Nro. 15. 11. April 1869. Attgsburger Die Welt wird Prosa mehr und mehr, Der Glaube selbst ist ohue Wehr! Was bat das Ewige verschuldet, Daß man's nur nebenher noch duldet? August Graf vou Platen. Pi«s m Der heilige Vater ist am 13. Mai 1792 geboren und wird also in einem Monate sein sieben und sicbenzigsteS Lebensjahr erreichen. Im Jahre 1810 kam er nach Nom zur Vollendung seiner Studien. Schon damals zeigte sich seine große Liebe zu der Jugend und zu den Armen, so daß es ihm eine Freude war, in dem Waiscn- hause Data - Giovanni zu weilen, — und dort unter den Waisenkindern die Zeit seiner Erholung zuzubringen. Um sich über seine Standcswahl zu entscheiden, machte er eine Wallfahrt nach Loreito, dem größten Wallfahrts-Orte der lieben Mutter Gottes in der ganzen Kirche. So trat er denn unter dem Schutze der allerscligsten Jungfrau in den Priestcrstand; und wir können uns deßhalb um so weniger wundern, daß die kindlichste Verehrung der lieben Mutter Gottes ein hervorragender Zug seines Lebens geblieben ist. Am Ü. Januar 1817 empfing er die niederen Weihen, am 20. Dezember 1818 das Subdiakonat, am 6. März 1819 daS Diakonat und am lO. April 1819 die Priesterweihe. Der 10. April dieses Jahres ist also der 50ste Jahrestag seiner Priesterweihe. Seine erste heilige Messe las er in der Hospital-Kirche desselben Waisenhauses, wo er so gerne unter den armen Waisen als Student geweilt hatte; und seine Liebe zu diesen Kindern war so groß, daß er die Stelle eines Vorstehers in diesem Hause übernahm, «nd dieselbe die fünf ersten Jahre seines priestcrlichcn Lebens als Vater armer Waisen- Kindcr verwaltete. Wer cS weiß, welche Bedeutung für daS ganze spätere Leben die ersten glückseligen Jahre des PriesterthumS für einen jungen Priester haben, der kann ermessen, welche Eindrücke er damals für sein ganzes Leben in seinem jungen priestcrlichcn Herzen unter den armen Waisenkindern aufgenommen hat; und er wird sich nicht wundern, daß die göttliche Vorsehung diese Schule erwählt hat, um in derselben einen so liebevollen Vater für die ganze Christenheit heranzubilden. Ein Spital mit armen Waisen sollte die Vorschule für die Ausbildung seines großen päpstlichen Herzens werden. Dann schickte ihn Papst Leo XII. als Begleiter des päpstlichen Nuntius zur Besorgung einer wichtigen Kirchcu-Ängclegenhcit auf zwei Jahre nach Chili in Süd-Amerika. Nach seiner Rückkehr nach Rom wurde er Kanonikus an einer römischen Kirche und erhielt bald darauf den Vorsitz in jener Commission, welche die größte Wohlthätigkeits-Anstalt der Welt, das Hospital St. Michaels, daselbst vermaltet. Diese Zeit seines Lebens brachte er ganz mit scclsorglichcn Arbeiten zu und mit der väterlichsten Fürsorge für das große Spital, worin er etwas wieder fand von seiner Lieblings-Beschäftigung .in den ersten Jahren seines PriesterthumS unter den armen Waisenkindern. Im Jahre 1827 ward er dann Erzbischof von Spoleto, 1832 Bischof von Jmola, 1840 Kardinal, und nach dem Tode des großen Papstes Gregor XVI., am 1. Juni 1846, wurde er schon wenige Tage später, am 16. desselben Monats, zum Papst gewählt. Mit unaussprechlichem Jubel wurde er aufgenommen; und gleich die erste Zeit seiner päpstlichen Verwaltung bekunden: PiuS IX. überall seine überaus große Liebe zum Volke. Er sollte aber bald erfahren, daß mau nicht die Stelle Jesu auf Erden vertreten kann, ohne bald auch an seinem 1l4 Kreuze den bittersten Antheil zu erhalten. Im Jahre 1848, als überall die Revolution ausbrach, mußte auch Pius !X. aus Nom entfliehen und konnte erst zwei Jahre später wieder zurückkehren. Schon über zwei und zwanzig Jahre verwaltet nunmehr der heilige Vater in einem der schwierigsten und wichtigsten Zeitabschnitte der Weltgeschichte das heilige Obcrhirtenamt der Kirche. Es ist der zweihundert sechsundfünfzigste Nachfolger des heiligen Petrus. In dieser langen