llro. 10. 7. März 1869. Augsbur^er Man kann eS nickt genug sagen: Mensch, existire für deine Zeit an deinem Orte; sei, was du sollst! Dann verdienst du die Bewunderung und Liebe aller Zeiten- I- v. Müller. Die Entsagenden. (Fortsetzung.) Der Wucherer trat ein und auf den Wink ihres OheimS entfernte sich Angelika. „Ihr kommt zu früher Stunde," redete der Direktor den Fremden an, „gewiß habt Ihr eine Sache von Wichtigkeit?" „Allerdings," erwiederte der Wucherer, „und da ich gerade eine kleine Reise beabsichtige, — so wollte ich diesen Weg nicht aufschieben. Ich habe einen Schatz für Sie, Herr Direktor; o, einen wahren, unbezahlbaren Schatz," fügte er grinsend hinzu. „Einen neuen Wechsel," den der tolle Verschwender Duroy ausstellte und den Ihr mir anzubieten kommt, nicht wahr?" fragte Fleischer. „Wohl — aber nicht einen Wechsel, wie der Herr Direktor ihn in verschiedenen Exemplaren besitzt, die ich nach Ihrem Wunsch stets auf das Verlangen des Barons zu prolongiren bereit bin, sondern einen Wechsel ganz eigener Art, der — wenn mich nicht Alles täuscht. Jemanden gewiß in's Zuchthaus bringen wird." Der Direktor horchte auf. „Erzählt," sagte er kurz, „was habt Ihr mir anzubieten?" „Es können reichlich acht Tage sein," - begann Lindenau, „als sich in später Abendstunde der Baron von Duroy bei mir einfand; es war Verfallzeit eines von ihm ausgestellten Wechsels, aber statt ihn einzulösen, bat er mich um Prolongation und zugleich um neuen Vorsckuß. Ich bewilligte die erste, das zweite Verlangen wies ich von der Hand, da ich Ihre Meinung darüber noch nicht eingeholt hatte. Der Baron schien in großer Verlegenheit zu sein, er theilte mir mit, daß er dieser Summe dringend bedürfe, und entfernte sich in höchster Bestürzung. Am anderen Morgen stellte er sich wieder ein. Sein Gesicht war verstört und bleich. Ich bedarf fünftausend Thaler, Lindemann, sagte er hastig, ich biete Ihnen die höchsten Zinsen und dieses Papier als Deckung, daS ich binnen einem halben Jahre aus Ihren Händen einlösen werde. Ich warf einen Blick auf den Inhalt des Dokumentes", fuhr Lindenau fort, „es war ein Wechsel.von einem bedeutenden nordischen Hause ausgestellt und lautete auf zehntausend Thaler. Der Fall erschien mir sonderbar, und ich konnte mich eines forschenden Blickes nicht erwehren, als ich daS Papier dem Baron zurückgab, der es mit zitternden Händen empfing." „Trauen Sie mir nicht?" fragte er, den Blick zu Boden senkend. „Und in der That traute ich ihm nicht, ich begab mich in ein Nebenzimmer, um den Wechsel zu prüfen, die Signatur dcS Hauses war ächt, aber nicht die Summe. — Die Hand eines Schülers im Fälschen hatte die Zahl „Tausend", worauf der Wechsel lautete, in „Zehntausend* verwandelt." „Und Sie nahmen den Wechsel nicht an sich?" unterbrach ihn Fleischer mit dem Ausdruck der gierigsten Spannung. „Sie zahlten nicht den dafür geforderten Preis?" „Allerdings that ich dies," erwiederte Lindenau, „denn ich hoffte, Sie würden mich in jedem Fall schadlos halten, und mir ferner ein gütiger Gönner bleiben." 