Nro. 20. 16. Mai 1869. Augsburger Sonntags-Blatt. Ein Herz voll Liebe kaun Alles verzeihen, sogar Härte gegen sich, aber nicht Härte gegen Andere, denn jene zu verzeihen, ist Verdienst, diese Mitschuld. Jean Paul. Die Entsagenden. (Fortsetzung) „Rudolph!" unterbrach ihn Angelika, „entweihen Sie nicht diesen heiligen Moment, wo ich komme, Ihnen mein ganzes Herz zu erschließen. Daß ich Sie an diesen Ort berief, geschah auf Veranlassung meiner Cousine. Angelika wünscht, daß ich ihr den Inhalt unserer Unterredung mittheile; so groß auch ihre Liebe zu Ihnen ist, so sinnt sie doch auf die Möglichkeit, Ihnen zu entsagen.' „Welches Schicksal riß diese edle Seele mit in den Kreis dieser Verirrungen?" — rief der Baron schmerzlich; „o glauben Sie mir, so leidenschaftlich ich Sie liebe, so sehr verehre ich Ihre Cousine, wie eine Heilige — aber selbst eine Heilige vermag nichts gegen den starren Willen eines Mannes, wie dieser Direktor, und nimmermehr würde ich zugeben, daß Angelika durch uns zu einem Opfer veranlaßt wird, denn ich kenne dies edle Herz, das selbst des Größten fähig." „Nein, mein Freund, lassen Sie uns die Opfer sein dieses Verhängnisses, und indem wir fremde Schuld sühnen, uns ewig gehören ohne Trennung, ohne Furcht vor Schande und Menschenelend." „Angelika," flüsterte der Baron, „ich zittere, — Dich zu verstehen, und doch wallt mein Herz in unaussprechlichem Jubel." „Würde ich fliehen," fuhr das junge Mädchen fort, „ich würde keinen Tag, keine Nacht der Ruhe finden; denn meine Sehnsucht nach Dir würde mein Leben elend machen, wie der Gedanke, daß Du diese Sehnsucht theilen würdest, und vielleicht bald durch einen Druck Deiner Waffe einem unerträglichen Dasein ein Ende machen würdest. Nur allein mit Dir vereint, vermag mein armes Herz noch Ruhe zu finden, wir wollen fliehen, Rudolph, aber nicht wo Mcnschenaugcn und Menschenlippen uns an eine schmachvolle Vergangenheit mahnen, sondern dorthin, wo die allewige Liebe wohut und der unversiegbare Born der Gnade aus dem Schooße des mildesten der Richter quillt; wir wollen fliehen zu Gott, mein Rudolph, in den Tod." Ein dumpfes Rollen des Donners begleitete die letzten Worte des jungen Mädchens, und zu gleicher Zeit erleuchtete ein greller Blitzstrahl den kleinen Raum. „Ja, sterben!" rief der junge Mann leidenschaftlich, „vereint mit Dir wallen durch die Thore der Seligkeit. O käme jetzt ein Blitzstrahl des Himmels auf uns hernieder, und riefe uns vereint zu höheren Gefilden; — o, jetzt sterben in diesem Augenblick der höchsten Seligkeit! Angelika, Angelika! wer sendet uns den milden, gütigen Engel, der in diesen Stunden uns von einem Dasein des Wehs befreit?" Da siel sein Blick, der durch den dunkel gewordenen kleinen Raum schweift, auf den Tisch, ein neuer Blitzstrahl verbreitete eben eine blendende Helle. „All' ihr guten Mächte," rief Rudolph, „ihr selber seid es, die ihr unserem Plan euren Beifall leiht — ihr selber zeigt uns den Pfad der Rettung aus diesem Labyrinthe. Blick her, Geliebte," fuhr er fort, „die Rettungsstunde schlägt, wir werden nicht lebend mehr diesen Pavillon verlassen!" 