Nnk,. 4. 24. Januar 1869. Greis' niemals in ein Wespennest, Doch wenn du greifst, so greife fest. Gerächt und gerichtet. (Fortsetzung.) Der schlcsische Bauer ist nicht eine solch' harte, unbeugsame Eichcnnatur, er gibt sich gern das Ansehen einer gewissen Gesctzhcit und Würde, er wird sich selbst gegen Eltern und Geschwister keine Aeußerung der Zärtlichkeit zu Schulden kommen lasten; aber unter dieser rauhen Hülle verbirgt sich ein weicher, oft nur zu biegsamer Charakter, wie er allen Schlcsicrn eigen ist; auch der alte Konrad war lange nicht der harte, unbeugsame Mann, als es den Anschein hatte. So lange Niemand wagte, sich ihm entgegenzustellen, konnte er wohl als cichenfestcr Charakter gelten, den. Jeder aus dem Wege zu gehen habe; wer ihm entschieden Trotz geboten, dem hätte seine nur äußerliche Härte nicht Stand gehalten. So war es ein Unglück, daß gerade die scheue und schüchterne Bertha Perry sich als Vermittlerin aufgeworfen und hinausgegangen war, den Vater ruhiger zu stimmen und eine Versöhnung anzubahnen. Hätte ihn Jemand mit Vorwürfen überhäuft, ihm kräftig zu Gemüthe geführt, wie schlecht und unrecht er an seiner Tochter handle, er würde eingestanden haben, daß es nicht so böse gemeint gewesen; das furchtsame, ängstliche Benehmen der Nähterin dagegen forderte seinen alten Trotz heraus, und je mehr diese bat und vorstellte, je unerbittlicher wurde der Alte, je weniger wollte er noch von seiner Tochter wissen. „Fort mit Euch Allen!" rief er hastig, sich selbst in immer größere Erbitterung hineinredend, und erst, als die Nähterin fort, da brach der ganze Vaterschmrrz über ihn herein, da war er der alte schwache Mann, der unter thränenden Augen die Hände nach seiner einzigen Tochter ausstreckte. Es war zu spät; er wußte es selbst nicht, wie es gekommen, daß er statt dem einzigen, freudigen: „Freilich soll sie wiederkehren," nur heftige Worte auf den Lippen gehabt und dieser wie von selbst entstehende Widerspruch seines weichen Herzens mit seinem äußern harten Benehmen quälte und beunruhigte ihn immer mehr. Jeden Markttag fuhr er jetzt in die Stadt, ganz gegen seine Gewohnheit; es gab immer etwas zu erkaufen, und doch trieb ihn, obwohl er sich's selbst nicht eingestand, nur die Hoffnung, seiner Tochter einmal zu begegnen, vielleicht fuhr sie dann mit ihm zurück, und Alles war wieder gut. Er traf sie nie, denn die Aermste war unermüdlich thätig, ihren Unterhalt zu verdienen. Einmal sogar stieg er schon die erste Treppe zu ihrer'Wohnung hinauf; aber auf dem Flur machte er Halt, und nach echter Bauernart begann er jetzt erst zu überlegen, sollte er als Vorwand Obst zum Kauf anbieten, oder Kartoffeln- Er trottete noch nachdenklich auf dem Hausflur hin und her, da öffnete sich schon eine Thür, eine alte Frau kam heraus und schlug Lärm: „Was will Er hier? wohl gar stehlen — ach, was kaufen! Mach' Er nur, daß Er hinuntcrkommt," und der Bauer war wieder auf der Straße, er wußte nicht wie. Seitdem gab er es auf, seine Tochter zu suchen; er vergrübclte sich nur immer mehr in düstere Schweigsamkeit. 26 Georg schmachtete inzwischen noch immer in härtester Gefangenschaft. Der Justiz. Rath führte die Untersuchung gegen ihn mit solcher Gehässigkeit, daß an feine Freisprechung nicht zu denken war. Zwar blieb das Finden der Leiche auf offenem Felde immer räthsclhaft, ja es war fast unmöglich, daß ein Einziger den starken Müller sollte überfallen und ermordet haben. Und wie wenig sprach eigentlich für die Annahme, daß Georg der Mörder sei. Die Aussagen seiner Freunde, die seinen Worten einen andern Sinn untergelegt, seine Abwesenheit, das