Nro. 13 28. März 1869. Augsburgs? Ein wahrhaft gottesfücchtiges Gemüth sieht überall Gottes Finger Aufmerksamkeit auf seine Winke und Fügungen. und ist in steter Novalis. Die Entsagenden. (Fortsetzung.) Der Baron warf einen wilden Blick um sich, seine Hände bohrten sich krampfhaft in die Seite feines Herzens. „Und gibt es kein Mittel, — der Schande zu entgehen; kein Mittel, die Zukunft meines Rudolph vor Schmach zu bewahren?" „So lieben Sie Ähren Sohn wirklich?" fragte der Direktor, sich sichtbar an der Angst seines ehemaligen Freundes weidend. „Mehr als mein Leben!" — rief der Baron feurig. Das Auge Fleischers blitzte höher auf. „Hören Sie mich an," sagte er nach einer Pause. „Es gibt einen Ausweg für Sie, der Schande zu entgehen, aber dieser Ausweg wird zugleich für Sie ein nagender Stachel des VorwurfS Ihrer Schuld sein, wenn Sie, — was ich glaube, wirklich Ihren Sohn lieben. Meine dächte Angelika liebt Rudolph; — binnen zwei Monaten muß sie vermählt sein, oder der Wechsel wandert in daS Criminalgericht." „Rudolph Ähre Nichte heirathcn?" — rief der Baron entsetzt. „Ein Jüngling ein Mädchen, daS sich den Vierzigern nähert? Niemals wird er sich dazu verstehen!" „Auch nicht um seines Vaters Schande zu decken?" fragte der Direktor ruhig. — „Und einem Vater nmthcn Sie ein solches Ansinnen zu?" rief Leopold glühend. „Entehren Sie mich, bringen Sie mich in's Zuchthaus, aber verlangen Sie nichts Unmögliches von einem Vater." „Ich will jetzt keine Antwort," bemerkte Fleischer. „Ich gestehe, daß diese Sache Uebcrlcgung erfordert. Halten Sie Rath mit Ihren eigenen Gedanken, erforschen Sie die Meinung Ihres Sohnes. Ich stelle Ihnen frei, ihm Ihre Schande zu entdecken! Morgen Vormittag erwarte ich Sie bei mir. Bis dahin auf Wiedersehen, Herr Baron von Duroy!" „Und gibt es keinen anderen Ausweg?" — fragte Leopold, sich wie im Fieber in seinem Sessel windend, ohne die Kraft zu finden, sich zu erheben, „keine andere Rettung, als dieses furchtbare Mittel?" „Sie beleidigen mich," — entgegncte Fleischer, „indem Sie diese Verbindung zu knüpfen als eine furchtbare Aufgabe für Sie betrachten. Freilich hat Angelika kein Geschlechts - Register auszuweisen, keinen Stammbaum, der wie vielleicht der Ähre, sich in jenen Carl des Großen verliert, aber die Äctztwelt gibt für einen Thaler baar den Stand von zwölf Vergangenheiten hin, und Angelika besitzt eine Million, freilich auch sieben und dreißig Jahre," fügte er ironisch hinzu. Die Seele des alten Herrn schien ein plötzlicher Entschluß zu durchblitzen. Die Blässe seiner Wangen machte einer hohen Nöthe Platz. Mit Festigkeit erhob er sich. — „Es sei," nahm er das Wort. „Der Kampf mit Ihnen ist zu ungleich, ich nehme die von Ihnen gestellten Bedingungen an. Morgen Vormittag erwarten Sie mich, — ich bringe Ihnen Entscheidung!" 98 Der Direktor faßte ihn scharf in'S Auge. „Sie werden Ihr Wort halten, deß bin ich gewiß," sagte er langsam, — „denn von einem Gedanken der Flucht kann nicht die Ncde sein, wenn Sie sich nicht bis zum Aeußersten compromittiren wollen. Von dem Augenblick an, wo ich Ihr Schloß verlasse, ist jeder Ihrer Schritte bewacht. Also auf Wiedersehen morgen Vormittag!" Und ohne den Gegengruß des Barons abzuwarten, der auch wohl schwerlich erfolgt wäre, verließ,der Direktor festen Schrittes Zimmer und Wohnung seines Feindes. Die kurze Unterredung der beiden ehemaligen freunde hatte bewirkt, was nun bald siebzig langen Jahren nicht gelungen war — Baron Leopold war in diesen Augenblicken wirklich zum Greise geworden Seine Hände zitterten und die Augen lagen tief eingefallen in ihren Höhlen. So zerstört ein