Nro. 3. 17. Januar 1869, Im Auslegen seid frisch und munter Legt ihrs nicht aus, so legt was unter. GSthe. Gerächt und gerichtet. (Fortsetzung.) Obwohl Nose dem Bauer Stillschweigen gelobt, war sie doch nicht WillcnS, es zu halten. Zwar freute sie sich, daß Georg durch die Liebe zu Mariannen in ein solches Unglück gestürzt worden, aber sie gönnte der Letzteren auch nicht ihren guten Ruf; die Heuchlerin, die ihr so schlau den Geliebten entrissen, sollte nicht ihre Schande verheiln- lichcn dürfen, dafür mußte sie sorgen. Sie wollte die Sache geschickt unter die Leute bringen, und machte deßhalb am andern Tage, da es Sonntag war, bei ihrem einzigen Verwandte», den sie im Dorfe hatte, einen Besuch. Es war der arme Leinweber, der am Morgen jenes schrecklichen Tages noch nüchtern gewesen, wie sein Freund gesagt. Der Leinweber war nicht allein, seine beiden Freunde waren bei ihm und alle Drei spielten Karten. Nose wurde mit jener völligen Nichtbeachtung empfangen, wie sie es schon gewohnt war. Niemand dankte auf ihr „guten Tag," es wurde ruhig weiter gespielt und die Kleine hockte still auf die Ofenbank und betrachtete mit Aufmerksamkeit das Spiel. Schade, sie hatte gehofft, die Frau des Leinewebers zu treffen, die, eine Hebamme, am geeignetsten schien, ihren Bericht unter die Leute zu bringen, und sie wartete mit Ungeduld auf deren Kommen, dabei horchte sie ausmcrlsam auf das abgerissene Gespräch der Spieler. „Ich frage," rief der Weber, — „ich paffe," der junge Mensch. — „Ja, ich paß auch, daß sie mit dem Kerl ein Ende machen," bemerkte der Maurer. „Oh, das kann nicht mehr lange dauern," cntgcgncte der junge Mensch, „spiel Tu auS, Weber, es war doch ein Glück." „Er kann doch noch loskommen," — meinte der Weber, — „und es wäre auch schrecklich —" „Alter Narr," rief der Maurer, „kannst Du das Winseln nicht lassen, der Georg muß daran glauben und darf nicht loskommen — spiel nur aus!" „Aber er ist doch unschuldig," ließ sich Rose von der Ofenbank aus vernehmen. Alle Drei blickten halb verwundert, halb entrüstet auf den KobKd, der sich in ihr Gespräch zu nnschcn wagte. „Was weißt Du, Haidclcrchc!" rief der Maurer und lachte gezwungen. «» „Doch, ich weiß es," cntgcgncte das Mädchen keck, „er ist gewiß nicht der Mörder, denn er ist bis die Nacht um 1 Uhr bei seiner Geliebten gewesen." Rose hatte ein neugieriges Weitcrforschcn nach Namen, und wie sie zu dieser Wissenschaft gekommen, erwartet, und schlenkerte sorglos ihre Füße hin und her; statt besten fühlte sie sich Plötzlich von zwei derben Fäusten am Halse gefaßt, und ei» Paar wuthfunkclndc Augen ruhten durchbohrend auf ihr. Es war der Maurer, der ihr mit bebenden Lippen ein „schweig" zudonnerte, und sie vielleicht mit seinen nervigen Fäusten 18 rrwürgt und ihr die Kehle für immer zugeschnürt haben würde, wenn nicht der Weber dazwischen gesprungen wäre. „Bist Du verrücke, was kann das Kind dafür?" rief der Weber. „Laß sie los, sie erstickt ja!" Der Maurer schien sich zu besinnen und gab die Kehle des überraschten Mädchens frei. Jede Andere würde von diesem Plötzlichen wilden Anfall außer Fassung «nd ohnmächtig zusammengebrochen sein; Rose aber sah sich kaum aus den Händen ihres wilden Gegners erlöst, als sie, wie sie es gewöhnt, die Flucht ergreifen wollte. Der Maurer war jedoch schneller als sie, er stürzte rasch auf sie zu und hielt sie fest. — „Hier bleiben, Kobold!" herrschte er ihr zu, „Du wirst kein Wort sagen von dem, was Du weißt — oder!" er machte eine drohende Bewegung. „Laß sie doch, das schadet ja nichts, und der arme Kerl käme wenigstens kos," bemerkte der