IVro. 21. 23. Mai 1869. Augsburaer Augsburaer Wirf, du Erdensobn, deinen Anker nickt in die Tiefe des Erdenschlammes, sondern in die Höhe des Himmelsblaues vnd dein Schiffiein wird fest ankern im Sturm. Jean Paul. Die Entsagenden. (Schluß) Der vcrhängnißvolle Tag war erschienen; zur großen Enttäuschung der aristokratischen Kreise der Residenz und der umwohnenden Gutsnachbarn hatte keine Einladung zur Trauungs-Feicr stattgefunden, die — wie man wußte — in der Kapelle des Schlosses Duroy vor sich gehen sollte. Nie war indessen die Chaussee, die vom Hause des Direktors nach dem Gute führte, von Equipagen und Spaziergängern so belebt gewesen, als es heute der Fall war, und mit fast zudringlicher Neugier umdrängte man die fest verschlossene Kutsche, die vor dem Hause der Braut hielt. Jetzt öffnete sich die Thür und geführt von ihrem Oheim erschien Angelika in einem einfachen Brautkleidc von weißer Seide; aber das Antlitz mit einem fast undurchdringlichen Schleier bedeckt, so daß es unmöglich war, auch nur den kleinsten Zug desselben zu erspähen. Hastig stieg sie in den Wagen, ohne einen Blick auf die Menge zu werfen, die das Auge des Direktors mit dem Ausdruck des Zornes streifte. Ueberhaupt erschien der alte Herr bleich und aufgeregt, wie Einer, der mit sich selbst nicht zufrieden ist. Der Wagen flog davon. Beide, Oheim und Nichte, wechselten kein Wort zusammen. Angelika schlug den Schleier zurück, ihr Antlitz war bleich, aber vollkommen ruhig. „Sie scheinen nicht wohl, lieber Oheim," begann sie nach einer Weile, „ich finde Sie diesen Morgen angegriffen." „Du hast Recht," erwiederte der Direktor. „Ich habe die ganze Nacht schlaflos zugebracht; erst gegen Morgen schlummerte ich ein und hatte einen Traum, o >— einen Traum! Sprechen wir nicht mehr davon," brach er kurz ab, sich in die Kiffen des Wagens zurücklehnend. Aber gleich darauf war er es selbst, der wieder das Wort nahm. „Hast Du Nachrichten von Deiner Cousine?" — fragte er, „muß der Teufel der Eifersucht Dich Plagen und das Mädchen entfernen, ich hätte Dich für vernünftiger gehalten." Der Anfing eines Lächelns überflog die feinen Züge der Braut. „Waren Sie es nicht selbst, lieber Oheim," fragte sie, „der mich warnte, ein junges schönes Mädchen täglich unter die Augen eines jugendlichen feurigen Gatten zu bringen." „Wohl, aber dennoch vermisse ich sie schwer. Es ist das erste Mal, seit ich Leonore verloren, daß ein Mädchen mein ganzes Herz für sich gewann. Wahrlich, zählte ich dreißig Jahre weniger — " „So würden Sie meiner Cousine Ihre Hand angeboten haben," setzte Angelika die Rede fort. „Aber auch jetzt Hütte es ein Mittel gegeben, des Umgangs des jungen Mädchens, das Ihnen so sehr gefällt, nicht zu entbehren." Der Direktor horchte auf. Sein Antlitz nahm den Ausdruck der Spannung an. „Und dieses Mittel?" fragte er. „Angelika liebt meinen Rudolph, und diese Neigung ist nicht ohne Erwiederung 162 von seiner Seite, wenn mich nicht Alles täuscht;" erwiederte Angelika. „Warum brachten Sie nicht Ihren Groll gegen den Varon Leopold — Ihrer Zuneigung zu meiner Cousine zum Opfer und bewirkten die Verbindung Rudolph'S mit Angelika, die nicht wider die Natur, wie die meine." Der Gerichts - Direktor fuhr empor. „Mädchen," rief er, „wer gab Dir diesen Gedanken ein? Aber nein, nein!" — uullrbrach er sich, „ich muß vollenden, was ich