Nr. 4S. 6. Decbr. 1868. Laß dich nur für kurze Zeit Zum Widerspruch verleiten. Weise fallen in Unwissenheit, Wann sie mit Unwissenden streiten. Maximilian's Ende. (Fortsetzung.) (Fragmente aus dem Tagebuche der Prinzessin Agnes zu Salm-Salm.) (Wir möchten das kürzlich im Buchhandel erschienene zweibändige Werk: „Querctaro" des Prinzen Salm warm cmplehlen und die Aufmerksamkeit der Leser besonders auf die „Tagbuchblätter" der Prin z e s s i n Salm lenken. Indem wir nun das Interessanteste aus diesen „Tagbuchblättern" hier mittheilen, glauben wir sowohl dem Buche als auch unserem geehrten Leserkreise gleichzeitig einen Dienst zu erweisen.) Der Kaiser war von den Liberalen in Queretaro belagert und mein Mann war bei ihm. Wir hatten seit langer Zeit nichts von ihnen gehört und die widersprechendsten Gerüchte cirkulirtcn in Mexiko. Ich wohnte damals nicht in dieser Sladt selbst, sondern im Hause des frühern mexikanischen Generalkonsuls in Hamburg, Herrn Friedrich Hübe, in Tacubaya, ein freundlicher Ort, einige Meilen von der Hauptstadt, in welchem viele reiche Mexikaner Landhäuser besitzen. Im März 18v7 hörten wir, daß General Marqucz mit 3000 Mann von Querctaro angekommen sei und ganz Mexiko war in der höchsten Aufregung. Da ich sehr begierig war, Nachrichten von meinem Manne zu erhalten, so bat ich Herrn Hübe, mich zu General Marqucz zu begleiten. Der General empfing mich sehr gnädig. Er war nun ein großer Mann und gefiel sich außerordentlich in dieser Rolle. Der Kaiser hatte ihn zu seinem Lugarteniente ernannt und er benahm sich und sprach von dem Kaiser, als sei dieser gewissermaßen sein Zögling und er selbst die Hauptperson in ganz Mexiko Mir gegenüber war er indessen sehr herablassend, und sein böses, braunes Gesicht legte sich in die freundlichsten Falten. Er hatte seinen Bart abgeschnitten, der sonst eine tiefe von einer Schußwunde herrührende Narbe in seiner Wange verdeckte, die ihn keineswegs verschönerte. Von meinem Mann sprach der General übrigens in sehr anerkennender Weise. Er nannte ihn einen der bravsten Offiziere in Querctaro und erzählte mir, daß er sich erst kürzlich dadurch ausgezeichnet, daß er mit einer Hand voll Leute sechs Geschütze genommen habe. Für dieses tapfere Benehmen habe er ihu dekorirt, und habe er ihn noch den Tag vor seinem Abmarsch zum General ernannt. Wir machten auch General Wdaurri einen Besuch, der mit Marqucz gekommen war und welcher es bestätigte, daß Alles in Querctaro trefflich stände und der ebenfalls von meinem Manne in den anerkennendsten wärmsten Ausdrücken sprach und sagte, daß er ihn wie seinen Sohn liebe. Die guten Nachrichten von der Armee des Kaisers verursachten großen Jubel in Mexiko, und Feste, Bälle und Feuerwerke jagten einander während der folgenden zehn Tage, in denen sich Marqucz, wie er sagte, den Instruktionen des Kaisers gemäß vor- 386 bereitete, Porfcrio Diaz entgegen zu ziehen, der mit einer liberalen Armee gegen Pueblv « marschirte. Die Vorbereitungen waren endlich vollendet und die kaiserlichen Truppen marschirteu von Mexiko ab; es blieben zur Bewachung der Stadt nur einige mexikanische Truppen zurück, deren Anzahl so ungenügend war, daß sie den Feind nicht abhalten konnten, bis Aber die Garitas hinaus sich der Stadt zu nähern. Kleine Scharmützel fanden täglich ^ in und um Tacubaya statt. Drei Tage nach dem Abmarsch der Armee verbreitete sich in Mexiko das Gerücht, daß Marqucz einen großen Sieg erfochten, Porfcrio Diaz vollständig geschlagen und dessen Armee zersprengt habe. Dies Gerücht hatte jedoch nicht lange Bestand, denn schon am nächsten Tage kam der kaiserliche Feldherr, nur von einem Dutzend Reiter begleitet, als