Weber. Der Maurer warf ihm nur einen halb verächtlichen, halb drohenden Blick zu, und wandte sich wieder an sein armes Opfer. — „Nose, wirst Du .schweigen?" „Ich will es," stotterte das Mädchen. „Nun, es wird auch Dein Glück sein; kommt etwas heraus, so drehe ich Dir den Hals herum!" „Ich werde gewiß nichts sagen," betheuerte das Mädchen eingeschüchtert, und kroch furchtsam hinter die Hölle, während die Freunde sich wieder an den Spieltisch setzten. Nose hatte ein eigenes Unglück mit ihren Mittheilungen, es war fast rüthselhaft und sie grübelte lange darüber nach, beschloß aber, nun doch zu schweigen. Von dem Verlaufe der Untersuchung drangen nur wenige, und noch dazu höchst verworrene Nachrichten in's Dorf. Bald hieß es, Georg habe Alles gestanden, bald, er müsse freigesprochen werden, denn man bekomme aus ihm nichts heraus, und endlich verlor sich daS Interesse an der ganzen dunkeln Geschichte. Nur Marianne horchte mit fieberhafter Spannung auf jedes Wort, das über das Schicksal des Angeklagten verlautete. Sie war seit jenem fürchterlichen Morgen nicht mehr zur Ruhe gekommen, ihre Seele schien sich in den peinlichsten Kämpfen abzuquälen. Sie hatte ja Niemand, dem sie sich vertrauen, den sie um Rath fragen durfte, selbst ihren Vater nicht, und doch lastete es so schwer und vcrhängnißvoll auf ihrer Brust und drängte zu einer Entscheidung. Wie oft halte sie mit einem Bekenntniß aus den Lippen vor ihrem Vater gestanden, aber seine strengen, finsteren Züge bannten jedes Wort. Marianne war eine schwankende, schüchterne Natur, die sich unter den rauhen Händen ihres Vaters wie ein schwaches Rohr beugte. Uud jetzt sollte sie es wagen, eine Mittheilung zu machen, die ihren Vater in die höchste Wuth versetzen mußte? Eigentlich war sie kein echtes Baucrmädchcn, nicht derb und frisch, nicht voll Gesundheit und Leben strotzend, sie war das echte Kind ihrer Mutter, einer zarten, hübschen Städterin, die ihr Vater, vielleicht vvm Gegensatze angezogen, aus Liebe gchcirathet — seinen Eltern zum Trotz. Aber die Ehe war keine glückliche gewesen, und die junge Frau nach wenig Jahren gestorben. Da hatte denn der Bauer Konrad die Erfahrung gemacht, „baß es mit der Liebe nicht weit her, daß das Alles dummes Zeug" und es besonders nicht gut thue — gegen den Willen der Eltern zu heirathen, darum hatte er auch so entschieden bei der Wahl seiner Tochter seinen Willen durchgesetzt, den freilich der Tod, oder vielmehr ein fürchterliches Verbrechen, durchkreuzt. War Georg wirklich der Mörder? Hatte er sich von Haß und Eifersucht so weit hinreißen lassen, seinen Nebenbuhler einen Tag vor der Höchst aus dem Wege zu räumen? Der alte Bauer glaubte es und es brannte tief in seine Seele—die Schmach, baß um seiner Tochter willen ein Mord geschehen; aber kein Laut kam über seine harten, jetzt mehr als je geschlossenen Lippen. Wohl war Marianne inzwischen auch vernommen worden, sie hatte Georgs Unschuld darlegen, so Manches zu seiner Vertheidigung anführen wollen, aber der eigensinnige und gegen Georg auf's Höchste erbitterte Jupizrath hatte sie stets zur Ruhe gewiesen und ihr aus's Strengste befohlen, nur seine kurzen Fragen ohne alle Umschweife zu beantworten. Trost- und rathlos saß sie seitdem daheim, vergeblich sich zu dem Entschlüsse aufraffend, ihrem Vater die Vorgänge jener Nacht zu bekennen, und damit Georgs Unschuld zu beweisen. So waren einige für Marianne quäl- und Pcinvolle Wochen vergangen; da kam eines Tages die Schneiderin Bertha Perry — die Anfertigerin des nutzlosen Hochzeitskleides — aus der Stadt znm Besuch. Sie war, wie immer, recht