NrSl 9. 28. Februar 1869. Laß auf dich etwas rechten Eindruck machen, So wirst du schnell den rechten Ausdruck finden; Und kannst du nur den rechten Ausdruck finden, So wirst du schnell den rechten Eindruck machen. Die Entsagenden. Original-Novelle von Hermann Hirschsrld. (Wiederabdruck ist ohne Erlaubniß dcS Verfassers nicht gestattet.) Die Gäste des Baron von Duroy zerstreuten sich, eines der glänzenden Feste, in deren Erfindung der alte Herr Meister war, hatte sein Ende erreicht. Die Eguipagcn der Geladenen rollten die sanfte Anhöhe hernieder, auf der sich das Herrenhaus des Gutes befand, das zum Sommer-Aufenthalt des gastfreien Mannes — der seit einigen Jahren Wittwer war — diente; während er im Winter das Familieuhaus in der nahe gelegenen Residenz bewohnte. Allgemein hielt man den Baron, der aus einer französischen emigrirten Familie stammte, für sehr reich, denn man hatte ihn niemals anders, als wie einen Edelmann leben sehen. Seine Diners und Feste galten als Muster des guten Geschmackes, und seine Börse war für Jeden geöffnet. Unter diesen Umstünden war es kein Wunder, wenn Duroy, der obwohl den Sechzigern nahe, sich die volle Elasticität des Körpers und Geistes bewahrt hatte, sowohl in der Stadt als auch in der Umgegend seines Gutes höchst beliebt erschien, und manche Pläne wurden am häuslichen Heerde der Geld- und Geburts-Aristokratie geschmiedet, als der Zeitpunkt herangerückt war, wo Nudolph, der einzige Sohn und Erbe des Hauses, das Alter erreicht hatte, wo man in höheren Kreisen an eine standesgemäße Verlobung denkt. Bereits begannen sich heimliche Reibereien unter verschiedenen Familien zu entspinnen, hervorgerufen durch die mehr oder weniger bemerkbaren Gunstbezcugungcn, die Baron Nudolph ihren Töchtern erwiesen hatte, als mit dem Tode der Mutter desselben die Sache eine andere Wendung nahm. Die Kunde des plötzlich erfolgten Hinscheidend der Baronin hatte Nudolph aus dem Strudel eines viel besuchten Badeortes gerissen. — Mit Windeseile flog er dem väterlichen Gute zu, aber zu spät — er fand die geliebte' Mutter bereits der Erde entrückt und den Vater in Verzweiflung neben ihrer Bahre. — Und seltsam, von dieser Stunde an war mit Vater und Sohn eine Veränderung vorgegangen. Nicht, daß nach Ablauf des Trauerjahres die Gastlichkeit des Duroy'schen Hauses abgenommen hätte, im Gegentheil bot der alte Herr Alles, was in seinen Kräften stand, auf, den Namen desselben aufrecht zu-erhalten, aber man bemerkte oftmals an Vater und Sohn eine gewisse Zerstreutheit und selbst eine unwillkürliche Traurigkeit, die sie umsonst zu verbergen strebten. Die ritterliche Galanterie, die Nudolph früher zum Liebling aller Mädchen erhoben hatte, war einem ernsten Wesen gewichen, und fast schien es, als ob er sich eine Verachtung des schönen Geschlechts zum Grundsatz gemacht habe. Natürlich, daß Stadt und Land es nicht an Glossen über diese Seltsamkeit fehlen ließen; nur in einem Hause der Residenz, in dem des Gerichts-Dircktors Fleischer, schien 66 man von den Duroy'S absichtlich oder unabsichtlich wenig sprechen zu wollen, unl wagte zufällig Einer oder der Andere den Namen des Barons anzudeuten, so verschloß ihn ein finsterer Blick des Hausherrn oder seiner Nichte gar bald den Mund. Was der Grund dieser seltsamen Abneigung gegen einen Mann war, den die ganze Stadt wohl wollte, konnte Keiner ergründen, denn Fleischer war erst seit wenigen Jahren aus einer entfernten Hauptstadt zu diesem ehrenvollen Posten berufen, und seit dieser Zeit hatte er sich stets von Duroy entfernt gehalten, und dieser hakte — ganz seiner Gewohnheit zuwider, eher seine Nähe vermieden, als eine Annäherung versucht. Auch der Direktor ga't für einen reichen Mann, ganz besonders aber gab ihm die Lcrwaltung des fast eine Million betragenden Vermögens