Nr. 48 . 29. Novbr. 1868 Augsbur^er Wenn gleich ein loses Maul mit Lästern auf dich tobet, So frage nichts darnach, dir wirst dadurch geziert; Man schätzt die Schmach nach dem, von dem sie hergerührt; Lobt mich ein guter Mann, so bin ich wohl gelobet. Maximilian's Ende. (Fortsetzung.) Es ist unbestreitbar, daß die Franzosen die Absicht hatten, dem Kaiser das Verbleiben in Mexiko möglichst zu verleiden und für den Fall, daß er dennoch beharrte, dafür zu sorgen, daß er sich nicht lange halten könne. Der napoleonische Plan eines mexikanischen Kaiserthums war von Haus aus auf die Voraussetzung gebaut, daH die amerikanische Rebellion siegreich sein werde. Prinz Salm geht ohne Zweifel zu weit, wenn er sagt, Napoleon habe eS mit der Gründung dieses Reiches gar nicht ernst gemeint, und als Beweis dafür den Umstand anführt, daß andernfalls der französische Herrscher die Conföderation der rebellischen Südstaaten kräftigst unterstützt haben würde. Napoleon that Dieß einfach deßhalb nicht, weil er das Wagniß zu kühn fand. Aber Recht hat der Prinz darin, daß die Unternehmung der Franzosen mehr eine Finanz- Operation als eine politische That sein sollte. Napoleon wollte die mexikanische Provinz Sonora gewinnen, und die Männer in seiner Umgebung, Morny und seine Genossen, wollten ungeheure Summen in die Tasche stecken. Es war den Meisten, "vielleicht mit Ausnahme Napoleon's und Maximilian's bekannt, daß die Spekulation auf die Millionen der Iccker'schen Forderung der eigentliche Ausgangspunkt des mexikanischen Abenteuers war. Wie der Beginn unwürdig, so der Fortgang schmachvoll. Maximilian mußte sich von seinen französischen Helfern die ärgsten Demüthigungen gefallen lassen; Marschall Bazaiue schrieb ihm unverschämte Briefe; die Franzosen mißhandelten auf's Aergste die Mexikaner der Kaiscrpartci und übten gegen die Republikaner die empörendste Grausamkeit. „Sie stahlen Alles, was sie nur konnten, und von den Anleihen flössen nur ncun- zehn Millionen in den Staatsschatz." Wohin die übrigen Millionen kamen, darüber hätten Morny, Rouher und andere Große des Bonapartismus wahrscheinlich gute Auskunft geben können. Jede Rücksicht schwand aber bis auf's Letzte, sobald der Sieg der Vereinigten Staaten über die Rebellion den Franzosen eine ungesäumte Heimkehr auferlegt hatte. Maximilian's Krone sollte das Gepäck auf ihrem Rückzug bilden. Es sollte ihm. klar gemacht werden, daß er ohne sie nichts sei. So weit ihre Wirksamkeit reichte, schnitten sie ihm nicht nur die Hilfsmittel ab, sondern bereiteten auch Alles zu seinem Verderben. Marschall Bazaine setzte jeder Organisation eines mexikanischen Heeres die erdenklichsten Schwierigkeiten entgegen; die Franzosen, die in demselben Dienst genommen hatten, bemühte er sich, zur Rückkehr in die Heimath zu verleiten, und wahrscheinlich von ihm angetrieben, thaten die Vertreter Oesterreichs und Belgiens ähnliche Schritte bei ihren Landsleuten. Die belgische Legion, bereits im Januar aufgelöst, hatte damals eine gezogene Batterie und ihre ausgezeichnet guten Gewehre dem französischen General Douai überliefern müssen, und Prinz Salm fand später diese Waffen in den Händen der feindlichen Truppen unter Porfirio Diaz wieder! Uebrigcns war es schon vor dem Erscheinen dieses Buches bekannte Sache, daß die Franzosen vor ihrem Abzug mit den Feinden Maximilian's unter Einer Decke spielten; sobald sie nicht mehr bleiben 378 konnten, erachtete Napoleon es für sein Interesse, der ganzen Kaiserposse ein Ende zu machen, damit sie ihm weiter leine Verlegenheiten schaffen könne. Als Maximilian von seinen Beschützern befreit war, faßte er den Plan, mit dem größeren Theil seiner Truppen nach den nördlichen Provinzen zu ziehen, um die feindlichen Abtheilungen einzeln zu vernichten. Der Plan war gut, allein er hätte mit entschlossenster Raschheit und Thatkraft ausgeführt werden müssen. Statt Dessen zeigte sich unentschiedenes Schwanken und Haltlosigkeit. Man wählte zum Mittelpunkt der