Nno. 22. 30. Mai 1869. Augsburger Wie oft macht nicht der Anblick von den Mitteln Zu bösen Thaten — böse Thaten thun. Shakespeare, König Johann IV. Sd. 2. Aus der Jagd. Erzählung von Hub! ch t. Erstes Kapitel. Der einzige Sohn. Es war still, ganz still in der Hütte, wie draußen in der freien, schönen Gottes» natur, die ordentlich nach dem vorangegangenen heftigen Gewitter recht tief und friedlich Athem holte. Der Mond stand am Himmel und warf sein flüssiges Silber über den nahen Wald, daß eS wie ein blitzendes Perlenmecr durch die dunklen Zweige sickerte, und der krystall- klare Himmel schmiegte sich anmuthig an die von Thauwolken umsäumte Erde. Licht und Friede lag da draußen, Himmelslächcln in jedem Athemzug und das Herz, das in dieses wunderbare Gottesschweigen hinausgetreten, wäre friedensstill geworden, wie ein schluchzendes Kind, das die Mutter an ihren Busen nimmt. Drinnen in der Hütte war es auch still, aber eine Stille, wie sie einem fürchterlichen Unwetter drohend vorangeht, denn dort rang ein junges blühendes Leben mit dem Tode, und das schwache, kaum noch flackernde. Lebens-Lämpchen drohte jeden Augenblick zu verlöschen. Es war ein langer, blasser Mensch, der dort mit dem Tode kämpfte, und ein Bild des Jammers und tiefsten Elends lag er auf sciuem Lager von Stroh, während neben ihm eine herkulische Greisen-Gestalt kniete und schweigend Verbünde, bald am Kopfe, — bald an den Füßen auflegte, und sich nichts in dem Zimmer rührte, als der Pcndelschlag der alten Schwarzwälder - Uhr, die dem dort liegenden Kranken die letzten Stunde« zuzuzählen schien. „Ach, wie das hämmert und bohrt!" jammerte der Kranke; „ich halt'S nicht mehr aus; schaff' mir die Uhr aus der Stube, die bringt mich sonst um." Der alte Mann stieg auf einen Stuhl und brachte mit einem einzigen Griff das Räderwerk zum Stehen. Es war nun ganz still in der Stube, — nur im Kopfe des Unglücklichen hämmerte es noch immer fort, und nach einer Weile klagte er wieder: „Ich glaubt', es wär' die Uhr, aber es hört nicht auf. Vater! es klopft gewiß Jemand an den Laden und läßt mich nicht schlafen." Der Alte blickte mitleidig auf den Leidenden und öffnete, um ihm zu willfahren, den Laden. Das Mondlicht floß in vollen, breiten Strömen herein und gerade auf das Gesicht des Kranken, das davon noch bleicher und todtenblasser wurde, und kaum noch iu den weißen, kalten Zügen Leben verrieth. Der arme Mensch wendete die Augen nach dem plötzlich hincindringendcn Licht; er wollte den Kopf etwas erheben, um die ganze volle Scheibe des Mondes zu erblicken, sank aber bei der leisesten Bewegung wimmernd wieder auf sein Lager zurück. Der Alte legte jetzt einen neuen Verband um den Kopf des Kranken, der dabei vor Schmerz laut aufschrie und dann leise fortwimmcrle, und doch verrichtete der alte Mann 170 "scm trauriges Gcschäfl mit einer Sorgfalt und Schonung, als ob seine groben, derbe» Hände stets nur auf den Tod Liegende gehegt und gepflegt hätten. Ein Paar starke Schrotkörner mußten von hinten in den Kopf des jungen Menschen eingedrungen sein, denn hinter dem Ohre tröpfelte aus einigen Wunden noch immer Blut, so oft sie auch der alte Mann mit kaltem Wasser ausgewaschen hatte. Es waren Wunden, die den Tod brachten, und schon umflorte sich das Auge des Leidenden, und der Tod wob seine finsteren Netze um dies arme, wunde Haupt. . . . Aber nicht nur der Kopf, auch die Füße des Unglücklichen waren jämmerlich zerschossen und dort schien eine volle Ladung sich tückisch eingewühlt und sie völlig zerschmettert zu haben, so daß sie ihn für immer zum Krüppel gemacht, wenn ihm nicht die Wunden am Kopfe bald, gar bald Erlösung versprochen hätten. Es waren keine Füße mehr, nur