3. Iannar 1869. Ni-o. 1. Göthe. Treibst du doch bald dieß, bald das! Ist es ernstlich, ist es Spaß? »Daß ich redlich mich beflissen, Was auch werde, Gott mags wissen. Göthe. AM Zrm JUit süßem Heil soll sich das Jahr verbinden Und dich in allem was es bringt beglücken. Die Monde sollen wechselnd dich entzücken. Und ohne Freude soll kein Tag verschwinden! Des Frühlings erstes Veilchen sollst du finden, Die erste volle Rose soll dich schmücken. In goldner Saat sollst du Cyanen pflücken Und noch im Herbste sollst du Kränze winden! Der Sturm soll kosend dir vorübergleiten. Kein Strahl der Sonne möge dich versengen. Vierfacher Lenz sei'n dir die Jahreszeiten! Zu schöner Eintracht sollen sich vermengen Die Elemente und sich nicht bestreiten. Und milde sein zu deinem Wohl die strengen! Johannes Schrott. 2 Gerächt und gerichtet. Eine Dorf- lind Kriminal-Geschickte von Ludwig Habicht. (Mit Lerwahrung gegen Nachdruck) Jetzt, am Hochzeitstage, suchte Marianne in jenem Büchelchcn Trost, das ihr von «llcn Schriften Georgs am meisten zugesagt. Es war eine »Anthologie aus den Werken des Wandsbecker Boten, und sie las: „Er sitzt dort hock in stiller Einsamkeit, lind sinnt auf unser Wohl. Den grosien Sckoos von Wohlthat weit und breit lind beide Hände voll.' „O Gott, sinnst Du auch auf mein Wohl?" sprach sie leise vor sich hin und laS in Thränen weiter: „Und sieht herab auf Sterne, Land und Meer, Mit unverwandtem Blick! Siebt seine Kinder alle rund umher, Ihr Elend und ihr Glück." „Ihr Elend nnd ihr Glück!" wiederholte sie langsam, und ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust, — baun starrte sie lange vor sich hin und versank in dumpfes Hinbrüten. Die alte Wanduhr schlug eben neun, nnd der Alte trat in die Stube. Er sah noch finsterer wie gewöhnlich aus und auf die Uhr zeigend, rief er grollend: „Hm! unS «arten lassen! Was denkt sich der Bursche!" „Die Uhr drüben geht immer zu spät," beschwichtigte die Näthcrin. „Er wird schon noch kommen," setzte die Freundin außerdem hinzu. Der Bauer runzelte zornig die Stirn; „das weiß ich selbst," entgcgnctc er sicher nnd selbstbewußt, „er hat sich rechtschaffene Mühe gegeben um die Marianne, und nun warten lasse»! Sind wir seine Narren?" brummte er leiser vor sich hin. Um seinem Unmuth besser Luft machen zu können, ging er hinaus, vielleicht auch, um die Ursache eines wirren Geräusches zu erfahren, das von draußen hcrcindrang. Auch die Mädchen eilten zur Schwelle, aber au der Thür begegnete ihnen schon die kräftige Gestalt des Bauers, der Plötzlich alle seine Langsamkeit und Bedächtigkeit abgestreift zu haben schien, auf seine Tochter zueilte, ihren gesenkten Kopf in die Höhe richtete und hastig hervorstieß: „Er kann nicht dafür, daß er nicht kommt, die Müllerin hatt's nur eher sagen lassen sollen, — er kann nicht kommen! — Du brauchst nicht so hämisch zu lachen," wandte er sich an Mariannens Freundin, „da gibt's keinen Spaß — er ist todt — sie haben ihn erschlagen, draußen auf der Elsewicse." Marianne fuhr erschrocken auf. Sie blickte ihrem Vater forschend in das Gesicht, als wolle sie prüfen, ob er die Wahrheit sage. Doch diese. harten Lippen hatten sich noch nie zu einem Scherz hergegeben, sie las auf seinem Gesicht die vollste Bestätigung dieser grauenhaften »Nachricht. „Todt!" wiederholte sie langsam. Es war ein Schreckliches, Unbegreifliches, das finster, unheilbringend in ihren Hochzeitmorgen und vielleicht in ihr ganzes Leben hineinstarrte. Sie hatte ihn nie geliebt, ihren aufgedrungenen Bräutigam, aber in diesen: Augenblicke vergaß sie Alles, sie hörte nur, daß er erschlagen, und Mitleid erfüllte ihr Herz. Thränen rollten aus ihren Augen. „Armer Mann!" klagte sie, „das hast Du nicht verdient, o, das ist schändlich, fürchterlich, ihn zu ermorden und heut!" Die andern beiden Mädchen begannen zu jammern und zu fragen, wie das möglich, ,das kann ja nicht sein, er war ja gestern noch frisch und gesund," rief die Freundin. Der Bauer verzog das Gesicht zu einem fast spöttischen Lächeln, dann sagte er barsch: „Dumme Gänse, hört Ihr nicht? todt geschlagen ist er worden, und in kleine Stücke haben sie ihn zerhackt, so liegt er dort, sagt der Schulze." 3 Die beiden Frauenzimmer schlugen die Hände über dem Kopfe zusammen vor Ent7 setzen. „Am Hochzeitsmorgen, das ist fürchterlich!» rief die Freundin. „Und ich hab die Marianne so schön geputzt," setzte die Nütherin hinzu, „das ist nun Alles umsonst." „Und Alles cingcschlachtct und gebacken worden," siel die Freundin wieder ein, „und nun schlagen sie den Bräutigam todt, das ist seit Mcnschengedenkcn nicht vorgekommen." — „Das ist ja eine wahre Sünde und Schande, wenn Einem der Bräutigam erschlagen wird," jammerte die Nätherin weiter. „Heult nicht, Ihr Gänse!" rief der Bauer befehlend, „den Kuchen werden wir schon los und den Braten, und die Marianne kriegt noch zehnmal einen Mann; aber von Schande seid mir still, sonst!" — er hob drohend die Faust, und die kleine Mtheria bückte sich, als müsse sie dem Schlage schon ausweichen. „Marianne, sei ruhig!" wandte sich der Bauer zu seiner Tochter, obwohl diese schweigend auf ihren Stuhl zurückgesunken, und er damit nur das Hämmern seines eigenen Herzens beschwichtigen wollte, „es gibt heut' freilich keine Hochzeit, ich werde zum Pfarrer gehen und es ihm anzeige»; aber laß den Kopf nicht hängen, eine reiche BauerStochter bleibt noch lange nicht sitzen." „Wer mag ihn nur lodtgeschlagcn haben?" fragte wieder die Freundin bekümmert. „Weiß ich's?" entgcgncte der Bauer ruhig, „das ist Gcrichtssache und geht unS nichts an," mit diesen Worten schritt er langsam hinaus. Die Braut nahm jetzt ihren Kranz aus den Haaren und legte ihn vor sich hin. Sie athmete nicht höher auf, daß sie von dem verhaßten Bräutigam befreit, vielmehr schienen sie düstere Ahnungen zu beschlcichen, als muffe nun erst das Schlimmste, Fürchterlichste über sie hereinbrechen. „Ich bin ja seine Braut," sagte sie, sich aufraffend, „ich muß zu seiner Mutter, ihr mein Beileid zu sagen." Der vorgefallene Mord hatte ein ungeheures Aufsehen erregt. Alles strömte zum Nachbardorfe hin, um den Erschlagenen zu sehen, der bereits in die Mühle geschafft worden, während das Gericht schon herbeigeeilt, nm den Thatbestand aufzunehmen. Der Müller war auf einer kaum einige Tausend Schritt von der Mühle entfernten Wiese gefunden worden. Die Mörder waren mit dem Leichnam gräßlich verfahren und hatten ihn, vielleicht nm ihn unkenntlich zu machen, in Stücke zerhackt. — Nach Angabe des Gerichtsarztcs mußte der Mord noch vor Mitternacht geschehen