Operationen die höchst ungünstig gelegene Stadt Queretaro, ließ sich dort mehr und mehr vom Feind einschließen und aushungern, und benutzte keine der günstigen Gelegenheiten, sich entweder nach Mexiko zurück oder an die Meeresküste durchzuschlagen; ja man versäumte sogar die Besetzung der Höhen umher, die die Stadt beherrschten. Ein europäisches Heer hätte Queretaro in drei Tagen genommen; die Mexikaner unter General Escobedo brauchten dazu drei Monate und die Beihilfe des Vcrraths. Maximilian war seit dem Tage, da er aus der Hauptstadt gezogen, von Denen, die er zurückgelassen, bereits gänzlich aufgegeben. Seine hingesendeten Befehle wurden nicht mehr beachtet; er verlangte, die in Mexiko zurückgebliebenen Truppen sollten ihm nachfolgen, seine Minister untersagten es. Er halte Marquez als seinen Stellvertreter hingesendet, und auch dieser, trotz seinem feierlich gegebenen Ehrenworte, schickte weder Truppen noch Geld; ja er verschmähte es sogar, dem Kaiser auch nur die geringste Mittheilung zukommen zu lasten, und benahm sich überhaupt so, als sei er von nun an allein der Beherrscher von Mexiko. Maximilian hatte am 13. Februar 1867 den Marsch nach Queretaro angetreten. Am Morgen des 5. Mai spielte der Verrath des Obersten Lopez die Stadt dem feindlichen General Escobedo in die Hände, und der Kaiser ward gesungen. In dieser langen Zeit von 12 Wochen war Fehler auf Fehler gehäuft worden. Mehr als ein siegreiches Gefecht mit den Truppen Escobedo's bot die beste Gelegenheit, sich durchzuschlagen; aber sie ward nicht bcnützl, trotz dem dringenden Mathe des Prinzen Salm. Und als Maximilian sich endlich zu dem unvermeidlich gewordenen Rückzug entschloß, verschob er ihn nicht nur von einem Tag zuni andern, sondern beging noch dazu den unverzeihlichen Fehler, seine Absicht nicht in das nothwendige Geheimniß zu hüllen. So gab er selbst durch unzeitige Mittheilung des Vorhabens dem Vcrräther Lopez die Möglichkeit, ihn den Feinden zu verkaufen. Gegen die Zusage einer bedeutenden Summe führte dieser persönlich am frühen Morgen die Feinde in den ihm anvertrauten Posten, das auf einem Hügel gelegene Kloster de la Santa Cruz. Der Entgelt, der einem solchen Dienst gebührte, ward ihm vollständig von den Mexikanern; sie haben ihm von dem vcsprochencn Vcrrätherlohn nicht einen Pfennig gezahlt. Uebrigcns weist Prinz Salm überzeugend nach, daß Lopez die Absicht hatte, wohl die Stadt, aber nicht den Kaiser dem Feinde zu überliefern; im Gegentheil wollte er ihm Zeit zur Flucht verschaffen. Gleich nach dem Eindringen der Republikaner schickte er seinen Mitschuldigen Oberstlieutenant Zablonski zum Kaiser, um ihn von dem Erfolg der Feinde zu benachrichtigen; hierauf eilte er selbst zum Prinzen Salm und forderte ihn auf, den Kaiser zu retten. Als sodann Maximilian mit dem Prinzen und drei andern Begleitern sein Quartier verließ, traf er sofort auf Lopez und den feindlichen Obersten Don Josö Rincon Gallardo; dieser erkannte den Kaiser; allein er wandte sich an seine Soldaten und sagte Lus pssmn sen paisanos. (Können passiren, sind Bürger.) „Die Soldaten traten zur Seite, und wir gingen an ihnen vorbei, — der Kaiser, Castillo, Pradillo und ich in voller Uniform und Sekretär Blasio! Der ganze Vorgang war so überraschend und auffallend, daß ich dem Kaiser erstaunt und fragend ins Gesicht sah. Er verstand meinen Blick und sagte: „Sehen Sie, es schadet niemals, wenn man Gutes thut. Die Mutter des feindlichen Offiziers, der uns passiren ließ, war sehr häufig bei der Kaiserin, die ihr viele Wohlthaten erwiesen hat. Thun Sie Gutes, Salm, wann immer Sie können. . . Gleich darauf kam Lopez zu Pferde und bewaffnet. Er drang in den Kaiser, sich in das Haus des Bankiers Rubio zu begeben, dort werde er sicher sein; 379 allein der Kaiser sagte: „Ich verstecke mich nicht", — und Lopez ritt wieder zurück. Plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, stand der Schecke des Kaisers an der Hand» seines mexikanischen Reitknechts