Nk-O. 23 6. Juni 1869. MIM Den«, so spricht der Herr der Welten, Mein ist die Rache und ich will vergelten. Z. Werner. Auf der Jagd. Zweites Kapitel. (Fortsetzung.) Am anderen Tage war Hochzeit und ein festlicher Zug begab sich in die kleine Dorfkirche, die kaum das feiernde, schauende Publikum fassen konnte. Aber es war auch ein herrliches Paar, das dort voranschritt, in jugendlicher Anmuth strahlend. Wie stand dem Bräutigam die knappe Jägertracht so hübsch, wie leuchteten seine Augen! Wie stolz und glücklich schritt er an der Seite seiner schönen, wundcrlieblichen Braut! Man sah eS ihr an, daß der Wald sie groß gezogen, daß gar ein frisches, wonniges Leben in ihr pulsierte, und daß jeder Hcrzschlag, voll und kräftig, das ganze große, unaussprechliche Glück zu verkünden strebte. Da war nichts angeblaßt und angekränkelt von Stadtluft und Bücherweisheit, nur ein frohes, heiteres Kind des Waldes, schritt sie leuchtenden Auges und mit gcrötheter Wange einher und in ihrem weißen Kleide, — der grünen Schärpe und mit dem Myrthenkranz im Haar, glich sie einer rosig angeglühten Apfel- blüthe, die, leicht unter Blättcrgrün versteckt, lächelnd glücklich in die wunderbare Frühlingswelt hinausschaut. Es war ein schönes Paar, und eine glückliche Zukunft lachte ihnen voll entgegen, und die blühendsten Hoffnungsträume legten sich schmeichelnd um ihre Brust. . . . Und so schritt es durch die Reihen neugierig gaffender Bauern dem Kirchlein zu, gefolgt von dem Brautzuge, unter dem der alte Oberförster mit seiner kräftigen, straffen Gestalt hervorragte, der heute ein fröhliches, herzliches Auflachen kaum unterdrücken konnte. Der Zug war endlich in der Kirche angelangt, das Brautpaar trat an den Altar und den Priester hielt seine einsegnende, zum Herzen gehende Rede. Das Sonnenlicht spann durch die hellen Kirchenfenster seine goldenen Fäden um den Altar, und — was noch lieblicher war, gerade um den Kopf der jungen Braut, daß sie es wie ein freundlich-milder Heiligenschein umgab, und Jeder fast in Ehrfurcht auf die Knieende blickte. Der das Kirchlein umgebende Kirchhof war wie rein gefegt. Alles hatte sich in die Kirche gedrängt. Die Worte des Priesters, die Glück und Erdenleid erwähnten, das die jungen Leute gemeinsam tragen sollten, schallten über die grünen Hügel, unter denen so Viele schlummerten, die einst dieselben Worte gehört und auch heißklopfendcn Herzens in das Leben und die dunkle Zukunft geschaut hatten. Es ist ein eigenes Ding um eine Dorfkirche, die so wunderbar magische Kreise nur sich zieht, daß all' die Dörfler, wenn sie Pflug und Spaten für immer aus der zittern- cdn Hand gelegt, ihr Haupt dort zum ewigen Schlummer hinlegen, wo sie schon immer die stille, Herz und Gemüth erquickende Sonntagsruhe feierten, und weil Kanzel und Altar da drinnen für die noch Athmenden, so suchen sie stille, schattige Plätze an ihrer Mauer, und eine alte Linde oder ein Ahorn hält seine leise, monotone Predigt, gerade wie es der Herr Pfarrer an heißen, müden Nachmittagen auch gemacht, — und streuet dann welke Blätter, wie zum Segen, auf die schweigend horchenden Hügel. 178 Heule aber waren es gewählte, schöne Worte, die aus dem Munde des Priester- l kamen und von mancher rauhen, braunen Wange perlte eine Thräne, die man rasch zu zerdrücken in dem Gedrängt keine Zeit und Gelegenheit fand. Der Priester war mit seiner Rede zu Ende und fragte jetzt das Brautpaar um ^ sein „Ja." Der Bräutigam sagte das seine mit freudig erregtem Herzen, Anna bewegte 1 die zitternden Lippen, ihr „Ja" zu lispeln, da fuhr es wie ein Blitz durch's Fenster, ein lauter Donner rollte über den stillen Kirchhof und Anna sank, zum Tode getroffen, am Altar zusammen. Eine Kugel hatte ihr das Herz durchbohrt Alles gcrieth in die höchste Bestürzung und Verwirrung. Der alte