Nro. 2. 10. Januar 1869. Wie Krystall und Eis, so qlciche» sich Wahrheit und Lüge. Beide können strahlen; nur bleibt jenes, und dieses vergeht. Gerächt «nd gerichtet. (Forschung.) Der alte Kriminalrichter saß, wie immer, hinter seiner Barriere und nahm beim Eintritt des Jnkulpaten eine Prise, um den letzteren mit geschärften Augen anblicken zu können. „Er ist also der nichtSwürdige Mordkcrl, der den Müller todt geschlagen?" — donnerte er Georg an. „Das bin ich nicht!" cntgegncte dieser ruhig. „Schweig Er und antwort' Er nur, wenn Er gefragt wird. Er hat mit Konrad's Marianne eine Liebschaft gehabt?" fragte der Alte weiter. „Nein, das habe ich nicht," war die gelassene Antwort. „Was? Er längnet, was dorfbekannt?" rief der Gerichtsrath entrüstet, „so fang' Er mir nicht an, sonst wird's nicht gut!" setzte er drohend hinzu und fuchtelte dabei mit einem Aktenstück in der Luft. „Ich bin der Marie gut gewesen und sie mir, aber eine Liebschaft haben wir nicht gehabt!" cntgegncte Gcv'-g Körner. „Wie? Er untersteht sich, solche Wortklaubereien vorzubringen? Das ist ganz gleich; Er hat eine Liebschaft mit ihr gehabt, versteht Er mich? Und Er ist wüthend darüber gewesen, daß sie einen Anderen hat hcirathen wollen." „Weil ihr Vater sie gezwungen," entgegnete der junge Bursche rasch, und in den matten Augen blitzte es seltsam auf. „Und Er hat deßhalb seinen Nebenbuhler aus dem Wege geschafft? Läugnc Er nicht länger! Wir haben die klarsten Beweise. Ist das nicht Sein Tuch?" — und damit brachte er das corpu8 ckalieli hervor. „Ja wohl!" entgegnete der Bursche unbefangen; „ich hab's vor einigen Tagen r Sei Marianne vergessen." „Ha, ha! da ist Er ja schon gefangen! Das Tuch lag in der Kammer des Ermordeten, und Er hat cS dort in der Eile liegen lassen." Das bleiche Gesicht GevrgS wurde noch bleicher, ein kalter Schauer lief durch seinen Körper, denn er fühlte, daß sich über seinem Kopfe ein dunkles Netz zusammenzog, dem er schwerlich entrinnen würde./ „Nun? Will Er Alles gestehen? Er kommt doch nicht los!" „Ich weiß nicht, wie das Tuch dorthin gekommen," brachie Georg mühsam hervor, „aber ich bin bei Gott unschuldig!" „Dummes Zeug! Gesteh' er lieber die ganze Geschichte! Wie hat Er's angefangen, in die Mühle zu kommen? Er muß den Müller im Schlafe überfallen und dann fortgeschafft haben?" Mit diesen Fragen überschüttete ihn der Kriminalrichlcr und seine grauen Augen ruhten stechend auf ihm. „Ich bin vorgestern mit keinem Tritte aus unserem Dorfe herausgekommen, das kann ich mit den heiligsten Eiden beschwören." 10 „Ach was, beschwören! Weiß Er noch nicht, daß Er in Untersuchung und zu keinem Eide kommt? Wo will Er denn gewesen sein? He? Kann Er Zeugen bringen, daß Er am Mord-Abende ganz wo anders war?" Die Brust des armen Burschen hob sich, ein Freudcnstrahl blitzte aus seinen Augen und er cntgeguetc rasch: „Ja, das kann ich." Plötzlich schien er sich zu besinnen, er flüsterte ein Wort leise vor sich hin und dann setzte er laut und heftig hinzu: „Nein, nein, das kann ich nicht sagen, und wenn Sie mich zehnmal zum Mörder machen." „Was? Er gestehe augenblicklich, wo Er gewesen." „Nein!" „Ich werde Dich dazu zwingen, Bursche!" cntgegncte der Rath und sein Gesicht bedeckte sich mit Zorncsröthc. „Sie können mich in Stücke reißen, und ich schweige doch! erwiederte Georg mit äußerster Entschlossenheit. „O ho, mein Bursche, Du bist noch zu zwingen!" rief der Gcrichtsrath wüthend und schellte heftig an einer Klingel. Ein Exekutor trat herein. Es war noch in jenen