jVro. 5. 31. Januar 1869. Augsbueger Eine schöne Menschenseele finden Ist Gewinn; ein schönerer Gewinn. Sie erhalten, und der schönste und schwerste, Sie, die schon verloren war, zn retten. Herder. Gerächt und gerichtet. (Fortsetzung.) Der Weber fuhr erschrocken auf, die Sonne schien wirklich klar und hell durch das Fenster und streifte blendend Beider Augen; er machte sich sanft von der Kleinen los, die bittend seinen Hals umschlungen, setzte sich auf einen Stuhl und versank in sein altes Brüten. Die Kleine schlich, ganz gegen ihre Art, geräuschlos hinaus. So saß er lange und gewahrte nicht, wie die Sonne im Untergehen war und ihre letzten Strahlen das ganze Zimmer wunderbar vergoldeten. Sein Entschluß war endlich gefaßt: „Es muß ein Ende gemacht werden;" er stand auf und ging mit hastigen Schritten in der Stube auf und ab, schon wollte er sich entfernen, da traten seine Freunde herein; sie gewahrten auf den ersten Blick seine Stimmung, noch einmal kam es zum heftigsten Streit, aber gerade dadurch fühlte sich der Weber in seiner Absicht bestärkt und gab sie nicht undeutlich zu verstehen. Der Maurer und sein Vetter waren außer sich vor Wuth, sie ballten die Fäuste und drangen drohend auf den Weber ein, der davon eingeschüchtert schien, endlich zu schweigen versprach. Sie schieden in der Dämmerung, „versöhnt und in alter Freundschaft;" aber um die Lippen des Maurers spielte ein dämonisches Lächeln, und er murmelte beim Hinausgehen vor sich hin: „Du wirst schon schweigen lernen." Die Frau des Webers gewahrte wenig von diesen stürmischen Zusammenkünften, sie war, wie erwähnt, Hebamme und deßhalb oft außer dem Hause. Auch heute kam sie erst, nachdem die Freunde schon fort, zurück, und fand ihren Mann niedergeschlagener, als je. Er rang die Hände und heiße Thränen rollten über die gebräunte Wange; aber die freundlichsten Bitten seiner Frau vermochten kein aufklärend Wort von ihm zu erpressen; nur von Zeit zu Zeit murmelte er: „Nein, ich muß doch ein Ende machen! O, diese schlaflosen Nächte! Wie will ich glücklich sein, wenn ich eine einzige Nacht werde ruhig schlafen können." „Du bist krank," bemerkte dann seine Frau, „Dich friert, ich werde Dir eine Tasse Fliederthee kochen, das wird Dir gut thun." „Nein, Marie-Liese, den Thee, der mir gut thut, muß ich mir selbst kochen," ent- gegnete der Weber und versank wieder in sein dumpfes Hinbrüten. Die Frau warf sich müde und erschöpft auf ihr Lager, sie konnte dcmnngeachtet nicht schlafen und versank nur in eine Art Halbschlummer. Schreckliche, unheimliche Bilder gaukelten vor ihrer Seele, bald sah sie ihren Mann im Gefängniß mit schweren Ketten belastet, dann auf dem Schaffst, bald von finsteren Menschen umgeben, die ihm mit der blanken Axt drohten, endlich war sie fest eingeschlafen. Da klopfte es an dem Fensterladen, sie sprang erschrocken auf und rief um Hilfe: „Rettet ihn, sie wollen ihn todtschlagen!" wiederholte sie im Taumel des Schlafes. Ihr Mann saß noch ruhig auf der Bank am Tische und fragte: „Was hast Du denn? es klopft, man will Dich holen." 34 Die Frau kam bei der Stimme ihres Mannes zur Besinnung; aber noch immer scheu und furchtsam, öffnete sie nur das Fenster und fragte hinaus: „Was gibt es denn so * spät noch?" „Einen Gruß von der Scholzin in Neudorf, und Ihr möchtet kommen," ließ sich draußen eine tiefe Männerstimme Vernehmen; „sputet Euch, es hat Eile." „So zeitig?" fragte die Weberin zurück, die jetzt ganz wieder in ihrem Berufe war, „das ist ja nicht möglich!" „Doch, 's ist eine Frühgeburt, na, mährt nur nicht lange und kommt!" „Gleich," sagte sie und schloß das Fenster. „Christian, denke Dir, die Scholzin!" wandte