Nro. 17. 25. April 18'i9. Ä l'i E? lT- ^ Unter dem Mutterherzeu keimt des Kindes Leben, am rm Muttterherzen und aus ihm heraus soll es erblühen. Mutterherzen eulwickclr es sich. Julie Burow. Die Entsagenden. (Fortsetzung.) Der Ton, in dem Angelika diese Worte sprach, rührte den jungen Mann fast bis zu Thränen. „Sei es denn," erwiderte er, „ich will den Kampf aufnehmen mit Leidenschaft und Pflicht. Wie schwer er mir wird, davon ist diese Stunde Zeuge. Mit festen Vorsätzen, mit wohlklingenden Phrasen betrat ich diesen Ort, ich dünkte mich ein Titan an Tugend und Entsagungskraft; ach, und jetzt, da ich Dich wieder gesehen, Angelika, da sank ich zum Pygmäen herab, dessen Willenskraft dahin schwankt, wie das herrenlose Boot auf den Wogen des Oceans. Aber wenn jene Stunde kommt, wo der Mensch, der Sterbliche mit seinen Fehlern und Schwächen in mir erwacht, wo mein Geist — ermattet in seinem ungleichen Kampfe, da versprich nur, daß Du dann mich hören willst, ehe es zu spät ist; daß Du auch dann mein Führer bleiben und entscheiden willst, was ich rhun, was ich lassen soll!" „O möge dieser Tag, ewig, — ewig fern bleiben!" rief Angelika; „aber sei rS darum," fuhr sie fort, „wer sagt mir, ob nicht auch für mich früher oder später, ob nicht auch mein Herz erliegt in diesem unseligen Zwiespalt? Vertrauen und Entsagung heiße fortan unsere Devise; und so lasten Sie uns scheiden." „Vertrauen und Entsagung!" — wiederholte Rndolph, die dargebotene Rechte deS Mädchens erfassend, und sie heftig in der seinen Pressend. Aber mit rascher Bewegung zog sie Angelika zurück und wies auf das Haus, das der helle Strahl des Mondes beleuchtete. „Sehen Sie dort!" flüsterte sie, „Angclüa, wacht, großer Gott, wenn sie uns entdeckte!" Der Baron blickte in der bezeichneten Richtung hin. Ein matter Lichtschein drauq aus tiiem der Fenster, das bis jetzt völlig dunkel gewesen war, er wußte, daß dieses Zimmer seiner Braut gehörte. „Fliehen Sie von diesem Orte," fuhr Angelika fort, „ehe es zu spät, möge Gott mir beistehcn, unbemerkt meine Kammer zu erreichen." Ein flüchtiger Druck der Hand und die Beiden trennten sich. Angelika sah dem jungen Manne nach, bis seine Gestalt im Schatten der Bäume verschwand, — und der letzte Tritt verhallt war. Dann aber löste sich die Miene der Zurückhaltung, die sie bisher künstlich zur Schau getragen hatte, und ein Strom heißer Thränen raun wie ein erquickender Born über ihre Wangen. Ein einziger Blick zum Stcrnenhimmel kündete den Schmerz, den diese Stunde über sie gebracht hatte. Langsam, mit unhvrbarcn Schritten, schlich sie in's Haus zurück. Alles war tief stille und säst glaubte sie, daß ihre Cousine erwacht sei, sich getäuscht zu haben, als sie Angelika's Zimmerthür sich öffnen und dieselbe — eine Kerze in der Hand — auf dem Corridor erscheinen sah. Ihr Herz klopfte fast hörbar unter dem ernsten, fast vorwurfsvollen Blicke des Mädchens, ihr war eS, als ob sie eine Sünde begangen habe, und stumm, keines Wortes Mächtig, stand sie da. * - K 130 „Du warst im Garten," —> begann endlich die ältere Angelika, „kannst Du nicht Ruhe finden?" „Es war ein schwüler Tag," stammelte die Angeredete, „und mein Blut so erhitzt von der Reise, daß ich ein wenig Kühlung in der srischen Nachtluft suchte." Der Blick ihrer Cousine ward durchdringender. „Seltsam," sagte sie, „war mir doch, als hörte ich flüsternde Stimmen von meinem Fenster aus im Garten; ja, als sähe ich zwei Gestalten am Rande der Fontaine, von denen nur Eine in das Haus zurückkehrte. Es wird