Finden des Tuches! — Aber hatte das nicht Marianne aufgeklärt? Und war nicht selbst diese Angabe in Betreff des Tuches so einfach und natürlich? Konnte das junge Mädchen augenblicklich eine solche geschickte Lüge ersinnen? Nach dem Allen fragte der erbitterte Justizrath nicht; Georg war in seinen Augen ein wilder, leidenschaftlicher Bursche, der, von Eifersucht getrieben, des größten Verbrechens fähig. Vielleicht hatte der Mörder seine Complicen; es mußte sogar angenommen werden, und diese aus dem Jnkulpaten herauszuinquiriren, darin bestand jetzt die Kunst des alten Kriminal-Richters, darauf hin ließ er dem armen Menschen die härteste, qualvollste Behandlung angedcihcn, selbst auf die Gefahr hin, den UntersuchungsZwang auf die schnödeste Weise zu mißbrauchen. Georg mußte Tage lang im Finstern sitzen, hungern und dursten, dann, so abgemattet, wurde er in das Gerichtszimmer geschleppt, mit Verhören gequält, bis er in ohnmächtiger Wuth zusammenbrach. Eine solch' harte Zeit mußte verheerend auf den armen Georg einwirken; der einst so heitere, lebenslustige Bursche war der Verzweiflung nahe, und starrte jetzt den ganzen Tag finster und brütend zu Boden. Er konnte sich nicht glücklich fühlen in dem Bewußtsein seiner Unschuld, nur Haß und Rache kochten und schäumten in seiner Brust. Alle finstern Anklagen gegen sein hartes Geschick, all' sein Rechten und Hadern mit der Gottheit, die ihn verlosten zu haben schien, ballten sich in dem einen Gedanken,, des Hasses gegen seinen Richter, zusammen. Ihm hatte er Alles zu verdanken, ihm seine Qualen, seine Martern, und darum lechzte er nur nach Freiheit, darum bat er Gott auf den Knieen, seine Unschuld an den Tag treten zu lasten, um seinen Peinigern heimzuzahlen, und sein halb crstorbencs Herz jauchzte bei diesem Gedanken wild und freudig auf. Marianne hatte ihm durch Vermittelung des Bräutigams ihrer Freundin jenes kleine Büchclchcn zugespielt, aus dem sie noch am Hochzeitsmorgen Trost geschöpft, die Schriften des Wandsbeckcr Bote»; sie hoffte, daß auch ihr Geliebter darin Frieden und Ruhe finden würde; aber wie sehr hatte sie sich getäuscht! Aus demselben Boden zieht die eine Pflanze heilende Säfte, die andere tödiendes Gift — Georg las nicht, wenn ihm sein Fenster geöffnet wurde, jene Lieder voll Frieden und Gottvcrtraucn, er fand andere Stellen darin, die mit dem finstern Gedanken seiner Brust wunderbar harmonirten. Dort in dem Briefe an Andreas stand es klar und deutlich: „Das Herz hat auch seine Rechte und läßt nicht mit sich spielen, wie mit einem Vogel. Ueberhaupt ist es nicht Unrecht Auge um Auge, Zahn um Zahn." Hundertmal ruhten seine Augen auf dieser Stelle, sie schlug er immer von Neuem wieder auf, sie allein grub sich mit glühenden Lettern in seine Brust. Und dann: „Schilt mir den Mann nicht, der für Recht und Billigkeit stehen bleibt und die Hand an's Schwert legt. Etwas von dem Drei-Männer-Trotz, der sich auf nichts in der Welt, als auf sich selbst und seine gute Sache stützt, und doch vor der Gewalt und Menge sich nicht beugen will, ist nicht so übel." Wenn er dies las, dann fühlte er wieder neue Kräfte über sich kommen; auch er wollte der Gewalt nicht weichen, und sollte er darüber zu Grunde gehen. Dann glühte sein Auge, dann wogte seine Brust; aber bald mahnte ihn sein entkräfteter Körper, daß selbst diese Aufwallung der Seele zu viel, und er sank nach solchen Aufregungen um so erschöpfter auf sein Lager. Wochen, Monate vergingen über dieser Untersuchung, beinah' war ein Jahr herangerückt, und diese lange qualvolle Haft hatte nicht allein Georgs Körper untergraben, sondern