Nr. 43 25. Octvr. 1868. An rechte Stimmen und an rechte Worte Gewöhne sich dein lauschend Ohr, Bewache des Gclwrcs Doppclpforte, Da du nicht schließen kannst das Thor. Johannes Schrott. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. VI. Eine neue Prüfung. Der Herr prüft die Seinen Und sieht, ob sie stark sind. In dieser unheilvollen Zeit war es, wo Olearius einen Brief folgenden Inhalts erhielt: „Mein lieber Magister! Sein lobenswcrthcs, gottergebenes Benehmen bei Eröffnung des Testaments Seines Oheims hat Ihm die Herzen aller damals Anwesenden gewonnen und ist Ursache geworden, daß ich Ihn bei der Gräfin Koblenz in Tiefgau empfohlen habe, welche für ihren eilfjährigen Enkel einen Hofmeister sucht. Hochdicselbc ist zwar als ein Teufel verschrieen; allein ist Jemand geeignet, es mit ihr aufzunehmen, so ist Er's oder Keiner! Die Gräfin zahlt jährlich 50 Thaler Gehalt, gibt Ihm freie Wohnung, Wäsche und den Kammerdiener-Tisch, will auch, falls Er einschlüge, zum Neujahr sich nicht lumpen lasten. Ist Ihm dieser Auftrag genehm, so hat Er nichts weiter zu thun, als baldigst nach Tiefgau abzureisen, wo sich das Weitere schon finden wird. Sein wohl asfcctionirter H. von Dcubert, königl. preußischer Gerichts-Präsident." „In Gottes Namen!" sprach nach dem Lesen dieses Schreibens Olearius. — „Bester dort im Fegefeuer, als hier in der Hölle!" Er packte ein. Was er an Geld von Lieschen zur Reise nach Berlin erhalten, berichtigte er von dem Ucberreste seines kleinen Schatzes und händigte es Agathen ein, welche untröstlich war und das Geld durchaus nicht annehmen wollte. Noch ermähnte er das Kind, treu der Tugend und in den Versuchungen standhaft zu bleiben, dann ging er. Unten im Hause blieb er vor Lieschens Thüre eine Minute lang unentschlossen stehen, dann klopfte er an, das letzte Lebewohl ihr zu sagen. Es war von innen zugeriegelt, und keine Antwort ertönte, als er die Riegel bewegte. Er fuhr sich über die Augen, sein Herz klopfte fast hörbar und ein Gefühl, als sei er mit einem zweischneidigen Schwerte durchstochen, zog durch seine Seele, bald aber faßte er sich wieder und die Linke krampfhaft auf die Brust pressend, gleichsam als wollte er das laute Pochen da drinnen ersticken, ging er mit festem Schritte davon. Ein halbes Jahr war seit jenem schmerzensreichen Abschiedstage verflossen. Olearius war Informator des jungen Grafen geworden, und obgleich er mit ruhiger Würde und bewunderungswürdiger Geduld alle Launen seines verzogenen Schülers und dessen hoch- geborener Großmutter über sich ergehen ließ, war es ihm doch oftmals, als sei es unmöglich, diese mit jedem Tage sich erneuernden Qualen länger zu ertragen, und nur 338 li die Frage: „Wenn Du Deine jetzige Stellung aufgibst, was dann?" bewog ihn immer ^ und immer wieder, mit himmlischer Geduld und Sanftmuth auf seinem Posten zu verharren. Eines Abends, im Februar 1767, stieg er aus der Bedientenstube, wo er sein Abendbrod eingenommen hatte, hinauf nach seinem Zimmer, welches an dasjenige der alten Gräfin stieß und auch dem jungen Grafen zum gewöhnlichen Aufenthaltsorte diente. , Die Hand auf den Drücker des Schlosses legend, fuhr er plötzlich mit einem lauten i Schmerzensrufe zurück und durch das Schlüsselloch drang das schadenfrohe Lachen seines ? boshaften Zöglings, welcher die Abwesenheit des Hofmeisters dazu benutzt hatte, um mit ! beharrlicher Dauer die Flamme einer Kerze unter die Thürklinge zu halten, und solche ! auf diese Weife bis zum Glühen zu erhitzen. Selbst eine himmlische Geduld findet zu- , weilen ein plötzliches Ende. Dies war bei dem geplagten Magister der Fall, welcher, , als er seine Haut an der glühenden Klinge kleben sah, in gerechtem Zorne in das ' Zimmer drang und dem lachenden, jugendlichen Satan mit der verbrannten Hand ein ^ Paar tüchtige Maulschellen