Fr. Rückert. Sohn, fürchte Gott, damit dein Jnn'res furchtlos sei, Denn Gottesfurcht nur macht vor Menschenfurcht dich frei. Die Geschenke zur Sckundiz-Feicr des heiligen Vaters. vr. X. ci. >V. Rom, 2. Mai. Während der dem Feste folgenden beiden Wochen waren die vorzüglicheren Geschenke, die dem heiligen Vater aus allen Ländern dargebracht waren, in einer der Hallen oder Loggien des Vatikan zur Ansicht ausgestellt. Der Andrang der Neugierigen war ein ungeheurer, und da jedesmal nur eine geringe Zahl eingelassen wurde, um das Gedränge nicht zu stark werden zu lassen, so mußten Hunderte auf den Treppen in langem, ermüdendem Harren stehen, bis endlich die Reihe auch an sie kam, und die Schweizerwache sie einließ. Durch die Vermittlung eines guten Freundes gelang es uns, einen permosso zu erwirken, wornach wir allein in der Frühe eines Morgens den Zutritt erhielten, und so Alles nach Wunsch in Augenschein nehmen konnten, wie es in den beiden aneinander stoßenden Hallen aufgestellt war. Da erblickte das Auge zunächst einen kostbaren Teppich, der von einigen Damen in Köln gestickt war, und an einem Wasscrqucll zwei Hirsche auf blumigem Anger zeigte, ein schönes Sinnbild der Gnaden, die von ihm, dem Felscnmanne, dem Stellvertreter Christi, Allen zu Theil werden, welche darnach dürsten. Dann folgte in prachtvollem Nahmen das Kölner Dombild, daneben ein Gemälde, welches die Schlacht bei Mentana darstellte, und welches die römischen Damen dem heiligen Vater verehrt hatten. Weiterhin stand auf einem hohen Postamente das Marmorbild der unbefleckt empfangenen Gottesmutter, der hohen Patronin Pins IX., ein Kunstwerk voll Adel und Anmuth. Meister Steinte von Frankfurt hatte ein in Aquarell ausgeführtes Bild geschenkt, welches oben die heilige Dreifaltigkeit, in der Mitte die Geburt Christi, unten den Papst am Altare darstellte, das Ganze umgeben von den bildlichen Darstellungen der sieben Schöpfungstage. Dreifaltigkeit, Menschwerdung und Eucharistie in der vom Nachfolger Pctri geleiteten Kirche, diese drei Grundwahrheiten und Hauptgehcimnifse unseres Glaubens sind es, durch welche die Welt von ihrer Erschaffung an erhalten, regiert, geheiligt wird, —- das ist, wie es scheint, die tiefe Idee, welche der fromme Künstler in seiner Darstellung uns vor Augen führt. Indem wir eine Menge von Gegenständen von geringerer Bedeutung und weniger künstlerischem Werthe übergehen, treten wir in die zweite Halle, zu welcher jene, bisher beschriebenen Gaben nur gewissermaßen die Einleitung bildeten. In der Mitte der Halle hat man eine hohe Wand errichtet, vor welcher sich terrassenförmig abgestuft ein langer und tiefer Tisch hinzieht. Was wir da zunächst erblicken, sind zwei Meßgewänder, das eine weiß, das andere roth. Letzteres, mit künstlerischer Stickerei, ist von den Nonnen vom „Armen Kinde Jesu" zu Aachen geschenkt. Wir hielten das erstere für das Geschenk des Kaisers von Frankreich, von dem man unö erzählt hatte; um uns zu vergewissern, fragten wir den uns begleitenden päpstlichen Kammcrhcrru, der uns aber erklärte, — Napoleon habe kein Geschenk gesandt, — jene Kascl sei vielmehr die Gabe der Stadt Bologna. Auch die Mittheilung ist unrichtig, als habe die französische Kaiserin eine Million Franks geschickt; überhaupt haben die Zeitungen sehr viel Unwahres berichtet; wie denn auch die Erzählung von dem Geschenke Viktor Emanuels falsch ist; er allein von allen Fürsten hat nicht grqtulirt. Nun, die Italiener haben es für ihren Ehrcu- König reichlich gut gemacht; sie ringen mit Deutschland um den Preis in der Huldigung 146 -es heiligen Vaters. — Zwischen jenen beiden Meßgewändern erhob sich dann die »om König von Preußen geschenkte kostbare