sich die Frau an den Weber, „sie ist sonst immer glücklich gewesen, solch' hübsche, gesunde Kinder, und jetzt — eine Frühgeburt!" „Lieber zu früh auf die Welt kommen, als gar nicht," cntgegnete dieser mit einem Anflug alten Humors, da ihm die ganze Nachtscene komisch vorgekommen und ihn etwas zerstreut und erheitert. „Beides schlimm," bemerkte die Hebamme, „die arme Frau," und sie kleidete sich rasch und völlig an und packte ihre Sachen zusammen. „Lege Dich schlafen, Christian," sagte sie zu ihrem Manne beim Abschiede und wollte sich, wie immer, mit einem kurze» „leb' gesund" entfernen. Plötzlich überwältigte sie eine andere Stimmung, sie kehrte an der Thür noch einmal um, und siel ihrem Manne unter perlenden Thränen um den Hals. Es war ihr seltsam und räthselhaft, denn anf dem Lande gelten solche Licbcs- bezeigungen für lächerlich; aber sie konnte doch nicht anders. Auch ihr Mann, statt davon unangenehm berührt zu sein, schloß sie fest in seine Arme und lehnte auf einen Augenblick seinen heißen Kopf an ihre Brust. „Leb' wohl, Christian, Gott schütze Dich!" und schweren Herzens schritt sie über die Schwelle. Sie eilte, ohne sich weiter über ihre wunderbaren Gefühle Gedanken zu machen, ihrem Ziele zu, und hatte bei ihrem raschen Gange die Schölzcrei erreicht. Sie klopfte an der Pforte und die Erste, die ihr in dem Hause entgegentrat, war die Scholzenfrau selbst. Die Weberin vermochte vor Schreck und Bestürzung kein Wort hervorzubringen, nur die Scholzenfrau rief sogleich verwundert: „Ei der Tausend, wo kommen Sie denn her?" „Ich bin zu Ihnen bestellt worden, Frau Scholzin," cntgegnete die Andere. „Zu mir? Gott bewahre! Sie wissen ja, damit hat's noch Zeit." „Der Bote sagte, es wäre eine Frühgeburt." „O, die schlechten Menschen!" rief die Frau ärgerlich, — „solch' einen dummen Spaß! Aber kommen Sie nur herein, ich will Ihnen gleich einen Kaffee kochen lasten; es ist nur gut, daß wir vor einer Stunde noch Besuch bekommen haben, sonst wären wir Alle schon zu Bett — nun, kommen Sie nur herein." „Nein, Frau Scholzin, ich will rasch wieder nach Hause," eutgcgnete die Letztere ängstlich, „das ist mehr wie ein dummer Spaß, o Gott, meine Ahnung! meine Träume!" Und ohne auf die Einladung der Scholzenfrau weiter zu hören, stürzte sie fort. „Die schlechten Menschen! Das will ich meinem Manne sagen," murmelte die Scholzenfrau und schloß wieder die Pforte. Die Weberin eilte, so rasch sie ihre Füße tragen konnten, nach Hause. Die Ahnung, daß hinter dieser falschen Bestellung ein Schurkenstreich lauere, daß ihrem Mann eine schreckliche Gefahr drohe, jagte sie wie auf Sturmesflügeln fort. Endlich, nach einer qualvollen Viertelstunde, die ihr eine Ewigkeit gedünkt, war sie athcmlos an ihrem Hause angekommen: sie wollte die Stubenthür öffnen, diese war von innen verschlossen. Eine entsetzliche Angst überkam die arme Frau, sie rüttelte wie eine Verzweifelte an der Thür, die endlich ihrer verdoppelten Kraftanstrengung nachgab und aufsprang. Sie stürzte in das Zimmer, „Christan, Christan!" rief sie mit angsterfüllter Stimme. Ein mattes, dumpfes Röcheln war die einzige Antwyxt.Mit zitternden Händen machte sie Licht — welch' ein Anblick bot sich ihr dar! Ihr Mann lag, in seinem Blute schwimmend, am Boden, und schien dem Verscheiden nahe. DoS Fenster und der Laden waren zertrümmert, ein Paar dunkle Gestalten flohen über das vorn Monde weit erhellte Feld. Die Weberin stieß einen furchtbaren Angstschrei aus und warf sich laut jammernd über den Körper des Erschlagenen. Bald füllle sich die Stube mit Menschen aus der Nachbarschaft, die von dem wilden Geschrei der armen Frau herbeigezogen worden. Ein