auch wohl nur eine Phantasmagorie der erregten Sinne gewesen sein." Das junge Mädchen erröthcte. „Was willst Du damit sagen," fragte sie zitternd, „mit wem soll ich in stiller Nacht im Garten Deines Hauses geredet haben?" Angelika schwieg. Nach einer Pause ergriff sie beide Hände ihrer Cousine und rief im herzlichen Tone: „O zürne mir nicht, mein Kind, sich', der finstere Dämon, von dem ich Dir erzählt, kam über mich diese Nacht. Mir war's, als tönte mahnend in mein Ohr der Ruf: Du bist verrathen, und auf trieb es mich von, Lager. Mit Fieberhitze durchglühte es mich, und ich trat an'S Fenster, um im Anblick der friedlichen schlüinmerndeu Natur meine Aufregung zu bemeistcrn. Da war mir'S, pls sähe ich Dich im weißen Gewände, und zu Deinen Füßen, den Arm um Dich geschlungen, lag Rudolph, — Du erwidertest seinen Kuß und spottetest meiner, der Verrathenen, die doch selbst ein Opfer der Verhältnisse ward. Aber jetzt, da ich Dich vor mir sehe, da ich in Dein liebes, treues Auge schaue, da weichen die finsteren Mächte von mir, und ich bin wieder die Alte, glaubend und vertrauend. Und nicht wahr, Angelika, Du wirst, Du kannst mich nicht verrathen!" „Nie, niemals!" — rief Angelika glühend, die Arme um ihre Cousine schlingend, „eher sterben!" „So laß uns die lang vermißte Ruhe aus's Neue suchen und hoffentlich mit besserem Erfolge," sagte diese, einen Kuß auf die Stirne des jungen Mädchens drückend. „Gute Nacht, mein Kind." Die Verwandten trennten sich, und bald herrschte aus's Neue ein tiefes, aber dicseSmal ununterbrochenes Schweigen im Hause des Direktors. Wochen verstrichen; der Zeitpunkt, wo die Trauung dcS vielbesprochenen Paares- stattfinden sollte, rückte immer näher heran, — und mit jedem Tage ging stärker ein Geflüster durch die Stadt und die umliegenden Güter. Wetten wurden gemacht, ob- die Ceremonie mit Gepränge oder ganz im Stillen begangen werde, ja Emige wollten sogar behaupten, daß man sie noch am letzten Tage, als nicht stattfindend verkündige.. Nur die Hauptpersonen der über sie ergehenden Vermuthungen schienen mehr oder minder die Unbethciligsten bei der ganzen Sache zu sein. Sowohl Angelika, als auch Baron Rudolph trugen vor den Augen der neugierigen Menge ein immer gleiches, undurchdringliches Antlitz zur Schau. Allein Gcsichtsmienen gleichen den Pulverminen, sie bergen Aufregung unter sanfter, ruhiger Oberfläche, und nur der Eingeweihte vermag sie zu enträthscln. Dagegen sprach man von einer bedenklichen Abnahme der Geisteskräfte des altem Baron Duroy, der seit einiger Zeit wie ein Einsiedler auf seinem Schlöffe lebte, und- mancher Scharfblickende glaubte bemerkt zu haben, daß diese Jsoliruug von dem Tage an geschehen sei, wo sich öffentlich die Verlobung seines Sohnes mit der Nichte des Direktors ausgesprochen hatte. Ein peinlicher Zustand herrschte sowohl auf dem Schlöffe, wo sich seit einiger Zcib die Familien, die bald ein engeres Band vereinen sollte, zusammenfanden, als auch im Hause des Direktors. Rudolph, der von Tag zu Tag bleicher ward, bot seine ganze- Kraft auf, um seine Braut über die Wahrheit seines inneren Leidens zu täuschen, das- er ciuer momentanen Unpäßlichkeit zuschrieb. Und in der That schien ein Fieber über ihn gekommen zu sein, eine nie an ihm gekannte Leidenschaft trat in Rede und That hervor, seine Blicke schweiften unstät und irrend, und hefteten sich mit glühendem Ausdruck auf die jüngere Angelika. Welche Qualen seine Braut bei diesem Zustande ihres Verlobten litt, können wir nicht beschreiben. Sie