zum Glück entschwundenen Tagen, in denen Stockschläge zu den Ueberredungsmittcln gehörten. „Ruft mir den Stockmeister!" befahl der Gcrichtsrath, „und schnallt den Kerl dort auf die Bank, ich werde kurzen Prozeß mit ihm machen." Die Augen Georgs begannen zu funkeln, eine Flammenröthc schlug in sein blasses Gesicht, als jetzt noch ein großer starker Mann eintrat, dessen in der Hand gehaltene Peitsche den modernen Folterknecht bekundete. „Hartmanu, zählt dem Kerl fünfzehn auf," wandte sich der Rath an den zuletzt Eingetretenen. „Zu Befehl!" murmelte dieser mit einem heimtückischen Lächeln. „Rührt mich nicht an," rief Georg verzweifelt, „oder es wird nicht gut!" Seine Fäuste ballten sich und seine Lippen bebten in krampfhafter Aufregung. „Halt still, mein Junge!" cntgegncte der Riese und näherte sich dem zum äußersten Widerstände bereiten armen Burschen; aber noch ehe der Letztere einen verzweifelten Versuch der Abwehr wagen konnte, hatte ihn schon der Exekutor von hinten gefaßt und zur Erde geworfen. In wenigen Sekunden war er ein willenloses Schlachtopfcr seiner Peiniger. Eine solche Züchtigung ist stets schmachvoll und empörend; aber auf einen noch nicht völlig ^abgestumpften Menschen wirkt sie vollends vernichtend. Obwohl man auf dem Lande mit Schlägen und Stößen nicht kargt, war doch Georg durch sein dienstwilliges Wesen jeder, auch der kleinsten Züchtigung entgangen; um so tiefer mußte ihn jetzt ein Akt brutaler Gewalt berühren, den er nicht mehr zu überleben getraute. Er war einer Ohnmacht nahe und wäre vielleicht zusammengebrochen, aber das höhnende Lachen des Gcrichtsraths und sein schonungsloser Spott weckten ihn aus der Betäubung, und anstatt schwach und elend zusammenzubrechen, kochte Haß und Wuth in seiner Brust. Kaum, daß seine Peiniger ihn losgelassen und glaubten, daß er vor Schmerz sich nicht erheben würde, da sprang er wie ein Tiger auf; mit einem Satze war er über der Barriere und in der Nähe des Gcrichtsraths, und mit wahnsinniger Wuth umkrallten seine Finger den Hals des grausamen Alten. Die beiden Gerichtsdicncr hatten Anfangs unthätig dem wilden Angriff des jungen Menschen zugesehen, vielleicht aus Uebcrraschung über den unerwarteten Vorgang, vielleicht auch aus geheimer Schadenfreude, dem tyrannischen Vorgesetzten diese arge Demüthigung gönnend. Aber lange durften sie nicht zaudern, wollten sie sich nicht zu Mitschuldigen machen, und mit derben Fäusten rissen sie jetzt den wüthenden jungen Menschen hinweg. „Ah, der Mörder!" keuchte der Gerichtsrath mühsam hervor und noch braunroth im Gesicht. „Bindet, knebelt ihn! Sich an seinem Richter zu vergreifen, das ist noch schlimmer als Mord! Werft ihn in's Paradies! — so nannte der Gcrichtsrath ironisch das feuchteste und elendeste Loch des Gefängnisses, und man gehorchte seinem Befehl. Auf Niemand im Dorfe schienen diese finsteren Ereignisse einen sonderbaren Eindruck hervorgebracht zu haben, als auf das Hirtenmädchen, die Rose. Sie sprang oft wie toll in der Stube herum und rief jubilirend: „Ich weiß was, ich weiß was!" Aber wen» ihr Mitgesinde sie fragte, dann kicherte sie vor sich hin und verzog ihr Gesicht zu einem hämischen Grinsen. Nose war ein kleines, frühreifes Geschöpf, das mit aller Beweglichkeit auch die Bosheit eines Affen verband. Sie hatte, da ihre Eltern früh gestorben, sich fortwährend unter fremden Leuten herumtreiben müssen; sie war geschlagen und gestoßen worden, aber Niemand hatte an sie ein freundliches Wort verschwendet, und dieses Aufwachsen im