Nr. 44 . 1. Novbr. 1868. Augsburger Da kein Mensck weiß, was er verlässt, was kommt darauf an, frühzeitig zu verlassen ? In Bereitschaft sein ist Alles. Shakespeare, Hamlet A. V. 2. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. Zweite Abtheilung. VII. Noch einmal der alte Fritz. Und jedes Heer, mit Sing und Sang, Mit Paukenschlag und Kling und Klang, Geschmückt mit grünen Reisern, Zog heim zu seinen Häusern. Zwei Jahre sind seitdem verstrichen. Aus dem hagern, schüchternen Candidaten war mit der Zeit ein stattlicher Kriegsmann geworden, und wenn Olearius sich auch von all' den Rohheiten fern hielt, die nun einmal nicht ganz von dem Soldatenstande zu trennen sind, und wenn er auch eine größere Ehre darein setzte, seine Zeit,.die nicht vom Dienste in Anspruch genommen war, zur Erholung und Veredlung seiner Seele anzuwenden, statt wie die meisten seiner Kameraden im Wirthshause die Paar Groschen zu verjubeln, so ließ er sich nichts desto weniger nie das Geringste zn schulden kommen, was ihn hätte straffällig machen können, und war deßhalb auch bei all' seinen Vorgesetzten als ein braver, ordentlicher Soldat beliebt und geachtet. Um diese Zeit war es, daß dah Ncgimcnt, bei welchem er diente, seinen Standort wechselte und nach Berlin versetzt wurde, wenige Tage später war große Parade vor dem Könige. Olearius, welcher Dank seiner guten Conservirung und Körpcrlünge zum Flügelmanne avaneirt war, hatte sich so herausgeputzt und saß so stramm und fest in seinem Sattel, daß selbst der Obrist, als er bei der Inspektion an ihm vorbeiritt, beifällig mit dem Kopfe nickte und halblaut zu seinem Adjutanten sagte: „Kapitaler Kerl das, sitzt wie angegossen, hätte nie geglaubt, daß aus einem Pastor so ein Muster von einem Soldaten sich hcrausschnitzen ließ." Olearius, welcher diese Worte gehört hatte, dachte innerlich: „O, wenn du wüßtest, welche Freude mir dieser Stand macht und du sehen könntest, wie sehr mir das Herz blutet, denkt es der Vergangenheit, du wärest vielleicht ^weniger freigebig mit deinem Lob." Keine Miene aber verrieth, was in der Seele des armen Candidaten vorging, denn unverändert blieb seine Haltung, und als eine heiße Thräne auS seinen Augen sich stehlen wollte, zerdrückte er sie gewaltsam mit den Wimpern. Plötzlich schmetterten die Trompeten. Der König, begleitet von einer glänzenden mit Orden nnd Sternen bedeckten Suite hoher Offiziere, kam herangesprengt. Nachdem er langsam an der Fronte heruntcrgcritteu war, hielt er sein Pferd an und befahl den Vorbeimarsch des Regiments. Alsbald ertönten die Commandorufe. Die Züge schwenkten ab und unter den rauschenden Klängen eines kriegerischen Marsches dcfilirte das Regiment in geschlossener prachtvoller Haltung an seinem Monarchen vorbei. Jeder Zug, wenn er an dem Könige vorübcrkam, ließ ein lautschallendes, begeistertes „Hurrah" 346 ertönen, welchen Gruß der König mit einem gnädigen Winken seiner Hand erwiederte. Schon war das militärische Schauspiel beinahe beendet. Der letzte Zug, bei welchem Olearius sich befand, ritt eben an dem Monarchen vorüber und ließ sein vorschriftsmäßiges „Hurrah" ertönen, da scheuchte Plötzlich das Pferd des Candidatcn vor einem weißen Steine, der im Wege lag, und den die in demselben Augenblicke zwischen den Wolken durchbrechenden Sonnenstrahlen mit glänzendem Lichte erhellte, zurück, bäumte sich hoch auf, und ehe es Olearius gelingen konnte, mit fester Hand die Zügel zu ergreifen, stürzte das Roß hintenüber und begrub, mit seiner ganzen Wucht auf den unglücklichen Reiter