Rro. 6. 7. Februar 1869. »P! Fliehe dcu verdächtigen Umgang von zweierlei Menschen: Der Freunde deiner Feinde, Der Feinde deiner Freunde! Gerächt und gerichtet. (Fortsetzung.) Der Justizrath, der am Tage vorher wegen Unwohlsein das Bett gehütet hatte, und deßhalb von den Ereignissen nicht das Mindeste erfahren, wollte nicht seinen alten Augen trauen, als ihm der Assessor mit triumphircndem Lächeln die Cabincts - Ordre überreichte. „Dummes Zeug! Spiegelfechterei!'' polterte der Alte los. „Mäßigen Sie sich, Herr Rath, die Unterschrift des Landcsfürstcn ist niemals dummes Zeug." „Aber frei lassen? Ohne allen Grund, lieber Assessor, das ist ja unerhört; der Mordkerl muß auf's Schaffst." „Er ist unschuldig, Herr Rath! Meine gestern abgehaltene Untersuchung hat zugleich die rechten Mörder des Müllers an'S Licht gebracht. — Leider ist cö diesmal Ihrem Scharfsinn nicht gelungen, den rechten Schuldigen herauszufinden." „Hm! so, so! nnd Sie haben mir von dem Ausfall der gestrigen Untersuchung nicht einmal berichtet, das ist ein Disziplinar-Vergehcn " „Die höchste Eile war nothwendig," entgegncte der Assessor und setzte, ruhig lächelnd, hinzu: „und dann wollte ich Sie überraschen, Herr Rath." Der junge Beamte fühlte ein eigenes Behagen, an dem alten, höchst unangenehmen Vorgesetzten sein Müthchen kühlen zu können. „Das ist stark!" rief der Alte nnd nahm, um sich zu beruhigen, eine Prise; „ich werde Ihre Versetzung beantragen." „Bemühen Sie sich nicht, es ist von mir bereits geschehen," entgegncte der Assessor glcichmüthig. „Nehmen Sie sich in Acht, guter Freund, Sie haben mich noch nicht bei Seit' geschoben; ich habe einflußreiche Freunde, Sie sollen mir das Spiel bezahlen; das hat noch Keiner gewagt, sie fürchten mich Alle." „Ich nicht — ich bin Staatsbeamter wie Sie und handle überall nach Pflicht und Gewissen." Der Alte wollte auffahren, doch der junge Mann fiel ihm in'S Wort: „Lassen wir den persönlichen Streit, Sie haben jetzt Besseres zu thun. Befolgen Sie augenblicklich die Cabincts - Ordre und machen Sie Ihr schweres Unrecht in etwas wieder gut." „Ich selbst soll den Befehl zu seiner Freilassung geben? — Mich so blos stellen? Nimmermehr! Sie, „junger Lcsstng," Verehrer der Humanität, werfen Sie den Kerl hinaus!" rief der Juslizrath, wieder in seinen alten laxen Ton verfallend. „Das werde ich nicht, Sie allein sind dazu berechtigt und verpflichtet," entgcgnetc der Assessor ganz entschieden. „Teufel!" murmelte der Justizrath und versuchte mit den Zähnen zu knirschen. 42 »der seine mürben Zahnreste schmerzten ihn, er verzog das Gesicht zu einem häßliche« , Grinsen. „Augenblicklich, steht in der Ordre," begann der junge Mann wieder seine Quälereien; „ich mache Sie dafür verantwortlich." Der Justizrath Preßte einen unverständlichen Fluch heraus und zog die Klingel. — Der große starke Exekutor erschien. „Werft den Kerl hinaus!" polterte der Alte. Der Exekutor blickte verlegen auf den Assessor, dann auf den Justizrath und wollte seinen Ohren nicht trauen — er sah s blos Einen im Zimmer, an dem er einen solchen Auftrag vollziehen konnte und — X>e> Assessor hinauszuwerfen — — zu einer solchen Handlung mußte er schon einen noch maligen Befehl erwarten. „Werft den Hund hinaus, sag' ich," wiederholte der Alte, und ging nach seiner Gewohnheit heftig