Gerichtsmann war zufällig unter ihnen und ordnete unterdcß das Holen des Arztes und des Justizrathes au. Der Weber war schwerlich zu retten, er blutete aus mehreren Stirnwunden, die ihm wahrscheinlich mit einer stumpfen Axt beigebracht sein mußten, auch sein übriger Körper war schrecklich verstümmelt. Den rechten Arm hatten ihm die Mörder völlig zerschmettert, und an der Schulter klaffte eine Wunde. Es war ein schrecklicher Anblick und stimmte selbst die rohesten Herzen zum Mitleid. Der Weber mußte mit den Mördern einen harten Kampf bestanden haben, dafür zeugten seine Wunden, und die Unordnung in der Stube, alles Hausgeräth war verrückt, bunt herumgeworfen und zertrümmert. Wer konnten die Mörder sein? Und zu welchem Zweck war die gräßliche That geschehen? Diese Fragen beschäftigten alle Gemüther. Der Weber war, wie allgemein bekannt, arm und im Grunde ein friedfertiger Mann, der im ganzen Dorfe keinen Feind hatte. Zu welchem Zwecke sollte man ihn erschlagen haben? Uud dies Geheimniß vermehrte noch das Grauen und Entsetzen über die blutige That. Die Frau des Webers raffte sich zuerst auf, sie bat sich die Hilfe einiger Umstehenden aus und ließ den blutenden Körper auf ihr Bett tragen, dann verband sie ihn, so gut wie ihre zitternden Hände es vermochten, und legte ihm kühlende Umschläge um die Stirn. Ein mattcS Augenausschlagen ihres Mannes lohnte ihre Mühe. Schon nach einer halben Stunde kam der Arzt; seinen Bemühungen gelang es, den armen Mann noch einmal zum Bewußtsein zu bringen. Etwas später langte auch ein GerichtSbcamtcr an; nicht der alte, polternde Justizrath, sondern ein junger Assessor, ei» Hilfsarbeiter des Rathes, den er zur Ermittelung des Thatbestandes abgeschickt hatte. Trotz der Schwäche des Webers ließ es sich der Assessor nicht verdrießen, zu seiner Vernehmung zu schreiten, da ihm der Arzt bekannt gemacht, daß die Augenblicke des Verwundeten gezählt. Nur nach längeren, oft Viertelstunden dauernden Pausen, vermochte der Weber seine Aussage hervorzulispeln. Sein Bekenntniß war zu Aller Uebcrraschung Folgendes: „Der Maurer und sein Vetter sind meine Mörder, sie haben meine Frau sort- gelockt und wollten mich erschlagen, damit ich still sei. ... Ich kann's nicht länger — Georg ist unschuldig — er hat den Müller nicht ermordet, wir Drei waren es. Der Maurer hatte mir so lange zugeredet, do.t einzubrechen —- ich wußte nicht, daß sie Aexte mitnahmen — bei Gott, Herr Assessor, ich wußte es nicht. — Der Maurer hatte erfahren, daß der Müller viel Geld zu Hause habe und mit der Mutter fortgcrcist sei, und wir sollten die Gelegenheit benutzen. . . . Als der Maurer zuerst in die Kammer stieg, sah er das Gesicht des Müllers. Er wollte, erschrocken, sich eben so leise zurückziehen, wie er gekommen; aber er zerstieß eine Scheibe und der Müller erwachte. Kaum daß der Maurer wieder auf dem Boden, öffnete sich schon die Thür der Mühle und der Müller stürzte im Hemd heraus, unS zu verfolgen ... der Acrmste verließ sich auf seine Riesenkräfte ... er war dem Maurer am nächsten auf der Ferse, und nur noch wenige Schritte von ihm entfernt — da drehte sich der Maurer Plötzlich um und schwang seine Axt — noch stand der Müller aufrecht. . . aber schon eilte der Vetter des Maurers herbei und führte den zweiten Schlag . . . wir wurden aus Dieben Mörder! Gott, ich hab' es schwer gebüßt! Und Georg sollte noch der Verbrecher bleiben — der Maurer hatte recht, was er damals frevelnd gesagt: „die Sonne bringt es an den Tag," nun sterb' ich gern — nun wird mir wieder leicht,, e. . " Der Weber mußte seine Aussage eidlich bcth'cücrn, und trotzdem ihm der Assessor '36 Schonung empfahl, raffte