Flüchtling in die Stadt, seiner geschlagenen Armee um zwölf Stunden vorauseilend. Er hatte am 8. April bei Sau Lorenzo eine schmähliche Niederlage erlitten und seine ganze Artillerie verloren. Wäre Porfcrio Diaz im Stande gewesen, einigermaßen gleichen Schritt mit seinen vor ihm fliehenden Feinden zu halten, so würde er, ohne Widerstand zu finden, in Mexiko haben einrücken können. Er erschien jedoch erst drei Tage später in der Nähe der Stadt, als sich unsere demoralisirte Armee wieder einigermaßen von ihrem Schrecken erholt hatte. Die Avantgarde der Liberalen zog bei unserm Hanse in Tacubaya vorüber und ich bewunderte ihre schönen Pferde und Uniformen, die sie meistens von unseren Truppen erbeutet hatten. Tacubaya und Chapultcpec wurden von den Liberalen ohne Widerstand besetzt und die Vorbereitungen zur Belagerung von Mexiko begonnen. In der folgenden Nacht träumte niir, daß ich meinen Mann dem Tode nahe sah. Der Kaiser beugte sich über ihn, hielt seine Hand und sagte traurig: „O, mein theurer Freund, Sie dürfen mich nicht allein lassen." Mein Mann rief laut meinen Namen; ^ rings um ihn wurde gefochten und überall sah ich Blut und alle Schrecken einer Schlacht. ^ Derselbe Traum wiederholte sich in der nächsten Nacht. Ich sah meinen Mann mit dem Tode ringen und hörte ihn meinen Namen rufen. Die Schlacht raste ringS um, Alles war in Finsterniß gehüllt und Blitze leuchteten dazwischen. Derselbe Traum wiederholte sich auch in der dritten Nacht und mein Mann rief lauter nach mir als früher. Tiefe dreimal wiederholten Träume machten mich um so unruhiger, als ich an Träume glaube, und ich kam zu dem Entschluß, nach Mexiko zu gehen, um dort mit dem preußischen Gesandten, Baron von Magnus, und den Befehlshabern der fremden s Truppen zu berathen, ob nichts geschehen könne, den Kaiser und meinen Mann zu retten, die mir in der größten Gefahr zu sein schienen. Als ich Herrn Hübe mittheilte, daß ich nach Mexiko gehen wolle, war er durchaus ! dagegen und ereiferte sich sehr. Er sagte, daß er Alles, was in seiner Macht stehe, ^ thun wolle, um mich von einer solchen Thorheit zurückzuhalten. Er sei für meine ^ Sicherheit verantwortlich; mein Mann habe mich ihm anvertraut und er werde nicht k leiden, daß ich eine solche offenbare Unbesonnenheit begehe. ^ Herr und Frau Hübe hatten mich in ihrem gastfreien Hause mit der größten ^ Freundlichkeit empfangen und mich mit einer Liebe und Theilnahme behandelt, als sei s ich ihre eigene Tochter; es that mir daher außerordentlich leid, irgend etwas zu thun, was ihnen so sehr mißfiel; allein es gibt Impulse, denen man eben nicht widerstehen ! kann, und gegen welche alle Vernunftgründe ohnmächtig sind. Es war mir, als ob ^ mich eine unwiderstehliche Gemalt antriebe, jder Stimme meines Herzens zu folgen, und ich kam zu dem unwiderruflichen Entschluß, meinen Vorsatz unter allen Umständen auszuführen, wenn ich auch für gut hielt, mir den Anschein zu geben, als ob Herrn Hube's Vorstellungen auf mich Eindruck gemacht hätten. Sowohl er als Frau Hübe trauten dem Frieden aber keineswegs und da sie befürchteten, daß ich mich während der Nacht davon machen möchte, so wurde das äußere Thor nicht allein wie gewöhnlich verschlossen, sondern Herr Hübe zog auch den Schlüssel ab und nahm ihn mit in sein Schlafzimmer. Das war allerdings ein Strich durch meine Rechnung; allein ich wußte, daß daS Haus Morgens sechs Uhr geöffnet wurde, um die auswärts schlafenden Stalllcute einzulassen und als dies wie gewöhnlich geschah, schlich ich mit meinem Kammermädchen Margarethe und meinem treuen vierfüßigcn Begleiter Jimmy zum Thore hinaus. Herr Hübe war jedoch auf der Lauer, trat Plötzlich