154 Angelika wandte sich um, aber ein lauter Ruf, der ihren Lippen entfuhr, ließ auch Rudolph sich umwenden. Am Tische stand die Braut des Barons, den Schleier vom bleichen Gesicht zurückgeschlagen, und neben ihr Baron Leopold, dessen Hand krampfhaft die Pistole umklammert hielt. Eine lange peinliche Stille entstand im Pavillon; Keiner wagte zuerst die Stimme zu erheben. Die Nöthe der Entrüstung stieg in das Antlitz des jungen Mannes. „Fürwahr," sagte er, „nun kann der Vorhang fallen, das Trauerspiel ist zur Comödie geworden, und es fehlt nichts weiter, als ein dankbares Publikum, das uns beklatscht. Doch das Publikum ist ja vorhanden," fuhr er fort, auf seinen Vater und seine Verlobte deutend, „und die Herrschaften scheinen zeitig genug ihre Plätze eingenommen zu haben, um nichts von deni Schauspiel zu verlieren." „Halten Sie ein, Rudolph," fiel die ältere Angelika ihm in die Rede, „entweihen Sie nicht diese ernste, inhaltsschwere Stunde. Ja, ich läugne es nicht, ich war es, die Angelika veranlaßte, Ihnen ein Rendezvous an diesem Orte zu geben, aber ich verschwieg ihr, daß auch ich mich hier einsinken werde, und daß ich diesen Entschluß faßte, geschah, weil ich Sie retten, vielleicht Sie Beide glücklich machen will." „Rudolph," fuhr sie fort, „danken Sie der gütigen Vorsehung, die oft, was uns die schwerste Prüfung scheint, zu unserem Heil dienen läßt; danken Sie ihr, die mich an diese Stätte führte, denn ohne meine Gegenwart wäre Ihr Fuß beim Betreten dieses Pavillons über einen blutigen Leichnam gestrauchelt, über den Leichnam Ihres Vaters!" „Großer Gott!" rief Rudolph, auf Baron Leopold zueilend, „mein Vater!" „Ihr Vater," wiederholte Angelika. „Dieselbe Waffe, die Ihr Leben, das Leben Ihrer Geliebten zu enden bestimmt war, sollte auch zu seiner Todeswaffc dienen. Indem er sich opferte, gedachte er, Sie zu retten!" Tief ergriffen breitete der alte Baron seine Arme aus. „Rudolph," stammelte er, „Gott ist meiiz Zeuge, um Dich wollt' ich in den Tod gehen, kannst Du mir jetzt vergeben, was ich an Dir that?" Rudolph warf sich in die Arme des Alten. „Gott!" rief er, „warum mußtest Du erst so viel Schuld begehen lassen, daß so viel Buße nöthig ist, sie zu sühnen." „Hört mich an," begann die ältere Angelika jetzt auf's Neue — „Nächte der Herzensqual von keinem Schlummer gelindert, — brachte ich ine Gebete zu dem allgütigen Lenker des Schicksals, um einen Ausweg aus diesem Labyrinthe anflehend. Und ich fand ihn — fand das einzige Mittel, den Willen meines Oheims Euch zum Heil zu lenken. Aber dieses Mittel ist eine neue Schuld, ein neuer Betrug, und ehe ich zu diesem Aeußerstcn schritt, mußte eine Katastrophe, wie die heutige, mein Gewissen beruhigen. — Was willst Du thun?" fragte Angelika zwischen Furcht und Hoffnung schwankend, — „können, dürfen wir von Dir Rettung empfangen? Denn meine Ahnung sagt mir, daß der Anfang unseres Glückes zugleich das Ende des Deinen sein wird!" „War ich jemals glücklich?" unterbrach ihre Cousine sie trübe; „ich habe gesucht und nicht gefunden, ich hoffte und ward getäuscht, und Täuschung ist der Faden, der sich um mein Dasein schlingt, und um jede Freude, jede Hoffnung seine Knoten knüpft. Ich schaffte tnir Ideale, die nie cxistircn, lebe in einer Welt, die mir fremd erscheint — wie sollte ich mich darin glücklich fühlen?" „Versteht mich recht," fuhr sie fort, da sie die ängstlich fragenden Blicke auf sich gerichtet sah, „ich denke nicht, Eurem Beispiel zu folgen und frevelnd Hand an mein Dasein zu legen, das ich von Gott empfing. Aber ich bereite mir ein Glück, indem ich von Erinnerungen zehren werde, und der Gedanke wird mich beseligen, daß ich es bin, die Sie, Rudolph, vor dem Ihrer harrenden Schicksal bewahrt hat." „Angelika!" rief der junge Baron, „o wüßten Sie —" „Still!" — unterbrach ihn seine Braut. „Lasten Sie mich Ihnen jetzt sagen, wie Sie sich zu verhalten haben. Ich habe bereits meinen Oheim ersucht, die Trauung ohne Zeugen in der Kapelle dieses Gutes stattfinden zu lassen; mein würdiger Freund, 155 der Pfarrer Hasbcrg, der mir oft mit seinem Rathe beigestanden, wird dieselbe