vor uns, wie ich vermuthe, von Lopez selbst mitgebracht, der augenscheinlich nicht die Freiheit und das Leben des Kaisers in sein Verbrechen deS Verraths mit einschließen wollte. Während der Kaiser auf das Festungswerk Oorro cks tu Osmpana (Glockcnhügel!) flüchtete, traf Lopez noch einmal mit einem feindlichen Bataillon auf ihn; allein als die Offiziere desselben den Kaiser sahen, verkürzten sie ihren Schritt. So gelangte Maximilian unbehelligt auf den Hügel: allein da seine meisten Truppen zum Feinde übergingen, und es ganz unmöglich war, mit dem schwachen Neste durch Escobedo's Heer zu brechen, so blieb ihm nichts übrig, als sich zu ergeben. Der letzte Akt des Trauerspiels ist noch frisch in Aller Gedächtniß. Lopez hat am 31. Juli 1867 in Mexiko eine Flugschrift drucken lasten, um sich von dem Vorwarf des Verraths zu reinigen. Es ist ihm Das aber sehr übel bekommen. Wenige Tage nach dem Erscheinen der Flugschrift veröffentlichten 41 Stabsoffiziere deS kaiserlichen Heeres aus ihren: Gefängniß in Morclia eine Entgegnung, die die vollständigen Beweise für den geübten Verrath brachte. Auch Prinz Salm, obschon im Gefängniß zu Qucretaro und noch in Todesgefahr schwebend, unterließ nicht in einem Briefe vonr 4. Oktober 1867 dem schmählichen Menschen die Thatsachen vorzurücken, die Jeden von seiner Schuld überzeugen mußten. Aus diesem Brief erfahren wir unter Anderem, daß. Lopez das Eindringen der Republikaner dazu benutzte, vor Allem das Archiv des Kaisers und dessen silberne Waschtoilctte zu stehlen. Maximilian's Charakter tritt in dem Buche des Prinzen Salm auf das Günstigste hervor. Er war in der That eine wohlwollende, menschenfreundliche Natur, und hoch erhebt ihn die Ruhe, Milde, freundliche Gelassenheit, mit der er bis zum letzten Augenblick die Härte seines Geschickes trug. Er hatte sich in der kurzen Zeit seiner Herrschaft viele Liebe gewonnen, und selbst bei seinen Feinden erwarb er ungetrübte Hochachtung, die sich öfters bis zur Anhänglichkeit steigerte. Am Morgen seiner Hinrichtung sagte ein mcxicanischer Oberst zum Prinzen Salm: „Ich wollte, ich hätte Maximilian nie kennen gelernt! Ich war sein erbitterter Feind; aber durch seine heitere, erhabene Ruhe im Unglück und durch seine Liebenswürdigkeit gewann er mich ganz. Als ich ihn so eben sah, brach mir das Herz, und ich schäme mich nicht, zu gestehen, daß ich in ein Nebenzimmer ging und weinte." Es waren eigentlich nur der Präsident Juarez und General Escobedo, die auf der Hinrichtung Maximilians bestanden; ersterer aus Gründen der Politik, der Letztere, weil Zwecke persönlichen Ehrgeizes ihn antrieben. Erst vor wenigen Monaten, als Miramon die Stadt Sän LuiS de Polosi, wo Juarez damals verweilte, überfiel und einnahm^ hatte Maximilian seinem General befohlen, wenn er Juarez gefangen nehme, ihn mit aller möglichen Milde zn. behandeln. Mit Maximilian ließ der General Escobedo, wie bekannt, auch Miramon und Mejia zur Gesellschaft erschießen. Der Letztere hatte einmal in früheren Zeiten Escobedo gefangen genommen, aber, als diesen das Kriegsgericht zum Tod vcrurthcilte, ihm die Mittel zur Flucht verschafft und Reisegeld gegeben. Escobedo lohnte ihm jetzt nach seiner Art. Die Freunde Maximilian's und deren waren nicht wenige, selbst im Lager der Republikaner, hatten die Zeit zwischen seiner Gefangennahme und Hinrichtung, zu benutzen gesucht, um ihm zum Entkommen zu verhelfen. Aber die wohlangelegten Plane mißlangen, und zwar durch die Schuld der diplomatischen Vertreter von Belgien und Oesterreich. Maximilian hatte, als er vor,s Kriegsgericht gestellt ward, von Mexico zwei Rechtsbeistände begehrt und auch die Gesandten und Geschäftsträger ersuchen lassen, sich in Querctaro eiiizufindcn. Die Anwälte kamen; von den diplomatischen Vertretern stellten sich die der beiden verwandten Höfe ein, also der belgische und der österreichische, Baron Lago, der preußische und italienische. Der französische Gesandte Dano blieb selbstverständlich