gcstikulirend auf und ab, sich wenig darum bekümmernd, daß der arme Mann nicht sofort errathen konnte, wen er eigentlich hinauszuwerfen habe und in eine arge Verlegenheit kommen mußte. Der starke, ernste Exekutor machte bei dieser zweiten energischen Aufforderung einen Schritt vor gegen den Assessor, der aber, das Mißverständnis sofort bemerkend, dem rathloscn Manne auf die Schulter klopfte und lachend sagte: „Nicht mich, mein Guter, den Georg sollt Ihr loslassen." „Nun, was steht Er denn noch? Ist Er taub?" brach jetzt der Justizrath los, der stets gewohnt war, all' seinen Groll an seinen Untergebenen auszuwittern. „Herr Rath," drängte sich der Assessor dazwischen, „Sie haben dem Manne nicht gesagt, wen er hinauswerfen soll, er hätte Sie bald mißverstanden." Der Justizrath verzog, trotz seiner Wuth, das Gesicht zu einem Lächeln, denn bei all' seiner Verbissenheit, war er doch nicht ohne Humor. „Er Klotz! kann Er sich das k nicht denken? Den Georg mein' ich, werft ihn augenblicklich hinaus!" „Nicht hinauswerfen, sondern freilassen, ganz anständig und in Ehren!" „Gewiß, gewiß!" entgcgnetc der Justizrath höhnisch, „Schmidt versteht mich schon." § Der aber schien ihn nicht zu verstehen, sondern blickte wie versteinert auf seine beiden Vorgesetzten. „Den Georg! — der morgen hingerichtet werden soll?" rief er endlich verwundert, i „Den laßt Ihr augenblicklich frei, nach der eben bei mir Angetroffenen Cabincts- Ordre," entgegnete der junge Mann in befehlendem Tone. Der Exekutor blickte seinen alten Herrn an, um von dem schließlich einen Wider- ' spruch zu hören, es war ja doch zu unerhört und noch nie vorgekommen — einen Mörder ' freilassen — einen Tag vor der Hinrichtung! Der Justizrath aber gab keine Antwort, heftete nur die Augen auf den Boden und nahm eine Prise. Schmidt kannte seinen Herrn; er verließ, obwohl noch kopfschüttelnd, ' das Zimmer und vollzog den Befehl. V. Die arme Marianne saß bleich und abgehärmt bei ihrer Näharbeit. Sie lebte noch immer in völliger Abgeschlossenheit von der Welt bei ihrer Freundin; so war ihr denn bis jetzt das Schuldbekenntniß Georgs und seine spätere Verurtheilung völlig unbekannt geblieben. Die Nähterin hatte furchtsam die Mittheilung dieser vernichtenden Nach- > richt von Tag zu Tag verschoben, heut' endlich mußte sie sich ein Herz fasten, denn . morgen schon sollte der Tag der Hinrichtung sein und dann war Mariannen nichts mehr : zu verheimlichen. Sie blickte mitleidig auf das arme Mädchen, das sie einst um ihr > Glück beneidet hatte. s Welch' qualvolle, elende Tage hatte Marianne erlebt; sie war hinausgestoßen aus dem elterlichen Hause und Georg schmachtete noch immer, trotz ihres Opfers, im Gefängnisse. Wie war das Alles möglich gewesen! Sie konnte es oft nicht fasten, stützte den heißen Kopf in die magere Hand und versank in dumpfes Hinbrnten. Plötzlich er« ^ 43 «achte sie wieder, sie besann sich, daß sie arbeiten, nähen müsse, um ihr kümmerliche» Brod zu erwerben, und die Nadel fuhr mechanisch durch die Leinwand. „Du nähst ja ohne Faden," bemerkte Bertha, die ihr gegenüber saß und oft mitleidig ihre Blicke nach der Unglücklichen hinübersandtc. Marianne schrack auf, sie gewahrte jetzt erst ihre Zerstreuung; „wirklich," sagte sie, „Du hast recht," und sie suchte in das Lachen der Freundin