N,-o. 7. 14. Februar 1869. Augsburgee 4 - Nasse Augen sind allmächtig über stummen Lippen. Diekgütige Natur nimmt der gelähmten Zunge des Bedrängten die Krankengeschichte seines gepeinigten Herzens ab, und erzählt sie uns mit einer einzigen Thräne. I. P. Fr. Richter. Gerächt und gerichtet. (Fortsetzung.) Ihr Auge suchte den Himmel, der über den Dächern in reiner Bläue lag Die Sonne glänzte so rein und golden, ein Vogel stieß im Vorübcrfliegen einige Jubeltöne aus, aber ihr starrer Blick konnte heut' nicht mehr ein Vater-Auge finden, das liebend über seiner Welt ruht, sie seufzte tief — und ein Thräncnstrom machte ihrem gepreßten Herzen Luft. „Verzweifeln Sie nicht, wo die Noth am größten, ist die Hilfe am nächsten; das bleibt doch ein altes gutes Wort." „Ich darf nicht mehr hoffen," cutgcgncte Marianne. „Und wenn Sie es dennoch dürften?" Diese mit Betonung gesprochenen Worte machten Marianne aufmerksam, ein Strahl von Freude glitt über ihr Gesicht, um eben so schnell zu verschwinden; es war ja unmöglich, wo sollte jetzt noch Rettung herkommen! „Sie dürfen hoffen," wiederholte der Protokollführer, „es sind Sachen an das Licht getreten, die für Georg sehr günstig, vielleicht sogar — " „Sagen Sie das nicht," unterbrach ihn Marianne, „ich lasse mich nicht täuschen, Ihre Gerichte sind schrecklich, — wen sie einmal erfaßt, den machen sie schuldig, der ist verloren." „Hm, mein alter Iustizrath ist boshaft und eigensinnig, so sind sie nicht Alle, es gibt noch viel rechtschaffene Juristen, die die Unschuld au das Licht ziehen." „Was hilft das dem Georg? Man glaubt mir picht, daß er kein Mörder." „Ich glaub' es, noch mehr, ich weiß es, — Georg ist wirklich unschuldig!" — Marianne lachte wild auf, sie nahm es für Spott, er, der ihr stets airtz den Akten Georgs Schuld überzeugend nachgewiesen, sprach jetzt von seiner Unschuld. „Das hab' ich nicht verdient, Herr Meyer," sagte sie vorwurfsvoll, „ich will lieber ertragen, daß Sie mir alle Protokolle mittheilen, als diesen Scherz." „So höre doch!" mischte sich die Nähterin in's Gespräch und warf sich mit weinenden Augen an die Brust der Freundin. „Georg ist wirklich unschuldig, er wird frei." „Frei!" jauchzte Marianne und die Bauerndirne, die so lange in engen Banden eingeschnürt worden, machte sich Luft. In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür -— „Georg!" — „Marianne!" — und zwei glückliche Sterbliche hielten sich jubelnd umschlungen. Der Protokollführer zog seine Geliebte zu sich hin, welche einen Strom von Freu- denthränen vergoß und sagte ermahnend: „Warum weinst Du denn? das ist ja ein unendliches Glück!" aber in demselben Augenblick mußte er auch schon das Taschentuch hervorziehen und sich die Augen trocknen. „Dummes Zeug! zu weinen!" fuhr der gute Mensch fort und konnte sich der Thränen nicht enthalten. Während die beiden Zuschauer 50 vor freudiger Rührung in Thränen zerstoßen, kam in die Augen der beiden Glücklichen, die ein so tief erschütternd Wiedersehen feierten, kein feuchter Tropfen. Mariannens Wangen waren mit Purpur übergössen, alles Leid, alle blasse Sorge schien mit einem einzigen Hauch hinweggcweht, ihre Brust war stark genug, den hohm Wellenschlag des Glückes zu ertragen. Wie viel hatten sich die Beiden zu erzählen; welche Veränderungen in ihren Schicksalen waren geschehen. Georg fragte erstaunt, „was Marianne hier treibe, und wie sie in die Stadt gekommen?" Sie crröthetc und wollte mit der Sprache nicht heraus. „Mein Vater ist so launenhaft, ich konnte es nicht mehr bei ihm aushalten," — stotterte sie