er alle Kräfte zusammen, und sprach mit gehobener Stimme die Eidesformel nach, und wirklich schien es damit wie Bcrgeslast von seiner Seele gewälzt; er lächelte selbst unter den heftigsten körperlichen Schmerzen und sank dann erschöpft in eine Art Schlummer. Der junge Assessor war auch vor dem Bekenntniß des Webers nicht unthätig gewesen, und auf die Andeutung der Frau des Letzteren war der Maurer und sein Vetter augenblicklich festgenommen worden. Sie hatten Beide noch im Bett gelegen, zwar schon mit rein gewaschenen Händen, aber doch mit Blutspuren an ihren Kleidern, auch ihre Mord-Aexte wurden gefunden. Die Elenden waren erst lange nach Mitternacht zurückgekehrt, das bekundeten ihre Stubennachbarn; sie leugneten trotz alledem hartnäckig jede Betheiligung am Morde, Beide behaupteten mit frecher Stirn, warum sollten wir den Weber losgeschlagen haben? Wir sind seine besten Freunde; Beide, trotz ihrer abgesonderten Vernehmung, gaben an, daß sie gestern Abend ein Kaninchen geschlachtet, gar nicht im Dorfe, sondern in der Stadt gewesen und ihnen der arme Weber recht leid thue. Als der Assessor dem Maurer und seinem jungen Freunde gesagt hatte, daß der Weber noch lebe, verloren Beide die Fassung; um sie noch tiefer zu erschüttern, las er ihnen des Webers Aussage vor. Sie vermochten Beide kein Wort der Entgegnung hervorzubringen; aber sie verharrten doch in einem finstern Schweigen und brachten kein Wort des Geständnisses über ihre Lippen. Dieses herauszupressen, blieb die Aufgabe des Assessors, da es nach jener alten Gerichtspflcge nothwendig war. Er ließ beide Verbrecher an das Bett des Webers führen. Noch schlief derselbe, aber von der Nähe seiner Mörder schien er zu erwachen, er schlug matt die Augen auf und sein erster Blick traf seine mit Stricken gefesselten Freunde. „Verzeiht mir, wie ich Euch verzeihe!" lispelte er und wollte ihnen die Hand entgegenstrecken, die Hand, die von seinen Freunden so schrecklich verstümmelt worden — er brachte nur einen Stumpf hervor. Bei diesem Anblick war es mit der so lange behaupteten Fassung des Maurers vorbei, er zuckte konvulsivisch zusammen, vermochte sich nicht mehr aufrecht zu erhalten, unter überströmenden Thränen brach er an dem Bette des Freundes zusammen und rief jammernd: „Ja, ich habe Dich erschlagen, und ich meinte es doch so gut zu Dir, wir waren alte Freunde, haben zusammengehalten wie Brüder, aber Du wolltest nicht schweigen, und da war's vorbei mit uns. Daß wir die Mörder des Müllers, sollte nicht an's Licht kommen, da es so lange verborgen geblieben, jetzt haben wir auch Dich erschlagen und nun ist Alles doch heraus." „Gott sei gedankt," lispelte der Weber, immer schwächer werdend, „Ihr habt mich frei gemacht, ach, wie leicht ist mir jetzt, so leicht, ich kann nun ruhig schlafen — schlafen! —" und seine Augen schlössen sich, wie Frieden glitt es über sein Gesicht, er versank in einen Schlaf, aus dem er nie wieder erwachen sollte. „Er ist todt!" jammerte der Maurer, und in dem finstern Gesicht prägte sich ein leidenschaftlicher, tiefer Schmerz aus. Alle Umstehenden waren von dem ganzen Auftritt tief ergriffen, nur der junge Vetter des Maurer hatte sich völlig kalt und gleichgiltig gezeigt. Er war einer von jenen Menschen, denen schon die früheste Jugend den Stempel der Hcrzensrohhcit aufgedrückt, und die bei der Unreife ihrer Erscheinung und ihres Wesens durch eine um so größere Frechheit und Rücksichtslosigkeit sich hervorzuthun und eine gewisse Geltung zu verschaffen suchen. Der Maurer bestätigte die Aussage des Webers völlig; um von dem Müller nicht als Dieb ergriffen zu werden, hatte man ihn erschlagen; um