « 336 (Für Volksredner.) Ein kleiner Knirps stand unlängst in Prag auf einem Faste und redete gewaltig zum Volke; seine Zunge war ein Schwert. Das Volk hing an seinem Munde; da trennten ein Paar kräftige Ellbogen die Menge, man sah eine Frau aus dem Volke auftauchen, einen Augenblick später einen Arm und dann fielen die Worte: „Willst Du, daß man Dich einsperrt? — Gleich gehst Du mit nach Haus!" und eine gewaltige Ohrfeige fiel zugleich wie Blitz und Donner auf den Redner nieder. Im Triumph führte die wackere Frau ihren Mann davon. (Ein wirksames Aufgebot.) „Juten Dach, Herr Pastor," sagte kürzlich in Berlin ein bei dem protestantischen Prediger T. daselbst eintretender Maurer. „Juten Tach, ick wollte mir fern trauen lasten mit die hier." Bei diesen Worten zeigte er auf seine kirschrothwangige Begleiterin. Der Prediger fragte: „Wo sind Sie denn aufgeboten?" — „Ufjebotcn? Jar nich, ich nich!" — „Dann kann ich Sie auch noch nicht trauen; zuerst muß Ihre Absicht, getraut zu werden, öfsxitlich bekannt gemacht sein," gab ihm der Prediger zur Antwort. „Ja, det is och jeschehen, Herr Pastor," sagte nun lachenden Mundes der Maurer. „Vorjestcrn hab ik es meiner ölten Tante unterm Siegel der jrößten Verschwiejenheit jesagt, na und nun werden Se wohl jloben, daß es allerweile in ganz Berlin bekannt is!" Der Kaiser Nikolaus von Rußland wünschte für seine Gallerte die Einnahme von Warschau von dem berühmten Horace Vernet malen zu lasten. Letzterer von ihm befragt, ob es ihm, als Franzose, nicht unangenehm sei, seinen Pinsel einer Darstellung zu leihen, die an Polens Niederlage erinnere, antwortete: „Nein, Sire; ich habe ja auch schon Christus am Kreuze gemalt." Im siebenjährigen Kriege ließ Friedrich der Zweite Achtgroschenstücke von sehr geringem Gehalt schlagen. Zu dieser Finanzoperation bediente er sich des jüdischen Banquiers Ephraim in Berlin. Einen witzigen Kopf veranlaßte Dies zu folgendem Epigramm: „Von außen schön, von innen schlimm, Von außen Friedrich, von innen Ephraim." (Das Früh aüfsteh en.) Der Unterschied zwischen dem Aufstehen um 6 und' um 8 Uhr früh beträgt in 40 Jahren 29,200 Stunden oder 3 Jähre, 129 Tage und 16 Stunden, oder 8 Stunden des Tags 10 Jahre lang, so daß das Aufstehen um 6 Uhr in Hinsicht der Geschäfte eben so gut ist, als lebte man 10 Jahre länger. (Ein kleiner, aber merkwürdiger Zufall.) In den Worten „Uvvolution krun^aise^ bilden 15 Buchstaben in anderer Ordnung die Worte: „11n eor86 I» Lniru!^ (Ein Korse (Napoleons wird sie enden) und übrig bleibt das königliche vvto. Ein Bauer fuhr in die Stadt und sah über einer Apotheke einen gemalten Elephanten und darunter mit goldenen Buchstaben die Worte: Elephanten - Apotheke. — „Nu, das ist zu arg," murmelte er vor sich hin, „wir in unserem Dorfe haben gar keine Apotheke und da in der Stadt haben sie gar eine für Elephanten. Ein Dummkopf wollte einen Mann von Geist wegen der Größe seiner Ohren chikaniren. „Ich bekenne," antwortete dieser, „daß meine Ohren für einen Mann freilich zu groß sind, aber ihr werdet doch wohl zugeben, daß die Eurigen für einen Esel zu Lein gerathen sind." (Im Krankenzimmer.) Doktor: Wie geht's? Patient: Ach, mich sticht's überall, außen und innen, als ob ich ein umgekehrtes Stachelschwein wäre und nebenbei einen Igel verschluckt hätte. Druck, Verlas und Redaktion des literarischeu Instituts von Dr. M. Huttler.