vollziehen und aus seiner Hand wird die Braut, sobald die Ceremonie vollendet, das ihm von meinem Oheim eingehändigte Kästchen empfangen, das jenen verhüngnißvollen Wechsel enthält, um dessen willen Sie, Rudolph, bereit waren, Ihr Lebensglück dahin zu geben. Verhalten Sie sich vollkommen ruhig, und wenn auch die Stimme Ihrer Verlobten während jener Ceremonie beben mag, sprechen Sie fest und vernehmlich das unauflösliche „Ja." — Du, Angelika," redete sie gegen ihre Cousine gewendet, weiter, „wirst meinem Oheim mittheilen, daß Tu Dich gezwungen siehst, am Tage vor meiner Hochzeit unser Haus zu verlassen, und Dich zu einer entfernteren Verwandten zu begeben, — er muß glauben, daß Deine Eifersucht Dir nicht gestattet, Zeugin unserer Verbindung zu sein. Du wirst Dich zu einer alten, verschwiegenen Frau begeben, die ich kenne und der ich vertrauen darf; dort wirst Du das Weitere erfahren." „Und nun," endete sie, „laßt uns Abschied nehmen bis auf ein fröhlicheres Wieder- sehen. Kein Laut, keine Andeutung verrathe jemals, was in dieser Stunde vorgefallen. Aber beten wollen wir zu dem Lenker der Geschicke, der durch die Wolken des Gewitters, die lichte, segenspendende Sonne strahlen ließ, und Wärme und Freude ergoß über alle Creaturen, daß er auch uns führen möge zum Licht durch die Finsterniß, und verzeihe die krummen Wege, l ie wir wandeln, um ein reines Glück zu gründen, das der unbeugsame Wille eines Menschen zu zerstören droht." „Angelika!" rief Rudolph, von seinen Gefühlen überwältigt, „o hätte ich Dich stets gekannt, Du Heilige, ich wäre eher gestorben, als daß ich Dir entsagt hätte!" „Jugend und Schönheit behalten stets ihr Recht," — erwiederte das Mädchen. „Vereint sich mit diesen Vorzügen die Anmuth, die Liebenswürdigkeit meiner Cousine, wie könnte ich Ihnen zürnen!" Das junge Mädchen warf sich in die Arme der Redendem „Möge Gott Dir lohnen," rief sie mit thrünencrstickter Stimme^ „wir vermögen es nimmermehr." „Ich trage in mir meinen Lohn," erwiederte Angelika, „wenn mein Plan gelingt, bin ich glücklich, da Ihr es seid." „Und bist Du Deiner Sache sicher?" — fragte Angelika, „willst Du mir nicht mittheilen — " „Nicht eher, bis es nöthig ist," unterbrach ihre Cousine sie. „Ich habe mit Gott allein diese Angelegenheit berathen, er wird sie zum Heile führen. Und wenn sie mißglücken, wenn ein Zufall mich betrügen sollte, so trösten Sie sich, Rudolph, dann — ja dann müssen Sie mein Gatte werden! Aber trösten Sie sich, selbst in diesem Falle werden Sie bald wieder frei sein." Ein langer Blick gen' Himmel gerichtet, vollendete ihre Rede. (Schluß folgt.) WaS ist es denn mit den Klöstern? (Beantwortet von — Viktor Hugo.) Es ist sicher interessant, eben jetzt die Stimme eines solchen Mannes über dieses Thema zu vernehmen. Viktor Hugo sagt: Menschen vereinigen sich und wohnen gemeinsam; auf welches Recht hin? Auf Grund des freien Vcreinigungs-Rechtes. Sie schließen sich ab; auf welches Recht hin? Auf Grund des Rechtes, welches jeder Mensch hat, seine Thüre zu öffnen oder zu schließen. Sie gehen nicht aus; auf welches Recht hin? Auf Grund des Rechtes, zu gehen und zu kommen, das auch das Recht einschließt, daheim zu bleiben. Dort, zu Haus, was thun sie dort? Sie sprechen leise; sie schlagen die Augen nieder; sie arbeiten. Sie entsagen der Welt, den Städten, den sinnlichen Genüssen, den Vergnügungen, den Eitelkeiten, dem Ehrgeiz, dem Eigennutz. Sie kleiden sich in 156 grobe Leinwand oder grobes Tuch. Keiner von ihnen nennt auch nicht das Geringste sein eigen. Mit dem Eintritt macht sich der, der reich war, arm. Was er hat, gibt er für Alle