hervor. „Nein, glauben Sie das nicht," eiferte sogleich die zukünftige Frau Protokollführerin, „die arme Marianne wollte —" „O, schweige doch still," bat Marianne. „Ich muß es ihm sagen, wie lieb Du ihn gehabt, — damit er's einsieht und nicht vergißt." „Was ist denn geschehen?" fragte Georg. „Marianne wollte Sie retten," erklärte der Protokollführer. „Ihr Alibi nachweisen und hat das bekannt, was Sie verschwiegen, darüber zürnt noch ihr Vater." „Marianne!" rief der fange Mann mit tiefster Bewegung und drückte das treue Mädchen in überquellender Empfindung noch einmal an seine Brust. „Das hast Du für mich gethan? Du treues, liebes Herz!" „Und hast Du nicht mehr gelitten, um meinetwillen," cntgcgnete jetzt Marianne unter Thränen lächelnd, „hättest Du nicht geschwiegen, hättest Du bald gesagt, daß —" „Und Dir diese Schande gemacht? Was sollten die Leute von Dir denken, daß gerade an diesem Abend! —" „Und Du selbst, Georg; aber meine Angst um Dich war so groß und ich wußte, daß Du mich nicht für schlecht halten würdest — hätt' ich wissen können, welch' Unglück ich damit herbeigeführt, und ich wollte . lies nur zum Guten lenken und zum Glück." „Ja, ja, wir dürfen eben nicht lenken, da geschieht am meisten etwas Schlimmes," bemerkte der Protokollführer. Nachdem die Freude des ersten Wiedersehens verrauscht, gewahrten Beide erst, welche Veränderungen mit ihnen vorgegangen. Marianne war weißer, blasser geworden, Gram und Sorge halten jetzt ihre Furchen in das einst so blühende Gesicht gezogen und damit den Zauber der Jugend abgestreift. Sie erschien um zehn Jahre gealtert. Bei Georg hatten jene schweren Tage noch tiefere Verheerungen hervorgebracht; er sah aus, wie ein aus dem Grabe Erstandener, und wohl war es ein Grab, aus dem man ihn hervorgerufen. Wo war die jugendliche Erscheinung hin, die voll Leben und Gesundheit gestrotzt! Marianne schloß eine welke, zusammengebrochene Greiscngestalt in ihre Arme, und doch — wie ruhten ihre Blicke mit unendlicher Liebe auf dem armen Dulder, dessen eingefallene Wangen und weiß gewordenen Haare von einer Ewigkeit voll Qual und Schmerz erzählten. Sie gingen Beide mit verschlungenen Armen in dem kleinen Stübchxn auf und ab, während das Brautpaar sich leise entfernte, um ihnen einen ungestörten Augenblick zu gönneu. Beim Zurückwandern warf Georg einen Blick in den Fenster- spiegel und blieb plötzlich stehen, er hatte das Gesicht eines Fremden zu sehen gemeint, so völlig unbekannt war ihm das Antlitz, das ihm dort entgegentrat. Marianne wollte ihn vom Spiegel wegziehen, er lachte bitter; „ich muß doch sehen, wer der Mann ist, der Dich am Arme führt." Und nun trat er dicht vor den Spiegel, und seine Augen gruben sich tief in das erschreckende Abbild, das ihm das rücksichtslose Glas cntgegen- warf. Er schauderte vor sich selbst zurück, als er in diese hohlen, halb erstorbenen Augen blickte, auf dies entstellte Antlitz, das ihm wie ein Todtcnschädel entgcgengrinste. Wie mit einem Schlage stiegen die alten Wuth- und Haßgedanken gegen seinen Peiniger 51 herauf, sein Gesicht verzerrte sich in wildem Grimm, er ballte die Fäuste und rief drohend: „Warte, Elender, ich bin jetzt frei!" Marianne suchte ihn zu trösten, zu beruhigen. „Du wirst wieder gesund und frisch aussehen," sagte sie schmeichelnd, „guck', ich bin auch recht alt und häßlich geworden, wir haben uns nichts vorzuwerfen." „O, es ist nicht darum; aber wenn ich dort in den Spiegel sehe, dann lcs' ich erst, was in meinem Gesicht geschrieben, was noch deutlicher hier steht," er zeigte auf seine