Nr. L L. 20. Decbr. 1868. Beacsitct wird das Lcben mrhr zuletzt; Der Sonne Scheiden und Musik am Schluß Bleibt, wie der letzte Schmach von Süßiakcitcn, Mehr im Gedächtniß, alS die frühern Zeiten. Shakespeare. Richard II. A. II. 2. Weihnachtslied. Es schweiget die Erde In Dunkel gehüllt, Es glänzen an: Himmel Die Sternlein so mild! Es wiegt sich in Schlummer Die nächtliche Flur, In goldenen Träumen Das All der Natur! Nur in Bethlehem wacht noch Das glückliche Paar, Auf dem Felde der Hirten Andächtige Schaar. Das Kiudlein schläft An Marias Brust Und es jauchzen die Himmel In Wonne und Lust; Und die Engelcin treten Am Himmel hervor Und singen im nächtlichen Himmlischen Chor; Und künden das Kindlein Den Hirten im Feld, Und Freude und Friede Der ganzen Welt. O du Freude, du Wonne Du selige Nacht, Die den Menschen Erlösung Und Friede gebracht! H. v. Ow. 402 Maximilian s Ende. » Gragmkute auS dem Togebuche der Prinzessin Agnes zu Salm-Salm.) III. (Schluß.) Ueber den Fluchtversuch des Kaisers Maximilian, welchen wir am Schlüsse des Vorigen Aufsatzes kurz berührt haben, tragen wir, da wenige Details davon in die Öffentlichkeit gedrungen sind, aus dem Tagebuch der Prinzessin Salm-Salm, noch die fol- gesdcn Enthüllungen nach: Schon lange hatte ich ihn (den Kaiser) von der Nothwendigkeit zu überzeugen gesucht, daß er wegen einer Flucht nicht mit untergeordneten Offizieren, sondern mit den Befehlshabern unterhandeln müsse. Einen derselben hatte ich bereits vollständig gewonnen, nämlich Oberst Billanucva, welcher den Oberbefehl über alle Wachen in der Siadt hatte. Vellanucva nahm den lebhaftesten Antheil an dem Schicksal des Kaisers uud betrachtete eS als ein Unglück für sein Vaterland, wenn dessen Regierung ihn erschießen lassen sollte. Aus diesem Grunde war er bereit, zur Flucht die Hand zu bieten. Er für seine Person lehnte Geld ab, obwohl er arm war und für seine Schwestern zu sorgen hatte, und vcr- liß sich auf den Kaiser, der ihn mit »ach Europa nehmen und für sein: Zukunft sorgen sollte. Oberst Villanucva sagte mir jedoch, daß er allein die Flucht nicht bewerkstelligen könne und daß Oberst PalaeioS gewonnen werden müsse, welcher den Oberbefehl im Gefängnisse selbst führte. Zu diesem Ende verlangte ich, daß der Kaiser 100,000 Dollars in der Bank des Herrn Rubio placiren solle, auf den man nach Ersordcrniß ziehen könne, Heun baar Geld, sagte ich dem Kaiser aus alter Erfahrung, sei durchaus nothwendig, wenn man mit Amerikanern unterhandeln wolle. Der Kaiser erwiderte, daß Geld die geringste Sorge sei, da sowohl Baron Magnus als die anderen Gesandten ihn versichert hatten, daß Summen zu jedem Betrage ganz zu seiner Verfügung stünden. Ich theilte uun dem Kaiser mit, daß ich Alles mit Villanucva abgemacht hätte, der ihn aus dem Gefängniß führen solle, wo eine Escorte von hundert Mann bereit sein werde, ihn nach der Sicrra Gorda und von dort nach der Küste zu bringen. Der Kaiser war mit dem Plane einverstanden, doch bestand er darauf, daß ich ihm zu Pferde mit klr. Bosch dicht auf dem Fuße folgen solle. Er befürchtete nämlich, daß man ihn verrathen und ermorden mochte, und glaubte, daß die Gegenwart einer Dame die Reiter von dem Begehen «incr solchen gräßlichen Handlung abhalten werde. Zch sagte uun dem Kaiser, daß ich es übernommen hätte, Oberst PatacioS zu gewinnen, welcher die Wachen im Kloster hatte und die ganze Nacht hindurch selbst vor dem Zunmcr des Kaisers