begann und überdicß wirkte ich ja auch für Dein Glück, denn Du liebst ja Nndolph." Angelika schwieg; sie faltete wie betend die Hände, und ihr Auge blickte sinnend zum blauen Himmel empor. Auch der Direktor saß stumm in die Ecke des Wagens zurückgelehnt, düstere Gedanken beschatteten seine Stirn, und unbemerkt entfuhren seinen Lippen einzelne abgerissene Sylben. Endlich war das Gut erreicht. Am Eingänge desselben empfing Nndolph seine Braut, die den Schleier auf's Neue über ihr Antlitz gedeckt hatte, und vom Direktor gefolgt, die Freitreppe herauf in den Empfangssaal schritt, wo der Varon Leopold die Gäste erwartete. Die beiden alten Herren wechselten kein Wort zusammen; ein Jeder vermied den Blicken des Andern zu begegnen, und sichtlich erfreut athmeten Beide auf, als die Glocke des kleinen Thurmes der Kapelle mit feierlichem Schall verkündete, daß Alles zur Ceremonie der Trauung bereit sei. Der Direktor erhob sich. „Baron Leopold von Duroy," sagte er mit einer Stimme, der er sich bemühte, Härte zu geben. „Sie kennen die Bedingungen unseres Vertrages, sobald die Trauung meiner Nichte mit Ihrem Sohne beendet, und jenes verhängnißvollc Dokument aus meinem Besitze verschwunden, bin ich Herr auf diesem Gute, kraft der Schuldfordcruiig, die ich rechtlich zu beanspruchen habe. Ich habe bereits Befehl gegeben, den Plan zu einem prächtigen Mausoleum zu entwerfen, dort soll der Leichnam einer Unglücklichen ruhen, als Sühnopfer, — was ein Elender an ihr verbrach. Haben Sie bereits ein anderes Asyl gewählt, Herr Baron?" „Der Herr Baron wird im Hause seiner Schwiegertochter zu jeder Zeit ein willkommener Gast sein," erwiederte Angelika, statt des Gefragten. „Das heißt, der Herr Baron wird das Gnadenbrod einer Fremden essen," siel der Direktor ein; „der Herr Baron —" „Halten Sie ein, mein Herr," rief Nndolph, „fügen Sie Ihrer That nicht noch bitteren Hohn hinzu. Die Zukunft meines Vaters überlassen Sie meiner Fürsorge " Baron Leopold trat dicht an seinen ehemaligen Jugendfreund heran. „Herr Direktor/' — sagte er halblaut, „Sie greifen in das Amt des höchsten Richters. Wahr ist's, ich habe schwer gefehlt gegen Leonorcn, ich habe Ihr eigenes Leben trübe und freudenleer gestaltet, aber glauben Sie mir, Ihre Rache würde gestillt sein, wüßten Sie, was ich seit diesen Wochen gelitten habe, wie nichts mir willkommener sein würde, als der Tod. Sie treten vor mich hin, als Vertreter der irdischen Justiz, um Ihren Privatgroll zu befriedigen; man verdammt einen Fälscher zum Zuchthause, aber nicht zu einer ewigen Folterqual des Herzens und Gewissens, der selbst ein Titan unterliegen würde. Dennoch beuge ich mich vor Ihrer Macht, um des Namens willen, den unbefleckt von Schuld vor den Augen der Menschen meinem Sohne zu überlasscu mir über Alles geht. Sie treten vor mich hin als Ihr eigener Richter; sei es, — Sie finden mich zu den schwersten Opfern bereit, meine Heimat in meinen letzten Tagen zu verlassen. Aber der Rächer Leonorens, das sind Sie nicht, Herr Direktor! Was meine Neue, meine Buße bis jetzt nicht sühnte, das vergibt mir ihre Liebe — denn Leonorens Herz konnte nicht fluchen, es konnte nicht hassen, nur vergeben. Hüten Sie sich, daß nicht einst am Throne Gottes Leonore als zürnender Engel vor Sie Hintritt, der unbefugt eine Rache übernahm, die sie verabscheut; denn der Tod versöhnt und vergibt — Haß und Fluch kennt nur das Leben!" Der Baron schwieg, seine Stimme war allmählig fest und erhebend geworden, und leuchtenden AugcS blickte er auf den Direktor, der stumm und in sich versunken dasaß. „Sie machen mir Vorwürfe, weil ich gütig aus Schwäche gegen Sie war," — erwiderte er endlich leise. „Wohl noch ist jener Weg in meinem Besitz, der Ihnen die Pforten des Zuchthauses öffnet, noch kann ich Ihren Namen brandmarken mit dem Stempel des Verbrechens. Daß ich es nicht that, geschah aus Rücksicht für die Verbindung, die einst zwischen Uns gewaltet, aus Rücksicht für Angelika, die mich beschwor, milde gegen Sie zu verfahren." „Glauben Sie nicht," — fuhr er fort, „daß meine Strenge gegen Sie aus selbstsüchtigen Motiven entspringt, vielleicht nehme ich nicht die Stellung ein, die ich heute bekleide, wäre mein Leben um so viele Erfahrungen ärmer geblieben, aber zu Leonorens Rächer berief mich die Stimme der Gerechtigkeit, die Stimme der Natur, und indem ich mich der Verlassenen ihrem Verführer gegenüber annahm, glaubte ich ein heiliges Vermächtniß zu erfüllen." „Und doch täuschten Sie sich," rief der Baron glühend. „Leonore vergab mir, und aus ihrem eigenen Munde verkündete mir ihr Geist, der mir im Traume diese Nacht erschien, daß meine Schuld gegen sie ein Ende nahm an den Pforten der Ewigkeit." „Leonore erschien Ihnen?" — rief der Direktor aufgeregt. „Ich will es Ihnen glauben, aber dennoch kann, — dennoch will ich nicht mehr zurück; auf mich allein ruht die Verantwortung hier und jenseits! Wissen Sie denn, auch zu mir trat ihr Bild in dieser Nacht, schön und rührend wie immer, aber das Auge mit finsterem Ausdruck auf mich geheftet. Ich fühlte mein Blut erstarren vor diesem geisterhaften Blick, dennoch sank ich zu ihren Füßen; ich fühlte mich wieder jung und leidenschaftlich wie einst. — Leonore, rief ich, bist du mit mir zufrieden? Aber sie stieß mich zurück und wies hinter sich mit der Miene des Zornes. Da sah ich meine Nichte an der Hand Nudolphs, und hinter ihnen den Priester, der über sie den Segen sprach. Wehe, flüsterte der Geist, da du die Rache einer Todten übernahmst, handeltest du wider die Natur, wider die Natur- ist das Bündniß, das du knüpftest, darum bist du gerichtet wider die Natur — lebend sollst du mir folgen in's kühle Grab, und dein mich nennen tief unten, wo Keiner uns stört. Und sie trat auf mich zu, der ich zitierte, und ihr Antlitz ward zur Tvdtenlarve, ihre eisigen Finger drückten die meinen; laut schrie ich auf, ich wollte zum Altar eilen, dich hinwcgrcißen, Angelika, von den Stufen des AltarS; zu spät — der Segen des Priesters hatte euch unauflöslich verbunden; da flehte ich um Gnade, denn immer enger wurden die Umarmungen des Geistes. Gnade! schallte es in mein Ohr; nur wenn der Himmel Wunder thut, bist du begnadigt. Ich warf mich nieder an den Stufen des Altares. Das Brautpaar schritt herab, aber sieh, die Todeskälte verschwand, die mich beängstigt hatte. Der Druck des Geistes ward milder; ein Lächeln des Himmels wandelte die Tödtenmaske Leonorens in ein Engelsantlitz um, denn die Braut an der Seite Nudolphs war,nicht meine Nichte mehr, es war — aber Possen," unterbrach er sich — „ein Traum ist eine Blase, die die erhitzte Phantasie im Blute aufwirbelt. Ich will vollenden, was ich begann. Der Pfarrer besitzt das Kästchen bereits, sobald die