rauher Nord in einer einzigen Nacht die letzte Rose des Sommers, die der Gärtner mühsam vor jedem Einfluß zu schützen versucht hat. „Leonore!" murmelte er vor sich hin, „vergib mir, was ich an Dir gethan, — flehe am Throne deS ewigen Richters, daß er von mir nehme die entsetzliche Schuld meines Lebens." Nach diesem kurzen Gebet suchte er seine Kräfte zu sammeln, um Rudolph auf die Kunde vorzubereiten, die der Direktor ihm aufgetragen hatte — vergebens —> die Erinnerung an seine Schuld lähmte die Kräfte seines Geistes — wohin er blickte, sah er sich bedroht, entehrt in der Gewalt eines unerbittlichen Feindes. In diesem Zustand halber Betäubung traf ihn Rudolph, der leise das Cabinet seines Vaters wieder betrat. Er crschrack über die furchtbare Veränderung, die die wenigen Minuten des Alleinseins mit dem fremden Manne im Antlitz des BaronS hervorgebracht hallen. Der Alte schien ihn nicht zu bemerken. Seine zusammengepreßten Lippen murmelten unartikulirte Laute vor sich hin. Erst die Anrede Rudolphs schreckte ihn empor. „Um Gottes willen, was ist geschehen?" fragte der junge Mann angstvoll, „antworte, mein Vater, welche entsetzliche Kunde brachte Dir jener Mann, dessen Auge kalt und forschend auf mich ruhte, als wolle er die geheimsten Winkel meiner Seele erspähen. Fürchte nicht, mir Alles zu enthüllen und sollte es mein eigenes Dasein betreffen, ich bin auf Alles gefaßt." „Wohl denn. ES betrifft Dein Dasein, Rudolph!" - brachte der Alte mühsam hervor. „Dein Schicksal ward in diesem Augenblick abgewogen und ich muß hilflos und verzweifelnd am Ufer stehen, ohne Dir Rettung bringen zu können, während Dich die Wellen des empörten Oceans begraben." „Ich errathe, was Sie mir zu sagen haben, mein Vater, und Sie sehen, daß ich vollkommen ruhig bin. Der Gerichts - Direktor glaubte es Ihrer Stellung schuldig zu sein, Sie benachrichtigen zu müssen, daß Ihre Gläubiger Zahlung verlangen und unser Gut versteigert wird?" „Schlimmer als das!" seufzte der Vater, „der Direktor Fleischer ist im Besitze der Wechsel und mein ganzes Vermögen; ein CrösuS selbst könnte mit seinem Gelde seinen Ansprüchen nicht genügen!" „Was verlangt er?" rief Rudolph, „welche Forderung stellte er an Dich? — Welchen Preis bestimmt er für die Rettung Deiner Ehre?" „Welchen Preis?" — wiederholte der alte Baron tonlos. „Dich selber!" Rudolph wich erstaunt zurück. „Mich. Vater?" fragte er, „reden Sie im Fieber? WaS habe ich mit dem GerichtS-Dircktor Fleischer zu schaffen?" „Rudolph, ein Mittel gibt es, Deinen Vater vor mehr als Armuth, Deinen Vater vor der Schande zu retten. Frage nichts, forsche nichts, Robert — Fleischer hat dieselbe Macht über mich wie der Dämon über die Seele, die sich ihm verkaufte. Und diese- Mittel —" Er stockte in seiner Rede, die Worte fehlten ihm, den Inhalt der Nachricht seinem Sohne mitzutheilen. „Dieses Mittel?" — drängte Rudolph. „Deine Hcirath mit Angelika, seiner Nichte!" flüsterte Duroy kaum vernehmbar. DaS Blut stieg dem jungen Manne in die Wangen. „Träume ich," — rief er, „oder ist es die Wirklichkeit, daß Sie, mein Vater, dem ich so eben die heiligsten Gefühle meines Herzens geoffenbart, mir zumuthen können, einer Frau meine Hand zu reichen, die beinahe meine Mutter sein könnte? Nimmermehr!" „Ich wußte wohl, daß es so kommen würde," — seufzte Baron Leopold mit dem Ausdruck der Verzweiflung. „Und wenn ich wirklich Thor genug wäre," — fuhr Nudolph fort, „auf dieses Ansinnen einzugehen, glauben Sie, daß Angelika jemals in diese Verbindung, die sie wie mich selber zur Zielscheibe des Hohnes von Stadt und Land macht, willigen würde?" „Sie wird es," unterbrach