hinter einer Ecke hervor und sagte in großer Erregung: „Nun, Prinzessin?" — „Guten Morgen, Herr Hübe", antwortete ich ganz kühl und ging den Weg nach dem Bahnhof. Herr Hübe schlug jedoch eine nähere Staße ein und als ich auf dem Bahnhof ankam, fand ich ihn bereits dort. „Wohin wollen Sie?,, fragte er. „Nach Mexiko, natürlich, wie ich Ihnen gesagt habe,,, antwortete ich, ohne jedoch etwas von meinen Träumen und Absich cn zu erwähnen, über welche er nur gelacht haben würde. Er stürmte nun aufs Neue mit Gründen und Vorstellungen gegen mich ein. Er sagte, daß ich getödtct werden könne, oder mich anderen Gefahren unter den rohen Soldaten aussetze und erschöpfte zwei Stunden lang Alles, was ihm sein gesunder Menschenverstand eingab, mich von meinem Vorhaben abzubringen; allein es versteht sich von selbst, daß er nicht den geringsten Eindruck auf mich machte, da ich einmal fest entschlossen war, meinen Willen zu haben. Ich dankte ihm herzlich für alle Freundlichkeit, die er mir erwiesen hatte und für die Mühe, die er sich meinetwegen gab, erklärte ihm aber mit aller Bestimmtheit, daß ich gehen wolle und muffe. Der gute alte Herr wurde ganz blaß und sagte weiter kein Wort, mich zurückzuhalten. Ich hatte nun mit Margarethe und Jimmy eine Legua nach Chapnltepec zu gehe». Die ganze Straße war mit feindlichen Offizieren und Soldaten bedeckt; allein sie hatten mich bei Herrn Hübe gesehen, der zur liberalen Pattei gehörte, und alle grüßten mich achtungsvoll und ließen mich ungehindert Passieren. Als ich in Chapnltepec ankam, fragte ich nach dem kommandirendcn Offizier, einem Obersten Leon, welcher zwei Jahre in Nordamerika gewesen war und ziemlich gut englisch redete. Er wurde aus einer Restauration geholt, wo er eben frühstückte, und empfing mich ganz außerordentlich höflich und liebenswürdig. Ich sagte ihm, daß ich wegen der Lage des Kaisers und meines Mannes in großer Sorge sei und daß ich nach Mexiko gehen wolle, um zu versuchen, ob die fremden Obersten vielleicht geneigt wären, sich Porferio Diaz zu ergeben, wenn derselbe sich verpflichtete, daß das Leben des Kaisers und der fremden Offiziere geschont werden sollte, wenn dieselben gefangen würden. Der Oberst sagte mir, daß Queretaro sich nicht viel länger würde halten können. Die Stadt sei auf das engste eingeschlossen und die Garnison dem Hungertode nahe. Er gab mir gern die erbetene Erlaubniß gegen das Versprechen, augenblicklich zurückzukehren, wenn ich die Meinung der fremden Befehlshaber gehört haben würde. Er gab mir seinen Arm und ging mit mir drei Viertel Leguas bis zu seinen äußersten Vorposten. Hier verließ er mich, und ich schritt, gefolgt von Margaretha und Jimmy, über das freie Feld auf die Garita zu, welche durch eine Batterie vertheidigt wurde. Der kaiserliche Offizier, der dort befehligte, kannte mich und ich hatte keine Schwierigkeiten. Die Soldaten legten Bretter über den Graben der Schanze und halfen uns über die Brustwehr. Ich ging sogleich zu Baron von MagnuS, den ich zu Hanse traf, der mich aber etwas kühl und steif empfing. Er hatte es nämlich übel genommen, daß ich gegen seine Ansicht in dem Hause des Herrn Hübe meinen Aufenthalt nahm, gegen den er, ich weiß nicht aus welchem Grunde, ziemlich eingenommen war. Ich that jedoch, als bemerke ich seine diplomatische Förmlichkeit «iht, und sagte 3L8 ihm, in welcher Absicht ich nach Mexiko gekommen sei, und daß ich die Obersten von Kodolitsch und Graf Khevenhüller zu sehen wünsche. Oberst Leon hatte von diesen beiden Herren mit großer Achtung gesprochen, da sie sich in der letzten Schlacht so brav benommen hatten, und sem Ehrenwort darauf gegeben, daß er dieselben frei nach Mexiko