Nr. SS. 27. Decbr. 1868. Augsbrrrger Wehe Dem, der zu sterben gebt Und Keinem Liebe ges i-enkt bat Dem Decker, der zu Scherben geht Und keinen Durst'gen getränkr bat. Friedrich Rückert. Weihnachtsbilder. 1. Des Festes Ursprung. Wir befinden uns soeben mitten in der schönsten, wonnereichsten Festzeit des Jahres, in der lieben, frohen Weihnachtszeit. WeihnachtS-Gedanken erfülle» jetzt die großen und die kleinen Herzen, Weihnachtsbilder treten Einem jetzt allenthalben entgegen; möge man eS darum nicht verwunderlich finden, auch hier welchen zu begegnen. Sie sind v»n verschiedensten Orten geholt, von je nach Land und Sitte anders gestalteten Nahmen eingefaßt, aber Alle bestrahlt von dem hohen Glanz des Festes, dessen Gewalt sich überall geltend macht, wo Christen Den bekennen, dessen Ankunft in der Welt jenes feiert. Seit wann aber kennt die Christenheit solche Feier? Wir dürfen eS wohl als allgemein bekannt voraussetzen, daß das Weihnachtsfest nicht zu den ersten und ältesten der christlichen Feste gehört. Wie es aber gekommen, daß ein solches Hauptfest, das uns so natürlich und unentbehrlich geworden ist, dem wir so gern ei» leitendes Ansehen zugestehen, den ersten Jahrhunderten christlicher Zeitrechnung entbehrlich scheinen konnte, DaS dürfen wir wohl als eine passende Einleitung unseren Weihnächtsbildern voranstellen. — Die älteste Urkunde, welche deS WcihnachtsfesteS am 25. Dezember ermähnt, ist ein wichtiges, chronographisches Sammelwerk aus Rom vorn Jahr 354, -— das diesen Tag zweimal, als geschichtliche Epoche wie als Festtag, anmerkt. Diese Sammlung enthält nämlich unter Anderem ein Verzeichnis der römischen Consuln vom Jahr 245 der Stadt bis 354 n. Chr., in welches zugleich einige wenige geschichtliche Angaben aufgenommen sind, namentlich folgende zu den Jahren: 1 v. Chr.: „Unter diesem Consulat (des Cäsar und Paulus) ist der Herr Christus geboren am 25. De,cmber, einem Freitag, dem 15. des Mondes." 2S. n. Chr.: „Unter diesen Consuln (den beiden Geminis) hat der Herr Jesus Christus gelitten, an einem Freitag, den 14. des Mondes." Ferner kommt dort ein Verzeichniß der in der römischen Kirche gefeierten Feste vor, und dieses fängt an: „25. Dezember; Christus geboren in Bethlehem in Judäa." Vom Abendland ging dann das Fest erst nach dem Orient über, der bis dahin die Geburt Christi gleichzeitig mit dem Fest seiner Taufe am 6. Januar gefeiert hatte; —- aus einer im Jahre 386 zu Antiochia gehaltenen Predigt des hl. Chrysostomus ersieht man, daß das Weihnachtsfest damals noch keine zehn Jahre dort bestand, aber schon mit allgemeinster Theilnahme, wenn auch nicht »hne Einwendung, gefeiert wurde. Es fehlt uns hier der Raum, zu diesen frühesten Zeugnissen von der Weihnachtsfeier noch solche Aeußerungen aus früherer Zeit, welche dieselbe geradezu verwerfen, hinzuzufügen, sondern wir gehe» gleich zu der schon oben angedeuteten Frage über, wie die Kirche des WcihnachtsfesteS so lange entbehren mochte. DaS erklärt sich aus der ccntralen Bedeutung ihrer anderen hohen Feste, Paschah und Pfingsten, — in denen sich ihr damals im Wesentlichen alle 410 Gaben dcs VatcrS, Sohncs und Geistes zusammenfaßten. Und was insbesondere den ^ Erlöser anging, so setzte man in der Auffassung seiner Person und seines Wortes die Erlösung vorzugsweise in seinen Tod — und feierte in den Festen nur die Vollendung seines Werkes durch Tod und Auferstehung Dazu kam, daß in den ersten Jahrhunderten der christlichen Acra unter dem Drucke der blutigen Verfolgungen, da das Trachten der Christen mehr „ein Suchen der zukünftigen Stadt" und ein Warten auf die Zukunft > des Herrn war, das irdische Leben überhaupt geringer gewürdigt und nicht sowohl der Eintritt in dasselbe als der selige Ausgang — gilt ja doch der Todestag der Märtyrer als deren eigentlicher Geburtstag — gefeiert wurde. Wenn aber die Gläubigen es bei > sich und in Anschlag ihrer eigenen Geburt so hielten, so mochten sie auch weniger veranlaßt sein, den Eintritt