21. März 1869 Nro. 12. § Die Staude bringt dem Menschen seine Tbat; Den nächsten Schritt allein thu immer richtig! Die nächste That allein thu immer gut! Das Gute nur zu thun gedenke immer, So meidest du auf bestem Weg das Böse. D. Scheser. Die Entsagenden. (Fortsetzung.) Eine lange Pause entstand; das Antlitz des alten Herrn verfinsterte sich zusehends, und ein tiefer Seufzer entwand sich seiner Brust, als Rudolph geendet hatte. „Höre mich an, mein Sohn," begann er endlich, „nicht länger will ich die Stunde verschieben, um Dir offen zu ,enthüllen, was seit lange mein Herz bedrückt. Rudolph, wenn ich Alles aufbiete, den Glanz unseres Hauses aufrecht zu erhalten, um Dich mit einer reichen Erbin zu vermählen, so treibt mich dazu die Liebe zu Dir, die Sorge um Deine Zukunft." „Meine Zukunft?" — wiederholte der junge Mann erstaunt. „Bin ich nicht reich genug, mein Nater, um, wenn Ihr einst (was Gott noch lange verhüten möge) Euer Auge geschloffen, eine Bkitgift entbehren zu können?" „Nein!" versetzte der Baron herbe. „Bermagst Du nicht mit den Millionen einer Gattin den Schein zu wahren, so bist Du ein Bettler, sobald dies Auge bricht." Rudolph fuhr empor, sein Antlitz war leichenblaß. „Großer Gott," stammelte er, „was soll das heißen?" „Zürne mir nicht, Rudolph," flehte der Baron, „jetzt, da endlich das Wort ausgesprochen, das Jahre lang wie ein drückender Alp auf meiner Seele gelegen, jetzt sollst Du Alles erfahren." „Arm," — murmelte Rudolph, das Haupt in die Hände verbergend, „entsetzlicher Gedanke!" „Schon bei dem Tode meines Vaters," begann der Baron, „waren die Finanzca unseres Hauses zerrüttet. Dennoch aber hoffte ich, den Glanz, den unsere Familie seit Jahren behauptet hatte, aufrecht erhalten zu können; denn Deine Mutter war die einzige Erbin eines alten Oheims, der unv'crmahlt und Millionen reich war; da wollte ei« böser Dämon, daß dieser Greis sich in seine Haushälterin, eine schlaue raffinirte Person — verliebt, und ihr seine Hand reicht nebst seinen Millionen. Wir waren betrogen. Der Gram über dieses Unglück brach Deiner Mutter das Herz. Um Dich wie ein Edelmann zu erziehen, hatte sie ihre Brillanten, ihr ganzes kleines Vermögen geopfert, und wir legten uns ungesehen von der Welt manche kleine Entbehrungen auf, um es Dir an nichts mangeln zu lasten." „Und nennen Sie das Liebe, Vater?' rief Rudolph. „Warum ließet Ihr mich blind dahintaumcln, warum leitetet Ihr mich nicht an, mir die Fähigkeit zu erwerben, selbstständig dazustehen und Euch eine Stütze zu sein?" „Weil Du ein Edelmann bist, mein Sohn," erwiederte Dnroy stolz und das Wort „verdienen" keinen Sinn für uns hat. Und es wird uns auch ferner Nichts ermangeln, wenn Du meinem Rathe folgst. Vergiß Deine phantastischen Träumereien mrd 90 Übe der Wirklichkeit. Was nützt in der jetzigen Zeit des Materialismus die Romantik? Das Gold ist die Losung von Hoch und Gering, darum greif zu, Nudolph, so lang es noch Zeit ist, greife zu, ehe das mühsam gestützte Haus über unseren Häuptern zusammenbricht, und uns unter seinen Trümmern begräbt. Der junge Mann dachte lange sinnend nach. „Und wenn Du mit dem Verkaufe unseres Hauses, unseres Gutes Deine Rückstände decktest, mein Vater," fragte er, „glaubst Du, daß sich so viel erübrigen ließe, Dich wenigstens für die erste Zeit vor dem Mangel zu schützen?" „Welche Gedanken, Nudolph?" rief der Alte erstaunt. „Wie, ich soll mich von meinem Gute trennen, mein Staub soll auf fremden Boden ruhen? Nimmermehr! — Und gesetzt, ich wäre schwach genug, Deinen überspannten Anschauungen Gehör zu geben, was wolltest Du in diesem Falle beginnen?" „Arbeiten!" antwortete Rudolph mit festem