auch seine Seele entkräftet und zerdrückt. Er hoffte nicht länger auf Befreiung, 27 er betete nicht mehr zu Gott und glaubte sich von ihm verlassen, und damit war seine letzte Widerstandskraft dahin; im bittern Gefühl seines unabwendbaren düstern Schicksals bekannte er sich im nächsten Verhör für schuldig. Der alte Justizrath sprang freudig in die Höhe und rief mit unheimlich funkelnde« Augen: „Hab' ich Dich mürbe gekriegt. Du Wetterkcrl! Ja, daS hat Arbeit gemacht! Du bekennst Dich also zum Mörder des Müllers?"' „Ja, ich bin mürbe geworden," entgegnete Georg mit mattem Lächeln, „ich sehne mich danach, den Kopf auf den Block zu legen, damit ich doch weiß, daß ein Teufel die Welt regiert, der sich an unseren Qualen ergötzt." „Schwatze nicht solche Blasphemien," bemerkte der Justizrath freundlich, der die gute Stimmung seines Jnkulpaten nicht vorübergehen lassen wollte. „Weißt Du auch, was Du sagst? Daß hier kein Widerruf mehr gilt? Du bekennst Dich schuldig?" „Ich bekenne mich schuldig," war die tonlose Antwort. „Du erklärst zu Protokoll, daß Du der Mörder des Müllers?" „Nein, das bin ich nicht," entgegnete Georg mit wieder erhobener Stimme. „Mensch, Du bleibst der abgefeimteste Schurke, der je vor Gericht erschienen! Haft Du dies nicht erst bekannt?" brauste der Justizrath auf. „Ich bekenne mich schuldig, weil ich —" „Willst Du mich verrückt machen?" unterbrach ihn der Justizrath. „Du hast Dich zum Morde bekannt und mußt noch gestehen, wie Du ihn vollführt!" „Muß ich das auch noch?" fragte Georg bitter. „Sei vernünftig," redete der Justizrath zu, „mache ein offenes Geständniß; eS ist ja doch nun Alles vorbei." „Ja wohl, es ist Alles vorbei; aber was soll ich denn bekennen?" „Wie Du das Ganze eingefädelt. Du hast ihn gerufen, ihn herausgelockt — aber wie? Nur heraus mit der Sprache! Nicht wahr? Du riefst: Diebe! Mörder!" „Ich rief so." „Und als der Müller erschrocken hinausstürzte, stelltest Du Dich hinter die Thür, «in einziger Schlag mit dem Beile, der nichtswürdige Nebenbuhler war todt. — Ist'« nicht so?" „Es ist so." „Und wo ließest Du das Beil? — Daß man Dir auch Alles abfragen muß? — Warfst Du es in's Wasser?" „Ja wohl." Der Justizrath rieb sich vergnügt die Hände; die ihm schon längst lästige Untersuchung war nun doch glücklich beendigt; er diktirte seinem Schreiber, dem Herrn Meyer, das Protokoll, in dem er so klar und ausführlich das Bekenntniß und den Thatbestand auseinanderlegte, daß Niemandem ein Zweifel an der Schuld Georg's bleiben konnte. Es erfolgte seine Verurtheilung zum Tode, und da er auf Einlegung eines Rechtsmittels verzichtete, auch die Bestätigung des Urtheils durch den Landesfürsten. „Siehst Du, armer Bursche, was schlugst Du Dich mit zarten Empfindungen herum! Was sagtest Du nicht bald die Wahrheit? Was ist denn an dem Rufe einer Bauerndirne viel gelegen? Bauern dürfen nicht Bücher lesen und ein solch' Gefühlsleben haben; Dir geschieht schon recht. Du bist gerichtet!" IV. In dem Heimathdorfe Georg's jubelte Alles über das endliche Geständniß des Verbrechers, das ja zu dem Schauspiel einer öffentlichen Hinrichtung die Aussicht böt. Nur ein Mann schien von dieser Nachricht tief erschüttert, es war der lustige Weber, der au jenem Morgen vor der Mühle so still gewesci's und seit jener Zeit wie umge- -wandelt schien. Er lachte und scherzte nicht mHr, ein ewiger Trübsinn ruhte über seiner 28 Seele und spann um ihn sein dunkles Wolkennctz. Zuweilen besuchten ihn seine alten Freunde, der Maurer und dessen junger Better; aber ihre Bemühungen, den Weber auf. zuhcitern, schlugen gewöhnlich in das Gegentheil