des Erlösers in das arme Leben, seine Geburt in Niedrigkeit zum Gegenstände der Feier zu machen. Das Aufhören der Verfolgungen aber, — der Sieg der Kirche im vierten Jahrhundert mußte hier nothwendig eine Aenderung mit sich bringen. Man gewöhnte sich, das irdische Leben, — das nun auch andere Aufgaben für das Gottesreich, als Uebung im Leiden — stellte, in selbstständigerem Werth und die Geburt in dasselbe nicht mehr so geringschätzig anzusehen, und die Gläubigen mußten selbstverständlich dann von der höheren Bedeutung des menschlichen Lebens überhaupt auf die höhere Würdigung der Geburt Christi geleitet werden. Dem zur Seite ging nun auch eine Fortentwicklung oder Erweiterung des dogmatischen Gedankens. Man würdigte die Geburt des Erlösers mehr aus seiner Person und seinem Werke selbst. Schon angesehene Kirchenlehrer des zweiten Jahrhunderts hatten, einer einseitigen Schätzung seines Todes zuvorkommend, in tieferer Erfassung des Werkes der Erlösung dieselbe in das gotlmenschliche, durch Tod und Auferstehung gekrönte Leben des Herrn gesetzt. Sobald sich diese Gedanken mehr Bahn brachen, — mußte auch die Feier der Geburt Christi bei weiterer Entwicklung der nun schon systcmatisirtcn Fcstorduung als nothwendiges und ^ zwar zeitlich erstes Glied sich dieser einfügen. Steht nun seit dem vierten Jahrhundert i die Feier dcs Wcihnachtsfestes am 25. Dezember fest, so mag außer den entwickelten ^ christlichen Motiven bei den Römern die heidnische Feier des 25. Dezembers, als Geburts- , tag der unbesiegten Sonne, „äiss nnlulis invioti", nicht ohne Einfluß auf die chrono- ! logische Bestimmung des Tages gewesen sein; ihre selbstständige Wurzel hatte aber auch diese in der Anknüpfung an „den Tag der Menschwerdung oder Verkündigung Mariä," den 25. März. Der 25. März aber ist nach dem Kalender des Julius Cäsar der Tag ^ der Frühlingsnachtgleichc. Auf diese hat man die Menschwerdung Christi gelegt, aber nicht sowohl wegen dieses Jabrpunktes, sondern um der Weltschöpfung willen, die an dem Tage ihren Anfang genommen haben sollte. Ebenso galt derselbe 25. März als der Todestog deS Herrn. Und so wurde der 2i. Dezember aus dem 25. März abgeleitet, d. h. der Anfang des Lebens Jesu sowohl rückwärts mit der Schöpfung der Welt, als i vorwärts mit dem Ausgang seines Lebens, — mit Tod und Auferstehung, chronologisch > zusammengeschaut. — (Der Einbürgerung des Weihnachtsfestes bei den neubekehrten § Germane» und Kelten mag endlich besonders der Umstand förderlich gewesen sein, daß > sich — gleichwie bei den Römern — auch hier ein heidnisches Naturfest, die Julfeier, ! vorfand, das fröhliche Bcgängniß der Wintersonnenwende, der wicdererwachendcn Natur > — ein Fest, dessen Symbolik auf die christliche leicht umzudeuten war. So baute sich ! denn auf den verwitternden Trümmern dcs Sonncnkultus, den die Bekehrung schwerlich ^ so vollständig auszurotten vermocht hätte, allmählich und ganz unmerklich die christliche > Weihnachtsfeier auf, und ehe das Volk es nur gewahr wurde, war dem ursprünglichen ! heidnischen Festgcdankcn ein anderer Begriff substituirt, vor dessen milder Lieblichkeit die s bachantische Feier dcs Julfcste» mehr und mehr verblaßte. (Ein letzter Abglanz der Freude über die „Wiederkehr dcs Lichtes" ist uns im Kerzenschimmer des WeihnachtsBaumes erhalten geblieb«.) 2. Der Christbaum. Wir Deutschen können uns keine Weihnachten denken, ohne den Christbaum, ohne den echt deutschen, lichterhellen, auf seiner Spitze mit dem goldenen Engel gekrönten Taunenbaum. Nichts Anderes kann ihn ersetzen, und darum leuchtet er auch, ist er nur irgendwie aufzutreibcn, wo Deutsche oder deutsche Art Weihnacht feiern, im Süden wie im Norden, am Hof der englischen Königin wie in der deutschen Kolonie von St. Petersburg; selbst unter dem Kriegstumult in der fernen Krim hat er vor Jahren sein friedlich Licht verbreitet. Die biblische, — christliche Deutung des Christbaums ist leicht. Lichter anzuzünden, war von jeher bei