Nro. 11. 14. März 1869. Augsbnrgee Die Heimatb ist süß: wo man geboren ist. dünkt einem Luft und Wasser gut: wo sie »eine Sprache verstehen, ist mein Herz. Tieck. Die Entsagende«. (Fortsetzung.) Der Direktor erhob sich, mit starken Schritten durchmaß er das Zimmer, halblaute Worte vor sich hiumurmelnd. „Ja," sagte er, „so soll es sein. Sein Leben sei fortan eine Kette der Qual. — In den Leiden seines Sohnes sehe er die Strafe seiner Schändlichkeit. Und Nudolph willigt ein, deß bin ich gewiß, denn er ist stolz auf seinen Namen und liebt seinen Vater. Angelika," fuhr er laut zu seiner Nichte gewendet fort, „richte Dich auf, Thränen und Seufzer schicken sich schlecht für eine glückliche Braut, denn ehe acht Tage verstreichen, bist Du verlobt." „Sie sind grausam, Oheim," flüsterte Angelika, „habe ich solchen Scherz verdient?* „Bist Du verlobt jmit Nudolph von Duroy," — fuhr der Greis mit herbem Tone fort. Angelika erbleichte. „Und sprächen Sie Wahrheit," rief sie, „hätten Sie die Macht, den Zauber über Vater und Sohn — niemals würde ich mich Rudolph's Braut nennen, denn haben Sie auch die Macht, meine Jugend, meine Schönheit zurückzurufen?" „Wie?" fragte Fleischer erstaunt. „Und käme Nudolph freiwillig, ungezwungen, «nd böte Dir seine Hand, Du würdest sie zurückweisen? Und dennoch, sagst Du, liebst Du ihn?" „Eben weil ich ihn liebe, würde ich ihn zurückweisen," erwiederte Angelika fest. — „Soll ich sein ganzes Lcbensglück vernichten? Was soll der lebenöfrische Jüngling an der Seite einer alternden Frau? Was mit einer Greisin, wenn sich seine kräftigsten Manncsjahrr entwickeln? Und sänke er jetzt zu meinen Füßen und flehte um meine Hand, ich würde ihn zurückstoßen und starben." „Ich dächte, über die Jahre der Schwärmerei seiest Du hinaus," spöttele der Direktor. „Und gedenkst Du nicht des Neides der ganzen Stadt, wenn er, den zu besitzen die ersten Familien alle Mittel entfalten, zu Deinen Füßen liegt? Schwillt Dein Herz nicht bei dem Gedanken, die Macht zu besitzen, dem geliebten Jüngling ein. Leben ohne Sorge von Liebe gekrönt zu verschaffen? Beseligt Dich nicht das Gefühl, daß er Alles, Alles durch Dich erlangt, und wird nicht jeder Tag, — jede Stunde Eurer Ehe Zeuge Deiner freigebigen Liebe gegen ihn sein?" „Weh Ihnen, Oheim," flüsterte Angelika kaum hörbar, das Antlitz verhüllend. — „Sie versuchen mich!" „Und" — fuhr der Direktor, dessen Augen funkelten — fort, „und wer sagt Dir, daß Du nicht mehr im Stande bist, Gefühle der Liebe in Männerherzen zu erwecken! Haben die Jahre Dir das Geringste von Deiner körperlichen und geistigen Anmuth geraubt? Tritt hin vor den Spiegel und frage Dich selber: ob Du es nicht mit allen coquctten Zierpuppen der Residenz aufzunehmen vermagst? Und wer sagt Dir, ob Dein Nudolph nicht die vergängliche Schönheit der Jugend die der dauernden des Herzens .nachzustellen vermag." 82 Ein Zug unaussprechlichen Glückes belebte für einen Moment das feine Antlitz Angelika'«, aber sogleich kam sie zu sich. „Oheim," sagte sie sehr ernst, „was sollen Eure Worte? Entweder treiben Sie einen grausamen Scherz mit mir, indem Sie mir Unerreichbares malten, oder Sie haben eine tiefere Absicht, die ich nicht zu ergründen vermag. Oheim," fuhr sie fort, „vergaßen Sie, indem Sie diese Worte sprachen, daß Sie Rudolphs Vater tödtlichen Haß geschworen?" „Nie dachte ich mehr daran, als in jenen Augenblicken," erwiederte