seiner Nichte Angelika Fleischer ein Ansehen, die unvermählt seit langen Jahren elternlos in seinem Hause lebte und die Stelle der Hausfrau vertrat, denn ihr Oheim war nie verheirathct gewesen. Angelika zählte volle sieben und dreißig Jahre, da unsere Erzählung beginnt. — Trotz ihres Vermögens war die Zahl der Bewerber um ihre Hand immer weniger geworden, denn das Gerücht hatte sich verbreitet, daß Angelika eine Männer - Feindin und jeder Gedanke an eine Ehe ihr verhaßt sei. Allein dieß war nicht der Fall. Angelika Fleischer hatte ein zartbesaitetes Herz — „nd das Ideal eines Mannes, wie sie ihn sich als Lebensgefährten darstellte, schwebte seit ihrer Jugendzeit vor ihren Augen. Allein in ihren phantastischen Träumereien, früh sich selber und ihrem angeborenen Hange des in sich Vcrsnnkenseins überlassen, hatte sie über ihren Idealen die Wirklichkeit vergessen. So war sie älter geworden, und wenn auch ihre äußere Erscheinung die Zahl ihrer Jahre Lügen strafte, wenn auch der Blick des blauen sentimentalen Auges, der liebliche Zug des zart geformten Mundes noch immer anziehend genug erschien, so war sie selber doch keineswegs mit ihrem Alter zurückhaltend, und nannte sich selber oftmals eine „alte Jungfer/' Jndcffcn seit einiger Zeit schien ein anderer Geist über sie gekommen zu sein. Im letzten Winter halte man sie öfters im Theater und auf größeren Festen gesehen, die sie sonst gemieden, was ihrem Oheim stets ein Murren entlockte, da er gezwungen war, sie zu begleiten, und gewöhnlich an diesem Orte mit den Duroy'S zusammentraf, natürlich ohne daß die alten Herren nur ein Wort der Höflichkeit mit einander wechselten. Dagegen konnte es nicht vermieden werden, daß der junge Baron Nudolph mit Angelika in nähere Berührung kam, und nach solchen Ereignissen war er Tage lang finsterer und verschlossener, als es jemals der Fall war. Die letzten Wagen des Festes rollten eben das Ende der Chaussee daher, wo etwas von der Landstraße entfernt, sich das einstöckige Haus des Gerichts - Direktors hart an den Stadtthoren befand. Es war sünf Uhr Morgens, die Sonne hatte ihr glänzendes Strahlcnkleid angelegt, und ergoß Licht und Wärme von ihrem hohen Throne. Die Blumen, durch den Morgcnthan erquickt und erfrischt, sogen mit Ungestüm die warmen verzehrenden Strahlen in ihre Kelche, und tausend Blüthen und Knospen brachen auf und dankten mit berauschendem Dufte der Frcudenspendcrin, die sie in das Dasein gerufen hatte. Wald und Feld grünte und strahlte in bunten Farben und die Chöre befiederter Sänger stimmten schmetternd ihren erhabenen Hymnus an, den beginnenden Tag zu begrüßen. Auf dem schmalen Balkon des Fleischcr'schen Hauses erschien jetzt eine weibliche Gestalt in ein schlichtes, weißes Morgeugewand gekleidet, die dunkelbraunen Haare glatt zu beiden Seiten des Gesichtes gekämmt und hinten in einen einfachen Knoten vereinigt. Es war Angelika. Ein Ausdruck sanfter Traurigkeit lag in dem Antlitz deö Mädchens, man sah ihr an, daß sie sich trotz ihres Reichthums nicht glücklich fühlte. Zerstreut und mechanisch begoß sie die auf dem Balkon stehenden Pflanzen, aber ihr Blick schweifte in die Ferne, schweifte bis zu dem Punkte, wo man die Spitzen deS 67 Duroy'schen Schlosses, auf deren höchsten die Fahne des Hauses flatterte, zwischen grünen Bäumen hervorschimmern sah — ein tiefcS Seufzen entrang sich ihrer Brust. Es ist vorbei, flüsterte sie vor sich hin, jetzt werden sie drüben zur Ruhe gehen — auch er, ermüdet von Genüssen, wird sich auf sein Lager werfen', und ein bunter Traum ihm vorgaukeln von rauschenden Gewändern und bnntcn Blumen, von harmonischer Musik und pochenden Herzen, und das Traumbild die Wirklichkeit des verflossenen Tages weiter spinnen. Er wird träumen von zärtlichen Worten, von verstohlenen Blicken — o