applicirte. Ueber diese unerhörte Frechheit des bürgerlichen Magisters und Dieners, stand der > junge Graf einige Secunden wie versteinert, sodann sprang er unter einem Zetergeschrei zur Großmutter in's Zimmer, hochdcrselben sein Leid zu klagen und den Thäter zur gebührenden Strafe zu ziehen. Olearius, von dem Auftritte betäubt, vernahm wie im - Traume, daß die alte Gräfin den Stuhl hastig zurückschob, und unter abgebrochenen Ausrufungen, wie: „Nicht möglich? — Ha, der Unverschämte! Hör' ich recht?" — mit ihrem Enkel herein zu Olearius rauschte. Den nahenden Sturm zu beschwören, hob Olearius an: „Hören Sie mich erst an, gnädige Frau —" Er konnte nicht weiter fortfahren, denn die dürre, knöcherne Hand der alten Dame schloß ihm den sprechenden Mund, dessen Zähne unter dem empfangenen Schlage zu bluten anfingen. Zu gleicher Zeit aber stach ihm der racheschnaubcndc Junker mit einer Haarnadel, welche der Gräfin entfallen war, in die Wade. Es kann nur als ein Akt der Nothwehr angesehen werden, wenn Olearius seine Hand auch und zwar erst in das ' Antlitz der Angreifenden, und dann in das diamantenbesctzte Ha^band derselben auS- ? streckte, welches letztere er so fest anzog, daß seine braunroth werdende Besitzerin dadurch > zum Widerstände unfähig gemacht und gezwungen wurde, dem voranschreitendcn Magister willig nachzufolgen, welcher die Gräfin in ihr Zimmer zurückversetzte und darauf die Thüre verriegelte. Den Wadenbohrer faßte er bei seinem Zopfe, legte ihn über einen Stuhl und maß ihm dann die Länge eines Lineals nach allen Dimensionen, an einem ^ dazu wie geschaffenen Körpertheile ab. „Bube!" sprach er dabei, keuchend vor Aufregung und Anstrengung, „wirst Du mir folgen? Sonst schlage ich Dich, so lange ich nur I den Arm rühren kann." i Das half. Der Graf wurde mäuschenstill und kauerte sich, vor Angst und Schmerz ^ bebend, in eine Ecke. Desto lauter aber wurde es nun vor der verriegelten Thüre, gegen ! welche die, von der Gräfin zu Hilfe gerufene Dienstmannschaft Sturm zu laufen begann. So leicht aber wollte Olearius, den die verbrannte Hand, die blutenden Zähne und die » zerstochene Wade immer heftiger zu schmerzen begannen, das Feld nicht räumen. ' „So wie es irgend Jemand wagt, in mein Zimmer zu dringen" — schrie er mit ^ entschlossener Stimme den draußen Tobenden zu — „so ersteche ich erst den jungen Herrn und dann mich selbst." Diese entschiedene Erklärung hatte ein schnelles Einstellen jeglicher weiteren Feind- I seligkeiten zur Folge. Als der junge Graf in seinem Bette lag und schlief, da setzte sich - Olearius auf den Rand des Scinigen, stützte den Kopf in die hohle Hand und sagte gedankenvoll: s „Was wird nun werden? Gottfried! Gottfried! Du hast dich heute vom Zorne hinreißen lassen und weißt doch, daß der Zorn eine Ausgeburt der Hölle ist. Wenig- , stens in's Zuchthaus oder auf die Festung kommst du zur Strafe, daß du deine Hand ^ 339 gegen eine so hohe Person erhoben, — ja, sie sogar körperlich angegriffen hast. Nun^ wie Gott will" — sprach er gefaßt, indem er sich entkleidete — „in seiner Hand steht mein Geschick, er wird es lenken in seiner Weisheit, wie es mir zum Besten frommt. Auf ihn will ich bauen und nicht verzagen." Am andern Morgen begann die Capitulation zwischen dem Hofmeister und dessen Belagerungs-Corps. Olearius, um nur einigermaßen leidlich aus dem bösen Handel zu kommen, blieb seiner Rolle treu und schüchterte die ihn Blockirenden durch Drohungen dermaßen ein, daß man ihm endlich freien Abzug versprach. Als der Candidat jedoch, dem gegebenen Ehrenworte trauend, die Thüre öffnete, den Gefangenen auslieferte und sich anschickte, den Platz zu räumen, sah er sich Plötzlich von drei Husaren umringt, welche mit gespanntem Hahnen auf der Pistole ihn nöthigten, sich in eine bcreitgehaltene Kutsche zu setzen, in welcher