ihn sein Vater, „denn sie liebt Dich." Rudolph bedeckte sein Antlitz — wie ein Chaos von Gedanken stürmte cS auf ihn ein und drohte seine Brust zu sprengen. Aber bald faßte er sich — er fuhr sich wiederholt über die Stirn und athmete tief auf, als wolle er den Alp abwälzen, der sich zentnerschwer auf seine Brust gelagert hatte. Dann zog er einen Sessel neben dem seines Vaters, und sagte in herzlichem Tone: „Laßt uns vernünftig reden, mein Vater, wie eS Männern zukommt, die sich nicht von Einflüssen des Augenblicks darniederbcugen lasten. Ihr Verhältniß zu Fleischer ist mir nicht klar. Hat jener Mann die Macht, Ihnen das Vermögen zu rauben, dessen Erhaltung die höchste Sorge Ihres Lebens war?" Der Alte nickte stumm. „So sorget nichts," fuhr Rudolph fort. „Auch ohne mich schimpflichen Bedingungen Preis zu geben, werde ich im schlimmsten Falle Ihre letzten Tage vor jedem Mangel zu schützen misten. Ich bin jung und rüstig, und —" „Umsonst, umsonst!" --- unterbrach ihn der Vater, „das Verlangen jenes Mannes ist unwiderruflich." Rudolph erglühte. „Wie, mein Vater," — rief er, „und um Ihr Vermögen zu retten, willigen Sie in das Ansinnen eines Mannes, der einen Gatten für seine verwelkte Nichte erlangen will? Um Ihren Egoismus zu befriedigen, verkaufen Sie das LebenS- glück Ihres Sohnes?" Noch hatte der junge Mann diese Worte nicht beendet, als der Baron sich erhob und sich zu den Füßen seines Sohnes warf. „Rudolph," flüsterte er, „so wie ich jetzt zu Deinen Füßen, so lag ich auf meine» Knien vor jenem entsetzlichen Manne und flehte um Gnade für Dich. Umsonst, es hilft kein Weigern, Du mußt mich retten, denn vernimm das entsetzliche Geheimniß, — jener Mann har nicht allein die Macht, um mein Vermögen zu rauben, er ist auch im Besitz meiner Ehre." „Großer Gott," — schrie der Jüngling entsetzt auf, „ist es Wahrheit, mein Vater ein Verbrecher?" „Gnade, Rudolph!" flehte Duroy noch immer auf seinen Knien, „ich bin schuldloser, als Du denkst, aber er ist unerbittlich, entweder Du vermählst Dich mit Angelika, oder Dein Vater wandert in's Zuchthaus!" Eine Todtcnblässe hatte sich auf Nudolph'S Zügen gelagert. Seine Lippen bebte» wie im Fieber und seine Stimme klang rauh und heiser. „Stehen Sie auf, mein Herr," — sagte er endlich mit gebrochener Stimme, den Alten erhebend und zu seinem Sessel führend. „Der Sohn verlangt ein offenes Bekenntniß von seinem Vater." Aber der Alte vermochte nichts zu erwidern, die furchtbaren Auftritte hatten seine Kräfte erschöpft. Eine tiefe Ohnmacht bemächtigte sich der Sinne des Greises und leblos trugen ihn die Diener auf sein Lager, während Rudolph starr und unbeweglich an seiner 100 Seite saß, das Auge auf ihn geheftet und auf den Athem lauschend, der schwach und kaum vernehmbar sich seiner Brust entwand. Wer weiß, ob er nicht in diesem Augenblick den Todesengel willkommen geheißen hätte — der sanft und ruhig ein Dasein geendet haben würde, ehe die Schande es zu bedecken Zeit gehabt. Der Tag war verstrichen, auf's Neue hatte sich die Sonne erhoben über die Menschen mit ihren Wünschen und Träumen, mit ihrem Hangen und Bangen. Wie viel der Freude, wie viel des Schmerzes haben diese wenigen Stunden nicht aus dem Rad des Schicksals auf die Erdenbcwohner herniedergescnkt, wie viel entstand nicht nnd verging zwischen gestern und heute — aber unbewegt und ehern wie das Schicksal selber, ziehn Tag und Jahr und Decennicn an uns vorbei — wir Menschen aber, dem Wechsel unterworfen, bezeichnen Unglücks- und Freudentage, das Fatum, das seit Jahren über unsere Häupter schwebte, wenigen Stunden zuschreibend. Es war gegen Abend, die Fenster des