Oberförster warf sich verzweifelnd über den Leichnam seines Kindes und wollte mit seinen Hände« den Blutstrom aufhalten, der unaufhaltsam aus dein Herzen über das weiße Atlasklcid floß. — Die Apfelbtüthe hatte ein tückischer Sturmwind erfaßt und auf den buntgeflcckten Rasenteppich des Todes hingeworfen^ Der Priester, der Bräutigam und die Zeugen standen in stummem Entsetze« da und hörten, ohne an etwas Anderes zu denken, nur auf die Klagen des greisen, verzweifelnden Mannes, der sein Kind mit tausend Schmeicheltönen unb süßen Worten zum Leben bringe» wollte und dann, als kein Ton mehr über die bleichen Lippen zitterte, , als er fühlte, daß sein Kind todt sei — todt, sein einzig thenres Kind, da drückte er seine Hände in die Augen und ein Thran cnstroill preßte sich hindurch Und rollte »«auf- ! hallsam über die gebräunte Wange. — Einige Zuschauer waren hinausgestürzt, bett ! siechen Mörder zu entdecken; sie hatten nicht läiige zu suchen gehabt; denn auf cittüickl entstand ein dumpfes Gemurmel und man sah dett alten Wildschütz, den finstern Georg, über die Schwelle der Kirchthür schreiten, und sich hastig durch tue Menge drängen. Alle wichen entsetzt zur Seite und machten ihm Raum, — denn seine Augen rollten wie ein Paar feurige Kugeln in seinem Kopfe, und er trug sein Doppelrvhr in der Hand, das noch warm war von dem Frevelschussc. .ES war kein Zweifel: der wilde, steche Wildschütz hatte Anna erschaffen, und doch wagte in der ersten Bestürzung Niemand, den Verbrecher festzunehmen; nur ein Paar Jägerburschcn drängten sich zur Thür, um ihm wenigstens den Äusgang zu versperren. Und so schritt der alte Wildschütz, die Büchse ! in der Hand, fest und sicher zum Altar und zu der traurigen, herzergreifenden Gruppe. Eine wilde, satanische Freude blitzte in seinem Auge, als er den Oberförster stümM sind verzweifelnd an der Leiche seines Kindes knieen sah, und diejenigen, die ihn jetzt übwehten wollten, mit gewaltiger Faust zurückschlcudcrnd, trat er dicht an den unglücklichen Vater heran, legte die Hand aüf seine Schulter und fragte ihn in bitter-schneidendem Hohn: „Du lachst nicht? Und Du hast doch gelacht, als Du meinen Sohn erschossen, und da trug ich Dir das Wild davon; hellte aber hat Dir's der Wildschütz gelassen; so lache doch! so lache doch!" — Und der Wildschütz selbst brach in ein wildes, entsetzliches Gelächter aus. Der Oberförsted sah erschrocken auf die wilde, finstere Gestalt; Alles wurde l ihm klar und ein Wuthgeheul wollte über seine Lippen beben, er wollte sich rachcdürstcnd ! auf den Mörder stürzen, aber das wilde Lachen machte alle seine Nerven erzittern und ! zog förmlich magische Kreise um sein ganzes Empfinden, daß er unwillkürlich mit hinein- ' gerissen wurde in diesen Lüstern Strudel des Lachens, der immer tosender und gewaltiger aus dem Munde dcS Wildschützen hervorzuquellen schien. Und wie sich auch der Oberförster zwang, wie er auch das in ihm herausquellende gräßliche Lachen unterdrücke« wollte, es drängte sich doch hervor, und konvulsivisch stimmte er schließlich in das Lachen des Mörders ein. Alle Umstehenden standen stumm, erstarrt vor Entsetzen über eine solche Scene da^ und noch immer tönte das wilde, entsetzliche Lachen des Mörders und dcS unglücklichen Vaters durch die stillen Räume der Kirche, während zu ihren Füßen ein warmes, schönes Leben sich verblutete. Der Bräutigam hatte, betäubt und entsetzt, am Altar gekauert und von der ganzen 179 Scene nichts vernommen. Er dachte nichts, er fühlte nichts, er sah nur seine geliebte, theure Anna todt hingestreckt am Altar, und die hastig rollenden Pugen suchten vergeblich einen NettuugSpunkt in dem Schiffbruch seines Lebcnsglückes, das er so mühsam aufgebaut hatte. Da hörte er das Lachen des Oberförsters und dies riß ihn Plötzlich aus seiner Lethargie