Vase aus der königlichen Porzellanfabrik zu Berlin; zu beiden Seiten standen rechts das goldene Neliquiarium, das Prag gesandt hat, links ein hohes silbernes, besten Stil italienischen Ursprung verräth. Doch konnte ich nicht erfahren, von wo es gekommen. Weiterhin lagen oder standen in reichster Mannigfaltigkeit Bischofs-Kreuze, mit kostbaren Diamanten und Edelsteinen besetzt, Kelche, Ciborien und Reliquiarien in gothischem und in modernem Stile, ein Kisten von rothem Sammt mit überaus geschmackvoller Stickerei in Gold und Silber (den päpstlichen Farben), endlich die schönsten Adressen, unter ihnen die der deutschen Bisthümer, welche Steinte gemalt hat, und deren prächtiges Titelblatt aufgeschlagen da lag; ferner die der Gesellenvereine, ein dicker Band, wie ein großes Meßbuch, und die der deutschen Studentenschaft, welche auf weißem Grunde den Namen Piuö IX. zeigt, umgeben von einem Lorbcerkranze in getriebener Arbeit. Die meisten Gegenstände werden in der päpstlichen Schatzkammer aufbewahrt werden. Einzelnes schenkte der heilige Vater an arme Kirchen. So hat er dem Waisenhausc von Tata Giovanni einen Kelch verehrt, der ihm zu seinem Feste dargebracht war, sowie eine weiße Kasel mit reicher Goldstickerei, ein Alba mit goldenem Cingulum, ein Meßbuch und ein Paar Meßkännchen aus hellgrünem Krystall, deren Handfaß aus äußerst zierlichen, silbernen Blumengewinden gebildet ist. Einer der Priester des Waisenhauses hatte die Güte, mir diese Geschenke zu zeigen, wie er mir auch einen kleinen, alten Mann vorstellte, — der schon im Hause gewesen war, — als Pius noch als junger Priester dasselbe leitete. Die Entsagenden. (Forisetzung.) In der That erschien der Baron am Eingänge des Salons. Der Ausdruck einer tiefen Entschlossenheit lagerte auf seinen Zügen, als er auf seine Braut zuschritt und ihre Hand an seine Lippen führte. „Ei, ei, Herr Baron," — sagte Angelika scherzhaft, „ist das ritterlich, mitten im Vortrag einer schönen Sängerin aus dem Zimmer zu eilen und uns allein zu lassen. Soll Ähre Handlungsweise ein Complimcnt für meine Cousine enthalten, deren Stimme Sie mit solcher Macht ergriff, daß es Ihnen unmöglich war, Ihr Gefühl zu bewältigen, oder eine Illustration zu dem Gedanken: Ihre Stimme, mein Fräulein, ist zum Davonlaufen?" Aber das Antlitz ihres Verlobten blieb ernst. „Angelika," sagte er, „gewähren Sie mir die Gunst einer Unterredung, je früher, desto besser für uns Beide. Ich habe Ihnen Wichtiges mitzutheilen." Beide Mädchen sahen sich gegenseitig an; sie ahnten den Inhalt dieser Unterredung, den die Blicke, die Rudolph auf die jüngere Angelika warf, noch deutlicher bekundeten. „Ist denn diese Unterredung so wichtig?" fragte endlich die Braut. „Und doch thut es mir leid, sie Ihnen nicht vor übermorgen bewilligen zu können, Rudolph!" „Uebermorgcn?" — wiederholte der Baron erschreckt. „Warum so spät? Jeden Augenblick, den ich Ihnen gegenüber früher mein Herz ausschütten darf, erleichtert um eine Zentnerlast meine Brust." „Ist es Ihnen lieb, wenn man Sie aus einem schönen Traume weckt, Rudolph?" fragte Angelika sanft. „Vielleicht träume ich eben von Glück und rosiger Zukunft, lassen wir diese Unterredung bis übermorgen." Der Baron bezwäng sich. „Sei es denn, bis übermorgen!" — sagte er. „So werden Sie mich bis zu diesem Tage entschuldigen." Er stockte in seiner Rede, denn «r fühlte, wie die jüngere Angelika ein zusammen gesalteneS Papier in seine Hand drückte. Seine Braut schien nichts zu bemerken. „Ich halte jeden Grund für genügend," unterbrach ihn Angelika, „denn Sie würden mich doch nicht morgen hier antreffen, und ich gönne Ihrem Vater, sich einmal ungestört der Gegenwart seines Sohnes zu erfreuen, denn