Aro. 25. 20. Juni 1869. Von Gold das Herz, Der Sinn von Erz, In Freud und Schmerz, Stets himmelwärts! Kaiser Max von Mexiko. Der Habrch rmd der HätLich als Geschäftsfreunde*) Erstes Kapitel. Dcr Haus Dsmps von Rippach und seine Rachliommeiischast, Der Hans Dampf von Rippach. Von dem weiß im deutschen Land jeder Schul- knabe zu erzählen, daß er einmal ein berühmter Narr gewesen. In die Welt hat er sich schlecht gepaßt, wenigstens unter vernünftigen Leuten war für ihn kein Platz. Er war eigentlich zu nicht viel zu brauchen als zur Plage für andere Menschenkinder. Nie hat er ein wahres gescheites Wort gesagt, großen und kleinen Kindern unzählige Lügen aufgebunden, und wenn jemand eine verständige artige Rede gethan, so ist er mit einem dummen Spaß hinterdrein gekommen. Geschämt hat er sich in feinem ganzen Leben nur einmal als kleiner Knabe, und das sogleich vierzehn Tage hintereinander und nachher nicht wieder. Dabei hat er zu aller Zeit und in allen Stücken verkehrte Welt gespielt. Von dem was andere Leute thaten, that er immer das Gegentheil. Standen sie auf, so legte er sich ins Bett. Gingen sie in Hemdärmeln, so legte er den Mantel um und zog die Pelzmütze über die Ohren. Lachten sie, so weinte er sich die Augen roth. War er gesund, so brauchte er den Doktor und ließ sich Arznei verschreiben; war er aber krank, so aß er Pasteten und trank starken Wein dazu. Ein vernünftiger Mensch hat über ihn nicht lachen, ein Narr sich über ihn nicht ärgern können. Er hat cS aber mit seiner Hausdampserci nicht weit gebracht und in seinem ganzen Leben hat er eigentlich nur eine einzige Geschciligkcit begangen. Denn ehe er nach seinem letzten schlechten Witz die Augen schloß um nicht wieder aufzuwachen, hat er noch das Bekenntniß abgelegt, es gäbe in der Welt doch keine brodlosere Kunst als die Narrhcit. Daö meldet die Geschichte vom Hans Dampf. Auch weiß jedermann: in Nippach ist er geboren, da hat er gelebt und da ist er auch gestorben. Aber weiter hat est die geschichtliche Forschung nicht gebracht. Kommst du nämlich nach Nippach selbst, begegnest einem vor seiner Hausthür, fassest ihn beim Rockknopf und sprichst etwa zu ihm: „he guter Freund, könnt' ihr mir nicht sagen in welchem Haus da herum seiner Zeit weiland Herr Hans Dampf gewohnt hat und wo auf dem Gottesacker sein Lcichcnstein steht? in der ganzen Welt müßt ihr Nippachcr das doch am besten wissen und in Büchern hab' ich darüber nichts finden könne»," — so wird dich dcr vielleicht mit giftigen Augen ansehen, und wenn du gut Glück hast, so hängt er dir auch ein paar uiigcbackenc Maulschellen an, denn es ist nicht zu spaßen mit den Nippachern. Ist es doch auch nicht erlaubt daß man um eines längst vermoderten Hasenfußes willen ihren guten Namen so Als Probe statt einer Empfehlung, aus: Stadt- und Dorfgeschichten, für's Volk erzählt von Josias Nordheim, Hamburg. Agentur des rauhen Hauses. 194 > in der Welt herumträgt! Sie sagen, das wäre etwas von dem Unkraut das der Teufel unter den Walzen gesäet hätte, Rippach sei ein guter Ort und hätte mit dem Hans Dampf nichts zu schaffen, vielleicht wär's eine Verwechselung, den Rippach und Dippach liegen bekanntlich nur einen guten Büchsenschuß auseinander oder zwei. Wahr ist: es muß schon lange her sein daß der Hans Dampf gelebt und geblüht hat, denn in ganz Rippach und Dippach kann sich weder jemand seiner Person erinnern, noch ist sein Name in den Kirchenbüchern geschrieben. Ein gutmüthiger Alter daselbst hat aber einmal zu mir gesagt, die Rippacher dürften die Eyre wenigstens nicht allein für sich haben. Der Hans Dampf hätte in der Welt eine wcitausgcbreitetc unzählbare Vcttcrnschaft, und wenn einmal einer aus dieser