sah die wachsende Leidenschaft des jungen Mannes zu ihrer Cousine, aber sie schwieg, und nur Nachts, wenn sie allein war, schüttete sie in brünstigen, thräncnreichen Gebeten ihr ganzes Herzeleid in den Schooß des Ewigen. Dagegen schien das junge Mädchen nichts von dem seltsamen Betragen Rudolph'S gegen sie zu gewahren, ja, geschah es, daß ihre Augen sich einmal begegneten, so geschah dies von ihrer Seite mit einem strengen, abweisenden Ausdruck, — der den Baron erröthen ließ. Das junge Mädchen schien die Einzige zu sein, die Heiterkeit und Licht in ein Haus brachte, über dessen Bewohner die Traurigkeit einen Schleier geworfen hatte. Selbst der finstere Direktor ward heiterer gestimmt, wenn er ihre frische, wohlklingende Stimme vernahm. Wenn sie das Clavicr öffnete und muntere Weisen sang, erschien sie so fröhlich und sorglos, als sei nie ein Gedanke des Leidens in ihr Herz gezogen. Keiner, außer Angelika, die oft in nächtlicher Weile still den Töne» mit bitteren Thränen lauschte, ahnte, daß dieselbe Stimme, wenn Alles zur Nuhc gegangen war, gar traurig durch die Nachtluft drang, und Lieder sang, voller SchnsuchtSschmerz und Herzensweh. Aber eine geheime Furcht hielt die Braut ab, den Schleier von diesen Entdeckungen zu ziehen. Sie war blind 'mit sehenden Augen, und wie das Qpfer, das keinen Ausweg sucht, dem sich vor ihm austhürmcndcn Schaffst zu entrinnen, schritt sie bleich und gefaßt ihrem Veihüngniß entgegen. Noch einmal hatte sie ihren Onkel beschworen, das Band, das sein Wille aneinander kettete, noch im letzten Augenblick zu lösen, aber der Direktor, der nur in diesem Verlangen eine Schonung der Duroy sah, hatte sie entschieden zurückgewiesen, und einen Tag bestimmt, an dem die Trauung stattfinden sollte. „Der Alte muß den Kelch leeren bis auf die letzte Hefe," sagte er bitter. „Seine Strafe wird erst von dem Tage an beginnen, da er gezwungen sein wird, Duroy zu verlassen und von der Gnade meiner Nichte zu existiern, oder fern von der Welt seine letzten Tage öde und einsam zu verbringen." „Und glauben Sie, daß sich Baron Leopold nicht an diese Einsamkeit gewöhnen könne?" fragte Angelika; „ja, daß nicht dort einst Zufriedenheit in sein durch Neue und Buße geläutertes Herz einkehre?" „Lehre mich nicht Leopold kennen," — rief der Direktor. „Eher würde er sich im Zuchthaus«: zufrieden geben, denn dort findet er Gesellschaft und braucht sich nicht zu verstellen. Und dennoch Hütte ich mich nicht gescheut, den stolzen Edelmann vor die Schranken des Criminalgcrichts zu ziehen, wäre nicht im tiefsten Winkel des Herzens die Erinnerung an eine frühere glückliche Zeit aufgetaucht, und hätte leise um Erbarmen für den Schuldigen gefleht." Aber kaum unterbrach er sich, — „ich höre Deinen Nudolph unten, Du magst ihm selbst den Tag Eurer Vermählung verkündigen, oder soll ich Deiner Cousine den Lusirag geben, wenn sich Dein Zartgefühl dagegen sträubt?" „Ja, Angelika möge ihm Ihren Willen offenbaren," erwiderte seine Nichte, „ich habe nicht die itraft, einem Schuldlosen sein Todcsurtheil darzureichen." „Du setzest Dich selbst herab, indem Du ihm eine so starke Abneigung gegen die Verbindung mit Dir zuschreibst. Ich gebe Dir mein Wort, daß der Geist, die Güte und die Anmuth deines Herzens ihn an Dich fesseln, — und wenn je eine Liebe in seinem Herzen wohnte, diese ausgelöscht ist, seitdem er sich Deinen Verlobien nennt." „Sie täuschen mich nicht. O, ich kenne das Antlitz Nudolph's besser. Er leidet unsäglich, — da sein edler Sinn ihn verhindert, mir jemals die geschworene Treue zu brechen, und mich lieben — wird er niemals können, denn mein Anblick wird ihn zu jeder Zeit an das Opfer erinnern, das er, seinem Vater brachte." 