religiösen Freudenfeicrn gebräuchlich, — so beim jüdischen Feste der Tempclweihe und dem christlichen Osterfeste; besonders nahe lag es aber zur Weihnachtszeit, wo die Sonne nur spärlich den Tag erhellt. Aber vor allen sollen die Lichter, — welche da am grünen Baum in den dunkelsten Tagen des Mittewinters aufstrahlen, an jenes helle Licht erinnern, das die Hirten auf Bethlehem'- Gefilden umleuch- tctc, und die Freude darüber versinnbildlichen, daß Christus ist das Licht, welches in die Welt kommend, alle Menschen erleuchtet — und „einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben hat," — wie schon im alten Bunde geweissagt war: „Die Völker, im Finstern sitzend, sollten ein großes Licht sehen." An manchen Orten zündet man den Christbaum erst am Morgen des ersten Festtages an; auch Das hat seine Beziehung: Christus wird ja in der Schrift der „Aufgang aus der Höhe" genannt — und sein Evangelium „der Morgenstern, der in unsern Herzen aufgehen soll." Ein immergrünes Gewand trägt der Taunenbaum: „unverwelklich soll das Erbe der Frommen sein, unvergänglich der Kranz des christlichen Kämpfers," bleibend die Gnadengabe christlichen Glaubens, Liebens und Hoffens. Die Fülle von süßen, bunten, glänzenden Gaben am Weihnachtsbaume könnte eine Nachahmung sein jener Geschenke, welche die Magier aus dem Morgenland dem Jesuskinde brachten, allein richtiger deutet man sie auf den „mancherlei geistigen Segen," den Gott m seinem Sohn geschenkt. Zu Füßen des Baumes werden manchmal allerlei Thiere gestellt, zur Erinnerung an die Zierden der bcthlchcmischen Hirten oder auch an das Paradies, wie denn der Christbaum auch als Symbol des Lebensbaums im Paradies erscheint, der, durch die Sünde verloren (auch die Schlange sieht man manchmal um den Stamm sich ringeln), durch Christus wieder gewonnen werden soll. — Warum am Fest der Geburt des Christkindes der gabenreiche Christbaum der Mittelpunkt gerade der Kinderfreude ist, — braucht den auf Weihnachten sich rüstenden Elternherzen nicht gedeutet zu werden. Aber gerade mit dieser Kindcrbeschecrung werden wir aus der Frage nach Entstehung des Christbaums schon über den Kreis christlicher Sitte hinausgeführt. Schon die Römer beschenkten an den mit den um unsere Christzeit gefeierten Saturnalien verbundenen Sigillarien ihre Kinder mit Bildern und Töpfergeschirr, und wie sie am 25. Dezember den Geburtstag der unbesiegten Sonne feierten, so begingen die heidnischen Völker des nördlichen Europa um dieselbe Zeit die Winter-Sonnenwende durch den lichterreichen Tannenbaum. Diesen also, — unsern heidnischen Vorfahren und ihrem Juelfest verdanken wir unsern Christbaum, — und wieder finden wir hier jene schonende Hand, mit der die Bckchrer Deutschlands den neuen Glauben dem alten ver« knüpften, die sinnige Verbindung, in die sie das Naturjahr und seine religiöse Feier mit dem Kirchenjahr zu setzen wußten. Papst Gregor der Kroße hatte ausdrücklich zu solchem Verfahren aufgefordert. Sollte da- vom heidnischen Winterfest gefeierte Herannahen des Frühlings und der durch Christi Ankunft auf Erden angebrochene Weltfrühling so weit auseinander liegen? Noch führt im skandinavischen Norden das Wcihnachtsfcst den alten Namen, des Juelfcstes, und was mit der Beachtung der „heiligen zwölf Nächte," mit der Wanderung der drei Könige, mit dem Knecht Rupprecht zusammenhängt, es greift das Alles in vaterländische Urzeit zurück. Ja, noch weiter, nrch über die Grenzen germanischen Heidenthums hinaus könnten wir die Spuren unseres WcihnachtsbaumeS oder wenigstens seines Zusammenhangs mit andern gleichartigen Mysterien verfolgen. Wenu 412 auf einem iw ägyptischen Museum m Berlin befindlichen Gemälde der Sonnengott dem Könige Sesustasar an einem grünen Zweige das gehenkelte Kreuz reicht, das Sinnbild des höheren, deS ewigen Lebens; — wenn auf dem heiligen Baum des alten Indien wunderbare Vögel sitzen, Honig von ihm traust, wie von der Wcltesche deS Nordens, wir Zuckerwerk und Honigkuchen