aus. Baron Lago zeigte in seiner ganzen Wirksamkeit nichts, als eine grenzenlose Furcht vor dem Galgen. Der Prinz Salm und seine Gemahlin hatten die 380 mexikanischen Obersten Villanuova und PalacioS — Letzterer führte den Befehl im Gefängniß — gegen das Versprechen großer Geldsummen gewonnen. Der Kaiser stellte Wechsel aus; allein PalacioS wollte wenigstens fünftausend Dollars baare Anzahlung haben. Das Geld war nicht aufzutrcibcn; die Gesandten konnten oder wollten nichts geben. Nun sollten die Wechsel wenigstens von den Vertretern Oesterreichs und Belgiens mitunterzeichnet werden. Aber Herr v. Lago, der vorher es für unmöglich erklärt hatte, daß man den Kaiser erschieße, bekam jetzt Angst, dieses Schicksal möchte gar noch seine geheiligte diplomatische Persönlichkeit treffen, und verweigerte die Unterzeichnung. Noch in derselben Nacht verrieth PalacioS dem General Escobedo den Plan, und Alles war vorüber. Der Prinz Salm erscheint in diesen Aufzeichnungen als eine tapfere, treue Soldatcnnatur. Als eine wahre Heldengestalt tritt seine Gattin hervor, eine Amerikanerin aus der großen Republik. Man muß in dem Buche ihres Gemahls und in ihrem eigenen Aufzeichnungen lesen, welche Wagnisse sie unternahm, welche Gefahren sie kaltblütig bestand, um den Kaiser und ihren Gatten zu retten. Bald reiste sie nach Mexico zu Marquez, bald nach Sän Luis zu Juarez, bald zu den republikanischen Generalen, mitten durch die Feinde, meist allein und ohne anderen Schutz, als den ihres eigenen Muthes. So eilte sie hin und her, versuchte Unterhandlungen anzuknüpfen, drängte die feindlichen Häuptlinge mit fast unwiderstehlichen Bitten, mühte sich, unter den Feinden Werkzeuge für die Befreiung des Kaisers zu gewinnen. Hätte Maximilian ein halb Dutzend Männer gehabt, wie die Prinzessin Salm, er hätte gewiß ein besseres und schöneres Ende gefunden. (Fortsetzung folgt.) Mongkut, Köuig von Siam. Der Telegraph hat uns das Hinscheiden des ersten Königs von Siam gemeldet, und mit ihm ist jedenfalls der geistig am höchsten stehende, für abendländisches Wesen am meisten empfängliche Herrscher Asiens dahingegangen. War Mongkut auch der unbe- schränkte Gebieter, der über Leben und Tod seiner Siamcscn zu befehlen hatte, wie andere asiatische Despoten ebenfalls, blieben auch seinem Volke die Segnungen unserer Civilisation fern, so herrschte doch an dem üppigen Hofe zu Bangkok neben orientalischer Pracht ein reger Geist für die Wissenschaften, die in dem verstorbenen Fürsten einen eifrigen Förderer und Verehrer fanden. Kann man auch nicht behaupten, daß dem in einem budhistischcn Kloster aufgewachsenen Fürsten unsere Cultur ganz und gar zugängig geworden sei, blieb er, vermöge seiner asiatischen Abkunft und Umgebung, immer in einer gewissen Halbheit stecken, so hat er es doch an redlichem Willen, an eisernem Fleiß nicht fehlen lassen. Wo wäre der europäische Fürst, der so viele Sprachen redete, wie der jetzt verstorbene erste König von Siam sprach? Die Zeit, als er Mönch war, hat er vortrefflich benutzt. Er studirte nicht nur das Pali und die hl. Schriften, sondern lernte auch von französischen Missionären Lateinisch. Seitdem liebte er es sich Uox Liainoii- sium zu unterzeichnen. Später gaben ihm amerikanische Glaubensboten Unterricht im Englischen. Alle Sprachen Hintcrindicns, Cvchinchinesisch, Birmanisch, Peguanisch, Malayisch und auch Hindostanisch, waren ihm geläufig. Mongkut war am 18. Oct. 1804 geboren. Er war der Thronerbe als sein Vater i. I. 1825 starb, allein durch eine Weiberintrigue gelangte nicht er, sondern sein von einer Nebenfrau stammender Halbbruder Kromkluat auf den Thron, der nun in echt orientalischer Ueppigkeit ein Viertcijahrhundcrt über Siam herrschte. Diese Zeit benutzte Mongkut um in der Zurückgczogcnheit eines Klosters sich ganz den Wissenschaften hinzugeben; er wurde buddhistischer Mönch, drang tief in die Lehren seiner Religion ein, und versuchte gegen Mißbräuche derselben informatorisch aufzutreten. Ganz