zerfetztes, verstümmeltes Menschengebein, dessen Anblick das Blut im Herzen mußte stocken machen. Abex die Hand des Alten zitterte nicht, wenn er einen neuen Verband anlegte, und die zerschossenen Füße betrachtete, in die schon der kalte Brand getreten war; nicht einmal sein Auge zuckte, als ob es in seinem Herzen dumpf und öde wäre, — und doch war rs sein Sohn, sein einziger, geliebter Sohn, der dort mit dem Tode rang und der unter so fürchterlichen Schmerzen sein armes Leben enden sollte! Und noch gestern, da war Alles anders, da hatte er noch einen Sohn und war mit ihm hinausgegangen in den Wald, freilich nur heimlich-verstohlen, die Büchse im Arm, ein Wild zu erjagen, wenig ahnend, daß er seinen eigenen, tödtlich verwundeten Sohn auf seinem Rücken in die Hütte tragen würde. Jetzt schloß der Sohn auf einen Augenblick die Augen und schien zu entschlummern. Der Alte setzte sich erschöpft auf den am Lager stehenden Stuhl und ließ die düsteren Bilder der vergangenen Nacht an seinem Auge vorübergehen. Oft fuhr der alte Mann mit der Hand über die Augen, — als könne er damit das Vergangene in Etwas wegwischen, dann blickte er wieder auf das Jammerbild seines Sohnes und in seinem harten, wettcrgcbräunten Gesicht malte sich ein wilder, verzweifelter Schmerz. Er drückte seine derben Fäuste in die brennenden, trockenen Augen, und sah sich wieder im Walde, mit dem Ausweiden eines Rehes beschäftigt. Es ist ein fürchterliches Wetter, der Sturm rüttelt an den hohen alten Bäumen, daß sie wie leichte Gerten sich hin und her bewegen - einzelne schwere Regentropfen beginnen bereits zu fallen, und ein starkes Gewitter rollt mit seinem Donner in gewaltigen, fürchterlichen Schlägen über die Wipfel der Bäume, und nur von Zeit zu Zeit reißt ein Blitzstrahl in die düstere Nacht eine Lücke und erleuchtet auf Momente das düstere Waldcsschwcigeu. Ein solcher Blitzstrahl zeigt dem alten Wilddieb dunkle, näher rückende Gestalten, er flüstert seinem Sohne zu: „Wir müssen fort!* — Zu spät! Derselbe Blitz hat auch schon die Gruppe mit dem Reh beleuchtet; es füllt ein Schuß und der Sohn bricht in die Knie; noch ein tückischer Blitz zuckte hernieder, um den Männern dahinten den Kopf deS Sohnes zu zeigen, und mit dem Rollen des Donners vermischt sich noch einmal der Knall einer Büchse und der Sohn bricht jammernd vollends zusammen. In wilder, besinnungsloser Wuth ergreift der alte Wilddieb das Gewehr und feuert in die Nacht hinaus, dann steht er düster, hochaufgerichtct, dort auf seine eigene Doppelflinte gestützt, um sich und den Leichnam seines Sohnes zu vertheidigen, den er für todt hält. „O, wären sie nur gekommen!" murmelt der alte Wilddieb, und ballt die Fäuste. Sein Gesicht verzerrt sich von wilder Wuth; die Vorgänge der letzten Nacht stehen so lebhaft vor seiner Seele, daß ihm das Herz still zu stehen droht. — Aber die Jäger glaubten genug gethan zu haben, und der Alte sieht bei einem Aufleuchten des Blitzes ihre rückgängige Bewegung, hörte noch ein heiseres, höhnisches Lachen und dann sind sie verschwunden. O, der finstere Wildschütz kennt dieses Lachen und wie Wetterleuchten fliegt es jetzt bei dessen Erinnerung über sein Gesicht; er mußte aufstehen, denn seine Brust droht zu zerspringen, er hört wieder das heisere Lachen, seine Faust ballt sich, die bleicher gewordenen Lippen murmeln eine 171 finstere Verwünschung, in seinem Herzen loht die Brandfackel der Rache und der finstere Gedanke auf, mit Blut zurückzuzahlen — dies heimtückische, heisere Lachen. — Aber der Verwundete jammerte und stöhnte wieder, und dieß reißt den Alten aus seinen finstere» Gedanken auf einen Moment heraus. Das Schmerzgestöhn des Unglücklichen ging schon in