Tone. „Nicht umsonst eignete ich mir manches Wissen an, ich halte es weniger für eine Schande, wenn ein Baron Duroy im Bureau eines Advokaten oder im Comptoir eines Kaufmannes seinen Lebensunterhalt' erwirbt, als wenn er sich in den Händen eines notorischen Wucherers weiß." Der Baron erbleichte. „Du wirst nicht zu Lindenau gehen," unterbrach er Ihn heftig. „Ich werde die Wechsel selbst einlösen, sobald es Zeit ist. Nun noch eines — mein Sohn — versprich mir, mir nicht zu zürnen. Was ich that, glaubte ich zu Deinem Besten zu thun, — für Dein Wohl würde ich selbst vor keinem Verbrechen zurückbebcn." Der junge Mann warf sich in die Arme seines Vaters, und die Thränen beider Männer vermischten sich mit einander, einer das Unglück des andern beweinend. Da klopfte es leise an die Thür des Cabinettcs, der Kammerdiener des alten Herru erschien auf der Schwelle. „Der Herr Gerichts-Dircktor Fleischer wünscht den Herrn Baron Leopold von Duroy zu sprechen," meldete er. Der alte Baron ward blaß wie der Tod. „Fleischer?" — stammelte er, „großer Gott, zu dieser Stunde? Hast Du auch recht gehört, Joseph! — Fleischer, Gerichts- Dircktor Fleischer!" „Gcrichts-Direktor Fleischer," bestätigte der Diener, wie es schien, über diesen unerwarteten Besuch erstaunt. Der Alte gab ein Zeichen, den Gemeldeten hereinzuführen, keines Wortes mächtig, sank er in einen Sessel nieder. „Vater," flüsterte Nudolph, nicht minder bleich als er, „was bedeutet Dein Erschrecken? Uebt der Name oder das Amt des Mannes diese furchtbare Wirkung auf Dich aus?" Aber noch ehe der alte Herr erwiedern konnte, öffnete der Kammerdiener ehrerbietig die Flügelthür und Fleischer erschien am Eingänge des Gemaches. Auf seinen Sohn gestützt, schritt Duroy ihm entgegen, ein stummer Wink seiner Hand lud ihn zum Nähertreten ein. Mit scharfem Auge musterte der Direktor die Züge des Greises, dann flog sein Blick zu Rudolph, der ihn bescheiden, aber fest erwiderte. „Sie erwarteten mich nicht zu solch' früher Stunde, Herr Baron," begann Fleischer endlich, „allein die Wichtigkeit der Unterredung, um die ich Sie zu ersuchen komme, — entschuldigt meine Unhöflichkeit. Doch ich sehe, daß ich die Stunde nicht paffend wählte," fuhr er bitter fort, „Sie scheinen nicht ganz disponirt zu sein, vielleicht noch etwas angegriffen von der gestrigen Fastnacht, Herr Baron von Duroy!" „Sie irren, Herr Gerichts-Dircktor, ich befinde mich so wohl, wie sich ein Mann in meinen Jahren nur befinden kaun," erwiderte Duroy. „Wir sind Beide keine Kinder mehr, auch Sie haben gealtert seit —" 91 „Vergangene Zeiten zurückzurufen, ist manchmal schädlich, Herr Baron, zumal wen» sich an diese Zeiten unangenehme Erinnerungen knüpfen. Reden wir von der Gegenwart," — unterbrach ihn der Direktor scharf. „Doch möchte ich Sie bitten, mir einige Augenblicke Gehör ohne Zeugen zu gewähren." Rudolph verließ schweigend das Zimmer, nachdem er einen Blick des Bedauerns auf seinen Vater geworfen hatte. Die beiden Herren saßen stumm in ihren Sesseln einander gegenüber, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. „Robert," flüsterte der Baron endlich, die Arme ausbreitend, — „kommst Du al- Freund oder als Feind?" „Mein Name ist Gerichts - Direktor Fleischer, Herr Baron von Duroy," erwiderte Robert eisig kalt, „Geschäfts- oder Gerichts-Angelegenheiten haben weder mit Freundschaft oder Feindseligkeit das Geringste zu schaffen." „Immer noch der Alte," klagte Duroy, „kannst Du denn nie, niemals vergessen?" „Haben Sie schon einen Mann gekannt, Herr Baron," fragte Fleischer, „der vergessen kann, daß einst ein Elender ihn um das ganze Glück seines Daseins betrog. —> Aber gleichviel, ich