einfach ausgestalteten Balkonzimmers im Hause des Direktors waren weit geöffnet, um die milde, erquickende Abendluft ungehindert in's Zimmer dringen zu lasten. Die Bäume schimmerten röthlich, von der ganzen Strahlcnkraft der scheidenden Sonnenkugel bestrahlt, wie die Braut, die in banger Sehn- ucht den Geliebten erwartet, und die Vögel in den Zweigen sangen melodisch ihr Nachtlied. Ab und zu hallte ein Glockenton vom Thurm der Stadt durch die Stille, fast wie ein heiliges Gefühl überkam es einem und unwillkürlich faltete man die Hände, als wolle man mitbetcn den Abenddank der einschlummernden Natur. Auf dem Divan, in tiefem Gespräch begriffen, finden wir den Direktor und Angelika. Das Antlitz des stillen Mädchens war bleich und trug die Spuren zahlreich vergossener Thränen. „Du sollst Deinen Willen haben," fuhr Fleischer fort, „Deine Cousine möge denn kommen, obgleich dies jetzt eigentlich meinen Wünschen zuwider, — jedoch nicht eher bis Deine Verlobung mit Rudolph proklamirt ist. Du magst sie dann später sogar ganz zu Dir nehmen, wenn Deine Eifersucht sich nicht bei einer so gefährlichen Concurrcnz in's Spiel mischt." „Sie bestehen also noch immer auf dieser Verbindung, Oheim, die meine Qual sein wird, haben kein Mitleid mit dem Herzen der Tochter Ihrer Schwester." „Es steht Dir ja frei, „Nein" zu sagen," erwiderte der Direktor kalt. „Einen ungeliebten Gemahl Dir aufzudringen, sei ferne von mir. Aber — wenn Du Rudolph von Duroy nicht liebst, so kann Dir ja auch gleich sein, wenn sein Name mit Schmach bedeckt in nächster Session vor den Schranken der Assiscn ertönt." „Bald wird der Augenblick da sein," fuhr er fort, nach seiner Uhr sehend — „wo Vater und Sohn sich einstellen werden; — wie mir Duroy schreibt, der sich für diesen Morgen mit einem Unwohlsein, das nicht singirt ist, wie ich aus sicherer Quelle weiß, entschuldigt. Ich werde Dich mit Rudolph allein lassen, nach den Andeutungen seines Vaters ist ihm das Verbrechen desselben nicht bekannt. Um so mehr Ehre für Dich, wenn Du ihn zu gewinnen weißt. Willigt er ein, so erhält er, sobald Eure Trauung beendet, jenen verhängnißvollen Wechsel seines VaterS aus Deiner Hand — ist Eure Unterredung ohne entscheidendes Resultat, so kennst Du meinen Entschluß. Jetzt geh' und kleide Dich an, den Besuch zu empfangen — ich bedarf einige Augenblicke der Sammlung." Angelika entfernte sich, sie wußte, daß es umsonst war, zu diesem steinernen Herzen zu reden. Mit großen Schritten ging Fleischer auf und nieder. „Und ist dieses wirklich eine so furchtbare Rache," sprach er halblaut vor sich hin, „die ich an diesem Manne begehe? Sollte dieser Rudolph wirklich im Stande sein können, sich an eine ältere Frau zu gewöhnen und vielleicht gar meine Rache dem Alten zum Segen gereichen! Und wenn es wäre," fuhr er fort, „hat Leopold nicht Minuten 101 der Todesangst erduldet, wand er sich nicht von Neue gefoltert zu meinen Füßen? Und gab es nicht einen Moment, wo mich fast die Rührung beschlichen hätte, da ich auf ihn blickte und mich des Freundes der Jugend erinnerte. Wie ein verklungcnes Mährchcn aus fernen Zeiten taucht es vor meiner Seele auf, und ein milder Engel schien hernieder zu steigen und flüsterte mir in's Ohr: Vergib, so wird dir vergeben!" Er blieb in der Mitte des Gemaches stehen, die Hände auf die Brust gepreßt. — Seine ehernen Züge hatten einen weicheren Ausdruck angenommen und in Gedanken versunken, horchte er der fernen Abendglocke, die in leisen Schwingungen verhallte. Da erhob es sich Plötzlich wie ein verdunkelnder Schatten vor dem geöffneten Fenster. Ein bleiches Frauenantlitz, abgezehrt von Noth