Brust. — „Du mußt nicht mehr daran denken," meinte Marianne. „Nicht daran denken?" fragte Georg bitter zurück. „Er hat mich zertreten wie einen Wurm, ich habe nichts gekonnt, als mich ohnmächtig krümmen und ich hab' nur nach Freiheit gelechzt, um —" er hielt erschrocken innc: Marianne blickte ihn forschend an, er scklug seine rachefunkelnden Augen zu Boden und starrte vor sich hin. „Sei auf Niemand böse, Georg!" beschwichtigte Marianne, „auf Niemand — liebet Eure Feinde, steht in der Schrift und wenn er uns durch seine Härte wehe gethan, so —" „Soll er es büßen," unterbrach sie Georg und stieß ein wildes Lachen aus. „Ich erkenne Dich nickt wieder," begann Marianne von Neuem. „Hab' ich mich denn selbst wieder erkannt?" fragte Georg, „ist denn die Fratze, die ich gesehen, mein Gesicht? — Ist nicht aller Frieden, alle Ruhe aus meiner Brust heraus?" Er ging hastig allein in der Stube auf und ab. „Hat Dich mein Buch nicht getröstet, das ich Dir geschickt?" fragte Marianne, ihn auf andere Gedanken zu bringen. „Ja, das Buch, Du hast recht —- Aug' um Auge, Zahn um Zahn," murmelte er vor sich hin und ohne sich von Mariannens Liebkosungen aufhalten zu lassen, stürmte er hinaus. Marianne sah ihm lange nach, ihr war Alles wie ein Traum. . . . Vl. Die Freisprechung Gcorg's konnte Niemand unangenehmer berühren, als den Justiz- Rath. Er hatte so lauge, so scharfsinnig rücksichtslos inguirirt und sich nun dennoch vergriffen. Das war ein Stachel, der sich tief verwundend in seine ehrgeizige Juristcn- scelc drückte. Und wenn man seine Härte, ja seine elende Grausamkeit an das Licht zog, wenn man höheren Ortes die Untersuchungsaktcn einforderte und daraus seine Voreingenommenheit, sein blindes Zutappcn ersah, konnte das nicht böse Folgen für ihn haben? Doch der Justizrath war kein Mann, der sich von solchen Dingen einschüchtern ließ, er hatte sich schon durch manche Diszipliuar - Untersuchung glücklich hindurchgcwunden und dieser Fall war dagegen unbedeutend. Pah, ein Baucrnjunge, ob dessen dickes Fell mehr oder weniger durchgegerbt worden, was verschlug das? Aber die ganze Stadt war von Unmuth erfüllt über das bekannt gewordene Verfahren des Justizraths; man begann, sich für den unschuldig Angeklagten zu intercssircu, Sammlungen wurden veranstaltet, um den Unglücklichen für seine schwere Leidenszcit in Etwas zu entschädigen, ja der Assessor erbot sich, ein Bittgesuch an den Landcshcrrn zu fertigen, damit dem Armen irgend eine öffentliche Ehrenrettung würde. Georg schlug Alles aus und entzog sich den eben so herzlichen, wie theiluchmendcn Beweisen des Mitgefühls völlig. Er blieb in aller Stille bei dem gutmüthigen Protokollführer, der ihm sein kleines Stübchcn als Asyl angeboten. Man erfuhr jetzt erst die schonungslose Behandlung des Angeklagten, wie er nur aus Verzweiflung ein Schuld-Bekenntniß abgelegt, und man vcrurthciltc dafür den Justizrath um so härter. Jeder wußte von ihm einen schlechten Zug anzuführen, Alle waren darin einig, daß der Mann durch diese Brutalität von seinem Posten kommen müsse und seine besten Freunde, mit denen er manche Flasche ausgestochcn, manchen „Robbcr" gemacht, brachen über ihn, wie das ja immer geschieht, am schonungslosesten den Stab. 52 Dieses Brausen des allgemeinen Unwillens gewahrte der Justizrath bald, und es mußte wenigstens in seinen Hauptströmungen besänftigt werden. Der alte praktische Jurist verzog sein dürres, ausgelebtes Gesicht in höhnische Falten, ging mit hastigen Schritten im Zimmer auf und ab, rieb sich dann, als ob ihm ein Einfall gekommen, vergnügt