auf- uud abspazierte, daß ich aber zu diesem Zwecke Geld haben müsse. Mit Entsetzen sah der Kaiser nun endlich seine Position im wahren Lichte und bedauerte lebhaft, daß er so viel Zeit vergeudet und nicht früher für Geld gesorgt hätte. Er hatte gar nichts und doch sagte er mir, er wolle sein A cußerstcs versuchen, die nöthigen Mittel anzuschassen. Als ich wieder zu ihm kam, fand ich ihn Verzweiflung, Er konnte das Geld zur Bestechung des Obersten nicht anschaffen; allein er bot mir zwei Wechsel, jeden zu hunderttausend Dollars, auf das kaiserliche Haus und die kaiserliche Familie in Wien an. Fünftausend DollarS w lle er mir jedoch bis spätestens neun Uhr Abends senden, da ich dieselben nothwendig haben mußte, um sie entweder Palacios für die Soldaten einzuhändigen, oder selbst au dieselben zu vertheilen. Ich hatte bis dahin Oberst Palacios noch keine Eröffnungen gemacht und es war zwischen mir und Villanucva das Uebercinkommen getroffen, daß ich das Gefängniß um acht Uhr verlassen, Palacios mich begleiten und ich denselben bis zehn Uhr festhalten sollte. Ich wohnte zu jener Zeit nicht in einem Hotel, sondern in einem Privathause, das der Frau Pepita Vinceutis, der Wittwe eines Herrn von unserer Partei, gehörte, der während der Belagerung gestorben war. General Echegarry wohnte in demselben Hause. Diese alte Dame war außerordentlich s « , 403 gütig gegen unsere Gefangenen und hatte die ganze Zeit hindurch für fünzchn derselben gesorgt. Ich hatte bis um acht Uhr bei dem Kaiser zu bleiben und mit ihm eine sehr lange und interessante Unterredung gehabt. Er eröffnete mir seine geheimen Sorgen und Bekümmernisse, weihte mich in die in seiner Familie obwaltenden Verhältnisse ein und offenbarte mir seine Pläne für die Zukunft, wenn er nach Europa kommen würde. Am Innigsten sprach er von seiner Mutter,, an welche er mir Grüße und andere Dinge auftrug für den Fall, daß ich allein nach Wien kommen sollte. Diese Unterhaltung machte mich sehr traurig und es erfüllte mich die bange Ahnung, daß ich den Kaiser jetzt zum lctzteumale sehe. Als es beinahe acht Uhr war, gab mir der Kaiser seinen Siegelring. Hatten meine Bemühungen mit Palacios Erfolg, dann sollte ihm der Oberst denselben noch am Abend zurückbringen. Ich verließ den Kaiser mit schwerem Herzen und wenig Hoffnung, denn vor mir lag eine sehr schwierige Aufgabe, welche ich mit sehr unzulänglichen Mitteln erfüllen sollte — mit zwei Blättchcn Papier, deren Bedeutung die Person, mit der ich zu thun halte, kaum verstand. Oberst Palacios war ein Indianer, der kaum lesen und schreiben konnte. Er war ein tapferer Soldat, hatte sich häufig ausgezeichnet und daS besondere Vertrauen seiner Vorgesetzten erworben, die ihn als eine Art von Provost Marschall gebrauchten, dem alle Hinrichtungen anvertraut wurden. Er halte eine junge Frau, die ihm erst kürzlich daS erste Kind geschenkt hatte, welches der Augapfel des Vaters war. Da er gar kein Vermögen besaß, so hoffte ich, daß der Gedanke, diesem Kinde jedenfalls eine sorgenfreie Zukunft zu sichern, ihn geneigt machen würde, meine Vorschläge anzunehmen. Der Oberst begleitete mich nach Hause und ich lud ihn in mein Parlor. Ich sing sogleich an, vorn Kaiser zu sprechen, um zu crfahrccn, wie er gegen ihn gesinnt sei und ob ich irgend eine Hoffnung auf Erfolg haben könne. Er sagte mir, er sei ein großer Feind dcS Kaisers gewesen, doch seil er so lange um ihn und Zeuge davon sei, wie gut