empor, er faßte den Oberförster bei der Schulter, blickte ihm bitter und vorwurfsvoll in's Auge und sagte dann, ebenso unbesonnen als rücksichtslos: „Und Sie lachen auch an der Leiche Ihres Kindes?!" Der alte, unglückliche Mann schien bei diesen strafenden Worten zu erwachen, er schüttelte sich, als müsse er sich besinnen, und eine fürchterliche Last von den Schultern werfen; seine Lippen schloßen sich krampfhaft. Plötzlich schoß ihm der Gedanke in all' seiner Fürchtcrlichkeit durch das Hirn, an der Leiche seines Kindes gelacht zu haben, wider Willen gelacht zu haben, durch dämonische Gewalt mit fortgerissen, — und er griff mit den Händen in die Luft, als wolle er die finstern Geister verscheuchen, die seine Stirn umschwirrten. — Da sank er, mit einem Male, wie vom Schlage getroffen, zusammen, und sein Kopf schlug an die Altarstufe, daß das Blut hervorquoll. „Auch der ist todt!" murmelte die Menge; er war es freilich nicht, aber als man ihn aufhob und in seine Wohnung trug, und er dort wieder die Augen aufschlug, da glotzte die Nacht des Wahnsinns daraus hervor und er spielte mit Allem, was man ihm in die Hände gab; die Erinnerung der letzten Stunden war wie ausgekehrt aus seinem armen erschütterten Gehirn. Der Bräutigam stürzte sich jetzt erst mit ein Paar Jügerburschen auf den Wildschützen, der bei dem Fall des Oberförsters die letzten Töne seines höhnischen, entsetzlichen Lachens ausstieß und es ruhig geschehen ließ, daß man ihm die Flinte entriß und ihn zu fesseln suchte. Mit dem Fall des Oberförsters schien auch er zur Besinnung gekommen zu sein; er blickte entsetzt auf die Leiche — sein Werk — und die schönen, gebrochenen Augen Anna s schienen ihn anzuklagen: „Du hast mich gctödtct, und ich habe Dir im Lebe» nichts gethan, ich war stets lieb und freundlich gegen Dich." Der Wildschütz verstand ihre Klage und keuchte wild und hastig hervor: „Du hast mir nichts gethan — aber mein Sohn, mein Sohn! den hat man mir erschossen und dazu gelacht, sie müssen wissen, wie das thut. Ja, ja, Du büßtest's unschuldig. Ich hätt' mein Herzblut d'rum gegeben, wenn ich Dich hatte schonen tonnen! Noch einmal sich mit herkulischer Kraft von seinen Angreifern losreißend, kniete er an der Leiche nieder und weinte und weinte, als müsse er sich die Augen aus dem Kopfe weinen nnd durch all' das Schluchzen hörte mau nur die Worte: „Mein Sohn, mein Sohn!. O, Du süßes, freundliches Kind, Dich, Dich mußt' ich erschießen!" Man führte ihn hinweg in das Gefängniß; er weinte noch und ließ sich führen wie ein Kind. (Fortsetzung tolgr.- Die Vollendung der Eisenbahn nach dem stillen Meere. * Die Feier der Eröffnung der Paeisicbahn enthält noch einige drastische Momente, welche der Leser gern dauernd seinem Gedächtniß einprägen wird. Schon Wochen vorher las man in den Zeitungen: Die letzte „Bahnschmclle der Central-Pacific-Eisenbahn" ist aus kalifornischem Lorbeerholz gefertigt, fein polirt und auf beide» Enden mit solidem Silber nusgclegt. Die letzten Spikcr sind von massivem Gold und wiegen mehr als 20 Unzen un Werthe von 200 Dollars. — Kalifornien hat silberne und goldene Gerüthschastcn dazu gesendet. Wenn die rollendem Schläge des Sitbcrhammers ferne in der westlichen Wildniß erklingen, wird der Telegraph die freudige Botschaft allen großen Städten der Union zutragen. Die „Affociirte Presse" enthielt folgendes Telegramm: „Promontory Summit, Utah, 10. Mai. Die letzte Schiene ist gelegt, der letzte Bolzen eingAicbcn. Die V 180 Pacisische Eisenbahn ist vollendet. Der Punkt der Vereinigung liegt 1086 Meilen westlich von Missouri, 690 Meilen östlich von der Stadt Sacramento." Es war mit der Ceremonie eine Telegraphen - Feier verbunden, welche etwas in hohem Grade Anregendes hatte. Die Arrangements waren so getroffen, daß jede Bewegung auf jenem obscurcn