Reihe sind nur ganz wenige Papste, die so lange wie er das heilige und schwere Amt bekleidet haben. Wir können nicht sagen, daß die Zeit, in welche sein Hirtenamt gefallen ist, die schwerste Zeit der Kirche war; denn welche Kämpfe hat schon die Kirche Gottes seit den ersten dreihundert Jahren blutiger Verfolgung bis heute durchgemacht! Gewiß gehört aber dieser Zeitabschnitt zu den ernstesten und wichtigsten, zu jenen, in welchen eine neue Weltpcrivde beginnt. Der heilige Vater hat in dieser langen, schweren Zeit der Kämpfe auf der einen Seite alle Bitterkeiten und allen Haß der Welt getragen. Alle Leiden der Kirche hat er in seinem väterlichen Herzen mitempfunden. Namentlich sind die Zustände, die ihn rundum in Italien seit vielen Jahren umgeben, für ihn ein Meer des Leidens geworden. Auf der anderen Seite aber hat auch der heilige Vater ein großes Maß der innigsten Liebe und Theilnahme der ganzen katholischen Welt empfangen. Wir können es schwer beurtheilen, glauben aber kaum, daß es viele Päpste gegeben, die inniger und allgemeiner geliebt waren, wie er. Es liegt auch schon in den jetzigen Weltverhältnissen, daß alle Katholiken in allen Theilen der Welt viel genauer bekannt sind mit dem ganzen Leben und Wirken des heiligen Vaters, wie das früher möglich war. So haben wir Alle sein ganzes apostolisches Wirken, seine übergroße väterliche Liebe und Güte, seine immer gleiche Sanftmuth, seine wunderbare Standhaftigkeit, seinen weltübcrwindendcn Glauben seit langer Zeit gewissermaßen täglich vor Augen gehabt. Zugleich konnten wir auch, so zu sagen, die Hand Gottes sehen, die ihn mitten unter all' diesen Anfeindungen schützte bis auf den heutigen Tag. Das mußte die Liebe und Ehrfurcht zu ihm in der katholischen Welt wunderbar vermehren. Wie das Haupt des Moses, da er vom Berge Sinai, wo Gott sich ihm offenbart hatte, Herabstieg, von wunderbarem Lichtglanze umgeben war, so umgibt Pius IX., sichtbar für Alle, die es sehen wollen, Gottes schützende Hand, die Erfüllung der Verheißung: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen " (Matth. 16, 48.) Auch das Kennzeichen, das so recht zum Wesen des Christenthums gehört, das Kennzeichen des Segens im Kreuz und durch das Kreuz haftet wie eine himmlische Krone an seinem Haupte. Welche Leiden und welchen Trost vereinigt sein Oberhirtenamt! Mitten unter allen Stürmen desselben konnte er weit mehr als hundert neue Bisthümer errichten und zugleich sieht er in einigen Ländern eine Rückkehr zur katholischen Kirche, wie sie alle Erwartung übertrifft. Während die blinde Welt meinte, daß die Freiheit und die Entziehung dcS staatlichen Schutzes zum Untergang der Kirche führen werde, sieht der heilige Vater am Ende seines Lebens gerade in den Ländern die Kirche sich mit einer unerhörten Kraft erheben, wo sie wahrhaft frei und ohne Schutz ist. Endlich aber hat Gott, wie wir hoffen können, den heiligen Vater auch noch auserwählt, ein allgemeines Concil abzuhalten, welches vielleicht die ersten Grundlagen zu einer neuen Zeit für die Kirche und für viele Jahrhunderte legen soll. (Aus dem Mainzer Fastenbrief.) Bei dieser Gelegenheit machen wir aufmerksam auf „Das Büchlein vom Papste Pius >X. Zur Belehrung für Jung und Alt. dem Volke dargebracht beim SOjähngen Priester-Jubiläum von Wilhelm herchendach. Düsseldorf, Verlag von Ed. Repmaun." — Dieses Büchlein ist durch -ede Buchhandlung zu beziehen; es schildert in 27 Absätzen die wichtigsteu Vorkommnisse aus dem Leben des deiligell Vaters, sowie einzelne Charakrerzüge, in durchaus populärer Sprache und ist wohl geeignet, die innige Liebe, mit welcher alle Schichten der menschlichen Gesellschaft dem heiligen Vater Pius >X. zugethan sind, noch mehr zu erhöhen. Besonders Lehrer und Schulvorsteher machen wir aufmerksam, daß dieses Büchlein nur kr. kostet. 