Trauung vorüber, magst du es deinem Gatten übergeben " Bei diesen Worten schritt er der Gesellschaft voran. Angelika ließ ihren Schleier fallen, und folgte festen Schrittes am Arm Nudolphs und des Baron Leopold. Bald war das Gotteshaus erreicht; eine trauliche Dämmerung herrschte in dem kleinen Raum. Die Strahlen der Sonne brachen sich mit magischem Lichte durch die dunkelrothcn Scheiben der hohen Bogenfenster des Altares, au dMtzjhcr alte Pfarrer im Ornat stand, des Brautpaares harrend. Auf dem Altartischch^n v^-ind sich ein kleines Kästchen, — auf das die Blicke des Baron Leopold mit dem AuSNrnck des Verlangens ruhten, denn er wußte, welchen für ihn unschätzbaren Inhalt dasselbe enthielt. > Die Fassung des Brautpaares schien allmählig zu schwinden. Wie der Schritt 164 Angelika's allmählig unsicherer und langsam ward, so überfiel auch Rudolph ein unwjll- kührliches Zittern, als er jetzt am Altar den nächsten Augenblick über seine ganze Zukunft ? entscheiden lassen sollte. > „Wollen Sie nicht den Schleier entfernen?" fragte der Geistliche die Braut. „Nicht verhüllten Antlitzes sollte man an den Tisch des Herrn treten." ! „Das Auge des Ewigen liest nicht in den Mienen, sondern in den Herzen der l Menschen," erwiederte Angelika, „lassen Sie mir den Schleier, — ich fühle mich so der ' Außenwelt mehr entrückt, zu den Betrachtungen vorbereitet, die diese ernste Stunde in mir erweckt." „Und noch Eines," fuhr sie fort, „gönnen Sie mir noch einige Augenblicke Frist, ehe die Ceremonie beginnt; es drängt mich, allein und in der Stille mein ganzes Herz in einem brünstigen Gebete zu entlasten; in wenig Augenblicken bin ich wieder an dieser Stätte." Mit diesen Worten erhob sie sich und trat in die dicht am Altar gelegene Sakristei, deren Thür sie hinter sich verschloß. Eine Stille entstand unter den Zurückbleibenden; Baron Rudolph fühlte sein Herz j fast hörbar pochen, während der Direktor unruhig im Hintergründe der Kapelle auf- und ^ niederschritt. Endlich öffnete sich die Thür der Sakristei und die Braut erschien auf der Schwelle. Noch immer verhüllte der undurchdringliche Schleier ihr Antlitz. Ein Zittern befiel sie, als Rudolph ihr seine Hand reichte, und mit fast tonloser Stimme hauchte sie ihr „Ja" — als der Priester die Frage an sie richtete: Ob sie, Angelika Fleischer, den Baron Rudolph von Durvy als Gemahl anerkenne? Bis dahin hatte der Blick des Bräutigams mit dem Ausdruck der Furcht die dichten Falten des Schleiers zu durchbohren gesucht; jetzt aber zuckte er zusammen, eine unaussprechliche Freude malte sich in seinen Blicken und mit fester Stimme sprach auch er das bindende „Ja." Die Trauung war vollendet, der Priester nahm das Kästchen vom Altartisch und überreichte es der Braut. „Nach dem Willen des anwesenden Herrn Gerichts-Direktors," sprach er, „übergebe ich Ihnen dieses Kästchen, um eine vor Gott gehörte heilige Verpflichtung einzulösen — möchte in seinem Inhalt der Segen des Ewigen ruhen!" Mit bebender Hand empfing die junge Gattin das Kästchen, mit bebender Hand reichte sie es Rudolph, der es nicht minder aufgeregt empfing. Hastig erbrach er es — und entnahm ihm ein Papier, das er seinem Vater wies. „Erkennen Sie dieses Papier als das rechte?" fragte er Baron Leopold. Der alte Herr nickte stumm; die tiefe Bewegung beraubte ihn der Sprache, er nahm das Papier und riß