Freundschaft seinen Narrcnzopf dem vermachte, der desselben am würdigsten wäre, so gäbe das einen selten Prozeß wie die Advokaten noch keinen unter'n Händen gehabt. So ein Zweiglein vom Hans Dampf von Rippach muß vor Alters auch nach Dürrcnsee hinuntergekommcn sein und dort Nachkommenschaft hinterlassen haben. Da haben noch vor zwanzig Jahren ihrer zwei gelebt, die haben vom Blut des Hans Dampf ohne Zweifel etwas in sich gehabt, wenn gleich in verschiedenem Maß und wenn sie auch in so enger Freundschaft zu einander gestanden sind wie Hund und Katze. Ob sie noch am Leben sind, darüber kann ich keine Auskunft geben, da ich seitdem nicht wieder'in jene Gegend gekommen bin. Auch kann ich ihren früheren Lebenslaus nicht erzählen, denn ich bin gerade zu der Zeit aus der Gegend hinwcggezogcn da sie sich durch die nachfolgende Geschichte berühmt gemacht haben Diese Geschichte selbst aber will ich erzählen, und nichts verschweigen, sie ist des Gedächtnisses werth für gegenwärtige und zukünftige Zeiten. Die beiden Leute sind der Habich und der Hättich, ich kann nichts dazu daß sie so geheißen haben und nicht anders. * § t Zweites Kapitel. Enthüll die Personalbeschreibung der Helden dieser Geschichte. Und zwar zunächst die des Habich. Von dem ist auch mehr zu sagen als von dem Hättich. Mit dem ordinären Maß gemessen, ist allerdings auch seine Abstammung von dem Hans Dampf von Rippach bei weitem sicherer als die des Hättich. Die Leute in einem Ort über die nicht viel gesprochen wird, sind in der Regel nicht die schlechtesten, und der Hättich war von den stillen einer, nur daß es eben heißt: stille Wasser sind tief. Dom Habich dagegen gab es in Dürrcnsee immer etwas anderes zu erzählen'und nie etwas gescheites. Der ganz Habich sah vom Kopf bis zu den Füßen merkwürdig närrisch aus, so baß man Mühe hatte in seiner Nahe ernsthaft zu bleiben, man wußte eigentlich nicht warum. War's weil Kopf, Hände und Füße zu groß an ihm waren gegen das übrige Gestell? war's weil er zweierlei Augen hatte die noch dazn schief standen, ein graues und ein grünes? Er legte es übrigens darauf an lächerlich zu erscheinen und hatte sich z. B. ein Brillengestell von Horn machen lassen: auf der rechten Seite war's weiß und auf der linken schwarz, es war eine Kunst ernsthaft zu bleiben, wenn er das Möbel aus der Nase trug. Sein Kopf ist wie gesagt zu groß gewesen. Ein besonderer Ucberfluß von Gc- scheitigkeit aber war nicht schuld daran. Er hatte in der Schule etwas gelernt, aber nicht viel. Nur im Rechnen war er so übel nicht gewesen, und wer weiß wie weit er über die vier Spezies hinausgekommen wäre, wenn nicht sein Schulmeister selbst in diesen Regionen unrettbar in die Brüche gekommen wäre. Der alte Dürrenseer Schulmeister 0 I 195 ^ hatte ohne seinen „Pcschek" (der Mann hat zur Zeit ein berühmtes Rechenbuch geschrieben) ' keine Ncchenstunde halten können, wenn man ihm gleich das Reich Arabien versprochen hätte. Zu so einem Kapitalnarren wie sein berühmter Urururgroßvater der Hans Dampf hat es der Habich wohl nicht gebracht. Aber ein O>iginal zu deutsch ein Ausbund von Narrheit ist er doch gewesen. In einer und derselbe» Person steckte in ihm ein Grobian «st erster Größe und ein, Kriecher zweiter Größe. Stolz und Niedertracht, Dummheit und t Verschmitztheit, ja sogar Emsigkeit und Lässigkeit vertrugen sich bei ihm mit einander in einer und derselben Haut. Was nämlich das letztere anlangt, so war keiner hurtiger » als er beim Essen und keiner ging später an seine Arbeit und hatte sie doch eher wieder 1 s°tt. Er hat seine Sache so toll und närrisch angefangen wie sonst einer in der Welt. Er wollte gern im Trockenen sitzen, und ließ doch Regen