siele nur einmal eine einzige Thräne, wie ich sie zu Tausenden vergossen, in den Becher seiner Phantasien, zeigte ein gütiger Traum ihm ein Bild, ernst und bleich, mit zerrütteten Hoffnungen, mit gebrochenem Herzen, aber nein, nein — fphr sie fast leidenschaftlich fort, fern sei von ihm jedes Bild, das seinen Sinn zu trüben vermöchte; wie, soll mich mein Leid zur Egoistin machen? Still, mein Hcrzlein, und brich — aber ohne Klagen. Sie hielt in ihrem Selbstgespräch inne, denn die Schritte eines Nahenden wurden im Balkon-Zimmer laut, und in wenig Augenblicken erschien der Direktor Fleischer zwischen den Vorhängen der Glasthür, die in's Freie führte. Robert Fleischer (den ihm angebotenen Adel hatte er wiederholt abgelehnt) war von hoher, schmaler Gestalt, mit ernsten, ticfgefurchten Zügen, und stark in's Graue spielenden Haaren. Man hatte diesen Mann noch niemals lächeln sehen, und wie ein Zug des Schmerzes und der Entsagung hatte es sich um Mund und Nase gelegt. Er schien völlig in seinem Berufe aufgegangen, und nur noch Sinn für die Arbeit zu haben. — Aber zuweilen konnte das gewöhnlich starr auf einen Punkt gerichtete Auge einen fast jugendlichen Glanz annehmen und brennend und glühend auf einem ruhen, daß es bis in die Tiefen des Herzens ging, und dieses Funkeln und Blitzen wiederholte sich jedesmal, wenn der Name Duroy sein Ohr streifte. Fast erschrocken blickte Angelika, die den scharfen Blick ihres Oheims auf sich gerichtet fühlte, zu Boden. ES war ihr, als ob er ihre Gedanken aus dem Innersten gelesen habe. „Schon so früh auf?" nahm Fleischer das Wort, „oder läßt auch Dich der verdammte Wagenlärm nicht schlafen? Da fahren sie hin," fuhr er fort, mit der Hand auf die Equipage deutend, die eben im Stadtthor verschwand, „mit zerknitterten Kleidern und welken abgespannten Gesichtern, und glauben das höchste Gluck genossen zu haben. Schämen sollten sie sich, in diesem Aufzuge vor Gottes Morgcnsonne zu erscheinen, und ihr Lager müde und matt in dem Augenblick zu suchen, wo die Natur gestärkt und gekräftigt aufersteht." „Sie urtheilen hart, lieber Oheim," erwiederte Angelika, „für gewisse Personen mag cS nicht ohne Reiz sein, die Nacht zum Tage, und den Tag zur Nacht zu machen. Zudem sind es ja meistens junge Leute, die — wie man mir berichtete — gestern auf Las Schloß geladen waren, die jungen Mädchen hatten viel von den großartigen Anstalten zu erzählen, die der alte Baron zu diesem Feste getroffen hatte." „Ja, der alte Köder lockt noch immer," unterbrach sie der Oheim grollend. „Noch putzen die Mütter lieb' Töchtcrlein, wie eine Wachspuppe, und fähren es auf Brautschau nach Schloß Duroy, aber sähen sie die Pulvcrtoune, die unter Schloß Duroy liegt und nur des Zündens harrt, um das ganze Puppenspicl in die Luft zu blasen, sie würden entsetzt zurückweichen, wie der treulose Sturmvogel vor dem strandenden Schiffe." Angelika erfaßte sanft die Hand des alten Herrn. „Oheim," redete sie sanft, — „kann selbst dieser schöne GottcSmorgen in Ihnen nicht die Gefühle des Grolles ersticken, den Sie gegen den Baron Duroy tief und zäh im Innern tragen? Es muß eine schwere That sein, die der alte Baron an Ihnen begangen hat, eine That, die ich, die ihn stets heiter und liebreich gesehen, kaum zu fassen vermag. Mit dem Groll, lieber Oheim, geht es oft wie mit einer Wuchcrpflanzc. Hat man den ersten Keim einer Ab- 68 Neigung in sein Herz gesenkt, sa schlägt er Wurzel, und vertilgt man ihn nicht, — so wächst er fort, und jedes Gefühl des Herzens überwuchernd, wird er zum Giftbaum des Hasses, der jede tiefere Regung vernichtet. Vielleicht ist dies auch bei Ihnen der Fall, lieber Oheim." Der Direktor schüttelte das Haupt. „Du irrst," sagte er, „mein Haß gegen Duroy ist keine Wucherpflanze, es ist eine Eiche, die ein erfahrener