Punkt des Erdkreises sofort über das ganze Land telcgraphirt wurde, so daß das ganze Volk Zeuge dessen sein konnte, was dort im engsten Kreise stattfand. Die Einrichtung war, daß der Telegraphen-Draht an den letzten Bolzen befestigt wurde, und daß dir Hammerschläge auf diesen, in jeder Tclcgraphenstation gefühlt, der Welt das Geschehene im gleichen Moment verkündeten. Omaha war der Centralpunkt dieses großartigen Arrangements; von dort wurden rings in der Runde die Befehle ausgetheilt. Der Vorsteher des Telegraphen - Departements in Washington setzte den Draht mit einer Glocke in Verbindung. Jene Glocke mußte von den Hammerschlägen auf dem 2400 Meilen entfernten Promontory Summit getroffen und in Bewegung gesetzt werden. Das Signal wurde gegeben: „Macht Euch bereit!" Washington, New-Orleans, Chicago, Boston rc. antworteten: „Wir sind fertig!" Es war nach 2 Uhr. Auf den Telegraphen-Bureaux herrschte dieselbe Spannung, welche man unmittelbar vor dem Eintreffen einer Sonnen- finsterniß empfindet. Einige wurden ungeduldig und richteten Fragen au Omaha. Von dort erfolgte die Antwort: „Seid ruhig. Stört den magnetischen Kreis nicht, sondern wartet den Hammcrschlag ab." Um 2 Uhr 2? Minuten, nach der Washingtoner Zeit, sagte Promvntorh Summit: „Beinahe fertig. Die Hüte ab! Es wird gebetet!" — Unwillkürlich gehorcht ein Jeder, dem das Signal kund wird. Tiefes, — feierliches Schweigen. Um 3 Uhr 40 Minuten lautet das Wort: „Das Gebet ist zu Ende, der Bolzen soll eben überreicht werden!" Chicago erwiedert: „Der Osten ist bereit!" — Promontory Summit spricht: „Fertig! Gleich kommt's! Dreimal wird gezuckt vor den Hammerschlägen!" Das Signal verfolgt. Eins, Zwei, Drei! Eine Pause von einigen Minuten. Und dann fühlt man die Hammerschlägc iin Osten, im Westen, im Norden und im Süden, die Glocke in Washington klingt, einmal, zweimal, dreimal! Die Fahnen stiegen, die Kanonen donnern, und hier läutet das Glockenspiel des Trinity-Thurmes: „Nun danket Alle Gott!" Der Moment wird allen Denen unvergeßlich sein, welche an der Feier betheiligt waren. So bildet die Völkerfamilie einen harmonischen Körper, dessen Nervensystem die Fäden des elcctro-magnetischen Telegraphen repräsentiren, und was im entlegenste» Wintclchcn geschieht — das beseelte Ganze kann es spüren und empfinden. Auf der hiesigen Börse versammelte sich die Handels-Kammer, um das Schwester- Institut in Sän Francisco telegraphisch zu beglückwünschen. Der Schluß der Depesche lautete: „Die neue dem Menschen geöffnete Heerstraße wird nicht nur die Ressourcen unserer Republik entwickeln, ihren Handel ausdehnen, ihre Macht vergrößern, ihre Würde erhöhen und ihre Einheit verewigen, sondern in ihrer weiteren Bedeutung, als der Segment des weltumspannenden Kreises, welcher direkt die Nationen Europa's mit denen Asiens verbindet, das Fortschreiten der Civilisation unseres Zeitalters wesentlich befördern." In der Trinity-Kirche versammelte sich eine dicht gedrängte Menge, um in einem feierlichen Gottesdienste der Vermühlungs-Feier zweier Weltmeere beizuwohnen. Der Mayor von New-Mrk erhielt von Promontory Point ein Telegramm über das Geschehene. — Sofort wurde im Stadthaus-Park ein Salut von 100 Kanonenschüssen abgefeuert und dem Mayor von Sän Francisco ein Telegramm gesandt, welches hier wörtlich wiedergegeben sein möge. Es lautet: „New-^ork frohlockte, als vor fast einem halben Jahrhundert die Vollendung des Erie-Canals die Silberkette der westlichen Inland-Seen mit dem Atlantischen Ocean verbunden wurde. Heute jubelt die Metropole Amerika'S, weil durch die Vollendung der Pacific - Eisenbahn die extremsten Punkte und Küsten eines ungeheuren Continents commercicll zusammengefügt sind. Abgesehen von den Beziehungen dieses großen Ereignisses zum Christenthum, zu der politischen Ockouomic, zur