Schnee und Wind zu den Löchern auf dem Dach herein, denn er war zu bequem statt einer zerbrochenen Ziegel eine neue einzuziehen. Er wollte gern gute Frucht auf seinen Feldern bauen, und doch machte er große Augen, wenn von dem Aesterich den er ausgestreut, nicht so schöner s reicher Same auf seinen Aeckern stand wie auf denen seiner Nachbarn. Seine Kühe sollten berühmte Milchkühe werden, und doch excrzirte er sie Winter und Sommer auf die Enthaltsamkeit. Seine Nachbarn sollten gute Freundschaft mit ihm halten, und doch schimpfte er auf ihre Kinder und warf mit Steinen nach ihren Hühnern und jungen Gänsen. Er wollte gern gute Pflege haben, und nahm doch keine Frau weil ihm jemand gesagt hatte: wer eine Frau nimmt, hat nnr halb Brod zu essen. Ging er über Feld, ! so war ihm Angst, die Spitzbuben möchten seine Groschen mit sich gehen heißen, und r doch ließ er dem Geld keine Ruhe in seiner eigenen Tasche. Denn es war von seinen » schwachen Seiten der allerschwächsten eine, daß er wohl gern Geld einnahm, es aber noch b lieber ausgab und am allerliebsten für Nichtsnutzigkeiten. L Warum er Hab ich geheißen hat, das weiß ich eigentlich nicht zu sagen. Die s Dürrensecr sagten, man sollt' ihn lieber den Wüßtrch heißen. Denn das war sein j Hehler: er wußte nicht wie viel er hatte. Er hatte von seinem Vater freilich nur ein ' klein Gütlein überkommen und brav Schulden auch dazu. Auf ein Paar Kühe hatte er >' zu bauen, mehr nicht, und unter den einund wanzig Grundstücken bei denen im Flurbuch ! sein Name stand, waren nicht wenige Krautgürten und Wiesenstückchcn von so geringem ! Umfang, daß sie einer bei Nacht mit etlichen Paar Pferden hätte über alle Berge fahren i können. Aber es war dabei auch größeres Feld: das größte nannte er scherzweise „das l Rittergut" und in ganz Dürrcnsce hieß es darum nicht anders; darauf hätte er sein - Brod gebaut und eine Frau und Kinder davon auch ernähren können, wenn er nur nicht zu faul und zu liederlich gewesen wäre. Es ist eben ein alter Schaden daß so manch Bäucrlcin nicht glauben will was für Reichthümer in seinem Boden stecken, wenn er sie nnr heben möchte; wenn jeder Habich in der Welt auch ein Wüßlich wäre, so sollten bald ein Paartausend Armen- und Narrenhäuser entbehrlich werden. Der Habich in Dürrcnsce hätte eigentlich einen guten Lehrmeister abgegeben, für die Kunst nämlich wie man kein Geld übrig hat und doch immer welches zum Fenster hinauswirft. Hatte er einmal Geld gelöst, so juckte cS ihn dermaßen in der Tasche daß es noch ein Wunder war wenn er einen rothen Heller davon brachte. Und er hatte s ein seltsames Scheine sein Geld zu einfältigen Streichen zu verwenden über die man x lachen mußte, weiter nichts. Einmal hat er auf dem Wciscnstadtcr Jahrmarkt ein Dutzend E Rostbratwürste gelaust, eine davon gegessen und die andern unter die Gassenbpbcn auS- ! geworfen, es war ihm ein Hauptspaß, wie sich die darum so lange rissen und prügelte«, i bis endlich die Hundcpolizei das meiste confiSzirt hatte. Ein andermal hatte der Wirth > in Dürrcnsce geschlachtet, da wettete er, er wolle in fünf Minuten mit sechs Bratwürsten ' und drei Semmeln fertig sein, und der Herbsladtcr Schulz der ihm das nicht glaube» 196 wollte, mußte ihm dann ein ganzes Dutzend bezahlen, denn wirklich gewann er die Wette. Dergleichen Geschichten erzählte man sich von ihm die Menge. Leider waren die Dürren- sce'r an seinen Dummheiten zum großen Theil selbst schuld, wie sich denn manche Gemeinde ihre Narren zu ziehen pflegt. Sie meinten, es müßte einmal Leute geben mit denen man so einen Spaß haben könnte, sonderlich im Wirthshaus. So versprachen sie ihm also ein Trinkgeld, wenn er dumme Schnacken