verschieden von dem Fanatismus der sonst uns wohl iiu Orient entgegentritt, zeichnete ihn in religiösen » 381 Dingen eine milde Duldsamkeit aus, die er sich bis an das Ende seiner Tage bewahrte. Er liebte es mit christlichen Geistlichen zu verkehren, und mit ihnen über die Grundsätze unserer Religion zu Philosophiren. Als ihn unser Landsmann, der Bremer Adolf Bastian, i. I. 1862 besuchte, begann er mit diesem sogleich ein Gespräch über die verschiedenen Formen, welche der Buddhismus angenommen habe, dabei bemerkend, daß der nepalesische Glaube an Adi-Buddha der christlichen Anschauung am nächsten komme. Neben theologischen Studien, die durch eine große Bibliothek unterstützt wurden, pflegte er sich mit Musik zu beschäftigen; er spielte Klavier, und besaß ein Laboratorium mit Physikalischen und chemischen Instrumenten. Auch verstand er vortrefflich zu photographircn. Aus dieser beschaulichen Zurückgezogenheit riß ihn das Jahr 1851. Er hatte es zu den höchsten geistlichen Würden gebracht und dachte nicht mehr daran, nochmals sich mit weltlichen Dingen befassen zu müssen. Da starb Kromkluat, der den Thron usurpirt hatte und Mongkut wurde sein Nachfolger. Am 18. März 1851 nahm er die Titel eines Königs von Siam an, die hochtönender und zahlreicher sind als selbst diejenigen des Kaisers von Oesterreich. Als die gewöhnlichsten darunter erwähnen wir Phra Maha Krasat (der erhabene Herr und Kaiser); Maha Chakrophatiraxa (der mächtige Kaiser des drehenden RadeS); Chao-Pendin (der Herr des Erdkreises); Phra-Chom-Klao-Ju-Hua (der heilige Scheitel, welcher gebietet); Chao xivit (der Herr des Lebens). Als Träger der Krone übte er nun unbegränzte Vollgemalt aus, er wurde göttlich verehrt, und seine Umgebung rutschte nur auf den Knieen zu ihm hin. Was ihn umgab war heilig, so gut wie die Nase Sr. Majestät, die in der Paliform Phra-Nasa heißt. Alle von ihm gebrauchten Gegenstände und die Möbel des Palastes empfingen vornehme Titel, selbst ein wesentliches Toilettenstück des'Schlafgemachs Mo-Long-Phra-Bangkhom in ur>um imßsi» ciominu8 lrullöus!). In der Vielweiberei machte König Mongkut keine Ausnahme von andern orientalischen Herrschern; außer zwei ihm rechtmäßig angetrauten Gattinnen (Akamahesi) besaß er noch 600 Concubinen. Anfangs noch der siamesischen Kleidung zugethan, liebte er es später sich in einer Art von gemischter Tracht zu zeigen. Ex trug eine schottische Mütze, Strümpfe und Pantoffeln, dazu einen Säbel und Stock mit golbcnem Knopf. Während seine Gemahlinnen Roben aus Paris bezogen, exercirlen seine Truppen nach europäischer Weise, trugen die Garde-Amazonen — eine alte siamesische Einrichtung —- vollständige schottische Hochlandstracht mit Kilt, Purse und Bonnct. Neben solchen Acußerlichkeiten, wohin wir auch die Porträte europäischer Potentaten, die den Palast des Königs zieren, rechnen müssen, suchte aber Mongkut das abenländische Wesen in der That zu erfassen, und daß es hierbei sich nicht um bloße Spielerei handelte, geht schon daraus hervor, daß er bis an das Ende seiner Tage den gelehrten Neigungen treu blieb. Die englischen Zeitungen las er regelmäßig, und seine Bibliothek, der ein besonderer Archivdirektor (Phra Alak) vorstand, wurde wirklich benutzt. Bastian sah in derselben Abzüge englisch abgefaßter Aktenstücke, die der König aus seiner Privatdruckcrei zur Cocrectur dahin geschickt hatte. Jährlich wurde im Palast ein Staatskalcnder verfaßt, der ganz Siam mit den wichtigsten Ereignissen bekannt machte, und der Redakteur dieses „Almanaque de Bangkok" war niemand geringeres als Se. Majestät König Monkut. Er baute auch Canäle, Festungen, besaß europäische Schiffe und verkehrte gern im philosophischen Gespräch mit dem Vorstand der katholischen Mission, Bischof Paillcgoix. Als dieser ausgezeichnete Mann, dem wir ein vortrefflliches Werk über Siam verdanken, und der auch die Correspondenz zwischen Mongkut und Pius IX. vermittelte, im Jahr 1862 zu Bangkok starb, schrieb der König sofort