sein, dies zeigte der ausgeblutete Körper deutlich. Der Mord war um so räthsclhafter, als der Erschlagene ein ricsenstarkcr Mensch, der erst kürz vorher seiner Militärpflicht bei der Garde - Artillerie genügt und wegen seiner Körperkraft allgemein bekannt und gefürchtet war. Eine ganze Bande mußte ihn überfallen und erschlagen haben, denn mit Zweien oder Dreien wäre der herkulische Mann schon fertig geworden. Was den Mord noch sonderbarer oder unheimlicher machte, war der Umstand, daß der Erschlagene ohne alle Bekleidung, im bloßen Hemde auf der Wiese gefunden worden, während seine Kleider noch vor seinem Bette gelegen, in dem er bereits geschlafen haben mußte, wie dies das eingedrückte Bett erwiesen. Und doch waren im Zimmer nicht die geringsten Blutspuren zu bemerken, er mußte im Freien erschlagen worden sein. Was aber sollte ihn bewogen haben, im bloßen Hemde auf der Wiese herumzulaufen? Das waren Fragen, die jetzt die vor der Mühle zahlreich versammelte Menge beschäftigten. Man stritt heftig hin und wieder, und Alle erschöpften sich in den wunderlichsten Vermuthungen. „Ja, das wird wohl ein Räthsel bleiben," bemerkte jetzt ein langer, hagerer Weber, dessen sonstige Lustigkeit und schnelle Zunge die schreckliche That so gedämpft, daß er sich bisher schweigend verhalten und oft wie in tiefen Gedanken schwer Athem geholt und, auch jetzt, kaum daß er dies Wort gesagt, in sein altes Hinbrütcn versank. „Dummes Zeug!" entgegnete ein kleiner, untersetzter Mann, dessen ^ " 4 und finsteres Aussehen zu seinem lachenden Munde und überlustigcn Wesen seltsam kon- trastirte, „die Sonne wird es schon an den Tag bringen!" Der Weber und alle Umstehenden blickten unwillkührlich zum Himmel und sonderbar — durch das dunkle Wolkennctz brach in diesem Augenblicke die Sonne mit wunderbarem Glänze, daß sie Aller Augen blendete und es wie heilige Schauer über manche- Herz rieselte. Dieser so einfache und natürliche Vorgang sprach zu allen Versammelten wie eine Stimme Gottes, und machte einen erschütternden Eindruck. Alle schwiegen. Einzelne alte Leute falteten die Hände und beteten ein Vater unser; aber in Jedem lebte jetzt die Ueberzeugung, daß der Himmel die Mörder an das Licht ziehen, daß eS die Sonne an den Tag bringen würde. Der Weber schien von Allen am ergriffensten. Er, der sonst stets einen heitern Scherz auf den Lippen hatte, stammelte ebenfalls ein Gebet, und seine Augen weilten noch lange auf der Stelle, wo die Sonne hindurchgekrochen, nachdem sie sich schon wieder in Wolken gehüllt. Ein neben ihm stehender junger Bursche weckte ihn endlich auS seinen Träumen, er stieß ihn unsanft an und sagte lachend: „Und wenn Du Dich blind siehest, dort steht's doch nicht. — Ha, ha, Leute! Da gibt's nicht viel Kopfzerbrechens, der Georg wird sich freuen, daß sein Todfeind fort — 's ist ein Mordskerl!" „Vcrmoster Witz!" rief hierauf der Maurer lachend. „Junge!" fuhr er fort, „Du hast in Deiner kleinen Zehe mehr Verstand, als Mancher in seinem dicken Schädel. Der Georg ist ein Mordskerl!" „Der Georg?" o, da geht mir ein Licht auf!" begann ein Bauer, und alle Umstehenden stimmten dem Ausrufe bei. „In der Nacht vor der Hochzeit," begann von Neuem der junge Bursche. „Daist ein prächtiger Zufall." „Zufall!" entgegnetc der Maurer, „bist