einzustimmen, aber eS gelang ihr nicht, der Versuch schlug in sein Gegentheil um und bald stürzten helle Thränen aus ihren Augen. „Du grämst Dich zu sehr, das taugt nichts," tröstete die Nähtcrin, „so gern ich Dich hier hab'. Du solltest wieder hinaus auf's Land, das Nähen bekommt Dir nicht, wie siehst Du schmalbäckig aus." „Das ist's eben, dort bei der harten Arbeit vergehen Einem die Gedanken, ich möcht' hinaus, aber jetzt — Du weißt, wie es bei uns auf dem Lande ist, sie habe« keine Barmherzigkeit mit dem Unglück, ich müßt vergehen vor Schimpf und Spott." „Dann solltest Du wenigstens hier mehr unter Leute kommen, das würde Dich zerstreuen; das ewige Stubensitzcn taugt nichts." „Laß mich nur, ich mag Niemand mehr sehen und sprechen. Könnt' ich mit meinem ganzen Jammer in die Erde versinken, wär's nur keine Sünde." „Marianne! Sünde ist's gewiß, denk' nicht so schlecht," eiferte die Nähterin, — „glaub' mir, Georg hat's nicht verdient, daß Du ihm zu Liebe so viel gethan." „So viel gethan? Hab' ich ihn retten können? O, die Nichtswürdigen, die mir nicht geglaubt und die ihn unschuldig martern und quälen, bis er sterben wird." „Er ist nicht unschuldig, Marianne, mein Bräutigam hat mir's hoch und theuer versichert, Du solltest nur lesen — die Akten —" „O, in die schwarzen Papiere schreiben sie nichts als Lügen." „Bitte, Marianne, das ist mir nicht lieb, mein Bräutigam führt die Protokolle nnd der —" „Soll ich Dir sagen, wer den Mord begangen: die Müllerwittwe, sie gönnte nicht dem Sriefsohn die Mühle, sie hat den Verdacht zuerst auf den armen Georg gebracht, sie ist es selbst." „Ich bitte Dich, solchen Verdacht, sage das Niemand, das ist ja ganz verrückt." „Ich will es aller Welt sagen, wenn man mich zur Verzweiflung treibt, daß sie an dem Morde schuldig; der Gedanke ist mir zuerst in's Herz geschossen, ich kann ih« nicht mehr los werden." „Du mußt, Marianne; denn es ist doch wahr, Niemand anders ist der Mörder, als Georg." Marianne schwieg. Wer tief und fest von der Wahrheit seiner Sache überzeugt, der vermag nicht fremden Irrthum zu bekämpfen. „Gewiß ist es wahr!" wiederholte die Nähtcrin lebhaft, die durch das zuversichtliche Schweigen Mariannens zu rascherer Mittheilung fortgerissen wurde, „er hat jetzt selbst den Mord bekannt." „Das ist nicht möglich!" rief Marianne und sprang so heftig auf, daß ihre Näharbeit zur Erde siel, „das ist eine Lüge." „Marianne, mein Bräutigam ist vereideter Protokollführer, er wird nicht lügen; doch frag' die ganze Stadt, er hat endlich gestanden und — " sie hielt erschrocken inne, als sie sah, welche Wirkung ihre Worte auf das arme Mädchen hervorbrachten. — Marianne versuchte zu sprechen, ihr Athem stockte, das ohnehin bleiche Antlitz bedeckte eine Todtcnblässe und mit einem wilden Schmcrzschrci sank sie zu Boden. Ihre Freundin war sogleich liebevoll um sie beschäftigt, sie strich ihr die Schläfe mit Wasser, holte ihr theures Lau ckg LoIoßNö herbei, das alte, echte, wie ihr Bräutigam versichert, und sucktc damit Marianne zur Besinnung zu bringen. Als die Letztere wieder die Augen aufschlug, begann sie dieselbe zu trösten: „Beruhige Dich nur, er 44 war Deiner nicht werth, der schlechte Mensch; sie haben Alle Mitleid mit Dir, daß er Dich so hintergangcn, Du bist ja unschuldig, Du konntest es nicht wissen." „Nicht