bescheiden und zu» thunlich, wie es alle Dorf-Schneiderinnen — sie arbeitete meist auf dem Lande — sein müssen, und nachdem sie von allem Möglichen geplaudert, begann sie endlich: „Weißt Du, wie es dem armen Georg geht?" „Nein," entgegnete Marianne hastig, und ihr Auge glühte in Erwartung froherer Nachrichten. „Kommt er los?" „Warte nur, ich muß Dir Alles erzählen," entgegnete die Schneiderin, „aber Du mußt zu Niemand davon sprechen, das ist noch ein Geheimniß." „O, ich wzll gewiß schweigen," bemerkte Marianne eifrig, „ich versprech' Dir's heilig." Die Schneiderin rückte mit ihrem Stuhle ganz dicht an Marianne und begann geheimnißvoll zu flüstern: „Du kennst doch den Herrn Protokollführer, der immer mit dem Gerichtsralh herauskommt?" „Den kleinen Bucklige»? freilich kenne ich ihn!" „Nun, bucklig ist er wohl gerade nicht," entgegnete Bertha Perry empfindlich, „er hat nur vom vielen Sitzen eine hohe Schulter bekommen; das schadet nichts, er ist ein grundgcschcidtcr Mensch — und —" „Aber Du wolltest mir ja von Georg erzählen?" unterbrach sie Marianne unwillig. „Warte nnr, das kommt Alles," fuhr die Nätherin mit Wichtigkeit fort. „Vergangene Woche hatte ich Arbeit in der Stadt — denke Dir — bei einem Land- und Stadt-Gerichts-Canzlci - Assistenten, dorthin kam der Herr Protokollführer — denn das sind gute Freunde — " „Weißt Du wirklich etwas von Georg," unterbrach sie Marianne von Neuem, „so sag' mir'S, aber marl're mich nicht länger; — wüßtest Du, wie mir die Ungeduld am Herzen zehrt." „Ach, Du läßt Dir nichts ordentlich erzählen," entgegnete die Nätherin gekränkt, „ich muß es Dir doch sagen, wie Alles gekommen, wie glücklich ich bin, der Herr —" „Nein, nein! nur von Georg! was geht mich der bucklige Schreiber an." „Doch, Marianne, doch! Denn ohne den Herrn Protokollführer Meyer — meinen Bräutigam — erfährst Du nichts," — dabei blickte die Nätherin triumphirend auf Marianncn's Gesicht, um sich an ihrer grenzenlosen Ucberraschung und Verwunderung über eine solche Nachricht zu weiden. Marianncn's Antlitz aber blieb nach wie vor nur ängstlich gespannt auf die erwarteten Berichte, und deshalb entgegnete sie nur kurz: „So, das ist ja recht hübsch, ich gratukirc — also von dem hast Du's erfahren, wie'S dem Georg geht?" „Ja wohl, er sagt mir Alles," entgegnete die Schneiderin, und sie freute sich jetzt, dem reichen, stolzen Baucrnmädchen, das sich über ihr Glück nicht einmal verwunderte, dafür auch eine recht trübe Nachricht bringen zu können. „O, dem Georg geht's schlecht, er sitzt jetzt im finstersten Loch und ist schon gepeitscht worden." . ' Das junge Mädchen sprang wie von einer Natter gestochen auk und rang die Hände: „Gepeitscht! o, er ist unschuldig, sie müssen ihn loslassen," jarsi','„erte sie. „Ja, das hilft ihm nichts," entgegnete die Nähtcrin, „der Henx Protokollführer, mein Bräutigam, hat mir's gesagt, so lange er nicht gesteht, wo er Abend gewesen', so lange kommt er nicht loS, es sind zu viele „Windezichen" — sie meinte Jndicicn_ wie mein — " 20 „Und er hat eS nicht gesagt," unterbrach sie Marianne, „der Unselige!" „Eher will er sich die Zunge auSreißcn lasten, hat er entgegnct." „Dann muß ich es thun!" — rief Marianne und ihr Auge glühte, es schien ei» anderer Geist über das schwache, haltlose Mädchen zu kommen. „Gehst Du wieder in die Stadt?" fragte sie die Nahteriu hastig. „Warum?" fragte diese. „Ich muß hin, der Georg ist unschuldig, und, o Gott, sie haben ihn gepeitscht!" „Du willst doch nicht jetzt gleich fort?" warf die Nähtcrin ein, „Nachmittag ist der Justizralh nicht zu sprechen, das hat mir mein