hin. Der, den man einst vornehm, einen Edelmann oder Herrn nannte, steht dem gleich, der ein Bauer war. Die Zelle ist für Alle dieselbe. Alle opfern ihr Haupthaar, Alle tragen dasselbe Gewand, essen dasselbe Schwarzbrod, schlafen auf demselben Stroh, — sterben den gleichen Tod. Sie haben denselben Sack auf dem Rücken, denselben Strick um die Lenden. Wenn es ihre Regel verlangt, mit bloßen Füßen zu gehen, gehen Alle bloß; dort kann man Prinzen sehe», diese Prinzen sind ebenso Schatten, wie die Anderen. Kein Titel mehr, selbst die Familiennamen sind verschwunden. Sie führen nur Vornamen. Alle beugen sich vor der Gleichheit der Taufnamen. Sie haben die fleischliche Familie verlassen und gehören in ihrer Gemeinschaft der geistigen Familie an. Sie haben keine andern Eltern, als alle Menschen. Sie eilen den Armen zu Hilfe, pflegen die -tranken. Sie wählen die, denen sie gehorchen, und sagen zu einander: „Mein Bruder." Sie beten. Zu wem? — Zu Gott. Die unbedachten, flüchtigen Menschen sagen: Zu was diese unbeweglichen Gestalten zur Seite des Heiligthums? Was nützen sie? Was thun sie? Es gibt wohl kein erhabeneres Werk, als das, was diese Seelen vollbringen. Es gibt wohl keine nützlichere Arbeit, als die, welche diese Seelen verrichten. Sie beten immer für die die niemals beten. Nachgrabungen in Jerusalem. *Die Nachgrabungen, welche der englische Lieutenant Warren unter den Auspicien des Palästina- Erforschung^ Fonds anstellt, fangen an, ungewöhnlich interessante Resultate zu Tage zu fördern. Die Arbeiten sind gegenwärtig fast nur auf die Stadt Jerusalem beschränkt, und der Boden der heiligen Stadt erweist sich als eine Quelle bcmerkenswerther Antiquitäten. Das Jerusalem von heute steht auf den Ruinen des Jerusalems der Vorzeit. Reisende die nach Jerusalem kommen, begnügen sich nicht länger mit einem flüchtigen Blick auf die Stadt wie sie ist, sondern indem sie in Lieutenant Warrens Schachte hinabsteigen uud durch Bögen, Gallerten, verschüttete Hallen, Reservoirs und Wasserleitungen wandern, erhalten sie auch einen Einblick in die Stadt wie sie einst war. Mehr als 50 solcher Schachte -sind gegraben worden, uud in einem derselben hat man 90 Fuß unter der jetzigen Oberfläche den Grundstein der alten Mauern des Tempels entdeckt, welche mit seltsamen bis jetzt noch nicht Entzifferten Inschriften bedeckt sind. Bei der Ausgrabung des Wirket Israel oder Sumpfes svon Bethesda stieß man auf ein fast 100 Fuß tiefes gewölbtes Reservoir, dessen Ausdehnung noch nicht gänzlich erforscht ist. In einem Theile der Haram Area gelangte man in die Oeffuung eines Beckens, das zu einem großen, 63 Fuß langen und 57 Fuß breiten, wie eine Kirche gewölbten Gebäude führte, welches Lieutenant Warren unwillkührlich an die Kathedrale von Cor- dova erinnerte. In vielen dieser unterirdischen Plätze, die gewöhlich mit großen Schuttmaffen angefüllt sind, fand man seltsame irdene Geräthschaften, die gegenwärtig in den Büreaus des Palästina - Erforschungs - Fonds zu London zur Ansicht ausgestellt sind. Das sind nur einzelne Beispiele der Entdeckungen, welche die ersten Anstrengungen der Forscher belohnt habe». Der ganze Boden Jerusalems scheint die Grabstätte des vergangenen zu sein, und fortgesetzte Forschungen dürften nach und die Topographie der heilioen Stadt in der Zeit ihrer frühesten Geschichte, vervollständigen. 