und edel er sich in seinem Unglück benommen und seit er in seine treuen blauen Augen gesehen habe, fühle er für ihn die größte Theilnahme, wenn nicht Liebe und Bewunderung. Nach dieser einleitenden Uuterhaltnng, die etwa zwanzig Minuten währte, kam ich mit zitterndem Herzen zur Sache. Es war in der That ein Augenblick von der höchsten Spannung und Bedeutung, an welchem das Leben oder der Tod eines edlen und guten Mannes hing, der mich mit seiner Freundschaft beehrte und mein Kaiser war. Ich sagte, daß ich ihm eine Mittheilung zu machen habe, die sowohl für ihn als für mich von der allergrößten Wichtigkeit sei; doch ehe ich es thue, muffe er mir nicht nur sein Ehrenwort als Offizier und Gentleman geben, sondern bei dem Leben seines Weibes und seines Kindes schwören, daß er, was ich ihm sage, Niemand verrathen wolle, selbst wenn er auf meine Vorschläge nicht eingehe. Er gab mir das verlangte Ehrenwort und leistete in feierlicher Weise den Eid bei dem Leben seiner Frau und seines Kindes, die er Beide mehr liebte, als alles auf der Welt. Ich sagte ihm nun, ich wisse mit aller Bestimmtheit, daß der Kaiser zum Tode ver- urtheilt und sicher erschaffen würde, wenn er nicht entfliehe, was er als vollkommen richtig einräumte. Dann theilte ich ihm mit, daß ich durch andere Personen Alles zur Flucht vorbereitet habe, die in dieser Nacht stattfinden solle, wenn er darein willige, nur für zehn Minuten den Rücken zu wenden und seine Augen zu schließen. Ohne ihn könne nichts geschahen; wir seien gänzlich in seiner Hand und das Leben des Kaisers hänge ganz in seinem Willen. Das Dringende der Lage setze mich in die Nothwendigkeit, mit ihm ganz offen zu reden. Ich wisse, daß er arm sei. Er habe eine Frau und ein Kind, deren Zukunft in diesen Zeiten sehr unsicher sei. Nun biete sich ihm eine Gelegenheit, denselben ein gutes, lebenslängliches Auskommen zu sichern. Ich biete ihm hier einen W.chscl von 100,000 Dollars an, welche die kaiserliche Familie von Oesterreich in Wien bezahlen werde und 5000 Dollars in baarem Gelde werde ich sogleich für seine Soldaten erhalten und ihm übergeben. Was ich ihm vorschlage, sei nichts gegen seine Ehre, denn indem 404 er es annehme, diene er seinem Vatcrlande am Besten. Der Tod des Kaisers würde die ganze Welt gegen Mexiko bewaffnen, entfliehe aber der Kaiser, so würde er das Land verlassen und keine europäische Macht würde sich ferner in die Arrangirung seiner innern Angelegenheiten mischen. Ich redete vielmehr und er hörte mit Aufmerksamkeit zu. An der wechselnden Farbe in seinem Gesichte sah ich, daß er in sich einem harten Kampf kämpfte. Ich schwieg und er nahm das Wort. Er legte die Hand auf sein Herz und versicherte, daß er wirklich die größte Theilnahme für Maximilian fühle und daß er in der That glaube, es sei das Beste für Mexiko, ihn entfliehen zu lassen. Er könne jedoch über eine so wichtige Sache nicht in fünf Minuten entscheiden, allein wenn er darauf eingehe, wolle er doch den Wechsel nicht annehmen. Er nahm denselben jedoch in die Hand und betrachtete ihn mit Neugicrde. Der Indianer konnte wahrscheinlich nicht den Gedanken bemeistcrn, daß in solch kleinen! Stückchen Papier, worauf etwas gekritzelt war, ein sorgenfreies Leben für ein Weib und ein Kind enthalten sein sollte; ein Beutel mit Gold würde weit überzeugender geredet haben. Er reichte nur den Wechsel zurück und sagte — nein, er könne ihn nicht annehmen. Er wolle in der