bemerke, daß meine Anwesenheit in uns Beiden peinliche Gefühle erregen muß — und will mich daher kurz fassen, um derselben so bald als möglich ei« Ende zu machen." „So gehen wir denn zum Geschäftlichen über," seufzte Baron Leopold, nicht ohne den Ausdruck innerer Angst, „welcher Angelegenheit habe ich Ihre Gegenwart in meinem Hause zu danken?" Der Direktor zog sein Portefeuille aus der Tasche und zog die Wechsel bis auf de» letzten gefälschten hervor. „Sie haben sich in wiederholten Geldverlegenheiten an Lindena« gewandt," sagte er langsam, „und nicht im Stande, Ihre Wechsel zur Verfallzeit einzulösen, suchten Sie um Prolongation derselben nach, die der Wucherer, der einem Baron Duroy nichts abzuschlagen vermochte, auch bereitwillig gewährte. Indessen braucht der Mann selbst sein Geld nothwendig, und da er einerseits von Ihrer Seite nicht auf Bezahlung rechnen durfte, anderseits sich aber auch scheute, gewaltsame Mittel gegen eine« Edelmann zu gebrauchen, so wandte er sich an mich und die fraglichen Wechsel sind jetzt mein Eigenthum." Leopold seufzte tief auf, die düstersten Bilder zogen au seiner Seele vorüber. „Ich benachrichtige Sie, Herr Baron von Duroy," fuhr Fleischer fort, „daß ich stets baares Geld Papieren und Versprechungen vorziehe, und hoffe binnen acht Tagen die Wechsel eingelöst zu sehen, widrigenfalls ich Ihr Haus und Schloß gerichtlich verkaufen lasse." Duroy schien ihn nicht z« hören, sein Auge heftete sich starr und gedankenlos auf den Redenden und seine Arme hingen schlaff zu beiden Seiten der Sessellehne hernieder. „Habe Gnade, Robert," flüsterte der Baron, „ich kann nicht zahlen, mein Gut ist mit Hypotheken belastet, mein Haus verpfändet!" „Eben weil mir dies bekannt ist, — dringe ich auf mein Geld," — erwiderte Fleischer ruhig. „Und wo soll ich enden," — rief Leopold verzweifelt, „wenn Ihr mir die letzte Stätte nehmet?" „Im Zuchthause!" antwortete der Direktor eisig kalt. „Im Zuchthause als Fälscher." Dieser Schlag war zu viel für den Greis, wie eine Maschine glitt er von seinem Sessel herab zu den Füßen seines ehemaligen Freundes. „Robert!" flüsterte er, „tödtc mich, aber entehre mich nicht!" Vielleicht zum ersten Mal seit Jahren bewegte ein Lächeln die ehernen Züge des Direktors. Mit dem Ausdruck des bittersten Hasses blickte er auf den vor ihm Anicendeu nieder. 92 .Schmettert Sie das Wort .Zuchthaus" nieder, Herr Baron?" fragte er, .und doch waren Sie schuld, daß in seinen Räumen ein Wesen endete, das einst gut war wie eine Heilige, und erst sank, als Ihr Treubruch sie in Noth und Verzweiflung stürzte." .Wer? — großer Gott, sprechen Sie von Leonore!" stammelte Duroy vernichtet. .Ja, von Leonore!" donnerte Fleischer, „die Du bübisch um ihre Liebe betrogst, wie Du mich um meine Freundschaft hintergingst. Mitleid, Erbarmen forderst Du? — Gehe hin, zu Menschen, deren Herz weich ist, — unsere Rechnung ist abgeschlossen." „Leonore im Elend," — wiederholte Duroy, „o laß mich sühnen, was ich an ihr begangen!" „Zu spät, sie hat geendet!" entgcgnetc der Direktor, „keine Sühne für Dich mehr, «ls jenseits des Grabes!" Der Baron bedeckte mit beiden Händen sein Antlitz, ein ersticktes Schluchzen entwand sich seiner Brust. Fleischer trat näher, ein Anklang unbewußter Rührung durchzitterte seine Stimme. „Weine!" seufzte er ernst, „wohl, daß Du noch Thränen zu vergießen hast, mein Auge ist trocken und leer, wie der Brunnen, über den der Samum fuhr. Und doch, wie oft habe ich den Tag beweint, wo ich fest an Ihre Freundschaft, an Ihre Treue glaubte. Ich war damals ein armer Student der Rechte. Sie betrachteten die Universität als das Spielzeug eines