157 Schützet die Singvögel. Im Jahre 1766, als die Franzosen ins Land gefallen waren, und ganz Deutschland von Wasfenlärm wiederhallte, war der bergische Landstrich zwischen Sieg und Wupper neutrales Gebiet, wie das im Jahre vorher nordwärts der Wupper gewesen. Davon wußten uns die alten Leute zu erzählen, wie im neutralen Gebiete die aus den Kampfgegenden verscheuchten Singvögel zusamengedrängt waren, so daß in jeder Gartenhecke Dutzende von Nachtigallenne- stern, und alle Obst- und Waldäume voller Vogelnester, und sogar die Dachrinnen der Häuser von den friedenerfrenten Sängern zum Msten gewählt wurden. Da wurde im Feld und in den Gärten das Ungeziefer so rein vertilgt und die Obsthöfe so gründlich gesäubert, daß man keinen Uugezieferschadeu wahrnahm und kein wurmstichiger Apfel zu finden war, wogegen man außerhalb der Friedenslinie, wo die ackerbaufrenndlichen Vögel, nicht aber das feindliche Ungeziefer durch das immerwährende Schießen vertrieben waren, Felder, Gärten und Baumhöfe von Raupen und anderm verderblichen Geschmeiß verdorben sah. So fördert der Krieg das Ungeziefer nicht bloß unter den Menschen. Der um die Landwirihschast und den Obstban verdienstvolle Rath Deycks zu Opladen hat diese Beobachtung in seinem Tagebuche aufgezeichnet und pflegt als Beleg zur Nothwendigkeit des Singvogelschutzes den Schulknaben zu erzählen. Zwei Dutzend Jahre darauf, als man im Siegkreise die Spatzen nach ortspolizeilicher Vorschrift beinahe vertilgt hatte, fand man, durch Ranpenschaden belehrt, nichts Besseres zu thnn, als diese Thiere wieder anzuschaffen, deren Nützlichkeit den Schaden vielfach überwiegt. Siehe, lieber Landmann: das Vögelein braucht dich nicht um Gnade und Barmherzigkeit anzuflehen, daß du ihm ein friedsames Nistplätzchen gönnest. Wenn Rechtsgefühl in dir lebt, so wird das dir sagen, daß es um dich verdient hat, daß du es in Schutz nehmest und treu- behütest wie deinen Augapfel; auch daß du deine Kinder, die vorwizigen, muthwilligen Knaben und jeden fremden Vogelsteller abhaltest, ein Nest anzurühren oder Netze und Schlingen zu spannen auf deinem Eigen, in deinem Walde oder anderswo, Das zutrauliche Vögelein hat das Vertrauen zu dir gehabt, daß du es schützest, sonst würde es sein Nest fernhin gebaut und dich geflohen haben. Dies Vertrauen schon verpflichtet dich. Es geht ein altes Wort durch's deutsche Land von deutscher Treue. Erzeige diese Treue auch dem geringen Geschöpfe, das sein Liebstes auf der Welt, seine Brüt, deinem Schutze und deinem Wohlwollen, das es redlich verdiente, anvertraut hat. Nirgendwo wird die Ausübung der Treue und schuldigen Dankbarkeit so handgreiflich gelohnt werden, als durch deu Vogelschutz. Praktische Verwendung eines Duells. Zwei junge Leute in Paris, Ernst G. und Julius C., die in einem und demselben Geschäft angestellt waren, verliebten sich gleichzeitig in die Tochter ihres Prinzipals und ihre Eifersucht gegen einander führte bald, obgleich sie von Kind auf Freunde gewesen waren, zu einem unauslöschlichen Haß. Einst gab der eine dem andern in einem Cafö aus geringfügiger Ursache einen Schlag ins Gesicht und die Folge davon war eine Forderung in aller Form. Man einigte sich auf Pistolen und das Duell sollte im Boulogner Gehölz stattfinden. Zwei Wagen standen bereit und alle Vorsichtsmaßregeln waren getroffen, um für den Fall eines unglücklichen Ausganges dem Ueber- gebenden rasche Flucht möglich zu machen. Ernst G. batte den ersten Schuß, und kaum hatte der Rauch seiner Pistole sich verzogen, so sah er seinen Gegner in den Armen der Sekundanten liegen, der entsetzt ausrief: Retten Sie mich! Er ist todt! Ohne aufzusehen, sprang der unglückliche Schütze in den Wagen und entkam ungehindert nach dem Bahnhöfe, und von dort nach Belgien, wo er in Brüssel seinen Auferthalt nahm Nach einem Monate fiel ihm ein Pariser Blatt in die Hände, und