zurückkehren lasten werde, wenn sie zu einer Besprechung mit ihm nach Chapultepcc kommen würden. Die Manier des Baron von Magnus änderte sich augenblicklich, als er meinen Plan und die Schritte hörte, die ich bereits zu dessen Ausführung gethan hatte; er versprach sich viel davon, wenn ich mich dabei durch seine Rathschläge leiten lasten wollte, womit ich einverstanden war. Der Gesandte befahl seinen Wagen und ich fuhr zu Oberst von Kodolitsch, den ich nicht zu Hause, aber bei Graf Khevenhüller fand. Oberst von Kodolitsch war sogleich bereit, zu Oberst Leon hinauszugehen, doch nur unter der einzigen Bedingung, daß Baron Magnus mit der ganzen Unterhandlung nichts zu thun habe, da derselbe sehr geneigt sei, nur seinem eigenen Kopfe zu folgen. Ich sagte ihm indessen, daß ich bereits ein Abkommen mit dem Gesandten getroffen habe und nicht davon zurücktreten könne. Die Obersten versprachen mir hierauf, sobald als möglich mit ihren Offizieren und Soldaten zu reden und mich das Resultat wissen zu lassen. Baron Magnus brachte mich dann zu Frau von Machalowitsch, einer Mexikanerin, die einen österreichischen Offizier geheiratet hatte, bei der ich die Nacht blieb. II. Am nächsten Morgen sah ich die beiden Obersten. Graf Khevenhüller war für augenblickliche Ucbcrgabe. Er sagte, es sei klar, daß Margucz den Kaiser verrathe, und wenn er auch bereit sei, für diesen sein Leben hundert Mal einzusetzen, so sei er doch keineswegs Willens, sich und seine Soldaten für Herrn Marquez zu opfern. Kodolitsch war jedoch der Ansicht, daß man wegen einer Ucbcrgabe nicht unterhandeln dürfe, ehe man nicht zuverlässige Nachrichten von Queretaro habe und den bestimmten Willen des Kaisers kenne. Obwohl er bereit sei, die Bedingungen des Feindes anzuhören, — so könne er doch nicht mit Oberst Leon zusammen kommen, da General Marquez so eben einen Befehl erlassen habe, nach welchem jeder Offizier oder Soldat, der irgend wie mit dem Feind verhandle, augenblicklich erschossen werden solle. Ich ersuchte sie nun, mir eine schriftliche Vollmacht zu geben, — durch welche ich ermächtigt wurde, im Namen der frcniden Obersten und Truppen zu unterhandeln; sie hielten das aber gleichfalls für zu gefährlich und wollten, daß ich auf meine eigene Hand zu Porferio Diaz gehen und ihm folgende zwei Vorschläge machen sollte: der erste war, daß er mir oder einer andern Person erlaube, nach Queretaro zu reisen, um den Kaiser von dem Stand der Dinge in Mexiko zu unterrichten und seinen Willen einzuholen, zu welchem Zwecke ein Waffenstillstand für sieben Tage geschloffen werden solle. Sollte der feindliche General diesen Vorschlag nicht annehmen, so erböten sich die fremden Truppen, sich ihm unter der Bedingung zu ergeben, daß er schriftlich und mit seinem Ehrenwort das Leben des Kaisers und der fremden Truppen garantire, wenn diese mit Queretaro in die Hände der Liberalen fallen sollten. Da es mir thöricht schien, ohne irgend welche schriftliche Autorisation zu Porferio Diaz zu gehen, so ersuchte ich Baron Magnus, mir einige Zeilen zu geben, in welche» bestätigt würde, daß ich in der That von den fremden Obersten abgesandt sei; er lehnte das jedoch ab, sagte mir aber, daß er einen andern Weg wisse, welcher dem Zweck eben so gut entspreche, ohne Jemand in Gefahr zu bringen. Es Hütte sich, theilte er mir mit, — in Mexiko eine Frau Baz auf, deren Mann General im Stäbe von Porferio Diaz und welcher dazu bestimmt sei, Gouverneur vo» 389 Mexiko zu werden, wenn die Stadt genommen werden sollte. Diese Dame sei in beständiger Verbindung mit dem Feinde, und in der That dessen Spion in Mexiko. — Wenn man sich in dieser Angelegenheit an sie wende, so