doch noch dumm. Junge, 's ist sonnenklar, der Georg weiß von der Geschichte mehr, wie wir Alle." „Ja, ja, so ist'S!" ließen sich Viele vernehmen. „Das ist nicht wahr!" rief der Weber heftig. „Der Georg ist unschuldig, es ist niederträchtig —" er stockte plötzlich, denn ein böser, stechender Blick des Maurers traf plötzlich sein Auge. „Was ist niederträchtig? Daß ich die Wahrheit sage?" entgegnetc der Maurer. „Webr, Du bist heut' noch nüchtern, laß uns einen trinken," und er zog den Zögernden raesch aus der Menge und mit sich fort. Der junge Bursche folgte. Die Aeußerungen des Webers waren wenig beachtet worden, desto mehr die seiner Freunde, und es dauerte nicht 10 Minuten, da hatte sich die Volksstimme gebildet, die Volksstimme, die ja stets den Nagel auf den Kopf trifft — der Georg ist der Mörder wer Anders sollte den Müller erschlagen haben? Gestohlen war ja nichts worden, obwohl der junge Müller viele Hundert Thaler Geld in seinem Kasten hatte, das er erst vor einigen Tagen von einem reichen Bäcker ausgezahlt erhalten. Waren dies nicht Beweise genug von der Schuld Georgs? Die Mutter des Ers-Hlagenen war am vergangenen Tage mit ihrem jüngeren Sohne in die Stadt gefahren, um Einkäufe zu besorgen. Der glückliche Bräutigam hatte ihr das Geleit bis zu dem Dorfe seiner Braut gegeben. Bei ihr war er noch die letzten Stunden seines Lebens geblieben, um »ach 10 Uhr hoffnungsfreudig heimzukehren und in wenig Stunden darauf ein zcrstücktcr, elender Leichnam zu sein. Ein Knecht hatte das Haus hüten sollen, war aber, in Erwartung, daß sein Meister nicht vor Mitternacht heimkehren würde, in die Schenke gegangen und mit einigen Kumpanen erst in frühester Morgenstunde heimgekehrt; sie hatten auch zuerst den Leichnam aufgefunden und Lärm gemacht. Der herbeigeeilt« Kriminalrichter war bereits eifrig mit der Vernehmung der nächsten Angehörigen des Müllers beschäftigt, und der kleine alte Mann that dies in seiner ge- ttcrndcn und zufahrenden Weise. Er war Gerichts-Rath beim Land- und 5 Stadtgericht des nächsten Städtchens und zu gleicher Zeit Patrimonialrichter von Wolfsdorf. In letzterer Eigenschaft hatte er sich allgemein wegen seiner Härte und Brutalität verhaßt gemacht. Er stand in dem Rufe eines bestechlichen, heimtückischen Beamten, der Recht und Gesetze nach seiner Laune mit Füßen trat und bei den Prozessen der Bauern mit der Gutehrrrschast die Letztere auf eine unverantwortliche Weise begünstige. Das klarste Recht wurde unter seinen Händen zum Unrecht und deßhalb war der Mann eben so gehaßt, wie gefürchtet. Man wich auch heut dem verbissenen, boshaften Alten scheu und schüchtern aus, der, von einem Gastmahl plötzlich abgerufen, in der erbittertsten Laune war und fürchterlich über das Mord- und Raubgesindel raisonnirte, vor dem er nicht mehr einen Augenblick Ruhe habe. Als der Kriminalrichtcr hörte, daß die Braut des Ermordeten anwesend, wurde auch sie vernommen. So grob und schonungslos der alte verrufene Mann sonst auch war, gegen junge hübsche Mädchen benahm er sich mit einer widerlichen Freundlichkeit. Auch die weinende, schüchterne Marianne wurde größerer Rücksicht gewürdigt, er kniff in die Wange und sagte schmunzelnd: „Trösten Sie sich, mein Kind! Es ist freilich schlimm, wenn einem der Bräutigam am