die Hände, und murmelte vor sich hin: „Es wird freilich etwas kosten, es muß diesmal etwas Ausgesuchtes sein, Trüffeln — Gänsclcber — Tokayer — aber dann bin ich ^ wieder das alte Justizräthchen, kein Menschenfresser, kein Kannibale mehr — wie mich schon die Dienstmädchen am Röhrtrogc heißen — sie schütteln mir wieder die Hände, die > alten Freunde, und wenn erst der Champagner anrückt, dann sagt doch Jeder, daß ich ein guter Kerl und noch viel zu human und christlich gehandelt. — Meine armen Trüffeln, meine Weine!" jammerte er und nahm mit bedenklicher Miene eine Prise; verd— Geschichte das, aber es muß sein!" (Schluß folgt.) Allerlei Lichter. Das ärmste alte Mütterchen, welches am Christabend tiefer als sonst in die Tasche gegriffen, um ein Paar Wachskcrzchcn für den Wcihnachtsbaum ihres armen verwaisten Enkels und um einige Kreuzer Petroleum für ihre Lampe zu kaufen, sie ahnt es wohl nicht, wenn sie mit dem glücklichen Kinde einen Häring mit Kartoffeln verspeist, um am Weihnachtsabend auch Fisch gegessen zu haben, daß sie der antike Schlemmer Lucullus, wenn er zufällig in ihre Kammer getreten, sehr beneidet haben würde, nicht um den halben Häring, wohl aber um die glänzende Beleuchtung ihrer Abendtafcl. — Im klassischen Alterthum bewegte sich der Fortschritt auf der kurzen Bahn von der Kicnfackcl bis zur Oellampe, welche von Pcriklcs bis Ludwig .XV., wo die Reflektorlampen eingeführt worden, im Wesentlichen unverändert blieb. Das französische Königthum lag bereits in den letzten Zügen', als Ärgand 1798, angeregt durch die hellen Flammen eines brennenden Bauernhofes, zur Construktion seiner neuen Lampe veranlaßt wurde. Lange V wollte das Experiment nicht glücken, bis ihn endlich ein Zufall den richtigen Weg finden ließ. — „Mein Bruder," erzählte der jüngere Bruder Argand's, „hatte lange Zeit Versuche angestellt, um seine Lampe zu Stande zu bringen. Nun lag am Weihnachtsabend auf dem Kamintisch ein abgebrochener Hals einer Weinflasche. Nachdem ich zufällig Hinübergriff und ihn über die kreisförmige Flamme der Lampe stellte, erhob sich augenblicklich die Flamme mit Glanz. Mein Bruder sprang voll Entzücken von seinem Sitze auf, stürzte freudig auf mich zu und umarmte mich feurig." Seit Argand drängen sich die Erfindungen in der Construktion von Oellampen, um schließlich, nachdem Carcel den glücklichen Gedanken hatte, das Oel-Reservoir in den Lampenfuß zu verlegen, in unserer heutigen Moderateur-Lampe zu gipfeln. Weit später, als die Lampen, sind die Kerzen aufgetaucht. Unschlittkerzen mit Baumwolldocht kommen erst im 15tcn Jahrhundert vor. Gegossene Kerzen kennt man erst seit Anfang unseres Jahrhunderts, Stearinkerzen erst seit kaum 40 Jahren. Chevrcuil lehrt im Jahre 1823 den schmierigen Talg in feste und flüssige Fettsäuren zu zerlegen, und die festen Fettsäuren nach Verscifung der flüssigen auszuscheiden. 1825 wurde von Cambacüres der geflochtene Baumwolldocht, welcher das Putzen der Flamme überflüssig machte, erfunden, und also war die Grundlage zur heutigen Stearinkerzen - Fabrikation gewonnen. — Aber es dauerte noch bis nach der Juli- Revolution, bevor dieser neue Industrie-Zweig Wurzel fassen konnte. Erst ein Kammer- herr Carls X., de Millh, ein Mann von den vielseitigsten Kenntnissen, der durch den Sturz dieses Bourbonen-Königs sich aller Subsistcnzmittel beraubt sah, — versuchte die fabrikmäßige Erzeugung der Stearinkerzen, und erst diesem genialen Manne gelang es, die Stearinkerzen zum Range eines Handelsartikels zu erheben. Sechs Jahre später, im Jahre 1837, gründete dann sein Bruder die erste Stearinkerzen - Fabrik in Wien, nach » - . 