vor ihnen trieb, und statt ihm dafür zu zeigen, wozu der Zimmcrmann in der Thür ein Loch gekästen, hielten sie sich die Bäuche vor lachen. Einmal da er großen Durst hatte und die.Wirthin nicht borgen wollte, versprach ihm einer, er sollte sich auf seine Kosten satt trinken, er müßte aber zu jedem Glas Bier ein ander Gesicht schneiden. Und als denn der Unflath alle möglichen Fratzen geschnitten und seinen Durst so ziemlich gelöscht hatte, über der Arbeit aber endlich unter den Tisch gefallen war, meinten sie, solch ein Pläsir hätten sie lange nicht gehabt, — schade daß keiner unter ihnen gewesen ist, der ihnen das Evangelium vom Mühlstein Matthäi am achtzehnten verdeutscht hat. In den meisten Fällen hatte er die Zeche für seine Narrhciten freilich selbst zu bezahlen, und da er's denn einmal recht toll trieb und überhaupt von seiner Liederlichkeit nicht besonders fett ward, so wäre ihm um ein Haar etwas höchst verdrießliches Passirt Der Gemeindevorstand hatte große Lust ihm einen Vormund setzen zu lassen, was in guter alter Zeit auch keine Weitläufigkeiten verursacht hätte, denn für einen Bruder Liederlich'gehört sich nichts anderes als ein zweibeiniger Hemmschuh. Der neumodische Assessor beim Landgericht aber der die Sache unter die Hände bekam — der Herr Landrichter waren just auf sechs Wochen iu's Bad gereist — war der Meinung, die Persönliche Freiheit müsse auch einem Lumpen garantirt werden, und schrieb in s Dekret: es sei ein juristischer Unterschied ob jemand Verstand hätte und ihn auch nicht brauchte, oder ob er keinen hätte und ihn dennoch brauchte; da aber anzunehmen sei daß bei dem Hättich weder der erste noch der dritte sondern der zweite'Fall vorliege, so sei auch kein Rechtsgrund vorhanden ihm einen Vormund zu setzen, und wenn er einmal seine Güter durchgcbracht hätte, so würde das Landgericht auf geschehene Anrufung zu bestimmen unvergessen sein, ob er aus seinen eigenen Mitteln oder auf Gemcindeunkostcn unterhalten werden solle. Ueber diese landgerichtlichc Weisheit lärmte nun aber niemand in Dürrcnsee mehr als der Hättich. Denn der war's gerade gewesen der auf die Bestellung eines Vormunds über den Habich am meisten gedrungen hatte. Der Habich aber hat sich nun nicht bloß auf die hohe obrigkeitliche Protektion etwas besonderes zugut gethan, sondern er wäre für den zugedachten Freundschaftsdienst auch gern erkenntlich gewesen. Am allerliebsten hätte er eben dem Hättich einen Beweis seiner uuvcrlöschlichen Dankbarkeit gegeben. Der Hättich ist seinerseits auch einer Personalbeschreibung werth. Ich muß nur vorausbemcrken wie ungern ich daran gehe. Er war sonst ein ordentlicher Mann, ein sorgfältiger sparsamer Hausvater, thätig und arbeitsam, dazu mäßig ruhig und ehrbar. Nur hatte er als Erbe von seinem Vorführer, dem Haus Dampf von Rippach auch so seine Schwachheiten und Eigenheiten. Einmal nämlich stand eS grundschlecht mit seinen Rechenkünsten und es war ihm darin der Habich weit überlegen. Noch heute ist es ein Räthsel der Weltgeschichte, warum die Dürrcnsec'r damals gerade ihn zum Gemeindestfleger, zum Kassirer gemacht halten. Vielleicht, rechneten sie auf seine Zähigkeit im Ausgeben. Denn bekanntlich ist es der oberste Grundsatz der Gemeindeverwaltungen im Landgericht Wciscnstadt und Wurzenbach, auS Gcmeindemitteln nichts auszugeben bevor ein landgcrichtliches Donnerwetter losbricht; s« wird z. B in den Gemeindehäusern, ob auch drei vier Familien in einer Stube bei einander wohnen, kein neuer Ofen gesetzt, bevor der alte — er mag so schlecht und 197 unbrauchbar scin als er will — von einem Erdbeben zusammenfallt Ein Lied welche» leider in vielen Dörfern zu singen ist, es geht aber nach