vollen Schatten der Lieblosigkeit mußte ihr ganzes Wesen verkrüppeln und Gift und Galle in ihr Herz träufeln. Von der Natur mit ungewöhnlichem Verstände begabt, richtete sich all' ihr Denken daranf, die Mißhandlungen ihrer Umgebung durch boshafte Streiche zurückzuzahlen. Sie erkannte rasch die Schwächen und Fehler des neuen Mitgesindes und äffte sie zur großen Belustigung der Uebrigcn augenblicklich nach; rächte sich der Ankömmling durch ein paar derbe Schläge, dann war der Spaß um so größer, und Niemand erhob die Hand zu Nose's Schutze. Aber sie war auch unermüdlich im Ausspüren der Geheimnisse Anderer, keine noch so verborgene Liebschaft, kein noch so heimlicher Unterschlcif blieb von ihr unentdeckt, und schadenfroh wurde das Geheimniß preisgegeben. Sie hetzte Alles gegeneinander und ihr kobo dartigcs Treiben machte es, daß man sie nirgends lange duldete und von Dienst zu Dienst trieb Nur bei ihrem letzten Dienstherrn, dem Bauer Konrad, hatte sie schon ein Jahr ausgehalten, denn dieser hielt mit eiserner Strenge auf Ordnung, Alle gehorchten ihm auf's Wort; auch Rose halte eine große Furcht vor dem ruhigen, ernsten Manne, und hütete sich wenigstens, daß ihre boshaften Eulcnspicgelstrciche nicht zu seinen Ohren kamen. Selbst ihre dämonische Natur schien sich in letzter Zeit etwas verloren zu haben, und dies war ihrem früheren Dienstgcnosscn Georg zuzuschreiben. Er war der Einzige, der sie nicht verspottete, ja mit ihr freundlich sprach und sie gegen die Unbilden der Anderen in Schutz nahm. Das arme, überall getretene und geschlagene Mädchen vergalt ihm seine Freundschaft durch die größte Anhänglichkeit; sie war unermüdlich, ihm kleine Dienste zu leisten und lauschte ihm seine Wünsche an den Augen ab. Leider sollte ihr Glück nicht lange dauern; bald hatte sie mit ihrem unheimlichen Spürsinn das so verborgen gehaltene Liebes - Verhältniß Georgs und Mariannens entdeckt, und jetzt war es mit ihrer Ruhe dahin. In dem durch harte Arbeiten zwar körperlich zurückgebliebenen, durch ihre eigenthümlichen Schicksale aber weit über ihr sechzehnjähriges Alter geistig entwickelten Mädchen begannen sich alle Qualen der Eifersucht und mit ihnen ein böser Dämon zu regen. Ihrem boshaften Geplaudcr verdankte Georg seine Entlassung und damit glaubte sie Alles gethan zu haben, den jungen Burschen wieder für sich zu gewinnen; vollends überglücklich war sie, als Mariannens Verlobung zu Stande kam. Als Rose von der Verhaftung Georgs hörte, war sie Anfangs niedergeschlagen, bald aber gewann ihre koboldartigc Natur den Sieg und sie zeigte sich lustiger und übermüthiger, als je. Unter allerhand Grimassen ließ sie oft verstehen, daß sie jetzt dem Bauer seine Ohrfeige heimzahlen könne. „Du Nickel," meinte dann die Großmagd einmal erbittert, „ich werde es dem Bauer sagen, damit er Dich zum Hofe hinausprügelt." — „O, ich kann alles^ gehen," entgegnete Nose und schnitt ein Gesicht, und ehe noch die Großmagd zu einem strafenden Streiche ausholen konnte, war der Kobold in den Alkoven deS Bauers verschwunden. „Was der Bauer für Augen machen wird," bemerkte die zweite Magd. „Gebt Acht! sie wird wie ein Reisigbündel herausfliegen!" ri;f die noch vor Aerger kirschrothe Großmagd. Der Bauer saß am Fenster und rasirte sich zum morgigen Sonntage. Er sah in seinem kleinen Spiegel das Eintreten des Mädchens, wendete sich deßhalb beim Geräusch 12 der geöffneten Thür nicht erst um, sondern erwartete ruhig die Anrede des wunderliche» Gastes. Rose hatte, so lange sie dem Bauer