ksro. 18. Augsbueger L. Mai 1869. .Mit Engel» im Gefecht Besteht kein Mensch: Der Himmel schützt das Recht. Shakspeare, Richard ll. A. Uk. i. Das Jubelfest des heilige« Bakers in Skom und i» der deutsche» National-Kirche «1 Kulm». l>r. ck. ^V. Rom, 11. April. Der gestrige Tag führte fortwährend Gäste herüber; viele von ihnen hatten nach den Ostertagen sich von hier nach Neapel begeben, und kehrten zur Feier des Festes nun zurück; viele aber, besonders vom deutschen Adel, kamen erst gestern mit ihren Familien aus der Heimath an. Neben den uns überall begegnenden Italienern, zumal auch aus den früheren Provinzen des päpstlichen Staates, sind eS besonders Deutsche, — deren Sprache wir allenthalben in den Kirchen, auf den Straßen, in den Wirthshäusern hören. Selbst die amerikanischen Stammes - Genossen haben in besonderer Weise dem heiligen Vater ihre Liebe ausdrücken wollen; gestern lief nämlich aus Baltimore folgendes Telegramm ein: kupus kio IX. komnm. §snotis8imo kio, cke tzuin^ugAknsrio saeonlotii zubilsntis gralulsnlur, suiutom incolllmitgteincsue »reogntos, lili! nationi« leutonioao per pro- vinoikls ^merieao l/nitnlis liispersi. UeberauS lebhaft ist der Verkehr in dem deutschen National - Hospiz äelk snims, wo die Gäste angewiesen sind, ihre Billere für die Audienz in Empfang zu nehmen, und wo auch die Adresse der Gesellcn-Bereine zur Ansicht aufliegt. Gestern Abends um 7 Uhr begann die Beleuchtung der Pcters-Kuppcl. Als wir uns über die Engelsbrücke dem gewaltigen Baue näherten, standen dort Wagen an Wagen; um den Strom der Zuschauer nämlich nicht zu hemmen und in dem Gedränge Unglücke zu verhüten, hatte man verboten, daß jene die Brücke passierten. — Nun liegt die Peters-Kirche vor uns, von tausend und aber tausend Lampen bis oben zum Kreuze hin beleuchtet. Die Linien und Umrisse des gewaltigen Gebäudes sind gleichsam durch Kränze von lauter Edelsteinen scharf und deutlich dargestellt; das Ganze liegt in einer imposanten, tief ergreifenden Ruhe und Majestät da, während unten die winzigen Menschenkinder hin- und Herwogen, und sich an dem schönen Bilde nicht satt sehen können. Um 8 Uhr, mit dem ersten Schlage der Glocke, fand die berühmte Verwandlung statt. Die Kuppel und die tiefern Theile sind nämlich, außer mit jenen Lampen auch noch mit unzähligen Pechfackeln besetzt; mehrere hundert Menschen, auf das ganze Gebäude vertheilt, die man aber unten nicht sieht, haben je zwei Pcchfackeln anzuzünden. Sobald nun der erste Schlag der Glocke ertönt, wird zunächst oben hoch das Kreuz mit dieser zweiten, weit strahlenden Beleuchtung illuminirt, und zugleich zündet jeder der Arbeiter seine beiden Pechfackeln mit der rechten und der linken Hand an, so daß in Einem Augenblicke das Feuer, wie niederströmend, von der Höhe des Kreuzes sich über alle Theile ergießt, und während die kleineren Lampen fortbrenncn, das Ganze gleichsam mit einem Regen von funkelnden Rubinen überschüttet. Die Schönheit, Pracht und Herrlichkeit dieses einzig dastehenden Schauspiels ist unbeschreiblich. Sonntag. Heute Morgen um 8 Uhr begann der heilige Vater seine stille Jubel- Messe. Von den unermeßlichen Schaaren, die dem Vatikan zuströmten, und hin- und hcrwvgend, sich nach der eonlessio, dem Grabe der Apostel und dem dortigen Altare § , I- 138 fortwälzten, wollen wir weiter keiner Schilderung unterwerfen; eS genüge, zu sagen, daß das Bild, welches wir dem Leser am Osterfeste vorführten, heute noch weit übertroffen wurde. Unser Weg zur Peters-Kirche führt uns jenseits der Engelsbrücke durch einen mächtigen Doppel-Triumphbogen, unter welchen hin