Civili- 181 sation und zum Patriotismus, wird die Metropole gerechtfertigt dastehen, wenn sie in verzeihlichem Selbstgefühl sich schon als die Handelsbörse der Welt erblickt. Ihre Zeitungen, welche so viel zum Resultat dieses Tages beigetragen haben, — werden unsere Bürger bald an Ausdrücke gewöhnen muffen, wie: „Der asiatische Frachtzug ist rechtzeitig eingetroffen." So flattern denn unsere Fahnen, so donnern unsere Kanonen, und vom alten Trinity»Dome sendet das „Tedcum" einen harmonischen Weiheklang in das geschäftige Summen, welches die Mauern umwogt. Was unsern Glückwunsch an Euch betrifft, so würden Worte nicht genügen, um die volle Bedeutung der Eisenbahn-Verbindung mit Eurer goldenthorigen, unternehmenden Stadt zu würdigen. Deßhalb möge der 10. Mai auf die Dauer als ein Feiertag in die Annalen Sän Francisco's, New- Nork's, jedes Weilers und Dorfes, jedes Fleckens und jeder Stadt längs dieser neuen Völkcrstraße übergehen." — Wohl ist dem amerikanischen Charakter die Neigung zu einer gewissen Ueberschwänglichkeit eigen; aber es läßt sich nicht behaupten, daß der Mayor bei dieser Gelegenheit zu weit geht, und ist der Verkehr regulär organistrt, so werden wir wohl noch eine große, allgemeine Jubelfeier zu gewärtigen haben, an welcher man sich füglich bis zu einem gewissen Grade auch in den großen Handelsplätzen Europa's betheiligen könnte. vceue Flugmaschinen. Wir fliegen noch immer nicht — wir Menschen nämlich. Wer daran die Schuld trägt, wollen wir nicht untersuchen, jedenfalls trifft die Engländer der geringste Tadel, denn bei ihnen ist die Darstellung von Vorrichtungen zum Fliegen zu einer sogenannten brennenden Frage oder Alltagssorge geworden. Diese Bemühungen haben übrigens in neuester Zeit einen echt wissenschaftlichen Werth erhalten, seitdem man die Aufgabe begonnen hat, mathematisch zu untersuchen. Selbst wenn man das Ziel nicht erreichen sollte, konnte Saul unterwegs statt der Eselinnen eine Krone finden; und warum sollte es überhaupt nicht erreicht werden? Das gegenwärtige Geschlecht, welches es dahin gebracht hat, mit Fußtritten Hemden zu nähen, braucht am Wenigsten zu verzagen. Obendrein ist uns neuerdings ein Schimmer aufgegangen, daß das Ding nicht so schwierig sei, als es den Anschein hat. Ein Franzose, Herr dc Lucy, — fand das merkwürdige Gesetz, daß bei den flug- begabten Thieren die Fläche der Flügel mit dem Körpergewicht abnimmt, wenigstens gelangte er zu dieser Ansicht durch folgende Vergleiche. Die Mücke (Lulvx), die 460mal leichter ist, als der Hirschkäfer, besitzt verhältnißmäßig vierzchnmal größere Widcrstands- flächen zum Flügelschlage. Das Marienkäferchen, von denen 160 auf einen Hirschkäfer gehen, bedient sich vergleichsweise einer fünfmal größeren Flügelfläche als dieser. Zehn Spatzen sind so schwer, als eine Taube, und doch sind die Flügelflächen des Spatzen relativ doppelt so groß, als die der Taube. Der schwerste Vogel, den dc Luch bei seinen Untersuchungen wog, ist der australische Kranich. Kein anderer Segler der Lüfte erhebt sich höher, mit einziger Ausnahme des Adlers (und dcS Condors, möchten wir hinzusetzen). An Ausdauer scheint jedoch der Australier t'aeilo prinnsps zu sein, denn kein Vogel unternimmt so weite Wanderungen. Er wiegt 20 Pfund 15 Unzen, uvilp., und auf jedes Pfund besitzt er nur 139 Quadrat- Zoll (incliss) Widerstandsfläche, 140mal weniger vergleichsweise als die Mücke, — die 3,000,OOOmal leichter ist. Uebcrhaupt vergleichen sich die Bögel günstig mit den Znsecten, denn die Taube, 97,OOOmal schwerer als die Mücke, bietet der Luft eine 40mal kleinere Oberfläche für das Pfund des Körpergewichts. Um einen naheliegenden Einwand sogleich zu unterdrücken, wollen wir rasch hinzufügen, daß bei den Vögeln nicht etwa durch Muökclstärke, also durch Auswand mechanischer