von unserem Weihnachtsbaum, können wir hier einem gcheimnißvollen Anklang des Eine» Gedankens aus dem Wege gehen? Am alterlosen Strom ragt jener indische Baum in die sonnigen Lüfte „seiu Anblick schon macht jung,- singen die heiligen Lieder von ihm. Und thut der Weihnachtsbaum Dies nicht auch? — Werden wir Alten nicht wieder jung in seinem Anschauen, nicht Kinder wieder, schon wenn wir ihn schmücken und dann, wenn der Jubel unserer Kleinen uns umrauscht. — Halten wir also den Baum fest, der aus so uralten Wurzeln — möchten wir sagen, in unser Volksleben hineingewachsen ist, — und möge uns allen sein lieblich Licht noch recht oft leuchten! Die sieben neuen Weltwunder Londons. Die Hauptstadt Englands ist als Mittelpunkt der Erdhalbkugel, welche das meiste feste Land enthält, auch zugleich der HauptschwingungSknoten des Weltverkehrs auf dem Master, und schon deßhalb mit mehr Einwohnern, als sämmtliche von Preußen anncktirte Länder enthalten, weder eine Hauptstadt, noch überhaupt eine Stadt. London! Aber was soll es denn sonst sein? Das ist schwer zu beantworten. Als Bauwerk genommen ist dieses London bis jetzt die beste Verwirklichung des Ideales einer Weltstadt, welche zugleich auch die von ihr verschlungenen Hunderte von ehemaligen Dörfern verschönert und gereinigt wiedergeboren hat, und deßhalb eine höhere Einheit der Gegensätze von Stadt und Land. Dagegen muß man Berlin eine Stadt in einseitigster, unangenehmster Bedeutung nennen. Sie verschlingt die Dörfer mit ihren Gärten und Feldern umher und zugleich auch alle gesunden Plätze mit Lust und Licht, Rasen, Bäumen und Blumen innerhalb und gibt ihnen alle Unannehmlichkeiten des Stadtlcbcns, ohne einen ein» zigen Ersatz für die verzehrte Ländlichkeit und Gesundheit zu bieten. Innerhalb der hundert englischen Quadratmeilen, welche London bedeckt, finden wir nicht nur unzählige Tausende von Billas, Häusern und Häuschen für je eine Familie mit Vor- und Hintcr- gärtchen, welche nur durch niedrige Wände oder lebendige Hecken getrennt, nicht selten mastenweise zusammenhängen und so für alle Bewohner ringsum den Gesundheits- und Schönheitswerth großer Gärten und Parks haben, sondern auch außerdem zusammenhängende ausgedehnte Parks innerhalb der Stadt, auf denen allein das ganze Berlin Platz haben würde. Diese Parks enthalten alle Wonnen und Schönheiten ländlicher, lachender Gesundheit mit Ausschluß alles Bäuerischen und sonstiger Unannehmlichkeiten des Dorf- lcbcnS. So kann man in London auch mit geringen Mitteln schöner wie auf dem Lande wohnen und doch zugleich auch alle Borzüge des kultivirtcstcn, weltstädtischen Lebens reicher und bequemer genießen, als irgendwo. Von jeder Gegend und Entfernung der Stadt sind fast immerwährend nach jedem anderen Theile zu Master und zu Lande, unter und über der Erde unzählige Tausende von wirklichen Dampfpfcrdckräften in regelmäßiger lebhafter Bewegung, wie das Blut in den Adern eines gesunden, tüchtigen Menschen, und erhalten durch alle Theile dieses Riescnkörpcrs hindurch einen so raschen und leichten Umlauf, daß jedes Blutkügelchen, jeder einzelne Mensch jederzeit Gelegenheit hat, dahin zu eilen, wo er sich am nützlichsten und angenehmsten machen und den meisten Vortheil davon beziehen kaun. Unter allen Weltwundern der alten und neuen Zeit bilden die Vcrkehrseinrichtungen Londons gewiß das größte. Die Tausende von Droschken und Omnibus verstehen sich von selbst; aber wie sie fahren und stiegen, besonders die zwci- rädcrigen Sichcrheitsdroschken, sich durcheinander hindurchwinden, ohne sich in vier-, fünf-, sechsreihigcm Gedränge gegenseitig zu zermalmen, und diese unzähligen Arten von genial, je für ihre Zwecke gebauten Wagen — dies Alles zusammen bildet ein alltägliches Wunder, über welches unsere deutschen Kutscher am meisten erstaunen würden. Auch die auf der Themse wie Schwalben umherfliegenden Dampf-OmnibuS setzen uns, wenn auch zum hundertsten Male gesehen, in Erstaunen. Doch sind sie ebenfalls etwas