Gärtner setzte und die sich mehr und mehr ausdehnt in Kraft und Stärke, eine Pflanze kannst Du ausreißen, einer Eiche Wunden vernarben wieder, wie tief sie auch seien, — vernarben, wie mein Herz vernarbte — denn sieh, Angelika, ich hatte einst ein Herz, ehe die Akten seine Stelle annahmen." Das Mädchen verstummte eine Weile. „Ich ehre Ihren Schmerz, Oheim, aber vergessen Sie nicht, daß Sie ein Mensch sind, und in dem Kreise Ihrer Mitgcschöpfe berufen, um Recht zu sprechen nach Ges tz und Gewissen. Sie sind Richter, — Oheim, treten Sie selber hin vor die Schranken Ihres Innern und fragen Sie sich im Strahle der jungen Gottessonue: Ist Ihr Haß gegen Duroy gerecht?" „Er ist gerecht bei dem ewigen Lichte!" — rief Fleischer glühend. „Einst kann ich Dir erzählen, welchen Schatz mir dieser Mann raubte, wie elend, wie bübisch ich um seinetwillen betrogen ward. Aber nicht für mich allein, habe ich Rechnung von ihm zu fordern; im Namen der Menschheit trete ich vor ihn und frage: Was hast Du mit dem Dasein gethan, das der Wille Gottes in Deine Hand legte? Zu welchem nützlichen Staatsbürger, zu welchem Mitglied der Gesellschaft erzogst Du Deinen Sohn — Deinen Rudolph?" „Rudolph!" — rief Angelika erglühend, „was haben Sie an dem jungen Mann zu tadeln, Oheim? Ist er nicht gut, liebenswürdig wie Einer? Ist nicht sein Herz gebildet wie sein Geist?" „Nennst Du eine oberflächliche Aneignung der gesellschaftlichen Formen Bildung „? fragte Fleischer heftig. „Meinst Du, es sei genug, wenn ein Mann eine leichte Con- vcrsation zu führen und leichte Lieder mit Geschmack vorzutragen weiß? Laß doch heute den Juuker verarmen, laß ihn genöthigt sein, sich sein Brod, seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen, und dann frage den ärmsten Bauernknccht, der sich seinen Tag mit Dreschen und Düngen verdient, ob er geneigt ist, mit dem hochgeborenen Herrn von Duroy zu tauschen?" „Nie wird hoffentlich dieser Tag erscheinen," rief Angelika fast wider Willen heftig und leidenschaftlich. Der Alte fixirte sie scharf, sein Antlitz nahm eine gelbliche Farbe an. „Was treibt Dich denn," fragte er gedehnt, „Dich plötzlich zum Anwalt der Duroy's auszuwerfen? Fürwahr, man sollte glauben, Du seiest in die Zierpuppe von Rudolph verliebt, trotz Deiner siebenunddreißig Jahre — wohlgezählt —" fügte er leise hinzu. Eine edle Nöthe des Unwillens malte sich auf den feinen Zügen Angelika'S. — „Würde ich mit einem Manne über Gefühle des Herzens reden, der selber herzlos ist, wie Sie mir so eben gestanden, Oheim?" fragte sie. „Herz!" grollte Fleischer, „das Herz ist eine Phantasie des überreizten Blutes, für Euch Frauenzimmer mag dies Ding cxistiren, mich verschone mit seinem Namen. Kommt doch nun bald Deine Cousine und Pathe hierher, mit der magst Du dann genug von dergleichen Dingen reden; aber hüte Dich, ihr den Kopf zu verdrehen, denn ein armes Mädchen wie sie, hat keine Zeit, phantastischen Grillen nachzuhängen." „Sie ist nicht arm," unterbrach Angelika den Oheim. „Hätte sie mir früher ihre Lage nach dem Tode ihrer Eltern entdeckt, ich hätte ihr nicht gestattet, eine untergeordnete Stellung bei fremden Leuten anzunehmen." Das Gespräch der Verwandten war durch das Heranrollcn eines' Wagens unter- brachen, der von der Stadt her sich dem Hause näherte. 