fallend, denselben tief im Sande. Sogleich commandirte der König selbst „Halt!" und befahl einigen Husaren abzusteigen und ihren armen Kameraden von der Last des Pferdes zu befreien. Mit vieler Mühe gelang dies endlich, denn der Gaul hatte einen Fuß gebrochen und konnte nicht zum Stehen gebracht werden. Ein anwesender Chirurg untersuchte sodann den bewußtlos daliegenden Candidatcn und constatirte, daß zwar kein Glied gebrochen sei, daß man aber nicht wissen könne, ob nicht eine innerliche Verletzung stattgefunden habe. Mittlerweile hatte der König den Obristen zu sich herangewinkt: „Wie heißt der Mann?" fragte er. „Gottfried Oehlig, genannt Olearius, Majestät." „Olearius?" fragte der Monarch erstaunt. „War der Husar früher nicht Candidat der Theologie?" „Zu Befehl, Majestät!" „Und wie kommt der in den Soldatenrock, ist er freiwillig eingetreten?" „Halten zu Gnaden, Majestät" — erwiderte der Obrist, der Candidat Olearius hatte sich thätlich an seiner Brodherrschaft, der Gräfin von Koblenz und deren Enkel vergriffen, es blieb ihm nur die Wahl zwischen Festung oder Soldat, und so wählte er denn Letzteres." „So! Hm! Schon gut!" machte der Monarch, indem sich seine Stirne in leichte Falten zusammenzog, — „sorg Er mir dafür, daß der Mann in gute Pflege genommen wird, und laß Er mir zeitweise sein Befinden rapportircn. Mit seinem Ncgimcnte bin ich zufrieden, sag' Er das seinen Soldaten, Adieu!" Während der König mit seinem Gefolge davonritt und das Regiment in die Kaserne zurückkehrte, wurde Olearius auf eine Tragbahre gelegt, nach dem Krankenhaus gebracht und dort alle möglichen Wiederbelcbungs-Vcrsuche mit ihm vorgenommen. Endlich, nach ungefähr einer halben Stunde, schlug er die Augen wieder auf und schaute mit unstätcn Blicken um sich. Der Oberarzt trat nun zu ihm heran, und indem er seinen Puls faßte, fragte er freundlich: „Wie befindet Er sich?" Einige Sekunden lang starrte Olearius den Doktor lautlos an. Dann aber schien sein Bewußtsein nach und nach wiederzukehren, und mit der freien Hand langsam nach seinem Kopse und über die Stirne fahrend, stieß er einen tiefen, schmerzlichen Seufzer aus. „Thut Ihm der Kopf weh?" fragte der Oberarzt. Olearius nickte und schloß dann wieder die Augen, regungslos daliegend wie vorher. „Er hat eine Gehirnerschütterung davon getragen" — sagte der Oberarzt zu seinen Collegcn — „wir dürfen ihn diesem apathischen Zustande nicht überlasten, sonst ist er verloren. Sie Alle, meine Herren, misten, daß Se. Majestät sich persönlich um den Mann interessirt, also hoffe ich, daß Jeder an diesem Krankenlager seine Pflicht erfüllen wird." Nach diesen Worten ordnete er das Nöthige an und verließ sodann den Saal„ um dem Obristen über den Thatbestand Bericht zu erstatten. Wochen und Monate vergingen, Olearius schwankte immer zwischen Leben und, Sterben. In seiner Fieberhitze phantasirtc er stets nur von Lieschen und ein Physiologe 347 konnte hier wohl den wunden Fleck seiner Seele erkennen. Endlich aber trug seine kräftige Natur doch den Sieg davon, sein Kopf wurde wieder klar, seine Gedanken ordneten sich mehr und mehr und mit schnellen Schritten eilte er seiner vollständigen Genesung entgegen. Mit der Besserung seines körperlichen Zustandes stellte sich jetzt aber ein tiefer Seelenschmerz ein, wenn er bedachte, wie er aus dieser ihm so liebgewordencn Nutze nun bald herausgerissen und in das lärmende, seinem ganzen Wesen so sehr widerstreitende Soldatenlcbeu wieder zurückkehren müsse. Doch Woche auf Woche verging. Niemand schien sich um den nun