115 Die Entsagenden. (Fortsetzung.) „Und nun zu uns, Herr Baron," fuhr er — zu Leopold gewandt — fort. „Die Nachsicht, die ich gegen Sie übe, indem ich Ihr Verbrechen ungeahndet lasse, enthebt Sie nicht Ihren anderen Verpflichtungen gegen mich. Sie sind mir bedeutende Summen schuldig, deren Bezahlung ich ohne Aufschub von Ihnen verlangen könnte. Indessen, um den Schein zu wahren, mögen Sie bis zur Vermählung Ihres Sohnes nomineller Besitzer Ihres Gutes bleiben. Am andern Tage indessen betrachte ich Ihre Besitzung als mein Eigenthum, wenn die in meinen Händen befindlichen Wechsel bis dahin ohne Zahlung geblieben." „Entsetzlicher Mann!" rief Nudolph glühend, „haben Sie uns der Kränkung noch nicht genug bereitet? O, gedulden Sie sich zwei Jahre, ein einziges nur — und ich werde durch unablässige Anstrengung im Stande sein, die Schuld meines Vaters zu tilgen!" „Der Gatte einer Millionärin und arbeiten um Geld," bemerkte Fleischer achscl- zuckend. „Wollen Sie Ihren Namen noch mehr compromittiren?" „Aber was thaten wir Ihnen, daß uns so schwer Ihre Rache trifft?" fragte der junge Mann. „Was hat mein Vater an Ihnen begangen?" „Fragen Sie ihn selber, welch' tiefes Leid er über mich gebracht und jedes Unheil, das ihn trifft, betrachte er als Sühne seiner untilgbaren Schuld," erwiderte der Direktor. „Ich begehre Ihr Bcsitzthum, denn seit Lange bewegt mich der Gedanke dort ein Grabmal zu bauen, das die Ueberreste einer schändlich Geopferten enthalten soll, an die ich im Tode das Wort eines Elenden einlösen will, der ihr im Leben einst Glanz und Reichthum versprach. An ihrer Seite soll dann auch meine Asche dereinst ruhen. Und jetzt," fuhr er fort, „bleibt uns nichts mehr, als den Tag der Vermählung zu bestimmen." „Ich bitte Sie noch um eine Gunst, Herr Direktor," entgegncte Nudolph. „Mein Herz ist voll bis zum Ueberströmen. Gestatten Sie mir einige Augenblicke des Alleinseins mit meinem Vater!" „Betrachten Sie sich als Herrn dieses Zimmers," erwiderte der Direktor verbindlich. „Keiner wird Sie zu stören wagen und mich selbst ruft die Pflicht in das Bureau." Mit diesen Worten entfernte er sich, grüßend durch die Hauptthür des Zimmers. Vater und Sohn blieben allein. Das Antlitz des jungen Mannes nahm einen ernsten, fast feierlichen Ausdruck an, der den Baron Leopold, der vor ihm dasaß, wie der Schuldbewußte vor dem Richter, erbeben ließ. „Mach' es milde mit mir, mein Sohn," flüsterte er, „bedenke, meine Tage sind gezählt." „Kein Vorwurf, mein Vater, soll Sie treffen," — erwiderte Nudolph mit sanftem Tone. „Nicht um Ihnen zu fluchen, um Ihnen zu vergeben, drängte es mich, unsere Unterredung zu beschleunigen." „Nicht diese Güte, mein Sohn!" flehte Baron Leopold, „o wie viel schwerer träfe sie mich, als wenn Dein Zorn, Dein gerechter Haß sich über mich ergossen hätte, denn meine Schuld stürzt Dich in's Unglück —" „Verschweige mir nichts," fuhr er fort, „denn tief, tief im Herzen fühle ich, wie bcklagcnSwerth Dn bist! Dein Leben an der Seite eines ungeliebten Weibes dahin zu bringen, während Dein Herz ein anderes Bild erfüllt. Geknechtet vom Druck eines unerbittlichen Feindes, der meine Fehler an meinem Kinde straft, und ich — machtlos und elend — ich selber zerschmettert unter der Wucht der Schande." „Ja, das ist es, Vater," rief der junge Baron, „das ist es, was wie ein nagender Wurm an meinem Leben zehrt. Alles hätte ich ertragen können, — dieser eine Gedanke bringt mich zum Wahnsinn. O Vater, Vater, warum thatest Du mir diese Schmach?" 