die zwei Straßen nach der Basilika des Apostelfürstcn führen. Auf der, beiden Bogen gemeinschaftlichen Mittelsäule, von etwa 40 Fuß Breite, — stand in großen Lettern eine Inschrift in italienischer Sprache, welche also lautete: „Ihr Völker, die ihr dem Herrn dienet, tretet ein durch die Straße „des Triumphes in den vatikanischen Tempel; Papst Pius IX. bringt auf dem Altare „das ewige Opfer dar im fünfzigsten Jahre seines PriesterthnmS. Bald auch werdet „Ihr wiederkehren zu größerer Herrlichkeit, wenn der Oelbaum und die Palme ihre „Früchte reifen, dann, wenn Ihr zur allgemeinen Kirchen-Versammlung erscheint, um „den Triumph der Wahrheit und Gerechtigkeit zu begrüßen, wo das ganze Weltall zu „einem einzigen Glückwunsch geeinigt ist." Stellen wir uns in St. Peter vor der Lonkessio auf, so daß wir den Altar und den an demselben cclebrirenden Papst vor uns haben Wo dann die Bogen beginnen, welche den Unterbau der Kuppel tragen, erblicken wir in Mosaik die gewaltigen Figuren der vier Evangelisten, die uns das Leiden, wie den Triumph des Gottmenschcn überlieferten. Schauen wir nun empor zur Kuppel, — dem Sinnbilde des himmlischen Jerusalems, so thronen dort um den verherrlichten Erlöser seine Apostel, Engelgestaltcn schweben darüber, während aus der höchsten Höhe, niederschauend auf den immerwährende» Altar des neuen Bundes über dem Grabe des Apostelfürsten, das Antlitz des ewigen Vaters erscheint. — Und nun siehe Pius die Stufen des Altares emporsteigen, lieber Leser, und während Du sein freundliches Auge, seine ehrwürdigen Züge, seine ganze gewinnende Erscheinung betrachtest, wie er in so wunderbar ergreifender Weise die heilige Handlung fortführt, laste Lein Auge wiederum sich richten auf Veronika und Helena, und hinauf zu den Evangelisten und zn den Triumphen deS Erlösers, bis hoch empor in die höchste Kuppel zum Throne deS Vaters, — fühlst Du die schöne Beziehung, welche zwischen diesem Bilde und PiuS besteht, zwischen diesem Bilde der zur Glorie verklärten Leiden des Meisters, und PiuS, der nach fünfzigjährigem Dienste des Altars, und nach einem Pontifikate voll Kreuz und Dornen, voll Schmach und Verfolgung heute seinen Triumph feiert. Die Consekration und die Communion, wie sie der heilige Vater vornimmt, werden Allen unvergeßlich bleiben, die je das Glück hatten, unseren Papst am Altare zu sehen. Man fühlt, daß er als der Hohepriester der Welt und als der Stellvertreter Christi am tiefsten von dem Geiste des ersten und höchsten Priesters unserer heiligen Religion durchdrungen ist/ noch dieser Tage sagte uns ein hochstehender deutscher Herr: „Pius celebrirt wie kein Anderer; er ist am Altare ein schon halb zur Verklärung eingegangener Heiliger." — Nach seiner Communion spendete der heilige Vater dieselbe an 450 Personen, welchen durch besondere Empfehlung dieses Glück zu Theil wurde. Die Kammerherrcn des Vatikan hatten aus Fürsorge für den Papst die Zahl beschränkt. Der heilige Vater aber setzte sie auf diese 150 fest. Nachdem das Opfer beendigt war, intonirte er dann mit lauter und klarer Stimme das Tedeum, welches nun abwechselnd vom mehrstimmigen Chöre und von den Tausenden, welche die Peterskirche füllten, weiter gesungen wurde; zum Schlüsse endlich spendete der heilige Vater den apostolischen Segen. Um 11 Uhr fand in der Kirche lloll' unimu der Festgottesdicnst der Deutschen statt. Von dem Gedanken ausgehend, wie das letzte Wort des Herrn auf Erden: „Sieh, ich bin bei euch alle Tage bis an's Ende der Welt," — in der Geschichte seine Erfüllung finde, und besonders in. schweren und tiefbewegten Zeiten sich