132 „Wenn Du dies fürchtest/' unterbrach sie der Direktor, „warum nahmst Du denn Deine Cousine bei Dir auf? Fürchtest Du nicht, Dich von ihr verdunkelt zu sehen? Ist Dein Verfahren, ein junges blühendes Mädchen täglich vor die Augen eines leidenschaftlichen Gatten zu bringen, — nicht eine mehr oder weniger direkte Mahnung zur Untreue?" „Möge Golt die Zukunft leiten," antwortete das junge Mädchen, „mir war's, aks ob eine innere Stimme mir befahl, Angclika's Ankunft zu beschleunigen. Sie erschien nur als der gute Genius der Trostlosen, durch sie glaubte ich, müsse Alles, Alles gut werden. Sie liebt mich, Oheim, und diese Liebe, vereint mit Nudolph'ö Edelmuth, bürgen mir für die Zukunft. Und nun noch eines, mein Oheim! Gestatten Sie mir, von meinem Vermögen Ihre Forderungen an den alten Baron zu decken; lassen Sie jenes Kästchen, das den Preis des OpfcrS seines Sohnes enthält, neben dem verhängniß- vollen Wechsel auch die andern Papiere umschließen, nehmen Sie ihm nicht die Stätte, an der sein Herz hängt." „Sein Gut muß mein werden," erwiderte der Direktor. „Schon sind die bezüglichen Dokumente in meinen Händen. Eure Trauung wird in der dortigen Kapelle vollzogen, und sobald die Ceremonie beendet, verläßt Baron Leopold die Gegend auf Nimmer» Wiedersehen, vor den Augen der Menschen zwar vor Schande gerettet, aber entehrt vor seinem eigenen Gewissen und entfernt von seinem Sohne, den er liebt. So rächt sich der Fluch einer schändlich Geopferten." Ein Klopfen an der Thür unterbrach ihn. Auf sein „Herein" erschien Angelika auf der Schwelle. Sie war sehr bleich und eine unterdrückte Aufregung lag in ihren Zügen. — „Baron Nudolph ist so eben angelangt," redete sie zu dem Direktor gewandt, „er fragt nach seiner Braut." „Gut, daß Du kommst," unterbrach sie der alte Herr. „Du magst ihm anzeigen, daß am nächsten Mittwoch seine Trauung mit Deiner Cousine stattfindet. Aus Deinem Munde wird ihm diese Kunde sicherlich wie eine Engelsboischaft tönen." „Wer — ich?" — rief Angelika zitternd, sich fast vergessend, „ich sollte — — o niemals!" Der Direktor blickte sie erstaunt an. „Was könnte dieser Auftrag für Dich Unangenehmes enthalten? — Sollte man fast meinen, die Eifersucht spräche aus Deinem Weigern!" Mit fast übermenschlicher Anstrengung bezwäng das junge Mädchen ihre Gefühle. „Angelika braucht Nichts zu besorgen," erwiderte sie, „denn der Baron ist für mich ein zu rrnuriger Liebhaber. Aber wenn mich Ihr Auftrag erschreckte, so geschah es, weil sich mir die Betrach ung aufdrängte, wie verhängnißvoll meine Botschaft sei." „So laß uns hinuntergehen," sagte der Direktor sich erhebend, „der Bräutigam harrt gewiß schon mit Ungeduld." Nudolph saß am geöffneten Flügel, als die Mädchen vom Direktor gefolgt, den Salon betraten, seine Finger flogen stürmisch über die Tasten, als wollten sie die Wogen schildern, die durch seine Seele fluthctcn. leise trat die jüngere Angelika hinter ihn. „Herr Baron von Duroy," flüsterte sie, „ich bringe Ihnen eine Botschaft, die Sie erfreuen wird." Nudolph wandle sich um, sein Antlitz war von Thränen überflnthct. „Großer Gott> Sie haben geweint, Nudolph!" — rief sie mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes. Der Ton, mit dem ihre Cousine diese Worte sprach, ließen Angelika herbei eilen. „Thränen, mein Freund," flüsterte sie, die Hand