wissen? Nein, nein, es ist doch nicht möglich!" Marianne strich mit der Hand über die Stirn, als müsse sie alle unheimlichen Gedanken verscheuchen. „Nein, in jener Nacht hat er keinen Mord begangen, wohl kam er mit finstern, schwarzen Gedanken, ich mußte lange mit seiner Verzweiflung kämpfen, aber als er fortging, hatte er doch Frieden, er ist unschuldig." Sie sank auf ihre Knie und rief in tiefster Inbrunst: „O Gott, sende Du einen Netter in unserer höchsten Noth." Bertha blickte verwundert auf ihre cxaltirte Freundin und wollte eben mit einem nüchternen Trosteswort dazwischen fahren, da polterte Jemand die Treppe herauf, die Thür wurde heftig aufgerissen und der kleine Protokollführer stürzte herein. Er zog hastig die von der Stubcnwärme angelaufene Brille von der Nase und gewahrte nun erst seine Braut und ihre Freundin. „Was ist Dir?" — fragte die Nähterin erschrocken und umarmte den Geliebte« zärtlich. „Nichts, ich muß nur Athem holen, die zwei Treppen — wir wohnen einmal Parterre — eigentlich hab' ich der Marianne etwas zu sagen," setzte er flüsternd hinzu, „Soll er schon heut?"- fragte diese leise zurück. „Gott bewahre! Denke Dir — er ist unschuldig!" „Nicht möglich!" „Gewiß, nur vorsichtig!" Marianne war bei dem Kommen des Protokollführers aufgestanden und hatte sich erschöpft in eine Ecke des alten gebrechlichen Sophas geworfen. Der Protokollführer ging jetzt freundlich auf sie zu und sagte: „Marianne, seien Sie nicht mehr traurig, der Himmel kann noch Alles zum Besten lenken." Sie schüttelte den Kopf: „Ich sehe keine Hilfe." „Und Ihr Licblingsspruch" — er kannte ihn durch die öfteren Besuche bei seiner Braut und sprach ihn jetzt mit tiefem Gefühl: „Er sijzt dort hoch in stiller Einsamkeit, Und sinnt aus unser Wohl, Den großen Schooß von Wohlthat weit und breit Und beide Hände voll." (Fortsetzung folgt.) Jesuiten und Luther. (Gegen zwei Zeitungslügen.) Die „N. Fr. Presse" hat in der Nummer vom 13. Novemb. v. I. folgende Behauptungen aufgestellt, welche seitdem von allen fortschrittlichen Blättern colportirt werden.- 1) Der Jesuit Mariana habe mit Bewilligung seiner Obern den Königsmord vertheidiget; 2) Die Reformatoren des 16. Jahrhnndertes hätten dagegen Gehorsam gegen die von Gott gesetzte Obrigkeit gcprediget. Das erste ist eine Lüge. Zum Beweise dessen citiren wir aus einem kürzlich erschienenen Buche*) folgende Stelle: „Die Lehre vom Tyranenmord gesteht der Bevölkerung, in gewissen Fällen das Recht zu, sich aus dem Joche eines Regenten, der seine Macht mißbraucht, durch Gewalt zu befreien, ja auch ihn zu tödten. Diese Lehre existirte lange, bevor es Jesuiten gab, und fand an den meisten Universitäten ihre Vertreter. Zu ihren Anhängern gehörten *- Die Jesuiten. Frei nach dem Französischen des I. D'Arsac. Wien bei Sartorie, 1LS7 ' S. 39 und 40. . manche berühmte Name». Die Gesellschaft Jesu hatte von ihrer Gründung, in der ersten Hälfte des XVI. Jahrhunderts, bis auf unsere Zeit mehr als vierzigtausend Mitglieder. Aus dieser Zahl stimmten der erwähnten Lehre nur einige wenige, und auch diese nur insofern bei, daß sie die Behauptungen früherer, berühmter Lehrer einfach anführten. Ein Einziger ging weiter als die Uebrigen. Es war dies der spanische Jesuit Mariana, ein Mann von großer Gelehrsamkeit und feurigem Temperament. Er