Nacht darüber nachdenken und mir morgen das Resultat sagen. Ich zeigte ihin den Siegelring des Kaisers, sagt« ihm, was derselbe meine und bat ihn, denselben dem Kaiser noch heute Abend zuzustellen. Er nahm den Ring und steckte ihn an seinen Finger. Nach einer Weile zog er ihn wieder ab und sagte, daß er ihn nicht annehmen könne. Er müsse Alles überlegen. Er verwirrte sich und sprach von seiner Ehre, von seiner Frau und seinem Kinde. „Nun, Oberst," sagte ich, „ich sehe, Sie haben sich noch nicht entschlossen. Denken sie darüber nach und erinnern Sie sich Ihres Ehrenwortes und Ihres SchwnrS. Sie wissen, cS kaun nichts ohne Sie geschehen und cS würde ganz zwecklos sein, mich zu verrathen." Oberst Villanueva, der natürlich sehr begierig war, das Resultat meiner Unterredung gleich zu kennen, erschien nach neun Uhr und etwas später kam Dr. Basch, jedoch ohne 5000 Dollars, um sich zu erkundigen, wie die Unterredung ausgefallen sei. Als Pa- lacioS gegangen war, sagte ich dem Doktor, daß die Flucht heute Nacht nicht stattfinden könne, ich morgen aber Bestimmtheit haben werde, und nicht ohne Hofsnug sei. Zugleich händigte ich dem Doctor den Siegelring des Kaisers ein. Palacios scheint über meine Vorschläge bis Mitternacht nachgedacht zu haben. Dann hatte er seinen Entschluß gefaßt; er ging zu Escobedo und verrieth ihm Alles. Ehe ich am Morgen aufgestanden war, wurde mein Haus bereits bewacht. Es wurde einem Jeden gestattet hineinzugehen; allein ein Jeder, der es verließ, wurde verhaftet. Dieses Schicksal hatte der nichts Böses ahnende Dr. Basch, der vom Kaiser abgeschickt war, welcher sürchtcte, daß mau mir meine zwei Wechsel abschwindeln möchte, um sie zu Präsentiren, wenn er erschossen wäre. Um einen solchen Betrug unwirksam zu machen, sendete er mir solgendes, von seiner eigenen Hand geschriebene Papier, welches ich aks Autograph im Original am Schluß beigcbc. „Querc- taro 13. Jan. 1867. Die beiden Wechsel von cinhundcrttausend Pcsos, die ich heute ausgestellt habe für die Obersten Palacios und Villanueva, und die von dem Hanse und der kaiserlichen Familie von Oesterreich in Wien bezahlt werden sollen, sind nur giltig, an dem Tage, an welchem ich durch die oben erwähnten Obersten vollständig gerettet fein werde. Maximilian," Zwei Diener des Kaisers kamen mit der Botschaft, daß der Kaiser mich sogleich zu sprechen wünsche. Ich wußte bereits, daß Palacios sein Ehrenwort und Schwur gebrochen hatte, und daß Dr. Basch arrctirt war, denn ein Offizier von Escobedo's Stab theilte es mir in einer Note mit, die ich sogleich vernichtete." Die Prinzessin wurde wegen ihrer Mitwirkung an diesem Fluchtplan als Gefangene nach Sän LuiS Potosi gebracht. Dort machte sie noch die letzten Anstrengungen, die Begnadigung der bereits Berurtheiltcn von Juarcz zu erwirken. Sie erzählt: Der letzte Tag vor der Hinrichtung kam; am nächsten Morgen sollte der Kaiser erschossen werden. Obwohl ich wenig Hoffnung hatte, so wollte ich doch noch einen Per- 405 such machen, das Herz dcS Mannes zum Mitleid zu rühren, von dem das Leben der Kaisers abhiug, und dessen bleiches Gesicht, dessen melancholische, blaue Augen, die selbst auf einen Palacios Eindruck machten, mich fortwährend anblickten. Es war acht Uhr Abends, als ich zu Herrn Juarcz ging, der mich sogleich empfing. Er sah selbst blaß und leidend aus. Mit zitternden Lippen sprach ich für das Leben des Kaisers oder wenigstens für einen