der Direktor. „Aber noch ist der Augenblick nicht gekommen, meine Absichten, meine Pläne Dir vor die Seele zu legen. Noch strömt und wogt es in mir w« ein brandendes Meer. — Geh' Angelika," fuhr er milder fort, „laß mich allein und gib Befehl, daß man anspanne." „Und wohin wollen Sie in so früher Morgenstunde?" „Wohin ich will? Zu Duroys und die Herren aus dem Bette holen!" rief der Direktor. Angelika wollte antworten, aber ein befehlender Wink ihres Oheims schloß ihr den Mund. Sie verließ das Zimmer; während der Direktor heftig erregt auf- und niederschreit. „Leonore," murmelte er, „ich halte mein Wort, um den Schwur zu erfüllen, den ich einst Dir geweiht, bereite ich auch das Unglück eines Mädchens, das ich liebe wie mein eigen Kind. Aber die Rache ist furchtbar, wie die sein sollte, die ich an deinem erkalteten Leichnam gelobte. Wie ein nagender Gewissensbiß stehe es täglich vor deinen Augen, daß durch deine Schuld dein Sohn entweder ein Bettler, der Sohn eines Fälschers oder ein Gegenstand des Spottes sein wird; denn Angelika'S bin ich sicher, Weib bleibt Weib, und jede wahre Liebe ist egoistisch." Festen Schrittes begab er sich nach seinem Zimmer und kleidete sich, denn eines Dieners bedurfte er nicht, in einen einfachen weiten Ueberzicher. Dann trat er an den Schreibtisch und einer Schieblade mehrere Papiere entnehmend, die er nebst dem Wechsel Lindcnau's in sein Portefeuille legte, stieg er langsam die Treppe herab, wo am Eingänge des Hauses der prunklosc Wagen seiner harrte. „Nach Schloß Duroy!" befahl er kurz, sich in die Ecke des Wagens werfend und nicht der erstaunten Miene des Kutschers achtend, womit dieser seiner Weisung nachkam. Aber er achtete auch nicht darauf, daß das bleiche Antlitz seiner Nichte vom Balkon verborgen seiner Abfahrt zusah. Ihr Antlitz war von Thränen überfluthet, rmd doch leuchtete eine selige Hoffnung aus ihren Mienen. So stand sie da, lange unbeweglich, bis der Wagen des Direktors ihren Blicken entschwunden war. Noch immer sang der Vogel sein lustiges Lied, aber ihr war zu Muthe, als sollte sie sterben, als drohe das Herz, seine Baude zu sprengen. Ihre Lippen murmelten ihr selbst unbewußt de> Namen desjenigen, dessen Bild ihre ganze Seele erfüllte. Rudolph hieß ihr Sein, Nudolph das Gebet, das sie brünstig zum klaren Morgcnhimmel emporsteigen ließ, voll von unendlichem Jubel, voll unendlichen Schmerzes. Während Direktor Fleischer seinen Weg dem Duroy'schen Schlöffe zu nahm, befand sich Vater und Sohn im Cabinettc des Ersteren, in tiefer, ernster Unterhaltung. Dem alteu Baron sah man auf den ersten Blick den Lebemann an. Trotz seines weißen Haares war sein Antlitz frisch und blühend, und seine Figur, die sich zur Corpulenz neigte, ungebeugt. Seine hellen blauen Augen blickten vertrauend und wohlwollend in die Welt, als seien dieselben ein Buch, woraus sich nur Angenehmes und Heiteres lesen lasse. Nicht so Rudolph. Von hoher Gestalt trug sein bleiches Antlitz, das dunkelbraunes seidenes weiches Haar umlockte, und dessen Farbe zart, wie das eines Mädchens erschien. 