Phantasien über, die vielleicht das Mondlicht beförderte, das auf dem bleichen Gesicht auf und nieder zitterte, und gewissermaßen mit Behagen über diese mit dem Tode ringenden Züge glitt. „Mein Kopf, mein Kopf! Ach, Herr Doktor, hier!" phantasirtc der Sterbende- „mein Vater wollt's nicht, aber es that ja zu weh!" — Und wieder wimmerte der Arme vor sich hin, daß sich der alte Mann ängstlich über ihn hinweg bog und dann ihn wie ein Kind in seine starken Arme nahm, als ob er ihn dadurch beschwichtigen und ruhiger machen könne. Wohl hatte der Sohn den Doktor haben wollen, von Anfang an, aber der alte Wildschütz hatte verneinend das Haupt geschüttelt; — um keinen Preis, so lieb er seinen Sohn hatte, so gern er sein Herzblut für ihn gegeben, hätte er den Doktor in's Haus nehmen mögen. Alles wäre ja dann ruchbar geworden, und sie hätten den armen Jungen, statt in die Hütte, noch in's Gefängniß schleppen können. Nein, nimmermehr! Er hatte den Jammernden aufgeladen auf seine breiten Schultern und heimgetragen in die Hütte. Es war ein schwerer, saurer Gang gewesen, und so vorsichtig der Alte auch zu Werke ging, der Sohn hatte doch bei jedem Schritte gejammert und gestöhnt, daß es dem Vater das Herz zerschnitt und sich seine Gedanken zusammenballten wie Gewitterwolken, und er sich schwur, Vergeltung zu üben an denen, die ihm den Sohn erschossen — erst in die Beine und dann in den Kopf — und dann noch das heisere, tückische Lachen! ... O, der Wald hatte kein Ende nehmen wollen; und wenn nicht die Muskeln des Alten von Stahl und sein Herz fest und unbeugsam wie ein Eichstamm gewesen, er wäre zusammengebrochen, nicht von der Last seines Sohnes, wohl aber voll dem Schmerz und der dumpfen Wuth, die jeden anderen Gedanken, als den der Rache, in ihm zu Asche brannte. Der Pulsschlag des Verwundeten ging immer leiser, kaum hörbar, und das Ohr deS Vaters horchte ängstlich auf dicS geräuschlose Klopfen des Herzens. Der Schmerz hatte wie ein wilder Bergsee ausgelös t und warf nur noch einzelne leichte Wellen murmelnd an das dunkle Ufer, und dann zuckte es in dem Kranken wieder auf, und ein leiser Seufzer entwand sich seiner Brust. „Komm, komm, hilf mir!" flüsterte er wieder, „sie wollen schießen, ich kann nicht fort, o Barmherzigkeit, ich bin ja noch so jung!" Und dann tasteten seine Hände an der Decke herum, als suchten sie sich bittend in einander zu schlingen, und doch waren sie zu schwach. Der Alte bemerkte es und faltete die Hände zusammen, während der Sohn in seinen Todes-Phantasicn fortfuhr: „Schnell, schnell! dort, dort! sie schießen doch, Jesus, Maria!" hauchten seine bleichen Lippen, und der Mond und der alte düstre Mann blickten Beide auf das Antlitz eines Todten. - Der Mond warf nur noch einen freundlichen Strahl auf das bleiche, kalte Haupt und dann wandte er sein mildes. Her- monien suchendes Auge von dieser finsteren, trüben Scene; aber die Augen des allen Mannes ruhten noch lange auf dem Antlitz seines todten Sohnes, und ein Paar Thränen preßten sich gewaltsam aus seinem harten, sonst so trockenen Auge. Er umhüllte die verstümmelten Füße deS Todten noch einmal mit einem Tuche, als wolle er auch den Todten vor jeder rauhen Berührung schützen und dann schritt er hinaus, seine Doppel- Flinte zu suchen, die er diesmal im Walde hatte zurücklassen müssen. Er mußte sie finden, sie war ja an dem alten, heimlichen Ort versteckt, nnd er mußte bei dem Gedanken an seine Flinte hell auflachen, und sah sich dann erschrocken um; war es doch fast dasselbe Lachen, das dort in jener fürchterlichen Nacht aus das Erschießen seines unglücklichen Sohnes gefolgt war. 172 Zweites Kapitel. Die einzige Tochter. Während dort in der Hütte ein armes