einer kläglichen Melodie. Im Rechnen also war der Hältich kein Hexenmeister, die undankbare Welt hat ihn weder zum Präsidenten einer Ncchnungskammer noch zum Finanzministcr gemacht. Wenn er rechnen wollte, so ging's nicht ohne Ziffern, und mit den gewöhnlichen wusste er nichts auzu- fangen, er mußte römische dazu nehmen, kein Mensch hat herausgcbrachi warum es ihm da leichter von der Hand ging. Wollte er Geld zählen, so brauchte er seine Frau dazu. Ueber nichts konnte er sich mehr ärgern als daß es preußische Thaler gibt. Denn er konnte es nicht merken, ob vier Thaler sieben Gulden oder sieben Gulden vier Thaler oder gar vier Gulden sieben Thaler ausmachen. Daß man auf vier Kronthalcr zwölf Kreuzer zählen muß wenn ein Karolin daraus werden soll, und nicht vier Kreuzer auf zwölf Kronthalcr, das hatte er bei langer Uebung endlich begriffen. Seine Frau aber war in allen Angelegenheiten, zu welchen Kopf, Papier Tinte und Feder gehören seine rechte Hand, daher es ihm nie geheuer Aar wenn er ohne sie im Haus sein mußte. Aber wer kann die Tiefen der menschlichen Natur ermessen. Auch, im Hüttich waren Widersprüche die nur mühselig zusammenzureimen sind. So ein schlechter Rechenmeister er gewesen, so viel Freude hatte er am Rechnen. Besonders solche Exempel waren seine Liebhaberei, bei denen viel herauskam. Eigentlich war der ganze Mensch ein lebendiges Rechcnexcmpcl; er mochte gehen und stehen wo er wollte, da ging der Gedanke mit ihm wie er doch am schnellsten zunehmen und der reichste Mann in Dürrensec werden möchte. In dem Stück paßte er denn auch herrlich zu seiner Frau, denn in ganz Dürrensce konnte kein Mensch sagen, ob er das Scharren und sie das Geizen besser verstünde, oder sie besser das Scharren und er das Geizen Davon wußten z. B. ihre Hauslcutc zu erzählen die von ihren zwei Häusern das untere als Mierhtsleutc bewohnten. DaS Haus bedurfte der Reparatur innen und außen, unten und oben, vorn und hinten und es war eigentlich schon eine Kunst über die zerfallene Treppe ohne Beinbruch bis zur Hausthür zu gelangen, eine »och größere Kunst freilich, ohne HimmelScinstur; inwendig einen Tag auszukommen. Gleichwohl wurden die Reparaturen von einem Jahr zum andern aufgeschoben. Wollte der Hüttich einen neuen Schlot bauen lassen, so meinte die Hättichin sie wollten lieber über's Jahr den Fußboden neu dielen lassen; und wollte der Schreiner diese Arbeit bald anfangen, so hatte sich auf einmal ein Liebhaber zu den Brettern gefunden, so daß wohl noch heute Alles beim Alken geblieben sein wird. Bei dieser Einrichtung kamen die beiden Leute nun mit ihrem Vermögen freilich vorwärts. Es war nur schade daß es nicht lieber per Dampf ging. Der Hättich hatte darüber so seine Gedanken. Z. B. meinte er, wenn er einen steinreichen Vetter in Ostindien oder Amerika hätte, und mit dem reichen Vetter käm's nun zum Sterben, da würde der Hättich in Dürrensec freilich auf einmal besser vom Fleck kommen als er's mit aller Arbeit Entbehrung und Vorsicht in fünfzig Jahren zwingen könnte. Diese schwache Seite des Hättich nun seines Freundes und besonderen Gönners, kannte der Habich und von dieser Seite aus gedachte er ihm längst bciznkommcn, er wußte nur nicht wie, und die Gelegenheit wollte sich nicht finden. Endlich aber ist'« gewesen wie wenn ein Spinnlcin im Fenstereck auf kleine -^liegen lauert und aus einmal eine große Mücke in ihrem Netz hängen bleibt. Der tölpische Gast ist mit Fäden umsponnen ehe er nur weiß wie er daran ist, und das Spinnlcin denkt: dn bist mir just recht zum Abcndbrod. (Fortsetzung folgt.) 