74 „Haben Sie sich über mich zu beklagen?" fragte Fleischer. „Handle ich nicht gegen Pflicht und Gewisien, indem ich mich blind für Ihre Wuchereien stelle? Aber dafür verlange ich vollständige Verschwiegenheit von Ihnen. — Sie wissen, ich besitze die Macht, Sie in's Unglück zu stürzen, — und bin nicht der Mann, der sich mit leeren Drohungen begnügt." Der Wucherer neigte stumm das Haupt. Dann zog er ein Papier aus seinem Portefeuille und überreichte eS dem alten Herrn. Mit gierigen Händen empfing es Fleischer und warf einen prüfenden Blick auf das Dokument. Wie ein Triumph der Freude leuchtete es aus seinen Augen. „Wahr, wahr," murmelte er vor sich hin. „Die Zahl ist gefälscht, ein Schulknabe würde sich dieses groben Betruges schämen, so mangelhaft hat er die Hand nachgeahmt. Ja, daran erkenne ich den Elenden, dessen Leichtsinn mir das Herz Leonorens entriß. — Was verlangen Sie für dieses Papier?" fragte er, das Papier zusammenfaltend und es zu sich steckend, als fürchte er, daß ihm Jemand dasselbe entreißen könnte. „Bestimmen Sie selbst den Preis, Herr Direktor. Mit Ihnen mache ich keine Geschäfte." Der Direktor erhob sich und trat in das Balkonzimmer. Nach wenigen Augenblicken erschien er wieder, in jeder Hand eine Goldrolle, die er dem Wucherer einhändigte. „Hier ist Ihre Auslage und fünfhundert Thaler darüber," sagte er kurz. „Sie haben mir durch Ankauf dieses Papieres einen größeren Dienst erwiesen, als Sie wohl selber meinen." „So hassen Sie den Baron sehr?" fragte der Wucherer neugierig, — „daß Sie begierig jeden Beweis seiner Schuld sammeln." „Ein Kaufmann verräth nicht, welche Geschäfte er mit erworbenen Waaren macht," entgegnete Fleischer trocken. „Entweder Haffe ich Duroy bis zur Vernichtung, oder meine Neigung zu ihm geht so weit, ihm eines Tages als unbekannter Freund sämmtliche Schuldscheine versiegelt durch die Post einzusenden. Wer kann es wissen? Aber jetzt ersuche ich Sie, mich allein zu lassen, ich habe zu arbeiten!" fügte er gebieterisch hinzu. Gehorsam verneigte sich der Goldmann, und entfernte sich; gedankenvoll blickte ihm der Direktor nach. „Elende Creaturen," murmelte er vor sich hin, „und Euch nennt man das Ebenbild Gottes! Verrath, Falschheit und Egoismus sind die Hebel, die den Organismus des Weltalls bewegen. Eure Schlechtigkeit hat mein Leben zerstört, kann die erhabene Gerechtigkeit mich verdammen, wenn ich zürnend »vor Euch trete und fordere von Euch mein verlorenes Glück; und da ihr's mir zu gewähren nicht vermögct, mir selbst ein Glück suche, indem ich meinen Haß gegen die Welt, den ich Jahre lang tief verhüllt im Busen trage, über Einen ergieße, der mir bitter wehe gethan. Wahre Dich, Leopold von Duroy, die Vergeltung, die ich Dir schwur, da ich Leonore in Deinen Armen traf, sie ist herangenaht; daß Dein Vermögen durch Deine Verschwendung nach und nach in meine Hände kam, das genügte mir nicht, denn kein verarmter Edelmann konnte noch das Mitleid erregen, ich brauchte mehr, bis die Stunde schlagen durfte, Dich zu verderben. Und sie ist da, denn ich besitze Deine Ehre, Leopold von Duroy." Ein unterdrückter Aufschrei unterbrach ihn und ließ ihn sich umschauen. In der Balkonthür stand Angelika todtenbleich, es war ersichtlich, daß sie die Worte des Oheims vernommen hatte. Der Alte wandte sich mit dem Ausdruck des Zornes nm. „Du hast gelauscht!" rief er heftig. „Seit wann ist es Sitte, ungerufen Dich in meine geheimsten Gedanken zu drängen?" „Zürnen Sie mir," rief Angelika, „wenn ich die Einflüsterungen eines finsteren Dämons zu verscheuchen versuche? O mein Oheim," fuhr sie flehend fort, „dieser Lin- denau, der mir in tiefster Seele verhaßt ist, muß Ihnen schreckliche Kunde gebracht haben. Reden Sie, Oheim, auf meinen Knieen beschwöre ich Sie, was haben Sie vor, gegen die unglücklicklichen Duroy's?" Der Alte erwiederte nichts. Sein Auge flammte und stumm erhob er sich, indem er Angelika einen Wink