ohne Zweifel werden Sie ihm morgen Gesellschaft leisten." Rudolph fuhr zusammen. „Mein Vater," — murmelte er, „und ich konnte ihn vergessen! Gott, der Pflichten, die auf mich ruhen, sind so viele, daß die Wahl, welche von ihnen mir die heiligste, mich zu Boden drückt." „Sie haben Recht," fuhr er laut fort, „mein Vater bedarf meiner ganzen Aufmerksamkeit. Gerade sein gänzliches Zurückziehen von aller Welt, sein Stunden langes, stummes vor sich Hinbrüten beunruhigen mich. O glauben Sie mir, es gibt Momente, wo ich mich frage, warum es Gottes Wille, daß er in seinen letzten Jahren noch diese Tage des Jammers erleben muß, warum nicht ein sanfter Engel —" „Rudolph," unterbrach ihn Angelika schmerzlich, „wozu verleitet Sie Ihr Unmuth? Fassen Sie Muth. Der Himmel verwirft die Wünsche, die blinde Leidenschaft und bitterer Groll in uns hervorruft, aber er hört die stumme Bitte des Elends,- und seiner Fügung wollen auch wir uns unterwerfen. Vielleicht erleuchtet er mich, vielleicht — aber wozu, thörichte Hoffnungen nähren, des Schicksals Schluß ist unwiderruflich, übermorgen erwarte ich Sie, Baron Rudolph. Jetzt lassen Sie uns einen Gang zur Stadt machen. Angelika wird uns begleiten." s Ein anderer Tag war erschienen. Eine drückende Hitze hatte sich schon seit dem Morgen über die Erde gelagert und flüchtig jagten sich die Wolken am Himmel. Eine liefe Ruhe der Erschöpfung herrschte rings umher, und wie in den sonst so belebten Straßen der Stadt sich Jeder in den kühlsten Raum des Hauses flüchtete, so war auch auf dem Gute der Duroy's keine menschliche Seele sichtbar. Blumen und Bäume beugten die Häupter in Erwartung des nahen Gewitters, und die Vögcl wiegten sich halb träumend auf den Zweigen, sie wußten ja, daß Keiner kommen würde, sie zu stören. Horch, da knirschte es am Ende des Parkes, als wenn ein leichter Tritt den feinen Sand berühre. Das Geräusch eines Schlüssels ward hörbar, und durch eine kleine, unscheinbare Pforte trat eine weibliche Gestalt, sich vorsichtig nach allen Seiten umsehend, in den Park. Ein dunkler Schleier verhüllte ihr Antlitz, und ein Kleid von schwarzem Flor umschloß enge ihre Gestalt. „Er ist noch nicht hier," flüsterte die Unbekannte, „ich komme noch zu rechter Zeit, sonst hätte er die Pforte geöffnet; aber rasch in den Pavillon, ehe es zu spät ist." Mit hastigen Schritten eilte sie an den kleinen hölzernen Pavillon, der sich auf einigen Stufen vor ihr erhob. Sie zog einen kleinen Schlüssel aus der Tasche ihres Gewandes, und öffnete mit seiner Hülfe die Thür desselben. „Keiner wird ahnen, daß ich hier anwesend bin," flüsterte sie vor sich hin, „verzeih auch du mir, Gott, wenn ich eine Sünde begehe, allein ich kann nicht anders — den« nicht Egoismus, nicht Neid und niederes Verlangen führt mich an diese Stätte." Mit diesen Worten verschloß sie von innen den Eingang wieder und blickte in dem kleinen Rauni umher. Derselbe war einfach decorirt, und die ganze Einrichtung bestand aus einer Causcuse und wenigen Sesseln, nebst einem kleinen Schreibtisch, der Causeuse gegenüber, dessen Hinterwand ein Spiegel bildete. Das Frauenzimmer schlug den Schleier zurück, es war Angelika, die Braut Nu- dolph's, die sich an dem Ort der Zusammenkunft ihrer Cousine und ihres Verlobten befand. „Wo mich verbergen?" flüsterte sie, „ohne daß man die Horcherin entdeckt? Und doch ist es unerläßlich, daß ich dieser Unterredung beiwohne, denn ihre Entscheidung soll auch für mich entscheidend sein." 148 Da fiel ihr Blick auf eine Portiere von schwerem dunklen Stoffe, die hinter der Causense von der Decke hernieder hing und fast die ganze Breite des Pavillons einnahm, dieselbe hatte früher dazu gedient, eine kleine