das Verbrechen in ewige Nacht zu hüllen, war der zweite Mord begangen worden, und gerade hier erreichte sie das Vcrhängniß. Die Umstehenden waren überrascht und bestürzt; das waren Enthüllungen einer Kette von Verbrechen, wie die stillen Dorfbewohner sie sich nicht träumen ließen. Nur Rose, die sich ebenfalls herbeigcdrängt, sprang wie ein Irrlicht hin und her und rief triumphirend: „Hab' ich nicht gleich gesagt, Georg ist unschuldig?" Alle wollten jetzt dasselbe gesagt oder wenigstens gedacht haben. Der Assessor, vom Dränge des Augenblicks, vielleicht auch vom Ehrgeiz getrieben, ließ, anstatt das Protokoll dem Iustizrath vorzulegen, augenblicklich einen Courier an den LandeSfürsten abgehen, indem er die seltsame Enthüllung des wahren Thatbestandes unter Beilegung der betreffenden Papiere klar und schlagend auseinander setzte. Die Entscheidung traf schon am andern Tage ein: Georg solle bis auf Weiteres augenblicklich auf freien Fuß gesetzt werden. (Fortsetzung folgt.) Hoffnung. Und dräut der Winter noch so sehr Mit trotzigen Geberden, Und streut er Eis und Schnee umher: Es muß doch Frühling werden! Und drängen die Nebel noch so dicht Sich vor den Blick der Sonne, Sie wecket doch mit ihrem Licht Einmal die Welt zur Wonne. Blast nur ihr Stürme, blast mit Macht, Mir soll darob nicht bangen. Auf leisen Sohlen über Nacht Kommt doch der Lenz gegangen! Da wacht die Erde grünend auf, Weiß nicht, wie ihr geschehen, Und lacht in den sonnigen Himmel hinauf Und möchte vor Lust vergehen. Sie flicht sich blühende Kränze in's Haar, Und schmückt sich mit Rosen und Aehren, Und läßt die Brünnlein rieseln klar. Als wären es Freudenzährcn. Drum still! Und wie es frieren mag, O Herz, gib dich zufrieden; Es ist ein großer Maientag Der ganzen Welt beschicken. Und wenn dir oft auch bangt und graut, Als sei die Hüll' auf Erden, Nur unverzagt auf Gott vertraut: Es muß doch Frühling werden! Das Jahr 186S als Säeularjahr. Vielleicht kein einziges Jahr ist so reich gewesen an bedeutenden Männern, welche in ihm das Licht der Welt erblickten, als 1769, und so haben wir denn 1869 als Säcular-Gebnrtstagsjahr einer Menge von Personen, die theils als Helden, Regenten oder Staatsmänner, theils auf den Gebieten der Wissenschaft und der Dichtkunst sich auszeichneten, zu feiern. Wir nennen von ihnen zuerst Napoleon Bonaparte, welcher am 15. August 1769 zu Ajaccio auf der Insel Corsica als der zweite Sohn des Advokaten Carlos Bonaparte und der Signora Lätitia Ramolini das Licht der Welt erblickte. — Gleich dem Sieger von Lvdi und Arcole, von Austerlitz, Jena und Wagram waren auch mehrere seiner namhaftesten Generale im Jahre 1769 geboren. So namentlich die Marschälle Ney und Soult. Dieser ward am 29. März 1769 zu Samt Armand bei Toulouse, jener am 10. Januar desselben Jahres zu Saarlouis geboren. Auch Napoleons und jener beiden Marschälle siegreicher Gegner Wellington wurde — eine eigenthümliche Ironie des Zufalls! im Jahre 1769, uud zwar am 1. Mai geboren. Aber nicht dieser allein, sondern auch noch zwei andere namhafte Gegner des corsischen Kriegsfürsten, erblickten im gleichen Jahre mit ihm das Licht der Welt. Der Eine von Beiden ist der Graf (später Fürst) Ludwig Adolph Peter von Sayn-Wittgcnstein-Berleburg, geboren am 6. Januar 1769, welcher in russischen Diensten mit Tapferkeit und Umsicht 38 gegen Napoleon l. stritt; der Andere ein einfacher, aber namhafter Gelehrter: der Professor Ernst Moritz Arndt, geboren auS bäuerlichem Stande am zweiten WeihnachtsFeiertage zu Schoritz auf Rügen und gestorben am 29. Januar 1860. So bedeutend auch der Ruf aller vorher angeführten Männer ist, so steht er doch — mit