Nr. 4». 8. Novbr. 1868 Ls hört die Wahrheit Jeder, Geboren unter jedem Himmel, dem Des Lebens Quelle durch den Busen rein lind ungehindert fließt. G öth c. Die Gestorbenen. So lang uns nahe sind geliebte Wesen, Mit uns durch Blick und Mund und Herz verbunden. Wie fließen sanft und unvermerkt die Stunden! So bleib' es, glauben wir, wie es gewesen. Doch, was ist so geliebt und auserlesen. Das nicht zuletzt uns wie ein Traum entschwunden? Dann thun sich auf im Herzen solche Wunden, Von denen wir nie glauben zu genesen. Indeß ist uns doch ein Gewinn geblieben: Des Schmerzes bittre Wurzel hat im Sande Des Grabschutts einer Blume Glanz getrieben. Und was uns dämmernd lag am fernsten Rande, Wird durch die uns vorangcgang'nen Lieben Zum lichten stillvertrauten Vaterlandc. Johannes Schrott. Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie. vm. Gesühnte Schuld. Die Zeit heilt alle Wunden, Die Zeit heilt jeden Schmerz. Es war ein halbes Jahr später, da fuhr eines Tages eine Post-Chaise durch die Straßen Langensalza's und hielt vor dem Gasthause zur goldenen Krone. Dienstfertig .eilte der Wirth herbei, öffnete den Wagenschlag und führte den einzigen Insassen der Kutsche unter vielen Bücklingen in das Gastzimmer. Hier entledigte sich der Reisende seiner Ueberkleider und des um den Hals geschlungenen Tuches, und als er dann das nun freie Gesicht dem Wirthe zukehrte, schlug dieser vor Erstaunen die Hände zusammen und sagte voll Verwunderung: „Ja, ist es denn möglich? Sind Sie's denn wirklich? Herr Candidat Olearius?" „Ja, ja, ich bin's schon, mein lieber Herr Keiner, bin's leibhaftig. Aber jetzt nicht mehr der arme, hungernde Candidat, sondern der Hofprediger Sr. Majestät des Königs von Preußen." „Hof — Prediger?" Das Wort blieb dem Herrn Wirth fast im Hals stecken und fast wagte er es nicht, die ihm freundlichst dargereichte Hand zu fassen, so perplex hatte die Ueberraschung und der Respekt ihn gemacht. Dann aber eilte er hinaus und 354 befahl, daß man das beste Zimmer für den Herrn Hofprediger Herrichten solle und stieg, trotz seiner Korpulenz, in eigener Person in den Keller hinab, um zu Ehren seines Gastes eine Flasche seines besten Weines aus seinem Mutterfäßchcn zu zapfen. Als sie dann beisammen im Hintcrstübchcn saßen, und Olearius dem gespannt zuhörenden Gasthaltcr seine Schicksale erzählt, und dieser ein über das andere Mal vor Verwunderung und Erstaunen die Hände übcr'm Kopf zusammengeschlagen hatte, da sagte er darauf: „Und nun, Herr Kerner, nun berichtet auch Ihr mir, wie es inzwischen hier gegangen, und wie es den beiden Waisen geht, die ich vor nun beinahe vier Jahren verlassen und von deren Existenz ich seit jener Zeit nichts mehr vernommen habe." „Ach, mein lieber Herr Oberhofredigcr —" „Hof-, nicht Obcrhofprediger," fiel ihm Olearius bescheiden in's Wort. „Na, na, was nicht ist, kann ja noch werden," — meinte der Wirth schmunzelnd, indem er sein Glas hob und anstieß — „also mein lieber Herr Hofprcdigcr, sehen Sie, das ist eine traurige Geschichte, und der Lisbcth hat's alle Welt prophezeit, wie es kommen würde, und auch gekommen ist. Aber sie war verblendet und wollte ihr Unglück nicht erkennen, bis sie darin war und sich an der Sache nichts mehr ändern ließ Als Sie fort von hier waren, da machte sie gar kein Geheimniß mehr aus ihrem Verhältniß zu dem Herrn Lieutenant, und wenn Unsereins den Kopf schüttelte und sie warnte und bat, vorsichtig zu sein, da bekam er höchstens die kurze, schnippige Antwort: sie sei des Herrn Lieutenant Braut und er werde