es in unzählige Stücke, als wolle er jede Spur seines Daseins vernichten. Dann breitete er seine Arme gegen das Ehepaar aus. „O, meine Kinder!" rief er, „wie soll ich Euch danken, was Ihr an mir gethan!" Aber ein Ausruf des Staunens entfuhr ihm — ein Ausruf des Glückes seinem Sohne, der Schleier war vom Antlitz der Neuvermählten entglitten, und dieses Antlitz ' war jung und blühend, wenn auch bie Bedeutung des Augenblicks es bleich gefärbt hatte — dies Antlitz gehörte der jüngeren Angelika — der einzigen Liebe Rudolphs. Der Direktor hatte sich hinzugedrängt, er glaubte seinen Augen nicht zu trauen. „Leonore!" rief er, „Du hast gerichtet, ein Wunder ist geschehen." Aber sogleich ermannte er sich. „Es gibt kein Wunder — betrogen bin ich, schändlich betrogen, diese Ehe ist ungültig, denn sie ist ein Gaukelspiel vor dem Auge Gottes!" ' „Ein GaukelsviZM wiederholte der Geistliche erstaunt — „großer Gott, ist diese Frau nicht AngetL^LMscher?" „Wohl ist sieMHKlika Fleischer," rief der Direktor, „der Name stimmt, aber nicht die Person. Ab?r, H Gott! — man soll mich nicht ungestraft verrathen haben — die Verbindung mit meiner Nichte muß stattfinden, und sollte ich die äußerste Gewalt —" Das Oeffnen der Sakristei - Thür unterbrach seine Worte und die ältere Angelika, noch im.kränklichen Gewände, erschien auf's Neue in der Kapelle. „Diese Verbindung ist unmöglich, Oheim," redete sie, „die Welt hat keinen Theil mehr an mir — denn in drei Tagen trete ich in das Frauenstift, — das sich an der Grenze unseres Landes befindet, hier ist die Akte meiner Aufnahme." Bei diesen Worten zog sie ein Pergament hervor und überreichte es dem Direktor, der es zu Boden fallen ließ, ohne es gelesen zu haben. „Oheim!" — fuhr sie fort, „nicht als Verrath legt aus, wozu Pflicht und Gefühl mich trieb. Wohl hatte Leonore Recht, als sie im Traum warnend vor Sie trat —> eine doppelte Blutschuld hätte Ihr Gewissen besteckt, wenn nicht ein gütiger Zufall mich gesandt hätte, sie zu verhindern. Verzweiflung gab dem Baron Leopold — hoffnungslose Leidenschaft Nudolph und Angelika die Todcswaffe in die Hand." „Großer Gott, Du redest Entsetzliches!" — rief der Direktor todtcnbleich. „Und so wahr der Ewige Uns hört — die Wahrheit! Betrachten Sie, was in dieser Stunde geschehen, als jenes Wunder — das Ihre Leonore Ihnen verheißen! — O seien Sie gewiß, der nagende Selbstvorwurf, — der sich in der Todtenlarve Ihres Traumes verkörperte, wird sich in die Ruhe, in die Heiterkeit Ihres Gewissens verwandeln, als deren Bild die sanften Züge der Verlorenen als Ihr guter Genius auf Ihrem Lebenswege leuchten werden. O glauben Sie mir, seinen Haß zu befriedigen, mag wohlthuend sein, aber schöner ist, ihn zu vergessen in dem Anblick der Glücklichen, die unsere Güte geschaffen. Wir Alle haben entsagt, Oheim! Jeder seinen Hoffnungen, — Jeder seinen Träumen; jetzt tragen auch Sie Ihr Theil hinzu, gewiß — es ist nicht das Kleinste — entsagen Sie Ihrer Rache!" Der Direktor schwankte, sein Auge blickte unverwandt auf die jüngere Angelika, die sich an die Brust Rudolphs lehnte. „Ja," — murmelte er vor sich hin, „so sah ich es im Traume. Leonore, Dein Wille geschehe!" „Sei es denn," — sagte er, „auch ich will entsagen; mag die Welt ihre Glossen machen, wir bedürfen ihrer nicht — ich will nicht ein Band trennen, das höhere Mächte gewoben. Baron