Altes und selbst mit den über der Stadt uud den Straßen immerwährend hin und her donnernden Eisenbahnzügen und ihren mehr als hundert Stationen in der Stadt ist der Welt weit uud breit längst bekannt. Sogar die große unterirdische Eisenbahn ist durch Beschreibungen und Abbildungen aus dem Bereiche interessanter Neuigkeiten verdrängt worden. Wer aber lange nicht in London gewesen und keine neuesten Schilderungen darüber gelesen, wird gewiß gestehen, daß das jetzt sich bildende und zum Theil schon vollendete unterirdische Gewinde von festgemauerten Dampfvcrkchrsstraßen unter den hundert Gcviertmcilen der Stadt zu den neuen Weltwundern erster Klaffe gerechnet werden muß. Wir wollen aber diese noch nicht vollendete Unterwelt nicht weiter schildern, sondern uns begnügen, eine Herzkammer derselben, eines der neuesten von Stein und Eisen gedichteten Ricsenmärchcns im Mittelpunkt der Stadt, etwas näher zu betrachten. Es ist her neue Schmithfild- Flcischmarkt, genau auf der Stelle des alten, unter welchem unterirdische Eisenbahnen von den verschiedensten Bahnhöfen her sich in riesigen Gewölben treffen und kreuzen und durch allcrqand hydraulische Hcbelmaschincn mit dieser neuen Welt in unmittelbarer Verbindung stehen. Dieser neue Smithfieldmarkt wird wahrscheinlich bereits feierlich eröffnet sein, ehe d cse Zeilen gedruckt sind. Er bildet ein großes, längliches Viereck von derselben Ausdehnung, wie der unterirdische Centralbahnhof gerade darunter und bedeckt beinahe drei Morgen in seinem würdigen römisch-dorischen Baustile, seinen Haupt- und Nebenstraßen, seinen Läden und zweistöckigen Gebäuden. In den Ecken des Platzes erheben sich fünfundzwanzig Fuß im Geviert hohe Glockenthürme mit kupfergedccktcn spitzigen hohen Domen. Die Hauptstraße, von siebenundfünfzig Fuß Breite, läuft, von sechs 18 Fuß breiten Qucrwegcn durchschnitten, in der Mitte dahin. Die dadurch gebildeten rechtwinkeligen Plätze sind mit 162 offenen Verkaufsstellen vou je 35 Fuß Länge nnd 15 Fuß Breite ausgefüllt und wie die Straßen dazwischen, durch luftigen, lichten Ueber- bau gegen Wind und Wetter geschützt; aber von allen Seiten ist der Lust der srciestc Zutritt und Abgang offen gelassen. Die Verkaufsstellen haben blos feste Hinterwände, da die beiden Seiten aus luftigen, durchbrochenen Eiscngittern bestehen und die vor der Front nur durch riesige Keulen und ganze Hammel an den Seiten und von oben herab sehr zweckmäßig und einladend in ihrer sonstige» Offenheit etwas beschränkt werden. Ueber jeder dieser Musterbuden befinden sich noch von mehr als tausend zierlichen Eiscnsäuleu getragene Räumlichkeiten für Privatzwccke, Buchführung, zur Noth auch Wohnung der Fleischhündlcr. Ueberall sieht man blanke Hähne, die, geöffnet, frisches Wasser sprudeln oder schmutziges ableiten. Innerhalb der vier Thürme kann man das beste Fleisch in allerhand appetitlicher Zurichtung genießen und hinterher trinken, lesen und rauchen. Der ganze ungeheure Marktplatz ist von der Mitte her aus einer Höhe von 54 Fuß durch ein von luftigen, leichten eisernen Bogen getragenes Dach geschützt; aber das Licht dringt von allen Seiten durch 92 7 Fuß hohe und breite zierliche eiserne Arabcs- kenvergitlcruiigcn im lustigen Wettspiele mit der Luft aus und ein. So hat der Engländer mit seinem praktischen Sinn der besten Fleischvertilger aller Nationen, für seine tägliche Hauptnahrung einen wahrhaften Niesentempcl geschaffen, den wir anständigerweise durchaus nicht mehr Markt nennen dürfen. Den soliden lebendigen Unterboden, aus welchem die Flcischmaffen gewissermaßen wie durch Zauberei hervorquellen, besuchen wir wohl ein andermal. Jetzt bewundern wir nur noch die solide Holzpflasterung unter unseren Füßen, den sehr praktischen Parquctboden, auf welchem die Füße viel elastischer treten und die hindurchsahrenden Wagen leichter und geräuschloser paffircn, als auf dem besten Steinpflaster. Das Knattern und Donnern draußen mildert sich hier z« einem molligen Gcmurmel