würde es ihr ein Leichtes sein, ihrem Manne mitzutheilen, daß ich ein Abgesandter des Ministers und der fremden Obersten sei. Der Baron und ich fuhren zu Frau Baz und nahmen den Kanzler des Gesandten, Herrn Schalter, mit, der vortrefflich spanisch spricht und als Dolmetscher dienen sollte, um der Dame Alles klar und deutlich auseinander zu setzen, so daß Versehen und Mißverständnisse möglichst vermieden wurden. Diese Frau Baz war eine berühmte Persönlichkeit, die in der liberalen Partei in großer Achtung stand, da sie derselben sehr wesentliche Dienste geleistet hatte. Schon zur Zeit, als die Franzosen noch im Lande waren, war sie unter den mannigfachsten Verkleidungen häufig im Lager des Feindes gewesen, und ihre Nachrichten und Warnungen waren immer so richtig und rechtzeitig gewesen, daß man sie bei den Liberalen nur den Schutzengel nannte. , Sie war eine Frau von etwas über dreißig Jahren, schlankem, nicht großem Wuchs, schmalem, länglichen Gesicht, schönen Zähnen, hoher, breiter Stirn und außerordentlich lebhaften, ausdrucksvollen Augen. Sie war sehr ruhig und anspruchslos in ihrem Wesen, allein aus ihrer ganzen Erscheinung leuchtete Energie und das Bewußtsein derselben. Baron Magnus erklärte ihr den Gegenstand unseres Besuchs und theilte ihr ebenfalls die Vorschläge mit, welche ich zu machen hatte; — auch erklärte er sich bereit, alle etwa entstehenden Kosten, für Reisen, Eskorten oder andere Zwecke, zu irgend welchem beliebigen Betrage übernehmen zu wollen. Frau Baz ging sofort auf meinen Plan ein und erbot sich, mich selbst zu Porfcrio Diaz zu begleiten und den Versuch machen zu wollen, ihn zur Annahme der vorgeschlagenen Bedingungen zu bewegen, doch könne sie erst am nächstem Tage gehen, da sie Nachrichten von ihrem Manne abwarten müsse. Da ich Oberst Leon versprochen hatte, in das feindliche Lager zurückzukehren, sobald ich die Ansicht der Obersten gehört haben würde, und befürchtete, daß mein langes Ausbleiben ihm Verdacht gegen mich einflößen möchte, so verließ ich einstweilen die Stadt und ging nach der Casa Sän Iago Collorado, wo ich den Obersten fand. Er sagte mir, daß er Porferio Diaz gesprochen, diesem meinen Plan mitgetheilt und daß dieser die Angelegenheit in die Hände des Obersten .... gelegt habe, dem ich die Bedingungen der fremden Obersten mittheilen sollte. Ich sagte zwar Oberst Leon, daß Frau Baz am nächsten Tage mit mir zu Porferio Diaz selbst gehen werde; allein trotzdem drang er darauf, daß ich den erwähnten Obersten sehe, und wir fuhren nach besten Hauptquartier in Tacubaya. Der Oberst erwartete mich; als ich ihm jedoch sagte, daß ich am nächsten Tage mi Frau Baz zurückkehren würde, gestattete er mir, wieder nach Mexiko zu gehen, wo ich vor Nacht einzutreffen versprochen hatte. * Es war Unterdessen dunkel geworden, und als ich, Margaretha und Jimmy an die Garita kamen und die Schildwache mir unerwartet ein „Wer da!" entgegen donnerte, machte ich in meiner Ueberraschung ein arges Versehen und rief mit Entschlossenheit „enemi^o!" (Feind) anstatt „ami^o!" (Freund). Die Schildwache antwortete ebenso entschlossen mit einem Schuß, dessen Kugel jedoch harmlos vorüberpfiff. Da ich eine wirksamere Wiederholung der Dosis fürchtete, so flüchtete ich mich hinter einen Bogen, der nahe dabei liegenden Wasserleitung, und Margaretha, die ebensowenig wie Jimmy ein Freund von Schießpulvcr war, kniete nieder und rief in ihrer Angst sämmtliche Heilige des Kalenders um Hilfe an. Um den Soldaten am Thor begreiflich zu machen, daß ich keineswegs ein enemiKO sei, rief ich mit lauter Stimme zu: ,.viva Maximilians!