einziger Ausnahme des Fleisch und Blut gewordenen Mars Napoleon — erheblich zurück gegen denjenigen des am 14. September 1769 zu Berlin geborenen Freiherr» Alexander von Humboldt, des größten Naturforschers der neueren und eines der größten Gelehrten aller Zeiten. Der Wirth zum goldenen Lümmle. In der schwäbischen Stadt mit dem kurzen Namen und dem langen Münsterthurm war ein gar munterer Wirth zum „goldenen Lümmle." Da hat vor einigen Jahren der Alterthumsforscher-Verein eine Zusammenkunft gehabt, und da haben sich von allen Weltgegendcn so viele Leute zusammengefunden, daß Mangel an Quartier war. Nun kam auH der heitere Herzog M vom benachbarten Lande an und der Herr fand in den ersten Gasthöfcn eben auch kein Quartier. Es wurde ihm sodann das „Lämmle" empfohlen, wo er zwar ein bescheidenes, aber reinliches Zimmer mit schöner Aussicht auf die Donau und eine treffliche Aussicht auf Küche und Keller habe. Der hohe Herr machte sich auf den Weg und trotz, daß es spät Abends war, entschloß er sich doch, das „Lämmle" aufzusuchen. Beim Eintritt wurde er von dem in Hemdärmeln anwesenden Wirth auf's freundlichste mit den Worten begrüßt: „Sie hent heut wahrschcinli wo anders koi Quartier kriegt, sonst kämet Se nit zu mir." — „So ist es," erwiederte heiter gestimmt der Herzog. „Ich habe befohlen, meine Koffer hieher zu bringen, im Falle ich bleiben kann." — „Ja wohl," sagte der Wirth, „Sie g'fallet mir, und obwohl i's Quartier heut' scho hätt' zehnmal vergebe könne, so hab' i mir denkt, es kommt doch no was Besscrs." — Der Herzog meinte: „Das Sprichwort sagt aber, es kommt nichts Besseres nach." — „Auf d' Sprüch' geh' i' nit," erwiederte der Wirth, „ich seh' den Mann an." „Was wünschen Sie zu trinken, Herr?" -— „Eine Flasche Champagner!" — „Blitz, Sie müßet heut scho guete G'schäft g'macht habe, wenn Sie Nachts zehn Uhr no Champaningcr saufet." Der Herzog lachte herzlich auf die Derbheit, staunte aber, als der Wirth den Champagner mit zwei Gläsern servirte. „Zu was zwei Gläser?" frug der Herzog. — „I sauf' au mit," erwiederte der Wirth, „denn i hab' heut au guete » G'schäft g'macht, no pasch' mcr den Plunder raus." — „Wohlan," meinte der Herzog, „bin einverstanden." Die Flasche wurde entkorkt, und immer heiterer wurde die Unterhaltung, welche durch Niemanden gestört wurde, weil Wirth und Gast die alleinigen Zecher in der Stube waren. Es war einige Minuten nach eilf, als die Thür aufging und ein Neger einen schweren Koffer hereintrug. Der Wirth erschrack entsetzlich, doch wurde er ruhiger, als der Sohn Afrika's auf den Herzog zutrat und frug: „Hoheit, wo hab' ich den Koffer hinzuthun?" — „Dies wird der Wirth bestimmen," war die Antwort. — „Was, Hoheit?" rief der noch immer frappirte Wirth. „Nun ja, beruhigen Sie sich, ich bin der Herzog M. in B. Dies soll aber unsere Unterhaltung nicht stören. Weisen Sie gefälligst den Diener mit dem Gepäck in mein Zimmer und geben Sie ihm ein Nachtmahl." —- „Blitz Fix Donnerwetter, Hemdärmel und Sie a Hoheit, Weib komm rci, i kann die Schand' alloi net trage, hilf mir." — „Du hast mi zum Trinka au net g'rufe, trag' nur die Schand' alloi." — „No, so bring' dem Mohra was! Entschuldigen, Hoheit, was frißt denn der Kerl?" — Der Gast lachte und erwiederte: „Geben Sie ihm Braten und Salat und etwas Wein, er wird nichts übrig lasten. Doch kommen Sie, wir wollen noch beisammen bleiben." 