Hochzcitsmorgcn todt geschlagen wird; aber es gibt noch viele junge Bursche auf der Welt. Er war also gestern bei Ihnen? He, mein Kind, er war bei Ihnen?" setzte er mit lüsterner Miene hinzu: „wie lange blieb er denn im Kümmerchcn?" Marianne erröihete, nicht aus Scham, sondern aus Unwillen, ihre Thränen versiegten und sie enigegnete fest, beinahe stolz: „Er kam gegen Abend zu meinem Vater und blieb in unserer großen Stube bis um halb 10 Uhr, das wissen unsere Mägde." „Und Sie gaben ihm das Geleit?" „Bis au's Hofthor, wie es der Vater wollte!" „Ja, ja!" bemerkte die Müllcrmitkwe, die Mutter des Ermordeten, die in der Stube gelassen worden, „sie war ihm nicht gut, sie hat sich den Georg Körner eingebildet, und die Leute reden schöne Geschichten. Mein armer Sohn! O ich unglückliche Mutter!" „Was reden die Leute?" fragte der Kriminalrichter heftig. „Daß der Georg meinen Sohn auS Eifersucht erschlagen," entgegnete die Müllers» Wittwe. „Das ist nicht wahr!" fiel Marianne augenblicklich mit Entschiedenheit ein, „das ist eine schändliche Lüge!" „Still! Kein Weiber-Gcwäsch!" polterte der Alte, „was ist das für ein Mensch, der Georg Körner?" „Der ist gut und rechtschaffen, der thut Niemand,etwas zu leid!" „Ein heimtückischer Kerl ist's, — dcr's schon lange meinem Sohne zugeschworen," riefen die Frauen fast zu gleicher Zeit. „Still! das ist ja zum Taubwerden," gebot wieder der Rath. „Herr Gcrichtsralh, ich bitte, lassen Sie mich sprechen," bemerkte die Müllers- Wittwc, und der sonst so losplatzende Alte bewilligte doch die Bitte und wandte sich augenblicklich zu Marianne: „Liebes Kind, ich kann Sie jetzt nicht mehr brauchen, gehen Sie ruhig nach Hause." Marianne zögerte; aber der alle Rath entfaltete jetzt den keinen Widerstand duldenden Beamten. Marianne mußte sich, obwohl schwere» Herzens, entfernen. Ihr folgte ein böser, triumphircnder Blick der Wittwe. Die Müllerwitlwe war eine große, starke Frau, und trotz ihrer 50 Jahre von blühender Gesichtsfarbe und voller kräftiger Gestalt. Sie haßte Marianne und hatte diese Verbindung auf alle erdenkliche Weise zu hintertreiben gesucht, weil sie fürchtete, mit dem Einzüge der neuen Wirthin ihre Herrschaft und damit die Gelegenheit zu verlieren, für ihren eigenen Sohn noch etwas bei Seite zu legen. Ihr Stiessohn hatte aber alle Warnungen in den Wind geschlagen, weil er Marianne wahrhaft geliebt. 6 Kein Wunder, daß die alte Frau dem jungen Mädchen nicht vergessen konnte, ihren Slicfsohn so arg bezaubcrt zu haben. Jetzt konnte sie, wenn sie die Sache aufdeckte und den Mörder nannte, Mariannen den gehabten Aergcr heimzahlen, und sie that es ohne Rückhalt, denn sie schien überzeugt, daß Georg ihren Slicfsohn ermordet und Marianne wohl gar darum wisse. „Nun, Frau Meisterin, erzählen Sie," wandte sich der alte Kriminalrichter unge- niein freundlich an die Müllcrwittwe. „Es ist der Georg Körner, Herr Gcrichtsrath," begann die Alte. „Niemand anders; die Kleider von meinem armen Wilhelm liegen noch alle auf dem Stuhle, wie Sie es gesehen haben, aber jetzt war ich noch einmal oben und nun ist mir Alles klar." „Was ist Ihnen klar?" fragte der Gerichtsrath. „Daß der Georg der Mörder," cntgcgnete die Frau, „ich habe auf dem Tische ein rothes Halstuch gefunden, das gehört nicht meinem