wurde berufen, die Erziehung des Jufanten von Spanien, Philipps ll. Sohn zu leiten, verstand sich aber nicht auf die Kunst, den Großen zu schmeicheln, sondern erzog den Prinzen in aller Strenge. Für diesen verfaßte er am Hofe des absolutesten Monarchen von Europa sein berühmtes Buch 1)6 K6A6 6t litZpsis in8titut!on6. Dieses Buch, das mit Erlaubniß des Königs, der die Widmung desselben annahm, und mit Genehmigung der Inquisition im Jahre 1599 zu Toledo erschien, enthält eine Hinweisung auf das angebliche Recht des Volkes. Darum wurde es gleich nach seinem Erscheinen durch die Jesuiten selbst ihrem General, Pater Claudius Aquaviva angezeigt und von ihm in den schärfsten Ausdrücken mißbilligt. Am 6. Juli 1610 erließ Aquaviva ein Dekret, in welchem er unter der kündenden Kraft des heiligen Gehorsams und bei den schärfsten Strafen verbot, daß irgend ein Mitglied der Gesellschaft es sich beikommen lasse, zu behaupten, sei es öffentlich oder im Geheimen, sei es als Rathschlag, sei es als Lehre, und noch viel weniger durch Herausgabe irgend eines Buches, daß es wann immer gestattet sei, unter irgend welchem Vorwaudc der Tyrannei, Könige oder Fürsten zu tödten,oder an ihre Person Hand anzulegen. Im Jahre 1614 verbot derselbe OrdeuSgcneral den Ordens - Provinziellen, den Druck irgend eines Buches zu gestatten, in welchem vorn Tyrannenmord oder von der päpstlichen Macht über die weltlichen Angelegenheiten der Monarchen die Rede sei." Wir fügen diesem Citate nichts weiter bei. ES zeigt wie es hier steht, um die obige Lüge zu constatircn. Die zweite obenstehendc Behauptung ist nicht absolut und durchgängig wahr. Statt vieler Beweise genügt es, auf Luthers Behauptung zu verweisen, daß die Fürsten Räuber seien, und je größer der Fürst, desto größer sei der Räuber, (lchii.M ml !>pal. vom 15. August 1521. — kriiioipvm 6886, 6l no» uüquu piirt6 iatiouom 6886, uut non, rillt vix P 088 ll)il 6 68t, 6vqu6 mujoreiu, c;uu Iilgjur I'i'ill66p8 liioriG, ist sein Ausdruck.) Wer übrigens über dieses Thema, in welchem die Bauernkriege eine große Rolle spielten, mehr noch lesen will, dem empfehlen wir das kleine Büchlein „Astrologie und Reformation" von Dr. Johann Friedrich. München, Rieger'sche Buchhandlung 1864, woselbst die oben citirte Stelle S. 130 zu finden ist. Wir sehen demnach hier, wie von Jesuitenfresscrn die Lüge als Mittel zum Zwecke gebraucht wird, und das sind dieselben Leute, welche sagen, Grundsatz des Ordens der Gesellschaft Jesu sei: „Der Zweck heiligt die Mittel." (Aus der Wiener K. Z. Nr. 47 v. I.) Eierhan d el England bezicht aus Frankreich, minder aus Belgien und Holland, kolossale Massen von frischen Hühnereiern. Es gibt in Frankreich Exportgeschäfte, welche Tag für Tag Hunderte von Menschen nur mit Prüfung und Verpackung der Eier beschäftigen. In den ersten fünf Monaten vorigen Jahres sind in England 196 Millionen Stück Eier eingeführt worden, davon im Monat Mai allein 56 Millionen Stück. Seit 1861 nimmt die Eiercinfuhr immer größere Dimensionen an. Da der Eicrexport äußerst lukrativ ist, trotz den enormen Verlusten durch Ausfall der schlechten, bebrüictcn Eier, die kein gewissenhafter Händler verwendet, so har man auch schon rvr Jahren in Deutschland wiederholte Versuche gemacht, einen Theil davon in die Hand zu bekommen; dieselben 46 