bestätige in der Auswahl der Männer, denen Gott die Leitung der Kirche anvertraue — Silvester, Leo der Große, Gregor der Große, Gregor XII., Pius VII., Pius IX. — stellte die Fest- Predigt, die Regens Moufang hielt, in begeisterter und ^ergreifender Sprache die Eigen- 139 schaften, die Leiden, die Siege unseres heiligen Vaters den Zuhörern vor Augen. Das erste wurde ausgeführt, anschließend an das Wort Panli: „Es ist erschienen die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes unseres Heilandes," und schließend mit der Darlegung des großen Segens, den Pins durch diese Eigenschaften uns, der Kirche und der Welt gebracht habe; man liebte zunächst Pins, dann in Pius den Papst, im Papste die Religion, in der Religion Gott wieder. Diese gewaltige Macht der Milde, die der Papst ausübe, sei von den Anwesenden durch eigene Erfahrung erkannt; wie die Jünger von Emaus, so fühle es Jeder: „Entbrannt ist unser Herz, als er mit uns sprach!" — Aber nicht bloß durch seine Milde, sondern auch durch seine Leiden sei Pius daS Abbild seines Meisters geworden. Auch er habe am Beginne seines Pontifikats seinen Palm- Sonntag gehabt, wo alle Welt ihm Hosanna zujauchzte, aber dem Palm-Sonntage sei bald ein Gründonnerstag gefolgt, wo er sein Abendmahl in St. Peter feierte, an welchem mehr als ein Judas aus seinen Händen die heilige Communion empfing. Und dann sei der Charfreitag gekommen, wo man den Papst verhöhnt, durch ungerechte Anklage vrrlüumdet, ihn seiner Kleider, seines Besitzes beraubt und auf seinen Tod gesonnen habe. — Das Alles aber habe Gott zugelassen, damit der verfolgte Pius der Gegenstand der allgemeinsten Liebe werde, der verlassen, die Herzen um so fester mit sich verbinde, der gehaßte, die Blüthe der christlichen Jugend zum heiligen Opfer um sich versammelt sehe. Wie auf den Winter der Frühling folge, so sei die Regierung des glorreichen Pius die Zeit, in welcher in der ganzen christlichen Welt ein neues Glaubcnsleben erwacht, die schönsten Blüthen der Liebe hervorgesproßt seien, und auf dem dürren Boden der Gleichgültigkeit und des Jndifferentismns, des Irrglaubens und des Unglaubens Begeisterung für die Religion, Erkennung der Wahrheit Wurzel geschlagen und sich entwickelt habe. An Allem dem aber habe der Papst einen großen Antheil durch die innigere Anleitung der Bischöfe und der Völker an ihren Mittelpunkt, durch Gründung von mehr als hundert neuen Bisthümcru, durch die reiche Äusspendung der kirchlichen Gnadenschützc in den Jubiläen rc. Der Redner schloß mit einem schwungvollen Glückwünsche und Gebete für den heiligen Vater. — Auf die Predigt folgte das heilige Opfer, bei welchem die Prcismesse von Witt zur Aufführung kam; daran fügte sich ein feierliches Tedeum als Schluß. Am Nachmittage um vier Uhr versammelten sich die Deputationen der katholischen Welt in dem großen Saale hinter der Loggia über der Vorhalle der Peterskirche, um dem heiligen Vater die Gaben und Glückwünsche, aller seiner Kinder darzubringen. — Die Zahl der zu dieser Audienz um den Thron deS Papstes dort aufgestellten Abgeordneten mochten gegen zweitausend sein. Der heilige Vater wurde bei seinem Erscheinen mit einem nicht enden wollenden levivn und Hochrufen begrüßt; dann traten die Deputationen vor ihn hin und überreichten ihm knieend die Adressen. Während der heilige Vater dieselben in Empfang nahm und in seiner gewinnenden Weise mit den einzelnen redete, drangen unten vom Petcrsplatze her die Klänge von sieben zusammenwirkenden Musik-Chören zu uns herauf. Dann erhob sich der Papst und richtete an die Versammelten mit kräftiger Stimme, welche