gänzlich hergestellten Candidatcn mehr zu kümmern. Freundlich, wie von allem Anfange an, war das Benehmen der Angestellten und Doctoren des Krankenhauses, und jeder seiner leisesten Wünsche wurde mit zuvorkommender Aufmerksamkeit vollzogen. War es ein Wunder, daß Olearius nach und nach fast vergaß, daß er Soldat sei und sich ganz den so lange schmerzlich entbehrten Wissenschaften hingab! Da, eines Morgens, trat eine Ordonnanz in's Zimmer, fragte nach dem Husaren Oehlig, und als man denselben rief, wurde ihm erklärt, daß er sogleich seine Uniform anzuziehen und zu folgen hätte. Wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel traf diese Nachricht den armen Candida- tcn, alle seine Traumbilder, die er sich in letzterer Zeit mehr und mehr zur Wirklichkeit neugeformt hatte, zerstoben in Nichts vor der fürchterlichen Wirklichkeit und zernichtet wankte er nach seinem Platze. „Ade, du süße Stätte der Ruhe und des Friedens" — seufzte er, — „Ade, du Traum einer schöneren Zukunft, ich bin verdammt, den Kelch des Leidens bis zur Hefe zu leeren, für mich blüht auf dieser Welt kein Glück mehr." Er strich die Thräne, die unwillkürlich in sein Auge getreten war, verstohlen hinweg, und seinen Dollmann anziehend, und sich so gut wie möglich herausputzend, sprach er gefaßt: „Wie Gott will!" und folgte gelüsten der rüstig voranschreitenden Ordonnanz. Doch, wie erstaunte Olearius, als sein Begleiter nicht nach der Kaserne seine Schritte lenkte, sondern geraden Weges auf das königliche Schloß zusteuerte. Eine dunkle Ahnung wollte in dem Candidatcn aufsteigen, daß das Geschick seines Lebens eine andere Wendung nehmen könnte, doch hatte er nicht den Muth, den ihn führenden, grimmig dareiuschaucnden Kricgsmann anzusprechen, und so betrat er denn zwischen Angst und Hoffnung schwebend, den königlichen Palast, woselbst die Ordonnanz ihn einem Kammerdiener übergab, der ihn in ein prächtiges Vorzimmer geleitete, und ihn daselbst einige Augenblicke warten hieß. Wenige Minuten später erschien derselbe wieder, öffnete eine Thüre und sagte zu dem regungslos auf demselben Flecke noch weilenden Candidatcn: „Se. Majestät befiehlt Ihm, einzutreten;" schob den mehr schwankenden als gehenden Magister in das Zimmer und schloß dann hinter ihm die Thüre. Olearius befand sich in dem Arbeitszimmer des Monarchen, und vor ihm stand der große König, auf seinen Krückstock gestützt, und betrachtete lächelnd den in höchster Verwirrung hart an der Thüre sich bückenden, und unartikulirtc Töne ausstoßeuden Candidatcn, dessen kriegerisches Kleid gar nicht zu seinem Benehmen paßte und der so ganz aus seiner Rolle gefallen war. „Na, na, laß' Ec's nur gut sein," hob nach einer kleinen Pause der König freundlich an, „steh' Er gerade, wie sich's für einen Soldaten paßt, und geb' Er mir kurz und bündig Antwort auf das, was ich Ihn fragen werde. Sag' Er mir, steckt Er gern in diesem Rock?" — Olearius wußte nicht, was er auf diese Frage antworten sollte; lügen wollte er nicht, und die Wahrheit zu sagen, fürchtete er sich, denn er wußte wohl, daß Friedrich der Große den Soldatenstand höher als Alles Andere hielt. Er suchic deßhalb vergeblich nach Worten und seine Angst und Verwirrung wurde immer größer. 