Sohne, sondern dem Georg, wie die Leute sagen." „Wer sagt es? Wo ist das Tuch? Ich muß selbst sehen, wo es liegt," sagte der Gcrichtsrath. „Meyer, warten Sie einen Augenblick," wandte er sich an seinen kleinen buckeligen Protokollführer, der ihm mit einem sonderbaren Lächeln nachsah und sich dann wieder eifrig über seine Akten bückte. Wenige Minuten später kehrte der Gcrichtsrath allein zurück; er hatte das Tuch in der Hand. Die beiden Knechte wurden jetzt vernommen, angepoltert, eingeschüchtert und erst nach langem, heftigen Schimpfen des Gcrichtsraths wurde so viel aus ihnen hcraus- gepreßt, daß sie das Tuch noch vor acht Tagen bei ihrem Kameraden Georg gesehen und es genau wieder erkannten, ja sie wußten zuletzt einen für den armen Georg noch gra- vircndern Umstand zu bekunden. Beide bezeugten und beschworen, daß Georg sich noch in der zehnten Stunde der vergangenen Nacht aus dem Stalle, wo sie zusammen schliefen, heimlich und geräuschlos entfernt, und erst nach Mitternacht zurückgekommen. Genug Jndicicn, um die Schuld Georgs außer Zweifel zu setzen. Noch an demselben Tage wurde Georg Körner verhaftet und in die Stadt gebracht. Am folgenden Morgen schritt der Gcrichtsrath zu seinem Verhör. Der junge Bursche sah blaß und' niedergeschlagen aus, seine dunklen Augen lagen tief in ihren Höhlen und waren ohne allen Glanz, vielleicht waren es nur die Folgen der schlaflos zugebrachten Nacht. Der ganzen Erscheinung fehlte nur das Robuste eines Knechtes, er war schlank und schmächtig, und nur von mittlerer Größe. Man hätte ihn für einen schwächlichen, zaghaften Menschen halten können, aber in dem Ausdrucke seines Gesichtes lag Festigkeit und Trotz. Die dunklen Augen mit den starken Brauen und dem etwas vorstehenden Kinn deuteten auf einen unbeugsamen Charakter. Der Gerichtsrath war, als Georg zum Verhör gebracht wurde, in seiner übelsten Laune; denn jeden Morgen stieg er wie ein drohendes Gewitter in die Aktcnstube hinab, um sich unter Blitz und Donner am Tage über zu entladen und dann nur Abends beim Whist unter alten Freunden einen Streifen heitern Himmels zu zeigen. (Fortsetzung folgt.) Von der Lebensversicherung. Wie's in der Natur überall seinen geregelten Gang geht und wie bei aller Vielfältigkeit der Erscheinungen dem menschlichen Auge und Geiste immer neue, weise Gesetze bemcrklich werden, die die Alles durchwaltendc Gottcskraft gegeben hat, damit die herrliche Schöpfung, Erde, trotz ihrer vielfachen Wandlungen dennoch unwandelbar ihrer Bahn getreu dahinrollc und alljährlich von Neuem wachse, grüne und blühe: So hat der auf? 7 wirksame Beobachter denn auch gefunden, daß der Tod gleichfalls einem solchen unwandelbaren Gesetze gehorcht. Wohl greift derselbe oft mit scheinbar blindem Griffe in's bunte Leben hinein und bettet bald den blühenden Jüngling oder die holdlächelnde Jungfrau, bald den lebenskräftigen Mann, bald den vielversprechenden Knaben neben dem altersschwachen Greis in die Gruft, aber demungcach et beugt er sich dem ihm vorgeschriebenen Gesetze der Sterblichkeit und nimmt, im Großen und Ganzen betrachtet, von keiner einzelnen Klaffe der Menschheit mehr, als jenes Gesetz ihm erlaubt. Gleichwie auch im Sommer sich wohl dann und wann kühle oder gar kalte Tage einstellen, und im Winter oft sonnige