Menschenleben verzückte, war unweit davon, in dem Hause des 'Oberförsters, eitel Licht und Sonnenschein. Morgen gab es ja eine Hochzeit, und eine recht glückliche, denn cS war gar ein schmuckes Paar, daS morgen an den Altar treten sollte: die Tochter des Oberförsters, ein wunderschönes, frisches Kind, und der junge Hugo Fischer, der Prächtigste Förster weit und breit. Heut war Poltcr-Abend und eine Menge Iugcndgcspiclen umringten, unter allerhand Verkleidungen, das glückliche Paar. Der Freund hes Bräutigams, der blutjunge Förster Kuntz, kam, in Anspielung auf den Namen des Bräutigams, als Fischer mit cineui Netz von Perlen, und, beneidete in einem scherzhaften Gedicht seinen Kameraden, der ihm die schönste Perle weggefischt habe, und deßhalb bringe er ihm in Anmuth nun auch seinen Fang. Und man bewunderte den kecken Burschen, der jetzt mit seinem Schmerze spielen konnte; denn Alle wußten, daß Kuntz um die Oberförsters-Tochter ebenfalls gar heiß geworben, jedoch sie nicht erhalten habe, weil er erstens noch,sehr jung, und durchaus nicht so schön und schlank wie der jetzige Bräutigam wär, zweitens aber mit seinem zu freien, geraden Wesen nie der Günstling des Oberförsters hatte werden können, der von seinen Leuten einen unbedingten, fast an Unterwürfigkeit grenzenden Gehorsam forderte. Das hätte Fischer weit bester verstanden, sich mit aalglatter Gewandtheit in die Gunst des Vaters einzuschlcichen und eben so.,rasch das Herz der Tochter zu erobern. Es wär ein Aufjubeln in der ganzen Gesellschaft, eine Lust und Fröhlichkeit, wie sie an einem Polterabend, und noch dazu in einem lustigen. Försterhause, ganz in der Ordnung ist; denn es gab keinen lustigern Patron in der Runde, als den alten Oberförster,. wenn er bei guter Laune war, und wer schon sein Helles, lustiges Lachen ,hörte, der mußte unwillkührlich mit einstimmen. Sein Lachen war seine Sprache, damit machte er Alles ab; seine Umgebung verstand ihn gar wohl: sie kannte sein zufriedenes Helles Lachen — und dann war Alles glücklich, — sein kurzes, höhnisch-zorniges Lachen — und. dann ging ihm Jeder schnell aus dem Wege. Gewiß, es lag eine ganze Sprache in seinem Lachen, ja wer sie nur verstand! — Manchen mochte es irre führen -nid sicher machen, wenn er statt eines gesürchtetcn Donnerwetters ein kurzes, hastiges Lachen vernahm, er wollte wohl am Ende schon zum Mitlachen die Muskeln verziehen, und lachte dann Loch nicht, wenn er sich den Mann noch einmal betrachtete, und lachte wohl nie mehr, wenn der Oberförster dann, wie ein finsterer, unerbittlicher Gott, seine schwere Strafe verhängte. Heut wollte das glückliche Lachen des Oberförsters kein Ende nehmen, gird djx ganzc^ Gesellschaft wurde von der unverwüstlichen Heiterkeit, — vielleicht auch von dem reichlich genossenen Rheinwein, roscnroth ««geglüht. Nur die Braut, das frische, rosige Waldkind, neigte etwas das Köpfchen und fühlte sich, ganz gegen ihre Art, fremd in dem lustigen Element der allgemeinen "Freude. Der Bräutigam blickte ihr besorgt in das schöne, getrübte Auge und fragte leise, was sie heut so traurig stimmen könne? Anna erröthete und zögerte mit einer Antwort. Man begann sie zu necken, daß sie wohl der Verlust der goldenen Freiheit schwcrmüthig mache, — und so mußte sie schon mit der Spräche heraus. „Mir kommt die heute früh erzählte Geschichte nicht aus dem Kopfe, — der arme Mensch!" seufzte sie mit schwerem Herzen. „Es ging nicht anders, Anna! Wir mußten ein Exempel statuiren l" entgcgnete achselzückend ihr Bräutigam. „DummeS Zeug!" sagte der alte Oberförster, der die Aeußerung seiner Tochter im Vorbeigehen gehört hatte, „das Gesudel hat unS schon schrecklichen Schaden gemacht und nächstens