gab, ihm zu folgen. Das Mädchen gehorchte Sie rückte einen Sessel neben den Divan ihres Oheims, worauf dieser Platz genommen hatte, und erwartete ruhig die Anrede desselben. Diese ließ nicht lange auf sich warten. „Angelika," begann er, „ein furchtbarer Schwur binet mich an dieq Fersen dieses Durvy, den ich einst liebte mit unwandelbarer Freundschaft. Wir studirten zusammen, wir theilten Leid und Freude, da raubte er mir hinterlistig ein Mädchen, daS ich zu meiner Gattin erwählt hatte, seine Verführungskünste überwogen meine Geradheit, ich ward verschmäht, und er triumphirte über die Schwachheit einer Jungfrau, triumphirte leichtsinnig über die Niederlage seines besten Freundes. Und dennoch hätte ich ihm verziehen, hätte er edel gegen das unglückliche Geschöpf gehandelt. Aber er verstieß sie, nachdem er ihrer müde war, und ließ sie darben, und sie sank tief und tiefer bis ich bei Antritt meines Amtes am Siechenbettc des Zuchthauses dieser Stadt an ihrem Lager stand und fühlte, daß ich sie noch immer liebte, die lang Vermißte, die neu Gefundene. Und als ich ihre eisigen Hände an meine Brust preßte, als ihr letztes Röcheln der Anklage gegen jenen Elenden verstummt war, da ergoß ich, was mir noch von Herz, Gefühl und Menschenwürde zurückgeblieben war, in einem einzigen Schwur, den Niemand hörte als Gott, und den Keiner richten wird, als er. Ich schwor, den Elenden zu vernichten bis in das dritte Glied, wie er zwei Menschendasein zerrüttet und vernichtet hat." „Und" - fragte Angelika bebend — „und Sie haben die Mittel, Ihren Schwur zu erfüllen." „Ich habe sie!" — entgcgnetc der Direktor, dessen Augen funkelten, „bei Gott, ich habe sie!" ' „Und Sie werden sie nicht verwenden," rief Angelika feurig. „Ein Richter soll der Vollstrecker des Willen Gottes sein und die Gesetze des Ewigen sind mild. Oheim" — fuhr sie flehend fort — „Durvy ist ein Genie. Vielleicht erwartet ihn am Strahlenthrone deS Höchsten der Engel mit der ewigen Waage, haben Sie ein Recht, in seinen Willen zu greifen?" „Ich habe," versetzte der Alte finster, „Apge um Auge, Zahn um Zahn, so will's das Gesetz hier" — und er hielt den Wechsel Lindenau's hoch empor, — „dies Papier enthält meine Rache; dies Papier bringt den edlen Freiherrn auf meinen Wink an den Ort, wo Lconorc durch seine Schuld endete — bringt ihn in's Zuchthaus!" Angelika stieß einen Schrei aus. „Enthält dieß Papier eine Schuld, die der unglückliche Mann nicht zu decken vermag?" — rief sie leidenschaftlich, „o so bestreitcn Sie dieselbe aus meinem Vermögen, ich bin ja reich, wie die Leute sagen, — laßt mich dieses Papier einlösen und sollte ich es mit Gold aufwiegen müssen!" „Und bötest Du alle Schütze Preis" — rief der Direktor — „Du könntest dieses Papier nicht vernichten! Thörichtes Mädchen, wohl kannst Du Schulden, kannst Du aber auch eine Fälschung tilgen?" DaS Mädchen verstummte. Diese Kunde schien ihre Kräfte zu lähmen. „Gnade!" flüsterte sie, „Gnade!" „Hatte jener Mann Gnade für die Unglückliche, die er einer Laune willen opferte, hatte er Mitleid mit mir, seinem Freunde, der ihm vertraute? Nein, nein," rief er wild, „keine Schwäche, keine Schonung für ihn, er hat sein Schicksal verdient." „So schont seinen Sohn," rief Angelika, „schont Nudolph! mein Oheim, wollten Sie der Rache eines Greises halber, das ganze Dasein eines Jünglings vernichten?" „Ich kann nicht anders," murmelte der Alte. „Gott hörte meinen Schwur." Da erhob sich Angelika, eine hohe Würde hatte sich ih"-r bemächtigt, ihr Auge drückte Entschlossenheit aus, obgleich ihre Wange todtenblcich erschien und ihre Stimme bebte. 