Kraft, ersetzt wird, was an Widcrstandsfläche den Flügeln mangelt, denn an Muskel- 182 stärke stehen die Insekten obenan, viel höher jedenfalls als die Vogel. Niemand wird überhaupt etwas einwenden gegen die Stärke der Inscctcn. Der Löwe ist ein Schwächling im Vergleich zum Floh. Der größte Gewinn aus jenen Messungen bleibt jedoch immer, daß durch eine günstige anatomische Vorrichtung, wie bei dem australischen Kranich, die WiderstandSstäche auf 139 Quadratzoll, also noch nicht einmal auf einen Quadratschuh des kleinen englischen Maßes für das Pfund des Körpergewichts beschränkt werden kann. Der australische Kranich ist also vorläufig das Muster. Würden wir die Schwalbe uns erwählt haben, die einen Quadratmeter Widerstands- stäche für jedes Kilogramm zur Verfügung hat, dann brauchten wir für einen Menschen, der sammt Flugapparat 165 Pfund wöge, eine Fläche von 116,250 Quadrat-Zoll, also etwa 807 Quadrat-Schuh. Nehmen wir uns die Taube als Exempel, dann würde sich die Widerstandsslüche schon auf 31,000 Quadrat-Zoll (215 Quadrat-Schuh) vermindern, während nach dem Muster des australischen Kranichs nur 10,850 Quadrat-Zoll oder 75 bis 76 Quadrat-Schuh oder etwa 8^ Schuh in's Geviert nöthig wären. Schon im Jahre 1842 verbreitete ein Herr Hcnson die Kunde, daß er eine Flugmaschine von 6000 Quadrat-Schuh Fläche erfunden habe. Gebaut wurde sie nie, — sondern nur entworfen, allein seit 1844 vereinigte sich Hcnson mit einem Herrn Slring- sellow und im nächsten Jahre vollendeten sie gemeinsam daS Modell zu einer fliegenden Dampfmaschine, die 25 bis 28 Pfund wog, mit Flügeln, die SO Schuh von Spitze zu Spitze maßen. Da die Versuche mißlangen, gab Hcnson seine Pläne auf, Striugfellow setzte dagegen seine Arbeiten fort und brachte endlich eine kleine Dampf-Flugmaschine zu Stande, die mit Wasser und Brennstoff nur 6'/>, Pfund wog. Es wurden mit ihr nur in geschlossenen Räumen Versuche angestellt. Sie lief zuerst auf Eiscndrähten statt der Schienen, um Bewegungskraft zu erzielen. Hatte sie ein Drittel des Weges zurückgelegt, so erhob sie sich vow Draht — und wurde am Ende des Zimmers von einem Tuch aufgefangen. Es war etwas gewonnen, wenn auch nicht mehr als eine Spielerei. Striugfellow hatte sein Spielzeug vergessen, als sich in England die Lnftschifsfahrts-Gcsellschast bildete, und Preise für Fortschritte in den Flugmaschinen aussetzte. Da erwachte die alte Ersindungslust von Neuem in Striugfellow. Gleichzeitig hatte ein Herr Wcnham einen nicht unglücklichen Gedanken ausgesprochen, den man die Pelikanische Lösung der Aufgabe nennen könnte! Weuham sah nämlich am Nil Pelikane senkrecht dicht über einander mit sehr kurzen Flügclschlägcn ziehen. Er sagte sich also, daß die Flügelbewegung des einen Vogels in senkrechter Richtung keine Störung auf die Flngbewegnng des anderen Vogels ausübe, folglich könne man durch senkrechte etagcnförmige Anordnung der WidcrstandSflächen die mechanische Aufgabe erleichtern. Nach diesem Gedanken baute Slringfcllow eine Maschine mit drei Flügelflächen über einander. Flügel und Maschine mit Brennstoff und Master wogen weniger als 12 Pfund, also nicht mehr wie eine Gans; die erzielte WidcistandSslüche betrug 28 Quadrat-Schuh oder 2^/^ Quadrat-Schuh für das Pfund, die Bewegung aber hatte den Werth von einer Driitelspscrdekraft. Herr Striugfellow gewann den wohlverdienten Preis von 100 Lstr für „die leichteste Dampfmaschine im Verhältniß zu ihrem Gewicht." Der Cylinder von zwei Zoll Durchmesser bestand aus dünnem Messingblech, der Kolbenhub betrug drei Zoll, die Umdrehungen iu der Minute 300. Drei Minuten nach Entzündung des Brennstoffs betrug der Druck 30 Pfund, in fünf Minuten 50 Pfund, und in sieben Minuten 100 Pfund auf den Quadrat-Zoll, letzteres die höchste anwendbare Kraft-Entfaltung. Die Maschine flog