348 Der König, der wohl merkte, wo ihn der Schuh drückte, fing an laut zu lachen, und indem er sich in einen Lchnstuhl niederließ, sagte er launig und wohlwollend: „Na, komm Er ein paar Schritte nähcr, und erzähl' Er mir, was Ihn bewogen hat, die Theologie an den Nagel zn hängen, und dafür das Schwert zu ergreifen. Er braucht sich vor mir nicht zu geniren, wir kennen uns ja nicht erst seit heute, und Er weiß wohl, daß ich immer sein wohlaffcctionirter König war. Darum heraus mit der Sprache und frisch von der Leber weg." Durch diese huldvolle Ansprache crmuthigt, wagte es Olearius, seinen Thürposten aufzugeben und etwas weiter in das Zimmer zu treten. Aber noch immer wollte ihm nicht die rechte Courage kommen und noch viel weniger gelang es ihm, in zusammenhängender Rede sein trauriges Schicksal dem König vor Augen zu führen. Als der Monarch sah, wie der arme Candidat vergeblich nach Athem haschte und wie ihm jedes Wort in der Kehle stecken zu bleiben drohte, klopfte er Plötzlich mit seinem Krückstöcke auf die Erde und sagte dann mit gutmüthigem Spotte: „Höre Er, mir will es scheinen, daß es Ihm unmöglich ist, vor lauter Zittern und Zagen etwas ordentliches herauszubringen. Er quatscht da ein Zeug zusammen, woraus der Teufel klug werden mag. Fang' Er die Sache einmal anders an. Nehme Er von mir gar keine Notiz, sondern stell' Er sich vor. Er wäre in seiner Kammer und klage dem lieben Herrgott sein Leid, vor dem wird Er sich hoffentlich doch nicht geniren, pro- bire Er es einmal, vielleicht gcht's dann besser." Und es ging bester. Olearius nahm seine ganze Kraft zusammen, und wenn auch im Anfange hie und da noch stockend, kam seine Rede doch bald in Fluß, und er berichtete mit einfachen, klaren Worten alles, waö ihm seit der ersten Audienz, die er bei dem Könige gehabt, widerfahren. Er erzählte, wie er mit froher Seele nach Langcnsalza zurückgekehrt, wo er Liebe und Glück zu finden gehofft, und so furchtbar getäuscht sich gesehen; wie er dann die Stelle als Informator bei der Gräfin Koblenz angenommen, und wie er durch die barbarische, schmähliche Behandlung daselbst auf's Acußerste. getrieben, und sich so weit vergessen, Hand an seine Herrschaft zn legen. Er machte auch kein Hehl daraus, daß nux die Furcht vor entehrender Strafe ihn vermocht habe, Soldat zu werden, und daß er die Stunde für die glücklichste seines Lebens halten würde, in welcher es ihm vergönnt sei, die strahlende Uniform aus und seinen abgetragenen, ihm aber über Alles in der Welt theueren Frack wieder anziehen zu dürfen. Ruhig und mit großer Aufmerksamkeit hatte der König ihn ^angehört. Als Olearius geendet, trat der Monarch auf ihn zu und indem er ihn sachte irnf die Schulter klopfte, sagte er freundlich: „Er ist ein braver Kerl. Er hat alle Schicksale, die Gott über Ihn verhängt, ruhig und in Demuth getragen, das gefällt mir. Ich habe mich nach Ihm erkundigt und nur Gutes von Ihm gehört, seine Lcidensschule soll ein Ende haben. Hier" — bei diesen Worten nahm der König ein zusammengefaltetes Papier von seinem Schreibtische — „hier ist sein Dccret als zweiter Hofpredigcr. Bleibe Er in Demuth und Einfalt vor seinem Herrgott wie bisher, und es wird -Ihm gut gehen. Und dann noch eins: Schaff' Er sich bald eine brave Frau in's Haus, damit Er das leichtsinnige Weibsbild, die Lisbeth, vergißt, und wenn Er Kinder kriegt, so denkt Er an mich, bei seinem ersten Buben will ich Pathe stehen. Und nun Gott befohlen, Herr Hofpredigcr; doch halt, da hat Er auch noch Etwas zu seiner Einrichtung," -— dabei drückte er dem lautlos und versteinert dastehenden Candidatcn eine Rolle in die Hand, zog dann die Glocke und befahl dem eintretenden Kammcrherrn, dem neuen Hofpredigcr seine Wohnung anweisen zu lassen. Wie Olearius auS des KönigS Gemach, durch die Vorsäle, die Treppen hinunter und nach seiner neuen Wohnung, die sich im