und Elend, auf dem die Hand des Todes mit entstellendem Griffel geschrieben, blickte wie ein mahnendes Gespenst in das Zimmer. Nur einen Augenblick währte die Erscheinung des Phantoms, aber dieser Moment war hinreichend, die alle Gcistcsstärke anf's Neue in ihm zu stählen. „Mahne mich nicht, Geist der Geliebten!" flüsterte er, „du sollst zufrieden sein." In diesem Augenblick rollte ein Wagen in mäßigem Galopp daher; vor dem Hause des Direktors hielt er an, und auf den Arm seines Sohnes gestützt, entstieg Baron Leopold dem Innern desselben, Vater und Sohn völlig in Schwarz, ohne jeden äußeren Schmuck gekleidet. Der beauftragte Diener des Gerichts - Direktors führte die Gäste desselben in das Balkon-Zimmer, wo Fleischer die Herren empfing. Mit cercmonieller Artigkeit wies er ihnen Sessel an; dann zog er die Glocke und befahl, seine Nichte von der Ankunft der Fremden zu benachrichtigen. Das Benehmen Rudolphs, in dessen Antlitz die Eindrücke der verflossenen Stunden sichtbare Spuren zurückgelassen hatten, war im höchsten Grade zurückhaltend, und eine sichtliche Furcht malte sich in seinen Zügen, wenn er genöthigt war, das Wort an seinen Vater zu wenden, der schwach und erschöpft in seinem Sessel lag. Jetzt öffnete sich die Thür und Angelika erschien im Zimmer. Ein hohes, weitreichendes Kleid von schwarzer Seide, das von keinem farbigen Bande geziert war, umschloß ihre feine Gestalt, und ihr ganzer Schmuck bestand in einem Kreuz weißer Perlen von seltener Größe, das an ihrer Brust befestigt war. Ihre Augen leicht geröthet von vergossenen Thränen, hatten sich schüchtern zu Boden gesenkt und vermieden, den Blicken Rudolphs zu begegnen. Der Direktor erhob sich. „Ich ersuche Sie, — mir in mein Cabinet folgen zu wollen, Herr Baron," sagte er. „Meine Nichte Angelika wird den jungen Herrn bis zu unserer Rückkehr zu unterhalten suchen. Mich drängt es, Ihnen sämmtliche Papiere unserer Angelegenheit vorzulegen und sie von Ihnen als richtig anerkennen zu lasten." Der alte Herr folgte der Aufforderung. Er folgte dem Direktor, nachdem er einen flehenden Blick auf seinen Sohn geworfen hatte. Eine Pause drückendster Verlegenheit entstand im Balkon-Zimmer nach dem Fortgang der beiden alten Herren. Keines der Zurückbleibenden hatte den Muth, den Bann zu brechen, der wie ein Alp auf ihrer Brust lag. (Fortsetzung folgt.) Ein chinesisches Sprichwort sagt: Vier Dinge verlangen wir von den Frauen: es throne die Tugend in ihrem Herzen, Bescheidenheit spiegele sich in ihrem Auge, — Süßigkeit fließe von ihren Lippen und Geschäftigkeit bewege ihre Hände. Einem jungen arroganten Mann, der sich in Gesellschaft rühmte, daß sein Vater, Onkel und Bruder Recensenten gewesen, wurde von einem der Anwesenden erwiedert: Deßwegen sind Sie auch wahrscheinlich so unter der Kritik erzogen. 102 Die Inauguration des Präsidenten Grant. * Washington, 4. März. Gestern fand hier die Inauguration des neuen Präsidenten, Generals Graut, unter den herkömmlichen Feierlichkeiten statt. Der Tag brach trübe herein, und schon in frühester Morgenstunde siel der Regen in Strömen nieder. Der Senat war bis 5 Uhr Morgens versammelt geblieben, und hatte sich dann bis 10 Uhr vertagt. Zu dieser Stunde wurden die Thüren geöffnet, und die 1200 Personen, welche so glücklich gewesen, Einlaß-Karten zu erlangen, füllten rasch die Gallerten. Im Saale waren Sitze reservirt für das diplomatische Corps, für distinguirte Offiziere der Armee und Flotte, unter denen General Sherman und Admiral Farragut die Hervorragendste» waren, und für einige bemcrkcnswerthe Civilisten, darunter die Herren John L. Motley und A. T. Stewart, die