69 Ein kleiner alter Mann in einem einfachen grauen Neiseanzuge saß auf dem Rücksitz deS offenen Fuhrwerkes. Wie ein Strahl der Freude überzog es das Antlitz des DircktorS beim Anblick deS Mannes, während Angelika das Antlitz mit sichtbarer Verachtung von ihm wandte, als der Betreffende den Wagen verließ und hinaufgrüßte. „Dir gefällt Lindenau nicht, wie es scheint?" wandte sich Fleischer an seine Nichte, „freilich ist er ein notorischer Wucherer, der hundert Familien in's Unglück stürzt, ohne daß ihm eine Ader schlägt, oder man ihm von Seiten des Gerichtes etwas anhabe« kann, aber mir ist er werth, wie mein Leben." (Fortsetzung folgt.) König Ludwig und Kaulbach. AuS dem Leben des vor einem Jahre verblichenen großen Kunstmäccns Ludwig l. von Bayern bringt der „Salon" — „vertrauliche Mittheilungen" — wie es scheint, auS der Feder des Grafen Pocci. Sehr glaublich — wenn man die Eigenart dieses merkwürdigen Fürsten kannte — ist folgende Episode, welche sich ereignet haben soll, als Kaulbach seine Entwürfe zu dem großen Reformationsbilde im Trcppenhause des Berliner Museums machte. Während Kaulbach vor diesem ersten Entwürfe, auf dem kaum erst die Architektur des Schauplatzes und einige Hauptgruppen leichthin skizzirt waren, saß und kreidete, wischte, schabte und fleißig fortrauchte, kam der greise König bei einem Nundgang, stets Zickzack, hastig und wie unsicher auf den Beinen schreitend, zu Kaulbach's Staffelci, setzte sein Binokle auf und sah dem Meister, der sich durchaus nicht rührte, über die Schultern, höchst aufmerksam, die in ihrem Sujet noch schwer erkennbare Zeichnung betrachtend. Plötzlich, als blitzte ihm ein Gedanke durch den Kopf, rief der König in erstauntem Tone: „WaS machen Sie denn da, lieber Kaulbach?" — „Den Entwurf zum Neformationsbilde, Euer Majestät! Als sechstes Wandgemälde nach Berlin bestimmt," erwiderte der Künstler sehr laut, um gehört zu werden, drehte sich aber auch jetzt nicht um, sondern rauchte und kreidete weiter Als hätte den alten Herrn ein kalter Wasserstrahl unversehens getroffen, so fuhr der König bei diesen Worten empor und schrie mit vibrirender Stimme: „Was? Die Reformation? Und nun also doch? Wer hat denn das entschieden?" — „Befehl aus Berlin," lautete die Antwort des ruhig forttreibenden Künstlers. — „Die Reformation?" schrie der alte Herr noch lauter. „Und für Berlin? Und ein so großer Meister wie Kaulbach gibt sich dazu her? Das ist das Aergste, was ich erlebe!" Rasch drehte sich der große Künstler um, erhob sich in ganzer Figur vom Schemel, auf den. er saß, schob die Brille in die Höhe und die Samnietmütze nach rechts und sagte laut und mit ruhiger Bestimmtheit: „Majestät vergessen, daß ich selbst Protestant bin." König Ludwig, in höchster Aufregung, die rechten Worte zu finden, um sich begreiflich zu machen, fiel dem Künstler in die Rede: „Nein, Sie mißverstehen mich, Kaulbach! Ich will nicht auf die konfessionelle Seile der Frage anspielen; in meinem Lande waren die Protestanten stets frei, und ich habe doch auch Luther in die Walhalla gestellt! Nein, meine Entrüstung gilt der künstlerischen Aufgabe. Wie wollen Sie denn einen Gedanken malen, eine geistige Meinung Plastisch darstellen? Es ist unwürdig eines so großen Künstlers, sich zu solch' einer artistischen Vcrirrung herzugeben." Und der König redete sich so in Eifer, daß er im Atelier hinab- und hinauslief, mehrmals ärgerlich aufstampfte und allerlei unverständliche Ausrufe that, während Kaulbach längst schon wieder ruhig weiter kreidete. Endlich ergriff der alte Herr einen alterthnmlichcn Stuhl, der in der Nähe der Staffelci stand, und eiferte laut fort, wie im Selbstgespräch: „Die Reformation malen! Und gar noch für Berlin! Wissen Sie, und damit Sie sehen, wie unparteiisch und objektiv ich bin: ich 70 habe dem Großherzog von Weimar gerathen, die Reformation und ihre Zeit auf der Wartburg zu verherrlichen; dorthin gehört ihre Glorifikation, dort hat sie doch wenigstens historischen Boden; von dort ist sie ausgegangen. Aber was will man mit der Reformation in Berlin? Wie kommen diese historischen ParvenuS zur Reformation? Wie unterstehen sie sich, deren geistige Bedeutung sich anzueignen, um ihrem Militärstaat auch diesen Nimbus zu verleihen? Und dazu gibt sich ein Kaulbach her! Auf die Wartburg