198 Apostel Miericke. Ueber eine heitere Versammlung, die dieser Tage in Berlin stattgefunden, berichtet ein dortiges Blatt sehr drastisch: „Der Schneider Miericke, der Verkünden einer neuen, allerdings etwas unklaren Glaubenslehre veranstaltet jetzt und zwar wie wir erfahren, an jedem Montag regelmäßige Versammlungen im „Kaiscrgarten" hiersclbst, in welchem er die Gläubigen um sich schaarl, die Ungläubigen zu bekehren sucht. Wir haben unseren Lesern schon früher einmal Mittheilung gemacht über die Vortragsweise dieses neu aufgetauchten Apostels; das aber, was wir durch persönliche Wahrnehmung beim Besuch der letzten dieser Versammlungen gesehen und gehört haben, übertrifft doch noch Alles, was Zeitungsberichte bisher in die Öffentlichkeit gebracht, und wir können nicht umhin, eine ausführliche Schilderung des Schneiders Miericke und der von ihm berufenen Versammlungen folgen zu lasten. Schon zu früher Stunde war der Saal des „Kaisergartcns" mit Gästen überfüllt. Eine Temperatur von mindestens 20 Grad Rcaumur, undurchdringlicher Tabaksgallm und Weißbicrdunst machten den Aufenthalt in dem Saale fast unerträglich, und unsere Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Endlich, gegen 9 Uhr, nachdem die Erwartung der Gaste bis anss Höchste gestiegen war, wurde der Ruf laut: „Bruder Miericke kommt!" Und siehe da! die Thüren des Saales öffneten sich und, getragen von zwei Männern, erschien der Prophet, hinter ihm die Schaar seiner Gläubigen. Hurrah! und abermaliges Hurrah! empfing den sehnsüchtig Erwarteten, der, nachdem er bis in den Vordergrund des Saales geschleppt war, die Sitzung also eröffnete: „Jeliebte Brü- der!" (Allgemeines Bravo- und Dacapo-Nufen.) Der Apostel folgte dieser ehrenvollen Aufforderung und begann noch einmal: „Jeliebte Brüdcr! ich habe euch zuerst zu vermelden, daß Bruder Lehmann heute nicht jekommen ist. Schad't ooch nischt, wir werden ohne ihm ooch fertig. (Bravo!) Jeliebte Brüdcr! ich komme immer wieder auf meine Lehre zurück, das heißt, ich sage Euch, uns fehlt die Einigkeit. (Unterbrechung und stürmisches Bravo.) Jeliebte Brüder! ich sage Euch auch, wir wollen keine Kirchen mehr bauen denn warum? wir haben Häuser genug leer stehen, und wir selbst, jeliebte Brüdcr, untereinander sind uns Kirche genug." (Bravo! Sehr gut!) — Der Redner, von kleiner Statur, ist von dem im Hintergrund des Locals sich Befindenden nicht zu sehen; es macht deshalb einer der Zuhörer den Vorschlag, Bruder Miericke solle auf «inen Tisch gehoben werden, damit auch die „Ungläubigen", welche sich in jenem Winkel zusammengerottet hätten, zur neuen Lehre herangezogen würden und Alles, was Bruder Miericke spräche, besser in sich aufnehmen könnten. Der Prophet weigert sich zuerst, muß man aber den Brüten und dem Drängen seiner Schüler nachgeben; man setzt einen Stuhl auf einen Tisch und Bruder Miericke nimmt auf diesem erhöhtem Sitz Platz. Jetzt erst sehen wir den Propheten in seiner ganzen Glorie und bemerken, daß sein Co- stüm etwas sehr nachlässig, wenn nicht geradezu unanständig ist. Das ganze Auditorium bricht in ein schallendes Gelächter aus. Miericke, nachdem sich der Sturm etwas gelegt hat, beginnt abermals: „Jeliebte Brüdcr! Lacht man immerzu, ich nehme den Spott auf mir, ich muß ihm hinnehmen. Schon Viele haben mir verspottet, die sich jetzt zu meiner Lehre bekennen und meine jeliebten Brüder sind." (Bon einem der ersten Tische ertönt der Ruf: „Bruder Miericke, neben mir sitzen aber ein paar böse Brüdcr.,,) Auch die habe ich lieb," antwortete der Apostel, „denn sie werden später erkennen, was ich will. Und nun, jeliebte Brüder, schlage ich vor, daß wir einen Ehoral singen." (Bravo!) Einer von der Versammlung schlügt als abzusingenden Ehoral das Lied von „Röschens Piepmatz" vor; sogleich fällt der Chorus ein und