116 „Büße ich nicht schwer genug?" fragte der Alte tonlos. „Wohl büßest Du, aber. Du selber sagst es, Deme Tage sind gezählt. Auf mich «brr wird Deine Schande lasten ewig und ewig. Der Name, den ich trage, gellt wie ein Spottruf in meine Ohren, und wenn mit den ersten Lauten einst mein Kind nach seinem Namen forscht, muß ich errathen — denn ich muß ihm sagen: Du bist einDuroy!" „Deine Schande," fuhr er wärmer werdend fort, „macht mich zum Lügner, zum Heuchler. Mußte nicht meine Hand Worte schreiben, — von denen mein Mund nichts wußte?" „Halt ein!" rief der Baron, wie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, „auf mich allein falle Alles. Erfaßt mich ein Wahnsinn, daß ich Dein Opfer gestatte? — Laß mich fort, den Direktor zurückrufen, ihn Dein gegebenes Wort vor die Füße schleudern, mag er mich dem Zuchthause als Fälscher übergeben, Du bist frei und auch in anderer Hemisphäre wohnt das Glück für Dich, wo Keiner Deinen Namen kennt, Keiner Dich verachtet um Deines Vaters willen." Und mit fast jugendlicher Kraft erhob sich der alte Mann, um fortzueilen. Aber Rudolph hielt ihn zurück, und mit beiden Armen den Greis umschlingend, rief er: „Nicht so, mein Vater, geböte mir nicht die Kindespflicht zu handeln, wie ich that, so hätte es die Ehre erfordert. Nur versprechen Sie mir eines — dann bin ich ruhig. Wenn jener Tag erscheinen sollte, wo das Geschick Sie zwingt, Ihr Gut zu verlassen, nehmen Sie nicht das Geringste an, sei es als Darlehen oder Geschenk, was Ihnen nicht aus meiner Hand zukommt. Ich werde Sie vor dem Mangel zu schützen wissen." „Ich gehorche Deinem Willen," cntgcgnete der Alte, „denn ich weiß, es fällt Div nicht schwer, mich zu unterstützen. Angelika liebt Dich — und von den Zinsen einer Million, die zweifelsohne durch Deine Hände gehen werden, läßt sich Manches erübrigen, was als Nothpfcnnig für die Tage der Zukunft dienen kann." „Wehe Ihnen, mein Vater," rief der junge Mann glühend, „daß ein solcher Gedankt auch nur für einen Augenblick in Ihrer Seele laut werden kann. O hätten Sie nie, niemals ähnliche in Ihnen erwachen lasten — so brauchte ich nicht das Glück meines Lebens zu opfern, um die Schuld eines Edelmanns zu sühnen, der vor einem groben Verbrechen nicht zurückbebt. Gott ist mein Zeuge," fuhr er feierlich fort, „daß ich eher darben möchte, ehe ich mehr von Angelika's Großmuth annehmen würde, als was die äußerste Nothwendigkeit erheischt. Und wenn Sie vor mir diese Welt verlassen müßten, so würde ich der Erste sein, der die mir unbekannte Cousine von ihrer Erbschaft benachrichtigt. Sie aber, mein Vater, Sie sollen nicht unter Ihrem SchicksalSwcchsel leiden. Ick werde für Sie, fern von der Stadt, ein Häuschen suchen, wo Sie still und einsam von jeder Sorge entlastet, Ihre letzten Lebensjahre zubringen können, dorthin ziehen Sie sich zurück." Der Alte seufzte tief auf. „Du willst mich auf das Land senden?" — fragte er gedehnt. Glaubst Du nicht, daß ich dort umkommen müßte vor Langeweile?" „Vater!" rief Rudolph, „wollen Sie in-der Residenz bleiben, so schwöre ich Ihnen, daß Ach noch in diesem Augenblick die Stadt verlassen werde. Soll ich vor Ihrem Anblick crrölhen? Soll mich Ihre Gegenwart jeden Augenblick an Ihre Schuld, an mein grenzenloses Opfer mahnen? O gehen Sie, mein Vater, — folgen Sie mcinem- Rathe — Sie haben viel gut zu machen vor dem Throne des ewigen Richters, und in der Einsamkeit, fern von dem Weltgetricbc, bereut es sich am Leichtesten. Ach, dürfte ich diese Einsamkeit mit Ihnen theilen, Vater," fuhr er fort, „dürfte ich nur den Gedanken leben, die mit namenloser Sehnsucht mein Herz erfüllen; — wie glücklich würde ich sein!" Thränen des Schmerzes, so lange zurnckgepreßt, erstickten seine Stimme. Das so lange verhaltene Weh seines Herzens brach sich gewaltsam Lahn. Tief ergriffen schloß, ihn der Alte in seine Arme. „Weiche nicht zurück, mein Sohn," sprach er, „ich bin gereinigt von jeder Schuld, den» solche Augenblicke der Qual söhnt sie auf Erden wie im Himmel." Schweigend verließen sie das Zimmer. Kaum hatte sich hinter ihnen der Eingang geschloffen, als sich die Thür des Nebenzimmers öffnete, und der Direktor aus dem Gemach trat. — Er hatte verborgen das ganze Gespräch zwischen Vater und Sohn