diente, noch nie dies Zimmerchcn betreten, noch nie den Bauer aus freien Stücken angeredet, dennoch trat sie keck näher heran und begann: „Herr Konrad, ich hab' Ihnen was zu sagen." Der Bauer wendete sich auch jetzt noch nicht um, er behielt ruhig das Rasirmcsser in der Hand und schabte die eine Seite seines Bartes herunter, dann erst drehte er sich halb um und fragte: „Nun?" — Rose hatte kaum das zur Hälfte noch mit Schaum bedeckte, zur Hälfte glatt rasirte Gesicht erblickt, als sie in ein lautes Gelächter ausbrach und wie immer ihre tollen, lustigen Sprünge machte. Dies brachte den Bauer doch aus seiner gewohnten Ruhe, er stand «uf und streckte den nervigen Arm aus, um das freche Geschöpf zu ergreifen und zu züchtigen, aber Rose entschlüpfte ihm wie ein Aal aus den Händen, und die vergeblichen Anstrengungen des Bauers, sie zu fangen, steigerten nur ihre milde Lustigkeit, und unter lautem Gelächter rief sie immer: „Warten Sie nur, ich hab' Ihnen etwas zu sagen." Der Bauer, immer wüthender gemacht, ergriff den kleinen Spiegel und schleuderte ihn nach dem Kopfe des Mädchens, daß er in Stücke zersprang. Die Kleine, obwohl wenig verletzt, sing augenblicklich jämmerlich zu weinen au und schluchzte wie ein geschlagenes Kind hervor: „Nun sag' ich's allen Leuten!" „Was willst Du sagen?" rief der Bauer entrüstet. „Hinaus mit Dir!" „O, Ihr sollt mich schon bitten, hier zu bleiben," entgcgncte Rose, „wenn ich sage, was ich weiß, dann reißt Ihr Euch die andere Hälfte Eures Bartes aus;" und sie verfiel wieder in ihr wildes, koboldartigcs Lachen. „Ich jage Dich noch heut aus meinem Dienst!" rief der Bauer von Neuem und suchte wiederholt des Mädchens habhaft zu werden. Rose schlüpfte wieder unter seinen Händen hinweg, und von der steigenden Aufregung des Bauers zu immer größerer Lustigkeit aufgestachelt, wiederholte sie in kindischer Weise fortwährend: „Ich weiß was, Georg ist unschuldig, Georg ist ganz unschuldig!" „Was geht mich der Lumpcnkcrl an," brummte der Bauer. „Ja, Georg ist unschuldig," rief noch einmal Rose, „er kann nicht den Müller erschlagen haben, denn er steckte ganz wo anders." „Marschir hinaus, wenn Du weiter nichts weißt!" entgcgncte der Bauer heftig. Nose's ohnehin unregelmäßigen Züge verzogen sich zum häßlichsten Grinsen, sie zog sich vorsichtig nach der Thür zurück und, schon die Klinke in der Hand, rief sie: „Er steckte bei Mariannen, ha, ha, einen Abend vor der Hochzeit," und mit diesen Worlen wollte sie entschlüpfen; aber ihres Herrn eiserne Faust hatte sie schon erfaßt, mit einem Ruck war sie wieder mitten im Zimmer, und er rief: „Was sagst Du, Canaille?" — Rose schien sich an dem Zorn ihres Brodherrn zu weiden, und ohne Furcht cntgcgnete sie: „Es ist doch wahr, ich hab' sie belauscht, und er blieb bis nach Mitternacht!" Kaum waren diese Worte heraus, da schwebte sie auch schon, von den nervigen Armen des Bauers gehoben, hoch in der Luft. Seine Wuth schien der gewohnten, eisigen Ruhe gewichen zu sein, nur seine grauen, kalten Augen ruhten durchbohrend auf dem Mädchen, und er wiederholte leise: „Was sagst Du?" -kose hatte bei der größten Wuth des Bauers gelacht, jetzt bei seiner Ruhe verlor He die Fassung, ihre Augen irrten scheu und schüchtern umher, vielleicht ahnte sie, daß ihr Kopf in der nächsten Minute an der Wand zerschmettert werden könnte, und in hündischer Unterwürfigkeit stöhnte sie hervor: „Nein, nein, es ist nicht wahr, ich wollt' Euch nur ärgern, weil Ihr mir am Hochzeitsmorgcn eine Ohrfeige gegeben." „Das war Dein