83 den Ausdruck eines geheimen Grames. Das dunkle Auge, das lange Wimpern beschatteten, blickte milde und seelenvoll, und die erhabene Stirn trug den Stempel höherer Begabung. Vater und Sohn schienen noch nicht zur Ruhe gegangen, denn Beide befanden sich noch in ihren festlichen Kleidern. Der Alte trug einen blauen Frack,, den goldene Knöpfe zierten; Rudolf ein einfaches schwarzes Habit über seine weiße Seidcnweste. Die Unterhaltung mußte von Wichtigkeit sein, denn das Auge Nudolphs war fest auf seinen Vater geheftet und mit der größten Spannung schien er seinen Worten zu lauschen. „Es ist, wie ich Dir sage, Rudolph," fuhr der Alte fort, „ich halte es für die höchste Zeit, daß Du an eine Heirath denkst. Dir steht die Wahl unter den ersten Erbinnen des Landes frei, Reichthum winkt Dir, verbunden mit Adel und Schönheit, also was zauderst Du? So viele der Mädchen habe ich Deinetwillen in den verflossenen Stunden in diesem Salon vereint, war denn Keine darunter, die Dein Herz zu fesseln vermochte." „Keine, mein Vater," erwiederte der junge Mann, „was sollen mir diese Puppen, deren Seele in ihren Roben, und deren Geist in ihren Coiffurcn steckt? Unter alleu Mädchen der Residenz gibt es nur eines, das dauernd mein Herz fesseln könnte, wenn sie nicht beinahe dem Alter nach meine Mutter sein könnte — Angelika Fleischer." Der Baron fuhr zusammen. „Wie kommst Du auf diesen Namen? Weißt Du nicht, daß der Direktor und ich gespannt sind, obschon ich nicht weiß, was ihn für Beweggründe treiben?" „Es war nur eine Bemerkung, mein Vater," erwiderte Rudolph. „Angelika allein gleicht jenem Mädchen, das mein Herz entflammte — und deren Erinnerung ewig ei» Traumbild für mich bleiben wird, unerreichbar und vergangen." Der alte Herr crschrack sichtbar. „Du liebst?" fragte er; „Dein Herz ist nicht frei und erst heute erfahre ich, Dein Vater, der kein Geheimniß für Dich hat, dessen einziges Glück Du bist, dies Geheimniß?" „Was sollt' ich eine Wunde vergrößern, die ich nicht zu heilen vermag," versetzte Rudolph. „Ja, magst Du es denn wissen, mein Vater, ich liebe, liebe einen Engel." „Und ihr Name, ihr Stand?" drängte der Alte. „Ihren Namen kenne ich nicht, ihr Stand war Gouvernante," erwiederte er leise. „Unglücklicher!" rief der Baron, „wir sind verloren, wenn diese Liebe mehr als eine bloße Phantasie sein sollte, denn ich kenne Deinen Starrsinn. Aber erzähle, erzähle," fuhr er fort. „Laß mich Alles wissen, zu Deinem, zu meinem Heil." „Es können zwei Jahre verstrichen sein," begann Rudolph, „als ich mich in Wiesbaden befand. Durch Ihre Güte, mein Vater, war ich in den Stand gesetzt, die geringste meiner Launen befriedigt zu sehen, und doch gab es Momente, wo ich dieser Eristenz müde ward, so glanzvoll sie auch dem Auge des Oberflächlichen scheinen mochte. Ich hatte Alles, was das menschliche Dasein zu schmücken vermag, und eben das Uebermaß machte mich unglücklich. Ich achtete keinen Fraucnwcrth, denn von allen Seiten kam man mir huldigend entgegen; für mich gab es keine Blume mehr, die ich pflücken mochte. So in trüben Gedanken versunken, wandelte ich eines Nachmittags durch ein dichtes Gehölz, meinen Unmuth, meine Hypochondrie dein Auge froher Genossen entziehend. — Alles war tief stille. Die Sonne sandte ihre letzten Strahlen durch das Grün, das sich zu beiden Seiten des Pfades, wie eine verschwiegene Laube über den Wanderer schloß. Die Vögel, ermattet von der Hitze deS Tages, waren verstummt, nur hin und wieder drang leise ein süßer Ton durch die Einsamkeit. Da vernahm mein Ohr plötzlich den Ton einer wundcrlicblichcn Stimme, wie ich sie noch nie gehört hatte. Es war keine Kunst, die aus jenen Lauten sprach, aber ein tiefes