sie ehelichen, und im Ucbrigcn hätte Jeder vor seiner eigenen Thüre zu kehren genug, und brauche seine Nase nicht in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken. So kam es denn, daß man sie nach und nach gewähren ließ, obgleich alle rechtschaffenen Leute sich von ihr zurückzogen und sogar ihre Schwester Agathe das Haus verließ und zu meiner Base, der alten Silbermcicrn, zog, die wie Sie wissen, den kleinen Kramladen auf dem Markte hat, und die das brave, gute Kind mit offenen - Ärmcn aufnahm. Die Lisbcth aber trieb ihr Wesen mit dem Werbe-Offizier fort, und nach ein paar Monaten munkelten die Leute schon, es wäre bei ihr nicht mehr Alles richtig. Da eines Morgens erhielt der Herr Lieutenant Plötzlich Ordre, zu seinem Negimente einzurücken, und nun hätten Sie den Scandal sehen sollen. Auf dem Marktplätze sammelten sich die Soldaten und Rekruten, und der Herr Lieutenant sprengte gerade auf seinem Schimmel daher, und befahl den Abmarsch, da stürzte die Lisbcth plötzlich mit fliegenden Haaren und offenen Gewändern auf ihn zu, griff seinem Pferde in die Zügel und rief mit herzzerreißender Stimme: „Arthur, Arthur, Du darfst nicht allein fort, Du mußt mich mitnehmen, denk' an die Schwüre, die Du mir geleistet, denk' an das Kind, das ich unter dem Herzen trage." Der Herr Lieutenant versuchte zwar, sie zu beruhigen, aber sie hörte auf Nichts, sondern schrie in Einem fort: „Du mußt mich mitnehmen, ich lasse Dich nicht, ich bin Dein Weib vor Gott, wie Du tausendmal es mir gelobt." Da sie wie wahnsinnig sich geberdete, sich an ihn hing, und ihn vom Pferde herabzureißen drohte, so befahl der Offizier endlich einigen seiner Leute, die Unglückliche von ihm loszumachen, und verließ dann, verfolgt von den Verwünschungen der Umstehenden und dem Jammergeschrei der in convulsivischcn Zuckungen auf der Erde sich krümmenden Lisbcth, im Galopp die Stadt. Die unglückliche Person wurde darauf von ein paar Frauen nach ihrer Wohnung gebracht, und hier stellten sich bald unzweideutige Anzeigen einer baldigen Niederkunft ein. Agathe, das treue Herz, wich nicht von der Schwester Seite, die im fürchterlichsten Fiebcrwahnsinnc sich und ihren Verführer verfluchte. Nach einigen Tagen genaß Lisbcth eines Knäblcins, aber Mutter und Kind überlebten die Geburt nur einige Stunden. Draußen auf dem Gottesacker hat man sie zusammen in ein Grab gelegt und Agathe hat ein einfaches Kreuzlcin darauf setzen lassen und Pflegt mit liebender Hand die Blumen, die sie gepflanzt und die dio stille Stätte zieren, welche ein gebrochenes, armes Menschenherz birgt. Das, Herr Hos- 355 Prediger," — so schloß der Wirth — „ist die kurze, aber traurige Geschichte, die sich seit Ihrer Abwesenheit hier zugetragen." Stumm saß Olcarius da. Ein brennender, namenloser Schmerz erfüllte fein Inneres, und heiße, schwere Tropfen perlten auf seinen Wangen. Obgleich darauf vorbereitet, zu hören, daß Lischen gefallen und unglücklich durch diese unselige Liebe geworden sei, ein solch' trauriges Ende hatte er doch nicht erwartet. Plötzlich stand er auf, ergriff Hut und Stock, und dem ihn verwundert anstarrenden Wirthe die Hand drückend, verließ er mit schnellen Schritten das Haus. Unbekümmert um die ihn von allen Seiten begaffenden Kleinstädter, schritt er geraden Weges nach dem Friedhofe. Bald hatte er das Grab mit dem schmucklosen Kreuze gefunden, und überwältigt von seinem Gefühle, sank er auf die Kniee und barg weinend sein Haupt in die duftenden Blumen. Lebendig stieg die Vergangenheit wieder vor seiner Seele auf. Er