singt: Röschen hatte einen Piematz u. s w. Nach der ersten Strophe jedoch verstummt der Gesang und man verlangt nach etwas Anbei in. Ein Herr kletterte auf den Tisch, stellte sich neben den Propheten intonirte das Lied: „Saßen einst zwei Turteltauben, siehste wohl! u. s. w.", in 199 welches die ganze Versammlung einstimmte. Nach Beendigung dieses LiedeS schlug Einern vor, den Dirigenten des soeben beendigten Gesanges zum „Bruder Küster" an der neu zu begründenden Kirche zu ernennen. Bruder Miericke ertheilte seine Genehmigung zu dieser Amtsverleihnng, worauf dieselbe unter lebhafter Acclamation der Versammlung stattfand. Inzwischen hat sich das kleine Local so sehr überfüllt, daß es dem Propheten, trotz seiner mäßigen Bekleidung zu heiß wurde, und er seine „jeliebten Brüdcr" aufforderte, ihm in den Garten zu folgen. Hier wurde der Ulk weiter getrieben. Bruder Miericke wurde verschiedentlich intcrpellirt, unter Anderm, wie er über die Erschaffung der Welt dächte. Auch diverse Anträge wurden gestellt, z. B. der Antrag, auch Schwestern aufzunehmen, damit die neue Gemeinde auch Bestand habe u. s. w. Schließlich aber wurde die Haltung der Versammlung eine ruhigere, und wir verließen diesen Tempel des höheren Blödsinns, können aber Jedem, der sich ein Stündchen der Langeweile vertreiben will, den Besuch einer solchen von Bruder Miericke präsidirten Versammlung, bestens anempfehlen. (Zukunft.) Neueste Gaunerei. Folgende Geschichte wird in „Berliner Blattern" erzählt: Der Banquier Mende in Leipzig erhielt von dem Handlnngshause „Hachette und Massen" in Paris, dessen Geldangelegenheiten Mende schon seit einer Reihe von Jahren in Deutschland besorgte, folgenden rccommandirten und durch einen Erpressen überbrachten Brief: „In größter Eile theilen wir Ihnen mit, daß unser Cassirer sich heimlich davon gemacht und uns 200,000 Francs in Wechsel entwendet hat. Die Geständnisse seiner Frau, der wir für ihre Offenheit unsere Theilnahme zugesagt, lauten dahin, daß Gramer, so heißt der Cassirer, nach Deutschland geflohen ist und am 16. ds. Mts. (Mai) in Leipzig, im Hotel dc Prusse, wohin seine Frau, wenn nöthig, telcgraphiren soll, logircu wird. Wir bitten Sie, ihm, doch vorläufig ohne Polizei und ohne Aufsehen, die Wechsel abzunehmen und uns alsbald zurückzusenden. Gibt er sie Ihnen nicht gutwillig, so nehmen Sie sofort die Hülse der Polizei in Anspruch. Seine Frau und drei Kinder, die er hinterlassen, dauern uns. Wir haben versprochen, mild zu verfahren. Wenn er Ihnen die Wechsel gutwillig zurückgibt, so zahlen Sie ihm für unsere Rechnung zwanzig tausend Francs, damit er nach Amerika entkommt und unser Haus nicht compromittirt. Gramer ist elegant gekleidet und groß, hat volles, schwarzes Haar, einnehmende Gesichtsformcn, und auf der rechten Backe eine schon von Weitem ausfallende Narbe. Bitten um baldige Nachricht und grüßen: Hachette und M asson." Der Banquier Mende wußte seinem Plan, den er als kluger Mann in der Sache sich vorzuzeichncn halte, schon gerecht zu werden. Am 16. Mai, Mittags 1 Uhr, ließ er seinen Wagen vorfahren, und begab sich in s Hotel de Prusse, um dort zu speisen. Als er in den Spciscsaal trat, fand er die ansehnliche und gewählte Gesellschaft eben im Begriff, sich zur tadle ei'luöte zu setzen. Unser Banquier musterte die Versammlung, und nahm dann Platz an der Seite eines großen, elegant gekleideten Mannes mit schwarzen Haaren — und einer Narbe auf der rechten Backe. Die Nachbaren unterhielten sich bei Tische ganz vortrefflich. Beim Dessert wandte sich der Fremde an seinen Nachbar, — welcher während der Tafel sehr zuvorkommend gegen ihn gewesen war, - mit der Frage: „Würden Sie mir wohl einen Banquier