Gefühl wehte aus jedem Hauche, das mächtig zum Herzen drang. Neugierig folgte ich dem verführerischen Klänge, bis ich endlich an einen freien Platz des WaldcS gelangend, die geheimnißvollc Sängerin erblickte. Am Rande einer sprudelnden Quelle, das sein Plätschern harmonisch mit ihrem Gesangs^ 84 »erwischte, saß ein junges Mädchen von unendlich zarter Gestalt, in ein hochreichendes schlichtes weißes Gewand gehüllt. Bor ihr stand ein Knabe von vier bis fünf Jahren, eifrig beschäftigt, ihr Waldblumen zuzureichen, — die sie kunstvoll zu einem Kranze zusammen wand. „Die Scene, die sich meinem Auge darbot, war so lieblich, daß ich ungesehen von der Fremden, wie gefesselt stehen blieb. Nie hatte ich geliebt, das fühlte ich in diesem Augenblick, denn zum ersten Male klopfte mein Herz, als ob neue Lebenskraft in ihm erwacht — klopften hörbar meine Pulse. „So schön war mir noch nie ein Weib erschienen; — ein unbewußter Zauber der Jungfräulichkeit, fern von aller Coqucttcrie, lag über ihr ganzes Wesen verbreitet, und frei und unbefangen blickte ihr Helles blaues Auge aus dem zarten Antlitz, das von dicken, hellblonden Flechten umrahmt war. Ein Ausruf des Kleinen, der meine Anwesenheit bemerkt hatte, veranlaßte mich, näher zu treten. Erschrocken über die Gegenwart eines Fremden, erhob sich die schöne Sängerin, deren Wange ein hohes Noth überflog. „Verzeihen Sie meine Zudringlichkeit, mein Fräulein," begann ich schüchtern, „ich vergaß der Gegenwart und träumte von vergangenen Zeiten, wo noch die Waldfee den Jägersmann mit holder Stimme lockte in ihr ewig grünes Reich, und selbst jetzt, da ich Ihnen gegenüber stehe, ist dieser Zauber nicht entschwunden." „Er wird sogleich schwinden," versetzte das junge Mädchen schelmisch, „wenn Sie geneigt wären, einen Blick auf ihre Toilette zu werfen; ich zweifle, ob der Jäger der Sage sich jemals in Frack und Lacksticfcl zu den Füßen der Waldnymphe begeben hat." Der unbefangene Scherz gab auch mir meine Fassung tvicder. Ich näherte mich ihr, und ein Gespräch entspann sich zwischen uns. Die Minuten verflossen uns wie ein Traum, ich sah das Auge des Mädchens mit dem Ausdruck der Theilnahme auf mich gerichtet. Und ich ward wärmer und wärmer, ich schilderte ihr meine Vereinsamkeit, die Leere, die sich meines ganzen Daseins bemächtigt hatte. „Sie nennen sich unglücklich," fragte sie ernst. „Sie haben wahrscheinlich im Besitz der Erdengütcr Ihre Kräfte im Genusse erschöpft, haben Sie aber auch kein Gefühl, keine Kraft mehr für die Zahllosen, die der Hülfe bedürfen? Die Kreise, in denen Sie sich sonst wohl fühlten, widern Sie an, sind Sie aber auch schon hinabgestiegen in die Kreise der leidenden Menschheit? Gehen Sie hin, mein Herr, und wenn Sie die erste Thräne des Unglücks getrocknet haben, dann will ich Sie wieder fragen, ob das Leben noch ohne Reiz sür Sie ist. Ihr Dasein langweilt Sie, weil Sie es nicht zu verwenden wissen. Widmen Sie der Menschheit die geistigen Fähigkeiten, die Sie bis jetzt in nutzlosen Schnörkclcien vergeudet, und Sie werden das Dasein segnen, statt es wie eine Bürde zu betrachten." Noch nie hatte das Wort eines Mädchens einen solchen Eindruck auf mich hervorgebracht. Mein Herz erlag dem Zauber, ich sank zu den Füßen der Fremden. „Ja," rief ich, „wohl fühlt meine Seele, wie recht Du hast, ja, die Ahnung eines neuen Lebens dämmert vor meiner Seele auf. Aber nur an