einen Condolenzbricf an die Missionäre, in welchem er bat zur Erhöhung der Leichenfeicrlichkeit seines verstorbenen Freundes beitragen zu dürfen „soviel die Bräuche der christlichen Religion dergleichen statthaft erscheinen lassen." Dankbar nahm man dieses Anerbieten an. Da der Begräbnißzng auf dem Menamstrome, der Hauptverkehrsstraße Bangkoks, sich bewegen mußte, so sandte Mongkut sein Palast- Dschunke zur Aufnahme der Leiche, ließ die königliche Flagge zum Trauerzeichen auf hal- 382 den Mast hissen, und begab sich selbst in einem Dampfer auf den Strom, um dem Freunde die letzte Ehre zu erweisen. Zum Andenken an diesen übersandten die Missionäre dem König einen Ring, welchen der Verstorbene getragen. Charakteristisch für ihn ist das Schreiben mit welchem er für diese Gabe dankte. Es ist datirt vom 9. Juli 1862, und lautet: „Der hochwürdige Bischof von Mallos ist 28 Jahre lang mein guter, inniger und aufrichtiger Freund gewesen. Der Inhalt Ihres Schreibens und das Geschenk haben mir große Freude bereitet. Diesen geweihten Ring — ich habe ihn gleich wieder erkannt — trug der Selige als er mich zum erstenmal besuchte. Er trug ihn am Finger, wenn er den Segen sprach über das christliche Volk. Mit Vergnügen vernehme ich den Wunsch, welchen sie mir ausdrücken: daß dieses Erinnerungszeichen an meinen seligen Freund auch für mich eine Quelle des Segens sein möge." Mongkut gab hiemit einen Beweis der höchsten Duldsamkeit gegenüber dem Bischof einer andern Kirche, wie er in ähnlicher Weise von den Beherrschern des Abendlandes uns nicht bekannt geworden ist. Auch die europäischen Kaufleute die sich in Bangkok niedergelassen haben, fanden in ihm einen eifrigen Beschützer. Zweimal schickte er Gesandtschaften nach Europa, so 1857 nach London, 1861 nach Paris und Rom. Während in Japan, China und andern Ländern Ostasiens die Europäer oft auf feindselige Gesinnungen stießen, ist ihnen in Siam niemals etwas in den Weg gelegt worden. Sie konnten unter Mongkuts Regierung Proselyten machen und Geld erwerben; auch hielt er redlich die abgeschlossenen Verträge und gicng solche willig ein mit jeder europäischen Macht die bei ihm anklopfte. So 1860 mit dem Zollverein. Bei alledem ist König Mongkut doch Siamese geblieben. Er wußte es selbst recht gut, und hatte es auch zu wiedcrholtenmalen ausgesprochen, daß er in der Halbheit stecke. Die Zustände in Siam waren verwildert und ließen sich Kicht ohne weiters reformircu. Sein Bock konnte er nicht ändern, und die hergebrachte Ordnung durste nicht angetastet werden. Die Sklaverei uud andere mißbräuchliche Einrichtungen blieben unter ihm nach wie vor. Aber Milde und Gerechtigkeit ließ er walten, soweit es der nothwendige Despotismus ihm gestattete. Ohne die Verehrung deS weißen Elephanten, die für einen so gebildeten Mann allerdings sonderbar erscheint, ohne 600 Kebsweiber, ohne Pracht und Luxus würde er kein König von Siam gewesen sein. Er trennte daher den Gelehrte» von diesem und war ganz Europäer wenn er sich in sein im floren inischcn Styl erbautes Sanssouci zurückzog, über welchem die Worte stehen: ko^al pleasure. König Mongkut wird immer als eine hervorragende Erscheinung unter den Monarchen des Orients gelten müssen, und wir bedauern nur, daß sein Wirken nicht auch auf das Volk von Einfluß werden konnte. (A. Z.) Rothschild. Rothschild heißen und sterben, ist das nicht ein Jammer? fragt der Chronikschreiber des „Gaulois." Rothschild! Klingt Euch der Name nicht in's Ohr, wie das Rollen der Goldstücke auf dem Zahlbrctt? War es wohl der Mühe werth, mit Hilfe von Millionen einen Thron zu errichten, dessen Fuß an die höchsten Kronen reichte, die größten Könige zu Höflingen zu machen, der reichste Finanzmaun der Welt zu sein, um schließlich wie ein Bettler an Gicht und Gelbsucht zu sterben? Wozu also die Millionen? Hätte Herr v. Rothschild noch das Vergnügen, mich zu hören — kein Zweifel, mit dem deutschen Accent, der seine Worte so sehr charaktcrisirte (mit uns