53 welchem wir heute noch diese Kerzen Millykcrzcn nennen. Aber mit der Vervollkommnung der Lampe und der Kerze schließt die Geschichte der Beleuchtung nicht ab, sondern nun erst drängen sich die Entdeckungen von neuen Belcnchtungsstosscn und neuen Methoden, sie zu verbrennen, von der Gasbeleuchtung bis zur Phöbnslampe. Als neue Bclcuch- tungsstofsc treten auf das Rüböl, dann die ganze Reihe der Leuchtstoffe, welche durch Rektifikation der Thceröle gewonnen werden, und je nach ihrer Beschaffenheit unter dem Namen Photogen, Mineralöl, Hydrocarbur, Schicfcröl, Solaröl u. s. w. in den Handel kommen, ferner daS diesen Oelcn verwandte Petroleum oder Erdöl, dann zur Kerzen- Erzeugung Palmöl, Wallrath, ein eigenthümlicher Fettstoff, der auS dem Potlfisch und anderen Fischen des südlichen Weltmeeres gewonnen wird, das Paraffin, welches Neichcn- bach im Jahre 1830 zu Blansko in Mähren bei einer Theer-Destillation entdeckte u. s. w. Aber alle Fortschritte in der Beleuchtung überragt an Großartigkeit und Bedeutung die Erfindung der Gasbeleuchtung. Jahrtausende war sie dem Menschen nahe gelegt, und doch sind es kaum 70 Jahre, seit er sie entdeckte. Bei jeder Beleuchtung findet zuerst eine Erzeugung von Gas aus dem Belcuchtungs-Materielle, Oel, Wachs rc. und dann eine Lichtcntwicklung durch Verbrennung der Gase statt. Auch bei der Oel- und Kerzen- Beleuchtung findet derselbe Vorgang statt. —- Die Flamme, welche das Licht entwickelt, ist zugleich das Feuer, welches den Brennstoff, sei cS nun Oel, Talg, Paraffin rc. in Gas verwandelt; der charakteristische Unterschied zwischen der Oellampcn-, Kerzen- und Gasbeleuchtung ist, daß in der Kerze und Lampe Gaserzeugung und Gasverbrennung in demselben Raume gleichzeitig vor sich gehen, während bei der Gasbeleuchtung die Erzeugung und die Verbrennung des Leuchtgafes zeitlich und räumlich getrennt vor sich gehen kann. — In dieser zeitlichen und räumlichen Trennung liegt das Charakteristische der Gasbeleuchtung, während sie sonst mit jeder anderen BclcuchtungS - Methode ganz identisch ist. — Treffend schildert Knapp diesen Vorgang mit den Worten: „Die Flamme der Lampen und Kerzen ist ein wahrer Mikrokosmus einer Gasbelcuchtungs - Anstalt, deren Rctortenhaus in dem engen Raume eines Dochtcndcs so sicher und geräuschlos arbeitet, daß man ihr Dasein viele Jahrhunderte lang nicht gewahr wurde," und noch anschaulicher drückt der Chemiker Dumas denselben Gedanken aus, indem er sagt: „Hätte man von Anfang au das Gas gehabt, so würde der, welcher die Kerze gemacht, als der geniale Kopf gefeiert worden sein, dem es gelungen ist, den Mechanismus der Gasanstalten in den Raum eines Fingcrhutcs zu conzentrircn." Die Gase der Steinkohle waren wohl lange schon studirt, aber erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts dachte der französische Ingenieur Philipp Lc Ronn in Paris und der englische Ingenieur Murdoch in London an die praktische Verwerthung dieser Studien. — Wilhelm Murdoch war Ingenieur der Minen von Cornwall, wohnte aber in Ncd- ruth. — Er versuchte das Clayton'sche Experiment, Stcinkohlcngas in Schwcinsblascn zu sammeln, und aus daran befestigten Röhren brennen zu lassen. Des Nachts beim Heimreiten bediente er sich dieser Blasen auf dem Pferde statt einer Laterne, und kam so bei dem Landvolk in den Geruch eines Magiers. Im Jahre 1792 gelang es Murdoch endlich, sein eigenes Wohnhaus, und 1803 sogar ein großes Fabrik-Etablissement in Soho mit Gas zu beleuchten. Von