im Juni 1868 im Krystallpalast, an einem Drahte schwebend. Sie wurde auch im Freien geprüft, allein unter sehr ungünstigen Verhältnissen, dennoch senkte sie sich sehr langsam in geneigter Ebene. Jetzt baut Springfcllow eine große Maschine, die einen Mann tragen soll. — Diese Ausgabe ist viel leichter, als bei einem zarten und kleinen Modell, zumal mensch- 183 sicher Verstand den Mechanismus unterstützen kann. Auch ist 3'/r Quadrat-Schuh Widerstandsfläche für das Pfund lange noch nicht das, was unser australischer Kranich leistet. Doch mit Dampfflügcln ist uns nicht gedient, wir selbst wollen fliegen. So dachte auch Herr Spencer, der beste Lehrer in der Gymnastik, den England auszuweisen hat — ein großer Virtuos auf dem Trapez, und verwandelte sich in einen Cherub mit Flügeln und Schweif, zu denen er theils Regenschirm-Drähte, theils Korbgcflcchtc wählte, und Beides mit einem luftdichten Stoffe überzog. Er selbst mit der Vorrichtung wog 158 Pfd., die Widerstandsfläche betrug 110 Quadrat-Schuh, also I V? Pfund auf den Quadrat- Schuh, was noch über den australischen Kranich geht. Mit seinen Flügeln lief er einen sanften Abhang hinab, um eine horizontale Bewegung zu gewinnen, und zuletzt erhob er sich, und blieb auf einer Strecke von 120 Fuß über dem Boden. Er sinnt fetzt auf Verbesserungen und wird nächstens wieder fliegen. Eine ganz einfache Vorrichtung wurde erfunden von einem Arbeiter, W. Gibson. Der Erfinder selbst wog KU/-r Stein (147 Pfund), die Flügel je 10 Pfund, daS Gerüst 21 Pfund, zusammen 188 Pfund. Da er nur zwei windmühlenartige Flügel anwendete von 12 Fuß Länge, 1>/2 Fuß am breitesten, 1 Fuß am schmalstcn Theile, — Beide zusammen von 37 Quadrat-Schuh Widerstand, also je 5 Pfund Gewicht auf einen Quadrat-Schuh, so inuthetc er sich die fünffache Leistung des australischen Kranichs zu. Bewegt wurden die Flügel nach dem Style eines Spinnrades, nur daß beide Füße abwechselnd je einen von zwei Bügeln niederdrücken sollten. Es gelang dem Manne, sich 12 bis 18 Zoll vom Boden zu erheben, allein die Flügel waren so schwer, daß er die Tritte nicht oft wiederholen, also sich nicht lange in der Höhe erhalten konnte. Aber auch er verspricht sich zu bessern. Werden wir also bald etwas besitzen — wie der Zanbcrmantel, nach welchem der Gocthe'schc Faust sich sehnte? Alles, was sich sagen läßt, besteht darin, daß einige dankenSwerthe Fortschritte erzielt worden sind. M ideellen. (Ein Zaubcrtränklcin.) Die neueste Zeit hat auch den Pflaummüllcr bei Eschlkam und den Schmied von Schwarzenberg zu den Vütern versammelt. Mittheilens- werlh aus ihren an Licht wie Schatten reichen Nekrologen scheint mir folgendes noch schwerlich übcrtrofsenc wäldlcrische Originalstück. — Beide Männer waren sonst nicht „uneben;" namentlich der Schmied hatte in Tüchtigkeit und Allseitigkcit des Handwerks nicht Seinesgleichen. Doch, »om Feuer und Mehlstaub (glaube ich) hatten sie immerfort trockene Kehlen. Das war es, warum sie zu ihren Weibern nicht heimgingen. Die soliden Hälften beschworen tausend und tausendmal ihre Männer, bald mit zärtlicher, — bald mit wetternder Zunge. Schmied und Müller wurden dann weich wie Wachs; — wenn nur Hopfen und Malz und „Eschlkam" nicht gewesen wären! — In ihrer Bedrängniß schritten die Weiber zum Aeußcrsten, nämlich zur sogenannten „Soldaten- Kathl," die im Ruf einer Zauberin stand. Unter bedrängten Ehefrauen ging noch als Geheimniß: sie könne es den Männern anthun, daß sie zu ihren Weibern „heimgehen müssen!" Gegen Mehl- und Eicrreichnissc garantirte nun die „Soldaten - Kathl" der Schmiedin und Müllerin; natürlich wurde das Alles unter dem Mantel unverbrüchlicher Verschwiegenheit abgemacht. Ader, wie cS geht, die Männer bekamen doch Wind, so nämlich, daß ihnen sollte ein „Zwangkräutlcin" in die Suppe gekocht