Bräutigam gesagt." „Ich muß ihn sprechen; Georg darf keine Stunde lang mehr im Gefängniß sitzen und sich peitschen lasten!" „Wende Dich nur zuerst an meinen Bräutigam," begann die Nähterin wieder, „er wohnt" — aber Marianne hörte sie nicht, sie war schon im Anziehen ihres Sonntagsstaates begriffen und suchte hastig in ihren Kästen und Schränken. „Adjes," sagte die Schneiderin gekränkt, „gute Verrichtung," und kopfschüttelnd ging sie von bannen. Marianne war in wenig Minuten fertig angekleidet, denn nur ein Gedanke füllte ihr ganzes Herz: fort in die Stadt, den Geliebten zu retten. Schon hatte sie den Fuß auf der Thürschwcllc, da trat ihr Vater herein. „Wo willst Du hin?" fragte er in seinem gewohnten, ernsten und barschen Tone. Marianne crschrack; sie fühlte Plötzlich wieder die feindliche Macht, die sich ihrem Bekenntniß drohend gegenübergestellt und es ihr unmöglich gemacht, ein einzig Wort zur Rettung ihres Geliebten zu sagen. Aber nur einen Augenblick überwältigte sie die alte Schwäche, nur einen Augenblick stockte ihr das Wort auf der Lippe, im nächsten schon erwachte von Neuem der Gedanke an Gcorg's Rettung, da galk's nicht länger, zu zagen und zu schwanken, die Liebe war größer als die Furcht und sie entgegnete, wenn auch leise, doch fest und ruhig: „Vater, ich darf nicht länger schweigen, sie peitschen Georg und er ist unschuldig, ich allein weiß es, er kann den Müller nicht erschlagen haben, denn er war in jener Nacht bei mir in meiner Kammer!" Der sonst so ruhige, eicheufcste Bauer, der selbst die Nachricht von dem Morde seines Schwiegersohnes ruhig hingenommen, Prallte bei den Worten seiner Tochter eine» Schritt zurück, seine finstern, buschigen Augenbrauen zogen sich noch drohender zusammen, er ballte die Fäuste und wollte einen Fluch ausftoßcn, Plötzlich schien er sich zu besinnen, ein heiseres Lachen drang aus der wie zugeschnürten Kehle, und er stieß hastig hervor: „Marianne, Du lügst. Du willst ihn nur frei machen," und doch schwirrten ihm schon die verworrenen Reden „der kleinen Rose" durch den Kopf. „Nein, ich lüge nicht, es ist die Wahrheit, laß mich nun gehen und Alles sagen," und sie wollte an ihrem Vater vorbei und zur Thür hinaus. „Du bleibst!" herrschte ihr der Bauer zu, „Du willst Deine Schande in die Stadt und aus's Gericht tragen, das soll nicht geschehen." „Ich muß es," sagte die Tochter mit jener Entschlossenheit, die sich gerade schwächlicher Charaktere, wenn sie einmal aufgestachelt werden, am meisten bemächtigt. — Der Bauer blickte verwundert auf fein Kind, das zum ersten Male seinen eigenen Willen zeigte; aber er war nicht der Mann, der sich über diese Regung von Selbstständigkeit gefreut, er hielt es für Trotz, den er zu beugen habe und entgegnete, immer zorniger werdend: „Ku bleibst zu Hause, oder —" „Ich ka»n''.nicht, Vater! Der Georg mag es nicht bekennen, wo er gewesen, und sie peitschen ihn." ^ „Mögen sie On lieber Peitschen, den Naseweis, als Deine Schande erfahren, ich hab' überall auf Zurrst und Ordnung gesehen, ich hab' mich Deiner Bravheit gerühmt, und nun willst Du 4mch Zum Gespött des Dorfes machen, Marianne!" fuhr der Bauer weicher werdend, fe^rt — er hatte seit langer Zeit nicht so viel gesprochen — „ich will 21 Dir den Fehl verzeihen, denn Du bist mein einzig Kind, aber Dn mußt darüber schweigen, Du darfst nicht diese Schande über meine grauen Haare bringen." „Es ist keine Schande, er kam in allen Ehren zu mir und Batcr, denk', der Georg hat geschwiegen unter den größten Qualen, und ich sollte schlechter sein wie er, nicht sprechen, selbst wenn es mir eben so viel