von einer ebenso lebhaften, als gefälligen Gestikulation begleitet war, in italienischer Sprache ungefähr folgende Worte, in welchen er, seiner eigenen Person und deS hohen Festes vergessend, das er heute feierte, sein Auge einzig auf die großen Interessen der Kirche richtete. „Obgleich immer verfolgt, hat die Kirche des Herrn doch immer noch triumphirt, und so wird sie nicht minder in unseren Tagen triumphircn, wenn auch die Weise, wie sie den Sieg erringt, eine andere ist, als in früheren Tagen, indem jetzt die Art des Angriffs eine andere ist. Früher nämlich waren es hauptsächlich einzelne, durch hohe Heiligkeit und die Gabe der Wunder hervorleuchtende Persönlichkeiten, in denen sich die innere Lebenskraft der Kirche und ihre göttliche Macht der Welt manifestirte. In unserer Zeit ist das nicht der Fall, nicht als wenn es keine Heiligen mehr gäbe, denn die Kirche ist immerdar die Mutter der Heilig- 140 Kit, sondern weil die gegenwärtigen Verhältnisse der menschlichen Gesellschaft eine andere Wirksamkeit zu erheischen scheinen. Jetzt ist es die gewaltige Bewegung der Völker, das lebendige Glauben und Lieben der Nationen, geschaart um den heiligen Stuhl, was der Kirche unserer Tage den Sieg erkämpft. Denn wie Rom im Alterthum die Beherrscherin der Welt war, wie sie in der mittleren Zeit als die Fürstin dasteht, auf die der Erdkreis schaute, so sehe ich auch jetzt dieses Rom aufgebaut in den Herzen, sein Bild eingezrabeu in der Brust aller Derer, welche sich als Kinder der katholischen Kirche bekennen, als Fürstin in geistiger Herrschaft, glorreicher als je in unsern Tagen. Und was ist unser Antheil in diesem Kampfe der Kirche? Das feste Beharren bei dem, was Ihr bisher hoch gehalten, die Treue gegen die Kirche und diesen apostolischen Stuhl, die Vertheidigung der Prinzipien, die ich in der letzten Zeit verkündigt habe. Dann das Gebet, Gebet für die offenen Feinde der Religion, Gebet für ihre geheimen Gegner, Gebet für die Lauen und Schwachen, und die, welche in ihrem Wandel Gesetze mit einander verbinden und in Einklang bringen wollen, dir ewig unvereinbar bleiben werden." Als danu nach diesen Worten der heilige Vater den Segen gespendet hatte, brach der Zubel, der ihn bei seinem Erscheinen begrüßt hatte, von Neuem und noch stärker hervor, und in diese Huldigung der Abgeordneten aller seiner Kinder, stimmten unten vom Pctersplatze die sieben Musik-Chöre und ein Gesang-Chor von ungefähr tausend Soldaten, sowie das Jauchzen der zahlreichen Menschenmafse, die rings umher stand, in gewaltigster und ergreifendster Weise ein. Das Gefolge des heiligen Vaters wandte sich dem Eingänge zu, aber um dem Volke unten seinen Dank zu bezeugen, ließ der Papst die hohe Fenstcrthüre öffnen, und trat auf die Loggia hinaus, wo nun in erneuter Be- gcisterung der allgemeinste Jubel ihm entgegenschallte. Am Abende fand das große Feuerwerk auf ?ietro in montor'io statt, die sogenannte „Girandola." Wer jemals die Pracht und Mannigfaltigkeit dieser Darstellung gesehen, diese Zaubergärten mit ihren Springbrunnen und Wasserfällen, diese Fcuerräder in ihrem steten Wechsel von Gestalt und' Farbe, diese Krater, aus denen zahllose Raketen hervorstiegen, welche sich in den prachtvollsten Sternen und Schlangen, oder als goldener Fcuerregcn auflösen, dieser schimmernde Palast aus lauter Edelsteinen aufcrbaut, — der wird uns zugestehen, daß eS unmöglich ist, dem Leser in einer Schilderung ein auch nur in etwas der Wirklichkeit ähnliches Bild zu entwerfen. Was in dieser Sache anderwärts geleistet wird, kann sich mit diesem römischen Feuerwerke