nachweisen, bei dem ich Wechsel discontircn kann?" — „Ich selbst bin Banquier und würde Ihre Wechsel, wenn sie von guten Firmen sind, recht gern annehmen." — „Ei, das ist ja herrlich!" — „Wenn es Ihnen beliebt, so können wir gleich von hier aus nach meinem Comptoir fahren und die Sache in wenigen Minuten ordnen." — „Sehr gütig!" — Sie tranken dei?Rest des Champagners," setzten sich in einen Wagen und fuhren zum Mende'schen Geschäfts-Lokal. Als Beide im Comptoir des Banquiers angekommen waren, zeigte der Fremde seine Wechsel vor. Der Banquier musterte die L, S00 Papiere anscheinend sehr aufmerksam, riegelte die Thür zu und steckte die Wechsel in die Tasche. „Herr," begann er nun, „Sie sind ein Schurke! Noch ehe Sie hier eintrafen, war ich von Ihrer Ankunft unterrichtet! Sie sind Cassircr des Hauses „Hachelte und Masson" in Paris, deren Vertreter ich in Deutschland bin. Sie haben dem genannten Hause 200,000 Francs in Wechseln gestohlen! Sie werden es ganz in der Ordnung finden, wenn ich dieselben behalte und dem Hause wieder zustelle!" — Der Fremde blieb ruhig und stumm. Der Banguicr fuhr fort: „Danken Sie es der Großmuth Ihrer ehemaligen Chefs, wenn ich Sie nicht sofort in's Gefängniß abführen lasse." — „Ich unglücklicher, leichtsinniger Mensch! WaS habe ich gethan!" schluchzte der Fremde. — „Und doch geht die Girre Ihrer Chefs so weit," fuhr der Banquier fort, „daß sie Ihre Schande nicht nur verschweigen, sondern auch aus Rücksicht für Ihre Frau und Kinder Ihnen sogar die Mittel gewähren wollen, nach Amerika zu flüchten — und dort mit Ihrer Familie ein neues, ein ehrenhaftes Leben zu führen. Sie haben drei Kinder." — „Fünf," murmelte der Fremde, der — völlig zerknirscht — Alles zugab. —- „Jch- bin beauftragt, Ihnen 20,000 FrancS auszuzahlen, hier sind sie. Und nun machen Sie, daß Sie fortkommen." Der Fremde, der vor lauter Scham und Rührung kaum sprechen konnte, steckte die Bankbillets zu sich und verließ thränenden Blickes und reuigen Herzens das Comptoir. Der Banquier, der sich auf das Gelingen seines Planes etwas zu Gute that, schrieb noch au demselben Tage nach Paris, legte die Wechsel bei, — erstattete ausführlichen Bericht, und bat nebenbei um gefällige Erstattung der 20,000 Frcs. Drei Tage später erhielt der Banquier die ersehnte Antwort auf seinen Brief. Hachette und Masson machten ihm darin Mittheilung, daß sie gar nicht bestohleu seien, daß ihr Cassircr sich noch auf seinem Posten befinde, und daß sowohl die Wechsel als der Brief gefälscht wären. Sie fügten zugleich ihr lebhaftes Bedauern bei, daß Herr Meude jene 20,000 Francs auf sein eigenes Vcrlustconto zu schreiben habe. M i s e e l l e n. Der nach dem Süden gcreiste amerikanische Schauspieler A. H. Davenport wurde vor Kurzem in New-?)ork todt gesagt, und daher folgende Depesche an die Direc- tion der Akadcmy os Music in Ncw-Örlcans abgeschickt: „Wollen Sie A. H. Davcn- port's Körper Per Dampser an seine Mutter (folgt deren New-^orker Adresse) schicken,* worauf Herr Davenport erwiederte: „Ich will's versuchen und meinen Körper selbst bringen — war nie in meinem Leben besser dazu im Stande." Die Treue ist des Weibes schönster Schmuck, das Unterpfand ihres Glückes, dir Krone ihrer Liebe, der Adel ihrer Weiblichkeit. In der Treue vorzüglich erscheint die Würde des Weibes, darum sie auch an ihm so hoch geehrt wird. Fr. Ehrenberg. * Ein dem Andenken einer verstorbenen Gattin errichteter Grabstein in Maine, Vereinigten Staaten, trügt folgende Inschrift: „Thränen könne» dich nicht mehr zum Leben zurückrufen, darum weine ich." Auflösung der Charade in Nr. 2t: „Landwehr." Druck, Verlag und Redaction des Literaris en Instituts von l)r. M. Huttler,