ab und wird auch durch eiserne Thore abgehalten. Diese Thore sind zum Theil auch hübsche eiserne Gitterwerkc und sehen von Weitem fein wie Brabanter Spitzen aus. Dabei wiegt das eine doch dreihundert Centncr und kann nur durch Dampfkraft geöffnet und geschloffen werden. Und diese ganze großartige Wundcrwelt auf einer so wunderbaren Unterwelt ist doch nur ein Fleischmarkt, freilich die Hauptnahrungsquelle für drei Millionen der größten Carnivorcn unter den Menschen! Daß sich die ehemaligen engen und krummen Straßen, die hier aus- und einmünden, ebenfalls verschönert und erweitert haben, versteht sich von selbst. Eine derselben führt in das benachbarte andere neueste Wunderwerk des Verkehrs, an dessen Vollendung bis zu Weihnachten täglich, und sehr oft auch nächtlich, Tausende von Menschen- und Dampfpferdekräften arbeiten. Es ist der Holborn-Viadukt, der aus einer Tiefe von 30 Fuß unter der Oberfläche bis zu einer größeren Höhe über derselben, 1400 Fuß lang und über 80 Fuß breit, ausgemauert ward, um die beiden Hügel in der Hauptverkehrsstraße zwischen dem Nordwesten Londons und der City, Oxfordstrcet auf die massiveste Weise zu überbrücken, dir Straße auf die so gewonnene Ebene zu verlegen und daneben und darunter alte, krumme, enge Gaffen niederzureißen und als neue, weite, heitere Verbindungsmittel zwischen dem Süden und Norden wieder emporzuzaubern. Wie weit und tief das Zcrstörungswerk ging um auf einer neuen massiven Grundlage diese neue Welt aufzubauen, das geht für uns iu's Fabelhafte, wenn auch die Berliner meinen, sie hätten in ihren neuen, durchbrochenen Straßen Wunder gesehen und sogar gethan. In der norddeutschen Welthauptstadt gehören vielmehr der Durchb.uch in die neue Wilhelmstraße, die Düfte des Zwirn-, grünen und Kupfergrabens und besonders das Aroma der Panke während des vorigen Juli, vielleicht auch das seit acht Jahren leere Schillergitter, zu den Wundern des Unternehmungsgeistes. Die Londoner Bau- und Verkehrs-Titancn schonten selbst die Todten der Unterwelt' nicht, um Grund und Raum für dieses Riesenwerk des Hotdorn-VmSukcs zu gewinnen, und gruben namentlich einen seit Jahrhunderten fleißig bestellten Gottesacker aus, um unzählige Fuder von Gebeinen und ganze Armeen von zum Theil noch wohlcrhaltcnen Leichen außerhalb des immerwährend donnernden Verkehrs aufs Neue zu besserer Ruhe zu bestatten. Dabei machten die Liebhaber des Schauerlichen gar merkwürdige Studien und Erfahrungen. Viele Leichname kamen erwiesen nach zwei-, dreihundertjähriger Ruhe noch ganz wohlerhalten und nur lederartig getrocknet wieder auf die Oberwelt. Doch fand man auch vollständig gebleichte Skelette mit verrosteten Ketten an Händen und Füßen, also Gebeine, über die man gewiß, ohne Gefahr, Heiliges zu verletzen, sprechen und schreiben kann. Doch lassen wir die Todten ruhen. Auf ihrem neuen Kirchhofe, weit draußen unter nickenden Gräsern und Blumen, ruhen sie jedenfalls viel schöner, als in London, wo man übrigens die Entdeckung machte, daß sie den ganzen Erdboden rings umher mit Verwcsungsgasen vergiftet hatten, eine neue, ernste Mahnung, namentlich für unsere rasch anwachsenden Großstädte, die Kirchhöfe nach dem Muster Londons weit hinaus zu verlegen und die Todten per Eisenbahn etwa jeden Morgen in ihre, für sie ausschließlich bestimmte, schöne, ruhige Stadt unter Bäumen, Blumen und Vogelfang zu begraben. Es ist schwer, von der Großartigkeit dieses Brückenbaues in London eine Vorstellung zu geben; man mache sich deßhalb wenigstens ein allgemeines Bild davon, und denke sich diese Brücke aus ihren tiefsten Fundamenten beinahe hundert Fuß hoch aufsteigend, 1400 Fuß lang und 80 Fuß breit durch die volkreichste Straße hingemauert, über das Thal hinweg, dessen Abhänge auf je fünfzehn Fuß einen Fuß Gefälle haben. Um oben eine vollkommene Ebene zu erreichen, mußten an den tiefsten Stellen drei gewaltige Etagen über einander gemauert und gewölbt werden, und zwar mit Grundmauern, die acht Mauersteine