Edelmannes. Ein Zufall ließ mich Ihnen während des Badens das Leben retten. Sie schwuren mir ewige Dankbarkeit, ich aber ewige Freundschaft — und mein Herz, das darnach dürstete, sich einem anderen Herzen anzuschließen, schaukelte sich auf Ihren Versprechungen, wie der sorglose Nachen auf den Wellen des treulosen Oceans. Wir hatten bald kein Geheimniß vor einander und eines Tages entdeckte ich Ihnen freudetrunken, daß ich liebe und Gegenliebe hoffen dürfe. Das Mädchen meiner Wahl, sie war ein Engel, Herr Baron, aber arm — Beide jung, sahen wir die Zukunft in den heitersten Farben vor unseren Blicken. Da rief mich die Aussicht auf eine Anstellung nach der Hauptstadt. Die Sache verzögerte, Wochen verstrichen, bis ich heimkehrte, glühend mich an die Brust des Freundes, in die Arme der Geliebten zu werfen. Da fand ich Sie an LeonorenS Seite; Sie, Herr Baron, und höhnend zischelte mir das Gerücht entgegen: „Du bist verrathen!" „Wuth und Gram zehrten an meinem Leibe; eine tödtliche Krankheit warf mich Monden lang auf das Schmerzenslager. Ich erstand vom Tode, Dank meiner Jugend- kraft, ein Jüngling an Jahren, ein Greis an Erfahrung und Lebensüberdruß. Ich forschte nach Ihnen, nach Leonoren. Beide waren fort, kein Mensch wußte, wohin Sie sich gewendet. Ich vergrub mich in meine Studien, die Ideale, die einst Freundschaft und Liebe in meinem Herzen eingenommen hatten, füllte jetzt die Arbeit aus. Mein Ruf nahm zu, aber meine Berühmtheit machte mir keine Freude; mein Vermögen vergrößerte sich, aber für wen sollte ich es verwalten? Mein Haar war grau geworden vor der Zeit, und mein Herz alt vor dem Alter. Und doch war die Erinnerung an sie — die ich einst so wahr und innig geliebt, nie aus meiner Seele geschwunden, wie ein Heilig- thum verehrte ich das Andenken Lconorens. Ich lebte allein und zurückgezogen; jeder Genuß des Lebens war mir fremd, bis meine Nichte Angelika nach dem Tode meiner Schwester, die einen reichen Kaufmann geheirathct hatte, in mein Haus zog, und mir gesellschaftliche Pflichten auferlegte. Zu gleicher Zeit berief mich das Vertrauen des Herzogs auf diesen wichtigen Posten, den abzulehnen mir die Ehre verbot. Ich kam hier an, ich hoffte Leonore an Ihrer Seite als Ihre Gattin zu senden; — ich fand sie im Lazareth des Zuchthauses, das ich bei meinem Amtsantritt noch am selben Tage meiner Ankunft iuspicirte. „Ja, Herr Baron von Duroy, im Lazareth des Zuchthauses fand ich das Mädchen, während Sie sich auf seidenen Kiffen wälzten und in toller Verschwendung Ihr Vermögen in prunkenden Festen verpraßten." 93 „Konnte ich das Entsetzliche ahnen?' rief der Baron, „ich hatte ja seit Jahre« keine Kunde von der Unglücklichen." „Freilich," erwiderte Fleischer, „sollte sie demüthig ein Almosen von dem Manne erbetteln, der sie schändlich verrieth? O hätten Sie, wie ich, aus ihrem Munde die Geschichte ihres Jammers vernommen, Sie rauften sich die letzten Haare aus dem Haupte «nd fluchten Ihrem geschändeten Dasein! „Schon nach wenigen Monden, während denen Sie sich mit dem Mädchen in einem Winkel der Schweiz begraben hatten, verließen Sie die Unglückliche unter dem Vorwande, die nöthigen Papiere zur Ehe zu besorgen. Sie wartete lange, Woche auf Woche, — Monat um Monat verstrich. Sie kamen nicht. Da raffte sie sich auf. Zu Fuß durchzog sie die Straßen, bettelnd fristete sie ihr Leben, aber ein starker heiliger Wille trieb sie vorwärts. Endlich laugte sie hier an. Sie klopfte schüchtern an Ihre Wohnung. Sie forschte zitternd nach Ihnen, aber Sie waren fort. Die Diener sprachen von einer großen Reise und wiesen hohnlachend die vermeintliche Bettlerin von der Schwelle. Des Tod im Herzen