scheiterten jedoch an der damaligen Unmöglichkeit, größere Massen davon rasch und ohne zu große Erschütterung zusammen zu bekommen. So hat z. B. der Erfinder des bekannten Branntweinbrennerei-Dampfapparats, Schwarz, vor etlichen dreißig Jahren schon einmal mehrere Schiffsladungen voll Eier aus Mitteldeutschland nach England abgehen lassen; allein dieselben waren verdorben, wurden nicht angenommen, kamen zurück und konnten nur zur Düngung der Felder verwendet werden, welche freilich eine so kostspielige Zufuhr noch niemals erhalten hatten. — Inzwischen ist durch mehrfache Versuche bewiesen, daß nicht allein ganz Deutschland, sondern sogar Ungarn, die Donaufürstcnthümcr, ja, das gesammte Europa, so weit Eisenbahnen und Dampfschiffe reichen, sich recht gut an dem Eierhandel nach England bethciligcn kann. Es ist jetzt erwiesen, daß frische Eier bei guter Verpackung und Behandlung aus den entlegensten Gegenden vollkommen gut und schmackhaft nach England gelangen. Ein intelligenter Unternehmer in Leipzig hat dies durch beharrlich erworbene Erfahrung vollkommen festgestellt. Derselbe fing den Eicrhandcl aus der Mitte Deutschlands nach Großbritannien versuchsweise an; er entsprach so gut, daß der Mann sich nach erweiterten Licfcrungs - Bezirken umsehen mußte; im Herbst vergangenen Jahres bereiste er zu diesem Endzweck Bayern, Böhmen, ganz Oesterreich, Ungarn bis in's Banat und Slavonien; überall instruirtc er sich über den Stand der Hühnerzucht, schloß Lieferungs-Verträge ab, und ist gegenwärtig in der Lage über Millionen von Eiern zu disponiren. Versuchsweise wurden zunächst 600 Kisten Eier aus Ungarn bezogen; dieselben waren in drei Tagen in Leipzig, binnen sieben Tagen auf dem Londoner Markt; sie erwiesen sich so trefflich, ohne Ausnahme, daß dem Unternehmer aus London, Birmingham, Manchester Liefcrungs-Anträge zugingen und er recht gut eine Million Eier wöchentlich placiren könnte, wenn seine Verhältnisse dies erlaubten. — Unter den zahlreichen Stoffen und Methoden, -welche schon zur längeren Aufbewahrung der Eier vorgeschlagen worden sind, ist dem gedachten Unternehmer am vortheilhaftcsten und Praktischsten erschienen die Anwendung von Ocl und zwar von gutem, reinem Baumöl. (Andere Oele, wie z. B. Mohnöl, Rüböl aus geschältem Samen u. s. w. dürften sich gleichfalls eignen, doch ist zu warnen vor den mit Schwefelsäure gereinigten Oelcu). Damit werden die Eier eingenebelt, so daß die Poren ihrer Schale sich mit Oel schließen und der Luft den Zutritt in das Innere des Eies ziemlich lange Zeit wehren. Das Einrciben muß sorgfältig und behutsam geschehen: die Person, welche es vornimmt, hat einen weichen Filz vor sich liegen, der nicht allein jeden abfallenden Tropfen aufnimmt, sondern auch ein der Hand entschlüpftes Ei vor dem Zerbrechen bewahrt. (Sobald es aber einen Sprung bekommen hat, ist es untauglich für die Versendung.) Durch ein ganz einfaches Verfahren wird das verschüttete Oel aus der Filz- Vorlage mittelst Schwefelkohlenstoff wieder gewönne« und kann dann von Neuem benutzt werden. Es geht auf diese Art so wenig verloren, und die Arbeit so rasch von statten, daß der Kostenbetrag für 280 Stück Eier (nach längerer Erfahrung) sich auf nicht mehr als 6 Pfennige belauft. Eine fleißige Arbeiterin kann ün Tage ungefähr 3000 Stück Eier