gedachte sich wieder zurück, in sein ärmliches Stäbchen, bei der Wittwe Harnapp, und wie selig er damals in seiner stillen, heiligen Liebe zu Lischen gewesen. „O mein Gott!" — seufzte er, — „mußte es denn so kommen? Und doch ist es bester so," — sprach er dann gefaßter, „besser für sie und mich, daß es so gekommen. Ihr Herz war gebrochen, ihr Dasein vergiftet, und wie eine welke, geknickte Blume hätte sie ihr freudenloses Leben dahin schleppen mästen. Ja, ja, es ist besser so, denn nun hat sie Frieden und ich kann ohne Groll das heilige Andenken meiner ersten Liebe in meinem Herzen bewahren." Noch einen schmerzlichen Blick warf er auf das Grab, dann erhob er sich, um die Stätte des ewigen Friedens zu verlassen. Da, in demselben Momente, als er sich zum Gehen umwandte, prallte er plötzlich entsetzt zurück. Vor ihm, kaum drei Schritte entfernt, stand eine hohe, schöne Mädchengestalt und streckte ihm, Thränen in den treuen Augen, voll inniger Liebe die Hand entgegen. Olcarius aber, vor Schrecken fast gelähmt, hielt die eine Hand vor die Augen, wehrte mit der andern die auf ihn zuschreitende Gestalt ab und rief mit bebender Stimme: „Zurück, zurück, Phantom! Geist meines Lieschens, habe Erbarmen mit dem Frieden meiner Seele! — Im Namen der dreieinigen Gottheit beschwöre ich Dich, verschwinde!" Aber die Gestalt verschwand nicht, sondern eine weiche, warme Hand legte sich auf des zitternden Hofpredigers Arm, und eine süße, klagende Stimme fragte: „O kennen Sie mich denn nicht mehr, Herr Olcarius? Ich bin's ja — Agathe, Ihre frühere Schülerin." Der Klang dieser Stimme brachte den Prediger wieder zu sich selbst. Er ließ die Hand sinken und blickte mit Erstaunen und Bewunderung auf das Mädchen nieder, das ihn, sich zutraulich an ihn anschmiegend, mit glänzenden Augen betrachtete. „Agathe und nicht Elisabeth?" sprach nach einigen Sekunden Olcarius, halb wie von einem Traum befangen, „Leben, warmes, fröhliches Leben, kein Phantom! O wie schön und groß Du geworden bist" — sagte er dann, seine Rechte leicht auf ihr gold- lockiges Haupt legend, — „und so ähnlich ihr, der Unglücklichen, die dort in der kühlen Erde ruht. Der Himmel segne Dich, mein treues Kind, für das, was Du an den Verführten, Verblendeten gethan." „Ach, Herr Olcarius," — schluchzte Agathe, indem sie weinend ihr Köpfchen an seine Brust barg, — „sie war und blieb ja doch immer meine Schwester und ich meine immer, ich selbst trüge große Schuld, daß es so gekommen ist, ich hätte sie nicht verlassen, hätte nicht aus dem Hause gehen sollen. O meine arme, arme Lisbeth!" „Beruhige Dich, mein Kind," — sagte sanft Olcarius, — es mußte so kommen, wie es gekommen ist, denn also stand es verzeichnet im Buche der Geschicke. Der Herr wird Gnade haben mit einer armen Seele, die nicht aus Lust zum Bösen, sondern aus Unkenntniß desselben, vom Pfade der Tugend abirrte." 356 Inzwischen war die Dämmerung hereingebrochen, und da es schon im Spätherbstc war, so wurde es nach dem Schwinden der Sonne empfindlich kühl. Olearins fühlte, wie das Mädchen in seinem Arme vor Frost zitterte und besorgt ermähnte er sie, die Todcsstätte zu verlassen und heimzukehren. Willig gehorchte Agathe, und beide verließen in Gedanken versunken den Kirchhof, und Ichritten nach der Stadt. Mittlerweile hatte sich in dieser schon das Gerücht verbreitet, der Candidat Olearins sei zurückgekehrt und zwar als Hofprcdigcr des Königs von Preußen. Von allen Seiten drängten sich daher, sobald er die Stadt wieder betreten hatte, frühere Bekannte und Freunde