linken Schloßflügel befand, kam, wußte er 349 uicht. Ihm war's, als wäre Alles nur ein Traum, und als müßte er jeden Augenblick! zu einer furchtbaren Wirklichkeit wieder erwachen. Aber diesmal war es doch kein Traum gewesen, Olearius war und blieb Hofprcdigcr des Königs, und erhielt noch am nämlichen Tage seine Entlassung aus dem Negimcnte. O wie jauchzte jetzt sein Herz hoch auf. Aller Schmerz, alle Leiden waren vergessen. Kaum sah er sich allein, so sank er auf die Kniee und ein heißes, inniges Dankgcbet stieg aus seinen Herzen zu dem Allmächtigen empor, der so große Gnade ihm erwiesen. Acht Tage darauf trat er sein neues Amt an, und der König mit dem gesammten Hofstaate hörte die Predigt mit an, die der neue Pastor, erfüllt von der Weihe des Augenblicks und voll der Erinnerung an die Vergangenheit, mit einem solchen Feuer, mit solch' innigster Ueberzeugung sprach, daß viele Herzen erschüttert und manches Auge naß wurde. Zu Mittag wurde er dann zur Tafel in's Schloß geladen, wo sein einfaches, bescheidenes Wesen ihm bald aller Herzen gewann. Als die Tafel aufgehoben wurde, und der König die Gesellschaft verabschiedete, wandte er sich plötzlich auch zu OleariuS, und sagte, scherzend mit dem Finger drohend: „Herr Hofprediger, vergeh' Er nicht, ich möchte bald Pathe stch'n" — und verschwand dann, den von allen Seiten von lachenden Gesichtern umringten Prediger, dem die helle Muth in's Antlitz stieg, in größter Verlegenheit stehen lastend. (Fortsetzung folgt.) Werder und Werndl. Bei der jetzigen Bcwaffnungöfrage in Bayern erhielten sich von verschiedenen Konkurrenten nur zwei: Werder und Werndl; andere Modelle, wie Peabody und Norris, waren lange Rivalen, mußten aber — das erstere, weil es bei gleicher Einfachheit und Dauer in Schnelligkeit nicht konkurrircn konnte, das letztere, weil bei den Versuchen das einzige vorhandene Gewehr zersprang, den erstgenannten nachstehen. ES möchte wohl keinem Zweifel unterliegen, daß wir einem Abschlüsse der seit 20 Jahren dauernden Waffcn-Revolution nahestehen; denn es ist fast undenkbar, daß die Technik noch wesentlich vollkommenere Kriegswaffcn zu Tage fördere, es wird wohl kein gänzlicher Stillstand eintreten, allein die Hauptfrage dürfte gelöst sein, indem Muster von Einladern vorliegen, die allen Anforderungen an eine militärische Waffe genügen. Trcfffühigkeit, rasante Flugbahn, Handlichkeit und Dauer anlangend, verdienen wohl unter allen jetzt bekannten Systemen die von Werder und Werndl den Vorrang, und dieselben wurden auch auf das Eingehendste von den maßgebenden Kommissionen in Bayern geprüft. Diese beiden Waffen in Vergleich gezogen, scheint es unzweifelhaft, daß die Erfindung unseres bayerischen Landmanncs Werder die des Ocstcrrcichers Werndl überflügelt. An Solidität, Trcfffähigkcit und Handlichkeit sind wohl beide Waffen gleich; allein in der Schnelligkeit des Ladens und Feuerns wird das Werdcr'schc Gewehr seinem Rivalen in der Minute um 1 bis 2 Schuß zuvorkommen Sehr geübte Schützen machten mit ersterem beim Laden aus der Patrontasche in der Minute 18 Schuß mit 18 Treffern auf 200 Schritte Entfernung in eine 9' hohe und 4/ breite, also 36 Q' große Scheibe, während beim Wcrndl-Gc- wchr 16 Schuß das Maximum waren; außerdem hat das Werder-Gewehr den Vortheil einer leichteren Fabrikation und eines sehr einfachen, bewnndcrnswerthen Mechanismus, indem das ganze Schloß in wenigen Sekunden, ohne ein Werkzeug nöthig zu haben, Zerlegt werden kann. Die Theile haben so wenig Friktion und sind so solid, daß von einem baldigen