Leopold," fuhr er fort, „von heute an sei jeder Groll vergessen. — Versöhnend schwebe der Geist Lconorens zwischen uns. Freilich, — die früheren Tage kehren nie zurück, ein Leben voller Bitterkeit liegt zwischen uns — aber, was wir Beide fehlten, versöhne das Andenken Levnorens." „Dank, tausend Dank, mein theuerster Oheim," rief Angelika, während der Baron Leopold weinend die Hand seines Jugendfreundes ergriff, „o ich wußte, dieser Schritt, der äußerste, den ich that, nach Thränen und Gebet — er durste nicht umsonst sein — denn Gott selber wies ihn mir!" Nudolph eilte zu ihr. „Angelika," sagte er tief bewegt, „ich vermag Ihnen nicht zu danken, Ihnen — unserem heiligen, unserem guten Engel. Nur noch eine Bitte habe ich an Sie, verlassen Sie uns nicht, bleiben Sie bei uns, — den Samen des Glückes aufgehen zu sehen, den Ihre Hand gestreut." Angelika lächelte schmerzlich. „Niemals," erwiederte sie, „nichts ist schmerzlicher, als der Gedanke an ein verlorenes Glück." „Ihr Vorwurf schneidet tief in meine Seele," erwiederte Nudolph, — „wir Alle entsagten und wurden glücklich, und Sie —" „Auch ich bin es, da ich Euch zufrieden weiß," unterbrach ihn Angelika. „Ich bedarf nichts mehr auf dieser Welt. Euer sei, was ich besitze, ich gebe es Euch — mit meinem besten Segen. Und wenn Ihr so recht von Herzen glücklich seid, und die überwallende Brust sich nach Mittheilung sehnt, o dann denket daran, daß draußen in der stillen Einsamkeit ein Herz für Euch betet, ein Herz bereit ist, Theil an Eurer Freude zu nehmen. O glaubet mir, der Stachel des Augenblicks wird aus meiner Seele 166 schwinden, klar und reinen Herzens werde ich einst auf die Vergangenheit zurückschallen,, und vielleicht freudiger, als Ihr — denn Ihr entsagtet und seid glücklich; ich entsagte,' und habe Glückliche gemacht. Dies Bewußtsein folgt mir und wird mir vorangehen bis an die Pforte der Ewigkeit, wo wir uns Alle — Alle wiedersehen und ein Band uns verbindet im Schooße der Seligkeit." „Amen!" tönte feierlich die Stimme des Priesters am Altare, und wie zum Segen hob er die Hände über die Entsagende empor, die Rudolph und Angelika in ihre Arme schloß. Der internationale Eongreß für Pflege der im Felde verwundeten nnd erkrankten Krieger hat vom 22. bis 27. April in Berlin getagt. Der diesmalige Congreß bestand aus 64 Vertretern von Regierungen und Vereinen. Von Regierungen waren amtlich vertreten: England, Rußland, Oesterreich, Italien, Belgien, Niederlande, die Pforte, Schweden, die Schweiz, Preußen, Sachsen, Bayern, Württemberg, Baden, Hessen, Mecklenburg, Oldenburg, Hamburg, Bremen und Lübeck. Die Aufgaben und Berathungen des gegenwärtigen Congresscs bezogen sich vornehmlich auf drei Hauptpunkte: 1) die Formen der Vereinsthätigkeit im Landkriege; 2) die freiwillige Hilfe im Seekriege; 3) die Friedensthätigkeit der Hilfsvcreine. Außerdem wurde vom Congrefse ein Antrag folgenden wichtigen Inhalts angenommen: „Die internationale Confcrenz beschließt, die der Genfer Convention beigetretenen Regierungen zu ersuchen, nachstehende Vereinbarung zu treffen: Im Falle eines Krieges stellen die am Kriege nicht betheiligten Mächte diejenigen Militärärzte ihrer Armee, welche ohne Benachteiligung ihres Friedeusdienstes entbehrt werden können, zur Verfügung der kriegführenden Parteien, um dieselben zu dem Dienste der Verwundeten in den Kriegslazarethen zu verwenden. Die Entsendung der für diesen Zweck kommandirten Aerzte erfolgt unmittelbar nach erfolgtcr Kriegserklärung. Die für diesen Zweck kommandirten Militärärzte treten unter den Befehl des Armeearztes derjenigen kriegführenden Macht, welcher sie zugetheilt sind."