dick sind. Innerhalb derselben zieht sich ein reiches Leben von Kellern, Gas-, Wasser-, Kloaken- und Telegraphenröhren in 11'/r 'Fuß hohen und 7 Fuß breiten sogenannten Unterwegen, durch welche diese Röhren laufen, und die dazu dienen, alle dieF 415 Verkehrsadern beaufsichtigen und repariren zu können, ohne daß das obere Maucrwcrk aufgerissen zu werden braucht. Oben über den Wölbungen mit gigantischen Logen, deren Konstruktion gerade von Architekten als wirkliches Wunder gewürdigt wird, zieht sich die ganze ebene, fünfzig Fuß breite Fahrstraßx mit fünfzehn Fuß breiten Fußwegen auf jeder Seite, welche durch zierliches Eiscngitterwcrk gegen die Gefahren der Fuhrwerke geschützt sind, und durch prachtvolle Gaskroncnlcuchter auch bei Nacht und Nebel mit besserem Tageslicht versehen werden, als es in London oft der Mittag zu liefern vermag. Beide Seiten dieser Brückcnstraße werden mit Bauwerken versehen, die wegen ihrer Schönheit und stattlichen Pracht mit Preisen gekrönt wurden. Ein solcher Bau gehört ohne Weiteres zu den sieben neuen Wunderwerken Londons, vielleicht auch der Verkehr darauf» der natürlich bedeutend steigen wird. Und doch fuhren auf dem alten Wege den Hügel auf und ab schon vor zwei Jahren, berechnet nach genauen Zahlungen an bestimmten Tagen, 300,000 Micthskutschen, 700,000 Lastwagen, 170,000 Equipagen, 280,000 Omnibus, 900,000 Chaisen und 700,000 Droschken, und 2,000,000 Menschen ritten zwischen 40,000,000 Fußgängern. Auf dem neuen Wege können sie sich getrost verdoppeln und finden bald über, bald unter demselben fast immerwährend Gelegenheit, mit Dampf nach allen Richtungen der Stadt und des Landes dahinzufliegen. Nur ein paar hundert Schritte südlich von diesem Wunderwerke streckt sich der massive Steg gegen die immerwährend hochfluthcndc und niedercbbende Themse in Form des 7000 Fuß langen, 40 Fuß hohen und über 100 Fuß breiten Bollwerks vom neuen Parlamentsgebäude an bis nach der City herunter am nördlichen Ufer der Themse entlang. Der Kampf, womit man der Themse diese 37 Morgen festen Landes im kostbarsten Theile der Stadt abtrotzte, war ein gewaltiger und fabelhaft kostspieliger; aber man siegte mit 70,000 Kubikfuß Granit, 30,000,000 Mauersteinen, 300,000 Scheffeln Cement und einer halben Million Kubikfuß anderweitigen massiven Massen. Ein Theil ist bereits eröffnet, so daß man sich schon eine Vorstellung machen kann, wie prachtvoll das ganze Werk aussehen wird. Die äußere granitne Mauer steigt acht Fuß dick aus einer Tiefe von sechSzehn Fuß unter dem Flußbette bis vierzig Fuß empor, so daß man-von oben die durch riesige Entwässcrungskanälc gereinigte Themse zwischen Bäumen und Ruheplätzen hervor weit unten mit den wie Schwalben umherschießcnden Dampfschiffen spielen sieht. Die obere Flüche ist nirgends geringer als hundert Fuß breit, wobei zwanzig Fuß auf jeder Seite für die Fußgänger, Parkanlagen, Ruheplätze und sonstige Schönheiten abgegrenzt sind. Auf dem glatten 60 Fuß breiten Fahrwege rollen Wagen und Equipagen aller Art leicht und lustig dahin, und Reiter beiderlei Geschlechts kokettircn auf ihren glänzenden Rossen zum oder vom täglichen Reit-Corso im Hydeparke. Man bewundert die Pyramidenungehcner Egyptens und die sieben Wunder der Welt; doch stecken in diesem Thcmscbollwcrk, dem Holborn-Viadukt, den unterirdischen Eisenbahnen, dem neuen Fleischmarktbrcnnpunkte und den zwölf Meilen langen neuen Auffangkloaken an beiden Ufern der Themse hinunter mehr und vernünftiger angelegte Kapitalien und Arbeitskräfte, als in sämmtlichen sieben Weltwundern. Diese Kloaken an und unter der Themse und unter ganzen Städten, so breit ausgehöhlt und gemauert, daß Wagen und Pferde darin fahren können, nehmen alle unreinen Flüssigkeiten aller Häuser auf den hundert Gcvicrtmcilen Londons auf, und führen sie mehrmals gleichsam treppauf, treppab weit hinunter aus dem Bereiche der Londoner Nasen und der Themse. Am Ende werden diese, für Felder und Fluren kostbaren Flüssigkeiten von