Glück," murmelte der Bauer, „und Du wirst still sein und kein Wort mehr davon schwatzen?" und seine harte Hand schnürte dem armen Mädchen fast dir Brust zu. ^ „Ich will still sein, wie das Grab," röchelte Rose. ^„Das ist gut," bemerkte der Bauer, und damit ließ er das Mädchen los, das 13 wie ein dem Bauer entrissener Vogel zur Thür hinausstatterte. — Die Großmagd halte Recht gehabt. Der alte Mann setzte sich jetzt wieder hin, sein unterbrochenes Rasirgeschäft zu Ende zu bringen; wohl zeigte sein Gesicht wieder die gewohnte Ruhe, aber stürmische, herz- quälende Gedanken wogten doch in seiner Brust auf und ab. War das Alles Lüge, was dieser Kobold geschwatzt, oder doch ein Funken Wahrheit darin? Nun, wenn auch nur ein Funken, so war es dennoch genug, um sein Haus zu beschimpfen und die Ehre seiner einzigen Tochter für immer in Frage zu stellen. Der Bauer hatte erfahren, datz Georg sich hartnäckig geweigert, sein Verbleiben in jener Nacht anzugeben — sollte Marianne dennoch? — ein tiefer Schnitt in seine Wange weckte ihn aus seine» Gedanken, er mußte daS Messer wegwerfen, nach Schwamm suchen, das Blut zu stillen, dann stützte er den Kopf in seine harten Hände, und versank von Neuem in tiefes Stillschweigen. (Fortsetzung folgt.) Von der Lebensversicherung. (Schluß.) Der Geschäftsmann glaubt vielleicht, er brauche sein Geld im Geschäft und erhalte Von demselben bessere Zinsen, als er bei der Lebensversicherung erziele. Hat er aber die Gewißheit, daß er alt werden wird? Kann er verbürgen, daß er so lange lebt, um eine so hohe Summe aufzusparen, als sie die Versicherungsanstalt gegen seine geringen Beiträge gewähren muß, selbst wenn sein Ableben schon nach der ersten Einzahlung eines Jahresbeitrages erfolgt? Und wenn nun gar zwei Kaufleute gemeinsam ein Geschäft betreiben, das ruinirt sein würde, falls der Ei c unverhofft bald mit Tode abginge und seine Erben das eingelegte Kapital zurückforderten, ist ihnen da nicht auzurathcn, daß sie beide gegenseitig die zusammengeschossenen Gelder versichern, damit beim Ableben des Einen die von ihm eingezahlte Summe dem Ge chäftc in dem Versichcrungskapitalc wieder zufließt und seine Erben aus diese Weise voll abgefunden werden können, ohne daß das Geschäft darunter zu leiden hat? Würde überhaupt Derjenige, welcher ein fremdes Kapital in seinem Geschäfte arbeite» läßt und dasselbe mit 4'P rozent verzinsen muß, sich nicht gern damit einverstanden erklären, dasselbe mit jährlich 6 oder 7 Prozent zu verzinsen, wenn ihm von seinem Gläubiger dagegen die feste Zusichcrung gegeben würde, die Schuld sollte mit seinem, des Geschäftsherrn, Tode qnittirt sein, und das Geschäft schuldenfrei an seine Kinder kommen? Nun, ' diesen Vortheil kann sich Jedermann verschaffen, wenn er die 2 oder Z Prozent, zu deren Mchrzahlnng an seinen Gläubiger er solchenfalls bereit sein würde, einer'Lebenvcrsiche^ rungsanstalt cntrichtrt, denn diese übernimmt dafür bei seinem Tode die Verpflichtung, das Kapital an seine Erben auszuzahlen, so daß sie die Schuld decken können. Doch nicht allein für den Todesfall schafft die Lebensversicherung Nutzen. Der Versicherte kann sich durch eine entsprechende jährliche Mehrzahlung das Ver- sichcrungskapital auch noch bei Lebzeiten erwerben und so den Segen seiner Sparsamkeit noch mit eigenen Augen ansehen. Man nennt solche Versicherungen abgekürzte Versicherungen. Sie dienen als Altersversorgung, zur Beschaffung eines Kapitals für die Kinder, wenn diese sclbbstständ g werden, zur Tilgung von