Zerstören keine Rede sein kann. Unter allen Systemen hat dieses den besten Auswerfen (eine Vorrichtung, welche die aus Kupfer oder Messing gefertigte Patronenhülse beim Ocffncn des Verschlusses von selbst und ohne Zeitverlust aus dem L entfernt), da er doppelarmig ist und viel sicherer fungirt, als der einarmige von W^ü^"e 350 Das Werder'sche Gewehr wird sich im Gebrauche gewiß weniger abnützen, als das von Werndl, obwohl auch dieses nur als eine sehr gute Kriegswaffe bezeichnet werden kann. Beide Systeme sind Stiftgewchre, und die Zündmasse liegt in der Patrone (Einheitspatrone). Die Schnelligkeit des Werder'schen Gewehres im Feuern ist so groß, daß eS in einem Zeitraume von 90 Sekunden so viele Schüsse abzugeben erlaubt, wie ein Rcpe- tirgewehr; nach 120 Sekunden — also 2 Minuten — ist es dem letzteren schon voraus. Nur in den ersten 40 Sekunden hat ein Repetirgewehr vermöge seines Magazins ein schnelleres Feuer, nämlich 14 Schuß; dann aber muß das Magazin wieder gefüllt werden, was Zeit raubt, oder als Einlader dienen, wobei die Manipulation langsamer ist als bei anderen Einladern. Die Komplizirtheit und schwierige Behandlung machen es überhaupt nicht rathsam, Repctirgcwehre bei Armeen einzuführen. Der Erfinder des Werder- Gewehres wußte in eben so sinnreicher als einfacher Weise die Bewegung des HahneS mit zur Bewegung des Vcrschlußstückes zu benützcn; auch steht der Auswerfcr in seiner Funktion mit dem Vcrschlußstücke in Verbindung. In dem Augenblicke, in dem das Vcrschlußstück sich öffnet, fällt es auf den Auswerfcr, der dann die Patronenhülse herausschleudert. Will man das Gewehr in der Ruhrast geladen behalten, so ist eine Entzündung unmöglich, indem durch eine sinnreiche Vorrichtung das Verschlußstück mit dem Zündstift so weit gesenkt werden kann, daß der letztere nicht auf den explosibeln Theil der Patrone zu wirken im Stande ist; will man das Gewehr wieder schußfcrtig machen, genügt ein Druck auf den Hahn. DaS Werder-Gewehr kann mit vier Griffen geladen und abgefeuert werden; die Handgriffe sind: 1) Einführen der Patrone, 2) Spannen des Hahnes, 3) Losschießen und' 4) Oeffncn des Verschlusses, was im Herunternehmen aus dem Anschlage ohne Zeitverlust geschehen kann; Hiebei wird nach vorwärts die entladene Patroninbülse ausgeworfen. Das Werndlgewehr besitzt ein Rückschluß mit einem gewöhnlichen Hahn, der, anstatt am forderen Ende ansgefraiSt, mit einem Schnabel versehen ist, der auf den Zündstift paßt. Die Handgriffe hiebci sind: 1) Spannen des Hahnes, 2) Ocffnen des um eine Achse sich drehenden, sehr soliden und massiven Vcrschlußstückes, 3) Einführen der Patrone, 4) Schließen des Verschlusses und 5) Losschießen. Mit dem Ocffnen des Verschlusses wird die Patronenhülse hcrausgeschncllt. Diese Manipulationen beweisen, daß das Wcrndlgcrwchr eine Bewegung mehr hat, abgesehen davon, daß bei sämmtlichen Bewegungen die Hand einen weiteren Weg machen muß, als beim Werdergewehr, folglich auch bei ersterem müder wird. Als Patrone wird in Bayern eine modifizirte Boxerpatrone mit Kupferhülse und Mittclzündung gewählt. (Einer Mittheilung des Würzb. Abdbl. zufolge käme eine solche Patrone auf 2Vg kr. zu stehen.) Gräfin Derwentwater. Die Englische Korrespondenz brachte im Laufe dieses Monats mehrere, eine Gräfin Derwentwater betreffende Mittheilungen, die wir in Folgendem je unter dem Datum, unter welchem sie gebracht wurden, zusammenstellen: „London, 1. Okt. Eine ältliche, offenbar etwas exzentrische Dame, in eine österreichische Militäruniform gekleidet und mit einem