sorgfältig ölen. (Am schnellsten und sichersten geht das Einölen der Eier, wenn die Arbeiterinnen, denen das Geschäft besser zukommt, als Männern, sich der ledernen Glacehandschuhe nüt abgeschnittenen Fingerspitzen bedienen, deren Handfläche mit einem Stücke weichen Flanell benäht sind; dies wird mäßig mit Oel getränkt und das Ei zwischen den Händeu ein paar Mal rasch umgericben. Es erlangt sich bald eine große Fertigkeit bei diesem Geschäft.) Man könnte auch die Eier mit Speck einrciben, wie von vielen Hausfrauen bekanntlich geschieht; allein solche sind in England unverkäuflich, da sie einen Geruch annehmen, was beim Baumöl nicht der Fall ist. Die Verpackung der Eier geschieht auf keine Weise billiger und vortheilhafter, — als in Kisten mit Spreu. Am geeignetsten ist dazu die Spreu des Spelz, der in Süddeutschland und den Donauländern im Großen angebaut wird. Die Kisten müssen hinreichend stark sein, damit ihre Wände einem Druck nicht nachgeben, wie die Zuckcrkisten, Citroncnkistcn u. s. w. Die früher oft gehegte Befürchtung, daß durch das Rütteln auf den Eisenbahnen die Eier in ihrer Theilung in Eiweiß und Dotter gestört oder in der Haltbarkeit beeinträchtigt werden könnten, hat sich nicht bestätigt. Bei Eiern, welche zum Ausbrüten bestimmt sind, scheint dagegen allerdings ein schädlicher Einfluß des Transports Platz greifen zu können, jedoch keineswegs immer, da Fälle bekannt sind, in welchen Bruteier ohne weitere Vorsichts- Maßregeln auf größere Entfernungen hin verfahren, sich doch noch vollkommen entwicklungsfähig gezeigt haben. Angebrütete Eier eignen sich nicht zum Versandt, — denn sie sind durchaus nicht haltbar; daher müssen sämmtliche Eier vor der Verpackung genau besichtigt werden. Man kann dies thun gegen die Sonne, z. B. im verdunkelten Gemach, dessen Fensterladen einen eierförmigcn Ausschnitt enthält, mit der Hand vor einem Licht u. s. w,, am sichersten aber geschieht diese Arbeit vor einer Gas-Stichflamme mit dem Eiergucker oder Ooskop. Derselbe ist ein Kasten nach Art der Stereoskopenbehälter, der eine 'kleine dunkle Kammer bildet, in die das Ei so gefügt wird, daß gegen die Stichflamme gehalten, darin der kleine dunkle Kern, welcher die begonnene Entwicklung der Embryo anzeigt, ganz deutlich erscheint. Eier, welche ihn sehen lasten, werden bei Seite geworfen. Sie lassen sich noch zur Gewinnung von Albumin, auch von Eieröl verwenden; wo schon die Entwicklung weiter vorgeschritten ist, bleibt nur noch die Benu- zung mit Kalk zu Dünger nach dem Mostclmann'schcn Verfahren übrig. Das bedrängte Reh. Es schweigt der Bach, von Frost zu Eis erstarrt. Die Ficht' im Wald, von Reif beladen, knarrt. Ein trüber Himmel senkt sich auf die Flur, Sie zeigt im Schnee der Wölfe leichte Spur. Da springt ein Rchlein aus dem Wald heraus, Stutzt bangen Blick's und flieht zum Jägerhaus: Der Wölfe Hnngerheulen traf sein Ohr. „O Jäger, laß' in Ruh dein Feuerrohr! Unedel, gäbst du jetzt dem stech den Tod, Wo es vertrauend zu dir flieht in Noth. Schließ' auf die Thür und laß' es zu dir ein, O woll' ihm Schützer und Erhalter sein! — Und wenn auf dich, was Gott verhüten mag. Sich drohend niedersinkt ein schwerer Tag, Wenn dir des Lebens Bach in Gram erstarrt, Wenn gierig dein des Unglücks Währwolf harrt, Wenn dir schon nah' sein Wuthgchenl ertönt, Wenn