f»i8 — hören Sie einmal! begann er fast regelmäßig) würde er mich unterbrechen: „Wozu die Millionen? Nun, um neue daraus zu gewinnen." Zeichnen wir einen Tag aus dem Leben des scchsundsicbenzigjährigcn Mannes: Um sieben Uhr Morgens, im Sommer wie im Winter, kam der Vorleser an sein Bett mit den Journalen. Die Kammcrberichtc im Mvnitcur wurden bis auf das letzte Wort 383 gelesen, daneben aber auch die Anekdoten und Lückenbüßer der kleinen Blätter, und wenn der Baron bei guter Laune war, so amüfirte er sich auch an den Scandalgeschichten vor und hinter den Coulissen. Alles das, während Felix, sein Kammerdiener, ihn ankleidete. Felix ist der Kammerdiener pur exaallenee, der gute Diener von ehemals, treu wie ein Pudel, ein echtes Freundesherz, dabei ein wenig tyrannisch, da man's ihm nicht übel nimmt. Was ist das für ein Ucberrock, Felix? „Der, welchen der Herr Baron heute anziehen werden." Aber der, den ich gestern trug, gefällt mir besser. „Mag sein, aber der Herr Baron wissen nicht, daß sich das Wetter geändert hat." Thut nichts, ich will lieber den anderen. „Der Herr Baron werden aber diesen anziehen." Und lachend zog Herr v. Rothschild den ihm von Felix gereichten Ucberrock an. Um 8 Uhr frühstückte der Baron. Alsdann empfing er seine Sekretäre, 7 bis 8 an der Zahl, und erst nachdem die ganze Geschäfts - Corrcspondenz, die sie ihm brachten, erledigt war, ging er an seine Privat-Corrcspondenz. Gegen 9'/^ Uhr empfing er gewöhnlich einige Antiquare und Kunsthändler. Er war ein großer Liebhaber von Raritäten und Kunstgegcnständen und soll u. A. eine ausgezeichnete Dosen-Sammlung hinterlassen haben. Gegen 11 Uhr begab er sich in die Bureaux, um dort die Wechsel- Agenten zu empfangen. Bisweilen besuchte er darauf eines der zahlreichen Comits's, zu denen er gehörte, stets fand er sich aber um 1 Uhr in dem an sein Bureau stoßenden Kabinet wieder ein, um dort mit seinen drei Söhnen zu frühstücken. Während des Essens beschäftigte er sich mit den häuslichen Angelegenheiten und empfing er auch Geschäftsbesuche; gegen drei Uhr machte er, gewöhnlich zu Wagen, eine Promenade, von der er nach einer Stunde zurückkehrte, um seine Privat-Corrcspondenz zu beenden, und die Geschäftsbriefe zu unterzeichnen, deren Inhalt er am Morgen angegeben hatte. Um fünf Uhr begann er im Jockey-Club seine unumgängliche Partie Whist, kehrte gegen sieben Uhr zum Diner zurück und beschloß den Abend in einem Theater. Regelmäßig legte er sich zwischen 11 und 12 Uhr schlafen. So war sein Leben geregelt, wie sein Hauptbuch; nur seine Thätigkeit kannte kein Maß, sei es in großen Dingen, sei es in Kleinigkeiten. Noch vor Kurzem konstatirte er in seinen Bureaux das übermäßig lange Ausbleiben seiner Beamten mit dem malerischen und zugleich melancholischen Ausruf: „Auf Ehrenwort, ich bin gar kein Bureau mehr, ich bin eine Wüste." Gegen seine Beamten war er grob und spröde, vertrug keine Einwendung und schrie, wenn man nur Miene machte, sich ihm zu widersetzen: Den Teufel auch! Hier bin ich Herr! War der Einwand richtig, so fügte er sich, aber erst später, ohne Schwierigkeit. Zu seinen Kraftausdrückcn gehörte auch der folgende: „Herr, fangen Sie noch ein halb Dutzend halbmal wieder an, so werfe ich Sie hinaus!" Das mag ein bischen zu stark sein, aber es zeichnet den Mann. Konnte man ihm aber auch mit Recht vorwerfen, gegen die Kleinen allzu grob zu sein, so muß man ihm doch die Ehre lassen, daß er sich auch bei den Großen darauf verstand. Man erinnere sich nur an die Erzählung von jener vornehmen Persönlichkeit, die in das Cabinet Rothschilds eindrang, während er noch beschäftigt war. Nehmen Sie einen Stuhl, sagte der Baron, ohne aufzusehen. Verzeihung, cntgcgnete der Besucher ein wenig verletzt, Sie haben wohl meinen Namen nicht gehört, ich bin der Baron von . . . Schon gut, erwiederte Rothschild, ohne die Augen von seinen Papieren abzuwenden, so nehmen Sie zwei Stühle. In diesen Worten spiegelt sich der ganze Mann. Vielleicht entsprang