er wollte seinen Augen nicht trauen, als er darin die Vermählungs-Anzeige seines todt geglaubten Freundes mit der Tochter seines Prinzipals laS. Ohne Zögern eilte er nach Paris zurück und hier erfuhr er endlich die Lösung des allerdings nicht feinen Scherzes. Jnlius C.,der feines Gegners Ungeübtheit in der Führung der Waffen wohl kannte, hatte sich mit seinen Zeugen dahin verständigt, daß er sich nach dem ersten 158 Schusse todtstellen werde. In Wahrheit war er nicht einmal verwundet. Als er seinen Nebenbuhlerin Brüffel wußte, trat er mit den Bewerbungen um das Herz der Schönen offen hervor und führte sie auch bald als Frau heim. Ob sich der Dupirte mit dem k->N accampl, zufrieden gegeben hat, oder ob er eine neue Revanche suchen will, wird nicht gesagt. Die Verzweiflung des Unglaubens klingt aus einem Nachrufe heraus, welchen Alexander Dumas dem verstorbenen Dichter Lamartine widmet. Während Lamartine, wie sich die christliche Sprache so schön ausdrückt, im Kusse des Herrn starb und nach Ablegnug einer Generalbeichte und Empfang der bl. Sterbcsacramente mit dem Crucifix in der Hand zur ewigen Ruhe einging,ruft Dumas in seinem Nachruf aus: „O Dichter, der du in deinem Leben so oft nach den Geheimnissen des Todes geforscht, könntest du nicht vom Jenseits Kunde über das große Geheimniß der Ewigkeit geben? Wenn zwei Menschen, wie Shakespeare und du, den Tod befragten und er nicht antwortete, so ist es, weil er stumm ist. Aber du zweifeltest nichc wie Hamlet und starbst von süßen Hoffnungen erfüllt. Du hast die Augen als Christ geschlossen. Du selbst sagtest: „Ich habe zum Danke die Leiden, welchemir die Menschen hienieden bereiteten. . . . Aber in deinen Schovß eingegangen, o Gott! vergesse ich das Alles oder vielmehr ich hoffe dafür belohnt zu werden. „Oloi-ia 1» exeslsis Doo!" Wenn du dich aber getäuscht hast, Hochstrebeuder! wenn unsere Seele vergänglich ist wie der Leib, wenn der Tod die Vernichtung ist? wenn in Erfüllung des Wortes Christi: „Staub warst du," (das gui pro ij»o, welches Dumas sich hier zu Schulden kommen läßt, indem er eine Stelle aus dem alten Testament Christus in den Mund legt, muß man Dumas zu Gute halten) dein Herz mit seinem letzten Schlage dabin ist: Wo ist dein Lohn, Poet? welches dein Dank, Apostel? was deine Entschädigung, Märtyrer? . . . Glücklich Jene, welche in den seligen Zeiten lebten, da man noch glaubte! Glücklich Jene, welche, wenn sich ein Leichnam in die Gruft senkt, Gedanken des Wiedersehens hegen können. Aber beklagengswürdig sind Jene, welche den entrissenen Freunden ein Lebewohl für ewig nachrufen müssen. Ich gehöre zu diesen Verzweifelten, welche ein solches Lebewohl nachrufen. Lebewohl, Lamartine, für ewig Adieu!" So schreibt Dumas. Ja wohl, beklagenswert!) sind Jene, welche mit dem Glauben an die Unsterblichkeit der Seele auch die Lösung des Räthsels ihres Daseins verloren haben und am Ende ihres Lebens sich fragen müssen: Wofür habe ich gelebt und gestrebt? Beklageuswerth sind sie, wenn sie, aus dem Taumel des Materialismus erwachend, bei dem Hinscheiden einer großen, einer ihrem Herzen theuren Seele ihr verzweifelnd nachrufen: Wo bist Du hingegangen? Du bist für mich verloren auf ewig! Miscellen. * (Ein biblischer Platz.) Auf einem Meeting der „königlichen Gesellschaft für Erdkunde" (Uo^ul Oso^rapliiaal 8oei6t^) verlas der Referent, F. W. Holland, eine interessante Abhandlung „über die kürzlich auf der Halbinsel von Sinai vorgenommenen Forschungen." Die Forschungs - Expedition, zu deren Mitgliedern der Verfasser gehörte, verließ Mitte November v. I. Suez, passirtc die Wüste und kam in