ueh'm ich den Alten aus's Koru." „O, dcr arme Mann ist gestraft genug," entgegnete das junge Mädchen, und fragte dann besorgt: „Sein Sohn ist doch nicht todt?" „Kümmert mich nicht! Das Gethicr hat zähcS Leben!" bemerkte trocken ihr Vater. „Ich kann mir nicht helfen," begann Anna von Neuem, „aber es thut mir recht weh! Der Alte wird außer sich sein vor Schmerz und Wuth." „Ich hab' ihn ja geschont, Du weißt warum!" versetzte dcr Oberförster. „Warum?" fragte man gespannt. „Ach, laßt's Euch von Anna erzählen!" — entgegnete der Oberförster verdrießlich; „ich hab's ihm immer gesagt, aber der verwünschte Kerl konnte das Wilddieben nicht lasten. " — Anna berichtete auf das Drängen dcr Freundinnen, daß dcr alte Wildschütz, auf besten Sohn vergangene Nacht geschossen worden, ihr einst das Leben gerettet, als sie sihp als Kind im Walde herumgetrieben habe und von einem Hirsch beinahe aufgespießt worden sei. „Seitdem," fuhr sie erzählend fort, „sind wir gute Freunde geworden, und so finster und unheimlich der Mann auch aussieht, gegen mich ist er freundlich und gut; wenn er mich trifft und ich ihm die Hand schüttle, dann lächelt er stets. Er hat mir, wie gesagt, das Leben gerettet; doch wenn uns Jemand so zusammen sieht, dcr müßte denken, daß es umgekehrt dcr Fall sei, so lieb und freundlich ist dcr Alte. Nun thut es mir doch recht weh, daß ihm sein Sohn so jämmerlich zerschossen worden!" — Zu dem schönen Auge glänzte eine Thräne. Der Bräutigam küßte sie ihr hinweg und flüsterte: „Du edles, warmes Herz; aber sei nur ruhig, vielleicht ist der Bursche noch zu retten." „Nein!" entgegnete das Mädchen bestimmt; „mir ahnt nichts Gutes. Versprich mir, Hugo, und auch der Vater muß es mir versprechen, — jetzt nicht das Revier zu betreten." „Sorge nicht, Änlichen!" — lächelte der Förster, „Du bist ja ein Jägerkind, wie kannst Du Furcht haben?" Anna mußte sich beruhigen und wurde in die allgemeine Lust mit hineingezogen, daß sie darüber den drohenden Alten vergaß und endlich ganz ihrer heitern, von dem Vater geerbten Natur den Zügel schießen ließ. (Fortsetzung folgt.) Ueber die Eröffnung der Pacific-Eisenbah» wird aus Sän Francisco vom 8. Mai geschrieben: — Die Feierlichkeit wegen dcr Vollendung der Pacific-Eisenbahn war derart, daß man sich ihrer für alle Zeiten in Sau Francisco erinnern wird. Bei Tagesanbruch verkündeten 100 Kanonenschüsse daS Fest. Alle för- deralcn ForlS im Hafen feuerten ihre Kanoncusalvcn, die Glocken in dcr Stadt wurden geläutet, die Pfeifen aller Dampfer ließen ihr schrilles Geschrei ertönen. Bei Anbrnch dcr Nacht wurde die ganze Stadt illuminirt. Die Proccssion war die größte, die man jemals in Sän FraciSco sah. Die Bevölkerung war massenhaft auf den Straßen erschienen und legte ihren Eifer an den Tag, ein für die Pacificstaaten so wichtiges Ercigniß gehörig zu cclcbrircn. Die Geschäfte waren allgemein suspcndirt. Die militärische Parade und die Civilprozcssion waren großartig. Nicht nur die StaatSmilizcn, sondern auch alle disponiblen, regulären Truppen in den verschiedenen Forts rückten aus. Stadt und Hafen boten einen überaus prächtigen Anblick dar. Während deö Tages waren die Hauptgebäude mit den Fahnen fast aller Nationen geschmückt und auf den Straßen drängte sich eine auf- und abwägende Menschenmenge. Um 1 Uhr Nachmittags verkündigte eine Depesche, die vom BcrcinigungSpunkle der Bahn kam, daß dcr letzte Spikcr der Eentral- Pacific-Eisciibahn soeben eingehämmert werde. Diese Kunde rann wie ein Lauffeuer durch 174 die ganze Stadt, beglückwünschende Botschaften wurdm an die Directoren der Central» « Pacific und der Union-Pacific-Bahnen Seitens der kalifornischen Pioniere abgesendet. Auch in Sacramcnto