Deiner Hand will ich die ver- hängnißvolle Schwelle überschreiten; Du sollst die Führerin sein, die mich leitet. Mein sei, himmlisches Mädchen, und wärest Du arm und niedrig, — Dein Herz adelt Deine Geburt. Ich bin der Baron Rudolph —" „Nicht weiter!" unterbrach mich das Mädchen. „Ich will keinen Namen wissen. Wie, Herr Baron, in unbegränztcm Leichtsinn wollen Sie die Minute einer romantischen Stimmung über Ihr ganzes LebcnSglück entscheiden lassen? Nimmer darf ich Sie hören, nichts soll mich bestimmen, meinen einfachen Namen, meine Armuth an ein edles hoch- geborenes Dasein zu knüpfen. Denn ich bin arm, bin Gouvernante dieses Kindes." Betäubt schwieg ich einen Moment. Das Bild meiner Eltern trat vor mein« Sinne. Ich kannte den Werth, den Sie, Vater, und vorzüglich die verstorbene Mutter 85 auf den Adel legten und stumm und rathlvs stand ich da. Die kindliche Pflicht kämpfte mit der Leidenschaft des Moments. Das Mädchen näherte sich mir, den Knaben an der Hand, — wie zum Fortgang gerüstet. „Warum beschwören Sie den Zauber des Waldes?" sagte sie sanft, indem eine glänzende Thräne in ihrem Auge zitterte, „die meisten Mährchcn enden traurig. Der Traum ist vorbei, —- und die kalte Wirklichkeit tritt in ihre Rechte. Lasten Sie uns scheiden, und wenn der Strudel des Badclebens uns zusammenführt, so wollen wir nicht dieser Augenblicke gedenken, denn sie waren heilig, eine profane Erinnerung würde sie entweihen." „Kann die Erinnerung an Dich jemals aus meiner Seele schwinden?" — rief ich glühend. „O sage mir Deinen Namen, daß ich ihn tief im Herzen tragen kann, wie einen süßen Talismann, wenn nur —" „Ich heiße Angelika!" — flüsterte das Mädchen kaum hörbar. „Leben Sie wohl, Herr Baron." „Angelika!" wiederholte ich glühend, „ja ein Engel warst Du für mich, mein guter Engel sollst Du ferner sein." Da klangen Tritte durch den Wald, ein Geräusch von Stimmen ward laut, das jnnge Mädchen verschwand mit dem Knaben und ich blieb allein eine Beute der wechsel- vollsten Empfindungen. Aber nur zu bald ward ich zu neuer Thatkraft empor gerüttelt. Mir galten die Stimmen, man suchte mich an allen Enden, und hier endlich an der Stätte, wo ich das wahrste, reinste Glück des Lebens genossen hatte, traf mich Ihre Botschaft, die mich an das Sterbelager der Mutter rief." „Und sahst Du sie niemals wieder?" fragte der Baron, der mit sichtbarem Interesse der Erzählung seines Sohnes zuhörte. „Niemals!" erwiederte der junge Mann. „Der Verlust meiner geliebten Mutter beugte mich so schwer darnieder, daß ich keinen anderen Gefühlen, als denen der Trauer in meinem Herzen Raum zu geben vermochte. Und als endlich die Erinnerung an Angelika, die nie ganz verschwunden war, aufs Neue in mir erwachte, war jede Spur des Mädchens verschollen, man kannte nicht einmal ihren Namen, denn die russische Familie, in deren Begleitung sie Wiesbaden besuchte, hatte noch am selben Tage meiner Abreise, durch ein Familien-Ereigniß gezwungen, das Bad verlassen. Aber seit jener Stunde, wo ich zum ersten Mal wahrhaft lieben gelernt hatte, wuchs mein Vorurtheil gegen jene Frauen, die durch Manirirtheit und Coguctterie um die Gunst der Männer buhlen. Einer nur gehört mein Herz, wenn ihr auch niemals meine Hand gehören darf." (Fortsetzung folgt.) Verzeihe! Der Tod stürmt oft in's Haus hinein. Klopft nicht an's Thor erst sacht: Wer Abends noch des Lebens froh, Kann sterben über Nacht. Und hat Dich einer schwer betrübt, Sollst Du ihm doch verzeih'n. Es breche über Deinem Zorn Der Abend nicht herein! Gar Manchem ward das Sterben schwer. Der nicht mehr konnt' verzeih'n: Den Groll in Deinem Herzen nimm Nicht mit in's Grab hinein! 