Jabal Mousha an, in dessen Nähe sich die Ebene befindet, welche, wie vermuthet wird, der Lagerplatz der Jsraeliten gewesen ist. Man bemerkte daselbst viele Zeichen früherer Cultur, sowie in allen Theilen des Distrikts zahlreiche Einsicdlerhütten und Steingürtel, in Form den der Druiden ähnlich, mit semitischen und griechischen Inschriften versehen, von denen Photographien und Zeichnungen genommen wurden. In Jabal NakouS sah man den berühmten Glockenberg, — welcher an der Seescite gelegen und aus einer 400 Fuß hohen und steilen Sandbank besieht, — dessen Klang, ähnlich dem matten Ton einer aeolischen Harfe, durch den fallenden Sand verursacht, und um so lauter wird, — wenn derselbe trocken und heiß ist. Wenig oder gar nichts wurde entdeckt, was auf die Route der Jsraeliten irgend welches Licht werfen dürfte, aber in vielen Dingen glich das Land auffallend der in der heiligen Schrift enthaltenen Beschreibung. 159 * Wie riesenhaft der Wasserdruck ist, gegen den das atlantische Kabel zu kämpfen hat, zeigt eine Thatsache, die noch nicht viel bekannt sein dürfte. Wenn ein Schiff auf der Fahrt nach Amerika die großen Tiefen erreicht hat, wird dem Reisenden jetzt gewöhnlich folgender interessante Versuch gezeigt: Eine Flasche Champagner, die vollkommen unberührt und verschlossen ist, wird mit dem Senkblei so tief wie möglich hinabgelassen, und nach einigen — vielleicht zehn Minuten — wieder heraufgezogen. — Statt des Champagners findet man jetzt beim Auflösen des Drahtes und Oeffncn deS Korkes eitel Meerwafser, trotzdem der Flaschcnverschluß vollkommen unversehrt war. Der starke Druck der über der Flasche lastenden Wassersäule hat nämlich das schwerere Meer- wasser durch die Poren des Korkes und des Glases hineingepreßt, während der leichtere, moussirende Wein herausgedrückt wurde. * (Das Cochenille-Insekt.) Das bedeutendste Produkt der kanarischen Inseln ist gegenwärtig Cochenille, deren Umsatz in den letzten Jahren beträchtliche Dimensionen angenommen hat. Die Mutter oder die wackres der Insekten setzt man auf die Cactuspflanze, die überall auf den Inseln wächst, und bald ist das stachelige Gewächs über und über mit jungen Insekten bedeckt. Nach einiger Zeit sammelt man die wackres in Beuteln wieder ein, — und läßt die junge Nachkommenschaft zur Reife gelangen. Während man einen kleinen Theil zur Bevölkerung anderer Pflanzen zurück- behält, wird der größere Theil von Frauen in männlicher Tracht und mit Handschuhen bekleidet, um die Hände gegen die Stacheln des Cactus zu schützen, aufgelesen und in Säcken nach England und Marseilles versandt, wo das Pfund 3 Schillinge und darüber realisiert. Obwohl ziemlich südlich gelegen, — sind die kanarischen Inseln wegen ihres köstlichen Klima's und aus dem Umstände, daß heftiger Regen, der die Insekten von den Pflanzen wegspülen würde, — sehr selten vorkommt, — vorzüglich für die Cultur der Cochenille geeignet. Beruhigung. Klage nicht den Weltlauf an! Wer dich führt, weiß mehr, als du; Alles kömmt, das Wo und Wann Anders, als der Mensch ersann, Höh're Weisheit mißt ihm's zu. So, in deiner frommen Brust Wahre dir zufried'nen Sinn, Und du trabst durch's Leben hin Wie das Füll'n der Eselin, Dem sein Mühlsack eine Lust. Kämpft die Jugend oft mit Noth: So geprüft, erstarkt der Mann Und der Greis kömmt doch zu Brod Leider freilich meist erst dann, Wenn er's nicht mehr beißen kann. Deinem Streben, echt und rein, Naht dann auch der Kranz fürwahr, Wenn nicht schon auf braunem Haar, Wenn nicht auf den Scheitel baar, Sicher auf dem Leichenstein! So dir Gott ein Auge nahm, Sprich: es könnten Beide sein! Und