Aufschub. Der Präsident sagte, er könne keinen Aufschub bewilligen, um nicht die Agonie des Kaisers zu verlängern, der morgen früh sterben müsse. Als ich diese schrecklichen Worte hörte, wurde ich rasend vor Schmerz. An allen Gliedern zitternd und schluchzend siel ich auf die Kniee und bat mit Worten, die warm von meinem Herzen kamen, deren ich mich aber nicht mehr erinnern kann. Der Präsident versuchte es, mich aufzuheben, allein ich umklammerte seine Kniee und wollte nicht ausstehen, ehe er mir das Leben des Kaisers bewilligt hätte; ich dachte, ich müsse es ihm abringen! Ich sah, daß der Präsident bewegt war, sowohl er als Jglcsia hatten Thränen in den Angeir. Er sagte mit leiser Stimme: „Es schmerzt mich, Madame, Sie so auf Ihren Knieen liegen zu sehen; allein wenn alle Könige und Königinnen Europa's an Ihrer Stelle wären, so könnte ich sein Leben nicht schonen. Ich nehme es nicht; es ist das Volk und das Gesetz, welche seinen Tod verlangten. Thäte ich nicht den Willen des Volkes, so würde dasselbe sein und auch mein Leben nehmen." „Oh," rief ich in meiner Verzweiflung, „muß denn Blut fließen, so nehmen Sie mein Leben, das eines nutzlosen Weibes, und schonen Sie das meines Mannes, der noch so viel Gutes in einem anderen Lande thun könnte." Alles war vergebens. Der Präsident erhob mich und wiederholte nochmals, daß das Leben meines Mannes geschont werden solle. Derselbe sei in der That sehr compromittirt und würde sicher zum Tode vcrurthcilt werden; allein, da er meine Handlungsweise und meine Aufopferung in der Sache des Kaisers und meines Gatten achte und bewundere und cS ihn schmerze, mir nicht Alles bewilligen zu können, um waS ich bitte, so wolle er doch thun, waS er könne, Das Leben meines Mannes solle nicht angetastet werden. Ich dankte ihm dafür und ging. Im Vorzimmer fand ich mehr als zweihundert Damen aus Sau Luis, die ebenfalls kamen, um für das Leben der drei Vcrurthcilten zu bitten. Sie wurden vorgelassen, allein ihre Bitte hatte nicht mehr Erfolg als die mcinigc. Später kam Frau Miramon, die ihre beiden kleinen Kinder an der Hand führte. Der Präsident konnte es ihr nicht abschlage», sie zu empfangen. Herr Jglcsia sagte mir, daß es eine herzzerreißende Scene gewesen sei, als die arme Frau und ihre unschuldigen Kleinen stammelnd um das Leben des Gatten und Vaters gebeten hätten. Der Präsident, sagte er, litt in jenem Augenblick unaussprechlich darüber, daß er sich in die grausame Nothwendigkeit versetzt sah, das Leben eines edlen Mannes wie Maximilian und das zweier „Brüdcr" zu nehmen, — allein er könne nicht anders. Fran Miramon fiel in Ohnmacht und mußte aus dem Zimmer getragen werden. Die ergreifenden Scenen, die der Präsident an diesem Tage erlebt halte, waren mehr, als er ertragen konnte. Er zog sich in sein Zimmer zurück und wollte drei Tage Niemand sehen. In jener Nacht konnte ich kein Auge schließen und war mit vielen Damen unserer Partei, in der Kirche im Gebet vereinigt. Im Laufe des Vormittags brachte der Telegraph die traurige Nachricht, daß die Exekution vollzogen worden sei, und Alles war vorüber .... 