76 „So vernehmen Sie denn auch von mir ein Geständniß, mein Oheim; indem Sie den Namen Duroy schänden, brechen Sie daS Herz Ihrer Nichte; denn ich bin sieben- unddrcißig Jahre wohlgezählt — wie Sie eben bemerkten — und liebe Rndolph v. Duroy !" „Angelika!" schrie der Alte auf, „Du, meine Nichte, liebst den Sohn deS Mannes, den ich hasse und verwünsche? — Wehe Dir." Und mit beiden Händen bedeckte er sein Antlitz. Eine tiefe Stille entstand im Gemach; draußen auf dem Geländer deS Balkons hatte sich ein bunter Vogel niedergelassen und sang sein schmetterndes Morgenlied. Was kümmerten ihn die Menschen da drinnen mit ihren Leidenschaften und Enttäuschungen? Angelika war es zuerst, die das Schweigen brach. „Nun, Oheim," begann sie, „wiegt mein Leid nicht das Ihre auf? O, wer hat die Nächte gezählt, die ich nach einem Begegnen mit ihm schlaflos und weinend auf meinem Lager verbrachte? Wer zählt die Thränen, die die Erinnerung an Rndolph meinen Augen gekostet? Ich sah ihn umschwärmt von lichten jugendlichen Gestalten, deren Abgott er war, sah die feurigen Mädchenblicke, die um einen Wink seines Auges, um ein Lächeln seines Mundes buhlten, und dann mich, die verblühte Jungfrau, mit meinen enttäuschten Hoffnungen, mit meinen zertrümmerten Idealen und mit meinem Herzen voll unendlicher Liebe. Denn ach, die so lang unterdrückte Natur rächt sich mit doppelter Heftigkeit. Ich suchte den gefährlichen Zauber zu bannen, von dem ich mich umstrickt sah, die crzürnre Vernunft hielt in einem ehernen Spiegel dem bethörten Herzen Alles vor, was die strenge Nichterin vorzuhalten vermag; vergebens, weil ich wider die Natur in eitlem Hochmuth einst jeden Mann verschmähte, liebe ich jetzt in meinem Alter wider die Natur einen Jüngling, glühend, unaussprechlich. Jetzt wissen Sie Alles, mein Oheim," endete sie, indem sich die lang zurückgepreßtcn Thränen gewaltsam Bahn brachen. Der Greis blieb stumm; in den alten gefurchten Zügen arbeitete es gewaltig; ein mächtiger Entschluß schien in seinem Herzen Wurzel zu schlagen. „Es ist gut, Angelika," sagte er endlich mit gepreßter Stimme. „Armes Mädchen, Dein Unglück ist zu groß, als daß ich Dir zürnen könnte! Liebte ich nicht noch Leo« uoren auf dem Sterbebette mit heißer, leidenschaftlicher Glut — was sollte ich eS Dir verargen, wenn Dein Herz sich zu weicheren Gefühlen hinreißen läßt? Aber, Angelika, ist auch der Mann Deines Herzens werth? Welche Talente geben ihn in Deinen Augen den Vorzug? Welche Thaten sind es, welcher Ruhm, der Dich an ihn fesselt? Angelika, ich hätte Dich für weiser gehalten, als daß Du einer Larve der Jugend und Anmuth den Vorzug über Talent und ManncSwürde einräumen könntest. Aber gleichviel, das Unheil ist da," unterbrach er sich, „glaubst Du, daß Rndolph um Deine Neigung weiß?" Das Mädchen schüttelte traurig das Haupt. „Nimmer soll er dieses Geheimniß erfahren," erwiederte sie, „tief verschlossen will ich'S im Busen tragen, bis sich das Grab wölbt über mich und meinen Gram. Ach, ich bin ja schon zufrieden, wenn ich ein freundliches Wort, ein mildes Lächeln von ihm erhäsche. Was kann eine alte Jungfer mehr begehren? Ja, und wenn sie es wüßten, dies unselige Geheimniß, alle die Frauen und Mädchen in der Stadt, die mir Freundschaft heucheln, wie sie spötteln würden über mich, und mein Herz und meine Ehre mit tausend Dolchstichen durchbohren? Mein Oheim, lassen