Bibliothek zu verbergen, aber jetzt war der Raum leer und unbenutzt. Ein Strahl der Freude blitzte in Angelika's Augen, aber zu gleicher Zeit horchte sie auf, die Tritte eines sich dem Pavillon Nahenden schallten durch den Sand des Parkes. „Er ist es," flüsterte sie, „jetzt — Gott gib mir Fassung, laß mich Alles erfahren." Rasch trat sie hinter den Vorhang, und schon im nächsten Augenblick ward leise die Thür des kleinen Gebäudes geöffnet, allein statt des erwarteten Nudolph's war es sein Vater, der alte Baron Duroy, der ein kleines Kästchen in der Hand, im Innern desselben erschien. Leopold von Duroy war in dieser kurzen Zeit fast bis zur Unkenntlichkeit gealtert. Aber heute schien ihn eine krampfhafte Energie zu beleben, denn sein Schritt war fest und sein Antlitz ungewöhnlich gcröthet. Nachdem er sorgfältig wieder zugeschlossen hatte, setzte er den Kasten nieder und trat an das Fenster. „Es muß sein," sprach er halblaut vor sich hin, „selbst die Natur ist wider mich, kein freundlicher Sonnenstrahl leuchtet mir auf meinem letzten Pfad, aber freilich dem Verbrecher ziemt Finsterniß und Trauer. Mir bleibt nichts übrig, als der Tod," fuhr er in seinem Selbstgespräch fort. „Was soll mir ein Dasein, — das mir selber und Anderen zur Last? Dann wird die Rache Robcrt's gestillt und über meine Leiche wird ein neues Glück meinem Sohne erblühen. Und besser Tod für mich, als das Loos, das meiner harrt. Dem Leichnam wird jener unerbittliche Mann wohl die Stätte gönnen, die er dem Lebenden verweigert." Er setzte sich an den Schreibtisch und ergriff die Feder. Aber sogleich warf er sie wieder nieder. „Ich vermag nicht zu schreiben, mein Kopf brennt wie im Feuer, und mein Blut siedet. Komm denn her, du einzige Rettung vor Schmach und Schande, — der Druck deines Hahnes, der meinem Leben ein Ende macht, — rettet meinen Rudolph vor dem Unglück. Und du, Gott, der du tief in mein Herz siehst, das die Reue foltert, laß meine Schuld mit diesem Opfer gesühnt sein, es ist das Höchste, das ich zu bringen vermag." Mit diesen Worten öffnete er den Kasten, und der Lauf einer Pistole glänzte in seiner Hand. Aber schon im nächsten Augenblick prallte er zurück; die Waffe entfiel seiner Hand, denn in dem Spiegel des Schreibtisches erblickte er das todtcnbleiche Antlitz Angelika's, die zwischen den Falten der Portiere erschien. „Sie hier," stammelte er, „was bedeutet Ihr Erscheinen an diesem Orte, mein Fräulein, was soll dies Verbergen?" „Eine Fügung Gottes!" — unterbrach ihn Angelika feierlich. „Er will, daß Sie leben, denn wenn ein Opfer nöthig ist, so will ich es sein." „Sie sehen den letzten Ausweg meiner Verzweiflung;" — rief der Greis, „Ihnen brauche ich nichts mehr zu verhehlen, gibt es noch einen anderen?" Das Mädchen erwiderte nichts; sie schien auf ein fernes Geräusch zu achten. — „Um Gotteswillcn still," flüsterte sie; „verbergen Sie sich mit mir hinter jene Portiere. Er kommt." „Wer?" fragte der Baron erstaunt, „weßhalb diese seltsame Zumuthung?" „Ihres Sohnes, Ihres Nudvlph's willen!" erwiderte Angelika hastig. „Alles — Alles soll Ihnen klar werden; aber folgen Sie mir, ehe Alles zu spät ist." Sie zog den widerstandslosen Mann mit sich fort, und kaum hatten sich die Falten der Portivrc über Beide geschloffen, als Rudolph im Eingänge des Gemaches erschien; aber der Baron war nicht allein. An seiner Hand führte er die jüngere Angelika, deren 149 Gestalt ein schlichtes, hochreichendes weißes Gewand umhüllte. DaS junge Mädchen schien ein geheimes Mißtrauen zu empfinden. Sie blickte forschend ringsum. „Wir sind allein," sagte Rudolph, der diesen Argwohn bemerkte, „Sie sehen, ich selber war es, der die Thür verschloß, — zu der Keiner