erlischt des andern Schein Sprich' nur zu, es bleibt nicht aus — Das Verdienst kömmt stets zu Ehr'. Lebt der Edle dann nicht mehr. Nun, mit Gott, ergib dich d'rein, Freu' dich, daß du nicht auch lahm. Schickt den Säckel man umher, Schmückt des Dulders letztes Haus. Sei dein Spruch: wie'S Gott gefällt! Weltschmerzklagen sind wir satt! Alles, Freund, ist wohlbestellt, Dies ist doch die beste Welt Weil man keine schlecht'» hat. 160 Neue Sprachlehre. Ein hessischer Bauer, der das Wort annectiren oft hörte und sich doch gcnirte zu fragen, was das Wort bedeute, kam nach längerem Nachdenken auf die richtige Fährte. Er leitete es von „abackern" (von des Nächsten Acker) und „anackern" (an den eigenen Acker) ab, und fand, daß diese Bedeutung stets paßte, wo das Wort annectiren gebraucht wurde. Ueber die Zündstreichhölzchcn machtO. Ulein der von ihm und K. Müller redigirte» „Natur", 1869, Nr. 3, folgende Mittheilung: Man berechnet, daß in Frankreich 6, in England 8, in Belgien 9 Streichzüudhölzchen pro Kopf und Tag verbraucht, und in dem rauchenden Deutschland dürfte die Zahl leicht noch größer sein. Nehmen wir indeß nur die kleinste Zahl als Durchschnitt an, so erhalten wir doch für ganz Europa einen täglichen Verbrauch von 2 Millarden, und diese repräscntircn mindestens 400,000 Pfd. Holz. Der jährliche Verbrauch würde also etwa 145 Millionen Pfd. Holz betragen. Von den leichten Holzarten (Espe und Pappel), die gewöhnlich dazu verwendet werden, wiegt der Cubikfnß nicht mehr als etwa 15 Pfd. Demnach würden in Europa allein jährlich gegen >0 Millionen Cubikfnß oder 90,000 Klafter Holz in den so wenig geachteten Zündhölzern vernichtet werden. Rechnen wir dazu den Verbrauch an Phosphor, der ungefähr 420,000 Pfd. jährlich beträgt, und den Lohn der Arbei ter, deren Zahl man auf 30,000 schätzt, so ergibt sich ein Gesammtwerth der jährlichen Zündholzfabrikation in Europa von mindestens 65 Millionen Thalern." (Wie deutsche Frauen sein sollen.) I'aier ^di-adm» L-mota Olar» sagte einst: „Ein gutes Eheweib sollte sein wie drei Dinge und auch wiederum nicht wie drei Dinge. Sie sollte sein wie eine Schnecke, die immer in ihrem Hause ist; und auch nicht wie eine Schnecke, die ihr ganzes Hab und Gut auf dem Leibe trägt. Sie sollte sein wie das Echo, das nur spricht, wenn von ihm gesprochen wird, und auch nicht wie das Echo, das immer das letzte Wort haben muß. Sie sollte sein wie eine Stadtuhr, immer die rechte Zeit haltend, und auch nicht wie eine Stadtuhr, die immer im ganzen Orte gehört wird." Dem alten Dichter Grillparzer in Wien versicherten Schmeichler: „Sie müssen auch Ihr Standbild bekommen!" Lachend antwortete er: „Darm setzt mich nur auf ein Pferd; denn auf die Unsterblichkeit würde ich so lange warten müssen, daß ich's'auf meinen Füßen nicht würde aushalten können!,, Ein mehrfach bestrafter Dieb fand eine Brieftasche mit Geld und behielt sie, weswegen er in Anklagezustand versetzt wurde. Auf die Frage des Richters, ob er die Aufforderungen zur Ablieferung in den Zeitungen nicht geleseu hätte, antwortete er: „O ja, aber ich habe sie nicht beachtet, weil sie alle an den ehrlichen Finder erlassen waren." Charade. Auf des Berges Gipfel hebt sich Moosbewachsen und verfallen Die Ruine. Hörner schallen Mir im Geist,' das Bild belebt sich. Meine Ersten, hoch zu Roß, Seh' ich aus dem Burgthor rücken, Wie die Zweite tief sie drücken In die Weichen! Doch der Troß, Meiner Phantasie Gebilde, Ist mit einemmal entschwunden, Und ich hab' in dem Gefilde Nur mein Ganzes noch gesunden. Druck, Berlag und Redaction des Literarischen Instituts uon Or. M. Huttlcr.