des Barons ergreifend, ,o wen beweinen Sie in dieser Stunde von uns Dreien?" „Still!" flüsterte das junge Mädchen, auf den Direktor deutend, der eben näher 133 trat. „Ich soll Ihnen eine freudige Kunde bringen, beauftragt mich der Oheim. Am nächsten Mittwoch findet Ihre Trauung statt." Sie hatte diese Worie mühsam zu Ende gebracht, aber jetzt, noch ehe Nudolph — der wie ein Trunkener schwankte — eine Silbe erwidern konnte, fuhr sie mit lauter Stimme fort: „Und jetzt ein fröhliches Licdchen nach dieser traurigen Kunde. Hören Sie doch, Herr Baron, was ich diesen Morgen von der Handlung gesandt erhalten habe. Es ist vom Licblings-Componistcn der ganzen Residenz." (Fortsetzung folgt.) Humanität Pius des Neunten Im vergangenen Jahre durchwanderte Papst Pius der Neunte einmal ganz allein die Zimmer und Säle des VaticanS, um sich, nach dem Gebote seines Arztes, etwas Bewegung zu machen, was er, ungünstigen Wetters halber, im Freien nicht ausführen konnte. In einem der Säle bemerkte er einen sehr jungen Mann, der in stummer Betrachtung, oder vielmehr Verzückung, vor einem bewunderungswürdigen Fresko-Gemälde des „göttlichen Raphael," wie ihn seine Landslcute nennen, dastand. Stillschweigend wollte der Papst vorüberschreiten, um den Kunst-Enthusiasten nicht zu stören; aber dieser hörte dennoch leichtes Geräusch und wandte das Haupt, worauf er sich tief verbeugte, als er den Greis in seinem weißen Gewände vor sich stehen sah, der ihn mit freundlichem und klugem Lächeln betrachtete. Pins hatte eine Künstlcrseele in dem jungen Menschen errathen, und fragte denselben wohlwollend: „Sind Sie ein Maler, mein Sohn?" „Ja, heiliger Vater, ich möchte wenigstens einer werden." „Wahrscheinlich sind Sie Ihrer Studien halber nach Rom gekommen?" „So ist es, heiliger Vater." „Ohne Zweifel sind Sie ein Schüler der hiesigen Maler-Akademie?" „Ach nein, leider nicht." „So haben Sie irgend einen besondern Lehrer?" „Nein, auch das nicht, ich bin zu arm dazu. Ich muß meine Studien ganz allein machen und habe mir Raphael zum Lehrer und Meister auserkoren." „Nun, mein Sohn, es wäre doch vielleicht bester für Sie, wenn Sie in die Akademie einträten. Thun Sie es so bald als möglich; wenn es Ihnen recht ist, werde ich die Kosten übernehmen." „O, heiliger Vater, wie kann ich — " „Still, danken Sie mir nicht." „Aber Eure Heiligkeit misten nicht, daß ich —" „Sprechen Sie, mein Sohn, was haben Sie auf dem Herzen?" sagte PiuS gütig. „Ich bin Protestant." „Oh," erwiederte lachend der Papst, „was geht das die Akademie an?" Seit dieser Zeit studirt Georg Johnston auf Kosten des Papstes auf der römischen Maler-Akademie, und gedenkt seinem Gönner alle Ehre zu machen. (Warum hat PinS IX. seine Primiz in einem Waiscnhause- gefeiert?) Ein junger Geistlicher, erzählt Abbs Dumax in dem interessanten Büchlein: „Charakteristische Züge aus dem Leben Pius IX." (Mainz bei Kirchhcim, dritte Auflage), hatte die Ehre, einige Tage nach seiner Ordination zum Priester vom heiligen Vater in besonderer Audienz empfangen zu werden. „Mein theuerer Sohn," 134 sagte liebevoll Pius IX., nachdem er ihm seinen Segen gegeben, „Sie find jetzt Priester «nd haben bereits mehrfach das Gluck gehabt, das heilige Meßopfer darzubringen." — ' „Ja, heiliger Vater." — „Und «o, mein Sohn, haben Sie Ihre erste Messe gelesen?" „Zu Sanct Pclcr in den Grotten des Vaticans." — „Sehr wohl ... : Es muß Ihnen dies zu hoher Freude gereichen, ich wünsche Ihnen Glück. Was mich ! anbelangt, ich las meine erste Messe im Tata Giovanni, mitten