Bischöfe Ames und Simpson, und General Grant'S Vater, Herr Jesse Grant, ein ehrwürdiger Greis mit langem, bis auf die Brust reichenden Silbcrbart. Das diplomatische Corps, in seinen goldgestickten Gala-Uniformen, erregte viel Sensation, hauptsächlich unter den starren Republikanern aus dem Westen, die nie zuvor einem solchen Schauspiel beigewohnt hatten. Die Gesandten der fremden Mächte waren alle mit ihren Attache's und Secretären erschienen. In der Diplomaten- Gallcrie saßen in reichster Toilette Mrs. Grant mit ihren Kindern; Mrs. Colfax, die Gemahlin des Vice-Präsidentcn; Mrs. Thornton, die Gemahlin des britischen Gesandten, MrS. Ward, und ein anmuthigcr Damenflor. Wenige Minuten vor 12 Uhr betraten die Richter des Obcr-Bundes-Gerichts, Ober-Richter Chase an der Spitze, die legislative Kammer und nahmen die für sie bestimmten Sitze mit vieler Förmlichkeit ein. Immer lauter wurde das summende Geräusch der von außen nahenden Prozession, in welcher der neue Präsident nach dem Capital zog. Sie war über eine englische Meile lang und von brillantem militärischen und Civil-Pomp begleitet. Die Musik von unzähligen Banden und die Chöre aus 10,000 Kehlen fanden noch ihr Echo in dem Saale, als eine Seitenthür sich öffnete, und General Grant mit Herrn Calfax Schuyler, begleitet von zwei Senatoren, eintraten. Der Präsident, welcher einen schwarzen Anzug trug, und dessen kleine, zierlich geformten Hände mit hellgelben Handschuhen bekleidet waren, wurde zu einem Stuhle geleitet, auf welchem er eine Zeit laug bewegungslos, ernst und tief versunken saß. Herr Colfax trat vor den Tisch des Senats-Präsidenten und leistete den Eid als Vice - Präsident der Vereinigten Staaten und Präsident des Senats. Herr Wade erklärte hierauf den vierzigsten Congreß für erloschen; der neue Vice - Präsident übernahm den Vorsitz, vereidigte die ncugewühlten Senatoren und erklärte die Sitzungen des einund vierzigsten Congresses für eröffnet. Und nun entwickelte sich das große Ereigniß des Tages. „Der Senat wird sich nach dem Haupt-Portal des Capitol's begeben, um der Inauguration des Präsidenten der Vereinigten Staaten beizuwohnen," — verkündete der Vice - Präsident Colfax. Eine Scene wilder Unordnung und Confusion folgte diesen Worten. Alles drängte, um einen guten Platz im Haupt-Portal zu erobern. Dort stand — der Regen hatte aufgehört und die Märzsonnc schaute freundlich darein — der neue Präsident vor dem Ober-Richter Chase und schwor mit erhobener Hand, das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten getreu zu verwalten, und nach besten Kräften die Constitution des Landes zu bewahren, beschirmen und zu vertheidigen. Als die letzten Worte des Eides gesprochen waren, erscholl eine Artilleric-Salve, und die unübersehbare Volksmenge mischte ihren donnernden Applaus darein. Dann trat Präsident Grant vor und verlas mit weithin schallender Stimme seine Antritts - Rede, die bald darauf der Telegraph mit Windeseile nach allen Welt-Zonen trug. Herr Johnson, der Ex-Präsident, weigerte sich bis zum letzten Augenblicke an den Jnaugurations-Feicrlichkeiten Theil zu nehmen. Als die Equipage am Weißen Hause hielt, um ihn nach dem Capital zu bringen, schützte er Unpäßlichkeit vor, und begab sich hierauf mit seiner Familie in die Wohnung eines Freundes, wo er bis zu seiner Abreise nach Tenessce zu verweilen gedenkt. 