sie ihn nach der nächsten Garnisonsstadt brachten. Hier wurde er vor den Obristen des Regiments, einem nahen Anverwandten der Gräfin geführt, welcher ihm die Alternative stellte; entweder als Rekrut in sein Regiment einzutreten, oder dem Peinlichen Gerichtsverfahren übergeben, um dann wahrscheinlich zu langwieriger Gefängnißstrafe verurtheilt zu werden. Der arme Candidat wußte nicht, welches von diesen beiden Uebeln das schlimmere sei. Der Obrist aber ließ ihm nicht lange Zeit, sich zu besinnen, sondern verlangte kurzen und bündigen Entscheid. ,Jn Gottes Namen denn" — seufzte Olearius, — „wenn es denn sein muß, so werde aus einem Streiter Gottes ein königlicher Kriegsknecht." Mit Thränen in den Augen zog er seinen alten, ihm so lieb gewordenen Frack aus, und bekam dafür einen Dollmann. Hierauf mußte er zur Fahne schwören, und nun war er königlich preußischer Soldat geworden und wurde als solcher in die Liste cinregistrirt. (Fortsetzung folgt.) Die Taufhandlung in der russisch-griechischen Kirche. Eine griechisch-russische Taufe ist eine viel umständlichere und eindrucksvollere Feierlichkeit, als der sakramentale Ritus, durch welchen Kinder, Mitglieder z. B. der anglikanischen Kirche werden. Obwohl sie in einem einzigen Akt vorgenommen wird, besteht sie doch aus vier abgesonderten Ceremonien: „1. der Absagung und dem Glaubensbekenntniß; 2. dem wirklichen Sakrament der Taufe; 3. der Salbung, und 4. der Waschung, mit dem Abschneiden des Haares." Das Absagungsverfahren ist sehr eigenthümlich, und für Beobachter, welche keine innere Theilnahme für die hl. Handlung empfinden, sondern sie blos als eine äußerliche Ceremonie betrachten, dürsten einige Bestandtheile derselben etwas sehr läppisches haben. Die Taufhandlung wird von dem Priester eröffnet, wenn er noch nicht in seinem vollen Ornat ist, und bloß seinen Chorrock an hat; er nähert sich dem Kindlein (welches, man vergesse das nicht, vollkommen nackt ist, obgleich eingewickelt in seine verschiedenen Tücher und seine Seidendecke), bläst ihm in's Gesicht, und bekreuzigt es dreimal über Augenbraunen, Lippen und Brust. (Die Geistlichkeit macht das Zeichen des Kreuzes dadurch, daß sie die Spitze des Daumens mit denen des Ring- und Mittelfingers vereinigt, die Laien dadurch, daß sie den Daumen mit dem Mittel- und Zeigefinger in Verbindung bringen, und die Hand so bewegen, daß sie ein Kreuz in der Luft bildet, nicht aber so, als ob eine Linie gezogen wäre; die Bewegung gleicht mehr einem sanften Schlag.) Dann legt er seine Hand auf den Kopf des Kindes, und liest über demselben ein Gebet, welchem die Beschwörung oder die Tcufelaustreibung folgt, worin dem Bösen mit allen seinen Engeln und Legionen befohlen wird, von dem Kindlein zu weichen' Ein zweites Gebet ist an Gott den Allmächtigen, den Herrn der Heerschaaren, gerichtet, auf das er das Kind vor allem geistigen und leiblichen Schaden bewahre, und ihm den * Sieg gewähre über alle bösen Geister. Dann haucht er auf die Augenbraunen, die Lippen und Brust des Täuflings, und spricht dreimal: „Möge jeder böse und unreine Geist der sich in Deinem Herzen verborgen, und Wohnung darin genommen hat, von Dir weichen." Die weitere Taufhandlung hat Ähnlichkeit mit der in der englischen Kirche üblichen. » Die nämlichen Fragen, oder vielmehr Fragen zu demselben Zweck, werden an die Pathen gestellt, aber dreimal wiederholt. Wenn der Priester fragt: „Entsagst du rc.," so wenden sowohl er als die Pathen, die Amme und das Kindlein dcm Taufstein den Rücken, d. h. sie richten ! ihre Blicke gegen Westen, wo die Sonne untergeht, und von wannen kein Licht kommt, sondern ! im Gegentheil Dunkelheit und Schatten, die Sinnbilder des Fürsten der Finsterniß, und ist die letzte Antwort erfolgt: „Ich habe ihm entsagt," so spricht der Priester: „dann schlag' und spei nach