kehrte sie in ihre Herberge zurück. Todcsgcdanken erfüllten ihre Seele. Aber nein, sie durfte nicht sterben, durfte nicht mit frevelnder Hand ein zweites Leben vernichten, das sie unter dem Herzen regen fühlte. „Aber auch zu ihrer Mutter konnte sie nicht kehren. Der Gram um die Schande Leonorens hatte das Dasein der bejahrten Wittwe rasch geendet und Fluch und Höh» hätte die Tochter in der Heimat erwartet. Da beschloß sie zu arbeiten, — und in ein grobes Gewand gehüllt — mit verändertem Namen — diente sie als Magd bei reichen Bauern der Umgegend. „So verstrichen Jahre. Das Kind, — dem sie nach langen Schmerzen das Leben gegeben hatte, war langsam dahingesiecht. Elend und Noth hatten sein Dasein geendet.- Die Mutter aber ward schwächer und schwächer. Der Mangel zerrüttete ihre geistigen Fähigkeiten, verderblicher Umgang vollendete ihren Fall. So traf ich sie sterbend, im tiefsten Elend, und als ihr brechendes Auge auf mich zum ersten Mal nach Jahren mit aller Liebe, mit dem Ausdruck der tiefsten Neue ruhte, da war's mir, als sei Alles ein Traum gewesen, und für einen flüchtigen Moment zog Jugend und Hoffnung in mein Herz ein. Aber nur einen Moment; dann war es wieder still und leer, die Unglückliche hatte geendet; ein reiches, — blüthenvolles Leben lag geknickt und zerbrochen zu meinen Füßen. Geknickt und zerbrochen durch dich Mann," fuhr er mit steigendem Zorne fort, „wie Du mein Dasein vergiftet hast, und deßhalb trete ich jetzt hin vor Dir als unerbittlicher Richter und donnere Dir in's Ohr: Rache für mich, Rache für Lcouore!" (Fortsetzung folg:.) Bor der rechte« Schmiede. (ÄuL „Alte und Acuc Lsclt.") Folgende Thatsache, welche mir von dem bethciligten Bauern und Wirth Zapp von Movrlautern bei Kaiserslautern wahrheitsgetreu vor Jahren erzählt worden ist, verdient bekannt zu werden. Zapp erzählte sie mir in seiner biederen Westlicher Art wie folgt: Als nach dem „Durcheinander" vom Jahr 1849 die vielen Bayern in Läutern lagen, da kamen eines Sonntags von der Stadt aus eine Masse Soldaten. Viele hatten ihre „Bekanntschaften" bei sich, Einer auch eine Esther, ein Anderer eine „Vigelin." — Sie kehrten in meiner Wirthschaft ei», gingen in meinen Tauzsaal und machten sich mit ihren Mädelcheu mit Gesang und Tanz eine ganz anständige Sonntags-Plaistr. Gegen Abend bekamen's Einige in den Kopf und wollten Streit anfangen. Sie wurden aber bei Zeiten von den anderen entfernt. Nun liefen diese aus Neid und Zorn nach der 94 Stadt und zeigten dem Commandanten dort an, eS wär' Schlägerei bei mir unter de» Soldaten. Der schickte nun gleich eine starke „Patroille" und ließ die lustigen Gäste aufheben. Das wär' nun, wenn's auch auf falschen Bericht hin geschehen, für die Leute doch zu verschmerzen gewesen, denn sie hatten ihr Vergnügen gehabt und wären so wie so heimgegangen. Einige Tage darauf aber wurde mir vom Land-Commissär in Lauter» zugeschickt, daß ich wegen „unerlaubter militärischer Tanz-Unterhaltung, verbunden mit Cither, Vigelin und Rauferei" auf drei Jahre lang keinen „Spielzettel" mehr bekäme, und so wurde es auch gehalten. Das war für mich sehr hart, denn erst kurz vorher hatte ich mir einen kleinen kostspieligen Tanzsaal bauen lasten, den ich nun gar nicht benutzen durste. Ich ließ mir wohl für gutes Geld verschiedene Bittschriften an's Amt und an die Regierung machen, aber immer wurde mir der „Spielzettel" rundweg abgeschlagen. Da gab mir ein guter Freund, der Deputirte Hack aus Läutern, den Rath: Zapp, sagt' er, der König Ludwig ist jetzt wieder in der Pfalz, zu dem ging' ich an deiner Stell! Du erzählst ihm die ganze Sach', wie sie sich zugetragen hat, und wirst sehen, du