den Schlüssel besitzt, als mein Vater, und Baron Leopold weilt auf seinem Zimmer." Mit diesen Worten geleitete er das junge Mädchen zur Causcuse, er selbst nahm ihm gegenüber in einem Sessel Platz. Es war unterdessen dunkler geworden; — der Horizont hatte sich vollständig mit schwarzem Gewölk überzogen, und ein dumpfes Grollen verkündete das nahende Ungcwitter. „Herr Baron," begann Angelika mit zitternder Stimme, „Sie werden eS sonderbar finden, daß ich, das junge Mädchen, es abermals bin, die Sie zu einer verborgenen Zusammenkunft nöthigt. Allein Ihr Edelmuth ist mir Bürge, daß ich mich niemals vor dem Auge GotteS, -— noch dem der Menschen — dieser Stunde zu schämen nöthig haben werde." „Angelika!" rief Rudolph, „Du bist mir theurer, wie ein Engel des Lichtes, eher würde ich sterben, ehe ein Wort blinder Leidenschaft Dein Ohr erreichen dürfte. Alles, Alles, was ich Dir sagen will in dieser Stunde — was sich herausdrangt allen starren Formen, allem Menschcnwillen zum Trotz, das laß mich pressen in ein einzig Wort — Angelika, ich liebe Dich — möge der Himmel stürzen über mich, nimmer — nimmer kann ich von Dir lassen." Das junge Mädchen stieß einen Schrei aus. „Großer Gott, und Ihre Braut — meine Cousine?" stammelte sie. „Ich darf ihr Leben nicht v rgiften," rief der junge Mann glühend. „Sie hat mir eine Unterredung bewilligt, in ihr will ich Verzicht leisten auf ihre Hand." „Unglücklicher, und Ihr Vater?" — rief Angelika, bleich vor innerer Erregung. „Gott ist mein Zeuge — ich that, was eine Mcnschcnkraft ertragen kaun; Ueber- menschliches zu ertragen, vermag ich nicht. Schon wollte ich sterben, um diesen Qualen zu entrinnen, aber der Gedanke an Dich, Mädchen, fesselte mich an das Leben, wie den Märtyrer der Gedanke an die Seligkeit, die seiner harrt. Tage, Nächte lang rang ich in wechselnden Entschlüssen, und keiner blieb mir, als der, Dich zu besitzen — und sei es um jeden Preis!" „Wie Rudolph, Sie opfern Ihren Vater auf, um eine Leidenschaft zu befriedigen?" fragte Angelika vorwurfsvoll, „was soll aus dem unglücklichen Greise werden, wenn Sie die Verbindung mit meiner Cousine noch im letzten Augenblicke brechen. Der Direktor würde diese furchtbare Schmach doppelt rächen!" „Frage nichts, wenn Du mich nicht zum Wahnsinn bringen willst!" — rief der Baron glühend, „heiß mich hingehen und jenen Mann tödtcn, in dessen Händen das Geschick meines Vaters ruht, heiß mich selber fälschen und betrügen — Alles, Alles, nur Dir zu entsagen, vermag ich nicht!" Er war bei diesen Worten zu Angelika'S Füßen niedergesunken, und drückte das glühende Antlitz in den Saum ihres Kleides. DaS junge Mädchen erhob sich. „Rudolph!" — fragte sie mit sanflem Tone, die zarte Hand auf das Haupt des Kuicenden legend, „wie soll all' dies Leid enden?" „Laß uns fliehen!" — rief der junge Mann stürmisch; „weit, weit von hier, wo Niemand uns kennt; dort laß uns das Vergangene vergessen und nur der Gegenwart leben. Dort, wenn die Wellen des Oceans zwischen uns, will ich selig schauen in Dein blaueS Auge und Vergessenheit trinken von Deinen Lippen; dort" „Sie lästern, Rudolph!" unterbrach ihn Angelika. „Wie soll unsere Liebe, die rein und heilig vor dem Auge Gottes dasteht, den Anschein einer abscheulichen Intrigue erhalten? Niemals würde ich in diesen Schritt willigen!" Der junge Mann erhob sich. „So weiß ich, was mir übrig bleibt," — sagte er finster, „ehe der verhängnißvollc Brauttag..." 