Schulden, die erst nach Jahren abgetragen werden müssen, u. s. w. und h den das Gute, daß das Kapital, wenn der Versich rte vor der bestimmten Zeit stirbt, auch schon mit seinem Tode fällig wird. Es ließen sich der Fälle noch viele aufzählen, in denen die Lebensversicherung zum wahren Segenbringer wird. 14 Nur ein Beispiel will ich aus meiner Erfahrung erzählen, das eine mir befreundete Familie betrifft. Es waren junge Leute und sie führten ein herziges Liebeleben miteinander, wcßhalb ich stets bei ihnen einsprach, so oft mich auf meinen Reisen der Weg durch ihren Wohnort führte. Man sah's ihnen an den Auge , au, wie gern sie sich hatten und wie sehr es in ihren Wünschen lag, einander zu Gefallen zu leben. Ein munterer, bansbäckiger Knabe, der eben zu sprechen begann, als ich das vorletzte Mal bei ihnen weilte, war ihre größte Freude und ihr höchstes Gut. Das Geschäft ging gut, wenn auch keine großen Kapitalien darin steckten, denn der Mann war fleißig und verstand seine Sache. Sa lebten sie recht glücklich und zufrieden. Als ich das letzte Mal dort vorbeikam, ging die junge Frau in Trauer. Zhr Gesicht sah bleich aus und als sie mich erblickte, traten Thränen in die hübschen, jetzt so schwcrmüthig blinkenden Augen. Schweigend winkte sie mir, einzutreten. Ich folgte. Sie führte mich hin zu dem mir wohlbekannten Bilde, das die kleine drei zählende Familie in glücklichem Beisammensein darstellte, und gestand mir schluchzend, daß sie vor wenigen Wochen ihren Gatten ins kalte Grab habe betten müssen. Eine Erkältung, die der rüstige Mann anfangs wenig achtete, hatte ihn aufs Krankenlager geworfen und kaum nach einem Monate war rr dem hitzigen Ncrvensiebcr erlegen, aller aufopfernden Pflege der treuen Gattin ungeachtet. „Und als ich nun da" — fuhr sie sanft weinend fort — „bei dem immer bösartigem Auftreten der Krankbcit meinen Kummer nicht mehr zu bergen vermochte, da faßte mein seliger Arthur wenige Tage vor seinem Ende in fieberfreier Stunde meine Hand und sagte so innig weich, wie er ja sein konnte und wie er in ernsten Augenblicken stets zu, sprechen pflegte: „Liebc Anna, weine nicht. Wohl wird das Scheiden mir schwer von Dir und unserm lieben Kleinen, aber ein Gedanke mildert den bittern Trcnnungs- schmerz, der Gedanke, nach besten jkrüften für Euch gesorgl zu haben. Ihr werdet nicht Mangel leiden, und ich segne die Stunde, in welcher ich vor Jahresfrist zu dem Entschlüsse kam, mein Leben mit einigen tausend Thalern zu versichern. Ihr seid nun doch für das geringe, sehr geringe Prämienopfer vor Armuth und Sorge gesichert." Wenige Tage darauf war er eine Leiche! Mir aber ward das versicherte Kapital ausgezahlt. Kanu damit auch der uns betroffene unaussprechliche Verlust nicht ersetzt werden, so bin ich dadurch doch der bittersten Noth überhoben und weiß, daß unser liebes Kind, welches außerdem mit mir im Elend hätte verkommen müssen, zu einem achtbaren Bürger erzogen werden kann. Der Geist seines Vaters umwallet uns und seine liebende Fürsorge für uns erstreckt sich noch über das Grab hinaus!" Ihr Gatte hatte ihr durch seine treue Vorsorge den besten Trost zurückgelassen. Don meiner herzlichen Theilnahme an ihrem bittern Geschick war sie überzeugt, was bedurfte es da noch der Worte Gepräng: ich nahm mit stummem Händcdruck von der trauernden Wittwe Abschied. Möchte dieses Geschichtlein, dergleichen die Vcrsicherungsmänner wohl noch manches zu erzählen wissen werden, dazu beitragen, den Leser zur Lebensversicherung anzuregen, mit der er den