—Angesichts der Erfindungen, welche zur Zerstörung von Menschenleben in großartigstem Style gemacht worden sind, sind die Bestrebungen, von dem Zerstörten noch zu retten, was zu retten ist, gewiß sehr lobenswerth. Allein beim Blick auf die Schlachtfelder, denen die Thätigkeit des Con- grcsses gewidmet ist, geht selbst dem bekannten Berliner Witzblatt der Humor aus. Mit einem Ernste, der der Sache vollkommen angemessen ist, ermähnt es: Nicht, wie man Wunden heile, Ist die große Zukunftsfrage, Sondern wie es anzufangen, Daß man keine Wunden schlage. Nicht, wie man die wunden Krieger Und wie man die Todten bette, Sondern wie man tilg' auf ewig Wilder Schlachten Schädelstätte. Nicht, wie brüderlich im Grabe Freund und Feind vereinigt werden, Sondern wie man alle Völker Schon verbrüdere hier auf Erden. Wollten Solches doch beherzigen Auch die Mächtigen unserer Tage: „Sorgt nicht, wie man Wunden heile, Sorgt nur, daß man keine schlage!" 167 Die Pacific-Bah» oder * Das „Sän Francisko Bulletin" Fahrpreise auf der „Pacific - Eisenbahn" Gold, wie folgt: eine Reise um die halbe Welt. berechnet nach den jetzt geltenden Tarifsätzen die und zwar für ein Durchbillet erster Classe in Von New-Aork nach Chicago . Von Chicago nach Omaha Von Omaha nach Salt Lake . Von Salt Lake nach Sän Francisko Meilen. Fahrpreis. 960 18 Doll. 75 c. 496 17 „ 53 „ 1070 40 „ 13 775 77 „ 50 3299 153 „ 91 Summa Hieraus ist ersichtlich, daß auf der „Central-Pacific-Bahn" für kaum den vierten Theil der Gesammt-Entfernung mehr als die Hälfte des Gesammt - Fahrpreises zu entrichten, und zwar nach dem Tarifsatz von 10 c. Gold gegen 5 c. Papier auf der Union- Pacific-Eisenbahn, sobald jedoch der Durchverkehr hergestellt sein wird, dürfte es erstere Compagnie in ihrem Interesse finden, die Rate auf mindestens 5 c. Gold per Meile herabzusetzen, so daß sich der Fahrpreis auf der Central-Pacific-Eiscubahn auf 38 Doll. 75 c., und der Preis eines Durch-Billets erster Classe auf 115 Doll. 26 c. reducircn würde. Bei einer Fahrt von 6 bis 8 Tagen und Vcrpflegungskostcn von circa 3 Dollar Gold per Tag würden sich die Kosten einer ununterbrochenen Reise von New-Hark nach Sän Francisco auf circa 150 Dollar Gold stellen; es ist sehr wahrscheinlich, daß den Durchzögen Restaurations-Waggons beigefügt werden, so daß die Tour mit vcrhältniß- mäßigcm Comfort bei Tage und bei Nacht (sclbverständlich in „Pulmann's Silvcr Palace" Schlaf-Waggons) gemacht werden kann. Wenn auch nicht in „zweimal zwölf Stunden," wie der kluge Schäfer des Abtes von St. Gallen dem Kaiser zur Antwort gab, so gehört nach Beendigung der Pacific-Bahn und des Sucz-Canals eine Reise um die Welt in „zweimal zwölf Wochen" nicht mehr in'S Reich der Unmöglichkeit. (Die Atlantic-Pacificbahn-Verbindung.) Es ist wohl nicht ganz verfrüht zu nennen, wenn das „Toledo Blade" den künftigen California-Reisenden bereits eine Zeit- und Mcilcntafel ausgearbeitet hat, in welcher mit Abzug der Zeit, die für unvermeidliche „Accidents", Lawincnvcrschüttungen und Ausgrabungen hinzukommen mag, die Dauer der Fahrt in den nachfolgenden Abtheilungen, sowie die Meilen - Distanzen der wichtigsten Stationen angegeben sind. New-Nork nach Chicago, Jll. .... 