herzu, um ihn zu bewillkommen. Mit Mühe gelang es ihm endlich, sich auf dem Marktplatze von der ihn umringenden Menge loszumachen und mit Agathe in das Haus der Pflegemutter derselben, der Frau Silbermaier, einzutreten. Die alte Frau empfing ihn mit herzlicher, ungeschminkter Freude, und rief ein über das andere Mal, indem sie die Hände zusammenschlug: „Na, was Sie groß und schön geworden sind, ist das ein Staat! Und Hofprediger sind Sie auch geworden? O du meine Güte! Und gar bei dem großen Friedrich! Ach, das Glück, das Glück!" Geschäftig eilte sie dann in die Küche, um ein gutes Adendessen bereit zu machen, und wie sehr sich auch Olearius dagegen sträubte, er mußte Theil daran nehmen, wollte er die gute Alte nicht tief betrüben und beleidigen. Spät in der Nacht erst machte er sich auf den Heimweg und mancherlei Gedanken durchkreuzten seinen Kopf, als er durch die stillen Straßen seinem Gasthofe zuschritt. Vor seinen Augen schwebte ein süßes Bild. Doch nicht der bleiche Schatten der Todten war es, der seine Phantasie beschäftigte, sondern die holde Gestalt Agathens, die wie ein lichter Stern das Dunkel seiner Seele durchstrahlte. „Sollte sie mich lieben?" — sprach er leise für sich hin. — „Oder ist es nur Mitleid mit dem geprüften früheren Lehrer, das sie bewegt, so freundlich, so liebevoll mir entgegen zu kommen? — Er rief sich jedes Wort, das sie gesprochen, in's Gedächtniß zurück. Er erinnerte sich daran, wie ihr, als er seine Lcidcnsschicksale erzählt hatte, die hellen Thränen in den Augen gestanden, und wie herzlich und innig sie ihm gute Nacht gewünscht. Schneller pochte sein Herz, und als er, in seiner Wohnung angekommen, sich zur Ruhe begeb n hatte, da umfingen ihn goldene Träume einer glücklichen, Wonnereichen Zukunft, an der Seite eines geliebten Weibes, und leise entschwebten die Gedanken seiner Seele, im Schlafe seinem Munde: „Agathe, süßes, theures Mädchen!" (Fortsetzung folgt.) Am Tage Aller-Seelen in der Kapuzinergruft in Wien, Es ist ein frommer und heiliger Brauch, daß am Tage Aller-Seelen den Erinnerungen an die Hingeschiedenen eine Wehmuthsthräne nachgeweint wird. Mit Blumen und Kränzen werden die Grabeshügel der theueren Hingeschiedenen geschmückt, und die Ruhestätte der Todten gleicht dann einem Blumengarten, welche die Pietät mit ihren schönsten Gaben geziert hat. An diesem heiligen Tage strömt die Bevölkerung Wiens au die stille Gruft der Kapuziner. Dort am Sarge des unvergeßlichen Kaisers Joseph,werden der Erinnerung die wehmuthsvollstcn Monumente von Alt und Jung, von Groß und Klein geweiht. Sei es uns heute gestattet, das düstere, schmcrzenreiche Bild seiner Sterbestunde zu malen; wir glauben dadurch eine Pflicht der Pietät und der Gerechtigkeit zu erfüllen. Der Kampf mit dem Leben war ausgekämpft, alle Schmerzen waren überwunden. Mit heiter strahlendem Angesicht lag Joseph auf seinem Lager; kein Wort des Unmuthes oder der Klage kam über seine Lippen. Er tröstete die Weinenden und hatte für jeden ein Wort der Beruhigung und der Liebe. Er schrieb noch in den letzten Tagen mit eigener zitternder Hand Abschicdsbricfe an seine Schwester, au den Fürsten Kaunitz und 357 an einige Damen seines näheren Umgangs, Briefe voll rührender Innigkeit und Zartheit, und unterzeichnete noch am 17. Februar achtzig Mal seinen Namen. - Aber jetzt fühlte er, daß seine Kräfte zu Ende waren, und als am Abend dieses Tages seine Freunde Lasch und Roscnbcrg zu ihm kamen, um die Nacht bei ihm zu wachen, winkte er sie mit der Hand dicht zu sich heran an sein