unter den armen Waisen." Bei diesen Worten sammelte sich der heilige Vater einige ? Augenblicke, wie um in freundliche Erinnerungen sich zu Verliesen. Dann das Gespräch wieder aufnehmend, fragte er: „Und wo, mein Sohn, haben Sie Ihre zweite Messe gelesen?" — „Heiliger Vater, zu Santa Maria Maggiore." — „O, ein herrlicher und frommer Gedanke! Santa Maria Maggiore, ein köstliches Hciligthum. Ich beglückwünsche Sie nochmals, mein Sohn. WaS mich anbelangt, so las ich meine zweite heilige Messe im Tata Giovanni! . . . Arme Kinder!" Der heilige Vater beugte bei den > letzten Worten das Haupt und schwieg länger als vorher. Hierauf zum dritten Male > an den jungen Priester sich wendend, fragte er ihn wieder: „Und wo haben Sie Ihre I dritte Messe gelesen?" — „Zu Sanct Johannes vom Lateran." — „Sehr gut, sehr s gut, mein Sohn; ich bewundere die Frömmigkeit und die glückliche Wahl, die Ihr Herz i getroffen. Sanct Johannes vom Lateran ist mit Sanct Peter und Santa Maggiore ! eines der erhabensten Gotteshäuser der katholischen Welt. Was mich anbelangt, so habe i ich meine dritte Messe immer noch im Tata Giovanni gelesen, und dort," fügte der hei- i lige Vater mit weicher Stimme hinzu, „dort war es, wo ich meine vierte, meine fünfte und alle folgenden las. Mein Herz hatte wohl nach dem Glücke verlangt, das Sie gekostet, aber konnte ich mich von meinen armen Kindern entfernen? War ich nicht ihr Vater! Welche Freude gewährte es ihnen, mich am Altar in ihrer Mitte zu sehen! — Welche Genugthuung war dies nicht für mich!" ^ Das Gift-Thal auf der Insel Java. So unentbehrlich die Kohlensäure für das Pslanzenlcbcn ist, so ist sie doch ein Gift für die Thiere, und eben deßhalb darf die Lust nur eine geringe Menge davon enthalten. Wäre ihr Gehalt bedeutend größer, als er ist, so könnte die Lust von den Thieren nicht ohne Schaden für ihre Gesundheit eingeathmet werden. Andererseits aber würden die Pflanzen aus der Luftmischnng nicht die hinreichende Menge von Kohlensaure aufsaugen können, wenn nicht die Millionen Blatter, welche ein einziger Baum nach allen Richtungen in die Luft hinausstrcckt, sie in den Stand setzen würden, ihrem Bedürfnisse zu genügen, ohne den Thieren schädlich zu werden. So enthält ein einziges Blatt unseres Kliedcrstrauchs gegen 400,000 Poren, welche zur Tageszeit fortwährend Kohlensäure »insaugcn, und an einer einzigen Eiche hat man schon Millionen Blätter gezählt! Daö merkwürdigste Beispiel einer mit Kohlensäure überladenen Luft bietet das berüchtigte Gift-Thal auf der Insel Java. Ein Reisender schildert dasselbe folgendermaßen: „Wir nahmen zwei Hunde und einiges Geflügel mit, um in dem giftigen Thal Versuche damit anzustellen. Am Fuße des Berges stiegen wir ab und klommen etwa fünfhundert Schritte weit hinan, indem wir uns am Gestrüpp festhielten. Wenige Schritte von dem Thal entfernt empfanden wir einen starken, widrigen und erstickenden Geruch, der aber, als wir bis zum Rande vorgedrungen, verschwand. Das Thal enthält ungefähr lausend Schritt im Umfang, es ist länglich, und dreißig bis vierzig Fuß tief. Der Boden ist ganz flach, besteht aus einem harten Sande, ohne Pflanzenwuchs, und ist mit einzelnen großen Flußkieseln bedeckt. „Uebcrall sah man Gerippe von Tigern, wilden Schweinen, Hirschen, Pfauen und Vögeln aller Art. Es wurde nun berathschlagt, ob mir in das Thal hinabsteigen; aber ,n der Stelle, wo wir uns befanden, war dies schwierig, da ein einziger falscher Schritt uns in die Ewigkeit befördert hätte und offenbar kein