Sie mich schweigen! Aber mein Unglück stehe um Gnade für den Schuldlosen; der wahrhaft Leidende hat Thränen, keinen Haß. „Thränen dem Frauenzimmer, Haß und Rache dem Mann!" unterbrach sie der Direktor. „Oder meinst Du, ich werde dieser Liebe halber den heiligsten der Schwüre brechen, den ich je gethan? Aber vielleicht ist auch für Dich noch Hülfe, ohne daß ich' mein Gclöbniß breche?" „Hülfe!" wiederholte Angelika schmerzlich lächelnd. „Niemals, Oheim. Versucht auch nicht mein Leid zu mindern. Einer Hoffnungslosen Trost zusprechen wollen, heißt Feuer in eine Wunde gießen. Für mich gibt es keine Hülfe, als den Tod!" (Forts, f.) 77 Die W i n t e r d e ck r. Laß' dir's nicht gcdeihn zu Leide, Wenn mit Schnee als ihrem Kleide Gott die Erde hüllet ein, Weil es jetzt soll Winter sein! Flur im eisigen Gewände, Eingeengt in starre Bande, Bist zum Denkmal mir gesetzt, Wie es wird mit mir zuletzt! Ruhe hat der Herr und Frieden Ihr zu dieser Zeit beschicken, Legt auf sie ein weißes Tuch, Zhr zum Schmucke, nicht zum Fluch. So werd' ich begraben liegen, In ein enges Bett mich schmiegen, Wann der Tod den Kuß gereicht, Und mein Antlitz ist erbleicht. Herr, wie du auf weiter Strecke Gibst der Flur jetzt Schnee zur Decke: Laß' auch so für mein Gebein Gnade einst die Decke sein! Neubildung des Gehirns. Herr v. Parville erwähnt in der wissenschaftlichen Uebersicht des offiziellen Journals den merkwürdigen Fall von Amputation und Wiedererzeugung der Gehirn-Hemisphären, die namentlich das Resultat der jüngsten Forschungen des Herrn Voit von der Münchener Akademie sind. Seit 1822 zeigte FlourenS bis zur äußersten Evidenz, daß es bei verschiedenen Thieren möglich sei, einen ganzen Gehirnlappcn hinwegzunchmen, — ohne dadurch ihren Tod herbeizuführen. Er ging noch weiter. Er nahm Katzen, Kaninchen, öffnete deren Schädel mit Vorsicht und nahm daS Gehirn heraus. Katzen und Kaninchen lebten noch ein Jahr nach dieser Operation. Leben ist also auch ohne Gehirn möglich. Nur verlieren die auf diese Weise verstümmelten Thiere alle Sinne und ihre Vernunft, und sind auf den Zustand einfacher Automaten reduzirt. Dasselbe Experiment kann auch mit dem kleinen Gehirn gemacht werden. Da dieses jedoch daS die Bewegungen regn« lirende Organ ist, so bewegt sich das betreffende Thier nur nach dem Zufalle fort; eS gleicht einem Betrunkenen und ist wirklich ein Kopf ohne Hirn! Herr Voit von München hat ein noch sonderbareres Resultat erlangt. Er hat mehreren Tauben daS Gehirn weg» genommen, und nach einigen Monaten konslatirte er zu seinem Erstaunen, daß sich dasselbe erneuert hatte. Das Gehirn war wieder gewachsen. Nach der Wegnahme des Gehirns, sagt der gelehrte Physiolog-, stecken die Tauben ihren Kopf unter einen Flügel und bleiben unbeweglich. Die Augen sind geschloffen und sie scheinen zu schlafen. Dieser Zustand dauert einige Wochen. Dann erwachen sie endlich auS ihrem scheinbaren Schlafe, öffnen ihre Augen und beginnen zu stiegen; sie vermeiden dabei alle Hindernisse und entwischen denen, welche sie greifen wollen. So ist eS sehr klar, daß sie wieder sehr gut sehen und hören. Einige dieser Thiere wurden fünf Monate nach der Operation getödtet, und man fand in der Hirnschale eine weiße Masse vor, die gänzlich von der Consistenz und dem Aussehen der weißen Gchirnmassc, und auch zudem in zwei Gehirnlappcn /a Zoll groß, Chang einen Zoll kleiner. Sie stützen sich mehr auf den nach auswärts gerichteten Beinen, die in Folge dessen mehr ausgebildet