gehört die Reformation, auf die Wartburg, oder auch nach Wittenberg meinetwegen. . . aber nach Berlin! ..." Und der greise König war in so unglaubliche Erregung gekommen, daß er den Stuhl mit beiden Händen an der Lehne faßte und ihn so heftig zu Boden stieß, daß er krachte und fast in Trümmer ging. Dann machte er Plötzlich halb rechts, zog sich den Hut in'S Gesicht und ging, ohne weiter zu grüßen, mit hastigen Schritten davon. Man sah ihn hinter den Bildern verschwinden und hörte noch, wie er die Flügelthür heftig hinter sich zuwarf. Sonntag in den Tuilerien. Einem jüngst vom Groß-Kammerherrn erlassenen Befehle zufolge dürfen am Sonntag keine Micthskutschcn in den Tuilerienhof einfahren. Personen, welche zu den musikalischen Messen, die jeden Sonntag in der kaiserlichen Kapelle nach dem Ceremonie!! zur Zeit Ludwig des XIV. celebrirt werden, Einladungen empfangen, müssen entweder zu Fuß oder in Privat-Equipagen kommen. Die Celcbration dieser Messen geschieht durch den Bischof von Arras, Monsignor Timarchc, obwohl dieselbe eigentlich dem Erzbischof von Paris, als Groß-Almosenier des kaiserlichen Hofstaates zusteht. Abbö Cattoli, Generalvicar der Diverse von Paris, fungirt als kirchlicher Cercmonienmeistcr, wobei ihm 5 Sub-Almo- fernere assistircn. Den Dienst bei der Messe versehen kleine Knaben, welche den ältesten Familien des Landes, die Anhänger des Kaiserreichs geworden sind, angehören. Im „Court Guide" figuiren sie als Marquis, Grafen und Bicomtcs. Da der Kaiser auch an Sonntagen mit Staatsangelegenheiten sich beschäftigt und mit den Ministern confcrirt, so finden in der kaiserlichen Kapelle, außer während der Fastenzeit, keine Predigten statt, und der Gottesdienst dauert mithin nur etwa 25 Minuten. Um 1 Uhr kündigt ein Thürhüter an: „Ihre Kaiserlichen Majestäten, und Se. Kaiserliche Hoheit, der Prinz, ihr Sohn" und unter dem Vortritt der Herzoge von Cambaccrcs und Bassano, und dem Corps der Kammerherrcn, erscheint die kaiserliche Familie im Hauptgange der Kapelle, und begiebt sich, nach jeder Seite hin sich verbeugend, nack> ihren Plätzen vor dem Altar. Ihr folgen die Generäle Flcury, Ncy (Prinz von der Moskwa), M. Le Prote, der Ober-Jägermeister, die 16 dienstthuenden Adjutanten, und der Präfckt des Palastes' Die Damen vom Hofe, einschließlich die Oberhofmcistcrin, die Gouvcrncß des Kindes von Frankreich, die Palast- und Ehrcn-Damen, und die Vorleserinnen der Kaiserin, nehmen ihren Platz im Hintergründe der Kapelle ein. Die Anwesenheit der Königin von Spanien, welche in der Regel in Begleitung der ihr in's Exil gefalzten Granden erscheint, trägt dazu bei, den Reiz der Kapelle, welche, durchweg mit Sammt und Seide ausgepolstert, einem Juvelenkästchcn gleicht, wesentlich zu erhöhen. Die Musik ist exquisite. Ander führt den Täktstoff, und die Vocalparthicn sind den Damen Nilsson, Sas, B och, Mauduit und den Herren Faurc und Stellar anvertraut. Nahe am Hochaltar stehen Drio-iliou Stühle, auf welchen der Kaiser, die Kaiserin und der kaiserliche Prinz knien. Währenddem Ihre Majestäten ihre Andacht verrichten, müssen die Kammcrhcrrcr stehen. Alle andern sitzen oder knien. MdSll. Nilsson singt gewöhnlich das Domino sslvum, welches als ein Solo arrangirt worden ist. Ihre klare, hohe Sopranslimme übt auf Kirchenmusik angewendet einen erhebenden und bewundernswürdigen Eindruck auf den Zuhörer. Nach Beendigung des Gottesdienstes hält der Kaiser im Vestibül der Kapelle eine Art Lcvöc, zu dem aber gewöhnlich nur Franzosen Zutritt haben. 