Lager. Es geht zu Ende, meine Freunde," sagte er leise. „Die Lampe hat kein Oel mehr sie wird bald erlöschen. Still! Weinet nicht! Sagt mir heiter das letzte Lebewohl!" „Heiter?" fragte Lasch traurig, „heiter, wenn wir Sie niemals wieder sehen sollen?" Der Kaiser blickte sinnend zur Decke empor, „Wir werden uns wiedersehen," sagte er nach einer langen Pause. „Nicht hier auf Erden, aber im Jenseits. O, ich glaube an ein Jenseits, ich hoffe auf ein Jenseits! Muß es denn nicht ein Dasein geben, wo ich einigen Ersatz finde für Alles, was ich hier auf Erden gelitten?" „Und eine Strafe für Diejenigen, welche Ew. Majestät Leiden gemacht?" sagte Rosenberg düster. „Ich habe Allen verziehen," sagte der Kaiser lächelnd. „Kein Groll und kein Wermuth ist mehr in meinem Herzen; ich bin ganz resignirt! Ich hatte die gute Absicht und den redlichen Willen, mein Volk glücklich zu machen, ich zürne ihm nicht, daß es nicht annehmen wollte, was ich ihm geboten habe. Ich wünschte, man schrieb auf mein Grab: „Hier ruht ein Fürst, dessen Absichten rein waren, der aber das Unglück hatte, alle seine Entwürfe scheitern zu sehen." — Ach, meine Freunde, der Dichter hatte nicht Recht, wenn er sagt: du trdno uu osrvueil Is PU88NA6 68t terriblb" Ich vermisse den Thron nicht, und fühle mich ganz ruhig, nur ein wenig gekränkt durch so viel Lebensplage, so wenig Glückliche und so viel Undankbare gemacht zu haben. Allein das ist das gewöhnliche Schicksal der Männer auf dem Throne!" „Das Schicksal der großen Männer, die ihrer Zeit vorangehen," sagte Lascy , „das Schicksal Aller, die Großes wollen. Großes erstreben und den Völkern neue Ideen des Glücks, der Aufklärung und der Gcistesfreiheit bringen. Sie muffen Alle sterben als Märtyrer der Dummheit, des Uebclwollens und der Kleinlichkeit." „Ja, ein Märtyrer bin ich," sagte Joseph mit einem sanften Lächeln, „aber sie werden aus meinen Gebeinen keine Reliquien machen." „Aber die Liebe zu Eurer Majestät werden wir als heilige Reliquie in unserem Herzen tragen!" rief Graf Rosenberg weinend. „Sie sollen nicht weinen," sagte Joseph. Haben wir nicht schöne Tage der Treue und Freundschaft mit einander durchlebt? Wollen sie mir nicht auch jetzt noch Ihre Freundschaft beweisen, indem Sie mir ein heiteres Angesicht zeigen? Sie vor allen Dingen, Rosenberg, Sie, welche mir heute die letzte Freudenbotschaft gebracht, das letzte Freudeulächeln auf meinem Antlitz gesehen haben, als Sie mir meldeten, daß meine geliebte Nichte Elisabeth meinem Franz eine Tochter geschenkt hat. O, es ist schön, eine Freude mit in sein Grab zu nehmen und sterbend eine neue Hoffnung aufblühen zu sehen! Elisabeth wird dereinst Eure Kaiserin sein, liebt sie; Ihr, meine alten Getreuen, liebt sie um meinetwillen, denn ich habe sie geliebt wie mein eigenes Kind! Man hat mir seit einigen Stunden schon keine Nachricht von ihr gebracht. Es geht ihr gut, nicht wahr?" Die beiden Freunde antworteten nicht und senkten die Augen nieder. „Lascy!" rief der Kaiser, und jetzt fuhr wieder ein Ausdruck menschlichen Leidens durch die vorher so verklärten Züge. „Lasch, warum weinen Sie? Sie schweigen? Mein Gott, Sie schweigen ? Rosenberg, ich beschwöre Sie, sagen Sie mir die Wahrheit, wie steht es mit der Erzherzogin Elisabeth, mit meiner Tochter?" Er richtete sich halb empor und schaute in athcmloser Angst auf den Grafen hin. Dieser wagte es nicht, den Blicken des Kaisers zu begegnen. 