911 Meilen 36>/2 Stunden. Chicago nach Omaha, Nebraska 491 l, 24-/2 Omaha nach Bryan. 858 k, 43 ,/ Bryan nach Ogden, Utah. 233 l, 10'/-2 l, Ogden nach Elko, Ncvada, via Central-Pacific-Nailroad 278 „ 12-/2 Elko nach Sacramento, Cal., via ditto 465 31 Sacramento nach Sau Franzisko, via Western ditto 117 3'/2 „ Total 3353 f, 161-/2 „ Danach ist die Gesammt-Entfernung der beiden Metropolen 3353 Meilen in sechs Tagen 171/2 Stunden scheinbarer, oder nach Abzug von 31/2 Stunden, welche durch die Bewegung von Osten nach Westen verloren gehen, in 6 Tagen 14 Stunden geographischer Zeit zurückzulegen. In Sän Francisco schließen die verschiedenen Postdampfcr-Linicn des Pacific-Occans direct an und treffen in Honolulu nach 9 Tagen von Sän Francisco ein, so daß man 151/2 Tage von New-Uork aus braucht; nach Japan 19 Tage von Sän Francisco oder 251/2 Tage von New-Nork aus, von Großbritannien aus 33 bis 34 Tage, d. h. 3 bis 4 Wochen weniger als mit der britischen Post durch den Suez-Canal. Die australische ^ 168 Post wird später, wie man glaubt, auch über Sau Francisco gehen, wodurch eine regelmäßige monatliche Postverbindung mit Australien mit 34 bis 35 Tagen Befördcrungs- Zeit ermöglicht wird. ES ist bestimmt im hohen Rath, Daß man von Allem, was man hat, Gibt Steuern. Du zahlst von jedem Gegenstand Ein Pflichtteil deinem Vaterland, Dem theuern. Ermunterung. Thcilnehmend Prüft er den Besitz, Ob Schulden dich und Deficits Belasten — Darum verschweig' ihm keine Last, Und sag' ihm deutlich, was Du hast Im Kasten. Du ißt und trinkst ein Gläschen Wein, Du rauchst in Deinem Kämmerlein, So einsam. Es steht der Staat an Deiner Thür Und ißt und trinkt und raucht mit Dir Gemeinsam. Vom Geld und Gold, von Schaf und Schwein, Von Spiritus, von Bier und Wein, Vom Brode, Von Seid' und Zwirn, von Knopf und Band Gib dem geliebten Vaterland 'ne Quote. Er kommt gefälligst in Dein Haus, Zählt freundlich die Familie aus Nach Köpfen, Um zu dem Heil für Secl' und Leib Kind, Kutscher, Köchin, Mann und Weib Zu schröpfen. Der Staat, er braucht es nicht zum Staat, Wenn er den Steucrapparat Läßt rollen! Drum sollst Du, wenn er, was ihm taugt, Mit Gier in alle Poren saugt, Nicht grollen. Drum klage nicht und zage nicht. Und drückt der Steuern Vollgewicht Auch bleiern, Als Deutscher denke früh und spat, Daß wir auf einen großen Staat Los — steuern! Berlin. (Aus Glasbrenners Montztg.) Miseellen. * Vor dem Liverpooler Polizeigericht stand kürzlich ein Individuum, des Selbstmord-Versuchs angeklagt. Ein Policemann hatte ihn in dem Augenblick attrapirt, als er sich aufknüpfen wollte. Er wurde in Folge seiner Erklärung, daß er naß geworden sei, und „sich zum Trocknen habe aufhängen wollen," frei gesprochen. * (War das Schnupfen Sitte, ehe Schnupftabak existirte?) Das „Athenäum" glaubt diese Frage bejahen zu können, da Cotgrave in seinem Cvnversations- Lexikon bemerkt, daß „Nicßpulver" aus Nießwurz fabrizirt, schon in 1611 ein bekannter Artikel war. Weder die erste noch die zweite Auflage des genannten Lexikons erwähnt des französischen Wortes tobue oder tabue. Auflösung der Charade in Nr. 20: „Rittersporn." Druck, Verlag und Redaction des Literarischcn Instituts von 11r. M. Huttler.