um; ja, so oft sie ihm auch als letztes Trostwort die volle Flasche hinhielten, er wies sie stets mit Abscheu zurück und des Maurers ewiger Refrain war dann: „Du bist ein Waschlappen, ein altes Weib, nun, hätte ich das gewußt!" — Mit der Zeit wurden die Zusammenkünfte dieser Drei immer stürmischer, es kam zum heftigsten Streit, und oft verließen die beiden Freunde unter heftigen Drohungen das Haus des Webers. Die Frau des Letzteren blickte ängstlich auf dieses Treiben, ihr ahnte nichts Gutes, aber sie wagte kein Wort davon zu sprechen, denn selbst die leiseste Berührung der Sache wies ihr Mann mit Heftigkeit zurück. Es war ein trauriges Leben in die Hütte dieser armen Leute eingezogen. Früher hatte der Weber das „Schifflein" mit lustigem Gesang hin- und hcrgeworfcn, jetzt kam kein Ton mehr über seine Lippen, der Arm schien gelähmt und oft nach einigem Hin- und Herziehen ließ er die Hände feiern, stützte den Kopf in seine Rechte und versank in trübes Hinbrütcn, aus dem ihn erst der Ruf seiner Frau wecken mußte. Das arme besorgte Weib hatte wenigstens gehofft, der Zustand ihres Mannes würde sich mit der Zeit ändern und sein angebornes heiteres Temperament die Schwermuth überwinden, statt dessen wurde er mit jedem Tage schwcrmüthigcr und trauriger, und sonderbar, wenn wieder eine Nachricht durch das Dorf lief, daß die Schuld Georg's nun völlig festgestellt, verschlimmerte sich sein Zustand, dann warf er die Arbeit bei Seite, verschloß sich in seine Kammer und weinte wie ein Kind. Er, der früher nichts vom Kirchengehen gehalten, versäumte jetzt keinen Sonntag den Gottesdienst und saß dort in trübsinniger Zerknirschung, ohne aufzublicken. Man wunderte sich im Dorfe allgemein über die seltsame Veränderung des Webers und stellte allerlei Vermuthungen auf, aber sein Freund, der Maurer, erfand darüber die lustigsten Schwanke, um die Gedanken von etwaiger richtiger Fährte abzulenken. Bald sagte er: „Ein Glas Schnaps ist ihm in die unrechte Kehle gekommen," bald: „Er simulirt, wie er das große Loos gewinnen kann," dann wieder: „Er thut so fromm, damit sein Weib auf die alten Tage, wie Sarah, noch einen Jungen kriegt," ein unmäßiges Gelächter folgte stets auf diese Erklärungen, und damit war man für lange Zeit beruhigt. Je einsilbiger und melancholischer der Weber wurde, je öfter erhielt er von dem Maurer und dessen Vetter Besuch. „Aus alter-Freundschaft," meinte der Maurer; wer jedoch die Drei hätte zusammensitzcn sehen, würde schwerlich auf ein freundschaftliches Verhältniß derselben haben schließen können. Der Weber blickte meist schwcrmüthig vor sich hin und blieb allen Ermahnungen seiner Freunde unzugänglich. „Du bist ein Narr," wiederholte gewöhnlich der Maurer, „anstatt Gott zu danken, daß es sich so hübsch getroffen, lamentirst und winselst Du wie ein altes Weib!" „Wie kannst Du von Gott danken reden, das ist Frevel — o, wenn ich an den dort oben denke, der mit uns einst schrecklich in's Gericht gehen wird, dann schaudert mir." Bist Du auch noch so dumm? Wenn die uns hier unten nur nicht kriegen, nimm Dich in Acht, daß Du uns nicht noch Angelegenheiten verursachst." Der Weber suchte dann solchen Drohungen gegenüber sich zusammenzuraffen und seinen Gemüthszustand zu verbergen, er folgte sogar der Aufforderung seiner Freunde und ging mit in's Wirthshaus, lachte und lärmte beim ersten Glase überlustig, als wolle er Alles vergessen, und doch blickte gerade durch diese Lustigkeit die bitterste Verzweiflung hindurch. Als aber vollends die Nachricht von Georg's Geständniß und seiner demnächstigen Derurthcilung in's Dorf drang, stieg der