Schmerzen kostet, als sein Schweigen." „Pah, wenn er es auch gesagt, wer hätt' es ihm geglaubt und was könnl's ihm auch nutzen, er kommt doch nicht los; Marianne, sei vernünftig und bring' mich nicht zum Acnßcrstcn." Die ohnehin harten Züge des Bauers nahmen den alten, finstern Ausdruck an, „Nein, ich kann nicht schweigen, sei barmherzig und laß mich fort," und Marianne wollte bittend seine Knie umfassen. „Fort!" wiederholte höhnisch der Bauer und stieß sie zurück. „Gut, aber komm' nie wieder; wenn Du das bekennst, darfst Du nicht mehr über meine Schwelle; nun geh', wenn Du noch Lust hast." Marianne wollte sprechen. „Kein Wort!" rief der Alte nnt zitternder Stimme und entfernte sich mit einer drohenden Gebcrde, die an dem Ernst seiner Worte keinen Zweifel zu lassen schien. Marianne streckte flehend die Hände gegen ihren sich entfernenden Vater aus und sank dann wie gebrochen zusammen. So lag sie eine Weile in tiefster Verzweiflung am Boden, die heißesten Kämpfe zwischen Kindespflicht und Liebe in ihrer Seele durchmachend. Plötzlich raffte sie sich wieder auf, ihr Auge erhielt einen höheren Glanz, das Opfer war gebracht, es gab ja keine Wahl, und festen FußcS schritt sie hinaus. IN. Der Justizrath schlürfte eben seinen Nachmittagskaffee, als Marianne noch in fieberhafter Aufregung und auf die abweisende Bedienung nicht achtend, zu ihm hereingestürzt kam. Der Justizrath, von dieser Keckheit überrascht, blickte verwundert aus das junge Mädchen, dann wollte er auffahren und poltern, aber von seiner alten Schwäche gegen das weibliche Geschlecht übermannt, fragte er beinahe heiter: „Mädchen, was willst Du? Hast Du's gar so eilig?" „Ja, Herr GcrichtSrath, lasten Sie ihn frei, er ist unschuldig!" „Wer ist unschuldig?" fragte der Alte ziemlich gelassen und nahm behaglich einen Zug aus seiner Tasse. „Der Georg — Der Bcrmste!" „Was? dieser Hallunke unschuldig?" fuhr plötzlich der Justizrath auf, und setzte die Tasse so heftig hin, daß sie in Scherben zerbrach; „dieser Räuber und Mörder," fuhr er, erbittert über den Verlust der Taste fort, „der den Tod zehnmal verdient; — Mädchen, was schwatzt Du da!" „O, Herr Justizrath, das ist Alles nicht wahr, Georg ist unschuldig." „Er soll aus's Rad, der Schurke, er hat mich —" der Justizrath hielt augenblicklich innc, um nicht die Schande zu bekennen, daß er von einem Verbrecher so gröblich insultirt worden und spielte verlegen mit den Trümmern seiner Taste. „Er ist dennoch unschuldig; ich allein weiß davon" Sie stockte, eine Flammcn- röthe schlug in ihr Antlitz, jetzt erst fühlte sie, wie tief ihr weibliches Gefühl durch ein öffentliches Bekenntniß verletzt werden sollte, das einen falschen Schein auf sie werfen mußte. „Nun, was weißt Du denn?" fragte der Justizrath scharf, „nichts weißt Du, geh' nur, Kind, Du kannst »och nicht ordentlich lügen." „Ich lüge nicht, ich will die Wahrheit sagen, mag sie noch so viel Schimpf und Schande auf mich bringen, der Georg kann den Mord nicht begangen haben, denn —" diese letzten Worte stieß sie hastig heraus, „er war in jener Nacht bei mir." „So?! und das fällt Dir jetzt erst ein, liebes Kind," entgcgnete der Justizrath ironisch, „davon hast Du bei Deinem ersten Verhör nichts gewußt; — ei, seht einmal die Unschuld." 