150 Und stürmisch erhob er sich von seinen Knien. „Ich weiß eS wohl. Du hast mich nie geliebt, ein bloßer Hauch des Windes waren Deine Worte, denen ich so elend war zu vertrauen. Ja, wenn Du die Glut wirklich theiltest, wenn auch in Deinen Adern es stürmt und gährt in unendlicher Leidenschaft, Du würdest nicht so kalt dastehen, während mich die Glut verzehrt und mit starren Vernunftgründen mein überwallendes Gefühl zum Schweigen bringen." Der Ausdruck einer tiefen Kränkung färbte das bleiche Antlitz des jungen Mädchens für einen Moment. „Habe ich diesen Vorwurf verdient, Rudolph?" rief sie. „Soll ich es Ihnen denn wiederholen, daß auch ich Sie liebe; schrankenlos, ohne Gränzen! O hüten Sie sich auch, den letzten Damm in dieser Brust zu sprengen, und die verheerenden Wogen mächtig hereinbrechen zu lasten; Hinausrufen möcht' ich's über Stadt und Land — ertönen lasten das heilige Evangelium. Rudolph, ich liebe Dich!" Der Baron stieß einen Ruf des Entzückens aus, — aber von ihm zurücktretend, fuhr Angelika fort: „Möge denn auch die letzte Schranke zwischen uns fallen. Vernehmen Sie das Gcständniß, ihre Braut weiß um meine Liebe; — ich habe kein Geheimniß mehr für Angelika!" „Und was erwiderte Angelika,' meine Braut?" flüsterte Rudolph tonlos. »Daß sie im Innersten diese Verbindung beklage, aber der Wille ihres OheimS unwiderruflich sei," entgegnete das junge Mädchen. „Unwiderruflich!" wiederholte Rudolph bitter; „hat dieser Mann auch die Macht, ein verzweifelndes Dasein vor den Pforten der Ewigkeit an den Traualtar zurück zu zwingen?" _ (Forts, f.) Aus dem heiligen Lande Bon Zeit zu Zeit werden Aufforderungen zur europäischen Besiedelung des gelobten Landes erlassen, die in der Regel aus religiösen Motiven hervorgehen. Die ersten Ansiedler kamen aus Nord-Amerika und wählten für ihren Versuch Artas bei Bethlehem, wo es viel Wasser gibt. Sie geriethen jedoch in große Noth, die natürlich zu Zwistig- keiten und weiterhin zur Auflösung der Gesellschaft führten. Dann kamen Deutsche, auch sie mußten aber ihre bei Jaffa gegründete Kolonie binnen Kurzem wieder aufgeben. Ebenfalls die Umgegend von Jaffa sah eine Niederlassung „Adams City" verunglücken, die schon nach einem Jahre (1867) einging. Noch besteht die Niederlassung der Tempel- freunde in Galilüa, aber nicht in der glücklichen Lage, die zuweilen in Zeitungsnachrichten figurirt hat, sondern halb erdrückt von Noth und Elend. Es ist gewiß, daß es reiche, für den Weizenbau äußerst ergiebige Ebenen und Gebirgsgegenden gibt, wo die Oelbaum- uud Weinstockzucht mit dem lohnendsten Erfolge betrieben werden kann. Der schwarze Boden des ZordanthaleS gestattet den Anbau von Baumwolle und Zuckerrohr und jenseits des Flusses befinden sich ausgedehnte Gebiete, die von jeher wegen ihrer Fruchtbarkeit berühmt gewesen sind (Micha 7, 14). Dagegen sind alle anderen als die Bodenverhältnisse ungünstig. In den Ebenen und ganz besonders im Jordanthal ist das Klima höchst ungesund. Auf dcu Bergen können Europäer ohne Nachtheil leben, wenn sie sich zur Sommerszeit der Sonne uicht aussetzen. Daraus folgt, daß die Einwanderer genöthigt sind, sich der Hilfe und der Dienste der Eingeborenen zu bedienen, daß sie die schwierige arabische Sprache erlernen, sich in die Sitten und Anschauungen der Leute fügen und mit den Behörden auf gutem Fuß stehen müssen. Die letztere Bedingung eines guten Fortkommens ist die unerläßlichste und zugleich die schwierigste. Die türkische Regierung muß sich von den Großmächten immerfort belehren und tadeln lassen. Sie kann dieses Hofmeistern der Diplomaten nicht abweisen, rächt sich aber dafür an den Fremden, die in ihr Land kommen. 