358 „Die Erzherzogin Elisabeth ist sehr krank," sagte er leise. „Die Entbindung hat sie sehr angegriffen." „Ach, sie ist todt! rief der Kaiser, „nicht wahr, sie ist todt?" Niemand antwortete, nur die Thränen, welche in Lascy's und Nosenberg's Augen standen, gaben die Antwort. Josef stieß einen lauten Schmerzcnsschrei aus, und seine Arme zum Himmel streckend, rief er: „O Gott, Dein Wille geschehe! Aber was ich leide, ist unbeschreiblich! Ich meinte, ich wäre bereit, alle Todespein zu ertragen, die es Gott gefallen möchte, mir zu senden: aber dieses fürchterliche Unglück übersteigt Alles, was ich jemals gelitten hatte. Er sank zurück auf sein Lager und lag still und starr da eine lange, lange Zeit. Dann auf einmal richtete er sich wieder empor und seine Stimme war wieder kräftig und voll, und sein Auge hatte wieder Feuer und Glanz, und sein Ganzes zeigte wieder den Kaiser und den Herrscher, der vor allen Dingen sich selbst beherrscht. „Man soll die Erzherzogin mit allen Ehren, wie sie diese edle und erhabene Fürstin verdient, bestatten," sagte er. „Ihnen übertrage ich die Sorge, Rosen- berg, daß das Lcichenbcgängniß mit allem Pomp geschehe. Morgen soll die Leiche in der Hofkapelle ausgestellt werden, aber dann soll man sich beeilen, sie zur ewigen Ruhe in die Kaisergruft hinabzusenken, damit in der Hofkapclle Platz werde für meine eigene Leiche!" DaS war der letzte Befehl, den der Kaiser ertheilte, von nun an war er nur noch ein armer, sterbender Mensch, und nur Gott und seinem Volke galten seine letzten Gedanken. Er ließ seinen Beichtvater an sein Lager rufen und bat, ihm etwas aus dem Gesangbuche vorzulesen, ein Sterbegcbet. Mit gefalteten Händen hörte er zu, die großen Augen gen Himmel gewandt, aber plötzlich schien es, als wenn eine freudige Begeisterung über ihn komme und er begann laut die Worte des Gebetes mitzusprechen. „So bleiben nun Glaube, Hoffnung und Liebe!" betete der Geistliche. Der Kaiser wiederholte die drei letzten Worte. Er sprach das Wort Glaube mit tiefer Zuversicht, das Wort Hoffnung leise und schüchtern, das Wort Liebe aber rief er mit einer wahren freudigen Inbrunst. (Ramshorn, S. 449.) Dann wieder ward er ganz still. Die Gebete verstummten. Der Kaiser lag mit gefalteten Händen bleich und unbeweglich da. Einmal hörte man ihn leise sagen: „Herr, der Du mein Herz kennst, Dich rufe ich zum Zeugen an, daß ich Alles, was ich unternahm und befahl, aus keinen anderen Absichten, als zum Wohl und zum Besten meiner Unterthanen meinte. Dein Wille geschehe!" — (Hübncr.H. S. 502.) Dann wieder ward er still, ganz still. — Weinend, mit gefalteten Händen stand der Erzherzog Franz, Lasch und Rosenbcrg an seinem Lager. Der Kaiser sah sie mit seinen großen gebrochenen Augen an, aber er kannte sie nicht mehr. Alsdann wieder blitzte der Geist mit einem letzten Scheidegruß in seinen Augen auf und mit fester Stimme sagte er: „Ich glaube, meine Pflicht als Mensch und Regent erfüllt zu haben!" Dann wandte er sein Antlitz zur Seite. Wieder herrschte eine tiefe Stille. Auf einmal ward diese Stille unterbrochen von einem langen, schweren Seufzer. Es war der Todesscufzcr Josef des Zweiten. Ei« Lokomotivführer. Wenn Jemand einen beschwerlichen und furchtbar verantwortlichen Dienst hat, so ist es ein Lokomotivführer. Das geflügelte Wort, das unter ihnen umläuft: „Wir stehen mit dem einen Fuße im Zuchthaus, mit dem andern im Grabe," hat eine gewisse Wahrheit. Den gerechten Anforderungen, welche deutsche Lokomotivführer in einer kürzlich gehaltenen General-Versammlung erhoben haben, wird das Publikum zur Seite stehen. — In dieser Versammlung erzählte ein Mitglied folgendes Erlebniß: „Es war im Mai des Jahres 1856, als ich einen Schnellzug von X. nach Z. zu fahren hatte. Als ich in die Nähe der Zucker-Fabrik Y. kam, überzeugte ich mich von der richtigen Stellung der hier befindlichen Weiche; da aber die beiden Wcichensignal- Tafeln dicht hinter einander in ganz gleicher Höhe standen, so konnte ich nur die erstere sehen, da die zweite, von der ersten verdeckt, meinem Gesichtskreise vollständig entzogen war. Es beunruhigte mich dieser Zustand auch nicht; denn da die zweite Weiche in einen todten Strang führte, so sollte dieselbe nach der mir bekannten Instruktion für den Weichensteller stets verschlossen sein und nur behufs Einsetzens und Herausziehend von Wagen geöffnet werden. Wie groß aber war mein Schreck, als ich, näher gekommen, bemerkte, daß die linke Weichcnzunge (denn nur hierin konnte ich die Stellung dieser Weiche beurtheilen) nicht anliege und die Weiche daher geöffnet sei. Bei der großen Schnelligkeit des Zuges und der geringen Entfernung der Maschine bis zur Weiche war an ein Halten des Zuges nicht mehr zu denken und es mußte derselbe den 20 bis ZO Fuß hohen Damm hinabstürzen, wenn es mir nicht gelang, den Wärter auf die unrichtige Stellung der Weiche und der damit verbundenen Gefahr aufmerksam zu machen. So schnell als möglich nahm ich den Steuerungshcbel bei geöffnetem Regulator nach rückwärts, griff zur Dampfpfeife, um eincstheils den Wcichwärter, anderntheils das Zugpersonal durch schnell aufeinander folgende Töne auf die ungeheuere Gefahr aufmerksam zu machen. Der Wärter, welcher das Pfeifen hörte, meinte, es sei dem Zuge etwas passirt, und wendete, ohne die unrichtige Stellung seiner Weiche zu bemerken, demselben seine ganze Aufmerksamkeit zu. Immer näher kam der Zug, und nur einen Moment, und Alles, was sich im Zuge befand, war rettungslos verloren. Da, in der größten Verzweiflung, sprang ich auf den auf dem Führerstande befindlichen Radkasten, riß meine Mütze vorn Kopfe, winkte mit derselben dem Wärter zu und rief in der Verzweiflung, so laut es meine Stimme erlaubte: „Weiche herum, Weiche herum!" Alles vergebens, der Wärter wachte zwar eine Bewegung, wurde aber, da ich auf der rechten Seite der Maschine, der Wärter hingegen znr linken Seite deS Geleises stand, durch die Maschine selbst meinem Sehkreise entzogen, und als die Puffcrbohlc auch die Enden der Wcichcn- zungcn verdeckte, und diese noch immer offen stand, faßte ich den Entschluß, sobald die vordere Maschincnachse die Schienen verlassen würde, mein Leben durch einen Sprung nach dem Hauptgelcise hin zu retten. Wie groß aber war meine Ucbcrraschung, als ich den Moment gekommen wähnte und nun wahrnahm, daß der Zug nicht in das erwähnte Ncbengelcise gegangen, sondern auf dem Hauptgelcise geblieben war! Eö war dem Weichenwärter gelungen, die Weiche noch umzustellen, ehe die Vorderachse der Maschine in dieselbe hineingelaufen war, und so das Hinabstürzen des Zuges zu verhindern. — Alles hier Beschriebene war das Werk einiger Sekunden und Niemand wird im Stande sein, sich einen Begriff von dieser Situation zu machen. Der Schreck, die Angst, welche sich ini vorliegenden Falle bis zur höchsten Verzweiflung steigerte, dann wieder die plötzliche Freude (wenn diese Bezeichnung eine richtige ist) über die glückliche Rettung des Zuges und so vieler Menschenleben brachten in mir einen unbeschreiblichen Gcmüths- zustand hervor. Nur so viel sei gesagt: ich brach zusammen, gab dem noch immer nach rückwärts liegenden Steuerungshcbel einen Stoß, daß derselbe nach vorn flog, setzte