ihm," und geht selbst mit dem Beispiel voran, indem er einen leichten Schlag führt und die Gcbcrdc des Anspeiens eines ungesehenen Feindes macht, ! als ein Zeichen des Abscheues und des Hasses gegen ihn. Dann drehen sie sich wieder gegen das Bild des Gekreuzigten (oder nach Osten, wenn die Taufe in der Kirche vor- ^ genommen wird), worauf die Fragen in Betreff des Glaubens der Pathen gestellt werden, ^ und der Vorleser dreimal für sie das Nicäische Glaubensbekenntniß wiederholt. Vor jeder Wiederholung werden wiederum Fragen an die Pathen gestellt. Priester: „Hast Du Christus bekannt?" Pathe: „Ich habe ihn bekannt." Priester: „Und glaubst Du an ihn?" Pathe: Ich glaube an ihn als König und Gott." Am Ende der letzten Wiederholung des Glaubensbekenntnißcs wird die Ermahnung beigefügt: „Fallet nieder und betet ihn an", worauf die Pathen antworten: „Ich bete an den Vater, den Sohn und den heiligen Geist, die im Wesen einige und nntheilbare Dreifaltigkeit," und gleichzeitig niederfallen. „Gelobt sei Gott," ruft der Priester aus, „der da wünscht die Errettung , aller Menschen, und daß sie alle kommen mögen zur Erkenntniß seiner Wahrheit. Jetzt und fürdcrhin und immerdar. Amen." f Nach einem kurzen Gebet verlassen die Eltern das Zimmer, und ziehen sich gemeiniglich ! in's Schlafgcmach zurück, um Gottes Segen zu erflehen für das Kindlcin; sie dürfen bei der eigentlichen Taufhandlung nicht anwesend sein, da man annimmt, daß sie ihr Kind gänzlich den Pathen übergeben haben. Diese Sitte wird streng beobachtet; selbst in dem Hofzcrcmoniell, das in Betreff der im Kaiserhause vorkommenden Taufen in den Zeitungen veröffentlicht wird, findet sich stets die Klausel: „Anmerkung. Se. kais. Maj. (oder Se. k. Hoheit) werden dann die Kapelle verlassen und sich in ein inneres Gemach zurückziehen." Die wirkliche Taufe besteht aus drei vollständigen Untertauchungen des Kindleins, - dessen physische Kraft angedeutet wird durch die Art und Weise, in welcher es eine ! Behandlung auszuhalten vermag, die unstreitig der körperlichen Gesundheit zarter Säuglinge schädlich ist. Nachdem der Priester zuerst seine weiten Aermel aufgerollt, und dann dem ' Vorleser empfohlen hat, sie außerhalb des Wassers zu erhalten, ergreift er das Kind und taucht es drei Mal nacheinander in das reinigende Element. Während dieser Theil der s Taufhandlung verrichtet wird, spricht der Geistliche: „Der Diener Gottes (Alexis) ist getauft im Namen des Vaters, Amen. Und des Sohnes , Amen. Und des heiligen ^ Geistes, Amen," indem jeder dieser einzelnen Namen gleichzeitig ausgesprochen wird mit einer der drei Untertauchungen, die mit solcher Raschheit ausgeführt werden, daß, selbst wenn dem Täufling der volle Gebrauch seiner Lungen gestattet wäre, er zwischen der ^ ersten und der dritten Tauchung keine Zeit zum Athmen oder Schreien finden könnte. I So lange er in den Händen des Priesters ist, wird jede Vorsichtsmaßregel zur Sicherung des Stillschweigens ergriffen. „Er verstopft (sagt Frau Romanoff in ihren Llcvtolws ok tlle Uitös nnci Lustoms o5 tlls Oreco-Uussian Lllurell) die Ohren des Täuflings mit seinem Daumen und seinem kleinen Finger; hält dessen Äugen zu mit dem Ring- und Zeigefinger der rechten Hand, und bedeckt mit der flachen Hand dessen Mund und Nase; mit der linken hält er den Leib desselben, und taucht ihn mit abwärts gewendetem Gesicht unter. Nicht scder Priester hat die Fertigkeit, diese schwierige Aufgabe gut auszuführen. Man erzählt mir (was jedoch selten vorkommt), daß einige gerade in dem Augenblick ertrunken seien, in welchem man sie zu Christen gemacht hatte. Wahrscheinlich aber sind diese Kinder sehr schwach, vielleicht sogar dem Tode schon nahe gewesen, da ein Priester kaum der Aufgabe sich unterziehen würde, wenn er sich "derselben nicht gewachsen fühlte. Nach ausführlicher