22 »Ich durfte ja nichts sagen, ich mußte nur auf die Fragen antworten und —* »Du schämtest Dich," umcrbrach sie der Gcrichtsrath, „ja, ja, eine Nacht vor der Hochzeit, das wäre! — aber das traut Dir Niemand zu, das ist nicht wahr." »Ich bin nicht schlecht, wenn's auch so scheint," cntgcgncte Marianne; „ich mußte den Georg noch einmal sprechen, weil er immer so heftige Reden geführt und so verzweifelt gewesen, und ich hab' ihn so lange gebeten, bis er sich drein gefunden und ruhig fortgegangen; um 1 Uhr war er noch bei mir, wie sollt' er da den Müller ermordet haben?" „Siehst Du, Mädchen, Dein eigenes Zeugniß spricht gegen den Kerl, Du hast auch gefürchtet, daß er Deinen Bräutigam hat ermorden wollen!" und die grauen Augen des Justizraths ruhten stechend auf Mariannen. „Ja — nein," cntgegnete Marianne unsicher, „die Leute haben freilich seine Worte so gewendet und gedreht, er hat gewiß nicht gedacht, die Hand an meinen Bräutigam zu legen, aber an sich selbst; ich wollt' nicht, daß er um meinetwillen in den Tod ging und deßhalb hab' ich in jener Nacht mit ihm gesprochen." „Deßhalb? So, so!" erwiderte der Justizrath. „Kind, man merkt die Absicht und wird — doch das verstehst Du nicht Selbst das Alles für wahr genommen," fuhr er fort, „sag' mir, wie kam das Halstuch des Georg in die Kammer des Erschlagenen? Ei, siehst Du, Du bist gefangen." Marianne sann einen Augenblick nach, dann leuchteten ihre Augen freudig auf. — »Jetzt fällt es mir ein; nicht wahr, es ist ein roth-seidenes?" „Ja wohl!" „Der Georg hatte es vergessen, als er das letztemal uns besucht, mein Bräutigam fand es, er kannte das Tuch, und weil er sah, daß es mir so lieb war, nahm er's mir weg, das waren zwei Tage vor der Hochzeit." „Dummes Zeug!" lachte der Justizrath, „mein liebes Kind^ ich sehe. Du hast den besten Willen, aber den Georg lügst Du nicht mehr vom Galgen los." „Es ist die Wahrheit, ich will darauf den heiligsten Eid leisten," — cntgcgncte Marianne erregt. „Still, still! Du meinst es gut mit den, schlechten Kerl, Du schlägst sogar Deinen guten Ruf in Scherben" — er sah auf das Tablett, die zerbrochene Taste brachte ihm dies Bild — „aber Du bist doch nicht glaubwürdig." „O, Sie mästen mir glauben, Georg ist unschuldig, so wahr —" »Versündige Dich nicht," unterbrach sie der Justizrath. „Doch, nun lassen wir die Allotria, komm' morgen in das Audienz-Zimmer, da werde ich Dich amtlich vernehmen, doch nur pro inlormationo," und mit einer herrischen Handbcwcgung befahl er Mariannen, sich zurückzuziehen. Da stand sie nun draußen auf der Schwelle, rath- und hilflos, wie eine Träumende, sie hatte geglaubt mit diesem einzigen Worte, das ihr ja Viel, so unendlich Viel gekostet, die Fesseln Georg's augenblicklich sprengen zu können, und jetzt glaubte man ihr nicht einmal, jetzt verwies man sie auf morgen. Zurück in das Dorf zu ihrem Vater konnte sie nicht, wenigstens heut' nicht, und nach langem, rathlosen Hin- und Herschwanken suchte sie endlich Bertha Perry, die Nähtcrin, auf, die sie mit eitler Selbstgefälligkeit bereitwilligst in ihr kleines Stäbchen aufnahm. Am andern Tage wurde Marianne vernommen; aber die ganze Aussage wußte der Justizrath so zu fasten, daß sie für Georg völlig einflußlos blieb, um so mehr, als der Erstere von ihrer eidlichen Vernehmung Abstand nahm. Der Justizrath mußte aus Mariannens ganzem Wesen und Benehmen die Ueberzeugung schöpfen, daß sie Georg um jeden Preis retten und seine Unschuld mit Hingabe der ihren erkaufen wolle. Bor Gericht hatte Mariannens Aussage keinen Glauben gefunden, dafür in ihrem 23 Heimathdorfe um so mehr; ihr Ruf war für immer befleckt, und geschäftige Zungen gern bereit, ihn noch tiefer in den Koth zu treten. Mariannens Vater war außer sich; er hatte noch immer gehofft, seine Tochter würde nicht einen solchen Wahnsinn begehen, und jetzt hatte sie es doch gethan, und den größten Schimpf über sich und ihn gebracht. Er fühlte sich davon