103 Eine Postschein - Geschichte. „So!" sagte der Postdiener, indem er in den Laden deS Colonialwaarcn-HändlerS N. in Cbg. trat, und zwei Postpakete auf den Tisch legte, „die machen zusammen 39 kr., und dann bekomme ich noch 2 kr. für das Paket, das Sie gestern wieder holen ließen." „Wieder holen ließen?" erwiederte fragend Herr R. „Ich verstehe nicht, was Sie sagen wollen." „Nun, Sie haben ja," erwiederte in aller Gcmülhsruhc der Postdiencr, „das Geld« Paket, das Sie gestern zur Post gaben, wieder zurückholen lasten, und da kostet es eben, weil es schon eingeschrieben war, 2 kr. Gebühr." Herr R. hatte am Abend zuvor durch einen seiner beiden Lehrlinge ein Geldpaket zur Post geben lasten und einen Postschein dasür genommen. Von einem Zurückholen des Pakets wußte er keine Silbe. Er rief seinen Lehrling Franz herbei. „Franz!" sagte er, „Sie haben gestern das Geldpaket zur Post getragen; nahmen Sie einen Schein dafür?" — „Ja!" — „Wo ist er?" — „Im Fache." — „Bitte, bringen Sie ihn." Franz lief eiligst an's Brieffach, sucht den betreffenden Postschein und — findet ihn nicht. Der Principal stutzte. — „Hm," ich weiß doch, daß ich ihn hierher gelegt habe, oben d'rauf, auf die andern, das kann ich beschwören," sagte Franz in einiger Aufre« gung. — Seinem Principal kam die Sache doch etwas bedenklich vor; er suchte selbst nach dem Schein, und da er ihn ebenfalls nicht fand, bedeutete er dem Lehrling kurz, ihm auf die Post zu folgen. Sie gingen. Beide mochten sich auf dem Wege dahin mit gar sonderbaren Gedanken tragen; das sah man ihren ernsten Mienen wohl an. Herr R. erfuhr nun von dem Postbeamten, daß gestern Abend, bald nachdem das Paket aufgegeben gewesen war, ein junger Mensch erschienen sei, der den Postschein vorgelegt und erklärt habe, er müsse das Paket wieder zurückholen, da so eben ein Brief von Seite des Adressaten eingelaufen sei, demzufolge dem Paket noch etwas beigeschlossen werden müsse. Darauf habe er, der Postbeamte, das Paket gegen Rückgabe des ScheinS wieder ausgefolgt. „Hier ist der Schein," fügte der Postbeamte hinzu. Herr N. hörte mit wachsendem Erstaunen diese Erklärung an und fragte dann, ob der mitgebrachte Lehrling Franz derjenige sei, der das Paket wieder geholt habe. „Nein," erwiederte der Beamte: „dieser hat es zwar gebracht, aber geholt hat es ein Anderer." Franz athmete hoch auf. Herr R. ging nun nach Hause und nahm jetzt seinen zweiten Lehrling, Karl, in'S Verhör, der heute außergewöhnlich spät aufgestanden war und etwas verlebt aussah. — Karl stellte sich sehr verwundert und sehr beleidigt ob der Fragen, die sein Principal an ihn richtete, und erklärte auf das Bestimmteste, ganz und gar nichts von der Angelegen» heit zu wissen. Also blieb nichts anderes übrig, als auch ihn auf die Post zu bringen, wohin er nur mit Widerstreben folgte. Hier wurde er von dem Postbeamten sofort als Derjenige erkannt, der das Paket unter dem oben angeführten Vorwande wieder abgeholt hatte. Nun war die Geschichte klar. Karl hatte den Postschcin entwendet, um des Geld« Paketes habhaft werden zu können. Dasselbe enthielt 340 fl. in baar. Der Dieb war nun erwischt, das Geld aber noch nicht, denn er läugnete Alles. Eine Durchsuchung seiner Taschen und Effekten führte nicht zu dem gchofften Ergebniß; er mußte somit den Raub irgendwo versteckt haben. Vorläufig erhielt er nun Zimmerarrest, da Herr R. die Sache nicht vor Gericht bringen, sondern mit Karl's Eltern auf dem Verglcichswcge abmachen wollte. Die inzwischen angestellten Erkundigungen lauteten dahin, daß Karl sofort nach der That (eS war Sonntags) mit seinem Freunde, einem Barbier-Gehilfen, in ein außerhalb der Stadt gelegenes Wirthshaus ging und daselbst bis Nachts 2 Uhr die Welt in Champagner hoch leben ließ. Der Wirth — jedenfalls ein Ehrenmann — half mit 104 seiner ganzen Familie strebsamst mit, und das schäumende Getränk floß buchstäblich