71 Die siamesischen Zwillinge. Die englischen Blätter bringen spaltcnlange Berichte über das siamesische ZwillingS- Paar. Wir entnehmen denselben nachstehende Einzelheiten von allgemeinem Interesse: Das Ligament, welches die Zwillinge verbindet, entspringt aus der unteren Spitze des Brustbeins, und war früher so kurz, daß sie einander nur die Vorderseite ihrer Leiber zukehren konnten. In Folge anhaltender Zerrung während ihrer Kinderjahre wurden jedoch die unteren Theile des Brustknochcns Beider etwas nach Außen gebogen, und das Ligament selber so stark verlängert (auf etwa 4 Zoll bei einem Umfange von 5 Zoll an seiner stärksten Stelle in der Mitte,) daß sie beinahe Schulter an Schulter neben einander stehen können, wenn sie ihre Nachbararme.auf dem Rücken verschlingen. Die innere Struktur des Verbindungsbandcs entzog sich bisher leider jeder wissenschaftlichen Untersuchung, und eine Transparenz desselben ist auch durch Anwendung von starkem Magnesiumlicht nicht zu erzielen. An seinem oberen Rande fühlt es sich härter an — wahrscheinlich Fortsetzungen des Brustbcinknorpels und der knorplichen Ausläufer der sechsten und siebenten Nippen — während die untere Hälfte mit der Unterlcibshöhle in Verbindung zu stehen scheint. Die Nerven eines Jeden der Beiden streifen bis über die Mitte des Bandes, woselbst ein angebrachter Druck Beiden zugleich fühlbar ist; drückt man jedoch weiter reckts oder links, dann fühlt es nur der zunächst Berührte. Aehnlich scheint es sich mit den Blutgefäßen zu verhalten, doch ist das Eine festgestellt, daß sie nicht mit einander kvmmuniziren. Der Hcrzschlag Beider ist getrennt, und dieser sowohl wie der Pnlsschlag bei Beiden nicht ganz übereinstimmend. Ebenso isolirt ist ihre Athem- Bewegung. Anatomisch betrachtet, geben sie uns somit (abgesehen von dem fatalen Ligament) das Bild zweier isolirter Individuen. Getrennt ist auch das Denkvermögen Beider, wie sie denn gegen einander eine Partie Schach spielen können oder sich mit einander berathen, wenn sie gemeinschaftlich gegen einen Dritten spielen. Aber dabei hat sich doch bei ihnen durch das ewige Zusammenleben eine gewisse psychische und physische Identität herausgebildet, die neben jener Gctrenntheit zu den interessantesten Erscheinungen für Psychologen und Physiologen gehört. Wie sehr spricht es z. B. für ihre Getrennt- hcit, daß sie den Gedanken fassen können, durch einen chirurgischen Eingriff geschieden zu werden! Wie sehr anderseits für ihr Zusammengehören, daß sie früher nie selber diesen Wunsch gehegt haben, sondern erst spät durch ihre Familien-Angehörigcn auf ihn geleitet worden sein sollen! Die Operation wird wahrscheinlich auch ferner unterbleiben, da fast alle zu Rathe gezogenen Aerzte schwere Bedenken dagegen äußern. Vorzunehmen wäre sie auf alle Fälle dann, wenn einer der Beiden sterben sollte, doch ist es das Wahrscheinlichste, daß eine Krankheit, die den Einen hinraffte, auch dem Anderen gleichzeitig den Tod bringen würde. Naturzwang und vieljährige Gewohnheit haben eS dahin gebracht, daß alle Bewegungen und Verrichtungen Beider in strenger Harmonie stehen. — Sie bewegen sich wie durch einen einzigen Impuls, ohne frühere Verabredung, und sollen sich nur selten mit einander in ein Gespräch einlassen. Doch fühlt Jeder von ihnen den Impuls, der vom Ändern ausgeht, viel rascher, als ein Dritter ihn gewahr wird. — Rudern, Jagen, Fischen und andere Vergnügungen, die ihnen ihre Gebundenheit gestattet, üben sie mit Vorliebe, finden aber keine Freude an solchen, wo sie einander als Gegner entgegentreten müßten, z. V. Schach- oder Kartenspielen. Haushalten mit dem Pflug und mit dem Schwert. Unter diesem Titel schreibt der bekannte Menschenfreund Elihu Burrit in seinem neuesten „Oelblatt für das Volk" u. A.: Wenn ich reise, denke ich daran und versuche, mich mit der Lage der arbeitenden Elaste bekannt zu machen, zu erfahren, wie hoch sich der Wochcnlohn belauft, wie der Arbeiter davon seine Familie zu ernähren, bekleiden, unter Dach und Fach zu bringen, 72 »nd seine Kinder zu erziehen vermag. Ich versuche dann