tief niedergedrückt, aber noch mehr davon, daß Marianne nicht mehr zu ihm zurückkehrte. Mit seiner Drohung war es ihm doch nicht Ernst gewesen, er halte damit nur einen letzten Trumpf ausspielen wollen, um Mariannens Vorhaben unmöglich zu machen. Jetzt hatte Marianne, getäuscht von der sonstigen Entschiedenheit und Festigkeit des Vaters, diese immerhin nur leere Drohung für volle Wahrheit genommen und damit dem Allen eine tiefe Wunde geschlagen. (Fortsetzung folgt.) M i s e e l l e n. * Charles Dickens Wochen - Magazin „^11 t I> e V e a r k o u n ck^ enthält interessante Angaben über „hohe Preise," die in alten Zeiten für Bücher und Musikalien gezahlt wurden. Ein Exemplar des Romans „lm liose" von Guillaum de Morris, das der Herzog von Hereford (später Heinrich lV.) seiner Gemahlin Mary Bohun schenkte, kostete 400 goldene Kronen, nach heutigem Gelde etwa 700 L. - Sterl. Das Gebetbuch, welches Karl VI. von Frankreich der Herzogin von Burgund im Zahr 14 t2 verehrte, kostete 600 goldene Kronen, und die e Summe mußte aus Befehl des Königs die Vice - Grasschaft Bayeux ausbringen. Zn 1430 bei der Krönung Hei rieh VI. von England als König von Frankreich in der Notre-Dame-Kirche zu Paris, überreichte eine Deputation Pariser Bürger dem Regenten Bedford drei Werke über Nilterwesen, und dem jungen Monarchen fünf. Der Werth dieser 8 Bände zusammen genommen wurde auf 2400 Kronen geschätzt, und es heißt, daß der Herzog von Bedford, einst in Geld- Verlegenheit gerathen, dieselben für etwa ein Drittel obiger Summe verkauft hat. Eine Musikalien-Rolle, welche 1441 für die St. Stcphans-Kirche zu Caen angekauft wurde. Verursachte eine Ausgabe von 22 Sols (Silberpcnce) — „der Werth von 10 Scheffeln Weizen." Als im Jahre 1426 der Bischof von Poiticrs, Simon de Gramand, dein -Jakobiner-Kloster zu Poiticrs ein zweibändiges lateinisch-französisches Wörterbuch verehrte, wurde im OrdcnSrathe feierlich beschlossen, „als Zeichen der Dankbarkeit für ein so prächtiges Geschenk täglich „nck-porpnluilutnm" Gebete für den Bischof zu recitircn und nach seinem Tode am ersten Sonntag eines jeden Monats in der Kloster-Kirche Messen für die Seelenruhe des Verstorbenen zu lesen." (Wer hat Nager Williams verspeist?) Stcelc erzählt in seinen „14 Wochen in der Chemie" folgenden haarsträubenden Prozeß aus der organischen Chemie, der uns so recht an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnert und von dein ewigen Kreislauf des Stoffes eine schmackhafte Probe gibt: Um dem Gründer des Staates Nhode-Island, Rogcr Williams, ein Paffendes Monument zu errichten, wurde die Familiengruft nach seiner und seiner Gattin Reiche, resp Skelett durchsucht; doch war absolut Nichts zu finden, als die verrosteten Nägcl und Sargbcschlüge in dem einen, und ein Stück Haarflechte im andern Grabe. Die Außcnlinien der Sarge konnte man an einem stark kohlenstoffhaltigen Niederschlage erkennen. — In der Nähe der Gräber aber stand ein Apselbaum, dessen beide Hauptwurzcln mitten in die Ruhe der Todten hinabgestiegen waren. Die größere derselben hatte sich genau an dem Platze durchgearbeitet, wo Rogcr Williams Schädel einst lag, und zeigte eine Krümmung, als ob sie sich erst um denselben hcrumgcschlängclt hätte und dann der Wirbelsäule gefolgt märe bis an die Hüflknochcn. — Beim Ansätze des Kreuzbeins theilte sich die Wurzel, und beide 24 Enden liefen an den Beinknochen bis an die Ferse fort, von wo sie sich aufwärts wandten mit der Lage der Fuße; eine dieser Wurzeln bildete da, wo das Knie hätte sein sollen, eine leichte Krümmung, so daß die Form eine tauschende Aehnlichkeit