^ Zu meinem guten Glück befehligte ein Bekannter von mir am Thor, der alte Oberst Campos, der nun meine 390 Stimme erkannte, herauskam und ganz außer sich darüber war, daß einer seiner Soldaten aas mich gefeuert hatte. Als ich am nächsten Morgen zu Frau Baz kam, sagte sie mir, daß sie erst um zwei Ubr Nachricht von ihrem Manne haben könne und darauf warten müsse. Ich ging also zur festgesetzten Zeit abermals hin und erfuhr nun zu meinem Bedauern, daß General Baz am Abend vorher Befehl erhalten hatte, zu General Escobcdo zu reisen, und daß sie mich daher nicht begleiten könne. Sie versprach indessen, einen Boten an Porferio Diaz mit einem Briefe zu senden, in welchem sie bestätigte, daß ich in der That von dem preußischen Gesandten und den fremden Obersten abgesandt sei. Ich gab mir alle Mühe, sie zuni Mitgehen zu bewegen, allein sie wollte nicht. Ich hatte also allein zu gehen. Oberst Leon und der andere Oberst warteten mit einer Eskorte auf Frau Baz und mich, um uns nach dem Hauptquartier von Porferio Diaz zu bringen. Da ich aber seit drei Tagen meine Kleidung nicht gewechselt hatte, und nach dem Hauptquartier reiten mußte, welches mehrere Meilen von Tacubaya entfernt war, so ging ich zuerst nach dem Hause der Frau Hübe. Da ich ihr nicht sagte, was ich vorhabe, so war sie sehr böse auf mich, denn man hatte ihr die närrischsten Berichte über mein Thun und Treiben gemacht. So leid mir das Mißfallen der guten alten Dame auch that, so hielt ich es doch für bester, sie einstweilen glauben zu lasten, was ihr gefiel und ihr nur zu sagen, daß ich nach dem Hauptquartier gehe, worauf sie mir mittheilte, daß ich ihren Mann dort finden würde. Oberst Leon war so freundlich, mir seinen schönen mexikanischen Rappen zu leihen und ich kam bald nach Guadalupe, dem Dorfe, in welchem sich das Hauptquartier befand. Bei demselben warteten gewiß fünfzig Personen, die den liberalen General zu sehen wünschten und unter ihnen Herr Hübe, der mich mit einem sehr ernsthaften Gesichte empfing. Als ich ihm jedoch sagte, daß ich als Abgesandte der fremden Offiziere komme, um mit Porferio Diaz wegen der Uebergabe zu unierhandetn und ihn ersuchte, mein Dolmetscher zu sein, veränderte sich plötzlich sein ganzes Wesen und er pries mich weit über Verdienst. Ich sandte dem General meine Karte nnd wurde sogleich vorgelassen. Der General ist ein Mann von mittlerer Größe mit einem hübschen Gesicht und glänzend schwarzen, sehr intelligenten Augen. Er trug einen blauen Uniformrock mit gelben Metallknöpfen, blaue Beinkleider nnd hohe Stiefel. Er empfing mich sehr artig, gab mir die Hand und sagte, ihm sei van seinen Offizieren mitgetheilt worden, daß ich wegen der Uebergabe von Mexiko Bedingungen von den fremden Truppen zu überbringen habe, und daß er bereit sei, dieselben anzuhören. Ich fragte ihn, ob er nicht einen Brief von Frau Baz erhalten habe, was er bejahte; allein er wünschte mehr detaillirte Vorschläge zu hören. Herr Hübe sprach nun zu ihm mit großer Beredtsamkeit und viel Gefühl. Er beschwor den General, die vorgeschlagenen Bedingungen anzunehmen, was sogleich das Blutvergießen enden würde. Er wies auf alle Folgen und Vortheile hin, welche ein solches Verfahren mit sich bringen würde und der alte Herr war von dem, was er sagte, selbst so überzeugt und ergriffen, daß er Thränen in den Augen hatte. Dem General wollte der vorgeschlagene siebentägige Waffenstillstand gar nicht gefallen und — er traute mir nicht, wie ich später erfuhr. Er glaubte, ich wollte nur um jeden Preis nach Qucrctaro, um dem Kaiser Nachrichten von Mexiko zu bringen, welche einen Angriff gegen die Liberalen zur Folge haben möchten. Auch hatte er die vollständige Ueberzeugung, daß Marquez die gewonnene Frist zur Befestigung