Beistand möglich war. Wir zündeten unsere Cigarren an, und drangen mit Hülse eines Bambus' bis auf achtzehn Fuß ^ von der Sohle der Vertiefung vor. Ein äußerst widriger Geruch drang uns entgegen, s ohne indeß das Athmen zu erschweren. Nun befestigten wir einen der Hunde am Ende eines achtzehn Fuß langen Bambus und schoben ihn hinab. In etwa vierzehn Sekunden , fiel er auf den Rücken, ohne ein Glied zu rühren oder sich umzusehen, doch fuhr er noch ^ eine Viertelstunde fort zu athmen. Hierauf schickten mir den zweiten Hund hinein, der s freiwillig bis zu der Stelle ging, wo sein Leidensgefährte lag. Hier stand er ganz still, siel dann nach zehn Minuten vorn über und athmete ebenfalls noch sieben Minuten. ! Ein Vogel, den wir nahmen, starb in anderthalb Minuten; ein anderer, den wir hinein ! warfen, war todt, bevor er noch den Boden berührte. s „Während dieser Versuche wurden wir von einem starken Regenschauer überrascht. Aber das schreckliche Schauspiel vor unseren Augen hielt uns in solcher Spannung, daß ! wir wenig darauf achteten, durchnäßt zu werden. Auf der entgegengesetzten Seite lag, ! nahe an einem großen Stein, das Gerippe eines Menschen, welcher, auf dem Rücken ' liegend, und die rechte Hand unter dem Kopf, hier umgekommen sein mußte. Seine i Gebeine waren von dem Wetter gebleicht und weiß wie Elfenbein. Gern hätte ich das ! Skelett gehabt; aber jeder Versuch, es zu erreichen, wäre Wahnsinn gewesen." ! - § Miscellen. (Heilung des grauen Staares ohne Operation.) Die Art der Blindheit, welche gleichsam wie ein Schleier das Auge besängt und gewöhnlich als grauer § Staar bezeichnet wird, besteht bekanntlich in der Undurchsichligkcit der Krhstall-Linse oder / ihrer Membrane, wodurch das Eindringen der Lichtstrahlen und somit das Sehen gehindert wird. Ursache dieser Veränderung der Krystall-Linse, in Folge deren sie ihre: d ursprüngliche Durchsichtigkeit verliert, ist in der Regel, wie man weiß, vorgerücktes s Lebensalter, doch kann auch durch äußere Einwirkung auf das Auge, durch heftige plötz« ^ liche Lichteindrückc, durch Sloß, Fall u. s. w. in früheren Lcbensperiodcn eine Verdunklung l der Krystall-Linse eintreten. Die Heilung des,grauen Staares wnrde bisher ausschließlich auf dem Wege einer chirurgischen Operation versucht und bewerkstelligt. Diese besteht darin, daß man das Hinderniß entfernt, welches sich dem Durchgänge dcS Lichtes durch die Pupille entgegensetzt. Dieses Hinderniß ist aber hier die getrübte Krystall-Linse, welche daher nach verschiedenen operativen Methoden entweder aus dem Auge entfernt, oder in den unteren Theil des Auges aus dem Bereiche der Pupille zurückgedrängt wird. Gewiß ist schon oft daran gedacht worden, die trübgewordcne Linse mit Umgehung des immerhin unter Umständen nicht gefahrlosen operativen Eingriffs durch örtliche Behandlung wieder durchsichtig zu machen. Dieser nahe liegende Gedanke hat neuester Zeit Verwirklichung gesunden — wir wollen es wenigstens hoffen — durch eine Reihe gelungener Versuche, welche Dr. Tavignot in Paris ausgeführt hat. Derselbe hat im Phosphor ein Mittel gesunden, die Trübung der Linse zu beseitigen. Nach dem vorliegenden Berichte (Uevuö cko lltoiupeulissuu inockivo-diirurßic-Uv, nl-vsniliro 6t ck6L6inl>r6 1868) wird eine verdünnte Lösung von Phosphor in Mandelöl täglich vier bis fünf Mal in das erblindete Auge gestrichen und hicdurch nach und nach die Undurchsichtigkcit der Linse gehoben Es sind bis jetzt sechs Fülle, nach der ncuentdcckten Methode behandelt, mit günstigem