Trübsinn des äöebcrs auf den höchsten Grad. Die Stimme des Gewissens schien dennoch nicht laut genug, alle anderen Bedenken zu übertönen. Da, einige Tage nach der Verurteilung Georg's, kam Rose zu dem Weber gelaufen und traf ihn allein. DA Seelenkämpfe des Letzteren waren ihr nicht entgangen 29 und, verbunden mit den Drohungen des Maurers, hatte das kluge Mädchen die Ueber« zeugung gewonnen, daß der Mörder des Müllers ganz wo anders zu suchen sei, dennoch hatte sie die Furcht vor dem Maurer schweigen lassen, aber sie suchte auf anderem Wege für „an den Taglcgung" von Georg's Unschuld zu wirken. Nose war in neuester Zeit oft zu dem Weber gekommen und hatte ihm in's Gewisien zu reden gesucht, nicht gerade direkt, aber der Weber hatte sich förmlich erleichtert gefühlt. Jemand zu haben, der von einer unbekannten Schuld, die ihn drückte, zu wissen schien. Heute jedoch, wo es die Entscheidung galt, ging Nose in ihrer eigenthümlichen Weise auf ihr Ziel los. Die Liebe für den ihr noch immer theuren Georg verscheuchte die geringe Furcht, die sie noch vor ihrem Vetter hatte. „Ihr müßt ihn retten!" rief sie gleich bei ihrem Eintritt in wilder Aufregung. „Was willst Du? Ich?" fragte der Weber bestürzt, und augenblicklich wissend, was sie wollte. „Ja, Ihr müßt es, denn er ist unschuldig, das wißt Ihr am besten, ja, ja, Ihr müßt ihn frei machen," wiederholte Nose und sprang in gewohnter Weise wie ein Kobold vor ihm herum. „Ich weiß nicht, Rose," eutgegnete der Weber stockend. „O, thut es, macht Euch selbst frei" — sie hielt mit Tanzen innc, sprang auf einen Stuhl und, ihn mit ihren unruhig funkelnden Augen tief und lange ansehend, als könne sie in seinem Herzen lesen, fügte sie, den Arm nach dem Fenster ausstreckend, hinzu: „Die Sonne bringt es an den Tag!" (Fortsetzung folgt.) Die Vögelcin au die Menschen. Der Schnee liegt tief — kein Futter mehr! Nun kommen wir zu Euch — Wir sind an Trost und Hoffnung leer, An Liedern sind wir reich! Wir armen, armen Vögelein, Wir bitten Euch um Brod, Und sollt' eS nur ein Krümchen sein — Wie groß wird's in der Noth! Wir armen, armen Vögelcin, Wir waren reich vordem — Ach, wenn nach Lenzessonnenschcin Doch nicht der Winter käm'! Euch Menschen geht's wohl ebenso! O daß in Winterszeit Nicht Eure Jugend lieb und froh Dereinst wird zugeschneit! Ihr Kindlcin, spart den Bissen Brod, Spart ihn für uns und Euch, Er thut so wohl uns in der Noth, Er macht den Armen reich. Streut uns vor Euer Fcnsterlcin, Was Euch in Fülle blüht — Bald wird es wieder Frühling sein. Dann dankt Euch unser Lied! 30 Bon den Mormonen. * Da diese sonderbaren Heiligen der jüngsten Tage und ihre Vielweiberei unausgesetzt «in Gegenstand der Neugierde und die Zielscheibe des Witzes in den Journalen sind, so ist es nicht ohne Interesse, in dieser Beziehung das Urtheil einer Frau zu hören, welche längere Zeit unter den Mormonen zugebracht hat. Es ist dies Madame d'Audonard, welche gegenwärtig in New-N°rk Vortrüge hält und in einem derselbe» dieses Thema wählte. Ein Theil desselben ist in Folgendem enthalten. Frau Audonard kam nach Utah mit der Vorstellung, daß die Mormonen allzusammen roh und unwissend, — die Salzseestadt ein elendes, kleines Dorf, die Mormonen-Frauen arme Mädchen ohne Erziehung, mit List oder Gewalt in den Banden des Mormonismus festgehalten und sehr unglücklich über ihr Loos wären. Statt dessen fand sie eine Stadt von 40,000 Einwohnern, wundervoll gelegen, — gegen Norden geschützt durch eine prachtvolle Kette der Felsengebirge, mit dem Spring-See zu ihren Füßen und der Aussicht auf den großen Salz - See in einer Entfernung von