als die inneren sind. Die Herzen und andere Organe derselben befinden sich in derselben Position wie bei anderen Menschen; der Athmungs-Prozcß und die Circulation des Blutes ist bei den Zwillingen nicht gleich. Als sie bei ihrer Anwesenheit in Edinburg an „Influenza" litten, fand Dr. Aitken, daß bei dem Einen der Puls 24 Schläge in der Minute schneller, als der des Andern war. Zwei andere Londoner Aerzte fanden eine Verschiedenheit von 4 Schlägen in der Minute. Sir James Simpson hat bewiesen, daß sie hinsichtlich physischer Verrichtungen zwei völlig getrennte und verschiedenartige Individuen sind. Sie können gehen, laufen und schwimmen, sind leidenschaftliche Jäger und gute Schützen, intelligent, belesen und tüchtige Geschäftsleute. Ihr Zustand macht es natürlich, daß sie in einem und demselben Gespräche verflochten sind, aber Jeder von ihnen kann auch ohne Schwierigkeit eine Conversation mit zwei verschiedenen Individuen führen. Oft liest ein Jeder für sich; öfter jedoch liest Einer dem Andern laut vor. In der That ist ihr Gemüth viel dualistischer, als ihr Körper; letztere sind vereint, erstere nicht Das sie vereinigende, theilweise durch Verlängerung deS Knorpels des Brustknochcns gebildete Band ist 4'/^ Zoll lang und hat Zoll Umfang. Von Krankheiten, die dem Blutsystem angehören, wie Pocken, Masern, Fieber und dergleichen wurden die Bruder gleichzeitig ergriffen. Trotzdem schließt Sir James Simpson aus Experimenten, die derselbe mit Arzneien an ihnen vorgenommen, daß die Verbindung ihrer Gefäße verhältnißmäßig sehr gering ist. Ueber die Frage der Möglichkeit einer Operation, behufs der Separation der Brüdcr von einander, sagt der Professor: Chang und Eng selbst wünschen gar keine chirurgische Theilung, aber einige ihrer Anverwandten wünschen dieselbe sehr, wenn eine Möglichkeit des Gelingens vorhanden ist! Diese Operation ist nicht allein möglich, sondern würde auch mit gar keinen, oder nur sehr geringen Schwierigkeiten verbunden sein; aber dieselbe würde so gefährlich sein, daß die Zwillinge, der Meinung des Professors zufolge, sich derselben nicht unter- werfen sollten, und daß kein Chirurg gerechtfertigt wäre, dieselbe zu vollziehen. Chang und Eng sind an zwes Schwestern verheirathet, Töchter eines amerikanischen Geistlichen. Jeder Bruder hat 9 Kinder: Eng 6 Söhne und 3 Töchter, Chang 3 Söhne und 6 Töchter. Ihre ersten Kinder wurden je 3 — 4 Tage von einander geboren, die anderen in unregelmäßigen Zeiträumen. Chang's neuntes Kind wurde vor drei Monaten geboren. — Der berühmte Arzt, Sir James Fcrgufson, hat ebenfalls die Zwillinge genau untersucht, und seine Meinung ist auch, daß eine chirurgische Theilung der Brüdcr tödtlich sein würde, nicht so sehr wegen der Struktur des sie verbindenden Bandes, als wegen deS moralischen Effektes, welchen dieselbe auf die Zwillinge ausüben würde. Der grösste Feind des Waldes ist der unverständige habgierige Mensch. Nicht der Blitz, der die Eiche zersplittert; nicht der Sturm und der Schneedruck, der die stolzesten Stämme wie Rohr knickt; nicht Myriaden von Insekten; nicht der Frost, der ganze Culturen tödtet; nicht die Axt; nicht der erste Paragraph des communistischen Revolutionsgesetzes: „Laß mir das Meine und gib mir das Deine!" können dem Walde die Unheil zufügen, welches der Mensch mit 79 dem Streurechen in der Hand anrichtet. Die feindlichen Gewalten der Naturkräfte, die Invasion der Würmer zerstören die Bäume; aber der Mensch, der dem Walde die