warme Witterung der Jahreszeit zu spotten scheint, während im allgemeinen doch dem Winter die kurzen kalten, dem Sommer die langen, warmen und sonnigen Tage eigen sind, so nimmt auch der Tod hin und wieder einzelne Menschen in den Jahren der Kraft und sprudelnden Gesundheit hinweg, aber er vermag die Grenze nicht zu überschreiten, die ihm Derjenige gezogen, der die Ordnung im Weltgetricbe aufrecht erhält, der auf deu Frühling deu Sommer, auf den Herbst den Winter folgen läßt, und der auch die Arbeit des Schnitters Tod nach seinen ewigen Gesetzen geregelt hat. Sorgfältige Beobachtungen der Sterblichkeit haben zur Kenntniß dieser Slerblichkcilsgesetze geführt und auf ihnen fußt das Institut der Lebensversicherung. Lebensversicherung! Niemand kann sein Leben gegen den Tod versichern, denn Sterben, Abscheiden von der Erde mit ihren Freuden, und hinaustreten aus dem Kreise der Lieben in ein Jenseits, wo wir später ein Wiedersehen in geläuterter Gestalt erwarten, Sterben ist das Loos jeden Erdcnbcwohners. Wohl aber kann daS Leben des Einzelnen niit einer Summe Geldes versichert werden, die bei seinem Tod fällig wird und so die Seinen schützt, daß sie, die ihm Liebgcwordencn, nicht darben müssen, daß sich dem Kummer um den Dahingeschiedenen nicht noch die Sorge um das tägliche Brod, um die Ausbildung der unerzogenen Kinder beigeselle und das schwcrgcbengte Haupt der trauernden Wittwe noch schwerer bedrücke, als es bereits durch den Tod des geliebten Mannes belastet ist. Dergleichen Sorgen fern zu halten, die Wohlfahrt der Familie dauernd zu begründen und die Gefahren, die der plötzliche Tod des bisherigen Ernährers mit sich bringen müßte, möglichst zu beseitigen, also deu Schlag plötzlichen Hiuscheidens des Familicnoberhaupts, den Niemand abzuwenden vermag, wenigstens so zu mildern, daß er für die Hinterblei- bcnden nicht ein völlig vernichtender werde: — Das ist der schöne Zweck der Lcbens- Vcrsichcrung. Bis vor -10 Jahren kannte man eine solche Institution in Deutschland nicht. Erst im Jahre 1827 wurde von Gotha aus darauf aufmerlsam gemacht und zur Gründung einer Lcbeusversichcruugsbank für Deutschland angeregt. Die Sache fand großen Anklang, das Unternehmen kam zu Stande und wu hS von Jahr zu Jahr in der erfreulichsten Weise. Aus dem neuesten Gcdenkblatt ersehen wir, daß die Gothacr Bank bis jetzt schon mehr als 20 Millionen an die Erben gestorbener Versicherten ausgezahlt und über 8 Millionen Dividende an Lebende vertheilt hat. Jare Mitgliederzahl beträgt dermalen über 80,000 Personen, deren Angehörige von ihr dereinst mehr als 55 Millionen Thaler zu gcwarten haben. Für ihre Sicherheit bürgt neben der Gesammtheit der Banktheilnehmcr ein vorhandenes Kapitalvermögen von 15 Millionen Thaler. — Nach ihr sind noch eine ganze Ncihe einheimischer LcbcnSvcrsichcrungsanstalteu entstanden, so daß deren in Deutschland gegenwärtig 85 vorhanden sind, bei denen zusammen etwa 350,000 Personen ihr Leben mit mehr als 300 Millionen Thaler versichert haben. Wie oft gibt es Gelegenheit, in Verhältnisse einzudocken, für welche der Abschluß einer Lebensversicherung dringend anzurathcu wäre! Wie viele Familien kennen wir, deren Angehörige ein so recht trauliches Leben miteinander führen, wenngleich sie mit Glücksgütern nur spärlich