diesem Jahre ist die Einführung der Gasbeleuchtung in's praktische Leben zu datircn. Jetzt war aber noch der große Schritt zu thun, die Gasbeleuchtung vom einzelnen Hause auf ganze Städte auszudehnen, und diese Aufgabe löste aber weder Murdoch noch Le Ronn — sondern ein Deutscher (Ocstcrrcicher), NamcnS Winzlcr, der im Jahre 1803 in London unter dem Namen „Winsors" auftauchte, und später sowohl in London wie in Paris die Gasbeleuchtung im Großen zuerst durchführte. — Winzler war nichts weniger als ein Mann der Wissenschaft, aber voll Kenntniß der Welt, einer der genialsten Schwindler seiner Zeit, der in seinem Programme, eine Aktiengesellschaft zur Bildung der ersten GaScompagnie in London, seinen Aktionären auf die Kapitalseinlage von 5 Pfund Sterling eine Dividende von 570 Pfund Sterling, 54 . also ein Erträgniß von nicht weniger als 11,400 Procent zusagte. Im Jahre 1605 hatte Winzler seine erste GaScompagnie auf Aktien gegründet. Anstatt Dividenden zu zahlen, verpuffte Winzler das Akticn-Capital bis auf den letzten Schilling. Nichts desto weniger vermochte Winzler die Aktionäre zu einer bedeutenden Nachzahlung zu bewegen, indem er sie glauben machte, es sei ihm gelungen, das Gas wohlriechend zu machen, und noch mehr derlei. Aber auch die Nachzahlung war bald verschwunden. Und immer und immer wieder gelang es ihm, eine neue Compagnie zu bilden, bis er endlich am 1. Apri 1814 sein Ziel, das heißt nicht das Auszahlen hoher Dividenden, sondern die Einführung der Straßenbeleuchtung in London mit Gas glücklich erreicht hatte. Aber Winzler begnügte sich mit diesem Erfolge nicht, sondern ging schon im Jahre 1815 nach Paris, um auch dort die Straßenbeleuchtung mit GaS einzuführen. — Auch in Paris machte die erste Gascompagnie, — die er mit einem Kapital von 1,200,000 st. gründete, nach kurzer Zeit Bankerott, und erst während der Restauration gelang eö der Gasbeleuchtung, unter Ludwig XVlll. sich zu befestigen. — England hat später für Winzler glänzende Revanche genommen, indem es die Jinpcrial-Continental-Gas-Affociation gründete, durch welche das Gas in den größeren deutschen Städten, wie z. B. 1825 in Berlin, 1845 in Wien eingeführt worden ist. Seither hat man gelernt, Gas auch auS anderen Materialien, wie Steinkohlen, als Holz, Torf rc. zu erzeugen, und das Gas auch zu anderen als Belcuchtungs-Zwccken, wie z. B. zum Heizen, als bewegende Kraft für Motoren u s. w., zu verwenden. Von den zahlreichen anderen Erfindungen auf dem Gebiete der künstlichen Beleuchtung scheinen bis heute nur noch das elektrische und Magnesium - Licht von Bedeutung. Das elektrische Licht als BelcnchtungSmittcl für die praktischen Bedürfnisse des gewöhnlichen Lebens zu benützen, ist bis heute zwar noch nicht gelungen, wohl aber hat man andere Anwendungen davon bereits gemacht, wie ;. B. zur Beleuchtung der Leuchtthürme, des Meeresgrundes bei Tauchcrarbeiten rc. Auch das Magnesium-Licht wird heute noch immer nur für einige besondere Zwecke, namentlich für Zwecke der Photographie verwendet, doch ist cS nicht sehr unwahrscheinlich, daß das Magnesium-Licht noch einstens als der gefährlichste Conkurrcnt des Gaslichtes auftreten wird. Zwar sind die Meinungen über die Zukunft des Magncsium-LichteS heute noch sehr getheilt, aber das war seiner Zeit auch beim Gaslicht der Fall. Einer der ersten Gclehr» ten seiner Zeit, Davy, hielt die Idee, London mit Gas zu beleuchten, für so absurd, daß er fragte, ob man denn die Paulskirche als Gasometer zu verwenden beabsichtige, worauf ihm dann der berühmte Ingenieur Clcgg