diese kurz angebundene Form aus einem bittern Widerwillen; man sagt, er habe eine recht gründliche Verachtung gegen das ganze Menschengeschlecht gehabt. Wie hätte es denn auch 384 anders sein sollen, gegenüber all' den Kriechereien, all' der Gemeinheit, zu deren ent« setztem Zuschauer ihn schon frühzeitig das Schicksal verdammt hatte! Ucberlaufen von niedrigen Speichelleckern, von zudringlichen Bettlern, bestürmt mit Anerbictungen von Weibern ohne Scham, von Börsenjobbern ohne Gewissen, mußte er da nicht herzlos wer- den und in allgemeiner Verachtung seiner ganzen Umgebung seinem Abscheu in wirklicher oder erheuchelter Grobheit Ausdruck geben? Man kann sich keine Idee von der Zahl der Briefe machen, welche mit Bitten um Hilfe jeder Art täglich bei ihm ankamen. Da schrieb zum Beispiel Jemand ganz einfach: „Die Natur hat Sie mit allen ihren Gaben begünstigt. Warum wollten Sie nun wich nicht in den Stand setzen, gemächlich zu leben, mich, der ich nichts habe? 60 000 Franks würden mir genügen. Wollen Sie mir nur die Rente von denselben zukommen lassen, so würden wir uns darüber wohl verständigen können u. s. w." Oder ein Erfinder schrieb: „Herr Baron! Auf der Spur einer epochemachenden Erfindung „wctterverkündender Pantoffeln (oder Regenschirm - Pfropfen- ziehcr, oder des unversenkbarcn Omnibus)" fehlt mir nur die Kleinigkeit von 25,000 Franks und ich rechne darauf u. s. w." Der Briefsteller schrieb auch wohl gar: „Wenn Sie morgen, Mittwoch um 5 Uhr Abends, nicht 100,000 Franks unter dem «nd dem Stein niedergelegt haben, so ... " Dergleichen Briefe erhielt der Baron 150 oder 200 jeden Morgen, und darin alle Ausgeburten der Narrheit, des Elends und der Verworfenheit. Der Eine kam mit Bitten, der Andere mit Drohungen; Dem sollte er die Ehre retten, Jenem sein verlorenes Vermögen wiedergeben; der Eine verlangte Mittel, um Paris zu verlassen, der Andere, um dahin zurückzukehren. Und nicht ein Brief kam abhanden; es war gar nicht zu fürchten, daß die Post je einen verlieren könnte, und die mit den unsinnigsten Adressen kamen erst recht an. Mehrmals liefen Briefe ein mit der Adresse: „Herrn Baron von Roi-de-Chine," und sie gingen nach der Nne Lafittc, denn Herr Vandal hatte begriffen. Und — kaum sollte man eS glauben — auf alle diese Briefe erfolgte Antwort. Ein besonderes Bureau, das Bureau für Arme, hatte diese gewaltige Corrcspondcnz zu besorgen und die Vertheilung der Almosen damit zu verbinden. Was diese betrifft, so war der Baron — das muß man sagen — sehr freigebig, und doch bin ich sicher, daß das erste Wort Derer, die sie — wie hoch auch der Betrag und wie gering ihr Anrecht -— empfingen, also lautete: „Wie? das ist Alles? Das war auch der Mühe werth! — Das Geld in Scheffeln messen können, und so knauserig gegen die Armuth! O, pfui, welch' Elend. Das ist Alles?" (Wortspiel.) Ein gewisser Lang in Breslau hatte ein sehr langes Verhältniß mit Fräulein Kurz daselbst. Ein anderer Jüngling, der Fräulein Kurz schon lang für sich selbst wünschte, flüsterte boshaft dem Vormund des Mädchens in's Ohr: seine Bekanntschaft mit Herrn Lang sei zwar noch sehr kurz, aber er sei schon lang der Meinung gewesen, daß Lang Fräulein Kurz noch lang hinziehen werde. Der Vormund nannte Beide im Zorne lang und kurz, wenn sie nicht über Lang und Kurz endlich die Sache kurz abmachten und Lang Kurz heirathete. Herr Lang meinte, er würde Kurz schon lang gcheirathct haben, wenn sein Vater ihn nicht zu kurz hielte. Der Vormund bewilligte Lang noch kurze Zeit, dann war Hochzeit und Kurz wurde Lang. Nachher aber beklagte sich Lang, er sei zu kurz gekommen, indem er Kurz genommen, denn der Vormund hatte das Vermögen seines Mündels schon lang verkürzt, so daß das Wenige, welches der Kurz blieb, kaum zur noth- dürftigsten Einrichtung der Wirthschaft Längs langte. Und so ist man denn jetzt neugierig, wie lang die Kurz mit Lang noch gut Hausen werde. Druck, Lerlaa und Redaktion des literartschen Instituts Son vr. M. Huttle^k