kaum vergleichen lassen. Die Entsageude». (Fortsetzung.) Sie eilte an daS Clavier und begann, wiewohl mit zitternder Stimme, der fie umsonst Festigkeit zu geben versuchte, folgende Strophen: Ein Mädel liebt den Jüngling still Wohl seit der Kindheit Tagen, Sie wahrt ihr Herze lang und will Es Keinem, Keinem sagen. So oft er immer kommt und geht, Und um ein Wort der Liebe steht Sie will es nimmer wagen. Da eilet er in fernes Land, Sieht and're Mädchen blühen, Und fühlt sein Herz so leicht entbrannt Wohl für die Schönste glühen. Fahr wohl, fahr wohl, dn spröde Math. Was hörtest nicht zu rechter Zeit, Jetzt — 141 Mit einem schrillen Accord brach der Gesang des jungen Mädchens ab. Ihr Haupt neigte sich auf die Brust hernieder, und ihre Finger glitten von den Tasten. „Ich kann nicht mehr," — flüsterte sie, „zu viel der Qual für eine schwache Mädchenbrust!" „Warum fährst Du nicht fort?" fragte der Direktor, „das Lied gefällt mir. Nicht wahr, die Erfindung der Composition ist gefällig?" wandte er sich an Rudolph, der wie träumend in einer Ecke des Salons dasaß. Der junge Mann fuhr empor. Augenscheinlich hatte er nichts von dem ganzen Gesänge vernommen. „In der That," stammelte er, obgleich doch etwas trivial. „So gib dem Baron doch jenes Lied zum Besten, das ich so oft in stiller Nacht, wenn mich die Arbeit an meinen Schreibtisch fesselte, oder der Schlaf mein Lager flieht, aus Deinem Zimmer ertönen höre! Mich verlangt darnach, es einmal in der Nähe zu vernehmen." Angelika zitterte, ihr Geheimniß verrathen zu sehen, denn der Blick, den Rudolph auf sie warf, zeigte ihr, daß er klar in ihrem Herzen las. Eine geheime Ahnung sagte ihm, daß jenes Lied mit ihm im Zusammenhang stehe, und deßhalb vereinte er seine Bitte mit der des DirekiorS. „Unmöglich!" stammelte die Sängerin, „bemerkten Sie nicht, wie meine Stimme heiser ertönte, wie jene Anstrengung meine Kräfte erschöpft." Aber der Direktor gab nicht nach. Jener schien eine geheime Freude darin zu finden, das junge Mädchen zum Singen des Liedes zu bewegen. „Sei cS denn," flüsterte sie endlich vor sich hin. „Die Saat ist reif, in Deine Hände, Gott, lege ich die Entscheidung." Diescsmal zitterte sie nicht, als sie auf'S Neue begann; ihre Stimme, obgleich glockenrein, klang fest, ja fast herbe, und dennoch durchdrängen die ersten Töne die Seele Nudolphs mit namenlosem Entzücken, denn er erkannte dasselbe Lied, das ihn einst an Angelika'S Seite gelockt hatte. O still, du Herz. so schmerzensreich, O künd' ihm nie dein tiefes Sehne» O färb' dich Wange, hohl und bleich Verstopfe Aug' den Quell der Thränen. O lächle Mund in leichtem Scherz, ' . Und bricht dir auch vor Weh das Herz — Entsage still, entsage gern Was ewig dir so fern, so fern. Steigt nicht die Sonn' vom Himmelszelt, Weicht nicht der bunte Lenz von binnen Wie willst denn du, was dir gefällt Um jeden Preis für dich gewinnen? Der Himmel trau'rt, wenn fern das Licht, Die Knospe welkt, doch klagt sie nicht Entsag' auch du, entsage gern, Was ewig dir so fern, so fern. Und weilt' er auch in deiner Näh' 'Dem deines Busens Wogen schwelle», O lasse nie des Herzens Weh, Bor fremden Augen überquellen Das Schicksal will's, o füge dich — Sein Wort ist unabänderlich. Entsage still, entsage gern, Und ob er nah' — dir sei er fern. Noch war die letzte Strophe nicht verhallt, als Rudolph sich von seinem Sitze erhob und stürmisch das Zimmer verließ, auch die Sängerin schien von ihrem eigenen Vertrag aus das Tiefste erschüttert, denn sprachlos, keines Wortes mächtig, lehnte sie in ihrem Sessel, und große Thränen rannen langsam die Wange herab. 