86 F. M.-L. Härtung. ^ Wien, Anfangs März. Zu den populären Persönlichkeiten Wiens gehört auch der so eben pensionirte F.-M.-L. Härtung. Ganz besonders ist er bei den stets vppositionssüchtigen „deutschen Parisern" in der Hauptstadt gestiegen, seitdem er seine Demission genommen. Warum es so ist, das würde mir wohl kaum Jemand hier erklären können; genug, es ist so und man beginnt bereits die Epochen des tapferen Kriegers zu singen: So wird der folgende, in der That ehrenhafte Charaktcrzug desselben hervorgehoben: Als Oberst hatte Härtung einen Lieutenant beim Exercieren etwas barsch zurechtgewiesen. Den Offizier kränkte die vor dem ganzen Regimcnte erlittene Beschämung. — Nach dem Einrücken warf er sich in die Gallauniform, eilte zu seinem Obersten und bot ihm einen Ausgleich der Affaire durch ein Säbel-Duell an. Härtung betrachtete den ^ jungen Offizier mit einem durchdringenden Blick und sagte nichts, als: „Erscheinen Sie nächsten Sonntag beim Negimcntsrapport!" Der Offizier salutirtc und ging; er dachte nicht anders, als man werde ihm Arrest diktiren, weil er mit kühner Hintansetzung aller Reglemcnts-Vorschriftcn und Traditionen gewagt hatte, den höchsten Vorgesetzten im Regiment, der früher in Oesterreich das xouvoir eines Halb - Souveräns, z. B. das jus Alnckü besaß, wegen einer Aeußerung im Dienst zum Zweikampf zu fordern. Am Tage des Regiments - Rapport erschien Oberst Härtung, geschmückt mit den Ehrenzeichen, welche er durch persönliche Tapferkeit erworben hatte. Der Lieutenant trat vor seinen Oberst, salutirte und machte sich darauf gefaßt, sein Vergehen in scharfen Worten rügen und eine Strafe dictircn zu hören. In der That blickte der Oberst grimmig genug dem Subalternen in die Augen, dieser hielt den Blick ruhig aus. Dann nahm Härtung eine freundliche Miene an und sprach: „Meine Herren, ich habe in der Hitze den Herrn Oberlieutcnant beleidigt; ich bitte den Herrn Oberlieutcnant um Verzeihung" — und dabei reichte er dem freudig erstaunten Offizier die Hand. General Kleiumichel. I Vor Kurzem lief dnrch die Zeitung die einfache Notiz: General Kleinmichel ist in Petersburg gestorben. Ich habe nirgends einen ausführlicheren Nekrolog dieses Mannes gelesen und dennoch gehört er zu den bekanntesten Persönlichkeiten vom Hofe des Czaren Nikolaus. Kleinmichel war ein Liebling des Kaisers, und wußte sich namentlich durch seinen stummen und unbeschränkten Gehorsam diese Gunst zu erhalten. Als der russische Ministerrath den Bau der Bahn von St. Petersburg nach Moskau beschlossen hatte, legte man dem Czaren den Plan der Ingenieure vor, und bat ihn, die Oerter zu bezeichnen, durch welche er dieselbe geführt haben wünsche. Nikolaus nahm, ohne ein Wort zu verlieren, die Karte in die Hand, tauchte einen Finger in ein Tintenfaß, Zog sodann eine gerade Linie von Petersburg nach Moskau, und sprach zu den erstaunten Ingenieuren: „So wird die Bahn ausgeführt." „Aber," — riefen diese, „dieß ist unmöglich! Ew. Majestät werden Niemanden finden, der sich einer solchen Arbeit unterziehen möchte: das hieße einen Schatz in eine Wüste legen!" „Niemand sollte sich dessen