antwortete: Er hoffe noch den Tag zu erleben, wo die Gasometer in der That nicht viel kleiner sein werden, und ein geachteter Chemiker, Sir Webster, erklärt in seinem Lehrbuche der Chemie noch im Jahre 1811 die Gasbeleuchtung für eine leere Spielerei. Die Sache kam aber doch anders, als sich diese sehr gelehrten Herren dachten, und es kann das leicht auch mit dem Magnesium - Licht der Fall sein, und zwar um so leichter, als die Magnesium-Erze mit zu den am häufigsten vorkommenden Mineralien, welche die feste Rinde unseres Erdballs bilden gehören, wie z. B. im Dolomit 16 Proccnt dieses Metalls enthalten sind. Also an billigem Rohcrze wäre kein Mangel, aber die Ausscheidung dieser Erze, welche heute noch mittels des kostspieligen Natron geschieht, verthcucrt das Metall. Würde man es aber dahin bringen, sagt Dr. Frankland, eine der größten Autoritäten in dieser Frage, das Magnesiumlicht wie Zink, mit dem es so viele analoge Eigenschaften gemein hat, mittelst Holzkohle auszuscheiden, so würde das Magncsiumlicht nicht mehr den vierten Theil des Gaslichtes in London kosten. Diese Entdeckung würde eine Revolution in der Beleuchtung hervorrufen, vielleicht bedeutender noch wie die Gasbeleuchtung. 55 Momento mori! Von Johann Weg mit Lustgesang und Reigen! Bei der Andacht ernstem Schweigen Warnen Todtcnkrünzc hier, Sagt ein Kreuz von Asche dir: Was geboren ist auf Erden, Muß zu Erd' und Asche werden! Vom Altar in die Paläste Dräng' es stch zum Jubelfeste! Mitten unter'm Frcudcnmahl Ruf' es in den Königssaal: WaS den Zepter führt auf Erden Muß zu Erd' und Asche werden! Wo Trophäen sich erheben, Sieger jauchzen, Völker beben. Tön' es aus der Ferne dumpf In den schallenden Triumph: Was den Lorbeer trägt auf Erden Muß zu Erd' und Asche werden! Wie sie ringen, sorgen, suchen, DaS Gefund'ne dann verfluchen; Der umhcrgctricb'ne Geist Felsen thürmt und niederreißt: Was so rastlos strebt auf Erden, Muß zu Erd' und Asche werden! Siehe durch des Tempels Hallen Mann und Greis und Jüngling wallen, Und die Mutter, die entzückt Ihren Säugling an sich drückt; Was da blüht und reift auf Erden, Muß zu Erd' und Asche werden! Wie sie kommen, ach! so kamen Viele Tausend; ihre Namen Sind erloschen, ihr Gebein Decket ein zermalmter Stein: Was geboren ist auf Erden, Muß zu Erd' und Asche werden! Geory Jakob i. Aber von der Welt geschieden, Ohne Freud' und ohne Frieden, Blickt die Treue starr hinab In ein modcrvollcs Grab: WaS so mächtig liebt auf Erden, Soll es Erd' und Asche werden? In den schönsten Roscntagen Füllt die Lüfte banges Klagen, Jammert die verwais'te Braut Einem Schatten angetraut: Liebe kann nicht untergehen; Was vcrwcs't, muß auferstehen! Und das brüderliche Sehnen, Abzuwischen alle Thränen; Was die Hand der Armuth füllt, Haß mit Wohlthun gern vergilt: Ewig kann's nicht untergehen; WaS vcrwcs't, muß auferstehen! Jene, die gen Himmel schauen, Ihrer Hähern Ahnung trauen. Diesem Schattenland entflieh'», Bor dem Unsichtbaren knien: O, die werden auferstehen, Glaube kann nicht untergehen! Die dem Vater aller Seelen Kindlich ihren Geist befehlen, Und vom Erdcnstaubc rein, Der Vollendung schon sich freu'n: Sollten sie, wie Staub, verwehen? Hoffnung muß dem Grab entgehen! Sieh' an schweigenden Altären Todtcnkrünzc sich verklären! Menschenhohcit, Erdcnreiz, Zeichnet dieses Aschenkreuz: Aber Erde wird zur Erde, Daß der Geist verherrlicht werd«! » ! i ! 