Schilderung der vier verschiedenen Ceremonien bemerkt Frau Nomanoff etwas spöttisch: „Solcher Art ist die Taufhandlung der griechisch-russischen Kirche, werde sie nun im Hause oder in der Kirche vorgenommen: im letzteren Fall bietet sie gemeiniglich ein ebenso sonderbares als unterhaltendes Schauspiel, trotz der Feierlichkeit der Sache selbst, besonders wenn die Pfarrei eine große ist. Beinahe überall in großen Landstädten findet nämlich der Markt am Sonnabend statt, meist aber dauert er bis Sonntag Mittag, und den größten Zusammenlauf von Bauern kann man früh Morgen am Sabbath sehen. Die Gelegenheit zwei Bögel mit einem Stein zu tödtcn, d. h. ein Knäblein taufen zu lassen und zu Markt zu gehen, um entweder zu kaufen oder zu verkaufen, macht, daß die Taufpathen fast ansschließlich am Sonntag in die Stadt kommen, und daß nach der Messe vierzig bis fünfzig Kinder von ihren Babuschkas herbeigebracht werden. Diese setzen sich dann an der westlichen Thür auf eine Bank in der Kirche, oder, wenn es an Raum fehlt, auf den Boden, während die Messe vor sich geht. Das Geschrei der Kinder und die Trostesworte, mit welchen die Babuschkas sie zu beschwichtigen suchen, üben nicht den geringsten Einfluß auf den Verlauf der Messe und das Abhalten der Predigt. Am Schlüsse der Feierlichkeit, nachdem Alles abgemacht ist, eine Reihe von Arbeiter- und Baucrnfrauen ihren Kirchgang gehalten haben, und während vielleicht das Begräbniß irgend eines armen Dorfbewohners noch nicht ganz zu Ende gekommen, wird der Taufstein aus seinem Winkel hervorgeholt, und in die Mitte der Kirche vor die Hauptthore gestellt. Die Borlescr beschäftigten sich sodann damit, die Pathen in einem Drcivicrtelkreis um den Taufstein zu ordnen, indem zwischen diesem und den Hauptthoren ein offener Platz gelassen wird, so daß Niemand denselben den Rücken 'zukehrt. Sie stehen paarweise, jedes Paar mit seinem besondern Täufling und dessen Babuschka. Ein Name für alle Knaben, welche sich auf der einen, und für alle Mädchen, die sich auf der andern Seite befinden, wird je nach dem Datum des Sonntags aus dem Kalender ausgewählt, ohne vorgängige Berathung mit den Pathen, ob der Knabe einen Bruder oder eine Schwester gleichen Namens habe, und daher ereignet es sich häufig, daß in einerund derselben Familie mehrere Johannes, Peter und Prascowas sind. Ein besonders eifriger Pathe oder Babuschka erkundigt sich indeß sorgfältig, welcher Name beigelegt werden solle, und bittet, wenn bereits eines der Familienglieder ihn führt, um einen andern. Man kann beim Anhauchen unmöglich ein Lächeln unterdrücken, wenn man sieht, wie der Priester mit gespitzten Lippen jedem Kind ins Gesicht bläst, und dies hundertundzwanzig Mal thun muß (zu geschweigen von Wasser und Teufel), wenn 40 Kinder vorhanden sind. Die Raschheit und Geschicklichkeit, womit die Untertauchungen vorgenommen werden, die genaue Ähnlichkeit des Ausdrucks in jedem der kleinen Gesichter und die Stellung der Arme beim Hervortauchen aus dem Wasser, wo der Täufling einen Augenblick lang gegen Osten gehalten wird, ist ebenfalls sehr auffallend. Ein gesundes Kind wirft stets seinen Kopf, zurück, nach Luft schnappend; seine Augen und sein Mund sind offen, seine Arme unbewußt nach Osten ausgestreckt, und es schreit sofort laut, sobald es ein wenig Athem schöpfen kann. Ein schwächliches Kind hängt schweigend Kopf und Glieder, und es fehlt ihm der fast intelligente Kampf, welcher das kräftige Kind kennzeichnet. 