bedacht sind. Der Vater ist ein rüstiger Arbeiter, er besitzt eine fleißige Hand und munteren Sinn, und die Seinen brauchen nicht zu darben; er nährt sie redlich und ehrlich. Wie aber, wenn sich nun jählings seine zwei Augen zum ewigen Schlafe schließen? Was beginnt dann die Mutter mit dem Häuflein unerzogener Kinder? Würde ihr nicht schon eine Versicherungssumme von nur wenigen Hund rl Thalern ein rechter Behelf sein ? Ge>iß, und dem arbeitgcübten Vater wäre auch die Aufbringung der geringen Versicherungsbeiträge nicht unmöglich gewesen, denn sie betragen ja für das rüstige Manncsalter kaum 3 Procent. Allein er hat es unt rlafsen, eine Lebensversicherung vorzukehren, und die Seinen verfallen ins Elend, wenn er frühzeitig stirbt. Das Absparen der Versicherungskosten fällt bei Weitem nicht so schwer, als es Manchem scheint; es wird leichter, sobald nur erst der Anfang damit gemacht ist. Wer da meint, er fei zu arm, um sein Leben zu versichern, mag nur bedenken, wie seinen Lieben diese Armuth noch weit drückender werden muß, sobald ihn der Tod an deren Unterstützung hindert. Mit wöchentlicher Ersparniß von 5 Ngr. kann er seinen Kindern schon einige Hunderte sichern. Er sollte nicht säumen, sich durch seine Versicherung das freudige Bewußtsein getroffener Fürsorge zu erkaufen! — Der Beamte wird wohl thun, sein Leben zu versichern. Er kann mit dem Versicherungsschein Caulion machen und daneben seinen Angehörigen noch ein Kapital erwerben, das nach seinem Ableben der Ausbildung der Kinder und die Gründung eines neuen Erwerbszweiges ermöglicht. — Der Landwirth braucht, wenn er sein Leben versichert, seine Güter nicht zu zersplittern. Er kann sie dem einen oder einigen seiner Kinder überweisen, die andern aber mit der Versicherungssumme für ihren Erbthcil abfinden. — (Schluß folgt). Miseellen. In einem Eisenbahnwagen, in welchem sich sechs bis sieben Herren gesetzt hatten, begannen diese gleich nach der Abfahrt ihre Cigarren hervorzuziehen und nach Zündhölzchen zu suchen. Eben wollte einer der Herrn sich durch Reiben Feuer anzünden, als ei» älterer Herr ihn beim Arme nahm. „Sachte, sachte." rief er, „nehmen Sie sich i» Acht!" — „In Acht nehmen, weßhalb? — „Sehen Sie denn nicht hier meinen Sack? Er ist voller Schießpulvcr! Wenn er Feuer faßte, wären wir alle verloren!" — Die jungen Herren erbleichten und warfen ihre Streichhölzchen zum Fenster hinaus. Keiner redete ein Wort. Auf der ersten Hallstelle riefen sie nach dem Schaffner. — „Was steht zu Diensten?" — „Hier dieser Herr führt einen Sack voll Schießpulver mit sich!" —- „Schießpulvcr?. Das ist gegen die Ordnung! Her mit dem Sack!" — „Geben Sie sich keine Mühe, mein Herr, iu meinem Sacke finden Sie nur einige Wäsche. Diese Herren wollten iu diesem Coups rauchen; da mir das nun zuwider ist, wollte ich, daß sie ihrer selbst willen auf das betäubende Vergnügen verzichteten, und es ist mir gelungen." Hiermit empfahl sich der Herr, der an seinem Wohnorie angekommen war. „Da hab ich schon wieder einen Zahn verloren!" sagte eine Frau zu ihrer ritterlichen Ehehälfte. „Der wird sich freuen, raß er mit deiner Zunge nicht mehr in einem Logis zu wohnen braucht," murmelte der nngalante Gemahl. Druck, Ne'rlaa und Redaktion des literarischen Instituts von Vr. M. Huri!«*;