142 Der Gerichts - Direktor merkte nichts von diesem Vorfall, er hatte ein eben vom Buchhändler gesandtes juristisches Werk eindeckt und sich eifrig in das Studium desselben vertieft. Jetzt, da das Lied geendet, blickte er auf. „Wirklich, sehr entsprechend," bemerkte er, „und meisterhaft vorgetragen. Aber," fuhr er fort, sich umsehend, „wo ist denn der Baron hingekommen?" „Rudolph ward die Hitze zu drückend," erwiderte rasch die ältere Angelika; „auch Sie, lieber Oheim, sollten lieber in's Freie." „Ich will in mein Arbeitszimmer," — unterbrach sie der alte Herr, „dieß Werk interessirt mich ungcmein und hier würde es mir an der nöthigen Sammlung fehlen." Mit diesen Worten erhob er sich, und verließ das Zimmer. Die jüngere Angelika saß da, wie eine Angeklagte vor ihrem Richter, sie wagte nicht das Auge zu ihrer Cousine zu erheben, denn eine innere Stimme sagte ihr, daß das Geheimniß ihres Herzens derselben gegenüber kein Geheimniß war. Und dem war so. Schon feit Beginn des ersten Liedes hatte die Braut jede Bewegung Rudolphs und Angclika'S beobachtet, der Keim des Argwohns, der nie erstickt, in ihrer Seele geschlummert hatte, wuchs plötzlich riesengroß empor, und sie fragte sich selber, wie es möglich gewesen sei, daß sie nicht bemerkt hatte, wie sehr das junge Mädchen die Leidenschaft ihres Verlobten theilte. Eine peinliche Stille entstand im Salon. Beide fühlten, daß ein inhaltschwerer Augenblick heran nahe, und Beide suchten sich zu demselben zu stärken und zu sammeln. Die ältere Angelika war es, die endlich zuerst das Wort ergriff. Sie näherte sich ihrer Cousine, und die Hand auf den Scheitel des jungen Mädchens legend, sagte sie mit leisem Tone: „Angelika, verhülle mir Nichts, Du liebst Rudolph, meinen Bräutigam?" Das junge Mädchen antwortete nicht, nur das Wogen ihrer Brust verrieth die Erschütterung, die in ihr vorging. „Antworte mir," fuhr Angelika fort, „ich will keine weitläufige Erklärung. Daß Rudolph Dich liebt, das war mir seit dem ersten Tage, da er Dich sah, kein Geheimniß mehr, aber ich will wissen, ob Du diese Neigung theilst? Ein „Ja" oder „Nein" ist mir genügend." Da sank das junge Mädchen zu den Füßen ihrer Cousine nieder. „O, ich bin grenzenlos elend," flüsterte sie, „stoße mich von Dir, Angelika, die Vcrrätherin; denn, ja, ja — ich liebe Deinen Bräutigam, liebe ihn glühend, unsagbar." Ein unwillkürliches Zittern ließ die Gestalt Angclika's erbeben. Aber sogleich faßte sie sich wieder. „Armes Kind," — flüsterte sie, „welche Qual muß Dir jede Stunde in seiner Nähe bereiten?" „O laß mich fliehen von hier," rief do.Z junge Mädchen leidenschaftlich. „Du bist gut, wie eine Heilige, Dich zu verrathen, wäre Sünde." „Höre mich denn an, wie es kam, daß ich Deinen Rudolph kennen lernte, welche seltsame Fügung des Schicksals uns zusammenführte, um uns auf ewig zu trennen." „Erzähle," erwiderte die Cousine milde; „laß mich Alles, Alles wissen, vielleicht ist noch ein Weg der Rettung offen." Und Angelika begann. Sie schilderte, wie von dem ersten Zusammentreffen der Beiden die Liebe in ihrem Herzen erwacht sei, wie sie gekämpft habe, dieselbe zu unterdrücken, bis sie ihn auf's Neue in diesem Hause als Verlobten ihrer Verwandten angetroffen; aber sie verschwieg auch ihrer Cousine die nächtliche Unterredung im Garten nicht. Und je länger sie redete, je mehr sie ihre eigenen Worte, ihre Stärke der Entsagung verkündete, desto fester ward ihre Stimme. Ein heiliges Feuer leuchtete aus ihren Augen, und die ältere Angelika war eS jetzt, die durch die einfache, schmucklose Erzählung der Thatsachen fast bis zu