56 M i s e e l l e n. (Anekdoten vorn König Ludwig I von Bayern.) Noch unter Max Joseph waren zwei Naturforscher auf königliche Kosten nach Brasilien geschickt worden, sollen aber mit reicherer Ausbeute für sich selbst als für den Staat heimgekehrt sein, und zählten also zu den Parasiten des früheren Hofes. Wir wollen sie „Kranz" und „Stunz" nennen. Als König Ludwig den Thron bestiegen, konnte er die Frage freilich nicht niehr gerichtlich untersuchen lasten, da kein Gesetz eine rückwirkende Kraft hat; aber er bereitete sich eine Privatrache vor, die er Jahre lang mit eben so viel Witz als Behagen durchführte. So oft er nämlich „Kranz" begegnete, streckte er ihm beide Hände entgegen und begrüßte ihn: „Lieber Stunz, wie geht'S?" Wenn der verwechselte Angeredete dann sagte: „Eure Majestät, ich bin „Kranz," so erwiederte der König, seine Taubheit vorschützend: „Ja wohl, ich weiß, Sie sind Stunz, Sie sind ein Ehrenmann, lieber Profestor; aber der verfluchte Kranz, der hat den Staat bestohlen, schade, daß ich ihn nicht mehr fasten kann! Adieu, lieber braver Stunz!" Und genau dieselbe Scene der Verwechslung spielte er mit „Stunz," wenn er diesem begegnete, nannte ihn seinen guten ehrlichen Kranz, schimpfte aber um so heilloser über Stunz, dem er eben das Alles — mit der Miene höchster Naivetät — direkt in'S Gesicht sagte. — Einige Tage, nachdem Schelling am 20. August 1854 in der Schweiz verstorben war und das Gerücht hierüber sich in München verbreitete, welcher Hochschule der Philosoph auch noch nach Uebersiedlung nach Berlin angehört hatte, begegnete ein allerdings nicht sehr berühmter Profestor der Malerschule dem damals schon längst pensionirtcn König und sprach ihn mit den Worten an: „Welch' ein Verlust für Münchens Gelehrtenruhm! Wissen Eure Majestät schon von Schelling's Tod?" — „Weiß, lieber A.",— erwiederte der König, „ja, ja, alle bedeutenden Leute sterben mir weg, und nur die Dummköpfe bleiben noch in München! Adieu, lieber A." — Beim Prinzen Adalbert spielten die Hofdamen öfter Privattheater, der Prinz zog aber manchmal auch eine Hosschauspiclerin in'S Spiel, um der Darstellung mehr Sicherheit zu verleihen. So war auch einmal eine der bestberufenen Künstlerinnen zu solcher Aushilfe gebeten morden, und hatte freundlichst zugesagt. Als sie jedoch im Damen-Cercle erschien, legte eine der Damen sofort ihre Rolle nieder, denn sie spiele mit keinem „Theatervolk!" Alles war empört, doch ließ sich nicht sofort gut Etwas erwiedern. Aber der Prinz Adalbert erzählte diesen Affront seinem Vater. Einige Tage darnach sah dieser jene Gräfin auf der Straße gehen. Er lief ihr nach, sie laut beim Namen rufend, und holte sie auch richtig ein, indem er sie laut und lachend ansprach, während alle Fußgänger stehen blieben und zuhörten. „Habe gehört, liebe Gräfin! — Sehr recht gethan! Nicht mit Hofschauspielcrinuen agiren wollen! Man muß auf seine Geburt halten! Ihr Großvater selig war Kutscher bei Napoleon, Sie sind aber Gräfin! Das ja nie vergessen! Kutschcrs-Enkelin darf sich nicht encanaillircn mit Hofschauspielcrin! Adieu, liebe Gräfin!" Als ein Menagerie-Besitzer bei der Fütterung in den Käfig der Hyäne ging, und ihre Zahmheit produzirte, sagte ein Schusterjunge: „Das ist nichts! Aber wenn meine Meisterin in dem Käfig wäre, so würde er sich wohl hüten, hinein zu gehen." „Was haben wir denn heute für einen Tag?" fragte ein armer Sünder den Henker, der ihm eben am Galgen den Strick um den Hals zog. „Montag," sagte der Scharfrichter. „Flickermcnt," meinte der arme Schlucker, „diese Woche fängt aber schlecht an." Ein Schuft ist um so schuftiger Je tugendphraseuduftigcr. Druck, Verlag und Redaction des Lckerarische» Instituts von l>r. M. Huttler.