du ein Flüchtling, der in Drangsal stöhnt. Und keines Freundes Hilfe dir erscheint: Dann biete mitleidsvoll dein cig'ncr Feind, So wie du jetzt dem armen Reh gethan. Dir seines Hauses Schutz und Labung an!" M i s c e l l e ii. (Ein höflicher Richter.) Ein Richter im Westen Amerikas, der seiner Höflichkeit wegen berühmt und populär ist und sich auf jede Weise bemüht, diese Popularität sich zu erhalten, hatte kürzlich einem Vcrurthciitcn sein Todesurtheil zu verkündigen und entledigte sich seiner Pflicht in folgender Weise: „Gefangener, Herr D., darf ich Sie bitten, sich zu erheben? (Es ist eine Formalität, welche das Gesetz vorschreibt; sonst 48 würde ich Sie nicht bemühen.) Sie sind eines Verbrechens angeklagt, welches, glaube ich, ohne jedoch irgend welche persönliche Meinung dabei geltend machen zu wollen, auf Mord lautete, und von einer Jury Ihrer LandSleute zu meinem großen Bedauern schuldig befunden worden. Ich habe Ihnen deßhalb leider, indem ich nochmals meine persönlichen Gefühle rescrvire, anzukündigen, daß Sie am Halse aufgehängt werden sollen, bis Sie todt — todt -— todt sind. — Bitte, setzen Sie sich und erlauben Sie mir nur noch die Frage, — um welche Zeit es Ihnen am besten passen würde, — sich hängen zu lassen?" (Vorrath des Elfenbeins.) Wenn, wie man behauptet, die Elephanten wegen der unaufhörlichen Verfolgungen, denen sie ausgesetzt find, bald von der Erde verschwinden müssen, so wird es doch deshalb an Elfenbein nicht fehlen. Die Entdeckungen englischer und russischer Seefahrer in den Polarregionen haben es außer Zweifel gesetzt, daß fast unerschöpfliche Lager von Mammuth - Zähnen dort im Schooße der Erde liegen, deren Ursprung sich nur dadurch erklären läßt, daß die an sich in Hcerdcn zusammenlebenden Thiere durch die drohenden Anzeichen einer Erdrcvolution zu größeren Massen zusammengetrieben und dann von der Katastrophe begraben worden. Ncu-Sibiricn allein liefert jährlich gegen 40,000 Pfund von diesem fossilen Elfenbein in den Handel, während die Eingeborenen selbst zur Anfertigung von Uteusilien, Waffen, Jagdgeräthschastcn rc. große Quantitäten davon verwenden. 2 In einer Privatsammlung zu Donauwörth befindet sich eine Denkmünze mit dem Brustbild des Königs Friedrich von Preußen kriävrions >wi'U88orum rex, »ud der Jahreszahl 1759 auf der Vorderseite — und nachfolgender Inschrift auf der Rückseite: nllrnboi-A unck krunlikuit rvill iai>8 ckunkan lla^reutl: unck rm8biiok rvill icl>8 8olionIeen ligmbni-A unck rvürxdm-A rvill ia!>8 rvoi8nn ckn8 ieli bin ckar kneniA in prou88cn. (Alles im Verhältniß.) Ein Soldat wurde bei einem Bauer einquartiert. Um sich gehörigen Respekt zu verschaffen, zog er beim Essen seinen Säbel und legte ihn quer über den Tisch. Der Bauer, ohne das geringste Erstaunen an den Tag zu legen, stand auf, ging in die Scheune, holte die Heugabel und legte sie zum Säbel. Verwundert fragte der Soldat, was das zu bedeuten habe? „Zu einen: großen Messer gehört eine große Gabel," sagte der Bauer ganz trocken. (Was kann man durch Dummheit werden.) Ein Herr, der den Bedienten in seinem Armsessel schlafend fand, weckte ihn mit den Worten: „He, er bildet sich Wohl gar ein, er sei hier der Herr! Dumm genug ist er wahrlich dazu!" Druck, Verlag und Redaction des Literarischcn Instituts von llr. M. Hntllcr.