39 Die Glocke des alten Münsters verkündete die neue Stnnde, zwölf Uhr; und wieder geht die Thüre des Gastzimmers auf, und herein tritt mit schwerem Schritt kein schwarz Geborener, aber ein Weißer der hohen schwäbischen Polizei. Selbst der Diener am hintersten Tisch erschrack über die Erscheinung in Amtsmiene, welche direkt auf den Gastwirth und seinen Gast zuschritt mit den Worteü: „Heret Sie, Ihr Herre, es isch zwölf Uhr und die Polizeischtund vorüber." Der Gastwirth darüber entsetzt, weil sein so sehr verehrter Gast gestört wird, erwiedert in ruhigem, aber ernsthaftem Tone: „Heret jetzt, Sie, der Herr, der bei mir sitzt, ischt a königliche Hoheit, — und i bin der Wirth, mi kennet Sie, und daß der Bedeute dau hinta koi Ulmer ischt, des wcrct Sie eam wohl anseha." Und die Polizei ging beruhigt von bannen. (Fl. Bl.) Miseellen. (Englische Sonderbarkeiten.) Zwei junge Engländer aus den höheren Kreisen der Gesellschaft brachten einige Tage zunr Besuch bei Lord Panmure auf Schloß Brcchin zu. Um seinen Gästen eine Zerstreuung zu verschaffen, lud Lord Panmure einen Gutsnachbar, Mr. Panlathie, zum Diner, mit dem besonderen Zusätze, sich wohl mit Geld zu versehen. Dieser, der die Laune des Lords kannte und selbst ein Freund exzentrischer Streiche war, begriff sofort, daß es sich um ein Abenteuer besonderer Art handle, und erschien zur bestimmten Stunde wohlgcrüstct und entschlossen, jedem Streiche mit kaltem Blute zu begegnen. Das Diner begann. Nach dem ersten Toaste nahm Lord Panmure das Wort und rief: Alle Hüte in's Feuer oder 200 Franks Reugeld. Die vier Hüte flogen in den Kamin. Nach der zweiten Gesundheit erhob sich einer der Gäste: Alle Röcke in die Flammen oder 1000 Franks Strafe! und die Oberröcke der vier Zecher wanderten denselben Weg. Die Stiefel in den Kamin! rief der Nächste, oder 5000 Franks gezahlt! Auch die'Stiefel wurden geopfert. Jetzt war die Reihe an Panlathie. Ohne sich zu besinnen, erhebt er sich, sieht seine Kumpane der Reihe nach an und ruft: Die Zähne in den Kamin oder 10,000 Franks auf den Tisch! Dabei nimmt er sein falsches Gebiß und wirft es in die Flammen. Die Anderen waren einigermaßen erstaunt, einmal darüber, daß Herr Panlathie, der sie eben noch so graziös angelächelt, falsche Zähne hatte, und dann, daß sie ihm das Künstlcrstück nicht nachmachen konnten. Mr. Panlathie aber strich ruhig die 30,000 Franks ei», bedankte sich bei Lord Panmure für das vortreffliche Diner und bestellte sich am nächsten Tage ein neues Gebiß. (Recht liebenswürdig.) Auf der Capitänsbrncke eines Dampfers, der von Calais nach Dover fuhr,, stand ein Engländer und rauchte phlegmatisch seine Cigarre. Da trat ein liebenswürdiger Franzose, den er öfters in Trouville gesehen und nnt dem er einige Worte gewechselt hatte, an den Engländer heran und nach einem „Freut mich, Sie zu sehen," entspann sich unter Beiden folgendes Gespräch: „Ich will nach Brighton." — „Und ich nach London." — „Denken Sie dort die Saison zu verleben?" — „Das kommt auf die Umstände an. Sie wissen, das Geschäft-" „Ach, Sie reisen nicht zum Vergnügen?" — „Nein, ich bringe einen jungen Engländer zu seiner Familie zurück." — „Sind Sie vielleicht sein Lehrer?" — „Nein." — „Ich sehe doch Ihren jungen Freund nicht." — „Er ist unten." — „So bitten Sie ihn, daß er mit uns dinirc." — „Das ist nicht möglich; er ist todt." — „Todt?" — „Er liegt in einem Bleisarge. Mein Geschäft ist nämlich, die Leichen nobler Personen, die in Frankreich sterben, zu transportiren und ihren Familien zurückzubringen. DicS Geschäft geht prächtig, und wenn Sie einmal meiner Dienste bedürfen sollten, mein Herr, so-." Der Engländer hustete, dankte seinem höflichen Reisegefährten und begab sich, indem er Seekrankheit vorschützte, eiligst in seine Cajüte, aus welcher er nicht eher wieder hervorkam, bis der Dampfer in Dover landete. * (Die schönen Haare der englischen Frauen.) Der Fremde, der ZUM ersten Male nach