kommst zu deinem Recht. — Das Ding ging mir ein paar Tag' im Kopf herum, endlich hab' ich mich entschlossen, — und machte mich auf den Weg nach dem Schloß Ludwigshöhe. Meinen Leut' aber verbot ich's, zu sagen, wo ich hin wär': Wenn's nichts nützt, dacht ich, soll dich doch auch Keiner auslachen. Mit der Eisenbahn geht's rasch vom Fleck und so war ich schon bei Zeit Morgens in Edenkoben. Ich kehrte im „Schaf" ein und erkundigte mich bei der „Wirths-Mamscll," die allein im Zimmer war, ob ich zum „König Ludwig Majestät" auf seinem Schloß droben kommen könnt', ich hätt' eine Bittschrift für ihn u. s. w. Wie ich nun so im Gespräch mit der Mamsell war, da kamen drei vornehme Herren in das Zimmer; ich hielt sie für geistliche Herren. — Dem Einen „pisperte" die Mamsell etwas, was ich nicht verstehen konnte, aber sie guckte mich dabei so „schattig" an, daß ich's merken konnte, sie spräche von mir. Da kam der Herr zu mir und redete mich gar freundlich an, woher ich käme und was ich hier z« schaffen hält'. Einmal angefangen, mußte ich ihm die ganze Sach' erzählen. Der Herr und seine „Kameraden" lachten an einem Stück, sie machten miv aber Muth und sagten, ich solle dem „.König Ludwig Majestät" nur Alles ungcnirt grad' so erzählen, wie ihnen, dann ging's gewiß gut. — Die Herren aßen dann noch ein wenig und gingen dann wieder fort, und ich machte mich bald nachher auch auf den Weg nach dem Schloß. — Als ich droben ankam und klingelte, da machte man mir das Thor so weit auf, daß man mit einem Hcuwagen hineingekonnt hätt', und führte mich in ein großes, schönes Zimmer zu einem „militärischen Herrn". Ich hätt' geschworen, es wär' der nämliche Herr, der mir d'runten so freundlich zugesprochen, aber in den militärischen Kleidern war er doch wieder anders. Ich machte ihm mein „Kümblement" und fragte ihn, wie ich ihn dann eigentlich „titteliren" sollt', General oder Adjutant? (So was hatt' mir das Mädel d'runten beim Fortgehen gesagt.) Sagen Sie nur Adjutant, sagt' er. Ich sag' ihm: Herr Adjutant! Sind Sie so gut und rufen mir den „König Ludwig Majestät" eiu Bischen heraus. Ich komme weit her und hab' „schlimme Affaire," und wollt' ihm nun die ganze Sach' erzählen, und ihn um ein gut Wort bitten beim alten Ludwig; da sagte er: Ihre Sach' ist mir nicht unbekannt; warten Sie hier, bis ich Sie rufe, und ließ mich allein. Bald hör' ich in der „Nebenstub" ein „Lachen und Kichern" von Manns- und Wcibsstimmen durcheinander. Die habcn's gewiß mit dir, dacht' ich, und wissen nicht, wie dir's ist. Ueber einmal ward's ruhig. Der Herr Adjutant kam heraus und winkte mir, und als ich zu ihm kam, drückte er mich grad' zur Thür hinein in die andere Stube. Ich stand vor'm König Ludwig Majestät! Vor 30 Jahren hatt' ich ihn gesehen, wie er mit seiner Frau im Rheinkreis auf'm „Einsiedet" zwischen Läutern und Landstuhl war. Ich hätt' ihn aber nimmer gekannt, er ist seitdem sehr alt geworden, aber doch noch „gerascht." Ich wölk' ihm 95 nun meine Bittschrift hinreichen, aber er führte mich auf ein „Kanncbctt" (Sopha), setzte sich neben mich und sagte: Erzählen, lieber Freund, erzählen! Ich sagte: Lieber König Ludwig Majestät! Ich hab' schlimme Affaire! Wegen einem Bischen militärischer Tanz- Unterhaltung mit einer unschuldigen Cither bekomme ich seit Jahren keinen Spielzcttel mehr — und nun erzählte ich ihm aus „freiem Herzen" Alles, wie's gegangen ist. — Der gute liebe alte Herr lachte manchmal laut auf, dann sagte er, wie ich fertig war: Da hättet Ihr Euch sollen eine Schrift machen lasten an die Regierung! Ich sagte: Lieber König Ludwig Majestät, das hab' ich Alles gethan; aber da verklagt man den Teufel