belauscht. „Lconore," murmelte er vor sich hin, „Du kannst ruhig schlafen. Die Augenblicke der Qual, die ich D incm Verführer bereite, sollen sich dehnen zu Jahren, sollen währen bis über das Grab hinaus! Fort mit Dir, Elender, in die Einsamkeit und Stille! — Statt Gebet und Reue, wie Dein Sohn meint, wird Weltlust und Verzweiflung Dein Herz beschleichcn; der Neid, die Sehnsucht werden Dein Leben zur Hölle machen, und über Alles schwebe, wie die Erinnyc, das bleiche Bild Leonorens, der Geopferten, und höhnend töne es in Dein Ohr aus ihrem Munde: Du verlorst Alles, nichts blieb Dir,, als die furchtbare Erinnerung." „Und jetzt," fuhr er fort, „auf das Gericht, jetzt in die Wirthshäuser der Stadt- Ehe es Abend wird, muß die Stadt im Besitz der Kunde dieser abenteuerlichen Verbindung sein." _ Angelika Fleischer an ihre Cousine Lr. D...! Tage, Wochen verstrichen, theuerste Angelika, die meine Sehnsucht nach Dir zu eben so vielen Ewigkeiten ausdehnt, und noch immer kommst Du nicht; Dich an mein überwallendes Herz zu werfen, in Deinem verschwiegenen Busen mein grenzenloses Leid zu bewahren. Denn ich leide, Angelika, und inmitten des Glanzes, der mich umgibt, inmitten der Heiterkeit, die ich heucheln muß, möchte ich vergehen vor Weh und Thränen. Seit dem Tage, wo ich Dir mein Herz ergoß, bin ich öffentlich mit Nudolph von Duroy verlobt, ungeachtet meines Flehens gefüllt sich mein Oheim, diese Verbindung auszuposaunen. Ich empfange Glückwünsche von nah und fern, mir ganz unbekannte Personen drängen sich in unser Haus, mich mit Artigkeiten zu überschütten, und doch dringt jedes Wort, das meiner Verlobung gilt, wie ein Dolchstich in mein Herz. Aus jeder Silbe glaube ich den Ausdruck des Hohnes zn vernehmen, bei jedem Complimente blicke ich angstvoll auf Nudolph, der kalt wie Eis die Glückwünsche empfängt, und sich nicht einmal die Mühe gibt, seine Gefühle der Gleichgültigkeit zu verbergen. Ja, ich bin ihm gleich, hat er es mir doch selber gestanden, nicht Liebe flöße ich ihm ein, höchstens Achtung, und Achtung zollt man auch der Matrone. A chtung trennt von der Freundschaft nur einen Schritt, aber eine unübersehbare Kluft von der Liebe. Und laß mich erröthen, Angelika, indem ich eS niederschreibe, und doch sehne ich mich nach Liebe, wie die dürstende Flur »ach dem erguickcnden Regen. So lange stand ich einsam da, kein Herz bot sich mir dar, an das ich das meine vcrtrauungSvoll lehnen dürfte. Nun kommt er, der Einzige, dessen Bild lange, lange meine Seele erfüllte, und den ich liebe mit unendlicher Glut, er, der mein eigen werden soll, vereint mit ihm durch geheiligte Bande, und doch mit dem Bewußtsein, all' die Glut, die mein armes Herz verzehrt, hinein drängen zu müssen in der Brust tief innersten Raum. —- Und dabei Neid, Haß und Spott der Welt, denn Keiner gönnt mir mein vermeintliches Glück, das ich selber beweine. Obgleich wir seil unserer Verlobung höchst zurückgezogen leben, konnte Nudolph trotz seiner Abneigung nicht umhin, einem kleinen Cirkel mit mir beizuwohnen, der sich im Hause einer seiner Freunde versammelt hatte. Mein Bräutigam holte mich ab, er war heiterer gestimmt, als sonst, und ich zum ersten Mal glücklich, ihn an meiner Seite zu wissen. Wir traten in den Saal, ein Geflüster lief durch die Reihen der Versammlung, ich fühlte alle Blicke auf mich ruhen Eine. plötzliche Stille entstand rings umher, da tönte vernehmbar die Stimme einer 118 fremden Dame, die mit den Augen uns bezeichnend, zu ihrer Nachbarin bemerkte: „Sehen Sie doch, wie herrlich sich die Mutter dieses jungen Mannes conservirt hat." Meine Sinne drohten zu schwinden, ich fühlte den Arm Rudolphs in dem meinen zittern; wie tief, wie unabsehbar tief war mein Stolz gekränkt. Dieses eine Wort hatte meine Hoffnungen geknickt, wie der Hcrbstwind die letzte Knospe. Mein Auge siel auf den uns gegenüberliegenden Spiegel, er zeigte mir das Bild meines Verlobten, strahlend im Glanz der Jugend, der Schönheit, ein blühender Antinous, und daneben mich, mich, — o laß mich schweigen, Angelika, das Weh meines Daseins soll mich nicht zu einem Vorwurf verleiten gegen den Willen des Uncrforschlichen. Wie gern hätte ich hinein geschrieen in die Reihen der Frauen und Mädchen, deren Blicke mit dem Ausdruck des Bedauerns auf meinem Bräutigam ruhten. „Nehmt ihn hin, er ist frei," — hielt mich nicht eine furchtbare Pflicht, wie der Dämon seines Lebens, an seine Fersen gekettet. Ich will sie denn tragen die Last, ohne Murren, bis sie dem ermatteten Körper zu schwer, über ihn zusammen bricht. Ich wünsche mir den Tod, Angelika, aber nicht eher, als bis ich Rudolph's Weib geworden bin. O glaube nicht, daß es Egoismus sei, der aus diesem Wunsche spricht, es gibt keine größere Entsagung, als er enthält. Und dennoch gab es Stunden, ach — und noch jetzt sind sie nicht selten, wo schwarze finstere Gedanken mein Herz beschleichen. Hch bin ein Weib, Angelika, und wenig der Heldinnen zählt unser Geschlecht. Dann kommt es über mich wie mit geheimer Freude, daß ich trotz meiner Jahre triumphirt habe über alle Wünsche, und er, der Viclbegehrte, mein eigen ist. Eine Frau ist nie unglücklicher, als wenn sie eine andere beneidet, nie glücklicher, da sie sicher ist, den Neid anderer erregt zu haben. Und hat der Egoismus seine düstere Fittiche über mich ausgebreitet, da tritt wie ein hülfreicher Gefährte die Eifersucht hinzu. Ich möchte mit ihm fliehen in ferne Wüsten und Welten, wo Keine, Keine ihn mir streitig machen kann, wo ich dem sich nach Mittheilung sehnenden Herzen Alles — Alles sein müßte. Angelika, o wüßtest Du, welche Qualen dann mein Herz erschüttern, wie jeder Blick, der aus dem Auge Fremder auf Rudolph fällt, eine neue Wunde in meine Brust reißt, — wie ich ihn an mich ziehen möchte und ihm zurufen: „Nur für mich sollst Du Augen haben, nur für mich Dein Dasein weihen " — Aber diese Kämpfe dauern nicht lange, gereinigt und erhoben gehe ich aus ihnen hervor. Ich habe die wahre Bestimmung des Weibes aus ihnen kennen gelernt, sie heißt: „die Entsagung;" ich entsage, so seltsam es Dir — der Uneingeweihten — klingen mag, ich entsage, da ich Rudolphs Gattin werde! Und eben, weil ich entsage, — wiederhole ich meine Bitte, in die Arme Deiner Freundin zu eilen, die Dich willkommen heißen wird von ganzem Herzen. Höfe Deine Verbindung mit Deiner jetzigen Herrschaft unverweilt, eine ehrenvollere Stellung wartet meiner Cousine und Pathin, die den gleichen Namen mit mir trägt, in meinem Hause. Wohl weiß ich, daß mein Entschluß, Dir mein Hans zu öffnen. Dir, -— dem jugendlich-blühenden Mädchen — eine FrcundcSstelle neben einer verblühten, alternden Frau anzuweisen, deren Gemahl, wie jene Dame behauptete, fast ihren Sohn vorstellen könnte, in den Augen meiner Bekannten mich auf die höchste Stufe der Lächerlichkeit erheben wird; und dennoch ersehne ich ungestüm den Tag Deiner Ankunft, denn sie soll allen Jenen beweisen, wie fest ich auf Deine Freundschaft — und auf Nudolph'S Treue baue, wie entfernt meine Seele von jeder Regung der Eifersucht ist. „Also komm, meine Angelika! Ich verspreche Dir alle Freuden, alle Genüsse, die Deiner Jugend ziemen, Du sollst nicht büßen, weil ich leide, und eö gewährt mir eine Art Stolz, mich allein unglücklich im Kreise Fröhlicher zu wissen. Zaudere nicht — ich bedarf Deiner, o erscheine, ehe der gute Genius sein Antlitz von mir wendet, und finstere Dämonen tückisch, ihre Schwingen über meine Seele breiten! Erscheine, — ehe die Liebe Gesiegt wird von der verzehrenden Leidenschaft. Angelika. (Fortsetzung solgt.) 