Boden- decke nimmt, zerstört die Grundlage; die Existenz des Waldes. Die Bodendecke ist der Dünger, er gibt dem Baume die Aschenbestandthcile; die Bodcndecke gibt die Feuchtigkeit, die manchmal die Hälfte der Bestandtheile eines Baumes ausmacht; die Bodcndecke gibt dem Walde die Kohlensäure, die er durch seine Lungen, die Blätter, einsangt. Siebenfach ist der Wassergehalt, den die Blätter am Boden festhalten können, und Moos ist bisweilen nur ein mit Wasser angefüllter Schwamm. Da wo dem Walde seine natürliche Nahrung zukommt, da stehen kraft- und saftstrotzcnde Bäume, da ist das dunkelste Grün, der tiefste Schatten, die balsamischste Luft; da öffnet sich die Brust des Menschen, da trinkt er, dem Sänge der befiederten Sänger lauschend, mit gierigen Zügen die würzigen Düfte; da gibt der Wald das grüßende Lied mit freudigem Echo wieder. Da wo der Boden entblößt ist, da stehen kahle Stämme und niedrige Sträucher; öde Flächen biete« keinen Schatten, der Wald gibt nicht einmal mehr Holz, er stirbt an Abzehrung. Aber er nimmt eine fürchterliche Rache am frevelnden Geschlechte, mit dem hinsiechenden Walde vertrocknet die Luft, die Quellen versiegen und je trockener die Bäche sind, mit um so größerem Bangen sieht der schuldbewußte Mensch dem herannahenden Gewitter, dem Schncegang, entgegen. Die fallenden Regengüsse schießen, durch keine Bodendecke aufgehalten, vom kahlen Waldabhang herab; die vertrockneten Bäche werden zu reißenden Strömen; sie versanden fruchtbares Land und schwemmen tragbaren Boden fort; die Wogen brechen die Dämme und dringen in die Wohnungen der Menschen. Und jetzt, am Grabe seiner Habe, erinnert sich der Mensch der Frevel, die er am Walde begangen. (Ebene, wohlangcbautc Landstrccken, welche keinen Wald in der Nähe haben, in dem sich Füchse und Raubvögcl aufhalten können, leiden in regenarmcn Sommern nicht blos an größerer Trockenheit, sondern auch der Mäuscfraß ist viel verheerender, da die Mäuse allein Herr sind und vom Raubwild nicht wcggcfangen werden.) Jetzt müssen Millionen auf Millionen aufgewendet werden, um die Sünden gut zu machen, die ein habgieriges Geschlecht, um weniger Groschen willen, begangen. Gar manchmal ist der Nachtheil ein bleibender und die Landwirthschaft sinkt von Generation zu Generation. In Griechenland, in Unteritalicn und Sicilien, in Spanien und Portugal sind nur noch 9 Procent Waldungen zu finden; manche wichtige Stelle kann auch mir dem größten Aufwande nicht mehr bestockt werden, und mit dem Walde stirbt immer mehr die Tragkraft des Bodens. Bayern gehört noch zu den bestbcwaldeten Ländern Europas; allein viele seiner Waldungen leiden unter Streu- und -Weide-Scrvitutcn und in den Privat-Waldungen sieht es zum Theil traurig und untröstlich aus. Es ist hohe Zeit, daß das Gesetz seine schützende Hand über den Wald ausstrecke. Dichtung und Tonkunst, Malerei und Baukunst in den gothischen Domen haben das Lob des Waldes gesungen, seit eS denkende und fühlende Menschen gibt; die Pulse des frohen Menschen schlagen nie höher als Im Wald, Im frischen, grünen Wald, Im Wald, wo 's Echo schallt. * * * Schließlich wiederholen wir eine Notiz, welche wir unlängst aus Aegyptcn gebracht haben. Als Mchemed Ali das Nildelta mit 20 Millionen Bäumen zu bepflanzen be fahl, da zählte man dort im Jahre durchschnittlich 5—6 Regentage; seit jene Bäume zu ' Wäldern geworden sind, hat sich die Zahl der Regentage auf 40 vermehrt. 