406 Der Weihnachtsabend Schon schied der letzte Sonnenstrahl Dom schneebedeckten Hügel, Schon senken sich über Berg und Thal Der Nacht schwarzdüstre Flügel. Sie nahet, sie nahet die heilige Nacht, Bald wird die Stunde erscheinen; Was hat euch das Christkindchcn mitgebracht? Ihr Kinder, ihr lieben, ihr Kleinen! In der heimlichen Stube, vom Christbaum erhellt. Sich schaarct der Kinder Gewimmel; Doch draußen ists still in der weiten Welt, Es glänzen die Sterne am Himmel. Wer weilt in stiller Abcndruh Auf freiem Feld noch so späte? ES eilt dem friedlichen Dorfe zu Die kleine Margarethe. Sie friert so sehr, kalt pfeifet der Wind, Kein Ofen winket der Armen. O eile zum Dorf arm Waisenkind, Vielleicht hat dort einer Erbarmen. Ins piUe Dörfchen tritt sie ein Und schwankt zur nächsten Schwelle; Die Fenster, sie geben so glänzenden Schein: Warum ist es heute so helle? Zum niedern Fenster tritt sie hin Und luegt*-) neugierig eine, Da sieht sie des Christbaums dunkles Grün In der Lichter hellflackcrndcm Scheine. Sie schauet der Eltern fröhlich Gesicht An der Kinder Freude sich labend; „Ich arme Waise ich wußte eS nicht, Heul ist ja der heilige Abend!" *) schaut. „O heut vorm Jahr, da wars nicht kalt Am liebenden Mutterherzen, Ein Bäumchcn brachte der Vater vom Wall» Und zündete an viele Kerzen. Ach Gott! ja Gott jetzt sind sie todt Die Eltern lieb und bieder! Ich bettle um ein Stückchen Brod Und singe keine Lieder." Jetzt pocht sie an der Thüre sacht Ein Almosen dort zu erbitten, Jetzt hat sie schüchtern aufgemacht. Ist leise hineingcschritten. Da lachen vom strahlenden Baume herab Viel Acpfcl mit rosigen Wangen, Hei, Nuß und Lebkuchen, wie viel es da gab k Wie schwer ist die Tanne behängen! Und sehnsüchtig blicket das Waisenkind Nach dem strahlenden herrlichen Baume; Von ihrem Aug' eine Thräne rinnt Und sie schaut es nur wie im Traume Arm Waisenkind, so mußt du dort In dunklem Winkel stehen; Die Kinder tummeln fröhlich fort Und du bleibst ungesehen! Und wieder schleicht sie zur Thüre geschwind „Ich Arme, hier darf ich nicht weilen! Ich bin ein verkästen Waisenkind, Darf der Fröhlichen Freude nicht theilen! Und sie eilet hinaus in die finstere Nacht Wo die Sterne dem Acrmstcn auch scheinen. Wo der Mond allein mit den Sternen noch wacht. Einsam zu den Sternen zu weinen. H. v. Ow. Der eigentliche Verräther Andreas Hofer's. Bekanntlich behauptete Freiherr v. Hormaier in seiner Geschichte des JahreS 1809, daß der edle Hofer von dem Pfarrer Donai in Schlanders verrathen wurde, — ohne übrigens hicfür irgend einen Beweis beigebracht zu haben. — Obwohl nun Donai dieser Beschuldigung mittelst einer Erklärung des französischen Generals Huard und einer energischen Vertheidigungsschrift entgegentrat, so gelang eS ihm nicht, — sich von dem rege gemachten Verdachte gänzlich zu reinigen, und mißmuthig verließ er Tyrol, kränkelte und fand, wie man sagt, aus Kränkung einen frühzeitigen Tod. Erst in l»r. Napp's Geschichte des JahreS 1809 wurde der Verrath Hofer's auf Grund der Aussagen der Gemeinde- 407 Mitbürger deS SandwirtheS in Passeicr — «nd namentlich der Kordonisten Peter Jlmer und Alois Non in St. Martin wahrheitsgetreu berichtigt und als Vcrräther Franz Nasfl unter nachfolgender Darstellung des Sachverhalts namhaft gemacht. Wie bekannt, suchte Hafer einen bergenden Versteck in der Alpenhüttc des Pfandler, Bauern am Brantacher Berg, — wo er durch Vertraute mit allem Möglichen versehen wurde. Bereits am 5. Jänner 1810 kam Franz Rasfl, ein übel beleumdeter, in seiner Wirthschaft verkommener Bauer und Nachbar des SandwirtheS, zu den vorgenannten beiden Kordonisten, und lud sie ein, gemeinschaftlich den auf Hofcr's Kopf gesetzten Preis von 1500 fl. mit ihm zu verdienen, da er besten Versteck wisse, und denselben