die Steuerlasten abzuwägen, die der Krieg und alle Berthcidigungs-Vorkehrungen während bewaffneten Friedens auf die Schultern der arbeitenden Classe legen. Ich habe mich daran gewöhnt, die Kosten jener Rüstungen gegenüber Arbeitslöhnen abzuschätzen, und thue dieß in der folgenden Weise: Wenn uns gesagt wird, daß über drei Millionen junge, starke Männer in den Armeen Europa's für den Krieg herangebildet werden, denke ich bei mir selbst, neunzehn von je zwanzig solcher jungen Leute sind Arbeiter-Söhne. Nun erinnere man sich nur all' der schweren Arbeit auf dem Felde und in der Werkstätte, im Schacht und auf den Bergen — all' der elterlichen Thränen, harten Schicksale und Sorge», die es gekostet hat, diese drei Millionen junger Leute bis zum achtzehnten oder zwanzigsten Lebensjahre aufzubringen! Dann betrachte, ich diese jungen Männer beim Excrciren, und finde, daß sie Alle auserlesen vollkommen gesund, stark und wohlgeformt sind. Der Armec-Chirur- gus hat jeden Einzelnen examinirt und für den Krieg für tüchtig erklärt. Wir haben keine Chirurgen, deren Amt eS ist, Candidaten oder Rekruten für den Pflug, die Axt, den Hammer oder die Weberbank zu cxaminircn. Krummbeinige, Brustlcidende, Einäugige, von Rheumatismus Geplagte werden gut genug dafür gehalten, die großen Industrie- Armeen der Welt zu recruliren, gerade als ob der Krieg die Blumeulese und der Friede das Unkraut des Menschengeschlechts haben müßte'. Ich habe ganz England zu Fuß bereist, von Lands und bis zu John o Groats, in den Frühlings- und Sommermonaten. Es ist ein wunderschönes Land. Fast die ganze Insel ist wie ein Garten. Die zu ihrer Bebauung nöthige Arbeit erscheint ganz wunderbar, besonders einem Amerikaner, wie ich bin, und während meines Staunens denke ich an dies und an das, und bringe es in Vergleich. Es heißt: es erfordert siebenhundcrttauscnd Feldarbeiter, diese Insel in solch' einen großen, wunderschönen und wunderbar fruchtbaren Garten Hinzuschaffen. Die wöchentlichen Arbeitslöhne belaufen sich im Durchschnitt auf etwa 10 englische Schillinge. Demgemäß die gcsammte Arbeit dieser siebenhundcrttauscnd Männer und Frauen kommt jährlich auf Pfd. Stcrl. 18,000,000 (216 Millionen Gulden!) zu stehen; aber was für eine glorreiche Schau grün und goldener Erntefclder durch die ganze Insel bringen sie nicht auch dafür hervor! Ich kann mich beim Sehen der Bewunderung nicht erwehren. Doch zur selben Zeit kann ich mich anderer Gedanken nicht enthalten. Ich betrachte das englische Kriegsbudget für 1866, ein Jahr bewaffneten Friedens, und finde Pfd. St. 26,000,000 (312 Mill. Gulden!) als die Auslagenkosten lediglich für Kriegsrüstungcn, noch obencin in einem Friedens- Iahre, verzeichnet! Das macht Pfd. St. 2 (24 fl.) für den Pflug, gegenüber den Pfd. St. 3 (36 fl.) die das Schwert in Friedcnszeit kostet! Solch ein Vergleich erweckt traurige Gedanken an Ernährer und Verzehren. Ich erinnere mich, gehört zu haben, wie einmal im brittischen Parlament erwähnt wurde, daß eine gewisse neu erfundene Bombe für den Gebrauch fertig Pfd. St. 11 (132 fl.) kostete. In d§m Fall würde es die harte Arbeit eines guten Pflügcrs, Mähers oder anderen Fcldarbcitcrs sechs lange Monate hindurch erfordern, nur für eins dieser Tod verbreitenden Geschosse zu bezahlen! Wie viel ehrliche, rechtschaffene, geduldige Arbeit wird nicht von dem Wolfsrachen des Krieges verschlungen! „Was haben Sie heute mit meinem Sohne gelehrt?" frug ein Börsianer den Erzieher seines einzigen Sohnes, einen hoffnungsvollen Jungen, der sein Sparbllchsengeld dem Vater zur besseren Verwerthung übergibt. „Ich erklärte ihm die Sonnenbahn," erwiedert der Lehrer. „Erklären Sie ihm die Nordbahn, das ist mir lieber," — ruft der Alte. Druck, Verlag und Redaction deS Literarischen Instituts von Dr. M. Huttler.