Erfolge, wie es scheint, beobachtet worden. Merkwürdig ist es, ! daß die Wirkung des Phosphors auf die trübgewordcne Linse nicht als eine chemische auftritt; direkte Versuche haben gezeigt, daß man z. B. geronnene Eiwcißstllcke in phos- Phorhaltigcm Oelc mehrere Monate lang liege» läßt, — diese dadurch keineswegs ihre ^ ursprüngliche Durchsichtigkeit wieder annehmen. Die Heilung besteht vielmehr in der Neubildung eines Krystall-Körpers, welcher die trübgewordcne Linse ersetzt. Wenn sich 136 dies wirklich so verhält, so würde für den nach dieser Methode Geheilten sich noch der t große Vortheil ergeben, daß das Tragen von Staarbrillen überflüssig erscheinen dürfte. Es wäre im Interesse der leidenden Menschheit sehr zu wünschen, daß die interessante Entdeckung des französischen Arztes durch deutsche Forschung bald vollkommene Bcstätignng finde. B. L. * (Reinigung der Luft betreffend.) Bekanntlich hat die Vegetation großen Einfluß auf das Klima. Die Blätter der Pflanzen und Bäume saugen Stickstoff > ein und geben Sauerstoff von sich, weßhalb man mit Recht die Wälder als die „Lungen des Landes" bezeichnet. Nun gibt es aber einzelne Pflanzen, die auf die Lufrreinigung eine» besonders günstigen Einfluß üben. So empfiehlt sich die Anpflanzung der Sonnenblume vorzugsweise für feuchte Gegenden, in welchen bekanntlich die meisten Krankheiten herrschen, besonders die verschiedenen Arten von Fieber. In Berücksichtigung, daß daö Klima eines Landes durch fleißigen Anbau wesentlich verändert wird, hatte der Vorstand des amerikanischen astronomischen Observatoriums, welches in einer sumpfigen, siebcrrcichen Gegend liegt, dasselbe mit — Sonnenblumen umpflanzen lassen, welche in ^ merkwürdiger Weise die schädlichen, in der Atmosphäre schwebenden Stoffe aufsaugen. — i Seitdem soll dort kein einziger Ficberanfall sich gezeigt haben. Sollte diese Mittheilung nicht in Bezug auf diejenigen unserer Gewässer, welche schädliche Dünste in die Luft senden, einiger Beachtung werth sein? Sollten nicht auch unsere strebsamen Gartenbau- Vereine-darauf bedacht sein, die Anpflanzung der Sonnenblume, welche bekanntlich eine einträgliche Oelpflanze ist, für Gärten und um Häuser herum zu empfehlen, welche aus feuchtem, sumpfigen Boden oder in der Nähe stehender Gewässer liegen? ! (Ein kluger Weife.) Der feine Streich der Karthager, welche sich bekanntlich ! so viel Land schenken ließen, als sie mit einer Kuhhaut umspannen konnten, dann diese ? Kuhhaut in dünne Riemen schnitten, und sich dadurch ihr weites Stadtgebiet erschlichen, hat in der deutschen Geschichte ein hübsches Seitenstück. Heinrich Wels, der Sohn des , alten Elhiko, Herzogs Wels, ließ sich von Kaiser Arnulph so viel Land um seine Stammburg Hohenschwangau zu Lehen versprechen, als er von Morgen bis Mittag mit dem Pfluge umziehen könne. Als der Kaiser zusagte, setzte er sich mit einem kleinen Pfluge in der Hand zu Pferde und jagte davon, vorn Lech an den Plansec, an den Eibsce, um den Ammcrgau und Scharnitzer Wald gegen die Isar. Au verschiedenen Stellen hatte er frische Pferde aufstellen lassen, die er bestieg, so daß er binnen wenigen Stunden ein ungeheures Gebiet erlangte, und der Kaiser ließ es ihm. Frühling in Europa. Nun fühlt das Herz die Liebe Des Allgcist's wieder weh'n! Nun bleiben alle Staaten Än Kriegsbereitschaft steh'n! Nun ist es grüner Friede! Nun blüht es ringsumher! And allen GotteSsegcu Verschlingt das Militär. Druck, »erlag und Redaction deö Litcrarischen Instituts von l)r. M. Huttlcr. >-