342 Zur Geschichte der Eisenbahnen « Die großen Erfindungen, die der Menschheit zur Wohlthat gereichen, haben sich stets ihren Weg durch die abschreckendsten Hindernisse und die gröbsten Vorurtheile hindurch zu erkämpfen gehabt. In einem vor ein paar Jahren erschienenen Schriftchen: „Der Elektrische Telegraph als deutsche Erfindung/ in welchem Dr. W. Sömmering dieselbe für seinen Vater, Samuel Thomas v. Sömmering, in Anspruch nimmt und nachweist, wird erzählt, wie der „große" Napoleon, als ihm die Sache vorgelegt und praktisch auseinandergesetzt wurde, wegwerfend geäußert habe: „6'öst uns ickss ^ermanique!" (Das ist so eine deutsche Träumerei!). Die Legung und Sicherung des Verbindungsseiles schien dem Soldatenkaiser zu schwierig — und darum wies er die ganze gewaltige Erfindung dumm-hochmüthig von der Hand. Wie derselbe große Napoleon über die Dampfkraft absprach, ist bekannt. Er war in solchen Dingen so klein , wie die kleinsten Geister. Heute, wo Telegraph und Dampfkraft den Weltverkehr vermitteln, werden manche mit fast ungläubigem Erstaunen auf die Schilderung der Hindernisse zurückblicken, die man ihrer Anwendung zuerst in den Weg gelegt hat. Eine jetzt veröffentlichte Schrift, welche das Leben von zwei der größten Ingenieure Englands *) schildert, gibt darüber mancherlei traurig-komische Aufschlüsse. Die heftigste Opposition gegen die Einführung von Eisenbahnen erfolgte anfänglich im englischen Parlament — unter den versammelten Vertretern der sog. „Erbweisheit" und des „Gesammt- ! Verstandes." Dreimal verwarf das Parlament den Antrag auf Legung der Stockton- ! und Darlington- Linie, die eine der ersten in England war, ehe sich dasselbe zur ! Billigung dieses als „toll und unpraktisch" bezeichneten Projektes endlich herbeiließ. Es j handelte sich damals vorerst nur um Benutzung der Bahn für Kohlen- und Waarenfracht. l Groß war die Aufregung in Darlington, als die Dampfmaschine „Nr. l", die ohne einen ! Zug fuhr, in einem angestellten Wettrennen mit der alten Postkutsche diese letztere um ^ 100 Ellen schlug! Der „Personcnzug" war von den ersten Erfindern überhaupt kaum j in Aussicht genommen worden. Noch im Jahre 1811, als man die Liverpool- und i Manchestcrlinie projektirte, hielt man die Beibringung von Passagieren nur für ein ganz ! untergeordnetes Item in der Spekulation. Im Jahre 1825 glaubte noch Sir John ^ Harrow rathen zu können, man solle den Passagierverkehr möglichst im Hintergrund halten, um nicht die Feindseligkeit der Kutscher, Wirthe u. s. w. aufzuregen und dadurch das Unternehmen von vornherein zu ruiniren; „denn," sagte er, „wozu all diesen Haß aufstören, um vielleicht im Jahr ein paar hundert Passagiere zu haben?" Fast bis zu Thätlichkeiten verstieg sich die Opposition u. a. auf Lord Derby's Gütern, dessen Feldhüter, dem ächten Tory-Jnstinkt folgend, gegen dir Landvermcsser gewaltsam einzuschreiten drohten. Wenig hätte gefehlt, so hätte man die Eisenbahn dort, in der einen Hand die Schaufel, in der anderen die Waffe, bauen müssen. , Die beleidigendste Behandlung mußte Stephenson erdulden, als er vor dem Parla- ments-Ausschuß befragt wurde. „Sie werden,,, sagte Hr. W. Brougham zu ihm, „durch Ihre Idee, eine Maschine zwanzig englische Meilen in der Stunde fahren zu lassen, die Sache der Verdammung weihen und sich selbst als einen für's Narrenhaus reifen Menschen hinstellen!" Sir Astley Cooper erklärte sich gegen die ganze Idee, Eisenbahnen zu errichten, als eine „abenteuerliche" und „absurde." „Ei, meine Herren," rief er aus, „wenn solche Dinge geschehen sollen, so werden Sie in einigen Jahren auch den Adel zerstört haben!" Dies schien ihm nämlich das größte Unglück, das passiren könne. Ein andermal nahm ein Dutzend Advokaten den Ingenieur vor dem Parlaments-Ausschuß in's Verhör. Einer derselben fragte: „Herr, sind Sie irrsinnig?" Ein anderer: „Sind Sie vielleicht ein Ausländer?" („Foreigner" war damals noch ein bösartiges Schimpfwort.) Lord Derby selbst (zu jener Zeit „Mr. Stanley") forderte die UnterhauSmitglieder auf. *) Leben von Georg und Robert Stephenson. Bon Samuel Smiles. 