in Strömen. Ein Theil des Geldes war also bereits verpraßt. Inzwischen war Karls Vater angekommen, um die Sache zu ordnen. Man ging auf des jungen Mannes Zimmer, aber siehe da — der Vogel war ansgeflogen. Er hatte sich über das Dach des Hinterhauses in ein benachbartes Haus geflüchtet, und eilte von da, wie man später erfuhr, auf den Bahnhof. Die Geschichte ließ sich nun nicht mehr geheim halten; die Polizei nahm die Sache in die Hand — und ein Paar Tage darauf erwischte sie das lockere Bürschlein in Straßburg. Von dem Gelde fanden sich aber nur noch circa 200 fl. bei ihm vor. — Es folgte nun die gerichtliche Untersuchung und der jugendliche Verbrecher wurde zu sechs Monaten Arbeitshaus verurtheilt. Moral: „Postscheine sind Werthpapiere, man halte sie unter Verschluß." Miseellen. (Der Dienstbotenmarkt in Bnchsweilcr.) Wer kennt nicht die beliebte Flotow'sche Oper „Martha" und die darin vorkommende Scene des eigenthümlichen Dienstbotenmarktes zu Richmond unter freiem Himmel? Unter Denjenigen jedoch, welche mit Wohlgefallen dem schäckernd herausfordernden Gesang jenes schnellzüngigen Mädchen- Chors folgen, finden sich vielleicht Manche, welche kaum vermuthen, daß jener seltsame Gebrauch, ein altes Ueberkommniß des Mittclaltcrs, noch in etlichen anderen Gegenden Europas bis zur Stunde besteht. So soll derselbe noch in Lausanne, in einzelnen Städtchen des Bcrner-Cantons, und hier und da in Schweden vorkommen. In der Bretagne, im Departement IIIs ä<; Vilaiiw, findet ein ähnlicher Markt am St. Pcterstage statt. — Auch im Elsaß hat sich diese Sitte noch in einer einzelnen Ortschaft erhalten, und zwar in Bnchsweilcr, einem Städtchen unweit Zabern, am Fuße des WaSgan'S. — Am 27. Dezember, dem Tage St. Johannis des Evangelisten, kommen alle Knechte und Mägde aus der ganzen Umgegend, die sich wieder verdingen wollen, in dem Städtchen zusammen, stellen sich an beiden Seiten des Büchleins auf, die Knechte an der einen, die Mägde an der anderen Seite, und lassen sich öffentlich von ihren Herrschaften dingen. Sowohl Diejenigen, welche in einem anderen Hause Dienst nehmen, als Diejenigen, welche bei ihrer alten Herrschaft bleiben wollen, begeben sich dahin. Nachdem man über die Bedingungen des Dienstes und des Lohnes einig geworden, erhalten sie, nebst dem Gottespfcnnig (Handgeld), Wein und Braten und die Erlaubniß, jetzt gleich am Viehmarkte — so nennen sie ihn selbst — und am Maimarkte, in Bnchsweilcr tanzen zu dürfen. Diese Sitte, welche aus den Zeiten der hananischen Regierung stammt, ist so tief eingewurzelt, daß kein Dienstbote aus den umliegenden Banerndörfcrn seine Stelle antritt, es sei denn, daß er zuvor auf dem Viehmarkte angeworben worden. * Bei Hurst und Blau kett in London ist ein Buch erschienen, betitelt: „Lucrezia Borgia" —^„Ducheß of Ferrara", eine Biographie, erläutert mit seltenen und noch unverösfentlichcn Documenten, von William Gilbert. Von Documenten, meist Briefschaften, haben dem Verfasser 339 Exemplare vorgelegen, welche sich in den Händen verschiedener Privatpersonen und in Bibliotheken Italiens vorfinden. Gilbert schreibt wie Lessing hier eine mit Documenten belegte „Rettung", und citirt Zeugnisse dafür, daß die in der Geschichte Gebrandmarkte eine gottesfürchtige Wohlthäterin der Armen und das Musterbild von Gerechtigkeit in ihrem Staate gewesen sei. Man habe sie unschuldiger Weise die Sünden der übrigen verworfenen Mitglieder der Familie Borgia entgelten lassen. Die berüchtigte Orgie vor ihrer Vermählung mit Alphonso d'Este sei ein Phantasiebild, nichts mehr. Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von vr. M. Huttler.