mich auf den Radkasten und ein Strom von Thränen entquoll meinen Augen. Das Bewußtsein, viele Menschenleben gerettet zu haben, war meine Belohnung; von der Bahnverwaltung erhielt ich nicht die geringste Anerkennung. Trotz meiner recht kräftigen Körpcrconstitution konnte ich den ganzen Tag hindurch einer gewissen Aufregung nicht Herr werden. Selbst als ich mich in mein Bett gelegt Hatte, vor welchem ein kleines Tischchen mit Lampe stand, und mich mit Lesen beschäftigte, sah ich im Geiste die schrecklichsten Bilder an mir vorüberziehen; ich sah die vorn Damme hinuntergestürzte Lokomotive und die über dieselbe hinwcggeschleudertcn und zertrümmerten Personenwagen, ich sah Todte und Verwundete in großer Anzahl umherliegen, ich hörte das Wehklagen der letztem, kurz, ich konnte trotz aller Bemühungen nicht zur Ruhe gelangen. Nachdem ich die Lampe ausgelöscht und noch eine geraume Zeit wach im Bette 360 gelegen hatte, überwältigte mich die Müdigkeit und ich schlief ein. Plötzlich aber erwachte ich wieder, hörte um mich herum einen Höllenlärm, und als ich vollständig zur Besinnung gekommen war, sah ich, daß ich mich nicht mehr in meinem Bette befand, sondern mitten im Zimmer lag und ringsum die Trümmer des zerbroäienen NachttischchcnS und der Lampe. Ich hatte geträumt, ich befände mich auf der Maschine, der Zug gehe den Damm hinunter, und meinem Vorsätze getreu, hatte ich mein Leben durch einen Sprung nach dem Hauptgeleise zu retten versucht ..." Dein Wenn du noch eine Mutter hast. So danke Gott und sei zufrieden; Nicht allen auf dem Erdenrund Äst dieses hohe Glück beschicken. Wenn du noch eine Mutter hast. So sollst du sie mit Liebe Pflegen, Daß sie dereinst ihr müdes Haupt Äm Frieden kann zur Ruhe legen. Mutter. Sie lehrte dir den frommen Spruch Sie lehrte dir zuerst das Reden; Sie faltete die Hände dein Und lehrte dich zum Vater beten. Sie lenkte deinen Kindessinn, Sie wachte über deine Äugend; Der Mutter danke es allein. Wenn du noch gehst den Weg der Tugend. Denn was du bist, bist du durch sie Sie ist dein Sein, sie ist dein Werden; Sie ist dein allergrößtes Gut, Und ist dein größter Schatz auf Erden Des Vaters Wort ist ernst und streng, Die gute Mutter wilden's wieder; Des Vaters Segen baut das Haus, Der Fluch der Mutter reißt es nieder. Sie hat vorn ersten Tage an Für dich gelebt mit bangen Sorgen; Sie brachte Abends dich zur Ruh Und weckte küssend dich am Morgen. Und warst du krank, sie pflegte dein. Den sie mit tiefem Schmerz geboren; Und gaben Alle Dich schon auf — Die Mutter gab dich nicht verloren. Wie oft hat nicht die zarte Hand Auf deinem lockigen Haupt gelegen; Wie oft hat nicht ihr frommes Herz Gesicht für dich uni Gottes Segen! Und hattest du die Lieb' verkannt. Belohnt mit Undank ihre Treue: Die Mutter hat dir stets verzieh'«, Mit Liebe dich umfaßt aus'S Neue. Und hätte selbst das Muttcrhcrz Für dich gesorget noch so wenig; Das Wen'gc selbst vergiltst du nie. Und wärest du der reichste König! Die größten Opfer sind gering Für das, was sie für dich gegeben; Und hätte sie vergessen dich, So schenkte sie dir doch das Leben. Und hast du keine Mutter nichr, Und kannst du sie nicht mehr beglücken, So kannst du doch ihr frühes Grab Mit frischen Blumenkränzen schmücken. Ein Muttergrab ein heilig' Grab! Für dich die ewige heil'ge Stelle. O wende dich an diesen Ort, Wenn dich umtobt des Lebens Welle! Frage: Welcher Rath thut Einem oft die besten Dienste? Antwort: „-h,vaaoF" ao(§ Druck, Verlas ünd Redaktion des iiterarilchen Instituts vvu Lr. M. Huttier.