Thränen gerührt erschien. „Ich habe Dir nichts zu vergeben," sagte sie, als das junge Mädchen geendet hatte, „o wie gerne würde ich Dich am Altar an Rudolph'S Seite wissen, aber das unselige Verhängniß zwingt mich, und das Herz des Oheims ist härter, als Fels und Stein Aber ich muß wissen, ehe jener Tag herannaht, wo des Priesters Wort zwei Unglückliche auf ewig aneinander kettet, ob auch bei ihm die Zeit, die er selber zur Prüfung seiner eigenen Leidenschaft zu Dir bestimmte, seine Gefühle gestillt oder noch mehr entflammt hat, und Du, Angelika, sollst es sein, die mir die Botschaft, bringt!" „Ich!" rief das junge Mädchen erschreckt, „Gott, was verlangst Du?" „Setz Dich und schreibe!" fuhr, Angelika fast befehlend fort, auf den Schreibtisch deutend. „An wen soll ich die Zeilen richten?" „An Rudolph, meinen Brämigam," erwiderte Angelika. „Niemals!" rief das junge Mädchen glühend, „kein Zug meiner Hand dringe je wieder zu seinem Auge; kein Wort meines Mundes zu seinem Ohre. O laß mich nicht länger der Dämon des Unheils sein, der zwischen Euch steht. Fort will ich, daß mein Dasein nicht das Uebel vergrößere, statt es zu heilen." „Und glaubst Du, Dein Bild würde nicht ewig mit aller Glut in Rudolphs Herzen fortleben?" fragte Angelika. „Und selbst, wenn er Dich vergessen könnte, würdest Du einst diese Liebe zu den todten Erinnerungen Deiner Seele werfen?" „Biellsicht!" — flüsterte die Gefragte, das Antlitz mit dem feinen Spitzcntuche bedeckend. „Sag' lieber niemals," suhl Angelika fort, „denn ich kenne das Mcnschcnherz. — Darum, wenn Du mich liebst, so schreib, was ich Dir diktirc." „Sei es denn," versetzte das junge Mädchen, sich an den Schreibtisch setzend und die Feder ergreifend, „Du siehst mich bereit." „Ich muß Sie sprechen, Rudolph!" — diktirte Angelika, „die Last, die mein Herz bedrückt, würde ich zu ertragen vermögen, bis es bricht, aber jede Ihrer Thränen, die ich heimlich fließen sehe, Ihr geheimer Kummer — vermehrt sei» Gewicht. Ich muß Sie sprechen, — muß Sie fragen, ehe es zu spät, ob Ihre Kräfte der fürchterlichen Aufgabe gewachsen sind, die Sie sich selber auf meine Bitte stellten, oder ob ich auf ewig Sie meiden und meine arme Cousine des letzten Herzens, das es treu mit ihr meint, berauben soll. Erwarten Sie mich morgen Nachmittag auf Ihrem Gute" „Großer Gott, nimmermehr!" rief das junge Mädchen, die Feder niederlegend, „willst Du Dciu eigenes Urtheil Dir dictirci'!" „Mein Urtheil!" wiederholte Angelika dumpf, „darum fahre fort." „Angelika, meine Cousine, ist vorn Hause abwesend, und kehrt vor Abend nicht heim. Am Ende Ihres Parkes steht ein kleiner Pavillon, zu dem man durch eine Scitcnpforte gelangt. Dort werden Sie mich finden, sorgen Sie, daß uns Keiner überrascht und die ernste Stunde zu stören kommt. Um fünf Uhr werden Sie mich an dieser Stätte finden. Angelika." Das junge Mädchen hatte geendet; sie reichte den Bries ihrer Cousine. „Hier sind die Zeilen," sagte sie, „aber nimmer werde ich Ihnen Folge leisten. Rudolph ist zu edel, als daß ich zum Werkzeug dienen möchte, verborgenen Lauschern zu gefallen; seine tief innersten Gefühle an'S Licht zu ziehen." „Du glaubst auch, ich werde mich in dem Pavillon einfindcn?" fragte Angelika, „ich würde, wenn er in glühenden Worten Dir seine Liebe schildert, und die Fessel verflucht, die ihn an mich ketten, zwischen Euch treten, wie ein unerbittlicher Dämon, ihn durch meinen Anblick zur Beschämung, vielleicht zur Neue zu zwingen? Du irrst, mein Kind! Ich verlasse morgen Mittag mit dem Oheim die Stadt, um eine Bekannte von ihm, die ein Gut in der Nähe Rudolph'S