unterziehen, wenn ich es befehle!" — rief Nikolaus. „Wir-werden gleich sehen." Und als er Kleinmichel m einer Ecke entdeckte, sprach er: „Kleinmichel, Du siehst diese Linie?" „Ja, Sire!" „Es ist dies die Linie einer nmen Eisenbahn, — welche ich in meinem Reiche anlegen will." „Sire, sie ist großartig!" „Du findest? Du übernimmst also die Ausführung meiner Befehle?" „Mit Entzücken, Sire, wenn es Ew. Majestät befiehlt. Aber die Mittel — dtt Mittel! ..." „O, keine Sorge darum. Fordere so viel Geld, als Du brauchen wirst." Und indem er sich an die Ingenieure wendete: „Nun wohl, Ihr sehet, daß ich Eurer nicht bedarf. Ich werde meine Eisenbahn selbst bauen!" Die Ausführung dieses Baues dauerte zehn Jahre. Man wich keinen Zoll von der Linie, welche die Hand des Czaren gezogen hatte; man ließ Nowgorod, Twer und eine Menge anderer wichtiger und reicher Städte in der Entfernung von mehreren Meilen bei Seite und führte die Bahn mitten durch Sümpfe, durch Wälder und unermeßliche Steppen; 700 Kilometer kosteten Rußland 400,000,000 Franks, — etwas mehr als eine halbe Million für den Kilometer, — von welcher Summe der gehorsame Kleinmichel natürlicher Weise seinen gnten Theil nahm. Nikolaus aber behielt das Recht, zu sagen, „daß ihm Nichts unmöglich sei." Einige Wochen nach der Einweihung dieser Bahn kam ein türkischer Botschafter in Petersburg an. Man zeigte ihm alle Sehenswürdigkeiten. Der Türke vcrläugnetc seine orientalische Würde durch kein Zeichen der Bewunderung oder des Erstaunens. Da fragte der Czar den Fürsten Menzikow: „Was könnte man ihm denn zeigen, um ihn in Erstaunen zu versetzen?" „Die Rechnungen des Generals Kleinmichel für die Nikolaus-Bahn," antwortete der Fürst lachend. Einige Tage später entspann sich ein Streit zwischen Menzikow und Kleinmichel. Der General schlug eine Wette vor. „Mit Vergnügen," antwortete Menzikow, „und zwar niag der Einsatz folgender fein, wenn es Ew. Excellenz beliebt: Wer die Wette verliert, soll auf Kosten des Gegners nach Moskau reisen, und zwar auf der Bahn, deren Lau Ew. Excellenz so eben vollendet haben." „Was soll dieser Scherz bedeuten?" frug der Kaiser. „Das ist sehr einfach, Sire. Die Bahn ist in der Weise angelegt, daß man fast sicher ist, daselbst das Genick zu brechen; wir setzen also bei dieser Wette unser Leben aus's Spiel." Der Czar lachte sehr, — und Kleinmichel aber schlug die Wette aus. Nun ist er freilich auf einem anderen Wege in's Jenseits hinübergefahren ot reczuiesoat in pacot Das englische Oberhaus. Wie cS im Beginn einer Session Regel ist, hat auch diesmal das Oberhaus die amtliche Liste (roll) seiner Mitglieder veröffentlicht. Dieser zufolge beherbergt es gegenwärtig 470 Peers, darunter die englischen Bischöfe (mit Ausnahme des neu erwählte» für Lincoln), die vier Repräsentativ - Prälaten Irlands, 28 irische und 15 schottische Peers. An der Spitze der Liste steht der Prinz von Wales, der in seiner Eigenschaft als Herzog v. Cornwall einen Sitz im Oberhaus hat; ihm zunächst sein Bruder, der Herzog v. Edinburgh, dann der Herzoz v. Cumberland (in einer Parenthese als „König von Hannover" aufgeführt) und der Herzog v. Cambridge, Oberbefehlshaber der Armee. Auf diese folgen gemäß ihrem Rangvortritt der Erzbischof von CantcrburY, der Lord- 88 Canzler, die Erzbischöfe von Dork und Dublin, der Conseils - Präsident Graf de Grey, und der Geheimsiegelbewahrcr Graf