zwanzig Meilen. Die Straßen dieser Stadt sind breit, von schönen Bäumen beschattet, und klares, durchsichtiges Wasser fließt in kleinen Bächen durch dieselben. Sie fand dort ein prächtiges, viertausend Personen fassendes Theater, mit einer vortrefflichen Gesellschaft von Schauspielern, sämmtlich Mormonen. — Sie bewunderte die kolossalen Dimensionen eines Tempels, in welchem zwölftausend Personen leicht Platz finden konnten. Sie fand große Läden mit allen Erzeugnissen Europas. Kurz, wo sie Barbarei erwartet hatte, fand sie einen hohen Grad von Civilisation. Brigham T°ung hatte sie sich entweder als eine Art begeisterten Wahnsinnigen unter dem Einfluß religiöser Halucinationcn oder als einen ehrgeizigen geistlichen Despoten vorgestellt. Sie fand statt dessen einen Weltmann, einfach, natürlich und freundlich, Per ihr völlig ehrlich sin seinem Glauben erschien. Sie hatte daö Glück, eine Schweizerin, die französisch sprach, und eine andere Dame von französischer Abkunft zu finden. In ihrer Gesellschaft besuchte sie eine große Anzahl Mormonen-Familien, darunter auch die des Präsidenten Uoung. Diese Familie ist ziemlich zahlreich. Der Präsident stellte ihr sechsunddreißig seiner Töchter, alle groß, kräftig und schön, und siebzehn Söhne vor — Söhne, wie Töchter alle verheirathct. Die Zahl seiner Enkelkinder ist so groß, daß weder Brigham Voimg noch einer seiner Söhne genau zu sagen wußte, wie viel ihrer wären. Wie umfangreich die Familie ist, kann man aus der Thatsache abnehmen, daß auf einem von Brigham Aoung gegebenen großen Balle fünfhundert Verwandte von ihm, einschließlich seiner Kinder und Enkelkinder, Schwestern, Nichten und Neffen, zugegen waren. — Mit einigen der Mormonenfrancn brachte Frau Audonard ganze Tage zu. Sie fand sie wohl erzogen, viele von ihnen verstanden Musik, alle hatten Bücher - Sammlungen. Sie lesen sehr viel und sind über die Zeitereignisse in Europa wohl unterrichtet. Diese Frauen scheinen alle sehr glücklich zu sein, und in ihrer Religion noch inbrünstiger als die Männer. Mehr als eine stellte Bekchrnngs-Versuche mit der Reisenden an. Die Vielweiberei der Mormonen ist das gerade Gegentheil von der der Türken und auf das entgegengesetzte Gefühl gegründet. Der Türke liebt eigentlich nur ein Weib, da er aber nicht beständig ist — und in dieser Beziehung unterscheidet er sich nicht von vielen Europäern — so liebt er, nachdem er ein Weib ein Jahr oder zehn Jahre lang geliebt hat, ein anderes. Dann vernachlässigt er den Gegenstand der ersten Liebe und heerathet den neuen; und wenn dieser seine Neigung nicht zu fesseln im Stande ist, s» nimmt er einen dritten. Der Türke betet die Schönheit an und versteht unter dem Weibe nur ein junges und reizendes, wenn er aber mehrere Frauen hat, so liebt er doch jederzeit nicht mehr als eine. — Der Mormone dagegen, wenn er drei Frauen hat, hegt dasselbe Gefühl für sie alle. Er steht es als eine religiöse Pflicht an, der einen so ergeben zu sein wie der andern. Eines Tages sagte der Prophet Joseph Smith zu seinen Jüngern: ,Jch habe eine Offenbarung erhalten. Gott befiehlt uns, in unserem Herzen alle irdische 31 Liebe auszulöschen, mehrere Frauen zu nehmen und für sie nur die Gefühle der Freundlichkeit zu hegen. Da er wünscht, daß die Zahl der Mormonen sich mehre, so befiehlt uns Gott, viele Kinder zu haben." Dies Gebot wird so gut befolgt, daß die kleinste Zahl von Kindern in ihren Familien zwölf und die größte vierzig ist, alle stark und kräftig. Den Frauen predigen sie Verzichtleistung auf die Freuden dieser Welt. Alle Liebe ihrer Herzen soll auf Gott gerichtet sein. Gegen