wurde das Ereigniß großartig und mit Enthusiasmus gefeiert. Die Stadt war mit einer ungeheuren Volksmenge vollgcdrängt, die aus allen Theilen des Staats, sowie von Nevadc herbeigekommen war. Die in hiesiger Stadt in Sitzung befindliche Grandloge der Odd-Fellows hat eine Einladung acceptirt, an der Demon- > stration in Sacramcnto Theil zu nehmen, und es waren auch Bogen von Nevada, Graß Valley, Vallejo, Sän Francisco, Placcrvillc, Sän Jose, Marysville, Virginia City und Gold Hill in Nevade erschienen. Die Transpvrtlinien wurden dem Reiseverkehr des Publikums freigegeben und die Bevölkerung benütztc die gebotene Gelegenheit und strömte schaarcnweise nach Sacramcnto. Die Central-Pacisic Compagnie hatte 30 Prächtig decorirte Locomotircn vor der Stadt aufgestellt, und als die Nachricht kam, daß der letzte Epiker in die Bahn getrieben werde, singen die 30 Dampfpfcifen der Locomotivcn an Lärm zu machen. Alle Glocken der Stadt stimmten in den Chorus ein. Die Kunde von der Vollendung der Bahn rief großen Enthusiasmus in allen Städten Californiens hervor. Am 10. wurde die erste von Japan nach St. Louis bestimmte Thcesendung vermittelst der Pacific-Eiscnbahn transportirt. Der Ucberlandvcrkehr mit China und Japan hat somit begonnen. Die Bahn von Omaha bis Sacramcnto gehört zwei Compagnien, die sich wahrscheinlich bald in eine verschmelzen werden; der Union-Pacific- Railroad-Compagnie, welche von Osten zu bauen anfing, und der Central - Pacisic- Railroad-Compagnie, welche ihr von Californien aus entgegenkam. Beide Corpora- tionen cxistirtcn schon 1862, doch der eigentliche Bau begann erst, nachdem 1864 der Congreß die ursprünglichen Landschenkungen verdoppelt und für die sonstigen Regicrungs-Zuschüsse statt mit einer ersten mit einer zweiten Hypothek sich begnügt hatte. Unter diesen Verhätnissen war es freilich eine Lust zu bauen, und das Werk schritt unglaublich rasch vorwärts, da für jede fertige oder angeblich fertige Strecke, auS der Bundescasse die betreffenden Millionen in zinsentragendcn Papieren flößen. ^ Die Entstehung der brennbaren flüssigen Erdprodukte. Die Herkunft der brennbaren flüchtigen und flüssigen Erdproduktc, die als Gase, Oele in Thecrform dem Boden entquellen oder früher entquollen, und zu Asphalt verhärtet sind, ist lange eine offene Frage gewesen. Es lag zwar der Gedanke nahe, und Manches schien für ihn zu sprechen, daß die Wurzel solcher Erscheinungen in Steinkohlen- Lagern zu suchen sein möchte. Die schlagenden Wetter in Kohlcnwerken zeigen, daß auch schon auf kaltem Wege sich brennbare Gase aus Kohle entwickeln können; je nachschc- diese freien Austritt an die Oberfläche fänden, oder sich durch den Druck unterirddcmn Wasser erst thcilweise verdichteten, könnten Gas - oder Oelqucllen entstehen. Der Stenii kohlentheer unserer Gaswerke liefert überdies Destillate, die mit den natürlichen Erdörle Naptha, Petroleum, im Wesen völlig übereinstimmen. Freilich aber mußte dagegen die Erfahrung sprechen, daß jene Erdproduktc in der Regel in Gegenden auftreten, die entschieden nicht steinkohlensühreiid sind; sie müßten daher erst ungeheure unterirdische Reisen gemacht haben. Erdöle finden sich vorzugsweise in klüftigem Muschelkalk und Sandstein- schichten, überhaupt aber in solchem Terrain, das als Nicderschlag alter Meere betrachtet werden muß. Hiervon ausgehend und durch anderweitige Beobachtungen geleitet, ist man ^ gegenwärtig zu einer anderen Anschauung der Dinge gelangt, dahin nämlich, daß der pflanzliche Ursprung, der bei Stein- und Braunkohlen zweifellos ist, den Erdölen und Asphalten nicht zugeschrieben werden könne, diese vielmehr aus der Zersetzung thierischer Materien hcrstammcn. Belege für diese