einer neuesten Spekulation in Empfang genommen, erst unschädlich und dann um mehrere tausend Pcrzent werthvoller gemacht. Diese Erfindung mit Kalk und Alaun und noch drei anderen, bis jetzt geheim gehaltenen, aber ebenfalls billigen Stoffen, den reinen Dungwerth aus den Kloakenflüfsig- keitcn herauszufischen, hat wohl noch eine große Zukunft, wenn nicht inzwischen eine bessere und billigere Weise gefunden wird, diese für das Leben schädlichen, aber für Felder und Fluren fruchtbringenden Auswurfstoffe der Civilisation ohne den Umweg durch KlosetS und 416 Glossen auf eine anständige Art dahin zu bringen, wo sie hingehören. Bis jetzt tragen sie auch in sogenannten entwässerten Städten allgemein viel zur Vergiftung der Luft und noch «ehr des Wassers bei. Dieses Wasser in großen Städten ist nun erwiesen die Haupt- quelle aller möglichen Krankheiten, namentlich pestartiger Epidemien. Das Wasser der rnglichen Kompagnien ist, auch filtrirt, beinahe so schlecht wie das Berliner. Deßhalb hat man sich auch in London allen Ernstes bereits vorgenommen, sich das gesundeste und reinste Gebirgswasser, über 35 geographische Meilen weit her, aus den Urnen der Ber» gesnymphen von Wales als hinreichend für alle drei Millionen Menschen durch eine, sich allmälig herabsenkende Riesenröhrc herunter zu leiten. Die ganze Strecke bis London ist eine wellenförmig sich senkende Ebene, so daß das Wasser, seinem natürlichen Drucke folgend, ohne künstliche Dampfkraft in alle Höhen des hügeligen Londons gehoben werden kann. Endlich wird auch die Eisenbahn unter dem Meere zwischen Frankreich und England hin und dann vielleicht sogar der unterseeische Dampfschienenweg nach Amerika in Angriff genommen werden. Vorläufig aber haben wir an diesen wirklichen Wundern genug. Miseellen. (Ein interessanter Beitrag zur Statistik.) Einen solchen Beitrag hat «u Schneidermeister in Eutin geliefert. Er schreibt nämlich: Ich begann im Jahre 1857 die Stiche zu zählen, welche ich zur Anfertigung eines vollständigen Rockes für einen Mann machen mußte; die Zahl derselben stieg auf 40,000, und als Arbeitslohn erhielt ich 8 Mark, also für 5000 Stiche 1 Mark oder für 313 Stiche 1 Schilling. 1868 zählte ich wieder die Stiche an der Arbeit eines MannsrockeS und erhielt die Zahl 21,000. Jetzt erhalte ich für einen Rock 7 Mark Arbeitslohn, also muß ich 3000 Stiche für 1 Mark und l88 Stiche für 1 Sch. thun. Es wird jetzt also für 3000 Stiche bezahlt, was früher für 5000 bezahlt wurde; vaS gibt eine Steigerung von 66'1'z Proeeut. (Ein musikalisches Messer.) Im Louvrc zu Paris wird gegenwärtig ein Messer gezeigt, dessen Klinge von Stahl ist und woraus in lateinischer Sprache die Worte stehen: „Was wir speisen werden, möge der Dreicinige segnen. Amen." — Dabei befindet sich eine musikalische Compositio», aber nur der Baß, woraus ersichtlich, daß noch einige Messer mit den anderen Stimmen dazu gehörten, die aber nicht niehr vorhanden sind. Dem Charakter des Schlüssels und den quadratischen Noten, sowie dem Aussehen der Verzierungen nach, stammt es aus dem sechzehnten Jahrhundert. Die Die Arabesken sind in dem erhöhten Theile der Arbeit mit Gold eingelegt, vön größter Schönheit; — der Griff ist von Elfenbein. Es geht daraus hervor, daß man so bei Tafeln ein Lied von diesen Messern herabgcsungen hat, indem jeder Gast statt Noten auf Papier diese Messer vorgelegt erhielt. Die Gedanken und Gefühle, die in uns wohnen, sind die großen Ausglcicher aller menschlichen Dinge. Der Reiche gewöhnt sich an den Reichthum, so wie der Arme an die Armuth; die Häßlichkeit verschwindet, wenn man sie oft betrachtet, und der Dumme fühlt seine Gcistcsarmuth nicht. Frage: Welches Land ist bei großer Kälte am übelsten daran? Antwort: Ivh mo Üazg §, z;,cu "urvlnisz Druck, Lrrlog und Rednetion des 1'iterarischen Instituts von Itr. M. Huttler. Mgsbnrgcr Neunundzwanzigster Jahrgang. Augsburg. Druck und Verlag des Litcrarischcn Instituts von Dr. M. Huttlcr. K'. - M 'K' srMWr.-L