80 M i s e e l l e n. (Hausmittel gegen Husten.) Bei allen Dingen muß man stets auf die Grundursache zurückgehen, um das richtige Mittel zur Abhilfe zu finden. Nun entsteht Husten in der Regel nach crfolgtcr Erkältung, d. h. wenn die durch die äußeren Hauttheile stattfindende Ausdünstung gestört wurde, und daher die Theile, welche dort auS- trcten, auf der inneren Hauptfläche, auf Luftröhre und Lunge, einen Ausweg suchen, und hier eine Entzündung, niit oder ohne Schleimabsonderung, (feuchter, trockener Husten) hervorrufen. Husten und Schleimabsonderung ist aber hiervon nicht die nothwendige Folge. Im Gegentheil ist hiczu noch etwas Anderes nöthig, nämlich die Einwirkung irgend eines Reizes (einer Schädlichkeit) auf die entzündeten Theile. Einen solchen macht die Luft, besonders die kalte, und vornehmlich während des Schlafes. Athmet man daher nur milde, warme Luft, so ist der Husten rasch beseitigt, und die Entzündung legt sich in Kurzem auch, wenn man die Ausdünstung durch warme Kleidung, Reiben der Haut, Hollundcrthce u. a. bekannte Mittel wieder herstellt. In ersterer Hinsicht ist das einfachste Mittel, Mund und Nase, namentlich während der Nacht, mit Flanell (gleichsam einem Maulkorb von demselben) zu umbinden. Indem die ausgeathmete Luft durch denselben gehen muß, wird er erwärmt und sammelt sich innerhalb eine warme Luftschicht. Die eingcathmcte aber wird beim Durchgang durch denselben ebenfalls erwärmt, und noch mehr, indem sie sich mit der dort befindlichen warmen Luft vermischt. Der hustcnerregcnde Reiz ist daher beseitigt, da die cingeathmetc Luft wärmer ist und ärmer an Sauerstoff, also milder. In zwei Fällen hat dies Mittel dem Einsender dieses überraschend schnell, d. h. schon in einer Nacht geholfen. In einem ging der Husten von der Lunge aus, mit SchlcimauSwurf, im andern in Folge eines prickelnden Reizes an der Luftröhre, der nur durch schwaches Hüsteln für ein Paar Minuten gehoben wurde, aber immer durch das Einathmen wieder entstand, — und die ganze Nacht nicht schlafen ließ. _ (Lcbensregel eines Seilers an seinen Sohn.) „Merke auf, mein Sohn, auf die Lehren, die ich dir auf die Wanderschaft geben will, und beherzige sie! Weiche nie ab vom Pfade der Tugend, denn nichts ist so fein gesponnen, cS kommt an's Licht der Sonne, und ein Galgenstrick nimmt selten ein gutes Ende. Wenn dich das Schicksal auch manchmal durchhechelt, so verliere nie den Faden deiner Geduld, s-lbst wenn alle Stricke reißen sollten; aber auch im Glücke sei nicht übermüthig, und Hause niemals über die Schnur! Laß dich nie am Narrenseile herumführen und sei stets kurz angebunden! Halte dich fern von allen politischen Wirren, daß du nicht in arge Vcr- Wicklungen geräthst, denn sei eingedenk, daß du als Seiler stets rückwärts gehen mußt. Wenn dich böse Buben umgarnen wollen, so folge ihnen nicht, sondern halte sie dir mit einem derben Tauende vom Leibe. Sei auch stets auf Ordnung bedacht, daß Alles — was du thust, am Schnürchen geht. — Und so leb' wohl, mein lieber Sohn, und nimm meinen Segen mit und den väterlichen Wunsch, daß dein Lebensfaden sich abspinnen möge ohne Knoten!" (Ein abscheulicher Druckfehler.) Einen sehr fatalen Druckfehler enthält ein Leipziger Anzcigeblatt vom 12. Januar, indem da ein Wirth „Sauren Kinderbratcn mit Klößen" empfiehlt. (O dergleichen kommt mitunter auch bei uns vor. Anmerkung des Seper-Lehrlings.) Ein Freund nur bei Tisch will nur deinen Fisch, Ein Freund bei der Flasche leert auch deine Tasche. Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttler.