' Uro. 18. 18. April 1869. Was vermag die Sonne der Kunst über die kalten Menschen von Ton und vou Welt? — Dasselbe, was die andere Sonne au den Eisbergen ausrichtet: sie kaun sie versilbern und vergolden, aber nicht zerschmelzen. sseau Paul. Die Entsagenden. (Fortsetzung.) Acht Tage waren verstrichen. Zm Garten, der sich hinter dem Hause des Direktors ausbreitete, hatten sich auf Einladung des letzteren mehrere Bekannte versammelt, in deren Mitte das Brautpaar still und einsilbig dasaß. Sowohl Angelika als Rudolph war es unangenehm, sich in Gegenwart Fremder zu befinden, und vergebens erschöpfte« sich die Freunde des Hauses; die niederdrückende Stimmung, die sich der Gesellschaft bemächtigt hatte, wollte trotz aller Anstrengung nicht weichen. Ueber das schöne, jugendfrische Antlitz Rndolphs begann noch fast unmerkbar sich die feine Falte zu legen, die ein inneres Weh darin zeichnet. Die scharfen Augen der Damen, denen kein Zug in einem Antlitz, das sie studiren wollen, entgeht, hatten gar bald diese Entdeckung gemacht, und bestrebten sich, Stadt und Land dieselbe zu offenbaren. Schon hatten geschäftige Zuträgerinnen Angelika auf die Veränderung aufmerksam gemacht, die das Antlitz ihres Verlobten betroffen hatte, und forschten unter dem gleisnerischen Deckmantel der Freundschaft nach dem Grunde derselben. Die Unterhaltung der Gesellschaft war in's Stocken gerathen, als die Aufmerksamkeit durch das Geräusch eines Wagens rege gemacht ward, der vor dem Hause anhielt. Durch die geöffneten Thüren, die vom Garten auf die geräumige Flur des Hauses führten, hörte man Stimmen laut werden, Tritte erschallten, als ob man Koffer und Kisten in das Haus trage, und im nächsten Augenblick erschien ein junges Mädchen in einem leichten grauen Reiseanzug gekleidet, am Eingänge des Gartens, und warf sich in die Arme der ihr entgegeneilenden Angelika. „Endlich," rief sie, „gestattet mir meine Pflicht, Dich wieder zu sehen, um Dich nimmer wieder zu verlassen. O wüßtest Du, wie ich mich sehnte, nach Deinem lieben Antlitz, das ich so lang vermissen mußte." „Sei mir tausend Mal willkommen, mein theures Kind," — erwiderte Angelika. „Aber erlaube mir, zuerst Dich der Gesellschaft und vornehmlich meinem Bräutigam — Rudolph von Duroy — als meine Cousine und meine Pathin — Angelika Fleischer — vorzustellen." Sie trat bei diesen Worten von dem sich verbeugenden, erröthcnden jungen Mädchen zurück, dessen Anblick jetzt Rudolph, der mit sichtbarer Aufregung dem Klang ihrer Stimme gelauscht hatte, frei war. Die Blicke beider jungen Leute begegneten sich. — Rudolph, der die Gefahr des Augenblickes erkannte, und sich von Angelika und der ganzen Gesellschaft beobachtet wußte, ward todtenbleich, denn er erkannte jenes Mädchen, dessen Bild sich mit unauslöschlichen Zügen in sein Herz gegraben hatte, seit jenem Tage, wo sie ihn aus seiner Apathie riß, — und ihm die wahre Bestimmung des Mensche» kennen lehrte. Nicht so Angelika. Ein jäher Schwindel befiel sie bei dem Anblick des Mannes, der die erste reinste Liebe in ihrem Herzen erweckt hatte, — und den sie als Braviigam ihrer Cousine wieder fand. Wie ein Blitzstrahl befiel sie der Gedanke, daß sie ihr Lebe» § - K 122 fortan im Hause jenes Mannes verbringen solle, und alle Qnaleu des Tantalus fühlte sie in diesem Augenblick erwachen. Unfähig, ein Wort hervorzubringen, stand sie da, das Auge starr auf Rudolph gerichtet; ein Peinliches Stillschweigen entstand in der Gesellschaft, — desto mehr hatten Augen und Achseln der anwesenden Gäste einander zu erzählen. „Kennen Sie den Herrn Baron, mein Fräulein?" fragte der Direktor scharf, um dieser Scene ein Ende zu machen. Flüchtig stammelte die Gefragte: „Ein Zufall brachte uns in Wiesbaden zusammen, indessen — unser Zusammensein währte kaum einige Minuten; nicht wahr, Herr Baron?" wandte sie sich an Nudolph, nicht weniger zitternd als der junge Mann selber „In der That," erwiderte dieser, „nur wenige Minuten, die mir aber unvergeßlich bleiben werden." Ein banger Blick begleitete diese Worte, er enthielt den Abschiedsgruß einer verwelkten Hoffnung, einer begrabenen Liebe. Angelika verstand ihn, und mit Aufbietung aller ihrer Kräfte versuchte sie die Gefühle zu bemcistcrn, welche-das unvermuthete Wiedersehen in ihrem Herzen erregt hatte. Es ward spät, und die Gesellschaft trennte sich. Auch Rudolph nahm seinen Hut, »m zu gehen. Er trat zu der Neuangekommenen, er versuchte, den Ton der Glcichgiltigkeit gegen sie anzuschlagen, aber das Wort stockte ihm im Munde, denn er fühlte die Blicke des Direktors, wie die seiner Braut forschend auf sich ruhen. Und aus diesem Grunde bewirkte er mit übermenschlicher Kraft, daß keine seiner Muskeln seines Antlitzes zuckte, als er die leise geflüsterten Worte der Geliebten an sein Ohr tönen hörte: „Ich must Sie sprechen, erwarten Sie mich um Mitternacht an dieser Stelle." Und Stunde um Stunde verstrich. Die Natur legte ihr Nachtgewand an und über die tiefblaue Himmelsfläche zog Stern um Stern als treuer Erdenwächtcr auf. Still ward es und stiller ringsum, kein Ton des Lärmcns schallte aus der nahen Stadt mehr herüber, denn Alles schlief, um sich zu neuem Tagewerk zu rüsten, und auch im Hause des Direktors hatte sich ein tiefer Frieden gelagert. Da tönte es Mitternacht durch die Einsamkeit, langsam verhallten die dröhnenden Schläge der Thurmuhr der Residenz, und ein leises Rauschen strich über den Garten, wo wenige Stunden vorher zwei Liebende sich aus's Neue gefunden. Die Blätter und Blüthen waren erwacht, denn die Stunde war gekommen, wo eS ihnen vergönnt ist, ungesehen und ungchört von den neugierigen Menschenkindern mit einander zu reden; jedes in seiner Sprache. Auch hatten sie gar viel zu plaudern von Lieb und Treue, und die ehrwürdigen Bäume, die eine schattige Allee mitten durch den Garten bildeten, hörten lächelnd zu, was die junge Welt zu ihren Füßen träumte und sann, sie kannten wohl des Winters Dräuen, wenn der Lenz geschwunden war, und leise mahnend schüttelten sie ihre Kronen, daß die welken Blätter ihre Aeste sich lösten, und wie eine Warnung niederschwcbten auf die Häupter der sorglosen, hoffenden Jugend. — Aber neckisch wehte ein leichter Nachtwind sie hinweg und in den Schooß der murmelnden Fontaine, — die ihren Wasserstrahl wie einen Silberfaden zum gestirnten Himmel «mporsandte. Da plötzlich drang es wie der leise, flötende Ton eines Vogels durch den Garten, kS war eine Nachtigall, die halb träumend einen Warnungsruf ausgestoßcn haben mußte, denn im nächsten Augenblick war Alles still rings umher, nur ein stärkerer Blumenduft, «ls sonst dm traulichen Ort erfüllte, durchzog die sanft bewegte Luft. Horch, am Ende des Gartens erschallten leise Schritte, die Gestalt eines Mannes iu einen leichten Mantel gehüllt, tauchte beleuchtet vom hellen Sonnenschein auf, und näherte sich vorsichtig. Es war Nudolph. „Welchen Schritt will ich wagen," — flüsterte der junge Mann vor sich hin, am Rande der Fontaine stehen bleibend, — „im Hause der ungeliebten Braut will ich sie wiedersehen, zu still nächtlicher Stunde, jenes Mädchen, das mein zu nennen ich mein ganzes Dasein dahin geben würde. Wie müßte ich beschämt zu Boden blicken, wen» jetzt Angelika, meine Verlobte, erschiene und inne würde, daß der Mann, dem sie ihr ganzes Vertrauen geweiht, sie schändlich betrügt! Aber — betrüge ich sie denn?" — unterbrach er sich, „habe ich die Absicht, die Treue zu brechen, die ich ihr gelobt? Nein, bei Gott, das will ich nie, und diese Stunde möge es beweisen." Er hielt inne, denn er erblickte die Gartenthür des Hauses sich öffnen und Angelika die Jüngere, langsam den Weg nach der Fontaine einschlagen. In wenigen Minuten hatte sie den Ort erreicht. Das junge Mädchen sah wunderbar schön aus, das Licht des Mondes gab ihre« Zügen fast eine Marmorblässe, und wie eine überirdische Erscheinung dünkte sie de« Auge Rudolphs, als sie ihm gegenüberstand. Alles vergaß er in diesem Augenblick, da» einzige Gefühl des Wiedersehens der so lang Ersehnten verschlang alle Vorsätze, —- alle Gründe der berechnenden Vernunft. Er breitete die Arme aus, als wolle er die Heißgeliebte umfangen, und mit bebendem Tone flüsterte seine Lippe den Namen: „Meine Angelika!" Das junge Mädchen zitterte. Sie stützte sich auf den Rand der Fontaine, u« ihre Gefühle zu bemeistern — dann erwiderte sie: „Nicht also, Herr Baron von Duroy, nicht dieser Ton darf es sein, der meine« Namen nennt. Ihre Angelika ist meine Cousine, Ihre Braut — ich bin nichts weiter, als ein armes, schwaches Mädchen, das, um in Ihrer Mannesstärke Kraft und Trost zu suchen, sich in Ihren Augen compromittirt." „Nehmen Sie meinen Dank," fuhr sie fort, „daß Sie meinem Wunsche nachkamen. Ich mußte Sie sprechen, ehe die Morgensonne den neuen Tag verkündet, um zu erfahren, ob meines Bleibens in diesem Haufe sein darf, ohne die beste der Frauen schändlich z« verrathen?" „Angelika!" unterbrach Nudolph sie mit schmerzlichem Tone, „ich bin nicht mehr der Jüngling, der einst mit glühender Leidenschaft um Ihre Liebe sichte. Die Nothwendigkeit hat sich mit eisernen Klammern um mein Herz gelegt, und jede Wallung erstickt. Dennoch aber, Angelika — dennoch vermag sie nicht das theure Bild mit ihre« undurchdringlichen Wolken zu umschleiern, das als Ideal in meinem Herzen thront und dies Bild ist das Ihre. Ihrer Cousine reiche ich meine Hand, aber Ihnen bleibt mei« Herz, Ihnen bleiben alle meine Gedanken." „Wehe Ihnen, Herr Baron, daß noch immer dieser unselige Wahn Sie bethört," erwiderte Angelika. O lernen Sie meine Cousine näher kennen, glauben Sie mir, der Zwang der Verhältnisse macht sie nicht minder unglücklich, als Sie selber und vielleicht auch mich, denn sie liebt Sie, Herr Baron, mit der vollsten Glut eines nie entweihte« Herzens. Aber wie edel diese Liebe, wie cntsagungsreich sie ist, das möge Ihnen das Geständniß enthüllen, daß sie mich aus untergeordneter Stellung befreit und hierher gerufen hat, um für immer ihr Haus zu theilen." Nudolph fuhr auf. „Wie?" rief er. „Sie bleiben in meiner Nähe! Ich ssL Sie täglich, stündlich vor diesen Augen sehen, soll Ihre Stimme an mein Ohr, in mei« Herz dringen hören, o dies wäre das Glück des Paradieses, wenn es nicht für mich die Qualen des Tantalus bedeutete." Angelika legte sanft die Hand auf seine Schulter. „Richten Sie sich auf, mein Freund," sagte sie sanft. „Was nützt es, der Gefahr feige zu entweichen, die uns doch früher oder später trifft? Nudolph, wenu es wahr ist, wenn in Ihren Worten kein Falsch, daß ich noch nicht a«s Ihrem Herzen verdrängt, so hören Sie, was ich in dieser Stunde zu Ihnen rede." „O, ich will hören, als ob ein Engel mir das Heiligste der Evangelien verkündete.* 124 „Nudolph!" begann sie feierlich, „möge denn in dieser heilige» Nacht, «o Niemand »uS ficht. Niemand uns richtet, als der Ewige allein, dessen Sterne seinem Strahlcnauge gleich auf uns hcrniedcrschauen, jede Maske der Verstellung von uns fallen. Hätte ich gewußt, daß Sie der Mann sind, dem Angelika ihre Hand reichen soll, nie — niemals halte mein Fuß dieses Haus betreten. Denn, lassen Sie mich es aussprechen, und ich darf es ahne Errathen, ich liebe Sie, Rudolph, mit wahrer, inniger Liebe." „Du liebst mich!" wiederholte Rudolph mit seligem Ausdruck, o, noch einmal — ein einziges Mal wiederhole das Wort, das mich entschädigt für alle Leiden, die ich bis dahin erduldete." Er näherte sich mit ausgebreiteten Armen dem jungen Mädchen, aber ein fast befehlender Wink Angelika's hielt ihn zurück. „Lassen Sie mich ausreden," sagte sie ernst. „Ja, ich liebe Sie, vielleicht mit dem gleichen Gefühl, wie Sie meinem Bilde in Ihrem Herzen weihen. Was soll aus uns werden? — Zu welchem Verbrechen könnte uns die nie berechnende Leidenschaft treiben, wenn wir nicht der Stimme der Ehre, der Stimme der Pflicht Gehör geben wollen? Lasten Sie uns einen Bund schließen, der uns stärket vor jeder Versuchung; lasten Sie uns in diesem Augenblicke, wo wir einander gestehen, wie lieb wir einander sind, auch diese Liebe begraben. Denn wenn die Glut des Herzens die Bande zu sprengen drohte, dann müßte ich fort auf's Neue von dieser gastlichen Stätte, das kein Verrath beflecken soll, fort in die weite, große Welt, wo keine Frcundesbrust meiner harrt, mußte auf's Neue unter kalte, hartherzige Leute." (Fortsetzung folgt.) Ein Bischofs Jubiläum in Amerika. St. Franzis bei Milwaukee, 21. März 1869. Am 19. März, als am Feste des heiligen Joseph, war Milwaukee Zeuge einer Festlichkeit, die nicht bloß durch ihre Seltenheit, sondern auch durch die Pracht und Großartigkeit, mit der sie begangen wurde, noch lange in frischem Andenken verbleiben wird. Unser Hochwürdigster Bischof, Johann Martin Henni, der erste Oberhirte unserer Diözese, feierte nämlich au diesem Tage sein 25jühriges Bischofs-Jubiläum. Schon seit ein Paar Monaten zeigte sich in der Bischofsstab! ein reger Eifer, unter Katholiken sowohl als Protestanten, um dem allseitig beliebten greisen Obcrhirtcn eine würdige Fcst- Keier zu bereiten. Am Morgen des 1S. März vernahm man schon zu früher Stunde das festliche Geläute der Glocken von den Thürmen der sieben Pfarrkirchen der Stadt, und Kanonen- Donner trug die frohe Kunde in die umliegende Landschaft. Vom Dache des städtischen Gerichtshauses flatterte lustig das Sternenbanner, zum Beweise, daß auch die nicht katholischen Behörden von Milwaukee die Bedeutung des schönen Festes zu würdigen verstanden. Unterdessen hatten sich in der bischöflichen Wohnung die Priester von allen Seiten eingefunden, ungefähr 90 an der Zahl, von denen manche einen Weg von über 100 Meilen gemacht hatten, um der Feierlichkeit beizuwohnen. Ungefähr um 10 Uhr rückten die verschiedenen katholischen Vereine der Sradt mit flatternden Bannern, und unter den rauschenden Klängen der Musik vor die Kathedrale, wo sich bereits eine fast unübersehbare Volksmenge eingefunden hatte. Um 10 Uhr begann die feierliche Prozession der Priester und Seminaristen durch die Kathedrale zur bischöflichen Wohnung, wo der Jubelgreis in Empfang genommen und unter den festlichen Klängen der Musik zur Kirche geleitet wurde. Beim Einzüge der Prozession in dieselbe sang ein Chor von Seminaristen das Ucnt! suoerckos magnus, das auf die ohnehin von Festfreude erfüllten Gemüther einen um so größer» Eindruck hervorbrachte. Beim nun folgenden Pontifical - Amte bemerkte man auch im Prcsbytcrium den neuen Bischof von La Crofse, der gekommen war> 125 um seinem erlauchten Consecrator seine Glückwünsche darzubringen. Allgemein bedauert mau, daß der Hochwürdigste Erzbischof von Cincinati, der unsern Bischof vor 25 Jahren consecrirte, nicht erschienen war, obwohl er seine Ankunft bereits zugesagt hatte. Die Festpredigt hielt k. Gareschö auS der Gesellschaft Jesu, dessen glänzendes Rednerlalent auch bei dieser Gelegenheit allgemeinen Beifall erhielt. Ich kann nicht umhin, ein Urtheil anzuführen, das der sonst den Katholiken nicht günstig gestimmte „Evening Wisconsin" über diese Predigt brachte. „Wenn dies," schreibt daS Protestantische Blatt, „die so berühmten Jesuiten-Prcdigten sind, nnd wenn durch solche Predigten die Herzen gewonnen, und die Leute zum Katholicismus bewogen werden, wer sollte sich darüber wundern? Wenn durch diese Predigten dem Christenthum ein größerer Erfolg gesichert wird, als durch unsere Tractate und Bibel-Uebersetzungen, — was können wir dagegen sagen?" Nach vollendetem Pontifical-Amte versammelten sich die Priester und andere geladene Gäste im geräumigen Saale des nahen Waisenhauses, wo durch den opferwilligen Sinu der Kathedral-Gcmeinde ein großartiges Diner bereitet war. Am Ende desselben gab der hochwürdige General-Vikar Kundig, ein Landsmanu des Hochwürdigstcn Bischofs saus Graubünden in der Schweiz), eine kurze Skizze der Geschichte unserer Diözese, und sprach von den wunderbaren Segnungen des Himmels, während dieser 25 Jahre. Arm und unbekannt war dieser Oberhirle vor 25 Jahren in das unansehnliche Dorf Milwaukee eingezogen, und fand dort nichts als eine armselige Bretterkirche, dazu noch 400 Dollars Schulden, nnd in der ganzen Diöcese fünf Priester. Und jetzt haben wir eine blühende Diözese mit 150 Priestern, einer herrlichen Kathedrale, einem Seminar mit 200 Candidaten des Priesterthnms, und einer ansehnlichen Zahl von Ordenshäuscrn, wohlthätigen Anstalten und Schulen. Zum Schlüsse überreichte der Redner dem Hochwürdigstcn Bischof eine Börse mit 2000 Dollars, eine freiwillige Spende der Priester zur Bestreitung seiner diesjährigen Romreije. Darauf sprach Dr. Johuson, ein Mitglied der Kathedral-Gemeinde, die Gefühle der Liebe und Ergebenheit der Gemeinde und der ganzen Diözese in treffenden Worten aus. Nachdem noch der Maire der Stadt den verehrten Jubilar der Liebe und Zuneigung der ganzen Stadt versichert, und im Namen der Bürger Milwaukees seinen Glückwunsch dargebracht hatte, erhob sich Hochdcrsclbe mit Thränen der Rührung in den Augen, und dankte in ergreifenden Worten für diese so rührende Theilnahme. Er sprach auch von der liebevollen Zuneigung, die ihm von den Andersgläubigen immer zu Theil geworden, und zeigte der Versammlung ein wunderschönes Kreuz von lebenden Blumen, das ihm eine protestantische Dame zum Jubelfeste gespendet hatte. Die Feier schloß mit einem Concerte, das von den Zöglingen dcö Schulschwestern-Hauscs veranstaltet wurde. Im Laufe des Nachmittags wurde dem Gefeierten von den ältesten Einwohnern Milwaukees, ohne Unterschied der Confession, eine Adresse überreicht, welche folgende bemcrkcnöwerthe Stellen enthält: „Heule au Ihrem Ehrentage erinnern wir uns lebhaft des Empsanges, der Ihnen vor 25 Jahren zu Theil wurde. Wir freuten uns, daß ein Deutscher zu einer so hohen Würde in Ihrer Kirche erhoben worden war, und seinen Bischofssitz in Milwaukee nahm. Aber wir bewillkommlen auch in Ihnen „den Träger der Civilisation" nach dem Nordwcsten, den Verehrer von Kunst und Wissenschaft, den Literaten, der auf dem religiösem Gebiete, sowie auch außerhalb sich ausgezeichnet hatte, und von den» wir viel erwarteten für die Ausbreitung der deutschen Sprache, Kunst und Wissenschaft, sowie seine Mitwirkung zur materiellen Entwicklung von Wiskonsin. Unsere kühnsten Erwartungen sind weit übertroffen worden. Unsere Stadt, welche damals bloß 4000 Einwohner zahlte, enthält jetzt nahe an 100,000, — und Wiskonsin ist jetzt ein ' blühender Staat von einer Million Einwohner. Uebcrall sieht man die Spureu und Resultate Ihres Wirkens . . . Nehmen Sie daher heute auch unsere herzlichen Wünsche für Ihr ferneres, segensreiches Wirken, sowie zu dem Genuß der Ehren und Würden, 126 mit welchen Ihre Kirche Sie in Anerkennung Ihrer außerordentlichen Verdienste bekleidet." So war dieses Fest ein Freudenfest, nicht bloß für die Katholiken, sondern für die ^ gesammte Bürgerschaft von Milwaukee. Auch die nicht katholischen Zeitungen der Stadt ! brachten umständliche Berichte über die Festfeier, — und wetteiferten in Ausdrücken der Anerkennung und Bewunderung für den edlen Charakter und das unermüdliche Wirken ! unseres Oberhirten. Möge Ihn Gott noch lange Jahre seiner treu ergebenen Diözese erhalten! Joseph Rainer. ^ Die Kindersterblichkeit in Bayern. Der Vertrag des Stiftsprobst Dr. v. D ö l l i n g e r in der Reichsraths-Kammer am 20. v. M. hat in der Aufführung der statistischen Thatsachen über die große Kindersterblichkeit in Bayern für Viele Ueberraschung und Beunruhigung gebracht, und diese exemplln Thatsachen scheinen vorwurfsvoll für die Staatsregierung und für die Bevölkerung. Daß in Bayern große Kinderstcrblichkeit herrscht, ist richtig, diese Thatsache steht aber nicht allein und unaufgeklärt da, sondern sie hat ihre ebenso statistisch nachweisbare wie physiologisch begründete Erklärung. Die Aufklärung wird gegeben in den excinpten topographischen Verhältnissen Bayerns in Folge seiner Höhelage gegenüber den verglichenen anderen Ländern und Staaten. Die bayerische Hochebene südlich der Donau ist nach der kastilischen Hochebene Spaniens die höchst gelegene und ausgedehnteste Europa's, und Mittelfrankcn bildet die höchstgelegene Terasse Deutschlands nördlich der Donau, und die Wasserscheide zwischen Rhein und Donau. Im ärztlichen Jntclligenzblatte, Jahrgang 1860, S. 729, welches im Besitze jedes Bezirksarztes ist, ist eine Zusammenstellung von der Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebensjahre in Bayern während der 22 Jahre von 1835/36 bis mit 1856 57 nach einzelnen Jahrgängen und Kreisen, über 3,310,278 lebend geborener Kinder, gegeben. Die Zahl der Todtgeborcnen wechselt nach den Con- fessionen der Bevölkerung vom Einfachen bis zum Dreifachen. Bei katholischer Bevölkerung ist die Nothtaufe nach der Beendigung der Geburt zulässig und geschieht deßhalb meist bei schwierigen Geburten, wenn nach der Meinung der Hebamme das Kind lebt. Wird das Kind todtgeborcn, so wird es, weil getauft, als lebendig geboren registrirt. In Mittelfranken mit einer katholischen Bevölkerung von nur 21 Procent kommen nach 25jährigem Durchschnitte auf je 10,000 Geburten 430 Todtgcburten, in Niedcrbaycrn mit 99 Procent katholischer Bevölkerung nur je 166 Todtgeburten. Nach der im ärztlichen Jntelligenzblatte mitgetheilten Zusammenstellung sind von den in den 22 Jahren 1835/57 in Bayern lebend geborenen 3,310,278 Kindern im ersten Lebensjahr 996,005 oder 30 Procent gestorben. Nach einzelnen Regierungs-Bezirken hat sich übereinstimmend für jedes einzelne Jahr und für jedes der vier Quinquennien die durchschnittliche Sterblichkeit berechnet in der Reihenfolge der Häufigkeit in Schwaben 40,2 Procent von hundert Lebendgeborenen, in Oberbayern 39,5 Proc., Niedcrbaycrn 34,0 Proc., Oberpfalz 31,6 Proc., Mittelfranken 30,1 Proc., Unterfranken 23,5 Proc., Obcrfranken 21,0 Proc, Pfalz 18,4 Proc. Diese Reihenfolge wurde in keinem der 22 Jahre gestört oder gewechselt, und Dieses zeigt auf eine territorial zwingende Ursache. Eine Parallele findet sich nur für diese Unterschiede in den Elevations-Verhältnissen der einzelnen Regierungs- Bezirke je n»ch der Erhebung des Bodens über der Meeresoberfläche. Die einzelnen Regierungs-Bezirke bilden für diese summarische Betrachtung ganz allgemeine Unterschiede, verschieden hohe Terafsen, angezeigt durch den Lauf der Flüsse. Vom Regierungs- Bezirke Schwaben fließen, als von der höchsten Terasse, alle Wasser ab und bespülen hierauf die Regierungs-Bezirke Obcrbayern und Niedcrbaycrn; von der Oberpfalz fließen alle Flüsse ab nach Niedcrbaycrn, von Mittelfrankcn fallen die Wasser ab nach der Donau oder dem Rhein, es ist höher gelegen als die Kreise Ober- und Unterfranken, und diese wieder höher als die Pfalz, wohin die Flüsse Frankens abfließen. Diese Parallele ent« 127 spricht nicht bloß der Reihe, sondern auch der Intensität nach der Kindersterblichkeit im ersten Lebensjahre, mit der einzigen Ausnahme von Ober- und Unterfranken, indem im höher gelegenen Oberfranken die Kmdersterblichkeit 21 Proc., in Untcrfrankcn 23 Procent ist. Eine veranlaßte gleichmäßige Erhebung der Lcbendgeborencn und der im ersten Lebensjahre Gestorbenen in den zehn Jahren 1846/56 von Regierungs-Rath Dr. Sick hat ergeben, daß dort bei Ausscheidung der einzelnen Oberämter (also kleineren Bezirken) die Unterschiede noch größer sind. Ju den höchstgelegencn Oberämtcrn der rauhen Alpe sind von 100 Lebendgeborenen durchschnittlich im ersten Lebensjahre 51 gestorben und im tiefstgelegcnen Oberamt Mergentheim in allmähligcr territorialer Abstufung nach der Höhe nur 23 Procent. Es erscheint nun nicht mehr auffallend, daß in den Tief- und Flachländern Preußens, Belgiens und Hollands und selbst Frankreichs eine geringere Sterblichkeit ist, wie in der bayerischen Nhcinpfalz, weil dort wie hier die Elevation über die Mceresfläche eine geringe, somit das Klima den neugeborenen Kindern günstig ist. Es bedarf nur einer eingehenden Betrachtung dieser Verhältnisse, um dieselben bei Anwendung großer Zahlen auch immer bestätigt zu finden. — Und wäre es nicht die Statistik, so wäre es ferner die Physiologie, welche diese Thesis der größeren Kmdersterblichkeit in Hochländern aufstellen würde. Das zarte Leben der Neugeborenen ist gegen Wittcrungs - Einflüsse am Empfindlichsten, und keine Kunst und keine Gunst der Kultur, der Wohnung, der Pflege kann die dünnere Luft, den raschen Temperaturwechsel, die stärkere Verdunstung, die intensivere Inhalation, die häufigen Winde, die stärkeren Barometer- und Thermometer- Schwankungen in Hochländern beseitigen. Es war und wird deßhalb immer so bleiben. Die Früjahrsfröstc, welche so viele Blüthen und Hoffnungen in der Pflanzenwelt zerstören, sind permanent für die ersten Blüthen des Menschengeschlechtes durch die Eigenthümlichkeit des Klima's auf Hochebenen. Dagegen für die späteren Jahre ist dieses Klima der Entwicklung günstiger, und die besten Soldaten, die hohen Lebensalter und die größte Fruchtbarkeit der Ehen finden sich auf diesen Territorien, was in dem oben erwähnten ärztlichen Jntelligenzblatt nachgewiesen ist. Neben dieser Allgemeinheit der physikalischen Agentien als dem mächtigsten Regulator der Sterblichkeit im ersten Lebensjahre bleibt aber noch die Macht der Kultur und Gesittung, welche durch diese Thesis nicht abgeschwächt werden soll. Nur versuche man nicht, mit kleinen Zahlen und Beispielen diese allgemeine Erfahrung und physiologische Thesis zu widerlegen. Die Statistik hat nur Werth und Geltung in großen Zahlen, niemals bei kleinen, und hier kann nur die Regel gefunden werden, wenn mit wenigstens 100,000 Lebcndgcboreneu gerechnet wird, die auch in kleinen Gemeinden gefunden werden können, wenn das Material für eine lange Reihe von Jahren zurück vorhanden ist. Die Regel und das Gesetz der Mehr- geburt von Kuabcu, daß auf je 100 Mädchen 105 bis 107 Knaben geboren werden, findet sich nie bei kleinen Zahlen und in einzelnen Gemeinden, immer aber, wenn wenigstens 100,000 Geburten registrirt werden. Diese kleine Schwankung von 105 bis 107 muß den Irrungen bei der Registrirung offen gelassen werden, weil die unreif und todt Geborenen nicht regelmäßig constatirt werden, und diese das Gesetz mit constituircn. — Die Thatsache der stets zunehmenden Kindersterblichkeit in Bayern seit 1835 beweist, daß außer territorialen Einflüssen, welche alle Jahrzehnte gleichbleibend zu erachten sind, noch andere Factoren für diese Steigerung wirksam werden. Nach einer Zusammenstellung von Dr. Mayer, Mitarbeiter im statistischen Bureau in München, waren von je tausend Leichen solche im Alter von 0 bis 1 Jahr im Durchschnitt der 25 Jahre 1835 60: 390, im Jahre 1863/64: 424 und im Jahre 1864,65: 414, also eine Differenz von 14 Proccnt zwischen dem Durchschnitt der ersten 25 Jahre nnd dem letzten Jahre. — Dasselbe Verhältniß der Steigerung zwischen 10 und 16 Proccnt berechnet sich bei jedem einzelnen Kreise in denselben Zcitperiodcn. Diese regelmäßige Steigerung in allen Kreisen imponirt, und hier ist die Ursache in ethnographischen socialen Zuständen zu suchen. — Die allgemeine» hygienischen Verhältnisse, Wohnung, Nahrung, Kleidung, haben sich in diesen Zeitpcrioden überall gebessert, und die Sonne der Cultur und Civilisation verbreitet ihr Licht und Wärme auf Arme und Reiche, auf Stadt und Land, hier sind die Ursachen nicht zu suchen. Wenn nicht eine Minderung der Qualität der Eltern und Ehen angenommen werden will, was in dieser Allgemeinheit nicht denkbar ist, wäre eine andere Parallele zu suchen, welche solche Wirkung erklären kann. Es ist Dieses eingehender Betrachtung werth zuerst vom statistischen Bureau zur Feststellung der Thatsache, dann von den Aerzten und Bcrwaltungs - Beamten zur Aufklärung der Ursache. Ein Weg zur Verfolgung wurde schon in der Neichsraths-Kammcr angedeutet, der Unterricht, die Qualität und Wirksamkeit der Hebammen. Daneben ist die Abnahme erfahrener ärztlicher Hilfe auf dem Lande in Betracht zu ziehen, wo die Aerzte und Wundärzte immer seltener werden, und die Kindcr-Praxis kaum geübt und gepflegt wird. (Südd. T.) Zwei Beispiele von Nächstenliebe. Das „Hildeshcimcr Sonntagsblatt" schreibt: „In der ersten französischen Revolution verfolgten zwei republikanische Dragoner Aurain, den Pfarrer von Figrai. Dieser erreichte auf der Flucht das Feld und durchschwamm einen kleinen Fluß. Ein Dragoner stürzt ihm nach, sinkt unter und schreit um Hilfe. Der Priester einer Religion, welche Feindcsliebe lehrt, kann nicht taub bleiben gegen die Stimme eines um Hilfe rufenden ! Feindes. Rasch wendet er sich um, wirft sich neuerdings in die Fluthcn und bringt den halbtodten Soldaten an'S User. Als dieser wieder zu sich gekommen war, erkennt er den Pfarrer von Figrai. „Wie!" ruft er aus, „Sie sind es, der mich gerettet hat? Sie, den ich verfolgte, dein ich den Tod geschworen hatte? Man hat uns also hintergangcn, da man uns immer iu die Ohren schrie, die Priester dürsteten nur nach Rache!" Ja wohl hat man euch hintcrgangen, ihr Leute! j Wir fügen ein Beispiel bei, das wir anderwärts einmal gelesen haben. ^ In Paris kam ein Mann zum Sterben, und er konnte nicht sterben. Sein Anblick ^ war grauenerregend, denn schrecklich gcbcrdelc er sich, schrie, heulte, zuckte zusammen, — ? warf sich ächzend auf seinem Lager hin und her. Seine Frau konnte nicht länger Zeuge dieser Verzweiflung sein. Sie ging, um einen Priester zu suchen; aber die Priester ' waren gemordet und verjagt, und die nicht gemordet und verjagt waren, die hielten sich !! verborgen. Aber durch gute Leute erfragte die gcängstigtc Frau doch einen, und dieser !j ging mit ihr in das Haus des Schreckens. Als er vor dem Kranken stand, kam dieser zu sich. Er konnte seinen Augen nicht trauen, er rieb sie, er stützte die Hände auf das !, Bett und raffte sich mit verzweifelter Kraft auf, und schaute dem Priester in's lächelnde § Angesicht. Ja, es war ein Priester, er konnte sich nicht täuschen, der Engel der Verzweiflung malte ihm kein Schattenbild vor. Kraftlos sank er in die Kiffen zurück und s stöhnte: „Wie, Sie, ein Priester bei mir? Sie wissen nicht, daß ich einer von den z September-Mördern bin? Ich habe, o wie viele Priester erschlagen, ich habe ihr Blnt ^ getrunken..." — „Seien Sie froh," sagte der Priester, „daß Sie noch einen übrig gelassen haben, der jetzt da ist, um Sie mu Gott zu versöhnen." ^ In Wien gab'S eine großartige Beleuchtung, als Kaiser Franz nach Beendigung ! deS französischen Krieges wieder einzog. Da fand sich an einem geringen Hause ei» s Transparent, auf welchem ein Franziskaner abgebildet war, über seinem Haupte das ! Wörtkcin: „liebern." Jedermann, auch die kaiserlichen Herrschaften, zerbrach sich den Kopf wegen des Sinnes. Da rief ein Schuster-Junge aus der Menge: „Schauen'-! Doas sagt ja ganz deutli: Ueber'n Franz is' Kaner." Drnck, Aerlag und Redaction des »lterarischen Justitnt« »on Dr. M. Huttler. )