Theorie haben sich auch gefunden. So ist > namentlich Acgypten im Besitze natürlicher, noch im vollen Betriebe steheniscr Steinöl- oder Petroleum - Fabriken. Die Mittelmeerküste dieses Landes besteht großcntheilS aus Korallenbänkcn, die auf der Wafserseite leben und weiter wachsen, —- landeinwärts aber absterben und austrocknen, so daß ein löcheriger Kalkfels übrig bleibt. In diesen Löchern sammelt sich als Produkt der Zersetzung der eingeschlossenen Polypen beständig Petroleum, das von den Anwohnern ausgeschöpft und nützlich verwendet wird. Sonach müßte jede absterbende Bank von Korallen, Muscheln, Krebstieren das Material zu öligen Produkten in sich enthalten, und ihre Bildung würde nur davon abhängen, daß die Umstände dafür günstig sind, und namentlich höhere Wärme mitwirkt, wie man sie in den Urmeeren vorauszusetzen Ursache hat. Stand also, so denkt man sich jetzt die Sache, eine Weich» thierbank unter sehr hohem Wasserdrücke, so mußten die entstehenden Oele sogleich in die Kaltschalen der Thiere eingepreßt werden, und es entstand Asphaltkalk; in seichteren Wassern konnte das Oel frei werden und sich an die Oberfläche des Masters erheben. Diese Schichten konnten sich also erschöpfen und bilden jetzt die zahlreichen Fälle von Muschelkalkfelscn, in denen keine Spur von Kohlenwasserstoffen mehr anzutreffen ist. — Bei den großartigen Uebcrstürzungen, die früher auf der Erde stattgefunden haben, konnten aber auch weite Strecken lebender Weichthierbänkc von den Fluthen gleich unter festem Material begraben werden. Die aus ihnen entwickelten Gase und Ocie würden dann die eingekellerten Borrüthe bilden, welche die natürlichen Quellen solcher Produkte speisen oder durch die Hand des Menschen aus langer Haft befreit werden. Daß aber Erdöle durch bloße Verdunstung zu Asphalt werden können, davon liegen die Beweise an manchen Stellen, so namentlich auf der Insel Trinidad, handgreiflich vor; es finden sich dort alle Zwischenstufen mit einander vor, von der Naphtha, als dem reinsten Steinöl, bis zum festen Asphalt. Miseelle«. Rozsa Sandor, der einstige Schrecken dcS Alföld, der zu lebenslänglichem Kerker verurtheilt, von Sr. Majestät aber begnadigt wurde, hatte sich nach seiner Frci- werdung in Szcgedin niedergelassen. Jedermann glaubte damals, daß die ausgestandene lange Strafe ihn für die Zukunft gebessert haben werde. Doch man täuschte sich, wie aus einem Berichte eines Pester Blattes genugsam hervorgeht. Denn kaum war Rozsa Sandor in seine Heimath zurückgekehrt, als auch schon ein Postraub auf den andern folgte, und die öffentliche Sicherheit so gefährdet wurde, daß die Regierung sich genöthigt sah, in der Person des Grafen Gedeon Raday einen k. Commistär zu entsenden, dem es denn auch gelang, den Räubereien ein Ende zu machen und binnen zwei Monaten die Einziehung von 60 Individuen zu bewirken, welche der Theilnahme am Szcgedincr Postraube bccinzichtigt sind. Als Haupt und Leiter dieser Bande hat die Untersuchung keinen Geringeren als Rozsa Sandor herausgestellt. Die Entdeckung geschah auf folgende Weise: Es war dem Wachtposten bei der Theißbrücke aufgefallen, daß Rozsa Sandor jeden Abend mit zwei feurigen Rosten in's Banat hinüberfuhr und zwischen 5 und 6 Uhr Morgens am andern Tage wieder zurückkehrte; außerdem hatten die Commistäre bei einem verdächtigen Individuum einen Revolver gefunden, den der Betreffende von Rozsa Sandor erhalten zu haben aussagte. Graf Raday ließ nun Rozsa Sandor zu sich rufen, um seinen Rath einzuholen, wie man die Hauptrüdelsführer in die Hand bekonunen könne; die Regierung werde seine Mühe reichlich belohnen. Rozsa Sandor entschuldigte sich jedoch damit, er sei schon zu alt und gebrechlich, um