bei seiner Großmutter. Auf dieses Wort hin hat der König den Bauch gehalten und gelacht, und ich mußte es ihm noch einmal sagen. Nach einem Weilchen sagte er: Ja, guter Freund, ich kann da nichts machen; ich bin ja nicht mehr König. Ihr habt mich ja nicht mehr gewollt. — Glauben Sie das bei Leibe nicht, König Ludwig Majestät, sagt' ich: Wenn Sie mich gefragt hätten, hätten Sie das „Regent" nicht niedergelegt. Glaub's Euch, glaub's Euch; sagte der König, und ich fuhr fort: Misten Sie, König Ludwig Majestät, wenn Sie auch im „Vorbehalt" sitzen, es hat doch noch Kraft, was Sie sagen. Er lachte herzlich und sagte: Nun, Freund, — wir wollcn's dann 'mal probiren. Jetzt gehen Sie zu Ihrem Land - Commiffär nach Kaiserslautern zurück und sagen ihm einen schönen Gruß von mir, und er möge Ihnen einen „Spielzcttel" ausfertigen lasten. Herr von Predl kennt mich und wird mir wohl den Gefallen thun. — Das wär' so weit recht, König Ludwig Majestät, sagt' ich, aber mit dem hab' ich schon so viel „Zorcs" gehabt, der glaubt mir's am End' nicht — wenn Sie so gütig wären, und gäbcten mir's ein Bischen schriftlich. Der gute alte Herr lachte herzlich und sagte: Braucht's nicht, wird auch so gehen. Wenn nicht, so kommt Ihr wieder oder laßt mir durch Eueren Schullehrcr schreiben, so wollen wir sehen, wie wir's dann anpacken. Nun gab mir der „gute alte Ludwig" noch 's Geleit bis au die Hausthür, und sagte mir so herzlich Adieu, wie mir's mein Lcbtag Keiner meines Gleichen gethan hat. — Jetzt hast du einen Hinterhalt, dacht' ich, ging in's „Schaf" herunter, bezahlte meine Zeche und schnurstracks nach Lauteru zum Land-Commistär. Es war an einem Dienstag und gerade Frachtmarkt. Ich klopf' an. Herein! — Was hat denn der Zapp schon wieder? Hab's Euch doch schon so oft gesagt, mit dem Mustkhalten in Moorlautern geht's nicht! — Ich sagte: Doch! Herr Land-Commistär. Einen schönen Gruß vom König Ludwig Majestät, und Sie mögten so gut sein, und mir einen Spickzettel schreiben. Der König sagt, er kenne Sie ganz gut und Sie dürften ihm schon auch mal einen Gefallen thun. Wenn Sie aber nicht wollten, — so soll ich ihm ein Paar Zeilen schreiben, dann würde Er's anders anpacken. — Zapp, seid Ihr närrisch geworden, sagte der Land-Commistär, und es kam mir vor, als wollt' er es nicht recht glauben, daß ich beim „alten Ludwig" gewesen. Ich mußte ihm Alles haarklein erzählen. Darauf sagt' er: Zapp, Ihr habt Eure Sach' gar nicht schlecht gemacht. Sagt Euerm Bürgermeister Klein, er solle Euch den Spielzettcl ohne Weiteres ausstellen. Wenn der's aber nicht thut? frag' ich. — Dann kommt Ihr zu mir, sagt' er; er wird's aber schon thun! Adieu, Herr Land-Commistär, sagt' ich und ging herunter nach der Fruchthallc. Dort begegnete mir der Bürgermeister. Nun? frug er, wie ist dir's gegangen beim König? Deine Herrschaft hat ein End', sagt ich; du hast mich lang genug gedrückt. Jetzt schreibst du mir — der Commistär hat's befohlen, „auf der Stell" einen Spiel- Zettel! Er muß schon „Wind" von der Sach' gehabt haben, denn er nahm — „aus freien Stucken" — ein Blättchen Papier aus seiner Brieftasche und schrieb in der Halle auf einem Fruchtsack die Worte darauf: „Zapp kann den nächsten Sonntag Kirchweih- Musik halten." Nun erst war ich meiner Sach' ganz sicher und traf alle Anstalt«« zu unserer Kirchweih, die die schönste in meinem ganzen Leben geworden ist. D'rum sag' ich immer, wcuu Einer ciue gerechte Sach' hat, dann nur gleich „vor die rechte Schmied'." 