343 „diese närrische und extravagante Spekulation nicht zu dulden." Was der edle Lord wohl heute zu seiner damaligen Eselei denken mag? In Liverpool setzte ein anderer Wohlwciser — der später zum Rcgierungs-Jnspektor der Post-Dampfschiffe ernannt wurde! — sein Wort dafür ein, daß, wenn je eine Lokomotive mehr als 10 (engl.) Meilen in der Stunde fahren sollte, er sich. anheischig mache, „ein geschmortes Maschinenrad zum Frühstück essen zu wollen." „Ungeheurer Witz! bei'm Jupiter!" wird wohl mancher englische Garde-Lieutenant ausgerufen haben. Nur ein Enthusiast oder ein Fanatiker, meinte die konservative „Quarterly Review", könne den absurden Gedanken hegen, daß eine Lokomotive zweimal so schnell als eine Kutsche fahren würde. „Wir könnten" hieß es in dem Aussatz, „eben so wohl erwarten, daß sich die Leute auf einer Congreve'schen Rakete in die Luft feuern ließen, als daß sie sich der Gnade einer solchen Maschine anveriraueu würden " Heute reisen die Leute auf dieser Congreve'schen Rakete einigermaßen häufig. Im Jahre 1866 fuhren auf den englischen Eisenbahnen 313,699,268, sage dreihundert und dreizehn Millionen, scchsmalhundert neunundneunzig Tausend, zweihundertachtundscchzig Personen. Die „Rakete" Platzt freilich manchmal — in neuester Zeit etwas gar zu häufig; gleichwohl sind die Unfälle, im Durchschnitte genommen, verhältnißmäßig gering. Ein Witzbold, in welchem offenbar die irische Ader stark schlägt, hat berechnet, daß die Aussicht, gehängt zu werden (von der doch Jedermann glaubt, daß sie ihn gar nicht betreffe) dreißigmal so groß sei, wie die, auf der Eisenbahn getödtet zu werden. Dieselbe Autorität hat mit noch treffenderer irischer Logik berechnet, daß, wenn ein Mann ewig leben könnte, und er täglich eine Eisenbahnfahrt zu machen hätte, der Ausnahmsfall, bei dieser Gelegenheit getödtet zu werden, ihn möglicherweise einmal in je 50,000 Jahren treffen könnte. Diese drolligen Berechnungen mögen immerhin zu einer gewissen Beruhigung dienen. Wie lebendig es z. B. in London mit den Eisenbahnen zugeht, kann man auch folgenden Ziffern entnehmen. An der Cannon-Strcet-Station gehen lägtich 527 Züge aus und ein. An der Claphamer Zweigbahn etwa 700; an den verschiedenen anderen Stationen der Haupstadt täglich 4000. Mit der Eisenbahn kamen im verflossenen Jahre 6,000,000 Gallonen Milch — oder was als Milch ausgegeben wird, hier an; ferner sechs Zhntcl der in London verzehrten Quantität Fische; 5000 Tonnen Welschhühner; 172,000 Stück Hornvieh und 1,147,000 Stück Schafe. Wäre es nach den Tories vom Derby-Schlage und ihrem Anhang gegangen, so wären diese Vierfüßler gewiß nicht gereist. Wohl hätten sich aber die Menschen selbst, gegenüber einer großen Erfindung, als das erwiesen, was man gewöhnlich einen „Schafskopf" nennt. Der edle Krieger. HWahre Begebenheit aus dem Jahre 1866.) Der 27. Juni des Jahres 1866 entstieg den fernen Bergen, fröhliche Klänge begrüßten ihn und wehten die Fahnen durch die Morgenluft. Das Regiment Gorizutti marschirte gegen Neustadt an der Meltau, um dem bei Nachod anrückenden Feinde zu begegnen und mit ihm den Waffentanz zu tanzen. Vor dem Kloster der Barmherzigen zu Neustadt wurde kurze Rast gemacht. In bunten Gruppen lagerten die Krieger und trieben ihre Scherze, als ging's zum Hochzeitstanzc. Auch drinnen im Kloster herrschte reges Leben. Die Brüder machten Lagerstätten zurccht für Verwundete, die der heiße Kampf ihnen senden werde. „Wo ist der Herr P Prior?" scholl mitten durch die Geschäftigkeit die Stimme eines bärtigen Kriegers. — „Was ist Ihr Begehr?" fragte der nächststehcnde Bruder. — „Hier eine Karte vom Herrn Regiments - Kaplan." — Der Frater nahm sie ihm aus der Hand und verschwand. Nach wenigen Minuten standen barmherzige Brüder an der Pforte und reichten den daselbst lagernden Offizieren Wein und Brod. — „Ah, das stärkt, das erquickt!" rief Hauptmann A. P—ka, indem 344 rr sich