Seinigcn so viel Leid und Sorge ersparen kann. Wie mancher durchblättert bei der einem nahen Familienfeste die Zeitungen, nicht schlüssig der Waht des Geschenks, womit er die Gattin zu erfreuen gedenkt. Bald fesselt hier, bald dort eine Verkaufsanzeige von Festgaben seinen Btick, ohne daß er sich zu cnt scheiden vermag. Nun, lieber Freund, wie wär's, wenn Du Deiner Frau eine Lebens Versicherungspolice zum Angebinde brächtest? Mischt sich dadurch auch der Gedanke a* den Tod in die Festfreude, dieselbe wird nur um so geläuterter werden und der Dan^ 15 Deiner Gattin um so inniger sein, wenn ihr die Mahnung ans Herz dringt, daß auch ein Tag kommen kann, wo sie das Familienfest ohne den Vater ihrer Kinder feiern muß. Ihr wiegt der Versicherungsschein doppelt schwer, denn wie er ihr einesteils die über das Grab hinausrcichende Liebe des Gatten verbrieft, so beurkundet er ja auch andererseits, daß sie Aussicht hat, der Mann ihrer Wahl werde noch lange treuhelfend i» rüstiger Gesundheit ihr zur Seite stehen, denn besäße er diese nicht, so wäre seine Aufnahme in den Versicherungsvcrcin nicht möglich gewesen. Haucht der Gedanke an die spatere Trcnnungsstunde auch einen schwermüthigen Zug über ihr Antlitz — ihr inniger Liebesblick wird für Deine Fürsorge desto herzlicher zu Dir sprechen, beredter als alle Dankcsmorte. Und wenn Du nun, scherzend halb und halb im Ernst, ihr vorhältst, was sie mit dem Vcrsichernngskapital dereinst zu beginnen vermag, wie sie damit Dein Geschäft fortführen, oder einen neuen ErwcrbSzweig begründen kann, um die Zukunft der Familie zu sichern und die Ausbildung der Kinder zu vollenden, — dann wird sich zu der Erinnerung an die eigene Jugend, die den Frcudenspendcrn am Weihnachtsabende zn kommen pflegt, ein trostgemnther Blick in die verschleierte Zukunft gesellen, der die Wege z i ergründen sucht, a f denen das Wohl der jetzt im Lichterglanz Euch fröhlich umjauchzendcu Kleinen sicher zu erreichen ist. (Der H""kee - Doodie.) Nur Wenigen unserer Leser wird der Titel diese- amerikanischen Nationalliedes noch unbekannt sein; eine Mittheilung des Textes in einer Ucbcrsctzung von E. A. Zündt dürfte der Diese amerikanische Marseillaise lautet: Yankee Zum Spott dereinst wohl durftet ihr Uns Nankce-Schlingel nennen; Heut' aber zieh'n zum Siege wir, Ihr sollt das Liebchen kennen! Nankee-Schlingel! Ha, ha, ha! Hankec Doodlc-Dandy l Wie der Rolhrock Reißaus nahm Vor'm Vaukce-Doodle-Dandy! Mehrzahl daher nicht unwillkommen sei». — D o o d l e. Der Länderdicb komm' über's Meer! Wir wollen's bald ihm zeigen! Frisch, Yankee-Buben, ^imt nur her, Woll'n ihn nach Hause geigen! Nankee-Schlingel! Ha, ha, ha! Aankee-Doodle-Dandy! Die Yankee-Büchse singt den Baß Zum Aankee-Doodle-Dandy. Wer ficht, der spielt nicht Federball; Doch soll, was muß, geschehen! Fest wird bei Nankee-Doodle's Schall Der Haukee-Bursche Haukee-Schlingcl! Ha, ha, ha! d)a»kee-Doodle-Dandy! Vorwärts! ruft der Capitäu Beim Vankee-Doodle-Dandy. Was, gleich dem Aankec-Doodle, Die Vorzeit uns verjüngen! Znm Lied," das Einer erst begann, Millionen Chorus singen. Aankee-Schlingel! Ha, ha, ha! Nankce-Doodle-Dandy! Rollen wird um'S Erdenrund Der „Aankec-Doodlc-Dandy." Dich, Yankee-Doodle, nicht allein Amerika soll wittern! Sollst überall willkommen sei« Und jeder Fürst soll zittern! Nankcc-Schlingel! Ha, ha, ha! Yankee-Doodlc-Dandy I Freiheit ist der Quell vom Lied DeS Hankee-Doodle-Dandy! 