96 Don den Bewohner« des Meeres. * Unter dem Titel: Seltsame Strandungen, schreibt man nnS aus London: Während der letzten Stürme sind eine große Menge „Portugiesischer Kriegsschiffe* an der Küste von Lancashire „gestrandet," in den meisten Fällen, ohne sich viel Schaden zu thun. Es sind dies die von den Seeleuten unter jenem Spitznamen gemeinten Physaliä, eine Moluskenart aus der Familie Hydropea. Sie besteht aus einem Windbalg, von welchem zahlreiche Zöpfe, gleichsam als Ballast, herabhängen; jeder dieser Zöpfe mit einem versteckten Stachel versehen, der im Zorn vorgeschnellt werden kann, und — während kleinere Geschöpfe dadurch sofort getödtet werden — auch dem Menschen höchst schmerzhafte Verletzungen beibringt. Dieses kleine Ungcthüm bewegt sich in stillem Wasser nur in der Weise fort, daß es fortwährend kopfüber schießt, wenn überhaupt bei demselben von einem Kopfe die Nede sein kann. Die Physaliä sind sonst der Laune des Windes und des Wellenschlages hüls- und stcuerlos preisgegeben, sollen aber einen starken Gcsellig- keits-Jnstinkt besitzen, in Folge dessen sie im stillen Ocean und in den wärmeren Breiten- Graden des atlantischen Oceans in zahlreichen Gruppen angetroffen werden. Sie sind so leicht und zart, daß der letzte Sturm im irischen Kanal sie wie große Flocken an's Ufer wehte — als äußerst seltene Gäste an britischem Gestade. Ihre Farbe ist sehr schön. Der Windsack, dessen atmosphärischen Inhalt das Thier weder vermehren noch vermindern kann, blaß-grün mit indigoblauem Schimmer an der Oberfläche, über welche, einem erhabenen Rückgrat gleich, ein gezackter Kamm läuft, dessen Spitzen tief carmoisin gefärbt sind. Die Zöpfe oder Füße hängen vom unteren Körperthcil herab und sind theilweise dunkelblau vermischt mit blaugrün oder auch von glänzendem Gelb an den Enden. Der „Stachel" ist in spiralförmiger Zelle cingehülset, ungefähr nach der Manier des — Zündnadcl-Gewehrs, wie ein englisches Blatt das Ding beschreibt. Herr Moore, der Custos des freien öffentlichen Museums in Liverpool, — macht auf diesen Besuch besonders aufmerksam, um daraus Ausschlüsse über manche Geheimnisse in der Richtung der Meeresströmungen zu schöpfen. M i s c c l l e n. (Frauenlist.) Auf der Burg Hohcnschwangau befindet sich unter Anderen ei« Gemälde, welches den Herzog Ludwig, Sohn des Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach — darstellt, wie er zu Füßen der schönen Böhmin Ludmilla um Liebe fleht. Dies Bild stützt sich auf eine merkwürdige historische Thatsache aus dem Jahre 1203. Die kluge Frau (sie war die Wittwe Adalberts von Bogen) ließ nämlich drei Ritter auf eine spanische Wand malen, und als nun eines Tages der Herzog wieder zu ihren Füßen kniete und um Erhörung flehte, sagte sie: er solle ihr vor den drei Rittern die Ehe versprechen. Ludwig glaubte sich vor drei gemalten Männern keine besondere Verpflichtung aufzuerlegen und leistete das Versprechen. Da plötzlich traten drei lebendige Ritter hinter der spanischen Wand hervor, welche als Zeugen seines Ehcvcrsprechens galten. Wüthend entfernte sich der Herzog, nach einem Jahre aber kam er doch und löste sein Versprechen ein. (Das erste Fiasko.) Das Dresdener Journal erzählt als Entstchungsnrsache des Wortes „Fiasco" folgenden Vorfall: „Ein Deutscher sah einst einem italienische« Glasbläser zu und meinte, was sich so leicht ansähe, müsse Jeder, also auch er, können. Er sing denn auch an zu blasen, aber das Erste, was er herausbrachte, war eine birnförmige Hohlform, ein Fläschchen (liäsco), der zweite Versuch ergab wieder ein solches Fläschchcn, und so machte er mit steigendem Verdruß noch manches „Fiasco", und in dieser Art soll, wie mau meint, die noch heute gebräuchliche Redensart ihren Ursprung genommen haben. Druck, Verlag und Redaction des itNcrarischcn Justin,» von Ur. M. Hultlcr.