England kommt, ist zuweilen entzückt von dem Prächtigen blonden Haar der englischen Frauen und Mädchen, das in allen Nuancen vom zartesten Flachsgelb bis zur schimmernden Goldfarbe zu finden ist. Wenn auch die Töchter Albion's sich rühmen können, das schönste Haar zu besitzen, so ist doch nicht alles Gold was glänzt. Das prachtvolle „goldene Haar" der Ladies und Mistes ist in den meisten Fällen eine Erfindung der Mode, wie etwa das Chignon oder eine neue Hutfacon. Das das Männerauge so oft in Entzücken versetzende goldene blonde Haar kann durch zwei verschiedene chemische Prozesse erzeugt werden. Als die Manie für „goldene Locken" aufkam, begnügte man sich damit, die natürliche Haarfarbe durch beständige Waschungen mit einer alkalinischen Auflösung, wie z. B. salpctersaures Kali zu entfernen; das Haar wurde dann geölt und durch fortgesetztes Bürsten in einen hellen und glänzenden Zustand versetzt. Diese einfache und unschädliche Methode erzielte aber nicht immer das gewünschte Resultat, und man nahm seine Zuflucht zu metallischen Präparaten. Salpctersaures Blei mit einer Beize von chromsaurcm Kali; Eisen mit einer Beize von salpetersaurem Natron oder Kalk; Arsenik, Salmiak und andere ähnliche Substanzen wurden mit größerem oder geringerem Erfolge angewendet. Als bestes Mittel, das vielbewunderte goldgelbe Haar zu erzeugen, empfahl sich schließlich Arsenik mit einer Salmiakbeize. Außer allem Zweifel steht es, daß die Anwendung dieser giftigen chemischen Präparate von äußerst nachthei- ligen Folgen für das Haar begleitet ist, denn die ätzenden Säuren hemmen das Wachsthum des Haares, oder mit anderen Worten, sie tödten es. Goldbraunes Haar wird durch Anwendung von Kupfervitriol mit ferrv-kyanischer Pottasche hergestellt. (Standhaftigkeit der Ameise.) Der berühmte Eroberer Timur, der Tartar, war einmal gezwungen, in der Ruine eines Hauses Schutz vor seinen Feinden zu suchen. Er saß dort mehrere Stunden ganz allein. Nach einiger Zeit wünschte er seinen Geist von seiner hoffnungslosen Lage abzuziehen, und deßhalb richtete er seine Aufmerksamkeit auf eine Ameise, welche versuchte, ein Fruchtkorn, das größer war als sie selbst, an einer Mauer hinaufzutragen; ihre Anstrengungen schienen jedoch erfolglos. — Sie machte aber immer wieder einen neuen Versuch und so oft derselbe auch mißglückte, so verlor sie den Muth doch nicht, sondern sie kehrte immer wieder an ihr Geschäft zurück. Timur sah das Korn 69 Mal herabfallen, aber beim 70stcn Mal erreichte diese mit ihrem Korn den Gipfel der Mauer und dieser Anblick, sagt der Eroberer, der eben noch voller Verzweiflung gewesen war, „gab mir in diesem Augenblick Muth und ich habe die Lektion, die ich daraus zog, nie vergessen." — Anwendung: Auch wir sollten sie nicht vergessen. Zuerst müssen wir eine Sache genau betrachten, ob sie werth ist, daß wir darnach streben, und wenn das der Fall ist und der Versuch, sie zu erlangen, gelingt uns nicht, so müssen wir ihn immer von Neuem wiederholen und beharren, bis er nns gelungen ist. Wenn eine Ameise sich durch 69 mißlungene Versuche nicht entmuthigen ließ, weßhalb sollte dann ein Mensch nicht eben so beharrlich sein? W i ii t c r t r a n i». Des Schnees weißes Bahrtuch decket Frisch keimt die Saat, bis Gottes Odem Die keusche Mutter Erde zu, Wird leis' des Schnees Decke schmelzen, Indeß von jungen muntern Saaten Wie einst ein Gottessturm gewaltig Sie träumt in stiller Grabesruh'. Die Steine wird von Gräbern wälzen. (Was ist ein Schauspielers) Antwort: Ein Mensch, der bloß lebt, um zu gefallen, und gefallen muß, um zu leben. Druck, Vcrlog und Redaction des Litcrarischcn Instituts von Dr. M. Huttler.