16 Miseellen. Zur Charakteristik der Spinnen. Vor dem Fenster meines Zimmers hatte im vorigen Herbste eine Spinne ihr Netz ausgebreitet. Eines Morgens bemerkte ich, daß sie nicht, wie gewöhnlich, in ihrem Verstecke, sondern am untern Ende des Netzes auf Beule lauerte. Ich fing eine Fliege und brachte sie so nahe an's Netz, daß sie sich mit ihren Flügeln in demselben verfing. Sofort stürzte sich die Spinne am untern Ende des Netzes auf die Beute. Fast in demselben Augenblicke aber schoß auch die wahre Eigenthümerin des Netzes aus ihrem Verstecke hervor, und es entspann sich jetzt ein Kampf zwischen Beiden um den Besitz der Beute. Die Eigenthümerin des Netzes konnte aber dem Eindringling nichts anhaben und mußte sich zurückziehen. In einiger Entfernung jedoch hielt sie inne, drehte sich herum, blickte nochcinmal auf die freche Eigenthnmsver- letzcrin zurück und eilte dann nicht in ihr Versteck, sondern nach der Außenseite des Netzes, wo die Radien desselben an der Mauer befestigt waren. Ich wußte im Anfang nicht, wie ich mir daS Benehmen der Spinne deuten sollte. Bald aber wurde mir die Sache klar, denn schon im nächsten Augenblicke bemerkte ich, daß die Fäden an der Stelle, wo sich die Spinne befand, losgetrennt waren. Hierauf hielt sie einen förmlichen Rundlauf um das Netz und trennte Faden um Faden von seinem Anhaltspunkte, während sie sich von Zeit zu Zeit nach der Eigenthumsverletzerin umsah. Das kunstreiche Gewebe war unterdessen in ein formloses Gespinnst zusammengefallen und hing zuletzt nur noch an einem Faden, der vom Verstecke der Eigenthümerin des Netzes auslicf. An diesem kletterte sie jetzt hinauf. Die erste Spinne hatte in der Zwischenzeit ihre Beute gelobtet und kunstgerecht mit ihrem Gespinnste umwunden. Ihre Lage wurde immer kritischer: niit einem Fuße hielt sie ihren Raub fest, mit dem andern klammerte sie. sich an die Trümmer des Netzes und erwartete so die Dinge, die da kommen sollten. Das Ende dieses Kampfes zwischen Frechheit, gepaart mit Stärke auf der einen Seite, und Schwäche, gepaart mit List auf der anderen blieb denn auch nicht aus. Der letzte Faden wurde losgetrennt und Gespinnst, Spinne und Beute fielen auf den Fensterstein. Jetzt blieb der fremden Spinne nichts Anderes übrig, als sich unter großer Mühe und Anstrengung einen anderen Ort aufzusuchen, wo sie ihren Raub verzehren konnte. (Dolch und Scheide.) Der Schauspieler Suett, welcher gern trank und selbst auf der Bühne Gebrauch von gebrannten Wassern machte, schlüpfte eines Abends, als er eben in „JulmS Cäsar" beschäftigt war, in einem freien Momente hinter ein Borsatzstück, zog eine Flasche unter der Toga hervor und that einen derben Zug. Flugs verbarg er die Flasche wieder, aber ein College, der auch kein Kostverächter war, hatte es bemerkt, trat zu ihm und raunte ihm zu: „Ah, Suett, was haben Sie da?" — „Nur meinen Dolch!" erwiderte dieser. — Der lüsterne College ließ sich dadurch nicht abhalten, ihm unter die Toga zu greifen, die Flasche hervorzuziehen und — auszuleeren. „Da haben Sie die Scheide!" sagte er, die leere Flasche zurückgebend. Sieht der Fran;ose ein hübsches Mädchen, dann ruft er: „Oiabl«;!" der Deutsche: „Göttlich". Ist das Mädchen aber häßlich, so sagt der Franzose: „küon Ilivu!" und der Deutsche: „Pfui Teufel!^ Ein Mann, welcher nichts weniger als verschwiegen war, vertraute Jedermann ein Geheimniß an mit der inständigen Bitte, es Keinem wieder zusagen. „Seien Sie darüber ruhig," versetzte ihm Jener, „ich werde ebenso verschwiegen sein wie Sie." Druck, Verleg und Redaction des Literarischcn Justituts von llr. M. Hutilcr.