151 Das «Dach der Welt." Rußland hat bekanntlich in neuerer Zeit seine Besitzungen in Asien beträchtlich er» wcitert. Im vergangenen Jahre bekriegte eS das industriereiche Land Bokhara oder Buchara, nahm Samarkand, die einstige Residenz Timurs, ein und herrscht gegenwärtig nicht nur über den ganzen nördlichen Theil Turans (Turkistan) niit dem Aral-See, sondern übt auch die Oberherrschaft über die meisten Staaten des andern Theils dieses Landes aus. Völlig unabhängig ist nur noch das Khanat Kunduz, ein an Lapis Lazuli, Rubinen und Blei reiches Land, das aber zu den unbekanntesten Stellen der Erde gerechnet werden muß. Südlich von den neuen Erwerbungen Rußlands und nördlich von dem britischen Machtbereich liegt es — vielleicht über kurz oder lang ein EriS-Apfel für beide Mächte — fast in Mitte Asiens und erhebt sich in dem von Nord nach Süd streichenden Bolor-Tagh oder Nebel-Gebirge (dem Jmaus der Alten) bis zu einer angeblichen Höhe von 15,000 Fuß. Der Rücken dieses Gebirges soll 20 Meilen breit sein; er heißt das Plateau von Pamir oder das «Dach der Welt". Es erscheint als Bindeglied zwischen dem Thian-Schan (Himmelsgebirge) einerseits und dem Küenlücn andererseits. Letzteren überstieg der bayerische Gelehrte und Reisende Hermann v. Schlagintweit-Sakünlünski und entdeckte dort nordwärts der rcchtswinkelichcn Biegung des Indus den zweithöchsten Berg der Erde, den über 26,500 Fuß messenden Dapsang. Um die Hochebene von Pamir selbst gruppiern sich turkistanische Landschaften, die, dem Europäer verschlossen, „dunkle Partien in der Geographie bilden". Man bezeichnet zwar jene Gegend als ein von Handelsstraßen durchzogenes Gebiet, als den Weg, auf welchem von Indien die buddhistischen Missionäre nach China eindrangen, als den Sammelplatz, nach welchem römische Kaufleute auf der „Seidenstraßc" kamen, um die damals so kostbare Seide nach dem Westen zu führen, woran noch die Reste eines großen Karawanserais, des „steinernen Thurmes", erinnern, bei welchem der Waarenaustausch stattfand; im Bereiche der wissenschaftlichen Forschungen erscheinen aber jene Gebiete noch immer als eine terru inevAMta. Nun soll es auch dort Licht werden und zwar mit Hilfe indischer Feldmesser. Der hochverdiente Chef der indischen Landvermessnng, Coloncl Walker, benachrichtigte Dr. Petermann, er habe cingeborne indische Geodäten ausgesandt, nm die ganze so wenig bekannte Region zwischen 36 und 40" nördl. Br., 68 und 740 östl. L. von Greenwich aufzunehmen und hoffe in 1 bis 2 Jahren die Materialien zu einer korrekten Karte derselben beisammen zu haben. Inzwischen erhielt die Geographische Gesellschaft in London eine Karte der das Pamir-Plateau umgebenden Landschaften, welche Mr. Hayward nach den Reisen und Tagebüchern eines Jarkandcr Kaufmanns entworfen hat und woraus unter Andern zu ersehen ist, daß ein bequemer, nicht sehr hoher Paß über das Bolor- Gcbirge führt. Hayward beabsichtigt auch selbst an der Erforschung jener Gegenden theilzunchmcn und will, als Eingeborner verkleidet, über Kaschmir nach Jarkand und Kaschgar gehen und auf dem Rückweg die Pamir-Steppe überschreiten, um nach Jellala- bad und Pcschawur zu gelangen. (B. L.) Eine protestantische Stimme über Pins IX. Die in Paris erscheinende Protest. Zeitschrift Temps enthält eine Correspondcnz aus Rom, der wir folgende Beurtheilung unseres glorreich regierenden Papstes entlehnen: „Seit einiger Zeit hat man in Rom eine gewisse Hoffnung auf den guten Willen der hohen Pforte. Pius IX'., der mit erstaunlichem Eifer um die Ausbreitung der Kirche, die Errichtung neuer Bisthümer, die Bekehrung der Engländer, die Rückkehr der Griechen und andere weithinaussehende Probleme beschäftigt ist, hat eine Wiederaufnahme des Strcbens Eugens IV. im Concile von Florenz vorbereitet. Dieser eminente Papst, einer der größten, den es vom kirchlichen Standpunkte je gegeben hat, geht jeden Morgen in seinen regelmäßigen Audienzen mit Priestern und Prälaten, die Special-Studien obliegen, auf das