mit einem menschlichen Gerippe annahm. — Da waren die Gräber; aber die Bewohner derselben waren verschwunden bis auf den kleinsten Knochen; da stand auch der Leichenräuber, der schuldige Apfclbaum, auf frischer That ertappt. Die Beweise waren unumstößlich; die organischen Substanzen, Fleisch und Bein von Roger Williams und Gattin waren in den Apfclbaum übergegangen. Die Elemente waren durch die Wurzel aufgesogen, in Holzfasern verwandelt und zur lachenden Frucht umgcschaffcn worden. Nager Williams kann als duftende Blüthe die Vorübergehenden entzücken, als saftiger Apfel den Gaumen erfreuen, als geschnitzter Pagode auf dem Kaminsims stehen oder als Prasselnder Holzklotz angenehme Wärme verbreiten. — Daher die nicht unberechtigte Frage: Wer hat Noger Williams verspeist? (Aus der „Amerikanischen Post" von Degen in New - Merk.) (8tro prst 8lcr8 !crk.) Die Czcchcn Pflegen gewöhnlich um die Schwierigkeit ihrer Sprache und die Gelenkigkeit ihrer Zunge zu veranschaulichen, den vorstehenden Satz zu citircn und alle Nichtczcchcn herauszufordern, denselben richtig ausznsprcchcn, wenn sie es vermögen. Eine gleiche Schwierigkeit halte der StaatSanwalt und Vertheidiger in einer Gerichts-Verhandlung in Wien, wo ein gewisser Herr Prccirmrz sich als Beschädigter im Gcrichtssaalc befand, dessen schwieriger Name von den Mitgliedern des Richter-Eollcgiums trotz aller Mühe nicht richtig ausgesprochen werden konnte. Natürlich gab's im Publikum jedesmal Gelächter, so oft dieser Name Prccirmrz und stets wieder unrichtig genannt wurde. Dies war besonders bei der VcrthcidigungSrcde der Fall. — Einigcmale wiederholte sich dies, da faßte endlich der gcängsligte Redner seinen Entschluß. „Herr Präsident," rief er in tragi-komischem Tone, „seit vier Stunden wende ich alle meine Kraft daran, den Namen dieses Zeugen auszusprcchcn; ich habe mich nun überzeugt, cS ist unmöglich, und bitte den Gerichtshof, wenn ich von „diesem Zeugen" spreche, darunter — diesen Zeugen zu verstehen." Nochmals brach ein Lachsturm im Publikum aus, aber es war zum Letztenmale, das Mittel hatte Erfolg, — der Redner konnte nunmehr seine Rede ungestört beenden. (Das Sprichwort: „Er ist auf den Hund gekommen.") Der im 30jährigen Kriege so berühmte Graf von Wallenstcin soll zur Entstehung dieser sprichwörtlichen Redensart die Veranlassung gegeben haben. Er studirtc auf dkr ehemaligen Universität Altdorf (bei Erlangen), und nahm an den lustigen Streichen der Studenten thätigen Antheil. Gerade um diese Zeit wurde ein anderes Gefängniß (Carcer) erbaut. Der damalige Rcctor der Universität wünschte, daß es lange unbesetzt bleiben möchte — und machte daher bekannt, daß das Gefängniß nach Demjenigen benannt werden sollte, welcher zuerst als Gefangener dahin kommen würde. Das Gefühl der Schande sollte also von solcher Strafwürdigkcit abhalten. Aber der Erste, dem endlich doch nach längerer Zeit die Carcerstrafc zuerkannt wurde, war Wallenstein. Dieser wußte indessen Rath, seinen Namen nicht zu brandmarken. Er nahm nämlich, als er eingesperrt werden sollte, einen Hund mit sich — und schob diesen vor sich zur Thüre hinein. Man lachte über diesen Einfall- und der Carcer hieß von nun an „der Hund." — „Auf den Hund kommen" — hieß ursprünglich so viel, als „in den Carcer kommen." In der Folge brauchte man die Redensart in einer ausgedehnten Bedeutung, und bezeichnete damit so viel, als „in schlechte Umstände gerathen." Bei den Studenten ist dieses eine gewöhnliche Redensart, wenn sie sich in Geldverlegenheit befinden. Dr»«, Brrls» »»d Sitdalti»» Ix« U1ch,n InMlot« «ou v>. W. Huttt»