119 Russischer Kannibalismus gegen katholische Nonnen. Makrina Mieszyslawska war, wie bekannt, Acbtisfin des Klosters der Basiliauerinnen in Minsk, als Czar Nikolaus die gewaltsame Bekehrung der Nonnen zum Schisma anbefahl. Es widerstrebt der Feder, alle die gräulichen Mißhandlungen zu beschreiben, denen sie und ihre treuen Töchter, 37 an der Zahl, ausgesetzt waren, um sie zum Abfall von ihrem Glauben zu nöthigen. Es geschah das in den Jahren 1838 — 40. Die frommen Nonnen wurden nach Witebeck geschleppt, d. h. nach russischer Weise mußten sie mit Ketten beladen, dorthin zu Fuße gehen, und dort in ein Kloster ihres Ordens, das nur von russischen Soldaten - Wittwen und Weibern der ordinärsten Art bewohnt ward, untergebracht. Sieben Jahre lang schmachteten sie dort, ohne daß ihnen die Fesseln, mit denen sie belastet waren, auch nur auf eine kurze Zeit wären abgenommen worden, in einem dumpfen Raume, in dem sich noch dreizehn Schwestern befanden, die aus der Zahl der früheren Bewohnerinnen des Klosters übrig und zu den üiedrigsten Diensten für die erwähnten Weiber verurtheilt waren. Die neuen Ankömmlinge mußten nun diese ihre Arbeiten mit ihnen theilen, fortwährend in Fesseln und unter den härtesten Schlägen, der elendesten Nahrung, im Winter — in Rußland — ohne Heizung. Zweimal wöchentlich wurden sie außerdem auf Befehl des apostasirtcn Bischofs Siemaszko, des Henkers von Hunderten armer Nonnen und Mönche, auf das entsetzlichste gegeißelt. Eine von den Schwestern, Colomba Gorska, die gleich den übrigen unmittelbar nach einer solchen Geißelung an den Karren geschleppt ward, an welchem angekettet sie Bausteine fahren mußte, fiel todt nieder, eine andere, Baptista Downar, wurde in einem großen Ofen lebendig verbrannt, eine dritte, Nepomuccna Grvtkowska, starb in Folge eines Schlages, den ihr die Vorsteherin deS Hauses mit einem Holzscheit auf den Kopf versetzt hatte; zwei andere Schwestern, Suzanna Rypinska und Coleta Siclawa, starben unter den Geißelungen. Ende 1840 wurden die noch übrigen Nonnen zwei und zwei zusammen- gcfcssclt, nach Plock geschleppt und ebenfalls in ein Kloster ihres Ordens gebracht, wo von den fünfundzwanzig Schwestern bereits fünfzehn in Folge der Mißhandlungen umgekommen waren, von den übrigen zehn waren zwei aus derselben Ursache geisteskrank geworden. Trotzdem wurden sie wie die andern an den Karren gefesselt. Äuch diese starben unter den Händen ihrer Peiniger. Im Jahre 1841 kamen fünf der Schwestern in einer Lehmgrube um, sie wurden unter den einstürzenden Erdmassen begraben, und bald darauf stürzten neun andere Schwestern von einem Maucrgerüste herab, auf dem sie Handlanger-Dienste verrichten mußten, und blieben auf der Stelle todt. Unter diesen letzten neun Schwestern befand sich eine geborene Fürstin Mednnicka. Nur kurze Zeit später wurden zwei Schwestern zu Tod gegeißelt, und diese Scenen wiederholten sich in den Jahren 1841 — 42; eine alte Nonne von 73 Jahren, Scraphina Sczcrbinska, die auf Befehl Siemaszkos fünfzig Geißelschläge erhalten sollte, starb bei dem dreißigsten, die Leiche empfing die übrigen zwanzig; zwei andere, Stanislawa Dawgial und Nathalia Narbut starben einige Stunden nach der Geißelung, während Justina Tur und Liberta Kormin buchstäblich unter den Fußtritten ihrer Henker ihren Geist aufgaben. DaS Alles geschah nicht ohne Wissen deS Kaisers, an den die unglücklichen Nonnen geschrieben hatten. Aber seinen Zweck, die Apostasie der schwachen und doch heldenmüthigcn Frauen erreichte er nicht. Von den 245 Nonnen, die den Gcsammtstand der Brasilianerinnen bildeten, und die sämmtlich auf gleiche Weise behandelt wurden, ist auch nicht eine ihrem Gölte untreu geworden. Der größere Theil erlag den Mißhandlungen, glorreiche Mar- tyrinnen, die übrigen wurden, die General-Oberin, Fürstin Euphrosine Gcdamin an der Spitze, zu zwei und zwei aneinander gefesselt, zu Fuß nach Sibirien geschleppt. Die Historische Reminiscenz — nach dem Schlcs. Kbl. an die Jahre t838 bis 42 — aus Anlaß des unlängst gemeldeten, in Rom erfolgten Ablebens der 86jährigen Brasilianer-Nonne Makrina Mieszyslawska. 