allergenaueste in 153 «kle diese Fragen ein. Er zeitigt die Angaben; er versteht alle Triebfedern in Bewegung zu setzen; er läßt Amerika, England, den Orient an Ort und Stelle studircn und bulgarische Geistliche kommen, obscure Männer, die jedoch Mächte sind. Der Mann der Politik für die zeitige Macht, und der Mann mit dem heitern, ja witzigen Tempe« rament läßt bei Pius IX. nur allzusehr den Papst vergessen, der zugleich der eifrigste Propagandist und der größte Wiedcrherstellcr kirchlicher Schäden ist, den cS seit langer Zeit gegeben. Man beachtet nicht genug, daß er alle diese umfassenden Werke unternimmt, nicht etwa durch Zufall, nicht weil sie an sich reif wären, sondern weil er ein sehr überlegter Papst ist; persönlich von sehr hervorstechendem Charakter. Er ist in Wahrheit der Mann mit dem ungeheuren, in einem Zimmer des Vaticans aufgestellten ErdglobuS, wie er mit rothen Strichen die gegenwärtigen Grenzen seiner Herrschaft bezeichnet, wobei er zu einem kleinen Priester von nichtssagender Miene, indem er mit dem Finger auf eine noch nicht unterworfene Gegend zeigt, sich äußert: „Das muß man in Besitz nehmen." Miseellen. Californien. (Ein Götzentempel.) Die Chinesen in Sän Francisco haben nach der „Amerikanischen Post" jetzt ihren eigenen Buddha-Tempel errichtet, der fast dieselbe Größe und Ausdehnung hat, wie der zu Peking oder Schanghai. Jeder Chinese, der Reiche wie der Arme, selbst der sonst so verachtete Kuli, hat Zutritt. Das Innere des massiv aufgeführten Hauptgebäudes ist von den Nebengebäuden durch eine lange, in eine Halle endende Gallerie getrennt. Auf jeder Seite der Halle befinden sich Sitze von Ebenholz, bedeckt mit blauem, reich gesticktem Stoff. Von der Halle führen Stufen in das (nach ihrem Glauben) Allcrheiligste. Auf einem großen Tisch dicht vor dem Altar stehen brennende Kerzen und drei Melallvasen, deren Deckel Drachen darstellen, aus deren Nachen der immer brennende Weihrauch ausströmt. Nicht weit davon steht ein anderer Tisch, auf welchen Schüsseln gesetzt sind mit gebratenem Schweinefleisch, einem Zicgcnbock, gekochtem Huhn und einer Menge Confect, Gebäck und brennenden Räucherkerzen. Der Altar selbst ist auf das Prächligste geschnitzt, reich vergoldet und mit den lebhaftesten Farben lasirt. Mitten darauf steht das Bild Ehing Tal'S, eines berühmten Heros aus der chinesischen Mythologie. Die sitzende Figur ist in Lebensgröße dargestellt, und das knallroth gemalte Gesicht contrastirt eigenthümlich mit dem blendendweißen Email der Augen und der Rabenschwarze des Bartes. >Sein Gewand ist mit Edelsteinen wie besäet. Die Kuppel der Kapelle ist dicht mit einzelnen Holzlaseln behängt, auf die weise Lcbcnsregeln geschrieben sind. Tausende von bunten Laternen verbreiten ihr mildes Licht, das sich an den geschmackvoll drapirten Vorhängen bricht. Der ganze innere Schmuck des Tempels wurde in China verfertigt und nach Sän Francisco tranSportirt. Im Danziger Werder war bei einem Mcnnoniten, der seiner Kaltblütigkeit Wegen bekannt ist, ein Dieb eingebrochen, und mit einem Dolche bewaffnet an das Bett des Besitzers, der allein schlief, getreten. Unter der Drohung, ihn zu ermorden, wollte er wissen, wo jener sein Geld liegen habe. Der Mennonit bemerkte ihm hierauf — er würde es allein doch nicht finden, er wolle es ihm aber zeigen, wenn ihm kein Leid angethan würde. Darauf kleidet er sich ruhig an, — geht mit dem Diebe durch mehrere Zimmer, öffnet dann einen Schrank, nimmt schnell auS demselben zwei Pistolen, und hält sie dem Diebe mit den Worten auf die Brust: „Ut welkem Büdcl beleewt cm?" (AuS welchem Beutel beliebt ihm?) Druck, Verlag und Redaction des Literarischcn Instituts von I)r. M. Huttlcr.