den Schnurbart strich. „Schönen Dank dem Herrn Prior; sagen Sie ihm, Bruder, es kann vielleicht das letzte Frühstück sein, das wir noch genießen; denn bald werdet Ihr und.wir die Kugeln pfeifen hören. Macht Euch gefaßt, Bruder, auf ungebetene Geiste." — „O, Herr Hauptmann, tapfere Krieger sind bei uns stets willkommene Gäste. Wir wünschen Ihnen Sieg und gesunde Glieder, sollte es aber anders ausfallen, so werden wir Sie mit offenen Armen empfangen. Gott schütze Sie, meine Herren." — So der Bruder und verschwand. Das Signalhorn rief zum Aufbruch. Fort ging es gegen Nachod, wo der Feind in großen Schaaren anrückte. Bald hörte man das Knattern der Büchsen, bald den Donner der Kanonen. In Kurzem wälzte sich die Schlacht über die Gefilde bei Nachod und Neustadt. Alle Herzen pochten. Alles wartete auf die Nachricht: Die Preußen sind geschlagen. Aber leider, gar bald kam der hinkende Bote mit der Kunde: Die Oestcrreicher sind geschlagen, und schon — es war nach wenigen Stunden seit dem Frühstücke beim Kloster — bewegten sich lange Züge mit Verwundeten gegen Neustadt zum Kloster der Barmherzigen hin. — „Da, Bruder, seht, da bin ich wieder," rief eine Stimme von der Tragbahre her, „habe mein Frühstück schon bekommen." Es war die Stimme des Hauptmauncs A. P—ka, der mit zerschossenem Unterschenkel auf der Tragbahre lag. „Nun, Bruder, ein gutes Lager für mich und zwar auf längere Zeit. Ihr habt mir heute Früh so guten Wein eingeschenkt, nun will ich lauge Zeit Euer Gast bleiben." — „Willkommen, Herr Hauptmann, Sie sollen sich über unsere Gastfreundschaft zu beklagen nicht Ursache haben," antwortete ihm der Bruder und wies die Soldaten au, wohin sie den Haüptmann tragen sollten. Sogleich eilten Aerzte, Barmherzige mit ihren Krankenwärtern wie Bienen unter den Blcs- sirten herum, nur jedem ein möglichst gutes Lager zu bereiten und jedem die nöthige Hilfe zu leisten. Auch am Bette des Hauptmanus P—ka standen die Aerzte und untersuchten seine Wunden. „Nun, wie finden Sie mich, Herr Doctor?" fragte rasch der Hauplmauu. — „Herr Haüptmann, Sie sind Kriegsmann, und da Sie vor Kurzem bereit waren, Ihr Leben für das Vaterland zu opfern, so werden Sie auch meine Aeußerung mit dem ruhigen Muthe eines Mannes hinnehmen." — „Nur heraus mit der Farbe, Doctor, wie stcht's?" — „Es stehen Ihnen.zwei, Wege offen, entweder Ihr Bein zu behalten, einem raschen oder schmerzlich langsamen Tode entgegenzusehen, oder das Bein zu opfern, um Ihr Leben zu erhalten!" — „Bein weg, Leben erhalten? — Weg damit! Ich habe nicht für mich allein zu sorgen, , ich habe noch einen alten Vater, der von einer geringen Pension als Lieutenant kaum leben kaun, mit ihm will ich meine Beine und meine Pension theilen. „Eines ihm, eines mir." Doch schicken Sie mir erst den Pater, damit ich nicht, wenn es unglücklich ausfiele, mit dem Beine die Seele verliere." — Der edle Mann empfing zur Erbauung Aller die heiligen Sakramente. — Eben schlug es Mitternacht, als die Aerzte an ihr Werk gingen, es in Kurzem vollendeten und dem alten Vater den braven Sohn retteten. Welch' eine Scene, als nach wenigen Tagen der alte Vater, der seinen Sohn, den Zeitungsberichten zufolge, unter den Gefallenen gelesen, bereits zu den Todten gezählt hatte, von den barmherzigen Brüdern benachrichtigt, im Kloster angekommen, ihn unter den Lebenden und auf dem Wege glücklicher Genesung fand. Die Beschreibung dieses Wiedersehens erlasse mir der Leser. Aber ergriffen von so edler Gesinnung rufe ich: „Ehre dem edlen Krieger, Ehre dem guten Sohne, Ehre dem Major ucl Iionoi'68 A. P—ka." . Frage: Wer ist das gescheiteste Frauenzimmer? 'Mgaom lpnaaeq om hioq ost q.riai unnoh jcsoU m; ;oia Antwort: os lpou asq uuec» ^ushpunW u; ojoiamzijoaeh^ asq jnv vnvavK Druck, Verlas und Redaktion des literarischen Instituts von vr. M. Huttler.