der Stadt anwenden würde. Der General antwortete daher, daß cS über die Grenzen seiner Macht hinaus läge, i» Bezug auf den Kaiser und die Truppen in Qucrctaro irgend welche Versprechungen zu machen. Er befehligte nur die Hälfte der Armee und könne nur allein in Bezug auf 391 Mexiko unterhandeln. Die Uebergabe der Stadt wolle er unter keinen Bedingungen an» nehmen; er sei sicher dieselbe zu bekommen und wolle nicht Marquez und andere Mexikaner entwischen lassen, die gehängt zu werden verdientem Wenn aber die fremden Truppen herauskommen und sich ergeben wollten, so wolle er ihnen Leben Freiheit und Alles bewilligen, was sie mit sich nehmen könnten, mit Ausnahme der Waffen. Er wollte sie auf Kosten der Regierung nach irgend einem ihnen beliebigen Hafen bringen lasten, von dem sie nach Europa zurückkehren sollten. Wenn ich indessen nach Queretaro gehen wolle, so wolle er mir einen Paß und einen Brief an Escobedo geben, dem er es überlasten müsse, ob er mir den Eintritt in diese Stadt gestatten wolle. Es war gegen vier Uhr Nachmittags und nachdem ich mit dem General eine Taste Kaffee getrunken hatte, stieg ich zu Pferde, um nach Mexiko zurückzukehren und zu hören, was die fremden Offiziere auf die Vorschlage von Diaz zu sagen hatten. Da die Garita, durch welche ich Mexiko verkästen hatte, mehrere Leguas von Gua» dalupe entfernt war, so beschloß ich, in die nächst gelegene einzureitcn, da es überdies Heller Tag und kein Mißverstandniß zu befürchten war. Eine Eskorte brachte mich bis an die äußersten Vorposten, und nachdem ich mein Taschentuch als Parlamentärflagge an meine Reitpeitsche befestigt hatte, ritt ich im Galopp nach der Garita zu. Als ich auf eine kleine Brücke in Front der Thorbattcrie und derselben so nahe kam, daß ich die Gesichter unserer Soldaten sehen konnte, feuerte der Postcu auf mich, was ich für einen Wink nahm zu halten. Ich hielt also in der Erwartung, daß man einen Korporal und einige Mann herauSschicken werde, um mich zu examiniren. Ich sah auch die Soldaten auf die Brustwehr kommen, und ehe ich noch darüber nachdenken konnte, was sie wohl beabsichtigten, erhielt ich eine volle Lage. Die Kugeln pfiffen mir um den Kopf und eine streifte mein Haar; andere schlugen in der Nähe meines Pferdes in die Erde. Ich war mehr ärgerlich als erschrocken, denn es war wirklich zu einfältig, auf eine einzelne Frau zu schließen, als ob ich im Stande gewesen wäre, die Batterie zu nehmen k Mein erster Gedanke war, auf die dummen Kerle loSzurciten und ihnen meine Reitpeitsche nm die Ohren zu schlagen; allein ich hörte hinter mir daS Klappern der Hufe der liberalen Eskorte, die auf die Schüsse mir zu Hilfe eilen wollte; sah die Soldaten in der Schanze in aller Eile laden, und wollte Niemand meinetwegen einer Gefahr aussetzen. Ich machte daher Kehrt; mein kleiner mexikanischer Rappe schoß dahin wie ein Pfeil und ich legte meinen Kopf auf seinen Hals. Die Elenden sandten mir in der That noch eine Salve nach, aber glücklicherweise wurden weder ich noch mein Pferd getroffen. Später hörte ich, daß die Schanze am Thore mit ganz rohen indianischen Rekruten besetzt gewesen war, welche wahrscheinlich keine Ahnung von der Bedeutung meines weißen Schnupftuches hatten, und daß ihr Offizier im Augenblick meiner Ankunft sich in einem naheliegenden Wirthshaus gütlich that. Es kam Marquez zu Ohren, daß man auf einen Parlamentär gefeuert habe, ohne daß er jedoch wußte, wer derselbe gewesen sei, und der nachlässige Offizier wurde in Arrest geschickt. Fünf oder sechs liberale Offiziere kamen mit 25 Mann mir entgegen; alle zeigten sich sehr besorgt und wollten kaum glauben, daß ich nicht verwundet sei. Da