v. Kimberlcy. Erst nach diesen werden die Herzoge aufgezählt. Es sind ihrer 20 an der Zahl, darunter der älteste im Rang der Herzog v. Norfolk, und der jüngste der Herzog v. Clcveland. Die Zahl der Marquis beträgt gleichfalls 20, die der Grafen (Karls) 127; unter letzteren ist der erste dem Altersrange seines Adels nach der Graf v. Shrewsbury, der zweite der Graf v. Derby, die zusammen mit dem Herzog v. Norfolk das einzige Trio direkter männlicher Abstammung in den höchsten Graden der Pairie aus der Zeit vor Heinrich VIII, bilden. Nach den Grafen kommen die Discounts, nach diesen die Bischöfe, undz schließlich die Barone. Letztere (234) bilden die Hälfte des Oberhauses, während die geistlichen Peers (29) den fünfzehnten Theil desselben ausmachen. Den ältesten Baronenstammbaum besitzt der Lord de Ros, besten Pairie — allerdings in der weiblichen Linie — von der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts datirt. Neun von den Baronen sind Katholiken. Miseellen. Das Gehirn des Menschen. (Nach den Studien von L. B. Davie, Fredmann und Morton.) Das Gewicht der Gchirnmaste der Europäer wechselt zwischen 1,425 und 1,245 Grammen, und ergibt ein Mittelgewicht von 1,328 Grammen. — Deutsche Gehirne wiegen 1,425, englische 1,389, französische 1,353, romanische 1,303, das der Zigeuner 1,245. — Bei dem größten Theile der asiatischen Racen ergibt sich eine bedeutende Minderheit des Gewichtes. Das Mittel dort betrügt 1,253 Gramme. Stämme, die das.Hymalaya-Gebirge bewohnen, erreichen das Mittel von 1,304 Gr. Chinesische Gehirne wiegen 1,357 Gramme, also etwas mehr als die französiscche Das der Neger hat im Allgemeinen zwischen 1,313 —1,249 Gramme. Einige Gegenden Südäfrika's bieten merkwürdige Contraste dar. Koffern haben 1,365 Gramm., währcud die Buschmänner nicht das mittlere Gewicht der anderen Neger überschreiten. In Amerika vom Norden angefangen, hatte das Gehirn der Eskimo 1,213 Gramme. Barbarische Stämme haben nur 1,214 Gramme. Bei den Caraiben, den ersten Bewohnern der Antillen, steigt es noch tiefer herab bis auf 1,199 Grammen. Ein amüsantes Experiment aus dem Gebiete der Physik empfiehlt der Pariser „Kosmos." Man deckt nämlich eine ziemlich große Glasglocke voll atmosphärischer Luft auf Wüster und führt langsam einen Strom von mit Wasserstoffgas geschwängerter Luft durchs Wasser in den hohlen Raum. Das Resultat ist nicht eine plötzliche Explosion, sondern eine Reihe leichter Entladungen, welche innerhalb des Glockenraumes Curven beschreiben. Der Effekt ist aber besonders brillant im Dunkeln, weil die aufsteigenden und sich entladenden Gasblascn wie Blitze leuchten-und es aussieht, als habe man eine Glasglocke voll lebendiger Fcucrfliegen. (Farbcnwcchsel der Blumen.) Zu den interessantesten chemischen Veränderungen der Pflanze gehört ohne Zweifel die künstliche Veränderung der Farben der Blumen durch Zuführung gewisser Stoffe in die Wurzeln derselben. Vermengt man mit der Erde, in der sie sitzen, mitHolzkohlen-Pulvcr, so werden die Blumen der Georginen, Rosen, Nelken :c. viel dunkler und gefüllter. — Kohlensaures Natron färbt die Kelche der Hyacinthen roth, Eiscnstaub färbt sie blau und violett; phosphorsaures Natron verändert die Blumcupracht anderer Gartenpflanzen auf die verschiedenste Weise, je nachdem ihre frühere Farbe gewesen. Druck, V-rtag und Redaction dcS Liierarischen Instituts t>on I)r. M. Huttlcr.