bei dem General Huard anzeigen wolle. Jlmer widerrieth es ihm und wies ihn an den Landrichter Andreas Auer in St. Leonhard. Letzterer schenkte jedoch der Angabe Nasfl's keinen Glauben, zumal durch Hofcr's Freunbc Briefe des Sandwirthes in Umlauf gesetzt worden waren, wornach derselbe glücklich in Wien eingetroffen und geborgen wäre. Ungefähr vierzehn Tage darauf ging Nasfl mit einem Schlitten, angeblich um von seinem Alpcngadcn Heu zu holen, zur Pfandler Alpenhüttc und traf mit Hofer, welcher über diesen Besuch äußerst betroffen war. zusammen. — Hofer bot dem Vcrräther einen bedeutenden Geldbetrag, um sein Stillschweigen zu erkaufen, den übrigens Nasfl zurückgewiesen haben soll. Nach einigen Tagen verfügte sich Naffl neuerdings zum obgcnanntcn Landrichter — welcher ihn nun mit einem amtlichen Schreiben an den General Huard in Meran sendete. Vor seinem Aufbruchc dahin rühmte sich Naffl gegen Jlmer, daß er nun die 1500 Gulden so gut wie im Sacke habe. — Unverzüglich wurde Hofer gewarnt und zur schleunigsten Flucht ermähnt, allein er wollte an einen so niedrigen Verrath nicht glauben, und ließ sich erst nach längerem Widerstreben herbei, am folgenden Tage sein Versteck zu verlassen. Das war am 27. Jänner und leider schon zu spät. — Denn an diesem Tage war bereits eine starke französische Colonue von Nasfl geführt, aufgebrochen, und umzingelte am 28. Jänner um 4 Uhr Morgens die Sennhütte, überraschte Hofer im tiefen Schlafe und schleppte ihn unter empörenden Mißhandlungen nach Besten, und von dort weiter nach Mantua, wo der edle Volksheld bekanntlich am 20. Februar erschossen wurde. — Für die volle Wahrheit dieser Angaben ist erst in neuester Zeit ein neuer Zeuge ausgetreten, indem ein Pasteirer einem Scelsorgspricstcr weinend entdeckte, daß er an dem Verrathe des Sandwirthes unbcdachtsamer Weise Mitursache gewesen sei, denn er habe '— damals noch Gaisbube — dem Naffl den Versteck auf besten listige Fragen verrathen, und bald darauf sei der Sandwirth gefangen genommen worden. Es geht daraus mit ziemlicher Gewißheit hervor, daß Naffl den Gang zur Pfandler Alpenhüttc nur in der Absicht unternahm, — sich die volle Gewißheit über den durch die Mittheilung deS GaiSbuben ihm bekannt gewordenen Versteck Hofcrs zu verschaffen, und daß der Vcrräther durch längere Zeit mit allem Vorbedacht — sein schmachvolles Vorhaben betrieb. Die Pasteirer waren übrigens von der Schuld Naffl's schon vom Anbeginn derart überzeugt, daß derselbe bei der allgemeinen Verachtung, der zu Folge er sich nirgends mehr sehen lasten durste, es gerathen fand, nach Bayern auszuwandern, wo er nach einigen Jahren, allgemein mißachtet, in den kümmerlichsten Verhältnissen gestorben sein soll. (Gcm.-Ztg.) Miseelle«. (Anekdote anS dem Leben Königs Ludwig l. von Bayern.) König Ludwig schätzte sehr die dramatische Kunst, und sowohl die Künstler als die Künstlerinnen. Als die berühmte Schauspielerin Cramer fünfzig Jahre bei der Bühne war, bewilligte ihr der König ein Benefiz, wozu sie in dem Stücke „Die Jäger" von Jfsland, — eine ihrer besten Nolleu, — die Obersörstcrin, gab. Nach der Vorstellung, die übcrzahlrcich besucht war, gaben ihr ihre Collcgen ein kleines Fest in dem damals von Künstlern so 408 besuchten Gasthaus „zum grünen Baum" "an der Isar in München. König Ludwig erfuhr dieses und überraschte die Gesellschaft noch um 11 Uhr Nachts. Frau Cramer saß mit dem Nucken gegen die Thüre und konnte den eintretenden König nicht sehen; schnell ging er auf sie zu und hielt ihr mit beiden Handen die Augen zu und sprach mit seiner bekannten etwas stotternden Stimme: „Wer ist das?" — „Ach, das sind Sie wieder, L . . .," sprach unter Lachen Frau Cramer, „Sie kopiren den König Ludwig prächtig! ' — „So," rief erstaunt der König, — „Er kopirt mich, daS möcht' ich auch einmal hören; vorwärts L . kopiren Sie mich." — „Majestät, ich bitte es mir zu erlassen," erwiederte der erschrockene Komiker, doch der König ließ nicht ab, und nach langem Weigern endlich sprach er: „Ich wünsche es, und Ihr König befiehlt es." Der Schauspieler verbeugte sich, setzte sich au ein Sciicntischchen und rief — unter der angenommenen Manier König Ludwigs: „Kabinetsrath Niedl soll heraufkommen!" „Bravo!" — rief der König, „Er kopirl mich vortrefflich!" — „Majestät, wünschen?" fuhr der Künstler mit näselnder St mme fort. „Ah, bravo: Ausgezeichnet!" — rief wieder der König, „Er kopirt meinen Niedl eben so gut, ist ein vorzüglicher Menschen- darstellcr, wie Zffland sagt." — „Niedl," fuhr der Komiker in der Rolle fort, „Niedl, schicken Sie morgen aus meiner CabinctSkasse 200 Gulden dem Komiker L. . ., weil er so gut kopirt." — „Spitzbube!" rief der König lachend, „hören Sie auf, brachen mich nicht mehr zu kopiren, — doch dieses Mal sollen Sie für Ihre Gastrolle D „grünen Baum" daS Honorar ehalten, — von Ihrem wohlgeneigten König." Die gebräuchlichsten Redensarten der Völker sind oft ein Spiegelbild ihres Charakters. Der Russe sagt „Nilschewo", thut nichts! Der Türke „jok, jvk", ist mir glcichgiltig! Beide sind faul und trüge. Der Spanier sagt nins vr mono«, mehr oder weniger! Er ist zu schlaff zum Denken. Der Italiener meint: Ilii !o sn! Wer weiß! Wissen ist nicht meine Sache, er darf nur glauben. Der Grieche spricht: Es wird wohl noch gehen! und tröstet sich damit, wenn er still steht. Aber der Amerikaner sagt: Oo nlimrck! Vorwärts! — spricht fast niemals: ich glaube oder meine, sondern anlculat«;, ich rechne! Und dürfte diese Dreistigkeit wohl nur durch den Mangel an Dynastien zu entschuldigen sein, wodurch ihm daS Gefühl der Ehrfurcht vor anderen Menschen gänzlich abgeht, -ll! ringt! — sagt der zähe Engländer, es ist Alles in Ordnung, ich werde schon durchkommen! O'ast In müiiin cliORt;! — das ist dasselbe, meint der Franzose, — Tugend und Laster, v'ust In mama clinso! Wissen und nicht wissen desgleichen, ein Weib ist wie das andere. Alles o'nst In müm« cliosn! — Wir sind doch ^rniuln »ntio»! Am besten charaktcrisirt sich der Deutsche, der „seine liebe Noth hat," in der gangbarsten Kinder-Redensart: „Ich spiele nicht mehr mit!" Der Erwachsene machl's ebenso; — wenn ihm persönlich etwas nicht mehr paßt, läßt er das Ganze aus dem Auge. „Ich spiele nicht mehr mit," denkt er, und singt zur eigenen Beruhigung: „Was ist des Deutschen Vaterland?" Ein Advokat, der, wie man allgemein wußte, ein Feind der Geistlichen war, wollte in einer Gesellschaft einem Pfarrer Eins versetzen, indem er zu ihm sagte: „Sie, geistlicher Herr, sagen Sie uns gefälligst, wenn der Teufet und ein Geistlicher einen Prozeß miteinander hakten, wer würde wohl denselben gewinnen?" — „Ohne Zweifel der Teufel," sagte der Pfarrer, „denn der hat alle Advokaten auf seiner Seite. Frage: Welchen Thaler bringt man in kein Portemonnaie? Antwort: 'aszvhsurtjH UZE Druck, Verlag und Sted.ickien d,s Rterarijckcn Instituts von l)r. M. Huttlcr.