ich mich nicht nochmals einem Pelotonfeucr aussetzen wollte, so beschloß ich, in das Thor zu reiten, an welchem Oberst Campos befehligte, und General Porferio Diaz war so freundlich, mir eine Eskorte von zehn Mann mitzugeben. Ehe wir jedoch die mehrere Leguas entfernte Garita erreichten, übe, siel uns ein Gewitterregen, der mich bis auf die Haut durchnäßte, so daß ich es vorzog, nach Tacubaya zu gehen, wo ich von Frau Hübe nun mit offenen Armen empfangen wurde, da ihr Mann ihr erzählt hatte, auf welche Art von Abenteuer ich ausgegangen war. (Fortsetzung folgt.) 392 Der Wald. Die meteorologische Katastrophe, die einen Theil der Schweiz so schwer heimgesucht, hat veranlaßt, nach den Ursachen zu forschen, durch die jene Katastrophe herbeigeführt worden, und die Mittel aufzusuchen, durch die künftigen ähnlichen Verheerungen vorgebeugt werden kann. Ganz abzuwenden werden die Wasscrfluthen niemals sein. „Wenn man beobachtet" (schreibt Ingenieur Salis aus Chnr dem „Bund"), „wie die Wolken Tage, oft Wochen lang stetsfort in der Richtung von Südwcst hoch über die Spitzen der Alpen herflicgen, wie sie sich immer dichter und dichter drängen, bis sie wie ein schwebendes Meer erscheinen, zu dem der erfahrene Beobachter mit Sorge ausblickt, da darunter fast gleich endlos das Eis der Gletscher liegt, an dem das Dunstmeer sich jeden Augenblick zu einer Wasscrfluth kondensircn kann," so sind das Erscheinungen, gegen welche schützende Kunstbauten nicht aufgeführt werden können, und man begreift, wie frohbcwegt der Bewohner des Gebirges ist, wenn er durch einen Riß des Wolkenvorhangcs bemerkt, daß es „angeschneit," daß das Dunstmcer in Schnee sich verwandelt, von dem eine Ueberfluthung nicht zu befürchten ist. Nach solchen Katastrophen erkennt man recht den Nutzen der Wälder und es ist nur eine Seite dieses Nutzens, wenn Schiller dem Sohne Teils die Frage: „Vater, ist's wahr, daß auf dem Berge dorb Die Bäume bluten, wenn man einen Streich D'rauf führet mit der Axt? Die Bäume seien Gebannt, sagt man, und wer sie schädiget, Dem wachse seine Hand heraus zum Grabe", «nd dem Vater die Antwort in den Mund legt: „Die Bäume sind gebannt, das ist die Wahrheit. Die Schlaglawinen hätten längst Den Flecken Altdorf unter ihrer Last Verschüttet, wenn der Wald dort oben nicht Als eine Landwehr sich dagegen stellte." Im Walde erzeugt sich eine Moosdecke, die in Verbindung mit der Erdkruste die Wirkung eines Schwammcs hat; der hemmt den Stoß des stürzenden Wassers, saugt es auf, und gibt es nur langsam wieder ab. In den Gebirgen ist der Wald aber auch Schutz gegen die Wuth der Stürme. Auf dem entwaldeten Gebirge mangelt es der Luft an der erforderlichen Feuchtigkeit dergestalt, daß auf der bayerischen Hochebene, wo vor 8 —10 Jahrhunderten noch Getreidebau in einem ganz flachgründigen kiesigen Boden möglich war, jetzt kein Halm mehr gedeihen kann. Auf dem Westerwald war der Bau landwirthschaftlicher Gewächse ganz unsicher geworden; seit nun zur Schutzwehr Waldstreifen angelegt sind, hat sich dies wesentlich gebessert. Katastrophen, wie wir sie in der Schweiz kennen gelernt, sind im Orient, sind in Griechenland, Spanien, seit den letzten Jahrzehnten auch im südlichen Frankreich, in Italien keine Seltenheit. Daß die schonungslose Entwaldung der Höhen der Grund davon sei, darüber herrscht unter Fachleuten nur eine Stimme. Der Bürgermeister eines Ortes erließ folgende Bekanntmachung: Es ist z» den diesseitigen Ohren gekommen, daß das Vieh in den Ställen mit brennende» Cigarren und Pfeifen gefüttert wird, was künftighin mit 30 kr. bestraft werden soll. Druck, Dtrlaz und R«:aet!,n d«S iiterarischen Instituts von vr. M. Huttler.