Schwerte umgürtet, die Gräfin Amelia von Derwentwater, ist mit einer zahlreichen Dienerschaft auf dem zerfallenen Schlöffe ihrer Vorfahren in der Nähe von Dilston eingetroffen, hat von demselben Besitz ergriffen, in den zerfallenen Gemächern die Familicn- porträts aufgehangen und auf der Zinne die Familienflagge aufgesteckt. Dadurch gerieth sie mit den Behörden des Grcenwichcr Hospitals in Konflikt, welches einen Theil seiner Einkünfte aus den Liegenschaften des wegen Hochvcrraths enthaupteten Grafen von Derwentwater bezicht, undder Rcntmeister des Hospitals stattete ihr einen Besuch ab, um ihr mitzutheilen, daß das Schloß Eigenthum des Hospitals sei. Die Gräfin, welche den Besucher höflich empsiing, erklärte, und na 351 sie handle auf Rath ihres Rechts-Beistandes und wolle einer gerichtlichen Entscheidung entgegensehen. Sollte übrigens die Angelegenheit wirklich vor die Gerichte kommen, so kann es doch nur Eine Entscheidunggeben, denn die Peerage der Nadcliffe's ist nicht ausgestorben, sondern aufgehoben. Der unglückliche James Radcliffe, Carl of Derwentwater, wurde nach der Rebellion von 1615 des Verraths angeklagt, seines Adcltitels verlustig erklärt und auf Towcr Hill enthauptet. Sein Bruder und einziger Erbe starb einige 30 Jahre später unter der Hand des Henkers, aber nicht als Carl of Derwentwater. sondern als Charles Radcliffe Esqu. Die ungeheuren Bcsitzthümer der Familie wurden von der Krone dem Greenwicher Hospital zugesprochen, und die excentrische „Gräfin" hat nicht mehr Aussichten, als mancher andere Abcnteuerer, der sich für den Besitzer dieses oder jenes adeligen Gutes hält, obwohl das ErbschaftSgericht ihm jedes Anrecht auf dasselbe abgesprochen hat. — 6. Okt. Die „Gräfin Derwentwater" hat sich des Schlosses ihrer Ahnen bei Dilston nicht lange erfreuen können. Auf Befehl der Admiralität, mit welcher ihre Besitzergreifung sie in Konflikt gebracht hatte, wurde sie, trotz ihrer Protestationcn, von einigen kräftigen Männern aus dem Schlöffe auf einem Stuhle hinausgetragen und nebst ihren Habsclig- keiten auf dem Wicsenplatz vor demselben ausgesetzt. Doch hat der Muth die alte Dame noch nicht verlassen. Sie blieb „Herr der Situation", indem sie auf dem Wicsenplatze ein aus Kisten, Regenschirmen und Tischen fabrizirtes Lager bezog. — 8. Okt. Die alte Dame, welche sich Gräfin von Derwentwater nennt, steht von der Belagerung von Dilston Castlc nicht ab. Trotz der kalten Herbstnächte kampirt sie noch immer Angesichts der Ruine zu Seiten der Heerstraße, während die Wächter des Gesetzes ihr gegenüber lagern, um eine neue Ueberrumpelung zu verhindern. Die ganze Geschichte wäre gründlich komisch, wenn die arme Frau durch ihr Kampircn auf freiem Felde nicht in ihrer Gesundheit ernstlich bedroht wäre. Freundliche Nachbarn vcrproviantiren sie zwar mit Thee, Zucker, Fleisch, Brod und sonstigen Lebensbedürfnissen, sogar ein Kamin wurde in ihr nothdürftig verwahrtes Zelt geschafft, damit sie sich wärmen könne. Trotzdem wird ihre Lage mit der Zeit bedenklich, und bisher war alles freundliche Zureden nicht im Stande, sie zum Aufgeben ihres tollen Beginnens zu bewegen. — 20. Okt. Die wiederholt genannte „Gräfin von Derwentwater" wäre vielleicht bei dem Frostwctter, das sich plötzlich eingestellt hat, elendiglich zu Grunde gegangen, hätten nicht wohlwollende Familien aus der Nachbarschaft sich zusammengcthan und ihr ein niedliches, aus Brettern gefügtes Haus anfertigen und auf dem Punkte aufstellen lasten, von dem aus sie die Beste beobachtet. Die arme Dame nahm das