120 genannte General-Oberin, 45 Jahre alt, die ihre großen Reichthümer dem Orden übergeben und sich durch ihre große Liebe zu den Armen ausgezeichnet hatte, starb unterwegs. 1845 endlich gelang es der Äbtissin Makrina, die neben den eigenen schrecklichen Leiden auch die ihrer Mitschwestern, denen sie eine liebende Mutter war, mitgefühlt hatte, mit drei andern Schwestern, die allein noch die erforderliche Kraft besaßen, (acht andern waren in Plock bei Gelegenheit einer schrecklichen Mißhandlung die Augen ausgeschlagcn worden, so daß sie gänzlich erblindet waren) ihrem Gefängniß zu entfliehen, und nach Rom zu gelangen, wo sie dem heiligen Vater einen treuen Bericht über die traurigen Vorgänge in Rußland abstattete. Wie dergleichen Scenen unter Nikolaus Nachfolger, dem als liberal ausgerufenen Kaiser Alexander 11^ sich in fast unaufhörlicher Reihenfolge wiederholt haben, ist bekannt. Und das Alles geschah und geschieht im neunzehnten Jahrhundert, dem Jahrhundert der Aufklärung und des Lichtes. Glaubt man nicht in die Zeit eines Caligula, eines Maximin und anderer Tyrannen der Kaiscrzeit versetzt zu sein? Wir können nicht glauben, daß die Saat, die die heldcnmüthigcn Märtyrer und Märtyrerinnen des Glauben« gesäct, nicht endlich Früchte tragen sollte. Miseelleri. (Das Omen Maria Theresias.) In der Kaisergruft der Kapuziner-Kirche zu Wien ruhen bekanntlich seit deren Stifter, Kaiser Mathias, alle deutschen Kaiser bis auf den letzten, für welchen im Kaisersaal des Frankfurter Römers Raum war. Hierher begab sich nach dem Tode Franz l. jede Woche dreimal seine Gemahlin, die Kaiserin Maria Theresia, um stiller Andacht nachzuhängen. Nicht allein am Tage, sondern auch Nachts stieg sie in die kalte Gruft hinab. Allein! Um Niemand zur Beihilfe nöthig zn haben, ließ sie ein Stcigwerk anbringen, mit welchem sie mit eigenen Händen sich hinunterließ und wieder emporwand. Als dieß auch am 2. November 1780 geschah, stockte die Maschinerie dreimal, und Maria Theresia flüsterte ahnungsvoll: „Die Gruft will mich nicht wieder herauslassen!" Einen Monak später wurde sie todt in ihrem Sarge in diese Gruft hinabgelassen. Ein witziger Dichter Frankreichs, Saint-Foix (gest. 1776), war einem Juden 1000 LivreS schuldig, die er nicht bezahlen konnlc. Sein Gläubiger traf ihn einst zufällig bei einem Barbier, — der ihm so eben den Bart eingeseift hatte. Der Hebräer mahnte ihn auf der Stelle. S. aber fragte ihn, ob er nicht wenigstens so lange warten wolle, bis der Herr da ihm den Bart abgenommen. „O ja!" antwortete der Jude, „recht gerne!" — „Nun, Sie sind Zeuge," sprach der Dichter zu dem Barbier, stand «uf, wusch sich die Seife ab und ging mit ungeschorenem Barte davon. (Die Ja- und Nein-Maschine) Für gewisse Volksvertretungen, welchen die weise Fürsorge Derer, die sie berufen, alle Mühe, sogar das Ja- oder Nein-Sagen ersparen möchte, eignet sich vortrefflich eine zunächst in Albany (Staat New-Dork) eingeführte Maschinerie, bei welcher die Reprcscntantcn weder aufzustehen, noch aufgerufen zu werden brauchen. Es sind in der Nähe des Schriftführer-Tisches zwei Tafeln vorhanden, auf denen sämmtliche Plätze mit laufenden Nummern bezeichnet stehen und zwar doppelt, einmal für Ja, einmal für Nein. Von diesen Tafeln gehen elektrische Drähte nach den Sitzen, an deren jedem sich zwei Drücker für Ja und Nein befinden. Sobald es sich um ciuc Abstimmung handelt, haben die Vertreter nur nöthig, auf den Ja- oder Nein- Griff zu drücken, und binnen fünf bi« zehn Minuten ist Abstimmung und Zühtung der Stimmen fertig. Diese Maschine ist auch besonders kostbar für tumultuarifche Sitzungen, wo oft die Äbstimmnngs-Resultatc trotz mehrfacher Controle unsicher sind. Druck, Bering und Redaction der Litcrarisrden Instituts den t»r. M. Hnrrlcr.