ihre Männer sollen sie ein ruhiges freundschaftliches Gefühl hegen, und sie als ihre Gefährten betrachten, mit deren.Hülfe sie den Himmel gewinnen sollen, den Himmel der Mormonen, — den herrlichsten voir allen. — Die Mormonen - Frau soll keine Eifersucht gegen die anderen Frauen ihres Gatten empfinden. Auch sie sind Gefährtinnen, die ihr helfen, den Himmel zu erreichen, und Diejenigen, welche sich am vollkommensten der Polygamie unterwerfen, werden dort die besten Plätze erhalten. Und diese Frauen unterwerfen sich ihr mit wunderbarer Seelenruhe. Nicht ein Schatten von Eifersucht ist unter ihnen zu finden. Sie scheinen nicht einmal zu wissen, was Eifersucht ist. Die meisten von ihnen, — besonders die Reichen, wohnen in besonderen Häusern. Aber die Frauen desselben Mannes besuchen sich gegenseitig und scheinen einander sehr gern zu haben. Auch nicht der Argwohn eines unfreundlichen oder feindseligen Gefühls war unter ihnen zu entdecken. — Einer der Söhne Brigham Voung's halte zwei junge und hübsche Frauen, und eine dritte, die alt und häßlich ist. Eines Tages sagte Madame Olympc Audonard im Scherz zu den beiden jüngeren: „Ihr Gatte muß seine ältere Frau Ihretwegen ein wenig vernachlässigen." — „Warum?" war die mit der Miene der Uebcrraschnng gegebene Antwort r „ist sie nicht seine Frau so gut wie wir?" — In der That, der Mormone macht keinen Unterschied zwischen seinen jungen und hübschen Frauen und den alten und unschönen, er ist gleich liebenswürdig gegen sie- alle. — Die Mormonen haben eine Vorliebe für die Zahl drei. Mit Ausnahme des Präsidenten, der 17 Frauen besitzt, haben alle je drei, oder beabsichtigen so viel zu nehmen. Aber um eine zweite Frau zu heirathcn, müssen sie die Einwilligung der ersten, und um eine dritte zu heirathcn, die der beiden ersten haben. Wenn diese verweigert wird, so kann die Heirath nicht geschloffen werden, denn die zweite muß von der ersten zugeführt und dargeboten werden. Dies System dreier Haushalte und diese große Kindcrzahl macht aber den Mormonen das Leben nicht leicht. Sie sind genöthigt zu arbeiten — und mit welchem Fleiße — um so viele Personen zu erhalten. Aber sie thun das getreulich und lassen weder ihre Frau, noch ihre Kinder im Stich. Ein verlassenes Weib oder ein von seinem Vater nicht anerkanntes und vernachlässigtes Kind ist unbekannt unter ihnen. — Die Mormonen versuchen neuerdings ciu sonderbares Experiment, um die Gemeinde der Heiligen von der Berührung mit der übrigen profanen Welt abzuschließen. Sie haben eine neue Sprache, ein neues Alphabet exclusiv für den Gebrauch der Gläubigen erfunden. In Salt-Lake- City sind bereits Auflagen von 10,000 Stück mehrerer Schulbücher in der neuen Sprache gedruckt worden. (Ein verborgener Schatz.) Die „Essener Zeitung" erzählt aus Essen: Ein hiesiger Brauerei-Besitzer entschloß sich noch im Spätherbst-, seinen Lagerkcller zu erweitern und wurde, damit die Arbeit noch vor Eintritt des Frostwctters beendet sei, eine große Anzahl von Taglöhnern -zum Ausschachten des Baugrundes angenommen. Zum Aerger des Bauherrn wie des Unternehmers wollte jedoch diese vorbereitende Arbeit garnicht vorwärts schreiten, einmal wegen des regnerischen Wetters, sodann aber wegen der angeboren-mütterlichen Schneckenboldcnhaftigkeit der ehrsamen Ritter von Hacke und Schippe. Auf einmal zeigte sich an der Baustelle ein ungcmein reges Leben; noch vor Tagesgrauen waren sämmtliche Arbeiter auf dem Platze und schafften den ganzen Tag über mit einer Hast und Emsigkeit, die nie ihres Gleichen sah. Die beliebte Frühstücks- 32 stunde wurde freiwillig aus dem Leben gestrichen, zum