Geschenk freundlich an und hat sich in dem Häuschen seitdem nach Umständen wohnlich eingerichtet. Aber auch die Gegenpartei ist nicht faul und zimmert sich ebenfalls jetzt ein Haus, dem der Gräfin gegenüber. So werden wohl die Beiden vermuthlich bis zum Frühjahrcaushalten. Aufsuchen von Wasserquellen Der „Landwirth" bringt folgende interessante Mittheilung: Vor einigen Jahren sollte hier auf dem Vorwerke Canthcn wegen Wassermangel ein dritter Brunnen gegraben werden, und wurde wegen Mangel an Vertrauen zu einem bereits versuchten „Recept zur Auffindung von Wasser", um nicht möglicher Weise erfolglos 50 Fuß tief zu graben, der Abbö Richard hieher berufen. Dieser gab mehrere Punkte an, wo Wasser in genügender Menge vorhanden sein solle, von denen der dem Gehöft am nächsten gelegene gewählt und gebohrt wurde. Die Angabe des Abbe) bestätigte sich als vollkommen richtig, es fand sich in der Tiefe von 54 Fuß reichliches gutes Wasser; aber das Recept hatte dasselbe ebenso auch genau angegeben. Ich fühle mich deßhalb verpflichtet, um Vielen, welche an Wassermangel leiden, vergebliche Versuche oder die kostbaren Ausgaben, den Herrn Abbe kommen, zu lasten. zu ersparen, jenes auf ganz bestimmten Gesetzen beruhende Recept zu veröffentlichen: „Man gräbt bei trockenem Wetter und trockenem Boden ein Loch von 1 Fuß Tiefe. Zu dies setzt man einen neuen irdenen Topf, in welchem man zuvor 5 Loth ungelöschten Kalk, 5 Loth Grünspan, 5 Loth weißen Weirauch gethan. Alles fein pulverifirt und mit 1 Loth Schafwolle (kurze Wolle von den Hoden) zugedeckt und das Ganze gewogen hat. Dann schulte man die Erde darüber hin. Hat der Topf 24 Stunden in der Erde gestanden (ohne Regen), so hebe man ihn heraus, schütte den Boden schnell von der Wolle und wiege den Topf, sobald er gereinigt ist. Hat nun das Gewicht abgenommen, so ist kein Wasser an dieser Stelle, hat eS aber zugenommen 2 Loth, so liegt das Wasser 75 Fuß tief, 4 „ ditto 50 „ , 6 . ditto 37>/r - . . 8 „ ditto 25 „ - „ 10 , ditto 12'/2 - ° Herbftstimmung. «') Fühlst du den Wurm nicht an dem Apfel nagen. Der dir als Herz am Baum des Lebens hängt? Ein Klopfen, meinst du, seis, was in dir drängt. Indeß ein Bohren nur dies sachte Schlagen. Wie anders war eS in den Frühlingstagen, Wo weder reif die Frucht war, noch versengt; Pocht' auch die Brust von manchem Drang beengt, Es war nicht Schmerz, es war nur süßes Zagen. Des Frühlings Triebe sind schon längst entschwunden, Der Herbstwurm ist im Herzen eingekehrt, Und nagt mit kleinem Munde große Wunden. Er treibt sein Werk im Stillen ungewchrt Und ruht nicht, bis er Sättigung gesunden Und dich zu Staub und Moder hat verzehrt. (Eine Schauspieler-Rechnung.) Zur Zeit des Burlesken - Unfuges auf dem Wiener Burgtheatcr, gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, waren Prügel nud Fußtritte gesuchte Artikel, denn der Empfänger wurde dafür besonders belohnt, ein Beweis also, daß Beides auf die Gefühlsnerven einen wirklichen Eindruck ausübte. Nachstehende noch erhaltene Rechnung aus jener Zeit dient zum Beweis: „Diese Woche sechs Arien gesungen 6 fl. 7 kr. Einmal in die Luft geflogen 1 st. Einmal in's Wasser gesprungen 1 fl. Einmal begossen worden 34 kr. Zwei Ohrfeigen bekommen Ist. 8 kr. Einen Fußtritt bekommen 34 kr., worüber dankbarlichst quittirt N. N." ") Aus: „Bienen" Lyrisches, Didaktisches »nd Epigrammatisches von Johannes Schrott. Augsburg, Verlag des littcr. Jnstit. und der K.anzfcldcr'schcn Buchhandlung. Druck, Verlag und Redaktion des lilerarischen JnsUtutÜ vsn Vr. M. Huttler.