werden, welches sie, wenn einmal geheimnißvoll wirtcnd, wie eine unsichtbare unwiderstehliche Macht mitten vom Zechen weg heim nöthigen würde. Der seltsame Wcibcrkrieg reizte die beiden Männer; um das famose „Zwangkräutlcin" zu erproben, schritten sie extra selbander 184 Nach Eschlkam, diesmal nicht ohne eine gewisse feierliche Stimmung. Es fiel die erste Nacht über die tapferen Zecher herein. Der Müller stieß den Schmied und blinzelte: „Kommt's dir schon?" — „Mir nicht!" versetzte der Schmied achselzuckcnd. „Mir auch nicht!" bestätigte der Müller. Die zweite Nacht stieß der Schmied den Müller, und so wechselweise. Immer dieselbe Frage, immer die nämliche Antwort. Und so saßen sie in den Wirthshäusern zu Eschlkam und tranken fort, bis es dem Einen oder dem Andern käme! Es brach die achte Nacht herein. Da griff der Müller seine Hosensäcke durch, sie waren erschöpft vom letzten Gröschlein. „Schmied," sprach er, „jetzt kommt's mir, daß ich zu meiner Alten heimgehen muß!" Der Schmied untersuchte desgleichen seine Hosentaschen und that denselben salomonischen Ausspruch. Nun schritten Beide zu ihren Weibern heim, die während der 8 Tage nicht wenig betroffen und erbost waren über die langsame Wirksamkeit des Zaubcrmittcls. Dicßmal ließen sich aber die Männer durchaus nicht kapiteln; hatten sie auch zu Eschlkam hübsch was vertrunken und zu Hause hübsch was versäumt, so hatten sie doch den Hokuspokus der „Soldaten - Kathl" gründlich aufgestochen. Die Weiber wurden in Folge dessen weit in der Runde homerisch verlacht. Das Schönste wäre nun freilich gewesen, wenn fortan Müller und Schmied christlich heimgegangen wären, was ich aber leider nicht weiß. St. T. (Wir bekommen einen neuen Mond.) Ein Herr Simon Backhaus macht in einer so eben erschienenen Broschüre der Erde die vorläufige Anzeige, daß sie einen zweiten Mond bekommen werde, der ihr näher liegt, als der erste. Die Geschichte wäre einfach so: Das seit etwa 200 Jahren in den Aequator - Gegenden nach Sonnenuntergang sichtbare sogenannte Zodiakal- oder Thierkreislicht, nach der Meinung älterer Astronomen eine den Polarlichtern analoge Erscheinung oder ein Ausfluß der Sonnen- Atmosphäre, nach Humboldt aber ein unserem Planeten - System angchöriger besonderer, rotirendcr Gasring, ist nach des Herrn Backhaus neuester Behauptung nichts Anderes, als ein um die Erde gehender, und von derselben nur wenige tausend Meilen entfernter Gasring, dessen Dichtigkeit schon jetzt an verschiedenen Stellen eine sehr verschiedene sei, und deßhalb an der dünnsten Stelle bald platzen werde, worauf beide Arme mit ungeheuerster Schnelligkeit auseinander fliegen, eine Kugel entstehen und ein neuer Mond für die Erde sich Präscntiren werde, — um in Compagnie mit dem alten das Geschäft der Sonnenfinsternisse, Ebbe und Fluth und des Wettcrmachcns fortzusetzen. Nichts kann einfacher sein. Wann aber wird das geschehen? Genau hat es Herr Backhaus allerdings noch nicht ausgerechnet; er weiß nicht, ob vielleicht schon morgen oder erst später, aber so viel kann er uns, wie der astronomische Schuster im „Lumpaci-Vagabundus," auf dem letzten Blatt schon verrathen: „Lang dauert's auf keinen Fall mehr." s Als ein Prediger vor Kurzem bei einer Trauung in Delaware Jeden, der Einwendungen zu machen habe, aufforderte, sich zu melden, rief eine unterdrückte Stimme: »Ich!" — Aller Augen richteten sich dort hin, von wo der Schall kam, und erblickten ein Individuum, das ein Taschentuch vor die Augen hielt und schluchzte. — „Welche Einwendungen haben Sie zu machen, mein Freund?" fragte der Geistliche. — „Ich selbst möchte sie hcirathen," stieß der unglückliche Liebende hervor, „aber sie will mich nicht." Auflösung der Charade in Nr. 22: „Krauscmiinzc." Druck, Lertaz und Redaction des Litcrarischen Instituts von l)r. M. Huttlcr.