bewohnt, und die Alter und Krankheit an ihr 144 Lager fesselt, zu besuchen. Du wirst allein mit Rudolph sein. Kein Mißtrauen, keine Furcht bedrücke Deine Seele." „Und trägst Du die Folgen dieses entsetzlichen Spieles?" — fragte da- jüngere Mädchen. „Glaubst Du mein Her; gewappnet gegen die Gefahren dieser Stunde?" „Ich glaube an Dich, wie an Rudolph, selbst in der höchsten Leidenschaft wird er nie seine Manncsehre vergessen, nie was er, waS Ihr Beide schuldig seid!" „Und waS ist Deine Absicht?" fragte das junge Mädchen. „Sagtest Du nicht selber, der Wille Deines Oheims sei unwiderruflich? Wozu Dein armes Herz noch mehr erschüttern, wenn Du vernimmst —" „Was geschehen soll, das weiß ich nicht!" — unterbrach sie Angelika, „der Ewige möge mich erleuchten und mir den Weg weisen, der aus diesem Labyrinthe führt; still, Rudolph naht, spiele die Zeilen in seine Hand." Fortsetzung folgt.) M i s e e l l e ». * (Siamesische Zwilling«-Mädchen.) Die „Pall-Mall-Gazette" erwähnt m Bezug auf die „siamesischen Zwillinge" einer Tradition, der zu Folge vor bereits 700 Jahren ein Paar „siamesische Zwillinge" in Biddenden, einem Dörfchen in Kent, nicht weit von Staplehurst und Tenterdrn, am Leben waren. Durch die Freundlichkeit eines Bewohners von Biddenden wurde der Redaction genannter Zeitung ein ziemlich roh »uSgeführtcS Portrait der „Mädchen von Biddenden," wie dieselben dort heute noch von den Landleuten genannt werden, und ein Verzeichniß aller sich auf dieselben beziehenden Facta zugesandt. Nach der Lokal-Tradition hießen die beiden Mädchen Elisa und Maria Chulk- hurst, waren im Jahr 1100 geboren, und sowohl an den Schultern wie an den Hüften mit einander verbunden. Obgleich jede zwei Füße halte, waren sie doch nur mit je einem Arm versehen, indem der rechte Arm der Einen mit dem linken der Anderen in eine» kurzen Stumpf zusammengewachsen war. Man sagt, daß sie so vereint 34 Jahre gelebt haben. Als Eine der Zwillinge starb, riech man der Ueberlebendeu, sich von dem Körper ihrer Schwester trennen zu lassen, was sie entschieden verweigerte, indem sie sagte: „So wie wir in die Welt eintraten, wollen wir wieder hinausgehen." Sechs Stunden nach dem Tode ihrer Schwester wurde sie auch krank und starb nach wenigen Stunden. Zum Andenken an diese Zwillinge werden jetzt noch jedes Jahr am Ostermontag in der Kirche zu Biddenden kleine, mit dem Bilde der Mädchen versehene Kuchen ausgetheilt, während Brod und Käse unter alle armen Einwohner des Kirchspiels verschenkt wird. * (Ein Hunde-Asyl.) Ein seltsamer. Bericht wurde jüngst in London veröffentlicht, der des „Temporären Asyls für herrenlose und uothleidende Hunde" für das Jahr 1868. Dieses für die Londoner Hunde höchst wichtige Institut wurde im Jahr 1860 von einer Anzahl durch ihre philantropischen Bestrebungen allgemein betaun-? ten Herren und Damen gegründet, und hat seit seinem achtjährigen Bestehen schon manches Gute gestiftet. Im Auftrage des Hundc-Hospital - Comitv's fängt die Polizei allnächtlich in den Stunden zwischen 1 und 3 Uhr alle herumstreichenden oder an den Hausthüren schlafenden vierfüßigcn heimathlosen Wanderer, und bringt sie nach dem „Home." — Während der letzten füns Monate des verwichenen Jahres fanden nicht weniger als 12,465 Hunde Aufnahme, von denen viele n erthvolle Thiere ihren früheren Herren wieder zugestellt wurden. Die kranken und werthlosen Hunde, die nach einer gewissen Zeit von ihren Besitzern nicht reklamirt worden sind, werden durch Strychnin aus der Wett geschafft. Druck, Ln'lag nur Redaction b.s Literarijchc« Ju,'r:r«i>.- von Dr. M. Huttler. 4 .