Anzünden des „Stummels" war keine Zeit; nicht Sturm noch Regen wurden beachtet, und wenn einmal der Bauherr- oder ein Anderer einen der Arbeiter ansprach, so erhielt er die verweisende Antwort: „Herr, man mot NümmcS bi dc Arbeit störe!" Als in unglaublich kurzer Zeit der Grund bis zu einer Tiefe von 30 Fuß ausgeworfen, mußten die Fleißigen fast mit Gewalt von einem Eindringen in größere Tiefen abgehalten, zum Einstellen der Arbeit gezwungen werden und mit einem letzten wehmüthigen Blicke schieden sie von der Stelle. Der Brauer aber rieb sich schmunzelnd die Hände und wechselte mit seinem Nachbar, der die Baustelle stündlich besucht und die Arbeit mit Interesse beobachtet hatte, ein Lächeln des vergnügtesten Einverständnisses. Was hatte die Arbeiter zu dem ungeheuren Fleiße angetrieben? Weßwcgcn lachten die Nachbarn so geheimnißvoll? Der Brauerei-Besitzer hatte in einem alten irdenen, von Salz zerfressenen Topf einen Pergamentstreifcn gelegt, auf dem in alterhümlicher Schrift die Worte standen: „Hierunder ligk vill Geld be- grawe, Und wer et fint, der soll ct hawe. Gedenke der Armen!" — hatte den Topf mit einem verwitterten Schieferstein zugedeckt und ihn drei Fuß tief in den auszuschachtenden Baugrund vergraben. Zur Frage über Ahnungen und Doppelgänger bringt ein medizinisches Fachblatt „The Lanzct" aus London folgende Erzählung. In voriger Woche gab Herr Samuel W., einer der ersten Beamten der englischen Bank, Gesellschaft, mußte dieselbe aber wegen eines Fieberanfallcs schon frühzeitig auseinander gehen lasten. Er schickte zu seinem Arzte, den man nicht zu Hause traf. Frau W. setzte sich an das Bett ihres Mannes, um den Arzt zu erwarten; doch als sie bemerkte, daß ihr Mann ruhig schlief, kämpfte sie auch nicht länger gegen die Müdigkeit an und nickte ein. Gegen drei Uhr hörte sie die Klingel ziehe», sprang aus dein Sessel auf, nahm ein Licht und ging in den Salon. Dort hoffte sie den Arzt eintreten zu sehen. Die Thüre öffnete sich, aber an Stelle des Arztes sah sie ihren zwölfjährigen Sohn Eduard eintreten, der sich im College bei Windsvr befindet. Er war leichenblaß und trug eine breite Binde um den Kopf. „Du erwartest den Doktor für Papa?" fragte er, die Mutter umarmend, „aber ihm ist wohl, ich dagegen bedarf eines Arztes, laß ihn schleunigst holen; denn der unselige im College versteht nichts." Die erschreckte Frau W. hatte noch die Kraft, zu klingeln; ihr Stubenmädchen eilte herbei und fand die Herrin mitten im Salon unbeweglich stehen, den Leuchter in der Hand. Die Stimme der Magd weckte Frau W. auf, welche sich an Alles deutlich erinnerte, und ausrief: „Meinem Sohne muß ein Unglück Passirt sein!" Der lange erwartete Arzt kam und beruhigte die Dame über den ungefährlichen Zustand ihres Mannes. Als sie ihm dann ihre Bision erzählte, suchte er die Angst wohl zu beschwichtigen, aber mußte den Bitten der Mutter doch nachgeben, sie nach Windsor zu begleiten. Mit Tagesanbruch kamen sie beim College an, und auf die Frage nach dem Sohne antwortete man der Mutter, daß er in's Krankenhaus gebracht fei. Er hatte beim Spiel im Garten eine bedeutende Verletzung an der Stirne davongetragen. Man hatte ihn verbunden, aber mit wenig Geschick, indeß war die Wunde nicht lebensgefährlich. (Die rechte AdresscI „Erlauben mir, mich vorzustellen, ich bin Agent der Vichversichcrungs-Anstalt, und wollte —" Dame (ihn unterbrechend): „Da bitte ich, sich zu meinem Mann zu bemühen." -Frage: Wer ist Bräutigam und Braut zugleich? Antwort: 'zehzvauh ao umaz "aonvag.rziK wD Druck, Verlag und Redaction des tNtcrarischcn Instituts von Dr. M. Hnulcr.