einer solchen Mission sich unterziehen zu können. Da nun mittlerweile auch ein Arzt die Anzeige machte, daß Rozsa Sandor an einem Fuße eine, wahrscheinlich von einem Schusse herrührende Wunde habe, wurde Letzterer am Tage darauf verhaftet. Seitdem sitzt er im Gefängniß, spricht sehr wenig, raucht nicht, weist oft das Essen zurück und scheint geistesvcrwirrt. Dieser Tage tröstete ihn der Hajduk, er möge nicht so traurig sein, — er werde ja bald wieder frei 176 werden, da die Untersuchung seine Unschuld herausstellen werde. Auf das brach Rozsa Sandor in Thränen aus und antwortete: „Ich wünsche mir gar nicht frei zu werden, ich verdiene nicht, daß mich die Sonne bescheint, . . . mögen sie lieber mich au den Galgen hängen." (Wenn Einer eine Reise thut.) Englische Blätter erzählen nachstehende lustige Geschichte: Vor einem der Londoner Polizcigerichte stand vor einigen Tagen ein junger Franzose, Louis Felix Hardy, — welcher zum ersten Male der Hauptstadt des Brittenreiches einen Besuch abstattete, nachdem er wahrscheinlich viel über die dortige öffentliche Unsicherheit gehört und gelesen hatte. Als er in seinem Hotel zu Bette gegangen war, sann er, ohne einschlafen zu können, über seine seltsame Lage nach — ganz allein ini fremden Lande, in einem fremden Hotel, das wo möglich an allen Ecken und Enden Fallthüren und Verstecke für kaltblütige Raubmörder biete. Nichtig, sein Argwohn war nicht unbegründet; gut, daß er nicht eingeschlafen war, denn an der Thür machte sich ein sonderbares Geräusch bcmcrklich, gerade — als wollte Jemand in sein Zimmer einbrechen. Aus dem Bette springen, einen Tisch vor die Thüre schieben, sich ankleiden, an der Dachrinne mit äußerster Verzweiflung 15 Fuß hinunterzuklcttern, war das Werk eines Augenblickes. Hier fand sich Monsieur auf dem Nebcndachc eines anderen Hauses, auf welches ein erleuchtetes Fenster hinausging. Er klopfte an, da aber die Insassen, zwei gleich furchtsame Dienstmächen, ihn für einen Dieb halten und laut aufschrieen, setzte er seine gefährliche Reise fort, bis er auf ebener Erde ankam und sich in einer Kehricht-Grube verkroch. Hier fand ihn am nächsten Morgen ein Polizist, wie er bleich und vor Kälte und Furcht zitternd dasaß, und nahm ihn — da er ihn für einen Dieb hielt — in Gewahrsam. Dies war die erste Nacht des Franzosen in London, halb in unsicherer Angst auf weichem Bett, und halb in sicherem Gewahrsam auf harter Pritsche; die zweite Nacht verlief schon angenehmer, da der Irrthum sich vor dem Richter bald aufklärte. Das sonderbare Geräusch, welches den jungen Mann zur Verzweiflung getrieben, wurde veranlaßt durch die Dicnstmagd dcS Hotels, welche von seiner Ankunft nichts wußte, und vor dem Schlafengehen sehen wollte, ob die Fenster auch alle gut verschlossen seien. AuS neuen statistischen Tabellen geht hervor, daß die eingeborene Bevölkerung der am dichtesten bewohnten Theile der Vereinigten Staaten rasch in der Abnahme begriffen ist. Die Geburtsrate ist geringer, wie selbst in Frankreich. Auf 50 Köpfe kommt eine Geburt; in Oesterreich und Preußen schon auf 26 Köpfe. Die Deutschen jedoch in den Vereinigten Staaten haben eine Geburt auf 20 Köpfe, und habe« also hiedurch, wie durch die mächtige deutsche Auswanderung nach Amerika Aussicht, einst das überwiegende Element der Bevölkerung zu bilden. M l) t? r <; d e. Ein Kleidungsstück aus alter Zeit, Unförmlich hock, unförmlich breit, Das um den Hals einst Sitte war, htennt dir mein erstes Siibenpaar. Mein zweites Paar ist von Metall, Und im Verkehre überall. Vor Fälschung hüte dich! Das Ganze Dient zur Arznei und wächst als Pflanze. Druck, Verlag und Redaction des viterarisLen Instituts t>on Dr. M. Huttler.